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23. März 1913
Frühlings-Erwartung
Ins Innere des Menschenwesens
Ergießt der Sinne Reichtum sich,
Es findet sich der Weltengeist
Im Spiegelbild des Menschenauges,
Das seine Kraft aus ihm
Sich neu erschaffen muss.
(Rudolf Steiner: Anthroposophischer Seelenkalender, 1.
Auflage 1912/13)
Wir wissen, dass das
Gras wächst. Wir sehen auch, dass es wächst. Aber wir
sehen nicht, wie es wächst. Schon beim Versuch,
zu sehen, wie das Gras wächst, müssten wir das Gras
zerstören, weil es ja innerlich wächst. Wir müssten es
also aufbrechen, - chemisch oder physikalisch -, und ihm
so das Leben nehmen, also gerade das nehmen, das wir
kennen lernen wollen.
Das ist die Krux des
modernen Menschen! - Dennoch sprechen wir ganz seriös
vom Menschen als von einem „Lebewesen“, von seinem
„Lebenslauf“ und „Lebenswillen“, und sogar von seinem
„Leberorgan“. Aber wenn wir nicht völlig gleichgültig
sind gegenüber dem „Rätsel des Lebendigen“, so geht es
uns doch zumeist nicht besser als der heutigen
Naturwissenschaft. Diese weiß nicht so recht, was sie
mit dem Begriff des „Lebens“ anfangen soll, ob sie ihn
als Rätsel ernsthaft befragen, oder nicht lieber doch
als „falsche Frage“ deklarieren und damit ganz ad acta
legen soll.
Dabei bleibt aber Anthroposophie nicht stehen.
Sie nennt einen geistigen Schulungsweg, der ein Weg der
Willensschulung im Denken ist und dem Menschen die Kraft
geben kann, nicht mehr einzuschlafen beim Versuch,
gewissermaßen das Gras wachsen zu sehen, ohne es zu
zerstören. Dabei spricht Anthroposophie vom Eintreten
der „Imagination“ als der untersten Stufe eines höheren,
gegenüber dem materiellen Bewusstsein erweiterten,
übersinnlichen Bewusstseinszustandes. Diese unterste
Stufe einer höheren Erkenntnisfähigkeit offenbart dem
schauenden Bewusstsein die Wesenheit des „Ätherleibes“
als die Grundlage allen Lebens des Organismus.
Auf die Ergebnisse
solcher Forschung stützt sich die folgende Betrachtung.
Zur Einführung in den
Begriff des Ätherleibes nehmen wir einen mündlich
gegebenen Kurs Rudolf Steiners für die Mitarbeiter einer
heilpädagogischen Einrichtung aus dem Jahre 1924, und
unterbrechen diese Ausführungen immer wieder mit eigenen
Fragen und Erwägungen, sobald uns dies notwendig
scheint:
Rudolf Steiner in Dornach am 26. Juni 1924(GA 315:
Heilpädagogischer Kurs, S. 30 ff):
„. . . wir sind umgeben von der
physischen Welt, aber auch von der ätherischen Welt, aus
der ja unmittelbar, bevor wir heruntersteigen zu unserer
physischen Inkarnation, der menschliche Ätherleib
genommen wird.“
Unterbrechung:
Rudolf Steiner spricht hier offenbar von
einer „ätherischen Welt“, die uns umgibt als
eine zweite Welt neben und zugleich innerhalb der uns ja
normalerweise einzig vertrauten „physischen Welt“.
Aus dieser ätherischen Welt, so der Text weiter,
steigen wir offenbar aus einem vorgeburtlichen Dasein
„herunter“ in die physische Welt zu unserer irdischen
Inkarnation. Aber bevor wir dies tun, wird aus der
ätherischen Welt unser menschlicher „Ätherleib“
entnommen.
Rudolf Steiner in
Dornach am 26. Juni 1924 (a.a.O):
„Der menschliche Ätherleib wird ja aus dem
allgemeinen Weltenäther genommen, der durchaus überall
vorhanden ist. Nun, dieser Weltenäther, meine lieben
Freunde, der ist in Wirklichkeit der Träger der
Gedanken.“
Unterbrechung:
Lassen wir versuchsweise alle Bedenken gegen
eine präkonzeptionelle, nicht physische Existenz des
Menschen beiseite und konzentrieren uns allein auf die
Logik der Aussage. Dann erscheint uns die Erwähnung der
Gedanken zunächst wie eine Abirrung der Argumentation,
da wir Gedanken als etwas für die physische Existenz des
Menschen ganz Sekundäres, Subjektives, ja, relativ
Unbedeutendes betrachten. Aber was ist die uns bekannte
Logik ihrem Wesen nach? Ist sie wirklich so objektiv,
wie allgemein angenommen? Oder beruht ihre Plausibilität
nicht doch mitunter auf Vorurteilen? Sind unsere
Bedenken gegen in der Welt objektiv vorhandene Gedanken
nur auf Vorurteile gebaut?
Rudolf Steiner in
Dornach am 26. Juni 1924 (a.a.O):
„Dieser Weltenäther, den alle gemeinsam haben,
er ist der Träger der Gedanken, da sind die Gedanken
darinnen, da sind jene lebendigen Gedanken eben
darinnen, von denen ich Ihnen immer gesprochen habe auch
in anthroposophischen Vorträgen, dass der Mensch ihrer
teilhaftig ist im vorirdischen Leben, bevor er auf die
Erde heruntersteigt.“
Unterbrechung:
Den Weltenäther haben wir demnach alle
gemeinsam. Und dort sind alle "lebendigen" Gedanken
schon vorhanden. - Sind denn die Gedanken nicht unser
ureigenstes, völlig willkürliches Gespinst? - Immerhin
nennt man aber die Gedanken, sofern sie der Vernunft
gehorchen, auch "Common Sense", was wörtlich übersetzt
so viel heißt wie: "Gemein - Sinn". Soll das heißen,
dass vorgeburtlich alle Menschen schon die selben
Gedanken zur Verfügung haben? Entstehen denn unsere
Gedanken nicht erst im Verlauf des Lebens aufgrund
individueller Erfahrung und Anstrengung?
Rudolf Steiner in
Dornach am 26. Juni 1924 (a.a.O):
„Das alles, was überhaupt an solchen Gedanken
vorhanden ist, ist im lebendigen Zustande im Weltenäther
darinnen und wird niemals entnommen aus dem Weltenäther
im Leben zwischen Geburt und Tod, niemals, sondern
alles, was der Mensch an lebendigem Gedankenvorrat in
sich enthält, empfängt er dann in dem Augenblick, wo er
aus der geistigen Welt heruntersteigt, also sein eigenes
Gedankenelement verlässt, wenn er heruntersteigt und
sich seinen Ätherleib bildet.“
Unterbrechung:
Das macht das eigentliche Rätsel umso
deutlicher: Gedanken sind im "lebendigen" Zustand, wenn
sie im Weltenäther sind. Und in diesem Weltenäther hat
der Mensch sein "eigenes" Gedankenelement, aus dem er
sich seinen "Ätherleib" bildet. Und dieser Ätherleib
besteht aus "lebendigen" Gedanken, die den physischen
Leib des Menschen organisieren. Des weiteren erfahren
wir, dass im Leben zwischen Geburt und Tod keine
"lebendigen" Gedanken vom Menschen mehr direkt aus dem
Weltenäther genommen werden, sondern beim Verlassen der
geistigen Welt im Ätherleib des Menschen bevorratet
werden. Dieser Ätherleib ist ganz offenbar eine
individuelle Bildung des Menschen, der er seine
Gesundheit, sein Leben, seine "Biographie" verdankt. Was
wir andererseits den "Common Sense", den "Gemein-Sinn"
nennen, diese Vernunft, die also nicht individuell ist,
sondern im Austausch mit unseren Mitmenschen im Verlaufe
des Lebens errungen wird, besteht im Unterschied dazu
nicht aus lebendigen, sondern aus "toten" Gedanken. Im
Unterschied zu den "lebendigen" Gedanken des Ätherleibes
sind die "toten" Gedanken unseres Bewusstseins nur die
Symbole für ein in der Welt Wirksames. Denn mit diesen
"toten" Gedanken können wir zwar ein Gutes oder ein
Böses erkennen oder planen. Aber mit bloßen Gedanken
können wir es weder verhindern, noch zur Ausführung
bringen. Das können wir erst im Handeln, also erst dann,
wenn wir die Organe in Bewegung setzen, die unser
Ätherleib aus "lebendigen" Gedanken erbaut hat.
