Ätherleib
Heinrich Brettschneider
Vom
menschlichen Ätherleib
23. März 1913
Frühlings-Erwartung
Ins Innere des
Menschenwesens
Ergießt der Sinne
Reichtum sich,
Es findet sich der
Weltengeist
Im Spiegelbild des
Menschenauges,
Das seine Kraft aus
ihm
Sich neu erschaffen muss.
(Rudolf Steiner:
Anthroposophischer Seelenkalender, 1. Auflage 1912/13)
Wir wissen, dass das Gras wächst. Wir sehen auch,
dass es wächst. Aber wir sehen nicht, wie es wächst. Schon beim Versuch, zu
sehen, wie das Gras wächst, müssten wir das Gras zerstören, weil es ja innerlich
wächst. Wir müssten es also aufbrechen, - chemisch oder physikalisch -, und ihm
so das Leben nehmen, also gerade das nehmen, das wir kennen lernen wollen.
Das ist die Krux des modernen Menschen! - Dennoch
sprechen wir ganz seriös vom Menschen als von einem „Lebewesen“, von seinem
„Lebenslauf“ und „Lebenswillen“, und sogar von seinem „Leberorgan“. Aber wenn
wir nicht völlig gleichgültig sind gegenüber dem „Rätsel des Lebendigen“, so
geht es uns doch zumeist nicht besser als der heutigen Naturwissenschaft. Diese
weiß nicht so recht, was sie mit dem Begriff des „Lebens“ anfangen soll, ob sie
ihn als Rätsel ernsthaft befragen, oder nicht lieber doch als „falsche Frage“
deklarieren und damit ganz ad acta legen soll.
Die damit
charakterisierte geistige Situation war schon zu Rudolf Steiners Zeiten nicht
anders. Das zeigt die folgende Passage am Ende des 11. Vortrages des 1.
Medizinerkurses in Dornach am 31. März 1921:
"Nur nebenbei will ich zum Schluss bemerken, dass Sie es ja jetzt nicht mehr
wunderbar zu finden brauchen, dass es der heutigen Naturwissenschaft nicht
gelingt, eine Anschauung über den Ursprung des Lebens zu gewinnen. Denn
innerhalb der Regionen, wo die heutige Naturwissenschaft sucht, ist ja nur das
Gegenbild des Lebens vorhanden, nämlich der Tod. Und das Leben müsste gesucht
werden da draußen, wohin die heutige Naturwissenschaft eigentlich nicht will.
Denn davon will sie ja nichts wissen, ins Außertellurische (zu deutsch: ins
Außer- oder Überirdische*) zu gehen; ja, höchstens, wenn sie nicht anders kann -
wie einige getan haben - na, dann verwandelt sie auch das noch ins
Materialistische. Es ist ja sehr schön eine Übersetzung dieses Hereinwirkens der
Lebenskräfte in der schönen Hypothese zustande gekommen, dass von anderen
Himmelskörpern die Lebenskeime auf unsere Erde heruntergetragen werden. Also sie
werden da so schön in materieller Weise von den anderen Himmelskörpern durch all
die Hindernisse hindurchgetragen und erscheinen dann auf unserer Erde, wobei von
manchen sogar vorgestellt wird, dass die Meteorsteine ihre Autos seien, durch
die sie auf der Erde einfahren. Sie sehen, dass man es in der heutigen Zeit
sogar zustande gebracht hat, da mit der materialistischen Theorie irgend etwas
erklärt haben zu wollen. So wie man alles, was man im Makroskopischen
beobachtet, glaubt erklärt zu haben, wenn man es ins Mikroskopische oder
Ultramikroskopische zurücksetzt, in Moleküle, Atomtheorien, so glaubt man auch
das Laben erklärt zu haben, wenn man es nur woanders hinschiebt."
Zugegeben, das sind
harte Worte Rudolf Steiners. Wir geben sie hier dennoch wieder, um einerseits zu
zeigen, dass Rudolf Steiner voll mit der damals
schon aktuellen wissenschaftlichen Diskussion über den Ursprung des Lebens auf
der Erde vertraut war. Andererseits geht es uns
darum, zu zeigen, dass nicht etwa Anthroposophie, sondern paradoxer Weise gerade
die so nüchterne Naturwissenschaft dauernd in Gefahr ist, ins Surreale abzugleiten.
Dabei bleibt aber
Anthroposophie nicht stehen. Sie nennt einen geistigen Schulungsweg, der ein Weg
der
Willensschulung im
Denken ist und dem Menschen die Kraft geben kann, nicht mehr einzuschlafen beim
Versuch, gewissermaßen das Gras wachsen zu sehen, ohne es zu zerstören. Dabei
spricht Anthroposophie vom Eintreten der „Imagination“ als der untersten Stufe
eines höheren, gegenüber dem materiellen Bewusstsein erweiterten, übersinnlichen
Bewusstseinszustandes. Diese unterste Stufe einer höheren Erkenntnisfähigkeit
offenbart dem schauenden Bewusstsein die Wesenheit des „Ätherleibes“ als die
Grundlage allen Lebens des Organismus.
Auf die Ergebnisse solcher Forschung stützt sich
die folgende Betrachtung.
Zur Einführung in den Begriff des Ätherleibes
nehmen wir einen mündlich gegebenen Kurs Rudolf Steiners für die Mitarbeiter
einer heilpädagogischen Einrichtung aus dem Jahre 1924, und unterbrechen diese
Ausführungen immer wieder mit eigenen Fragen und Erwägungen, sobald uns dies
notwendig scheint:
Rudolf Steiner in Dornach am
26. Juni 1924(GA 315: Heilpädagogischer Kurs, S. 30 ff):
„. . . wir
sind umgeben von der physischen Welt, aber auch von der ätherischen Welt, aus
der ja unmittelbar, bevor wir heruntersteigen zu unserer physischen Inkarnation,
der menschliche Ätherleib genommen wird.“
Unterbrechung:
Rudolf Steiner
spricht hier offenbar von einer „ätherischen Welt“, die uns umgibt als
eine zweite Welt neben und zugleich innerhalb der uns ja normalerweise einzig vertrauten
„physischen Welt“. Aus dieser ätherischen Welt, so der Text weiter,
steigen wir offenbar aus einem vorgeburtlichen Dasein „herunter“ in die physische Welt zu unserer irdischen
Inkarnation. Aber bevor wir dies tun, wird aus der ätherischen Welt unser
menschlicher „Ätherleib“ entnommen.
Rudolf Steiner in Dornach am
26. Juni 1924 (a.a.O):
„Der
menschliche Ätherleib wird ja aus dem allgemeinen Weltenäther genommen, der
durchaus überall vorhanden ist. Nun, dieser Weltenäther, meine lieben Freunde,
der ist in Wirklichkeit der Träger der Gedanken.“
Unterbrechung:
Lassen wir versuchsweise alle Bedenken gegen
eine präkonzeptionelle, nicht physische Existenz des Menschen beiseite und
konzentrieren uns allein auf die Logik der Aussage. Dann erscheint uns die
Erwähnung der Gedanken zunächst wie eine Abirrung der Argumentation, da wir
Gedanken als etwas für die physische Existenz des Menschen ganz Sekundäres,
Subjektives, ja, relativ Unbedeutendes betrachten. Aber was ist die uns
bekannte Logik ihrem Wesen nach? Ist sie wirklich so objektiv, wie allgemein
angenommen? Oder beruht ihre Plausibilität nicht doch mitunter auf Vorurteilen?
Sind unsere Bedenken gegen in der Welt objektiv vorhandene Gedanken nur auf
Vorurteile gebaut?
Rudolf Steiner in Dornach am
26. Juni 1924 (a.a.O):
„Dieser
Weltenäther, den alle gemeinsam haben, er ist der Träger der Gedanken, da sind
die Gedanken darinnen, da sind jene lebendigen Gedanken eben darinnen, von denen
ich Ihnen immer gesprochen habe auch in anthroposophischen Vorträgen, dass der
Mensch ihrer teilhaftig ist im vorirdischen Leben, bevor er auf die Erde
heruntersteigt.“
Unterbrechung:
Den Weltenäther haben
wir demnach alle gemeinsam. Und dort sind alle "lebendigen" Gedanken schon
vorhanden. - Sind denn die Gedanken nicht unser ureigenstes, völlig
willkürliches Gespinst? - Immerhin nennt man aber die Gedanken, sofern sie der
Vernunft gehorchen, auch "Common Sense", was wörtlich übersetzt so viel heißt
wie: "Gemein - Sinn". Soll das heißen, dass vorgeburtlich alle Menschen schon
die selben Gedanken zur Verfügung haben? Entstehen denn unsere Gedanken nicht
erst im Verlauf des Lebens aufgrund individueller Erfahrung und Anstrengung?
