Hier finden Sie ein Interview mit Heinrich Brettschneider zum Thema Asthma:

http://jucknix.de/integrative-medizin-gegen-neurodermitis-asthma-interview/

Von der speziellen anthroposophischen Therapie des Asthma handelt der hier folgende Aufsatz von Heinrich Brettschneider aus dem Jahre 1980, der sich nur auf einen Aspekt des Asthma bezieht. Zur Ergänzung dieses Aspektes bitte hier klicken…

 

Die anthroposophische Therapieregel‘

dargestellt am Beispiel des Asthma bronchiale

 

Weniger lautstark, doch unüberhörbar, ist in den letzten Jahren neben die Erleichterung und Befriedigung des technischen Fortschrittes der Medizin ein Ruf nach mehr Individualisierung zwischen Arzt und Patient getreten

Hohe Grade individueller Verantwortung des Arztes, allerhöchste Grade persönlichen Ausgeliefertseins des Patienten sind es, die das öffentliche Interesse an der Medizin ausmachen. Hier liegt eine spirituelle Seite der Medizin, denn es verbinden sich das Ich des Patienten und das Ich des Arztes.

Ein alleiniges Beachten des Individuellen in der Medizin stellt jedoch eine Gefahr dar. Dies wird deutlich an der Homöopathie: Sie betrachtet und behandelt fast nur noch den individuellen Menschen. Damit ist sie auf dem Wege, den Kontakt zum pathogenetischen Denken zu verlieren. Auch hier liegt ein spiritueller Aspekt: Nicht nur die Menschen, auch Krankheiten und deren Heilmittel müssen in Bezug auf ihr Geistig-Wesenhaftes durchschaut werden. Mit jeder Natursubstanz, jedem Naturprozess, jeder Kunstsubstanz und jedem künstlich hervorgerufenen Prozess ist Geistig­Wesenhaftes verbunden. Allein darauf beruht jegliche Möglichkeit der Therapie, dass dieses in eine Wechselwirkung mit dem Wesenhaften des erkrankten Menschen tritt.

Zunächst wird es dienlich sein, die Phänomene des Asthma bronchiale zu ordnen. Von dort aus lässt sich rationell zur Therapie kommen:

Im Asthmaanfall steigt kurzfristig der Strömungswiderstand der Atemwege so an, dass Atemnot entsteht. Im Extremfall kann völliger Atemstillstand eintreten. Die Störung betrifft vorwiegend die Ausatmung. Nach Abklingen des Anfalles sind keine Lungenveränderungen feststellbar außer einer hohen Bereitschaft zur Wiederholung des Anfalles. Stichwortartig ergibt sich daraus eine mögliche Asthma-Definition: Asthma ist: „vorzugsweise anfallsartig“, „im wesentlichen reversibel“, und: „eine Atemwegobstruktion (Atemwegverengung) auf dem Boden einer Hyperreagibilität (Überempfindlichkeit) des Bronchialsystems2“.

Abb. 1 gibt das Problem nach polaren Kategorien geordnet, wieder:

 

Mit dieser Zuordnung ist gemeint, dass die Zeitstruktur des Krankheitsverlaufes sehr individuelle Züge tragen kann (Beispiel: Auslösung eines Anfalles durch Konfrontation mit einer ganz bestimmten Substanz, Situation oder Person, gegebenenfalls auch nur einem Abbild derselben). Andererseits spielt Asthma räumlich immer am gleichen Organ, dem Atemorgan, dem „Asthmaapparat“ (K. Hansens)³.
Die Einzelkomponenten des Asthmaanfalles erlauben eine Ordnung nach denselben Gesichtspunkten (Abb. 2):

 

Der asthmatische Symptomenkomplex bildet sich in der Regel so aus, dass die Reihe seiner Komponenten, in Abb. 2 von links nach rechts gelesen, der Reihenfolge des zeitlichen Auftretens entspricht. Die Todesangst tritt nicht etwa nur als Folge der Atemnot auf, sondern wirklich im Anfall als erstes. Weil die Angst dem Asthmaanfall so vorausgeht, wie die „Aura“ dem Epilepsieanfall, hat man früher, sehr bildhaft, das Bronchialasthma als „Lungen-Epilepsie“ bezeichnet5.