"Wenn Sie einen
Baum anschauen, meine lieben Freunde, so wirken darin
dieselben geistigen Kräfte, denen Sie gegenüberstehen
zwischen Tod und neuer Geburt, nur sind sie verdeckt,
verhüllt durch die physische Materie des Baumes. Überall
in der physischen Welt, in der wir sind zwischen Geburt
und Tod, wirken die geistigen Kräfte auch im Hintergrund
der sinnlich-physischen Entitäten" (GA 318, Vortrag vom
11.9.1924).
Mit diesen Sätzen
erweitert sich der Begriff des Ätherleibes auf alle
Lebewesen der Welt. Und was wir im Menschen als seine
"Biographie" vorfinden, wird im Unterschied zum Baum nur
in seiner Frühphase hauptsächlich durch den Ätherleib
bestimmt. Im weiteren Verlauf des menschlichen Lebens
wird die Tätigkeit des Ätherleibes durch die Einflüsse
dessen, was dem Menschen die Empfindungsfähigkeit,
und die Einflüsse dessen, was dem Menschen seine
Moralität verleiht, zunehmend stärker modifiziert, bis
ungefähr mit der sogenannten "Volljährigkeit" die volle
menschliche Individualität etabliert ist. In der
Anthroposophie nennt man die leibliche Grundlage der
Empfindungsfähigkeit, die der Mensch mit dem Tier gemein
hat, den "Empfindungs- oder Astralleib". Im Unterschied
dazu wird die leibliche Grundlage der moralischen
Kompetenz des Menschen als seine "Ich-Organisation"
bezeichnet.
Der Ätherleib ist
also ein geistiges Kräftesystem, das den physischen Leib
nicht nur des Menschen, sondern auch der Tiere und
Pflanzen bildet und organisiert. Und der Vergleich der
"lebendigen" Gedanken des Ätherleibes mit den "toten"
Gedanken unseres Bewusstseins beruht soweit nur auf der
Einsicht, dass wir in der Logik unserer Gedanken ein
sehr treffendes Bild für das haben, was alle Lebewesen
innerlich organisier: Der schaffende Weltengeist.
Wie sich die
Tätigkeit des Ätherleibes über den gesamten Organismus
des Menschen hin differenziert und dabei von den Kräften
des "Empfindungsleibes" und der "Ich-Organisation"
modifiziert wird, das soll im Folgenden skizziert
werden.
Rudolf Steiner in Dornach am 26. Juni 1924 (a.a.O):
„Wenn ich also das Schema von
gestern noch einmal mache,

Abb 1: Tafelzeichnung
Rudolf Steiners vom 26.6.24
wenn Sie hier (siehe
Tafelzeichnung) den Menschen sehen, wenn wir hier
das symptomatische Seelenleben, Denken, Fühlen, Wollen
haben, so haben wir einen Teil des wirklichen
Seelenlebens in den Gedanken. - Und diese Gedanken, die
wir aus dem allgemeinen Weltenäther herausnehmen, die
bilden uns vorzugsweise unser Gehirn und im weiteren
Sinne das Nerven-Sinnessystem. Das ist das lebendige
Denken, das bildet uns das Gehirn zum Abbauorgan, zu dem
Organ, das gewissermaßen in folgender Art die Materie
behandelt.“
Unterbrechung:
Aus der Sicht der Anthroposophie bildet
der Ätherleib mittels der „lebendigen“ Gedanken ein
„wirkliches Seelenleben“. Dieses bringt das Gehirn
hervor, und das Gehirn bildet die
„symptomatischen“ Gedanken. Was Steiner hier als
„symptomatische“ Gedanken bezeichnet, das sind die
"toten" Gedanken, mit deren Hilfe wir unsere Weltsicht
im Austausch mit den anderen Menschen symbolisch
aufbauen. Aber diese "toten", „symptomatischen“
Gedanken des Gehirns wissen nichts vom „wirklichen
Seelenleben“, das das Gehirn hervorgebracht hat.
Rudolf Steiner in Dornach am 26. Juni 1924 (a.a.O):
„Wenn wir hinausschauen auf die
Umgebung, da haben wir die Substanzen des Irdischen um
uns herum, in ihren verschiedenen Prozessen und
Wirkungsarten. Diese Prozesse, die da in der Natur
leben, die werden stufenweise abgebaut von der Tätigkeit
des lebendigen Denkens, so dass fortwährend hier, das
heißt, die Prozesse gestoppt werden, die die
Naturprozesse sind.“
Unterbrechung:
Der menschliche Ätherleib (dessen Inhalt
die lebendigen Gedanken sind, die unter anderem das
Gehirn bilden) baut mittels der besonderen Struktur des
Gehirns fortwährend die Prozesse ab, die in der Natur
leben, indem er sich ihnen entgegenstellt
(siehe den orangeroten Strich in der Tafelzeichnung,
der durch eine haarnadelförmig umgebogene gelbe Linie
gebremst wird). Darin liegt ein Rätsel
verborgen, das Steiner so ausdrückt, dass er sagt:
„Diese Prozesse, die da in der Natur leben. . .
„.
Diese Ausdrucksweise kann nur bedeuten, dass auch
die Naturprozesse unserer irdischen Umgebung lebendig
sind, und nicht nur die Prozesse innerhalb des
menschlichen Ätherleibes.
Da dies Fragen aufwirft, beziehen wir eine
Passage aus dem selben Kurs, aber einen Tag später im
Vortrag geäußert, mit ein. Dort erläutert Steiner
speziell diesen Punkt:
Rudolf Steiner in Dornach am 27. Juni 1924 (GA
315, S. 47):
„Geisteswissenschaft spricht so vom
Licht: Sie nennt Licht auch das, was anderen
Sinneswahrnehmungen zugrunde liegt, wie zum Beispiel das
Licht der Tonwahrnehmungen. Wenn wir Tonwahrnehmungen
haben, so ist die äußere Physik überhaupt nur versucht,
von dem äußeren Korrelat der Tonwahrnehmung, von der
bewegten Luft zu reden. Die bewegte Luft ist nur das
Medium des wirklichen Tonelementes. Das wirkliche
Tonelement ist ein Ätherisches, und die Vibration der
Luft ist nur die Wirkung dieses ätherischen Vibrierens.
Licht lebt auch in der Geruchswahrnehmung. Kurz, für
alle Wahrnehmungen liegt zugrunde ein viel Allgemeineres
als Licht, als was man in der Physik Licht nennt.“
Unterbrechung:
Da haben wir genau dieselbe Formulierung
nochmals, nun aber nicht mehr allgemein gehalten,
sondern spezialisiert: „Licht lebt auch in
der Geruchswahrnehmung.“ Zwar kann man die
Sichtweise Steiners, die sich hier offenbart, insgesamt
als ungewohnt oder gar als unplausibel abweisen. Aber
zugleich können wir uns durch diese Passage sicher sein,
dass Steiners Formulierungen nicht phrasenhaft, sondern
mit Bedacht gewählt sind. Offenbar kommt
Geisteswissenschaft zu dem Ergebnis, dass alle
wahrnehmbaren Substanzprozesse unserer irdischen
Umgebung zugleich auch lebendige Prozesse des
Weltenäthers sind. Das besagt, dass die eigentlichen
Quellen der für den Menschen sinnlich wahrnehmbaren
materiellen Prozesse der Erdumgebung im lebendigen
Weltenäther liegen:
„ . . . die
Vibration der Luft ist nur die Wirkung dieses
ätherischen Vibrierens. . .“
Wir fahren hier
einstweilen fort mit dem ursprünglichen Text:
Rudolf Steiner in Dornach am 26. Juni 1924 (a.a.O):
„Also im Gehirn wird der Anfang
damit gemacht, dass die Naturprozesse gestoppt werden
und die Materie fortwährend in Absonderung herausfällt.