Rudolf Steiner in Dornach am
26. Juni 1924 (a.a.O):
„Das
alles, was überhaupt an solchen Gedanken vorhanden ist, ist im lebendigen
Zustande im Weltenäther darinnen und wird niemals entnommen aus dem Weltenäther
im Leben zwischen Geburt und Tod, niemals, sondern alles, was der Mensch an
lebendigem Gedankenvorrat in sich enthält, empfängt er dann in dem Augenblick,
wo er aus der geistigen Welt heruntersteigt, also sein eigenes Gedankenelement
verlässt, wenn er heruntersteigt und sich seinen Ätherleib bildet.“
Unterbrechung:
Das macht das
eigentliche Rätsel umso deutlicher: Gedanken sind im "lebendigen" Zustand, wenn
sie im Weltenäther sind. Und in diesem Weltenäther hat der Mensch sein "eigenes"
Gedankenelement, aus dem er sich seinen "Ätherleib" bildet. Und dieser Ätherleib
besteht aus "lebendigen" Gedanken, die den physischen Leib des Menschen
organisieren. Des weiteren erfahren wir, dass im Leben zwischen Geburt und Tod
keine "lebendigen" Gedanken vom Menschen mehr direkt aus dem Weltenäther
genommen werden, sondern beim Verlassen der geistigen Welt im Ätherleib des
Menschen bevorratet werden. Dieser Ätherleib ist ganz offenbar eine individuelle
Bildung des Menschen, der er seine Gesundheit, sein Leben, seine "Biographie"
verdankt. Was wir andererseits den "Common Sense", den "Gemein-Sinn" nennen,
diese Vernunft, die also nicht individuell ist, sondern im Austausch mit unseren
Mitmenschen im Verlaufe des Lebens errungen wird, besteht im Unterschied dazu
nicht aus lebendigen, sondern aus "toten" Gedanken. Im Unterschied zu den
"lebendigen" Gedanken des Ätherleibes sind die "toten" Gedanken unseres
Bewusstseins nur die Symbole für ein in der Welt Wirksames. Denn mit diesen
"toten" Gedanken können wir zwar ein Gutes oder ein Böses erkennen oder planen.
Aber mit bloßen Gedanken können wir es weder verhindern, noch zur Ausführung
bringen. Das können wir erst im Handeln, also erst dann, wenn wir die Organe in
Bewegung setzen, die unser Ätherleib aus "lebendigen" Gedanken erbaut hat.
"Wenn Sie einen Baum
anschauen, meine lieben Freunde, so wirken darin dieselben geistigen Kräfte,
denen Sie gegenüberstehen zwischen Tod und neuer Geburt, nur sind sie verdeckt,
verhüllt durch die physische Materie des Baumes. Überall in der physischen Welt,
in der wir sind zwischen Geburt und Tod, wirken die geistigen Kräfte auch im
Hintergrund der sinnlich-physischen Entitäten" (GA 318, Vortrag vom 11.9.1924).
Mit diesen Sätzen
erweitert sich der Begriff des Ätherleibes auf alle Lebewesen der Welt. Und was
wir im Menschen als seine "Biographie" vorfinden, wird im Unterschied zum Baum
nur in seiner Frühphase hauptsächlich durch den Ätherleib bestimmt. Im weiteren
Verlauf des menschlichen Lebens wird die Tätigkeit des Ätherleibes durch die
Einflüsse dessen, was dem Menschen die Empfindungsfähigkeit, und die Einflüsse
dessen, was dem Menschen seine Moralität verleiht, zunehmend stärker
modifiziert, bis ungefähr mit der sogenannten "Volljährigkeit" die volle
menschliche Individualität etabliert ist. In der Anthroposophie nennt man die
leibliche Grundlage der Empfindungsfähigkeit, die der Mensch mit dem Tier gemein
hat, den "Empfindungs- oder Astralleib". Im Unterschied dazu wird die leibliche
Grundlage der moralischen Kompetenz des Menschen als seine "Ich-Organisation"
bezeichnet.
Der Ätherleib ist also
ein geistiges Kräftesystem, das den physischen Leib nicht nur des Menschen,
sondern auch der Tiere und Pflanzen bildet und organisiert. Und der Vergleich
der "lebendigen" Gedanken des Ätherleibes mit den "toten" Gedanken unseres
Bewusstseins beruht soweit nur auf der Einsicht, dass wir in der Logik unserer
Gedanken ein sehr treffendes Bild für das haben, was alle Lebewesen innerlich
organisier: Der schaffende Weltengeist.
Wie sich die Tätigkeit
des Ätherleibes über den gesamten Organismus des Menschen hin differenziert und
dabei von den Kräften des "Empfindungsleibes" und der "Ich-Organisation"
modifiziert wird, das soll im Folgenden skizziert werden.
Rudolf Steiner in Dornach am
26. Juni 1924 (a.a.O):
„Wenn ich
also das Schema von gestern noch einmal mache,

Abb 1:
Tafelzeichnung Rudolf Steiners vom 26.6.24
wenn Sie hier
(siehe
Tafelzeichnung) den Menschen sehen, wenn wir hier das symptomatische
Seelenleben, Denken, Fühlen, Wollen haben, so haben wir einen Teil des
wirklichen Seelenlebens in den Gedanken. - Und diese Gedanken, die wir aus dem
allgemeinen Weltenäther herausnehmen, die bilden uns vorzugsweise unser Gehirn
und im weiteren Sinne das Nerven-Sinnessystem. Das ist das lebendige Denken, das
bildet uns das Gehirn zum Abbauorgan, zu dem Organ, das gewissermaßen in
folgender Art die Materie behandelt.“
Unterbrechung:
Aus der Sicht der Anthroposophie bildet der Ätherleib mittels
der „lebendigen“ Gedanken ein „wirkliches Seelenleben“. Dieses bringt das Gehirn
hervor, und das Gehirn bildet die „symptomatischen“ Gedanken. Was Steiner hier
als „symptomatische“ Gedanken bezeichnet, das sind die "toten" Gedanken, mit
deren Hilfe wir unsere Weltsicht im Austausch mit den anderen Menschen
symbolisch aufbauen. Aber diese "toten", „symptomatischen“ Gedanken des Gehirns
wissen nichts vom „wirklichen Seelenleben“, das das Gehirn hervorgebracht hat.
Rudolf Steiner in Dornach am
26. Juni 1924 (a.a.O):
„Wenn wir
hinausschauen auf die Umgebung, da haben wir die Substanzen des Irdischen um uns
herum, in ihren verschiedenen Prozessen und Wirkungsarten. Diese Prozesse, die
da in der Natur leben, die werden stufenweise abgebaut von der Tätigkeit des
lebendigen Denkens, so dass fortwährend hier, das heißt,
die Prozesse gestoppt werden, die die Naturprozesse sind.“
Unterbrechung:
Der menschliche
Ätherleib (dessen Inhalt die lebendigen Gedanken sind, die unter anderem das
Gehirn bilden) baut mittels der besonderen Struktur des Gehirns fortwährend die
Prozesse ab, die in der Natur leben, indem er sich ihnen entgegenstellt
(siehe den orangeroten Strich in der Tafelzeichnung, der durch eine
haarnadelförmig umgebogene gelbe Linie gebremst wird). Darin
liegt ein Rätsel verborgen, das Steiner so
ausdrückt, dass er sagt: „Diese Prozesse, die da in der Natur leben.
. . „.
Diese Ausdrucksweise kann nur bedeuten, dass
auch
die Naturprozesse unserer irdischen Umgebung lebendig sind,
und nicht nur die Prozesse innerhalb des menschlichen Ätherleibes.