Die wichtigsten Formen des Bronchialasthmas lassen sich den Komponenten des asthmatischen Symptomenkomplexes so zuordnen, dass deutlich wird, welche Kategorie jeweils im Vordergrund steht (Abb. 3):

 

Chemisch-irritatives Asthma tritt unter massiven physischen Belastungen auf, besonders in der Industrie, wenn chemisch stark reizende Substanzen eingeatmet werden. Eine Substanz, die hier hervorsticht, ist Schwefelsäure (H2S04). Mit Schwefelsäure kann man im Tierversuch, z. B. am Hund durch Einatmenlassen, den Zustand der Hyperreagibilität des Bronchialsystems hervorrufen6. Schwefelsäure stellt auch zunehmend eine Atembelastung für die Bevölkerung industrieller Ballungsgebiete dar (nach Anders und Jores7 kamen in Deutschland 1937 siebzehn, 1952 siebenundzwanzig, 1967 siebzig Asthmatiker auf je 10000 Krankenversicherte)

Sog. Psychogenes Asthma steht polar dazu. Sein Auslöser ist die Angst. Angst ist das „Schwefelsäure~Äquivalent“ des psychogenen Asthmas.

Schlägt man heutzutage ein allgemeines Lehrbuch der Inneren Medizin auf, findet man wenig mehr als sog. Exogen-allergisches Asthma erwähnt. So auch im Lehrbuch Schettlers, das relativ preiswert dem Studenten vornormiert, wohin das Examenswissen reichen soll.8 In solchen Büchern wird Asthma überhaupt nicht mehr phänomenologisch geschildert, sondern nur noch aufgelistet im Zusammenhang mit dem sog. Atopie-Status. Zum sog. Atopie-Status gehört, dass schon die Kindheit mit Milchschorf und ähnlichen Ekzemen beginnt. Es folgen spastische Bronchitis, eventuell Heuschnupfen, eventuell Bronchialasthma und allergische Hautkrankhei­ten verschiedenster Art. Angeblich ist der Atopie-Status erblich. In der Diagnosestellung spielt die Familienbefragung eine große Rolle. Worauf angesichts der auffälligen familiären Häufung des Allergie-Asthmas für unsere Ordnung geblickt werden soll, ist: Als Auslöser können sehr wohl Substanzen nachgewiesen werden: Blütenstaub, Hausstaub, Tierhaare, Pilzsporen usw. Es handelt sich aber um Substanzen, die nur für einzelne Individuen auslösend sind. Die Anfälle häufen sich im Frühsommer (Blüten­staub) und Herbst (Hausstaub).

Für Infekt-Asthma typisch ist die vorausgehende oder gleichzeitige Häufung von Infekten der Atemwege. Grundlage dieser Häufung ist eine Minderwertigkeit des Bronchialsekrets und der Wärmeorganisation, die eine Erkältungsneigung begünstigen. Es häuft sich im Winter, und hat einen ersten Häufigkeits-Gipfel im Kindesalter.
Anstrengungs-Asthma: Es wird provoziert durch körperliche Anstren­gung, wenn gleichzeitig trockene, kalte Luft geatmet wird. Zeitdauer und Art der Anstrengung stehen in paradoxer Beziehung: Laufen wirkt stärker als Radfahren. 8 Minuten Laufen sind schlimmer als 2 Minuten, aber auch schlimmer als 15 Minuten. Schwimmen wird tadellos ertragen. Husten und Lachen gehen dem Anfall häufig voraus. Neuerdings werden Beziehungen zur sog. Kälte-Allergie diskutiert.9

Das echte Allergie-Asthma ist am häufigsten im 2. Lebensjahrsiebt, denn es heilen mit der Pubertät bis zu 50 % der Fälle spontan aus12.

Einen zweiten Häufigkeitsgipfel erreicht das „Infekt-Asthma “ weit jenseits der Lebensmitte: Dann steht die chronische eitrige Emphysembron­chitis im Vordergrund13. Sie veranlasst Asthma, ist aber nicht identisch mit Asthma.