Die herausgefallene Materie, die also ausgeschiedene und
unbrauchbar gewordenen Materie: das sind die Nerven.“
Unterbrechung:
Hier besteht ein erstes Rätsel für uns
darin, dass „der Anfang“ im Gehirn gemacht
wird. . .
Kann denn das Gehirn am Anfang stehen?
Brauchen wir nicht alle anderen Organe zuerst, schon
bevor ein Gehirn überhaupt entstehen kann? – Nun, es
gibt aber einen Moment im Leben, wo das Gehirn am Anfang
steht: Nach allem, was man heute über die
Embryonalentwicklung weiß, ist die allererste embryonale
Anlage des Menschen, die sogenannte Keimscheibe (bei den
Embryologen als der „primäre Ektoblast“ bezeichnet)
zugleich schon die erste Anlage des Gehirns.

Abb 2: Menschliche Keimscheiben vom 13.
– 19. Tag der Embryonalentwicklung. Der links noch sehr
kurze Spalt am Unterrand der Keimscheibe ist die
sogenannte „Primitivrinne“, aus der sich alle Organe
abwärts des Gehirnes entwickeln. Man sieht hier
anschaulich, inwiefern der frühe Embryo zunächst nur ein
riesiger Kopf, oder besser gesagt: ein riesiges Gehirn
ist, denn es fehlen zunächst selbst die Augen, Ohren,
Nase, Zunge, die Zähne, der Mund, Schlund, Rachen, und
überhaupt jegliche Knochenbildung. (Aus: www.visible embryo.com)
Alle
weiteren Organe des Menschen werden daran angefügt, und
zwar so, dass die kopfnahen Organe zuerst, die
kopffernen danach kommen.
Zum Beispiel entstehen erst die Arme, dann die Beine.
Die genauere Betrachtung ergibt aber, dass schon die
Finger der Hand erkennbar sind, während der Arm noch
ganz ungegliedert ist. Die Hand entwickelt sich also
schneller, obwohl sie dem Kopf ferner liegt als der Arm.
Das Entsprechende gilt auch für die Bildung der Füße und
der Beine(hier nicht dargestellt). Das weist auf einen
zweiten Bilde-Impuls hin. Dieser zweite Impuls, der die
Peripherie der Gliedmaßen ergreift, wirkt offenbar
anders, als der zuerst genannte, wirkt nicht vom Gehirn
aus, sondern aus dem Umkreis.

Abbildung 3:
Menschlicher Embryo mit Fruchtblase und Nabelschnur in
der 6. Woche der Schwangerschaft. Beachtenswert ist, wie
hier die Arme weiter entwickelt sind als die Beine. Die
genauere Betrachtung ergibt aber, dass schon die Finger
der Hand erkennbar sind, während der Arm noch
ungegliedert ist. Die Hand entwickelt sich also
schneller, obwohl sie dem Kopf ferner liegt als der Arm.
Entsprechendes gilt auch für die Bildung der Beine und
Füße(hier nicht dargestellt). Das weist auf einen
zweiten Bilde-Impuls hin. Dieser zweite Impuls, der die
Peripherie der Gliedmaßen ergreift, wirkt offenbar
anders, als der zuerst genannte, wirkt nicht vom Gehirn
aus, sondern aus dem Umkreis.(Aus Lennart Nilsson: Ein
Kind entsteht. Mosaik Verlag 1990)
Diese letztere
Perspektive ergibt sich allerdings schon von Anfang an:
Schon die ersten Zellteilungen des werdenden Embryo des
Menschen verlaufen asynchron, weil sich eine „Zellrasse“
schneller entwickelt als die andere. Der „primäre
Ektoblast“ besteht offenbar aus mehr als nur der Anlage
für das Gehirn: Das Gehirn entsteht aus der „Inneren
Zellmasse“ des frühen Embryo, wohingegen die „äußere
Zellmasse“ so gar nicht benannt wird, sondern gleich mit
Bezug auf ihre Funktion als der „Trophoblast“ (Trophein
= Ernähren, Blastos = Gewebe), zu deutsch als
„Nährhülle“ bezeichnet wird. Und die Zellen, die diese
Nährhülle bilden, sind zugleich auch jene, die in der
Entwicklung vorauseilen, sich also schneller teilen als
die Zellen der „Inneren Zellmasse“. Wie dies genau geht,
das zeigen die Abbildungen 4 und 5:

Abb 4:
Erste Furchungsteilungen des menschlichen Embryo
(schematisch)
Schon sehr früh verlaufen die Furchungsteilungen des
Embryo asynchron, weil eine „Zellrasse“, aus der später
die „Nährhülle“ entsteht, sich schneller teilt. Das
erzeugt eine Rotation der Teilungsebene (hier als
Cleavage Plane IIB bezeichnet).(Aus
Scott Gilbert: Developmental Biology, 8th Edition, 2006,
S. 355)
a
b

c
d

e
Abbildung 5 a - e
Phasen der menschlichen Embryonalentwicklung vom Beginn
der Furchungsteilung bis zur Einnistung in die
Gebärmutterwand.
(a - c): Erste Furchung und Zellvermehrung des Keimes.
(d): Zusammenziehung zum kompakten „Morulakeim“. (e):
Weitung zur „Keimblase“. Die Keimblase besteht aus einer
äußeren Zellschicht, der Anlage der Nährhülle, und einer
„Inneren Zellmasse“(oben in e), aus der sich der
Embryonalkörper bildet.
(Aus Lennart Nilsson: Ein Kind entsteht. Mosaik Verlag
1990)
Der „Trophoblast“ bildet zunächst eine nur
einzellige Schicht. Diese Schicht hüllt die „Innere
Zellmasse“ vollständig ein, denn sie ist die erste
Anlage des „Mutterkuchens“, also jenes Nährgewebes, das
den Embryo bis zur Geburt hin ernährt.

Abb 6: Zottige Nährhülle, Fruchtblase und Embryo
des Menschen in der 6. Woche der Embryonalentwicklung.
(Aus Scott Gilbert: Developmental Biology, 8th Edition,
2006, S. 355)
Der sogenannte „Mutterkuchen“, in der Fachsprache als
Plazenta bezeichnet, entsteht aus der diffus zottigen
"Nährhülle", indem sich die Zotten in einem Bezirk
zusammenballen und dort einen blutdurchströmten
Innenraum, die menschliche "Topfplazenta" bilden. Die
Plazenta ist also größtenteils ein Organ des Embryo, bis
auf das mütterliche Blut, das ihren Innenraum
durchströmt, und nicht etwa, wie das deutsche Wort
suggeriert, eine mütterliche Bildung. Aber dieser
"Mutterkuchen" wird vollständig zerstört und abgeworfen
bei der Geburt, also in dem Moment, in dem sich der
Mensch vom Mutterleib entbindet und auf die Erde
„niederkommt“. Bis dahin kann man den Mutterkuchen als
ein Bild für den „Weltenäther“ nehmen, denn wie der
Weltenäther uns lebendig umgibt, so umgibt der
Mutterkuchen den Embryo und versorgt ihn mit Leben.
Aber dann kommt der Hammer: Jetzt, als der
Mensch bereit ist, die Erde zu betreten, stoppt das
Gehirn den Mutterkuchen. Zumindest kann man die
menschliche Geburt in dieser Weise zugespitzt
beschreiben, und kann sogar finden, dass bei der
menschlichen Geburt „die Materie in Absonderung
herausfällt“.
Was meinte Steiner aber wirklich? – denn
er sagte ja: „fortwährend“, und nicht bloß
einmalig fällt die Materie heraus.
Wir nehmen also die menschliche Vorgeburtlichkeit,
soweit sie den menschlichen Sinnen zugänglich ist, als
ein Bild für die vorgeburtliche Situation des Menschen
bezüglich des Weltenäthers aus übersinnlich -
anthroposophischer Sicht. Aber es bleiben viele Fragen
offen, da wir das „fortwährende“ Herausfallen der
Nervensubstanz nicht verstehen, und ebenso wenig
einsehen, inwiefern die Materie, die da angeblich
fortwährend herausfällt, nun „unbrauchbar“ sein
soll, wenn daraus doch die Nerven gebildet werden.