Da
dies Fragen aufwirft,
beziehen wir eine Passage aus dem selben Kurs, aber einen Tag später im Vortrag
geäußert, mit ein. Dort erläutert Steiner speziell diesen Punkt:
Rudolf Steiner in Dornach am
27. Juni 1924 (GA 315, S. 47):
„Geisteswissenschaft spricht so vom Licht: Sie nennt Licht auch das, was anderen
Sinneswahrnehmungen zugrunde liegt, wie zum Beispiel das Licht der
Tonwahrnehmungen. Wenn wir Tonwahrnehmungen haben, so ist die äußere Physik
überhaupt nur versucht, von dem äußeren Korrelat der Tonwahrnehmung, von der
bewegten Luft zu reden. Die bewegte Luft ist nur das Medium des wirklichen
Tonelementes. Das wirkliche Tonelement ist ein Ätherisches, und die Vibration
der Luft ist nur die Wirkung dieses ätherischen Vibrierens. Licht lebt auch in
der Geruchswahrnehmung. Kurz, für alle Wahrnehmungen liegt zugrunde ein viel
Allgemeineres als Licht, als was man in der Physik Licht nennt.“
Unterbrechung:
Da haben wir
genau dieselbe Formulierung nochmals, nun aber nicht mehr allgemein gehalten,
sondern spezialisiert: „Licht lebt auch in der Geruchswahrnehmung.“
Zwar kann man die Sichtweise Steiners, die sich hier offenbart, insgesamt
als ungewohnt oder gar als unplausibel abweisen. Aber zugleich können wir uns
durch diese Passage sicher sein, dass Steiners Formulierungen nicht phrasenhaft,
sondern mit Bedacht gewählt sind. Offenbar kommt Geisteswissenschaft zu
dem Ergebnis, dass alle wahrnehmbaren Substanzprozesse unserer irdischen
Umgebung zugleich auch lebendige Prozesse des Weltenäthers sind. Das
besagt, dass die eigentlichen Quellen der für den
Menschen sinnlich wahrnehmbaren materiellen Prozesse der Erdumgebung im
lebendigen
Weltenäther liegen:
„ . . . die Vibration der
Luft ist nur die Wirkung dieses ätherischen Vibrierens. . .“
Wir fahren hier
einstweilen fort mit dem ursprünglichen Text:
Rudolf Steiner in Dornach am
26. Juni 1924 (a.a.O):
„Also im
Gehirn wird der Anfang damit gemacht, dass die Naturprozesse gestoppt werden und
die Materie fortwährend in Absonderung herausfällt. Die herausgefallene Materie,
die also ausgeschiedene und unbrauchbar gewordenen Materie: das sind die
Nerven.“
Unterbrechung:
Hier besteht
ein erstes Rätsel für uns darin, dass „der Anfang“ im Gehirn gemacht
wird. . .
Kann denn das Gehirn am Anfang stehen? Brauchen wir nicht alle anderen
Organe zuerst, schon bevor ein Gehirn überhaupt entstehen kann? – Nun, es gibt
aber einen Moment im Leben, wo das Gehirn am Anfang steht: Nach allem, was man heute
über die Embryonalentwicklung weiß, ist die allererste
embryonale Anlage des Menschen, die sogenannte Keimscheibe (bei den Embryologen
als der „primäre Ektoblast“ bezeichnet) zugleich schon die erste Anlage des
Gehirns.

Abb 2: Menschliche Keimscheiben vom 13. – 19. Tag der
Embryonalentwicklung. Der links noch sehr kurze Spalt am Unterrand der
Keimscheibe ist die sogenannte „Primitivrinne“, aus der sich alle Organe abwärts
des Gehirnes entwickeln. Man sieht hier anschaulich, inwiefern der frühe Embryo
zunächst nur ein riesiger Kopf, oder besser gesagt: ein riesiges Gehirn ist,
denn es fehlen zunächst selbst die Augen, Ohren, Nase, Zunge, die Zähne, der
Mund, Schlund, Rachen, und überhaupt jegliche Knochenbildung. (Aus:
www.visible embryo.com)
Alle
weiteren Organe des Menschen werden daran angefügt, und zwar so, dass die
kopfnahen Organe zuerst, die kopffernen danach kommen.
Zum
Beispiel entstehen erst die Arme, dann die Beine. Die genauere Betrachtung
ergibt aber, dass schon die Finger der Hand erkennbar sind, während der Arm noch
ganz ungegliedert ist. Die Hand entwickelt sich also schneller, obwohl sie dem
Kopf ferner liegt als der Arm. Das Entsprechende gilt auch für die Bildung der
Füße und der Beine(hier
nicht dargestellt). Das weist auf einen zweiten Bilde-Impuls hin. Dieser zweite
Impuls, der die Peripherie der Gliedmaßen ergreift, wirkt offenbar anders, als
der zuerst genannte, wirkt nicht vom Gehirn aus, sondern aus dem Umkreis.

Abbildung 3:
Menschlicher Embryo mit Fruchtblase und Nabelschnur in der 6. Woche der
Schwangerschaft. Beachtenswert ist, wie hier die Arme weiter entwickelt sind als
die Beine. Die genauere Betrachtung ergibt aber, dass schon die Finger der Hand
erkennbar sind, während der Arm noch ungegliedert ist. Die Hand entwickelt sich
also schneller, obwohl sie dem Kopf ferner liegt als der Arm. Entsprechendes
gilt auch für die Bildung der Beine und Füße(hier
nicht dargestellt). Das weist auf einen zweiten Bilde-Impuls hin. Dieser zweite
Impuls, der die Peripherie der Gliedmaßen ergreift, wirkt offenbar anders, als
der zuerst genannte, wirkt nicht vom Gehirn aus, sondern aus dem Umkreis.(Aus Lennart Nilsson: Ein Kind entsteht.
Mosaik Verlag 1990)
Diese letztere
Perspektive ergibt sich allerdings schon von Anfang an: Schon die ersten
Zellteilungen des werdenden Embryo des Menschen verlaufen asynchron, weil sich
eine „Zellrasse“ schneller entwickelt als die andere. Der „primäre Ektoblast“
besteht offenbar aus mehr als nur der Anlage für das Gehirn: Das Gehirn entsteht
aus der „Inneren Zellmasse“ des frühen Embryo, wohingegen die „äußere Zellmasse“
so gar nicht benannt wird, sondern gleich mit Bezug auf ihre Funktion als der „Trophoblast“
(Trophein = Ernähren, Blastos = Gewebe), zu deutsch als „Nährhülle“ bezeichnet
wird. Und die Zellen, die diese Nährhülle bilden, sind zugleich auch jene, die in
der Entwicklung vorauseilen, sich also schneller teilen als die Zellen der
„Inneren Zellmasse“. Wie dies genau geht, das zeigen die Abbildungen 4 und 5:

Abb 4: Erste
Furchungsteilungen des menschlichen Embryo (schematisch)
Schon sehr früh verlaufen die Furchungsteilungen des Embryo asynchron, weil eine
„Zellrasse“, aus der später die „Nährhülle“ entsteht, sich schneller teilt. Das
erzeugt eine Rotation der Teilungsebene (hier als Cleavage Plane IIB bezeichnet).(Aus
Scott
Gilbert: Developmental Biology, 8th Edition, 2006, S. 355)
a
b

c
d

e

Abbildung 5 a - e
Phasen der menschlichen Embryonalentwicklung vom Beginn der Furchungsteilung bis
zur Einnistung in die Gebärmutterwand.
(a - c): Erste Furchung und Zellvermehrung des Keimes. (d): Zusammenziehung zum
kompakten „Morulakeim“. (e): Weitung zur „Keimblase“. Die Keimblase besteht aus
einer äußeren Zellschicht, der Anlage der Nährhülle, und einer „Inneren
Zellmasse“(oben in e), aus der sich der Embryonalkörper bildet.
(Aus Lennart Nilsson: Ein Kind entsteht. Mosaik Verlag 1990)
Der
„Trophoblast“ bildet zunächst eine nur einzellige Schicht. Diese Schicht hüllt
die „Innere Zellmasse“ vollständig ein, denn sie ist die erste Anlage des
„Mutterkuchens“, also jenes Nährgewebes, das den Embryo bis zur Geburt hin
ernährt.

Abb 6: Zottige Nährhülle,
Fruchtblase und Embryo des Menschen in der 6. Woche der Embryonalentwicklung.