Chemisch-irritatives Asthma betrifft praktisch nur den Berufstätigen, und diesen besonders, wenn er ein langjähriger Raucher, d.h. vorgeschädigt ist.

Ein sinnvoller Umgang mit Abb. 3 kann allerdings nur darin bestehen, dass man sieht, dass keine Asthmaform selbstständig existiert. Alle genann­ten Formen haben ihren relativen Stellenwert auf dem Boden einer Hyper­reagibilität des Bronchialssystems.

Es gibt aber heute in der Praxis eine große Anzahl von Menschen, die als einziges Symptom ihrer Asthma-Erkrankung einen Husten haben, der einfach nicht mehr weggehen will. Das ist eine leichte Form des Asthmas, die nicht mit den klassischen Asthma-Anfällen einhergeht, aber dennoch den Beginn einer chronischen Krankheit darstellt.

Goethe beschreibt den inneren Zusammenhang von Atmung und Emp­findung, wenn er sagt:17

 

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:

Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.

Jenes bedrängt, dieses erfrischt;

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Du danke Gott, wenn er dich presst,

Und dank‘ ihm, wenn er dich wieder entlässt.
 

Bei gesunder Atmung muss einerseits das Seelische ganz in die Stoffwechsel-Gliedmaßen-Tätigkeit der Ich-Organisation eingebunden sein, die der Lungentätigkeit den Rhythmus gibt. Andererseits muss die Seele in dem, was von der Lunge bewegt wird, im Atemstrom, so freibleiben, dass sich ein gesundes Gefühlsleben entwickeln kann. Was Goethe im „Diwan“ „Gott“ nennt, das können wir hier die kosmische Weisheit des höheren Ich nennen, das seine Organisation im Bewegungssystem des Menschen schafft. Für die Gesetzmäßigkeit, mit der solches geschieht, soll der Begriff „Karma“ eingesetzt werden. Man denke an die übermenschliche Weisheit, die in Blutkreislauf, Verdauung, Ausscheidung, Sexualität waltet. Auch an die Kräfte unserer Gliedmaßen denke man, die wir im Laufe unseres Lebens nur allmählich und nur teilweise zu lenken lernen. Abb. 4 zeigt den Begriff vom „Ich“, wie er zunächst am Gegenstandsbewusstsein erfahren wird, erweitert für ein Verständnis der Atmung.

In dieser Betrachtung sind die Wesensglieder, die die Anthroposophie im Menschen unterscheidet, folgendermaßen wirksam: Das fertige Sinnesor­gan ist Physischer Leib. Während der Embryonalzeit hervorgebracht und als fertig gebildetes Organ lebend erhalten wird es vom Bildekräfte- oder auch Ätherleib, der Lebensorganisation des Menschen. Die Wachheit der Seele stützt sich auf die leibliche Seelenorganisation, den Astralleib. Das Ich-Bewusstsein des Menschen, das mit dem Schärfepunkt des Sehens den Leib bis an die Sehgrenze verlassen kann, wird im Leibe von einer Ich-Organisation getragen.

Der Asthmatiker kann sich der eingeatmeten Luft nicht entledigen, weil die Ich-Organisation aufhört, dem in der Atmung tätigen Astralleib rhyth­mische Zeitstruktur zu geben. Vor Arbeitern schilderte R. Steiner18, durch welche Lebenssituation eine asthmatische Krankheitsdisposition hervorge­rufen werden kann: Anlässlich einer Hustenkrankheit, z. B. eines Keuch­hustens, entsteht eine Wunde auf der Bronchialschleimhaut des Kindes.