Nun gibt es da einen Aspekt
der Hirnbildung, der uns weiterführen könnte: Im
Gegensatz zu den meisten Substanzen des menschlichen
Körpers, ist die Substanz des Gehirns nicht
weiterverwertbar innerhalb des Organismus. Am schönsten
(und erfreulichsten) beobachten wir die Wiederverwertung
menschlicher Substanz an den Fettpölsterchen, die sich
zurückbilden, wenn über längere Zeit ein Kalorienmangel
besteht. Auch die Nervensubstanz besteht zum größten
Teil aus fettartigen Substanzen. Diese wären bei
Kalorienmangel ganz schön ergiebig. Aber da gibt es eine
Sperre: Die fettartige Nervensubstanz ist grundsätzlich
geschützt vor der Wiederverwertung bei Kalorienmangel.
Könnte Rudolf Steiner dies gemeint haben? – Wir
sind uns nicht sicher, und lesen weiter:
Rudolf Steiner in Dornach am 26. Juni 1924 (a.a.O):
„Und diese Nerven bekommen dadurch,
dass sie fortwährend ertötet werden, eine Fähigkeit, die
der Spiegelungsfähigkeit ähnlich ist. Dadurch bekommen
sie die Fähigkeit, dass sich durch sie die Gedanken des
umliegenden Äthers spiegeln, und dadurch entsteht das
subjektive Denken, das oberflächliche Denken, das nur in
Spiegelbildern besteht, das wir in uns tragen zwischen
Geburt und Tod.“
Unterbrechung:
Möglicherweise
bewertet Rudolf Steiner die Tatsache, dass die
Nervensubstanz vom Recycling des Organismus fortwährend
ausgeschlossen wird, als Merkmal ihrer Ertötung. Und
dieses Merkmal soll die Grundlage einer Fähigkeit sein,
die er als oberflächliches Denken bezeichnet,
das nur aus Spiegelbildern des umliegenden Äthers
(Weltenäthers?) besteht.
Wieder können wir gegen die Logik
eines solchen Gedankens nichts einwenden, aber es fehlen
uns wesentliche Bezüge zur Wirklichkeit: Worin besteht
der fortwährende Ausschluss der Nervensubstanz
aus den Lebensprozessen des Organismus? Warum sind nicht
auch andere Organe des Organismus Grundlage des
subjektiven Denkens, zum Beispiel die Zähne, die Haare,
die Fingernägel, die Kopfschuppen, die oberste
Hautschicht, die Muttermilch, die Tränen, der Schweiß,
der Inhalt der Harnblase, der Dickdarminhalt, die doch
allesamt vom Recycling des Organismus ausgeschlossen
sind?
Wenn nicht das einmalige, sondern das
"fortwährende" Ausschließen der Substanz aus den
Prozessen des übrigen Organismus die Grundlage des
subjektiven Denkens sein soll, dann muss dieses
fortwährende Ausschließen der Prozesse des übrigen
Organismus ein Hauptmerkmal der Physiologie des
Nervensystems sein. Hier kommt in Betracht, dass die
Nerven des Gehirns einen fortwährenden Prozess der
elektrischen Potentialbildung unterhalten, der den
Organismus sehr viel Energie kostet: Etwa 25% des
gesamten Sauerstoffverbrauches entfallen Tags und
Nachts, also tatsächlich "fortwährend" auf das Gehirn.
Das zeigt die
folgende Abbildung:

Abb 7: Maxima
und Minima der regionalen Hirndurchblutung bei Messung
mit der radioaktiven Xenon-Methode. Die
Gesamtdurchblutung des Gehirns im Schlafzustand wurde
mit 100% bezeichnet (Bildmitte). Rote Punkte: Regionen
mit mehr als 20% Blutflusssteigerung. Blaue Punkte:
Regionen mit mehr als 20% Blutflussminderung . Aus Lang
u Schmidt: Physiologie des Menschen, 30. Aufl., 2007, S.
198, Abb 8.8.
Mittels der
radioaktiven Xenon-Methode wurde der Blutfluss des
Gehirns gemessen, der ja unmittelbar vom
Sauerstoffverbrauch abhängig ist. Dabei wurde der
Verbrauch des schlafenden Gehirns mit 100% angesetzt (Abb
7, Bildmitte). Nun zeigt sich erstaunlicher Weise, dass
die unterschiedlichsten Bewusstseinsaktivitäten am
Gehirn nicht mehr als etwa 16% Steigerung des
Sauerstoffverbrauches verursachen.
Das ist zum Beispiel bei Muskeln ganz anders: Auch sie
bauen elektrische Potentiale auf, - wie übrigens alle
Zellen des Organismus -, aber die Energiebilanz dieser
Potentiale wird nicht relativ konstant gehalten, sondern
variiert im direkten Zusammenhang mit den übrigen
Funktionen des Organismus: Bei Ruhe ist der
Energieverbrauch der Muskeln nahezu Null, bei maximaler
Bewegung steigt er auf das über 1000fache!
Deshalb müssen wir so heftig noch minutenlang nach einem
schnellen Lauf oder irgendeiner anderen schweren
Muskelarbeit atmen: Der ganze Körper ist eine
„Sauerstoffschuld“ eingegangen, die der Muskel alleine
gar nicht hätte begleichen können, sondern nun
nachträglich über das Blut und die Lungenatmung
einfordert. Das ist es, was Muskelarbeit so gesund
macht: Der ganze Körper wird mit einbezogen, bis auf
eine Ausnahme: Das Gehirn. Das Gehirn steigert seinen
Verbrauch nur um 16% im Vergleich zum Schlafzustand,
wenn wir uns bewegen, wird also fast überhaupt nicht mit
einbezogen, und bezieht den übrigen Organismus auch kaum
mit ein, wenn wir Denken: Steigerung des
Sauerstoffverbrauches um ganze 10% beim Nachdenken, beim
Zählen um 12%. Deshalb ist Kopfarbeit so ungesund!
Also kann man beim Gehirn wirklich sagen: Der
Sauerstoffverbrauch ist die Folge seiner
„Substanzeigenschaften“, aber nicht seiner Funktion,
denn nur zur fortwährenden Aufrechterhaltung
seiner elektrischen Eigenschaften benötigt das Gehirn
den Sauerstoff, wohingegen die jeweilige Tätigkeit
innerhalb des Organismus diesbezüglich mehr oder weniger
Nebensache ist.
Die „splendid Isolation“ des Gehirns gegenüber den
Lebensprozessen des übrigen Organismus muss also
fortwährend unter Energie-Verbrauch aufrecht erhalten
werden, sonst geht die Fähigkeit des Denkens verloren,
entweder permanent, oder vorübergehend: Schon nach 10
Minuten Sauerstoff-Entzug ist die Denkfähigkeit des
Gehirns permanent zerstört. Und wie man heute weiß,
schalten Schlaf- und Narkosemittel die Denk- und
Wahrnehmungsfähigkeit des Gehirns vorübergehend dadurch
aus, dass sie die Blut-Hirn-Schranke funktional
aufheben, so dass also die Gehirnprozesse vorübergehend
nicht mehr aus den Lebensprozessen des übrigen
Organismus „herausgefallen“, sondern in sie einbezogen
sind. Dieser Einbezug ist es also, der uns unmittelbar
das Denkvermögen kostet.
Nach dieser Klärung
schließen wir ab, was wir hierzu aus dem Vortrag vom
26.6.1924 zitieren wollten:
Rudolf Steiner in Dornach am 26. Juni 1924 (a.a.O):
„Wir werden also dadurch, dass wir
das lebendige Denken in uns wirkend tragen, fähig
gemacht, der Welt unser Sinnes- und Nervensystem
entgegenzustellen, die Eindrücke, die im umliegenden
Äthers leben, in Spiegelbildern zu erzeugen und in unser
Bewusstsein zu schmeißen. So dass also dieses Denken und
Vorstellen des oberflächlichen Seelenlebens nichts
anderes ist, als der Reflex der im Weltenäther lebenden
Gedanken.“
Mit diesen Sätzen
sind wir nun am Ende einer ersten Etappe der
Beschreibung des menschlichen Ätherleibes angelangt,
insofern darin die zweifache Funktion des Ätherleibes
auf ihrer leiblichen, wie auch ihrer seelischen Seite
skizziert ist: Der Ätherleib tötet die „lebendigen“
Gedanken des Weltenäthers ab und erzeugt dadurch das
Gehirn. Auf der Grundlage des Gehirns erzeugt der
Ätherleib sodann das „symptomatische“ Vorstellen des
Seelenlebens, das nur aus Spiegelbildern des
Weltenäthers besteht.