(Aus Scott Gilbert:
Developmental Biology, 8th Edition, 2006, S. 355)
Der sogenannte
„Mutterkuchen“, in der Fachsprache als Plazenta bezeichnet, entsteht aus der
diffus zottigen "Nährhülle", indem sich die Zotten in einem Bezirk
zusammenballen und dort einen blutdurchströmten Innenraum, die menschliche
"Topfplazenta" bilden. Die Plazenta ist also größtenteils
ein Organ des Embryo, bis auf das mütterliche Blut, das ihren Innenraum
durchströmt, und nicht etwa, wie das deutsche Wort
suggeriert, eine mütterliche Bildung. Aber dieser "Mutterkuchen" wird vollständig
zerstört und abgeworfen bei der Geburt, also in dem Moment, in dem sich der Mensch
vom Mutterleib entbindet und auf die Erde „niederkommt“. Bis dahin kann man
den Mutterkuchen als ein Bild für den „Weltenäther“ nehmen, denn wie der
Weltenäther uns lebendig umgibt, so umgibt der Mutterkuchen den Embryo und
versorgt ihn mit Leben.
Aber dann kommt der
Hammer: Jetzt, als der Mensch bereit ist, die Erde zu betreten, stoppt das
Gehirn den Mutterkuchen. Zumindest kann man die menschliche Geburt in dieser
Weise zugespitzt beschreiben, und kann sogar finden, dass bei der menschlichen
Geburt „die Materie in Absonderung herausfällt“.
Was meinte Steiner aber
wirklich? – denn er sagte ja: „fortwährend“, und nicht bloß einmalig
fällt die Materie heraus.
Wir nehmen also die menschliche Vorgeburtlichkeit, soweit sie den
menschlichen Sinnen zugänglich ist, als ein Bild für die vorgeburtliche
Situation des Menschen bezüglich des Weltenäthers aus übersinnlich -
anthroposophischer Sicht. Aber es bleiben viele Fragen offen, da wir das
„fortwährende“ Herausfallen der Nervensubstanz nicht verstehen, und ebenso wenig einsehen,
inwiefern die Materie, die da angeblich fortwährend herausfällt, nun „unbrauchbar“
sein soll, wenn daraus doch die Nerven gebildet werden.
Nun gibt es
da einen Aspekt der Hirnbildung, der uns weiterführen könnte: Im Gegensatz zu
den meisten Substanzen des menschlichen Körpers, ist die Substanz des Gehirns
nicht weiterverwertbar innerhalb des Organismus. Am schönsten (und
erfreulichsten) beobachten wir die Wiederverwertung menschlicher Substanz an den
Fettpölsterchen, die sich zurückbilden, wenn über längere Zeit ein
Kalorienmangel besteht. Auch die Nervensubstanz besteht zum größten Teil aus
fettartigen Substanzen. Diese wären bei Kalorienmangel ganz schön ergiebig. Aber
da gibt es eine Sperre: Die fettartige Nervensubstanz ist
grundsätzlich geschützt vor der Wiederverwertung bei Kalorienmangel.
Könnte
Rudolf Steiner dies gemeint haben? – Wir sind uns nicht sicher, und lesen
weiter:
Rudolf Steiner in
Dornach am 26. Juni 1924 (a.a.O):
„Und diese
Nerven bekommen dadurch, dass sie fortwährend ertötet werden, eine Fähigkeit,
die der Spiegelungsfähigkeit ähnlich ist. Dadurch bekommen sie die Fähigkeit,
dass sich durch sie die Gedanken des umliegenden Äthers spiegeln, und dadurch
entsteht das subjektive Denken, das oberflächliche Denken, das nur in
Spiegelbildern besteht, das wir in uns tragen zwischen Geburt und Tod.“
Unterbrechung:
Möglicherweise
bewertet Rudolf Steiner die Tatsache, dass die Nervensubstanz
vom Recycling des Organismus fortwährend ausgeschlossen wird, als Merkmal ihrer
Ertötung. Und dieses Merkmal soll die Grundlage einer Fähigkeit sein, die er als
oberflächliches Denken bezeichnet, das nur aus
Spiegelbildern des umliegenden Äthers (Weltenäthers?) besteht.
Wieder können wir gegen
die Logik eines solchen Gedankens nichts einwenden, aber es fehlen uns
wesentliche Bezüge zur Wirklichkeit: Worin besteht der fortwährende
Ausschluss der Nervensubstanz aus den Lebensprozessen des Organismus? Warum sind
nicht auch andere Organe des Organismus Grundlage des subjektiven Denkens, zum
Beispiel die Zähne, die Haare, die Fingernägel, die Kopfschuppen, die oberste
Hautschicht, die Muttermilch, die Tränen, der Schweiß, der Inhalt der Harnblase,
der Dickdarminhalt, die doch allesamt vom Recycling des Organismus
ausgeschlossen sind?
Wenn nicht das einmalige,
sondern das "fortwährende" Ausschließen der Substanz aus den Prozessen
des übrigen Organismus die Grundlage des subjektiven Denkens sein soll, dann
muss dieses fortwährende Ausschließen der Prozesse des übrigen Organismus ein
Hauptmerkmal der Physiologie des Nervensystems sein. Hier kommt in Betracht,
dass die Nerven des Gehirns einen fortwährenden Prozess der elektrischen
Potentialbildung unterhalten, der den Organismus sehr viel Energie kostet: Etwa
25% des gesamten Sauerstoffverbrauches entfallen Tags und Nachts, also
tatsächlich "fortwährend" auf das Gehirn.
Das zeigt die folgende
Abbildung:

Abb 7: Maxima und
Minima der regionalen Hirndurchblutung bei Messung mit der radioaktiven
Xenon-Methode. Die Gesamtdurchblutung des Gehirns im Schlafzustand wurde mit
100% bezeichnet (Bildmitte). Rote Punkte: Regionen mit mehr als 20%
Blutflusssteigerung. Blaue Punkte: Regionen mit mehr als 20% Blutflussminderung
. Aus Lang u Schmidt: Physiologie des Menschen, 30. Aufl., 2007, S. 198, Abb
8.8.
Mittels der
radioaktiven Xenon-Methode wurde der Blutfluss des Gehirns gemessen, der ja
unmittelbar vom Sauerstoffverbrauch abhängig ist. Dabei wurde der Verbrauch des
schlafenden Gehirns mit 100% angesetzt (Abb 7, Bildmitte). Nun zeigt sich erstaunlicher
Weise, dass die unterschiedlichsten Bewusstseinsaktivitäten am Gehirn nicht mehr
als etwa 16% Steigerung des Sauerstoffverbrauches verursachen.
Das ist zum Beispiel bei Muskeln ganz anders: Auch sie bauen elektrische
Potentiale auf, - wie übrigens alle Zellen des Organismus -, aber die
Energiebilanz dieser Potentiale wird nicht relativ konstant gehalten, sondern
variiert im direkten Zusammenhang mit den übrigen Funktionen des Organismus: Bei
Ruhe ist der Energieverbrauch der Muskeln nahezu Null, bei maximaler Bewegung
steigt er auf das über 1000fache!
Deshalb müssen wir so heftig noch minutenlang nach einem schnellen Lauf oder
irgendeiner anderen schweren Muskelarbeit atmen: Der ganze Körper ist eine
„Sauerstoffschuld“ eingegangen, die der Muskel alleine gar nicht hätte
begleichen können, sondern nun nachträglich über das Blut und die Lungenatmung
einfordert. Das ist es, was Muskelarbeit so gesund macht: Der ganze Körper wird
mit einbezogen, bis auf eine Ausnahme: Das Gehirn. Das Gehirn steigert seinen
Verbrauch nur um 16% im Vergleich zum Schlafzustand, wenn wir uns bewegen, wird
also fast überhaupt nicht mit einbezogen, und bezieht den übrigen Organismus
auch kaum mit ein, wenn wir Denken: Steigerung des Sauerstoffverbrauches um
ganze 10% beim Nachdenken, beim Zählen um 12%. Deshalb ist Kopfarbeit so
ungesund!
Also kann man beim Gehirn
wirklich sagen: Der Sauerstoffverbrauch ist die Folge seiner
„Substanzeigenschaften“, aber nicht seiner Funktion, denn nur zur
fortwährenden Aufrechterhaltung seiner elektrischen Eigenschaften benötigt
das Gehirn den Sauerstoff, wohingegen die jeweilige Tätigkeit innerhalb des
Organismus diesbezüglich mehr oder weniger Nebensache ist.