 

Der Astralleib engagiert sich an diesem Defekt, wird sinnesartig tätig: Die Hustenstöße, die nun folgen, dienen nicht dem Gasaustausch. Sie sind bloße Reaktion auf den Reiz. Der Therapeut muss in diesem Stadium so auf die Umgebung des Kindes einwirken, dass jegliches Erschrecken vermieden wird: Durch Erschrecken würde nicht nur der Keuchhusten verschlimmert. Es würde Asthma präformiert: Im Erschrecken fährt das Ich aus den Gliedern, das Antlitz erbleicht. Der Astralleib wird nun von der Seite, die die Atmung rhythmisiert, zu wenig organisiert. Dort, wo die Schleimhaut defekt ist, lässt er nicht locker. Wo der Astralleib die Lebensorganisation zermürbt, tritt er unmittelbar auf den physischen Leib: Verkrampfung ist die Folge.

 R. Steiner fasst die Situation zusammen, wenn er sagt: „Asthma, das durch Verkrampfung entsteht, und das in seinem Symptomenkomplex Blutanfüllung unten, Blutleere oben hat, … Bei einem solchen Asthma handelt es sich darum, dass der Sinnes-Nerven-Prozess in den Atmungsprozess hinuntergerutscht ist.“19

 

Abb. 5 gibt schematisch den asthmatischen Symptomenkomplex in bezug auf die darin wirksamen Wesensglieder des Menschen wieder. Schreck kann, wenn das Ich dazu disponiert ist, die Ich-Organisation herauslocken aus dem Wesensgliedergefüge. Spasmus entsteht, wenn Seelisches ohne Regulation von seiten der Ich-Organisation im Organismus wirkt. Sekreteindickung ist die Folge, wenn der mangelhaft regulierte Astralleib die Lebensorganisation, d. h. den Ätherleib, zermürbt. Schleimhautschwellung bildet sich, wenn der Ätherleib daraufhin nicht mehr in der Lage ist, die physische Gestalt im Gleichgewicht zu halten: Die ersten Anfänge des Gestaltverlustes bestehen in einer noch rückbildungsfähigen wässrigen Schwellung der Bronchialschleimhaut (Ödem).

R. Steiner gibt in dem Vortrag über Keuchhusten die gleiche Therapie an wie bei Asthma: Säure äußerlich. Es kann nun auf eine erste Art versucht werden, die anthroposophische Therapieregel am Beispiel der Säureanwen­dung gegen Bronchialasthma darzustellen.

Für die Homöopathie wurde von Hahnemann20 als Therapieregel formu­liert: Krankheiten, die durch ein Gift in großer Dosis hervorgebracht werden, können durch ein ähnliches Gift in kleiner Dosis geheilt werden (Similia similibus curantur).

Nach R. Steiner deckt sich diese Regel erst mit den Tatsachen, wenn sie so umgeformt ist: Was über den unteren Menschen beigebracht, in großer Dosis krank macht, das wirkt heilend in kleiner Dosis über den oberen Menschen, und umgekehrt.1

Was R. Steiner als Metalltherapie vorführt, bedient sich vorwiegend kleiner Dosen. Unschwer wird der homöopathisch Geschulte in R. Steiners Schilderung des asthmatischen Symptomenkomplexes (Verkrampfung, Blutleere oben, Blutstau unten) das Heilmittelbild des Kupfers wiederfin­den, das Steiner im gleichen Vortrag knapp umreißt (Kreislaufstörungen als Folge von Unterernährung). Steiner verfolgt den Gedanken aber hier nicht weiter, sondern wählt überraschend den anderen Weg: Säure äußerlich.

Wie wirkt Säure äußerlich? — Man spürt sie auf der Haut: Säure brennt. Säureanwendung führt eine flächige Reizung des Hautsinnes herbei, der eine reaktive Hautrötung folgt. Nicht ätzende Säuregrade können eine zu weiche Haut therapeutisch festigen. Starke Säuregrade machen Verbrennungserscheinungen. Konzentrierte Schwefelsäure verkohlt die Haut von der Oberfläche her. Die Wirkung des Säurehaften wird noch deutlicher, wenn man mit Lauge vergleicht. Lauge stumpft den Hautsinn ab und weicht die Haut auf. Konzentrierte Natronlauge sickert in die Haut ein und macht innen eine Verkochung (Quellungsnekrose). Nicht nur chemisch, auch biologisch wirken Säure und Lauge polar.