Der Leser mag nun
möglicherweise kaum geneigt sein, die Betrachtung hier
schon abzuschließen, zumal ja einer der ersten hier
zitierten Sätze Rudolf Steiners bereits andeutete, dass
es nicht nur das Gehirn, sondern der ganze Organismus
ist, der vom menschlichen Ätherleib gestaltet wird.
Rudolf Steiner in Dornach am 26. Juni 1924 (a.a.O):
„Da drinnen (in dem Ätherleib des
Menschen) sind noch die lebendigen Gedanken, in dem, was
am Menschen bildet und organisiert“.
Unterbrechung:
Dies führt über die Bildung und Funktion des
Nervensystems hinaus. Allerdings entsteht damit zugleich
auch die Notwendigkeit einer Dreigliederung des
menschlichen Organismus. Deren Entdeckung und
Veröffentlichung hat Rudolf Steiner nach seinen eigenen
Angaben mehr als dreißig Jahre geisteswissenschaftlicher
Arbeit gekostet (Rudolf Steiner 1917).
Worin besteht die
Notwendigkeit einer Dreigliederung des menschlichen
Organismus?
Die knappest mögliche
Begründung auf der Grundlage des soweit Dargestellten
ist diese: Nur das Gehirn, oder besser gesagt: Nur die
Nerven- und Sinnesorganisation wird in dieser Weise vom
Ätherleib des Menschen gebildet und zur Grundlage des
"symptomatischen" Vorstellens gemacht. Für die übrigen
Bereiche des menschlichen Organismus kommen andersartige
Einflüsse hinzu, so dass sich die Notwendigkeit einer
Differenzierung, einer Gliederung des Organismus ergibt.
Die Tätigkeit des Ätherleibes macht das Nerven-
Sinnes-System des Menschen zum Träger des menschlichen
Vorstellungslebens. Wir geben diesen Zusammenhang in den
Worten Rudolf Steiners aus der allerersten schriftlichen
Veröffentlichung der Dreigliederung des menschlichen
Organismus von 1917 wieder:
Rudolf Steiner 1917 (Von Seelenrätseln, Kap. IV,
Abs. 6):
„Wie nach dem Leibe hin das
Vorstellen auf der Nerventätigkeit ruht, so strömt es
von der anderen Seite her aus einem geistig Wesenhaften,
das in Imaginationen sich enthüllt. Dieses geistig
Wesenhafte ist, was in meinen Schriften der Äther- oder
Lebensleib genannt wird. . . Und dieser Lebensleib (. .
.) ist das Geistige, aus dem das Vorstellen des
gewöhnlichen Bewusstseins von der Geburt bis zum Tode
erfließt “.
Unterbrechung:
Für den Zusammenhanges des Vorstellens
mit dem Organismus ist also das Nerven- Sinnes-System
des Menschen die Grundlage. Und dieses ist, wie wir
erfahren haben, eine Bildung des Ätherleibes. Und der
Ätherleib selbst ist es, der die Gedanken hervorbringt.
Die übersinnliche Anschauung des Ätherleibes wird hier
als Imagination bezeichnet. Aus anderen
Zusammenhängen wissen wir, dass Rudolf Steiner diesen
Ausdruck nicht im herkömmlichen Sinne, sondern für die
erste Stufe der Einweihung im Unterschied zum
„Vorstellen des gewöhnlichen Bewusstseins“
verwendet. Im nun folgenden Satz wird
deutlich, dass wir den Begriff des Nerven-
Sinnes-Systems allerdings nicht auf das Gehirn oder den
Kopf einschränken dürfen, sondern auf das gesamte
Nervensystem, bis hinein in das Vegetativum der inneren
Organe ausdehnen sollen:
Rudolf Steiner 1917(a.a.O):
„Die körperlichen Gegenstücke zum
Seelischen des Vorstellens hat man in den Vorgängen des
Nervensystems, mit ihrem Auslaufen in die Sinnesorgane
einerseits und in die leibliche Innenorganisation
andererseits zu sehen.“
Unterbrechung:
Die Vorgänge des Nervensystems müssen
also mit ihren Ausläufern durch den ganzen Organismus
hindurch, gewissermaßen von seiner äußersten Peripherie
in den Sinnesorganen bis in seine „leibliche
Innenorganisation“ hinein verfolgt werden.
Bei der Bildung und Wirkungsweise dessen, was hier die
„leibliche Innenorganisation“ des menschlichen
Organismus genannt wird, kommen aber zusätzlich andere
organische und seelische Prozesse als die soweit
Besprochenen in Betracht. Und insofern diese
zusätzlichen organischen und seelischen Prozesse
wesentliche Unterschiede in der Funktionsweise weiter
Bereiche des Organismus bedingen, entsteht die
Notwendigkeit einer gegliederten Betrachtung des
menschlichen Organismus. Dies charakterisiert Rudolf
Steiner (1917) in der folgenden Art.
Rudolf Steiner 1917(a.a.O):
„. . . so findet man, dass man . . .
das Fühlen in Beziehung bringen muss zu demjenigen
Lebensrhythmus, der in der Atmungstätigkeit seine Mitte
hat und mit ihr zusammenhängt.“
Unterbrechung:
Das weist auf Gebiete des Körpers hin, die der
Hauptsache nach unterhalb des Gehirnes liegen.
Insbesondere weist es auf das Gebiet der Lunge und der
Atemwege hin (und von dort aus auch auf die Atemwege
innerhalb des Kopfes: Kehlkopf, Rachen, Nase,
Nebenhöhlen, Stirnhöhlen und Mittelohr, um nur die
Wichtigsten zu nennen).
Doch es wäre ein Missverständnis, wollte man die
Zuordnung des Fühlens zum Atmungsrhythmus anatomisch
deuten: Nicht umsonst spricht Rudolf Steiner ja vom
Atmungs-Rhythmus, der als solcher nicht räumlich gedacht
werden kann.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Man hat dabei zu berücksichtigen,
dass man zu dem angestrebten Ziele den Atmungsrhythmus
mit allem, was mit ihm zusammenhängt, bis in die
äußersten peripherischen Teile des Organismus verfolgen
muss.“
Unterbrechung:
So essentiell ist ein sachgemäßes,
nicht-anatomisches Verständnis dieser Aussage, dass
Rudolf Steiner bei aller sonstigen, extremen Knappheit
dieser ersten schriftlichen Veröffentlichung der
Dreigliederung des menschlichen Organismus noch das
folgende zur wissenschaftlichen Methodik seiner
Forschungsergebnisse anfügt:
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Um auf diesem Gebiet zu konkreten
Ergebnissen zu gelangen, müssen die Erfahrungen der
physiologischen Forschung in einer Richtung verfolgt
werden, welche heute noch vielfach ungewohnt ist. Erst
wenn man dies vollbringt, werden alle Widersprüche
verschwinden, die sich zunächst ergeben, wenn Fühlen und
Atmungsrhythmus zusammengebracht werden. Was zunächst
zum Widerspruch herausfordert, wird bei näherem Eingehen
zum Beweis für diese Beziehung.“
Unterbrechung:
Um hier gleich Beispiele zu haben, sei auf die
folgende Tatsache verwiesen: Es gibt unzählige
Untersuchungen zur Nervenfunktion im Auge beim
Sehvorgang, aber kaum irgendein Wissen darüber, was sich
während des Sehvorganges bezüglich der Blutzirkulation
im Auge verändert. Die Blutzirkulation ist aber
insofern ein Teil des Atmungsrhythmus, als das Atmen ja
nur Sinn macht, wenn dabei Sauerstoff in das Blut
aufgenommen und Kohlensäure aus dem Blut abgegeben wird.
Würde man die rhythmischen Veränderungen der
Blutzirkulation im Auge während des Sehvorganges
erforschen, so könnte man unterscheiden zwischen dem,
was das Auge erkenntnismäßig, und was es gefühlsmäßig
beim Sehen vermittelt.