Die
„splendid Isolation“ des Gehirns gegenüber den Lebensprozessen des übrigen
Organismus muss also fortwährend unter Energie-Verbrauch aufrecht erhalten
werden, sonst geht die Fähigkeit des Denkens verloren, entweder permanent, oder
vorübergehend: Schon nach 10 Minuten Sauerstoff-Entzug ist die Denkfähigkeit des
Gehirns permanent zerstört. Und wie man heute weiß, schalten Schlaf- und
Narkosemittel die Denk- und Wahrnehmungsfähigkeit des Gehirns vorübergehend
dadurch aus, dass sie die Blut-Hirn-Schranke funktional aufheben, so dass also
die Gehirnprozesse vorübergehend nicht mehr aus den Lebensprozessen des übrigen
Organismus „herausgefallen“, sondern in sie einbezogen sind. Dieser Einbezug
ist es also, der uns unmittelbar das Denkvermögen kostet.
Nach dieser Klärung
schließen wir ab, was wir hierzu aus dem Vortrag vom 26.6.1924 zitieren wollten:
Rudolf Steiner in Dornach am
26. Juni 1924 (a.a.O):
„Wir werden
also dadurch, dass wir das lebendige Denken in uns wirkend tragen, fähig
gemacht, der Welt unser Sinnes- und Nervensystem entgegenzustellen, die
Eindrücke, die im umliegenden Äthers leben, in Spiegelbildern zu erzeugen und
in unser Bewusstsein zu schmeißen. So dass also dieses Denken und Vorstellen des
oberflächlichen Seelenlebens nichts anderes ist, als der Reflex der im
Weltenäther lebenden Gedanken.“
Mit diesen Sätzen sind
wir nun am Ende einer ersten Etappe der Beschreibung des menschlichen
Ätherleibes angelangt, insofern darin die zweifache Funktion des Ätherleibes auf
ihrer leiblichen, wie auch ihrer seelischen Seite skizziert ist: Der Ätherleib
tötet die „lebendigen“ Gedanken des Weltenäthers ab und erzeugt dadurch das
Gehirn. Auf der Grundlage des Gehirns erzeugt der Ätherleib sodann das
„symptomatische“ Vorstellen des Seelenlebens, das nur aus Spiegelbildern des
Weltenäthers besteht.
Der
Leser mag nun möglicherweise kaum geneigt sein, die Betrachtung hier schon
abzuschließen, zumal ja einer der ersten hier zitierten Sätze Rudolf Steiners
bereits andeutete, dass es nicht nur das Gehirn, sondern der ganze Organismus
ist, der vom menschlichen Ätherleib gestaltet wird.
Rudolf Steiner in Dornach am
26. Juni 1924 (a.a.O):
„Da drinnen
(in dem Ätherleib des Menschen) sind noch die lebendigen Gedanken, in dem, was
am Menschen bildet und organisiert“.
Unterbrechung:
Dies führt
über die Bildung und Funktion des Nervensystems hinaus. Allerdings entsteht
damit zugleich auch die Notwendigkeit einer Dreigliederung des menschlichen Organismus. Deren Entdeckung und
Veröffentlichung hat Rudolf Steiner nach seinen eigenen Angaben mehr als dreißig
Jahre geisteswissenschaftlicher Arbeit gekostet (Rudolf Steiner 1917).
Worin besteht die
Notwendigkeit einer Dreigliederung des
menschlichen Organismus?
Die knappest mögliche
Begründung auf der Grundlage des soweit Dargestellten ist diese: Nur das Gehirn,
oder besser gesagt: Nur die Nerven- und Sinnesorganisation wird in dieser Weise
vom Ätherleib des Menschen gebildet und zur Grundlage des "symptomatischen"
Vorstellens gemacht. Für die übrigen Bereiche des menschlichen Organismus kommen
andersartige Einflüsse hinzu, so dass sich die Notwendigkeit einer
Differenzierung, einer Gliederung des Organismus ergibt.
Die Tätigkeit des Ätherleibes macht das Nerven- Sinnes-System des Menschen zum
Träger des menschlichen Vorstellungslebens. Wir geben diesen Zusammenhang in den
Worten Rudolf Steiners aus der allerersten schriftlichen Veröffentlichung der
Dreigliederung des menschlichen Organismus von 1917 wieder:
Rudolf Steiner 1917 (Von
Seelenrätseln, Kap. IV, Abs. 6):
„Wie nach
dem Leibe hin das Vorstellen auf der Nerventätigkeit ruht, so strömt es von der
anderen Seite her aus einem geistig Wesenhaften, das in Imaginationen sich
enthüllt. Dieses geistig Wesenhafte ist, was in meinen Schriften der Äther- oder
Lebensleib genannt wird. . . Und dieser Lebensleib (. . .) ist das Geistige, aus
dem das Vorstellen des gewöhnlichen Bewusstseins von der Geburt bis zum Tode
erfließt “.
Unterbrechung:
Für den
Zusammenhanges des Vorstellens mit dem Organismus ist also das Nerven-
Sinnes-System des Menschen die Grundlage. Und dieses ist, wie wir erfahren
haben, eine Bildung des Ätherleibes. Und der Ätherleib selbst
ist es,
der die Gedanken hervorbringt. Die übersinnliche Anschauung des Ätherleibes wird
hier als Imagination bezeichnet. Aus anderen Zusammenhängen wissen wir,
dass Rudolf Steiner diesen Ausdruck nicht im herkömmlichen Sinne, sondern für
die erste Stufe der Einweihung im Unterschied zum „Vorstellen des
gewöhnlichen Bewusstseins“ verwendet.
Im nun folgenden Satz
wird deutlich, dass wir den Begriff des Nerven- Sinnes-Systems allerdings nicht
auf das Gehirn oder den Kopf einschränken dürfen, sondern auf das gesamte
Nervensystem, bis hinein in das Vegetativum der inneren Organe ausdehnen sollen:
Rudolf Steiner 1917(a.a.O):
„Die
körperlichen Gegenstücke zum Seelischen des Vorstellens hat man in den Vorgängen
des Nervensystems, mit ihrem Auslaufen in die Sinnesorgane einerseits und in die
leibliche Innenorganisation andererseits zu sehen.“
Unterbrechung:
Die Vorgänge des
Nervensystems müssen also mit ihren Ausläufern durch den ganzen Organismus
hindurch, gewissermaßen von seiner äußersten Peripherie in den Sinnesorganen bis
in seine „leibliche Innenorganisation“ hinein verfolgt werden.
Bei der Bildung und Wirkungsweise dessen, was hier die „leibliche
Innenorganisation“ des menschlichen Organismus genannt wird, kommen
aber zusätzlich andere organische und seelische Prozesse als die soweit
Besprochenen in Betracht. Und insofern diese zusätzlichen organischen und
seelischen Prozesse wesentliche Unterschiede in der Funktionsweise weiter
Bereiche des Organismus bedingen, entsteht die Notwendigkeit einer gegliederten
Betrachtung des menschlichen Organismus. Dies charakterisiert Rudolf Steiner
(1917) in der folgenden Art.
Rudolf Steiner 1917(a.a.O):
„. . . so
findet man, dass man . . . das Fühlen in Beziehung bringen muss zu demjenigen
Lebensrhythmus, der in der Atmungstätigkeit seine Mitte hat und mit ihr
zusammenhängt.“
Unterbrechung:
Das weist auf
Gebiete des Körpers hin, die der Hauptsache nach unterhalb des Gehirnes liegen.
Insbesondere weist es auf das Gebiet der Lunge und der Atemwege hin (und von
dort aus auch auf die Atemwege innerhalb des Kopfes: Kehlkopf, Rachen, Nase,
Nebenhöhlen, Stirnhöhlen und Mittelohr, um nur die Wichtigsten zu nennen).
Doch es wäre ein Missverständnis, wollte man die Zuordnung des Fühlens zum
Atmungsrhythmus anatomisch deuten: Nicht umsonst spricht Rudolf Steiner ja vom
Atmungs-Rhythmus, der als solcher nicht räumlich gedacht werden kann.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Man hat
dabei zu berücksichtigen, dass man zu dem angestrebten Ziele den
Atmungsrhythmus mit allem, was mit ihm zusammenhängt, bis in die äußersten
peripherischen Teile des Organismus verfolgen muss.“
Unterbrechung:
So essentiell ist
ein sachgemäßes, nicht-anatomisches Verständnis dieser Aussage, dass Rudolf
Steiner bei aller sonstigen, extremen Knappheit dieser ersten schriftlichen
Veröffentlichung der Dreigliederung des menschlichen Organismus noch das
folgende zur wissenschaftlichen Methodik seiner Forschungsergebnisse anfügt:
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Um auf
diesem Gebiet zu konkreten Ergebnissen zu gelangen, müssen die Erfahrungen der
physiologischen Forschung in einer Richtung verfolgt werden, welche heute noch
vielfach ungewohnt ist. Erst wenn man dies vollbringt, werden alle Widersprüche
verschwinden, die sich zunächst ergeben, wenn Fühlen und Atmungsrhythmus
zusammengebracht werden. Was zunächst zum Widerspruch herausfordert, wird bei
näherem Eingehen zum Beweis für diese Beziehung.“
Unterbrechung:
Um hier gleich
Beispiele zu haben, sei auf die folgende Tatsache verwiesen: Es gibt unzählige
Untersuchungen zur Nervenfunktion im Auge beim Sehvorgang, aber kaum irgendein
Wissen darüber, was sich während des Sehvorganges bezüglich der Blutzirkulation
im Auge verändert. Die Blutzirkulation ist aber insofern ein Teil des
Atmungsrhythmus, als das Atmen ja nur Sinn macht, wenn dabei Sauerstoff in das
Blut aufgenommen und Kohlensäure aus dem Blut abgegeben wird. Würde man die
rhythmischen Veränderungen der Blutzirkulation im Auge während des Sehvorganges
erforschen, so könnte man unterscheiden zwischen dem, was das Auge
erkenntnismäßig, und was es gefühlsmäßig beim Sehen vermittelt.
Doch Rudolf Steiner wählt ein
anderes Beispiel.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Aus dem weiten
Gebiet, das hier verfolgt werden muss, sei nur ein einziges Beispiel
herausgehoben. Das Erleben des Musikalischen beruht auf einem Fühlen. Der Inhalt
des musikalischen Gebildes aber
lebt in dem Vorstellen, das durch die Wahrnehmung des Gehörs vermittelt
wird.“
Unterbrechung:
Von dem, was „durch
die Wahrnehmung des Gehörs vermittelt wird“ wissen wir ja schon aus dem
Vorangegangenen, dass es ein ätherischer Inhalt ist. Doch was ist der seelische
Inhalt des musikalischen Erlebens?
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Wodurch
entsteht das musikalische Gefühls-Erlebnis? Die Vorstellung des Tongebildes, die
auf Gehörorgan und Nervenvorgang beruht, ist noch nicht dieses musikalische
Erlebnis. Das letztere entsteht, indem im Gehirn der Atmungsrhythmus in seiner
Fortsetzung bis in dieses Organ hinein, sich begegnet mit dem, was durch Ohr und
Nervensystem vollbracht wird. Und die Seele lebt nun nicht in dem bloß Gehörten
und Vorgestellten, sondern sie lebt in dem Atmungsrhythmus; sie erlebt
dasjenige, was im Atemrhythmus ausgelöst wird dadurch, dass gewissermaßen das im
Nervensystem Vorgehende heranstößt an dieses rhythmische Leben.“
Unterbrechung:
Wenn der Ätherleib
zwar die Grundlage der Wahrnehmungen und des Vorstellens, und sogar der ganzen
Gehirnbildung ist, was kommt bei der Entstehung des Gefühlslebens in geistiger
Hinsicht zur Wirksamkeit des Ätherleibes hinzu? Mit welchen übersinnlichen
Kräften müssen wir zusätzlich rechnen, wenn wir von der reinen Betrachtung des
Nerven-Sinnes-Systems in der Richtung der leiblichen Innenorganisation
absteigen?
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Das Fühlen
des gewöhnlichen Bewusstseins ruht nach der Leibesseite hin auf dem rhythmischen
Geschehen. Von der geistigen Seite her erfließt es aus einem
Geistig-Wesenhaften, das innerhalb der anthroposophischen Forschung durch
Methoden gefunden wird, welche ich in meinen Schriften als diejenige der
Inspiration kennzeichne.“
Unterbrechung:
Was meint Rudolf
Steiner mit dem „Geistig-Wesenhaften“? Und was soll „Inspiration“ als
Forschungs-Methode sein?
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Dem
schauenden Bewusstsein offenbart sich in dem der Seele zugrunde liegenden, durch
Inspiration zu erfassenden geistig Wesenhaften dasjenige, was dem Menschen als
Geistwesen eigen ist über Geburt und Tod hinaus. Auf diesem Gebiete ist es, wo
die Anthroposophie ihre geisteswissenschaftlichen Untersuchungen über die
Unsterblichkeitsfrage anstellt. So wie im Leibe durch das rhythmische
Geschehen sich der sterbliche Teil des fühlenden Menschenwesens offenbart, so in
dem Inspirations-Inhalt des schauenden Bewusstseins der unsterbliche geistige
Wesenskern.“
Unterbrechung:
Wir erfahren hier
also nicht nur, was der menschlichen Inkarnation unmittelbar praekonzeptionell
als Bedingung vorangeht (die Formung des Ätherleibes aus dem
Weltenäther). Wir erfahren nun auch, was der Inhalt der
menschlichen Inkarnation ist: Das menschliche Geistwesen. Und wir
nehmen zur Kenntnis, dass dieses Geistwesen nicht primär im Gehirn, sondern in
den rhythmischen Prozessen des menschlichen Organismus west. Dabei wird klar,
dass der Ausdruck „Inspiration“ hier nicht umgangssprachlich,
sondern zur Unterscheidung vom gewöhnlichen Bewusstsein als Bezeichnung für eine
zweite Stufe des übersinnlichen Schauens gebraucht wird.
Es erhebt sich nun die Frage,
wie sich die übrigen Teile des Organismus zu dem soweit Geschilderten
verhalten. Diesbezüglich kommen insbesondere die Stoffwechselvorgänge des
Organismus in Betracht.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Wie dann,
wenn etwas „vorgestellt“ wird, sich ein Nervenvorgang abspielt, auf Grund dessen
sich die Seele ihres Vorstellens bewusst wird, wie ferner dann, wenn etwas
„gefühlt“ wird, eine Modifikation des Atemrhythmus verläuft, durch die Seele ein
Gefühl auflebt: so geht, wenn etwas „gewollt“ wird, ein Stoffwechselvorgang vor
sich, der die leibliche Grundlage ist für das als Wollen in der Seele Erlebte.“
Unterbrechung:
Abermals wird
deutlich, dass die Dreigliederung des menschlichen Organismus bei Rudolf Steiner
nicht anatomisch, sondern funktional gemeint ist. Aber warum fällt uns ihr
Verständnis so schwer?
Rudolf Steiner nennt hierfür
Bewusstseins-Gründe:
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Nun ist in
der Seele ein vollbewusstes waches Erleben nur für das vom Nervensystem
vermittelte Vorstellen vorhanden. Was durch den Atmungsrhythmus vermittelt wird,
das lebt im gewöhnlichen Bewusstsein in jener Stärke, welche die
Traumvorstellungen haben. Dazu gehört alles Gefühlsartige, auch alle Affekte,
alle Leidenschaften, und so weiter. Das Wollen, das auf Stoffwechselvorgänge
gestützt ist, wird in keinem höheren Grade bewusst erlebt als in jenem
ganz dumpfen, der im Schlafe vorhanden ist.“
Unterbrechung:
Offenbar sind dies die Gründe
dafür, warum es bis heute in der Medizin und Psychologie nicht möglich ist, alle
körperlichen Vorgänge als Grundlage des Seelenlebens zu sehen, sondern nur die
Vorgänge des Nervensystems, und warum das Unterbewusste und die Vorgänge des
Schlafes noch immer nicht als Bewusstseinsprozesse gedeutet werden.
Es gibt aber noch
einen weiteren Grund für die Nicht-Anerkennung des Wollens als eines
eigenständigen Seelen-Vermögens. Diesen führt Rudolf Steiner(1917) als Ursache
für den Irrtum der akademischen Psychologie seiner Zeit an:
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Das Wollen
aber entfällt ganz (der) Aufmerksamkeit, weil diese sich nur auf Erscheinungen
in der Seele richten will, in dem Wollen aber etwas liegt, was nicht
in der Seele beschlossen ist, sondern mit dem die Seele eine Außenwelt
miterlebt“
Unterbrechung:
Ja, tatsächlich:
Wenn wir etwas Wollen, so greifen wir über die Grenzen unseres Organismus hinaus
in die Außenwelt ein, und schaffen dort „objektive“ Tatsachen, die mit unserem
Seelischen und Organismus nur noch die Ursache, aber kein Qualitatives mehr
gemein haben. Das verursacht weitere Schwierigkeiten für das gewöhnliche
Bewusstsein, unser „Wollen“ als ein Seelisches zu Akzeptieren:
1. Haben wir es schwer, unser Handeln als Ausfluss unseres seelischen Wollens zu
akzeptieren, wenn wir dessen Konsequenzen „nicht wollten“, mit anderen Worten:
Wenn unser bewusstes Seelenleben es nicht als das von uns „Gewollte“ akzeptiert.