Doch Rudolf Steiner
wählt ein anderes Beispiel.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Aus dem weiten Gebiet, das hier verfolgt werden
muss, sei nur ein einziges Beispiel herausgehoben. Das
Erleben des Musikalischen beruht auf einem Fühlen. Der
Inhalt des musikalischen Gebildes aber
lebt in dem Vorstellen, das durch die
Wahrnehmung des Gehörs vermittelt wird.“
Unterbrechung:
Von dem, was „durch die Wahrnehmung
des Gehörs vermittelt wird“ wissen wir ja schon aus
dem Vorangegangenen, dass es ein ätherischer Inhalt ist.
Doch was ist der seelische Inhalt des musikalischen
Erlebens?
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Wodurch entsteht das musikalische
Gefühls-Erlebnis? Die Vorstellung des Tongebildes, die
auf Gehörorgan und Nervenvorgang beruht, ist noch nicht
dieses musikalische Erlebnis. Das letztere entsteht,
indem im Gehirn der Atmungsrhythmus in seiner
Fortsetzung bis in dieses Organ hinein, sich begegnet
mit dem, was durch Ohr und Nervensystem vollbracht wird.
Und die Seele lebt nun nicht in dem bloß Gehörten und
Vorgestellten, sondern sie lebt in dem Atmungsrhythmus;
sie erlebt dasjenige, was im Atemrhythmus ausgelöst wird
dadurch, dass gewissermaßen das im Nervensystem
Vorgehende heranstößt an dieses rhythmische Leben.“
Unterbrechung:
Wenn der Ätherleib zwar die Grundlage der
Wahrnehmungen und des Vorstellens, und sogar der ganzen
Gehirnbildung ist, was kommt bei der Entstehung des
Gefühlslebens in geistiger Hinsicht zur Wirksamkeit des
Ätherleibes hinzu? Mit welchen übersinnlichen Kräften
müssen wir zusätzlich rechnen, wenn wir von der reinen
Betrachtung des Nerven-Sinnes-Systems in der Richtung
der leiblichen Innenorganisation absteigen?
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Das Fühlen des gewöhnlichen
Bewusstseins ruht nach der Leibesseite hin auf dem
rhythmischen Geschehen. Von der geistigen Seite her
erfließt es aus einem Geistig-Wesenhaften, das innerhalb
der anthroposophischen Forschung durch Methoden gefunden
wird, welche ich in meinen Schriften als diejenige der
Inspiration kennzeichne.“
Unterbrechung:
Was meint Rudolf Steiner mit dem
„Geistig-Wesenhaften“? Und was soll „Inspiration“ als
Forschungs-Methode sein?
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Dem schauenden Bewusstsein
offenbart sich in dem der Seele zugrunde liegenden,
durch Inspiration zu erfassenden geistig Wesenhaften
dasjenige, was dem Menschen als Geistwesen eigen ist
über Geburt und Tod hinaus. Auf diesem Gebiete ist es,
wo die Anthroposophie ihre geisteswissenschaftlichen
Untersuchungen über die Unsterblichkeitsfrage anstellt.
So wie im Leibe durch das rhythmische Geschehen sich
der sterbliche Teil des fühlenden Menschenwesens
offenbart, so in dem Inspirations-Inhalt des schauenden
Bewusstseins der unsterbliche geistige Wesenskern.“
Unterbrechung:
Wir erfahren hier also nicht nur, was der
menschlichen Inkarnation unmittelbar praekonzeptionell
als Bedingung vorangeht (die Formung des Ätherleibes aus
dem Weltenäther). Wir erfahren nun auch, was der
Inhalt der menschlichen Inkarnation ist: Das
menschliche Geistwesen. Und wir nehmen zur
Kenntnis, dass dieses Geistwesen nicht primär im Gehirn,
sondern in den rhythmischen Prozessen des menschlichen
Organismus west. Dabei wird klar, dass der Ausdruck
„Inspiration“ hier nicht umgangssprachlich, sondern
zur Unterscheidung vom gewöhnlichen Bewusstsein als
Bezeichnung für eine zweite Stufe des übersinnlichen
Schauens gebraucht wird.
Es
erhebt sich nun die Frage, wie sich die übrigen Teile
des Organismus zu dem soweit Geschilderten verhalten.
Diesbezüglich kommen insbesondere die
Stoffwechselvorgänge des Organismus in Betracht.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Wie dann, wenn etwas „vorgestellt“
wird, sich ein Nervenvorgang abspielt, auf Grund dessen
sich die Seele ihres Vorstellens bewusst wird, wie
ferner dann, wenn etwas „gefühlt“ wird, eine
Modifikation des Atemrhythmus verläuft, durch die Seele
ein Gefühl auflebt: so geht, wenn etwas „gewollt“ wird,
ein Stoffwechselvorgang vor sich, der die leibliche
Grundlage ist für das als Wollen in der Seele Erlebte.“
Unterbrechung:
Abermals wird deutlich, dass die Dreigliederung des
menschlichen Organismus bei Rudolf Steiner nicht
anatomisch, sondern funktional gemeint ist. Aber warum
fällt uns ihr Verständnis so schwer?
Rudolf
Steiner nennt hierfür Bewusstseins-Gründe:
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Nun ist in der Seele ein
vollbewusstes waches Erleben nur für das vom
Nervensystem vermittelte Vorstellen vorhanden. Was durch
den Atmungsrhythmus vermittelt wird, das lebt im
gewöhnlichen Bewusstsein in jener Stärke, welche die
Traumvorstellungen haben. Dazu gehört alles
Gefühlsartige, auch alle Affekte, alle Leidenschaften,
und so weiter. Das Wollen, das auf Stoffwechselvorgänge
gestützt ist, wird in keinem höheren
Grade bewusst erlebt als in jenem ganz dumpfen, der im
Schlafe vorhanden ist.“
Unterbrechung:
Offenbar sind dies die Gründe dafür, warum es bis
heute in der Medizin und Psychologie nicht möglich ist,
alle körperlichen Vorgänge als Grundlage des
Seelenlebens zu sehen, sondern nur die Vorgänge des
Nervensystems, und warum das Unterbewusste und die
Vorgänge des Schlafes noch immer nicht als
Bewusstseinsprozesse gedeutet werden.
Es gibt aber noch einen weiteren Grund für die
Nicht-Anerkennung des Wollens als eines eigenständigen
Seelen-Vermögens. Diesen führt Rudolf Steiner(1917) als
Ursache für den Irrtum der akademischen Psychologie
seiner Zeit an:
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Das Wollen aber entfällt ganz (der)
Aufmerksamkeit, weil diese sich nur auf Erscheinungen
in der Seele richten will, in dem Wollen aber etwas
liegt, was nicht in der Seele beschlossen ist,
sondern mit dem die Seele eine Außenwelt miterlebt“
Unterbrechung:
Ja, tatsächlich: Wenn wir etwas Wollen, so greifen
wir über die Grenzen unseres Organismus hinaus in die
Außenwelt ein, und schaffen dort „objektive“ Tatsachen,
die mit unserem Seelischen und Organismus nur noch die
Ursache, aber kein Qualitatives mehr gemein haben. Das
verursacht weitere Schwierigkeiten für das gewöhnliche
Bewusstsein, unser „Wollen“ als ein Seelisches zu
Akzeptieren:
1. Haben wir es schwer, unser Handeln als Ausfluss
unseres seelischen Wollens zu akzeptieren, wenn wir
dessen Konsequenzen „nicht wollten“, mit anderen Worten:
Wenn unser bewusstes Seelenleben es nicht als das von
uns „Gewollte“ akzeptiert.
Diese Art der Nicht-Verarbeitung ungewollter
Konsequenzen unseres Tuns ist eines der Hauptmerkmale
des „Spießertums“. Es verwahrt sich pauschal gegen diese
Richtung der Selbst-Analyse mittels des Vorwurfes der
„Nest-Beschmutzung“.