Diese Art der Nicht-Verarbeitung ungewollter Konsequenzen unseres Tuns ist eines
der Hauptmerkmale des „Spießertums“. Es verwahrt sich pauschal gegen diese
Richtung der Selbst-Analyse mittels des Vorwurfes der „Nest-Beschmutzung“.
2. Haben wir die Tendenz, bereits innerhalb des Organismus Grenzen zu stecken,
die uns zu einer Absonderung des Seelischen von einem Außer-Seelischen
veranlassen. Diese Tendenz wird von der gegenwärtigen Wissenschaft mitgetragen.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„(Die
naturwissenschaftliche
Psychologie) lässt als Seelisches nur dasjenige gelten, was zu
Nervenvorgängen in Beziehung steht.“
Von dort her übernehmen wir
auch im Alltag die Tendenz, insbesondere die Organe oder Organ-Teile vom
Seelischen auszuschließen, die eine Ähnlichkeit mit den technischen Hilfsmitteln
unseres Tuns aufweisen. So scheint uns kein wesentlicher Unterschied zu
bestehen, ob wir mit dem Finger, oder mittels eines Stiftes, den wir mit den
Fingern halten, im Sand oder auf einem anderen geeigneten Untergrund schreiben.
Im einen Fall greift aber der Mensch mittels des Wollens direkt auf den
Leib, im anderen Fall indirekt auf ein technisches Hilfsmittel zu.
Die damit charakterisierte
Abtrennung des Seelischen von einem Außer-Seelischen innerhalb der Grenzen des
Organismus gipfelt in dem heute weit verbreiteten Dualismus von „Gehirn und
Körper“, der nicht nur den geistigen Ursprung des physischen Körpers verleugnet.
In letzter Konsequenz verleiht dieser Dualismus dem Gehirn den Status eines
„Geistigen“, und allen anderen Gliedern des Körpers den Status eines
„Ungeistigen“. Das Denken fällt damit auf die alte Spaltung von „Körper und
Geist“ zurück.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Der Leib
als Ganzes, nicht bloß die in ihm eingeschlossene Nerventätigkeit ist Grundlage
des Seelenlebens.“
- Im Grunde genommen ist das
damit gestellte Problem bereits vorhanden, wenn wir äußere Sinneswahrnehmungen
verstehen wollen: Hier verläuft die Richtung einfach nur umgekehrt zur
Willensrichtung: Wenn eine Qualität der Außenwelt unsere Sinnesorgane
beeinflusst, und wir daraus ein innerseelisches Erlebnis gewinnen, sind wir
wiederum kaum geneigt, von einer seelischen Aktivität zu sprechen: Wir sehen
Rot, wir sehen Blau, und indem wir dies tun, halten wir die genannten Qualitäten
für „objektive“ Eigenschaften der Welt. Aber das „Rot“, und das
„Blau“, das wir dort draußen sehen, das gibt es nur in unserer Seele, und jeder
Vergleich des Auges mit einer Kamera oder des Gehirns mit einem Computer ist in
grundlegender Weise absurd: Nicht das Auge, und nicht das Gehirn, sondern nur
die Seele nimmt die Eigenschaften der Welt als Sinnesqualitäten wahr, und dies
kann sie nur, wenn sie in einem menschlichen Körper inkarniert ist und die
Sinnesorgane intakt sind. Die Tatsache, dass die organischen Veränderungen im
Auge beim Sehen, die reproduzierbar mit „objektiven“ Eigenschaften der Außenwelt
korrelieren, uns weder bewusst, noch durch uns willkürlich steuerbar sind, darf
unseren Begriff des „Seelischen“ nicht erschüttern. Denn dieser muss auch den
Begriff des Unbewusst-Seelischen enthalten, wenn er wirklichkeitsgemäß sein
will.
Damit kommen wir zum Ende
unserer Betrachtung, nämlich zur Frage, welchen Bezug das Unterbewusste im
Menschen zu seiner höheren, zu seiner übersinnlich-geistigen Natur hat.
Rudolf Steiner 1917 (a.a.O):
„Was im Leib
durch die gewissermaßen niederste Betätigung des Stoffwechsels sich offenbart,
dem entspricht im Geiste ein Höchstes: dasjenige, was durch Intuition sich
ausspricht. Daher kommt das Vorstellen, das auf der Nerventätigkeit beruht,
leiblich fast vollkommen zur Darstellung; das Wollen hat in den ihm leiblich
zugeordneten Stoffwechselvorgängen nur einen schwachen Abglanz. Das wirkliche
Vorstellen ist das lebendige; das leiblich bedingte ist das abgelähmte. Der
Inhalt ist derselbe. Das wirkliche Wollen, auch das sich in der physischen Welt
verwirklichende, verläuft in den Regionen, die nur dem intuitiven Schauen
zugänglich sind; sein leibliches Gegenstück hat mit seinem Inhalt fast gar
nichts zu tun. In demjenigen geistig Wesenhaften, das der Intuition sich
offenbart, ist enthalten, was sich aus vorangegangenen Erdenleben in die
folgenden hinübererstreckt. Und auf dem hier in Betracht kommenden Gebiet ist
es, wo die Anthroposophie sich den Fragen der wiederholten Erdenleben und der
Schicksalsfrage nähert.“
Schlussbetrachtung:
Wir werden durch
die Texte Rudolf Steiners mit einer bildhaften Ahnung davon bekannt macht, wie
die menschlichen Gedanken und Erkenntnisse mit dem Weltenäther zusammenhängen,
und damit im Weltganzen beheimatet sind. In diesem Zusammenhang, der ja den Bau
des Gehirnes in überraschender Weise mit einschließt, liegen die Quellen für die
fundamentale Erkenntnis-Sicherheit, der wir im Werk Rudolf Steiners unerlässlich
begegnen. Man kann diese Sicherheit als einen übersinnlich fundierten
erkenntnistheoretischen Realismus bezeichnen.
Nun aber, nachdem wir auf die ganze menschliche Organisation, und nicht nur auf
das Gehirn geblickt haben, trifft uns eine zweite, viel größere Überraschung.
Diese besteht darin, dass nur das, was uns am Menschen schon immer als das
Edelste erschien, das menschliche Gehirn, nahezu ausschließlich durch den
Ätherleib bestimmt wird. Auch die übrigen Bereiche des menschlichen Leibes
werden zwar vom Ätherleib gebildet und organisiert. Aber je weiter wir in der
Betrachtung des menschlichen Leibes vom Nerven-Sinnes-System „abwärts“ zur
rhythmischen Organisation des Menschen kommen, desto mehr wird die Tätigkeit des
Ätherleibes von den Wirkungen des unsterblichen geistigen Wesenskerns
des Menschen überformt. Mit der rhythmischen Organisation des
Menschen betreten wir das leibliche Gebiet dessen, was wir im "symptomatischen"
Seelenleben als unser Fühlen erleben. Doch zugleich damit, dass hier ein höheres
Wesen als der Ätherleib mächtig wird, dämpft sich unser Bewusstsein zur
Dumpfheit von Traumvorstellungen herab.
Das Geistig-Wesenhafte, das dem menschlichen Fühlen zugrunde liegt, wird
in der anthroposophischen Terminologie als der „Astralleib“ des
Menschen bezeichnet. Dieser Ausdruck ist einer älteren esoterischen Tradition
entnommen, die Rudolf Steiner in den folgenden Worten charakterisiert:
Rudolf Steiner in „Das
Matthäus-Evangelium“ (GA 123), S. 58:
„Deshalb
nannten auch die mittelalterlichen Okkultisten diesen geistigen Leib des
Menschen den astralischen Leib, weil er verbunden ist mit den Sternenwelten und
aus ihnen seine Kräfte saugt.“
Der Bezug des Menschen zu den
Sternenwelten ist uns hier zuerst bei Rudolf Steiners Einführung des Ätherleibes
begegnet, insofern dieser dem Weltenäther entnommen wird. Doch dieser
Weltenäther ist, nicht räumlich, sondern qualitativ, doch mehr oder weniger dem
kosmischen Umkreis des Erdorganismus einschließlich des Mondes zuzuordnen. Die
Sternenwelt des Astralleibes hingegen umfasst die Planetenbewegungen unseres
ganzen Sonnensystems .