2. Haben wir die Tendenz, bereits innerhalb des
Organismus Grenzen zu stecken, die uns zu einer
Absonderung des Seelischen von einem Außer-Seelischen
veranlassen. Diese Tendenz wird von der gegenwärtigen
Wissenschaft mitgetragen.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„(Die naturwissenschaftliche
Psychologie) lässt als Seelisches nur
dasjenige gelten, was zu Nervenvorgängen in Beziehung
steht.“
Von dort her übernehmen wir auch im Alltag die
Tendenz, insbesondere die Organe oder Organ-Teile vom
Seelischen auszuschließen, die eine Ähnlichkeit mit den
technischen Hilfsmitteln unseres Tuns aufweisen. So
scheint uns kein wesentlicher Unterschied zu bestehen,
ob wir mit dem Finger, oder mittels eines Stiftes, den
wir mit den Fingern halten, im Sand oder auf einem
anderen geeigneten Untergrund schreiben. Im einen Fall
greift aber der Mensch mittels des Wollens direkt auf
den Leib, im anderen Fall indirekt auf ein technisches
Hilfsmittel zu.
Die damit
charakterisierte Abtrennung des Seelischen von einem
Außer-Seelischen innerhalb der Grenzen des Organismus
gipfelt in dem heute weit verbreiteten Dualismus von
„Gehirn und Körper“, der nicht nur den geistigen
Ursprung des physischen Körpers verleugnet. In letzter
Konsequenz verleiht dieser Dualismus dem Gehirn den
Status eines „Geistigen“, und allen anderen Gliedern des
Körpers den Status eines „Ungeistigen“. Das Denken fällt
damit auf die alte Spaltung von „Körper und Geist“
zurück.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Der Leib als Ganzes, nicht bloß die
in ihm eingeschlossene Nerventätigkeit ist Grundlage des
Seelenlebens.“
-
Im Grunde genommen ist das damit gestellte Problem
bereits vorhanden, wenn wir äußere Sinneswahrnehmungen
verstehen wollen: Hier verläuft die Richtung einfach nur
umgekehrt zur Willensrichtung: Wenn eine Qualität der
Außenwelt unsere Sinnesorgane beeinflusst, und wir
daraus ein innerseelisches Erlebnis gewinnen, sind wir
wiederum kaum geneigt, von einer seelischen Aktivität zu
sprechen: Wir sehen Rot, wir sehen Blau, und indem wir
dies tun, halten wir die genannten Qualitäten für
„objektive“ Eigenschaften der Welt. Aber das
„Rot“, und das „Blau“, das wir dort draußen
sehen, das gibt es nur in unserer Seele, und jeder
Vergleich des Auges mit einer Kamera oder des Gehirns
mit einem Computer ist in grundlegender Weise absurd:
Nicht das Auge, und nicht das Gehirn, sondern nur die
Seele nimmt die Eigenschaften der Welt als
Sinnesqualitäten wahr, und dies kann sie nur, wenn sie
in einem menschlichen Körper inkarniert ist und die
Sinnesorgane intakt sind. Die Tatsache, dass die
organischen Veränderungen im Auge beim Sehen, die
reproduzierbar mit „objektiven“ Eigenschaften der
Außenwelt korrelieren, uns weder bewusst, noch durch uns
willkürlich steuerbar sind, darf unseren Begriff des
„Seelischen“ nicht erschüttern. Denn dieser muss auch
den Begriff des Unbewusst-Seelischen enthalten, wenn er
wirklichkeitsgemäß sein will.
Damit kommen wir zum Ende unserer Betrachtung, nämlich
zur Frage, welchen Bezug das Unterbewusste im Menschen
zu seiner höheren, zu seiner übersinnlich-geistigen
Natur hat.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Was im Leib durch die gewissermaßen
niederste Betätigung des Stoffwechsels sich offenbart,
dem entspricht im Geiste ein Höchstes: dasjenige, was
durch Intuition sich ausspricht. Daher kommt das
Vorstellen, das auf der Nerventätigkeit beruht, leiblich
fast vollkommen zur Darstellung; das Wollen hat in den
ihm leiblich zugeordneten Stoffwechselvorgängen nur
einen schwachen Abglanz. Das wirkliche Vorstellen ist
das lebendige; das leiblich bedingte ist das abgelähmte.
Der Inhalt ist derselbe. Das wirkliche Wollen, auch das
sich in der physischen Welt verwirklichende, verläuft in
den Regionen, die nur dem intuitiven Schauen zugänglich
sind; sein leibliches Gegenstück hat mit seinem Inhalt
fast gar nichts zu tun. In demjenigen geistig
Wesenhaften, das der Intuition sich offenbart, ist
enthalten, was sich aus vorangegangenen Erdenleben in
die folgenden hinübererstreckt. Und auf dem hier in
Betracht kommenden Gebiet ist es, wo die Anthroposophie
sich den Fragen der wiederholten Erdenleben und der
Schicksalsfrage nähert.“
Schlussbetrachtung:
Wir werden durch die Texte Rudolf Steiners mit einer
bildhaften Ahnung davon bekannt macht, wie die
menschlichen Gedanken und Erkenntnisse mit dem
Weltenäther zusammenhängen, und damit im Weltganzen
beheimatet sind. In diesem Zusammenhang, der ja den Bau
des Gehirnes in überraschender Weise mit einschließt,
liegen die Quellen für die fundamentale
Erkenntnis-Sicherheit, der wir im Werk Rudolf Steiners
unerlässlich begegnen. Man kann diese Sicherheit als
einen übersinnlich fundierten erkenntnistheoretischen
Realismus bezeichnen.
Nun aber, nachdem wir auf die ganze menschliche
Organisation, und nicht nur auf das Gehirn geblickt
haben, trifft uns eine zweite, viel größere
Überraschung. Diese besteht darin, dass nur das, was uns
am Menschen schon immer als das Edelste erschien, das
menschliche Gehirn, nahezu ausschließlich durch den
Ätherleib bestimmt wird. Auch die übrigen Bereiche des
menschlichen Leibes werden zwar vom Ätherleib gebildet
und organisiert. Aber je weiter wir in der Betrachtung
des menschlichen Leibes vom Nerven-Sinnes-System
„abwärts“ zur rhythmischen Organisation des Menschen
kommen, desto mehr wird die Tätigkeit des Ätherleibes
von den Wirkungen des unsterblichen geistigen
Wesenskerns des Menschen überformt. Mit der
rhythmischen Organisation des Menschen betreten wir das
leibliche Gebiet dessen, was wir im "symptomatischen"
Seelenleben als unser Fühlen erleben. Doch zugleich
damit, dass hier ein höheres Wesen als der Ätherleib
mächtig wird, dämpft sich unser Bewusstsein zur
Dumpfheit von Traumvorstellungen herab.
Das Geistig-Wesenhafte, das dem menschlichen Fühlen
zugrunde liegt, wird in der anthroposophischen
Terminologie als der „Astralleib“ des Menschen
bezeichnet. Dieser Ausdruck ist einer älteren
esoterischen Tradition entnommen, die Rudolf Steiner in
den folgenden Worten charakterisiert:
Rudolf Steiner in „Das Matthäus-Evangelium“ (GA
123), S. 58:
„Deshalb nannten auch die
mittelalterlichen Okkultisten diesen geistigen Leib des
Menschen den astralischen Leib, weil er verbunden ist
mit den Sternenwelten und aus ihnen seine Kräfte saugt.“
Der Bezug des Menschen zu den
Sternenwelten ist uns hier zuerst bei Rudolf Steiners
Einführung des Ätherleibes begegnet, insofern dieser dem
Weltenäther entnommen wird. Doch dieser Weltenäther ist,
nicht räumlich, sondern qualitativ, doch mehr oder
weniger dem kosmischen Umkreis des Erdorganismus
einschließlich des Mondes zuzuordnen. Die Sternenwelt
des Astralleibes hingegen umfasst die Planetenbewegungen
unseres ganzen Sonnensystems .
Steigen wir nun von dort noch weiter "abwärts" innerhalb
des menschlichen Organismus, so betreten wir ein Gebiet,
innerhalb dessen nicht nur lebendige Gedanken in tote
Substanz verwandelt, und nicht nur lebendige Bewegung in
Rhythmen gegliedert wird. Hier wird, indem selbst die
lebendige Rhythmik des Organismus noch überformt wird,
die vom Ätherleib abgetötete Substanz wiederum in eine
lebendige verwandelt. Dieses gewissermaßen „unterste“
Gebiet des menschlichen Organismus wird abgekürzt auch
als das Stoffwechselsystem des Menschen
bezeichnet. Und hier begegnen wir der ultimativen
Überraschung unserer Erkundung: Hier liegen die
leiblichen Grundlagen dessen, was Rudolf Steiner das
seelische Wollen nennt. Und während die
naturwissenschaftliche Psychologie diesem Wollen, wie
wir gezeigt haben, jegliche Selbständigkeit innerhalb
des Seelischen abspricht, gilt es der Anthroposophie als
der Wirkort der allerhöchsten geistigen Wesenheit
innerhalb des Menschen, als der Wirkort des „Ich“.