Steigen wir nun von dort noch weiter "abwärts" innerhalb des menschlichen
Organismus, so betreten wir ein Gebiet, innerhalb dessen nicht nur lebendige
Gedanken in tote Substanz verwandelt, und nicht nur lebendige Bewegung in
Rhythmen gegliedert wird. Hier wird, indem selbst die lebendige Rhythmik des
Organismus noch überformt wird, die vom Ätherleib abgetötete Substanz wiederum
in eine lebendige verwandelt. Dieses gewissermaßen „unterste“ Gebiet des
menschlichen Organismus wird abgekürzt auch als das Stoffwechselsystem
des Menschen bezeichnet. Und hier begegnen wir der ultimativen Überraschung
unserer Erkundung: Hier liegen die leiblichen Grundlagen dessen, was Rudolf
Steiner das seelische Wollen nennt. Und während die
naturwissenschaftliche Psychologie diesem Wollen, wie wir gezeigt haben,
jegliche Selbständigkeit innerhalb des Seelischen abspricht, gilt es der
Anthroposophie als der Wirkort der allerhöchsten geistigen Wesenheit innerhalb
des Menschen, als der Wirkort des „Ich“.
Dieses „Ich“ des Menschen ist ebenfalls
kosmischer Herkunft, aber seine Heimat ist nicht auf die Planetenbewegungen
unseres Sonnensystems beschränkt, sondern reicht bis zum Fixsternhimmel.
Rudolf Steiner in "Geistige
Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus" (GA 218, S. 24):
„Aus dem
Planetenerlebnis bekommt man (. . . ) die Durchfeuerung der Atmungsprozesse und
des Blutzirkulationsprozesses. Dass aber diese Prozesse substantiell sind, dass
sie durchsetzt werden von dem, was sie brauchen von Substanz, dass also diese
Prozesse fortwährend Ernährungsprozesse des Organismus auch sind, dieses
Forttreiben der Nahrungsmittel durch den Organismus, das ja scheinbar das
Materiellste ist, das aber aus höheren Kräften heraus ist als die bloße Bewegung
der Blutzirkulation, dieses beruht in seiner Anfeuerung für das Tagesleben auf
einem Nachwirken des Fixsternerlebnisses. Wie wir als physische Menschen
abhängig sind in unserem Geistig-Seelischen von der Art und Weise, wie diese
oder jene Stoffe in uns zirkulieren, hängt (. . .) mit höchsten Himmeln
zusammen, hängt damit zusammen, dass wir als geistig-seelische Wesen im dritten
Stadium des Schlafes in uns fühlen Nachbilder der Fixsternkonstellationen.“
Unterbrechung:
Hier ist,
scheinbar inkonsequent, von den Schlaferlebnissen des „Ich“ die Rede. Aber es
war doch ohnehin der Kern unserer Überraschung, dass die anthroposophischen
Mitteilungen über das menschliche „Ich“ ergeben, dass dessen Wirken im
Organismus von Seiten des gewöhnlichen Bewusstseins nur mit der seelischen
Dumpfheit erlebt werden kann, die dem traumlosen Schlaf entspricht. Was wir als
den „Schlafzustand“ im herkömmlichen Sinne kennen, ist also nichts weiter als
die Ausdehnung des „Wollens“ vom Stoffwechsel-Gliedmaßen-System her auf den
ganzen Organismus, die sich tagesrhythmisch wiederholt. Die regelmäßige
Wiederholung des Schlafzustandes ist eine Notwendigkeit für das „Ich“ des
Menschen. Indem es regelmäßig zum Erleben des Fixsternhimmels zurückkehrt,
erholt es sich vom Chaos und der Fremdheit der irdischen Lebensverhältnisse und
kann nur dadurch immer wieder der Quell unserer Initiative sein.
Je
klarer wir dies alles vor uns hingestellt sehen, desto dringender wird uns die
Frage nach dem „Wollen“ des Menschen, das offenbar zugleich unser Tiefstes und
Höchstes ist, und dessen Wirksamkeit wir offenbar mit dem gewöhnlichen
Bewusstsein immerzu „verschlafen“. Was ist dieses „Wollen“, wo finden wir es im
täglichen Leben?
Rudolf Steiner in "Geistige
Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus" (GA 218, S. 16):
„Was der
Mensch in seinen Vorstellungs- und Empfindungskräften während des Tagwachens als
Initiativkräfte tragen kann, alles das ist Nachwirkung des Fixsternerlebnisses
während der Nacht. (. . . ) Unsere Nahrungsmittel würden nicht so in das Gehirn
kommen, dass sie uns befeuern würden, Initiativkräfte zu entwickeln, wenn nicht
dieser ganze Prozess angefeuert würde durch das, was wir nächtlich erleben durch
das Sternerlebnis.“
Unterbrechung:
Also könnte man
unser „Wollen“ auch als unsere „Initiativkräfte“ bezeichnen, die,
von uns selber unbemerkt, alles das befeuern, wozu uns tagtäglich unsere
Vorstellungs- und Empfindungskräfte tagtäglich die "symptomatischen"
Seeleninhalte geben.
Doch das Wort „Initiativkräfte“ führt uns auch an den Anfang
unserer Betrachtung zurück, denn es ist aus dem Wortstamm „Initium“ = Anfang
gebildet. Hatten wir nicht ganz zu Anfang versäumt, zu fragen, wer denn den
Ätherleib aus dem Weltenäther entnimmt, um eine erneute Inkarnation
vorzubereiten? - Dies kann natürlich nur die Kraft des „Wollens“ sein, die
Äußerung unseres höchsten Wesenskernes, unseres “Ich“, also
des Geistig-Wesenhaften,( . . . ), das sich aus vorangegangenen
Erdenleben in die folgenden hinübererstreckt.“
So werden wir letztendlich
noch weiter zurück , nämlich zum Auftakt dieser Betrachtung geführt, dem
eingangs ziztierten Wochenspruch aus dem „Anthroposophischen
Seelenkalender“. Er hat offenbar ebenfalls, nun aber dichterisch, die Kraft des
Wollens zum Inhalt. Doch nun sind wir, wie das sich ständig wandelnde Leben
selbst, schon eine Woche weiter, und lesen im „Seelenkalender“ nun:
30.
März 1913
Wenn aus den
Seelentiefen
Der Geist sich wendet
zu dem Weltensein
Und Schönheit quillt
aus Raumesweiten,
Dann zieht aus
Himmelsfernen
Des Lebens Kraft in
Menschleiber
Und einet, machtvoll
wirkend,
Des Geistes Wesen mit
dem Menschensein.
(Rudolf Steiner:
Anthroposophischer Seelenkalender, 1. Auflage 1912/13)
*)
Anmerkung: Mit dem Begriff des "Außertellurischen" hat es folgende Bewandnis:
Aus anthroposophischer Sicht ist das, was wir heute den "Kosmos" nennen, nur die
tote Außenseite des Außerirdischen. Schon in urfernen Zeiten wurde die
Innenseite des Kosmos von den Mystikern als ein unendlich großes, zeitloses
Lebewesen geschaut. Dieses unendlich große und zeitlose Lebewesen wird auch als
die "Akasha-Chronik" bezeichnet, in der alle Ereignisse der Welt für immer
lebendig bleiben.
Das Schauen der Innenseite des Kosmos war "geheim". "Geheim" war es nicht, weil
man es für sich behalten wollte, sondern weil dieses Schauen nur durch
spezifische Vorbereitungsübungen der Seele erreichbar ist. Aber es war auch
geheim, weil es den "Baum des Lebens" offenbart, von dem im 1. Buch Moses in der
"Genesis" die Rede ist. Von der "Innenansicht" des "Kosmos" der Mystiker aus ist
das, was Rudolf Steiner als die "schöne Hypothese" der heutigen
Naturwissenschaft vom "kosmischen" Ursprung des Lebens verhöhnt, absolut
surreal, weil wir ja wissen, wie absolut lebensfeindlich der äußere Kosmos ist.
zurück
zur Startseite
zurück zu Heileurythmie
zurück zu Theosophie
|