Man beachte aber genauestens: Das Wirken
des Ich ist unbewusst, nicht aber seine Denktätigkeit:
Im gegenwärtigen Stadium der Evolution kann aber das
denkend erkennende Ich noch nicht leben in den Wirkungen
des Organismus. Von der Nichtachtung dieses
Unterschiedes kommen die Missverständnisse der modernen
Gehirnforschung und auch der Philosophie: Wenn zum
Beispiel das Gehirn oder irgend ein anderes Organ des
Organismus eine uns unbewusst bleibende Leistung
vollbringt, spo widerspricht dies nicht der
Willensfreiheit. Denn das ich ist auch unterhalb der
Bewusstseinsschwelle frei. Dieses „Ich“ des Menschen ist
ebenfalls kosmischer Herkunft, aber seine Heimat ist
nicht auf die Planetenbewegungen unseres Sonnensystems
beschränkt, sondern liegt jenseits des Fixsternhimmels.
Rudolf Steiner in "Geistige Zusammenhänge in der
Gestaltung des menschlichen Organismus" (GA 218, S. 24):
„Aus dem Planetenerlebnis bekommt
man (. . . ) die Durchfeuerung der Atmungsprozesse und
des Blutzirkulationsprozesses. Dass aber diese Prozesse
substantiell sind, dass sie durchsetzt werden von dem,
was sie brauchen von Substanz, dass also diese Prozesse
fortwährend Ernährungsprozesse des Organismus auch sind,
dieses Forttreiben der Nahrungsmittel durch den
Organismus, das ja scheinbar das Materiellste ist, das
aber aus höheren Kräften heraus ist als die bloße
Bewegung der Blutzirkulation, dieses beruht in seiner
Anfeuerung für das Tagesleben auf einem Nachwirken des
Fixsternerlebnisses. Wie wir als physische Menschen
abhängig sind in unserem Geistig-Seelischen von der Art
und Weise, wie diese oder jene Stoffe in uns
zirkulieren, hängt (. . .) mit höchsten Himmeln
zusammen, hängt damit zusammen, dass wir als
geistig-seelische Wesen im dritten Stadium des Schlafes
in uns fühlen Nachbilder der Fixsternkonstellationen.“
Unterbrechung:
Hier ist, scheinbar inkonsequent, von den
Schlaferlebnissen des „Ich“ die Rede. Aber es war doch
ohnehin der Kern unserer Überraschung, dass die
anthroposophischen Mitteilungen über das menschliche
„Ich“ ergeben, dass dessen Wirken im Organismus von
Seiten des gewöhnlichen Bewusstseins nur mit der
seelischen Dumpfheit erlebt werden kann, die dem
traumlosen Schlaf entspricht. Was wir als den
„Schlafzustand“ im herkömmlichen Sinne kennen, ist also
nichts weiter als die Ausdehnung des „Wollens“ vom
Stoffwechsel-Gliedmaßen-System her auf den ganzen
Organismus, die sich tagesrhythmisch wiederholt. Die
regelmäßige Wiederholung des Schlafzustandes ist eine
Notwendigkeit für das „Ich“ des Menschen. Indem es
regelmäßig zum Erleben des Fixsternhimmels zurückkehrt,
erholt es sich vom Chaos und der Fremdheit der irdischen
Lebensverhältnisse und kann nur dadurch immer wieder der
Quell unserer Initiative sein.
Je klarer wir dies alles vor uns hingestellt sehen,
desto dringender wird uns die Frage nach dem „Wollen“
des Menschen, das offenbar zugleich unser Tiefstes und
Höchstes ist, und dessen Wirksamkeit wir offenbar mit
dem gewöhnlichen Bewusstsein immerzu „verschlafen“. Was
ist dieses „Wollen“, wo finden wir es im täglichen
Leben?
Rudolf Steiner in "Geistige Zusammenhänge in
der Gestaltung des menschlichen Organismus" (GA 218, S.
16):
„Was der Mensch in seinen
Vorstellungs- und Empfindungskräften während des
Tagwachens als Initiativkräfte tragen kann, alles das
ist Nachwirkung des Fixsternerlebnisses während der
Nacht. (. . . ) Unsere Nahrungsmittel würden nicht so in
das Gehirn kommen, dass sie uns befeuern würden,
Initiativkräfte zu entwickeln, wenn nicht dieser ganze
Prozess angefeuert würde durch das, was wir nächtlich
erleben durch das Sternerlebnis.“
Unterbrechung:
Also könnte man unser „Wollen“ auch als unsere „Initiativkräfte“
bezeichnen, die, von uns selber unbemerkt, alles
das befeuern, wozu uns tagtäglich unsere Vorstellungs-
und Empfindungskräfte tagtäglich die "symptomatischen"
Seeleninhalte geben.
Doch das Wort „Initiativkräfte“ führt uns auch
an den Anfang unserer Betrachtung zurück, denn es ist
aus dem Wortstamm „Initium“ = Anfang gebildet. Hatten
wir nicht ganz zu Anfang versäumt, zu fragen, wer denn
den Ätherleib aus dem Weltenäther entnimmt, um eine
erneute Inkarnation vorzubereiten? - Dies kann natürlich
nur die Kraft des „Wollens“ sein, die Äußerung unseres
höchsten Wesenskernes, unseres “Ich“, also
des Geistig-Wesenhaften,( . . . ), das sich aus
vorangegangenen Erdenleben in die folgenden
hinübererstreckt.“
So werden wir
letztendlich noch weiter zurück, nämlich zum Auftakt
dieser Betrachtung geführt, dem eingangs zitierten
Wochenspruch aus dem „Anthroposophischen
Seelenkalender“. Er hat offenbar ebenfalls, nun aber
dichterisch, die Kraft des Wollens zum Inhalt. Doch nun
sind wir, wie das sich ständig wandelnde Leben selbst,
schon eine Woche weiter, und lesen im „Seelenkalender“
:
30. März 1913
Wenn aus den
Seelentiefen
Der Geist sich wendet zu dem Weltensein
Und Schönheit quillt aus Raumesweiten,
Dann zieht aus Himmelsfernen
Des Lebens Kraft in Menschleiber
Und einet, machtvoll wirkend,
Des Geistes Wesen mit dem Menschensein.
(Rudolf Steiner:
Anthroposophischer Seelenkalender, 1. Auflage 1912/13)
*) Anmerkung: Mit dem Begriff des "Außertellurischen"
hat es folgende Bewandtnis: Aus anthroposophischer Sicht
ist das, was wir heute den "Kosmos" nennen, nur die tote
Außenseite des Außerirdischen. Schon in urfernen Zeiten
wurde die Innenseite des Kosmos von den Mystikern als
ein unendlich großes, zeitloses Lebewesen
geschaut. Dieses unendlich große und zeitlose Lebewesen
wird auch als die "Akasha-Chronik" bezeichnet, in der
alle Ereignisse der Welt für immer lebendig bleiben.
Das Schauen der Innenseite des Kosmos war
"geheim". "Geheim" war es nicht, weil man es für sich
behalten wollte, sondern weil dieses Schauen nur durch
spezifische Vorbereitungsübungen der Seele erreichbar
ist. Aber es war auch geheim, weil es den "Baum des
Lebens" offenbart, von dem im 1. Buch Moses in der
"Genesis" die Rede ist. Von der "Innenansicht" des
"Kosmos" der Mystiker aus ist das, was Rudolf Steiner
als die "schöne Hypothese" der heutigen
Naturwissenschaft vom "kosmischen" Ursprung des Lebens
kritisiert, vollkommen surreal, denn der äußere (der
tote) Kosmos ist
absolut lebensfeindlich.
Heileurythmie
Theosophie |