Schwefelsäureinhalation kann den Hund zum „Asthmatiker“ machen. Andere Asthma-Auslöser sind gewissermaßen Säure-Äquivalente. Asthma ist eine Vergiftung des mittleren Menschen durch Säure-Äquivalente, d. h. eine „imponderable“ Säurevergiftung. Dieser muss begegnet werden durch eine „ponderable“ Säurevergiftung, d. h. eine Säureanwendung über den oberen Menschen, in großer Dosis: Die Sinnestätigkeit, die aus dem oberen in den mittleren Menschen heruntergeschlagen ist, wird zurückgeholt durch einen künstlichen, stärkeren Sinnesprozess auf der Haut. (Im Vergleich zur Haut, auf deren Sinnestätigkeit gewirkt wird, ist das Atmungssystem unten. Zur sachgemäßen Anwendung der Therapieregel gehört also in jedem Fall ein korrelierendes Eingehen auf die relative räumliche Lage des Krank­heitsprozesses zum Ort der Heilmittelanwendung).

Es wäre damit der Aufgabe entsprochen, die durch das Thema gestellt ist: Die Lösung einer Dosierungsfrage anhand der Therapieregel. Allerdings bliebe der Einwand, dass ein ähnlicher Effekt mit ganz anderen Substanzen zu erreichen ist, wenn diese nur auch einen starken, flächigen Hautreiz mit Rötung zu setzen vermögen (z. B. mit Senfmehl).

Was hat die Säure als Substanz mit dem Krankheitsgeschehen zu tun? Die Art unserer heutigen Bildung führt dazu, dass wir uns unter einer substanz-spezifischen Heilmittelwirkung kaum anderes vorstellen können, als dass Bestandteile dessen, was angewendet wird, in den Organismus aufgenom­men werden. Erst wenn dies der Fall sein kann, rechnen wir mit einer innermenschlichen Wechselwirkung. Für den heutigen Mediziner gibt es kaum eine größere Herausforderung seiner Skepsis als die Anwendung äußerer Mittel in der Therapie, die voraussichtlich nicht ins Innere dringen.

Solch ein Denken rechnet nicht mit der Tatsache, dass die menschliche Leibesorganisation in sich polar ist: Ein Pol dieser Organisation ist das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System. Hier steht die Aufnahme von Substanzen im Vordergrund.

Das Sinnessystem verhält sich jedoch polar dazu: Für das sinnliche Wahrnehmen ist die Aufnahme substanzieller Bestandteile der Wahrnehmungsobjekte keineswegs Bedingung. Wohl nehmen wir Substanzen auf, um Riechen oder Schmecken zu können. Im gesamten Sinnesspektrum haben diese beiden Sinne jedoch eine Ausnahmestellung: Im Schauen begnügen wir uns mit Lichtreflexen von der Oberfläche der Gegenstände. Zum Tasten genügt uns ein Druck gegen die eigene Leibesgrenze. Eine Schwingungsdifferenz genügt uns, zu hören, ob ein Gegenstand hohl oder massiv in seinem Inneren ist, usw. Analog dazu besteht auch keine Notwen­digkeit, dass Bestandteile des Säurebades in die Haut eindringen müssen, damit eine biologische Antwort des Organismus erfolgt.

W. Ruhmann21 konnte die Magenperistaltik durch Aufbringen von Säure (Salizylsäure) auf die Haut des Oberbauches beeinflussen. Die Wirkung trat nur ein, wenn Hautrötung erreicht wurde. Schmerzhafte Stimuli hingegen, z. B. Stechen, Zwicken, Elektrisieren, hatten keinen Einfluss, es sei denn, sie waren so stark, dass es zu einer Allgemeinwirkung auf den Organismus kam.

Hautrötung ist ein Zeichen für ein verstärktes Eintauchen der Ich-Orga­nisation im Zirkulationssystem. Vom Säurebad ist deshalb nicht nur eine krampflösende, sondern auch eine allgemein kräftigende Wirkung zu erwarten. Nicht: Was hat die Säure als Substanz mit dem Menschen und seinen Krankheiten zu tun, muss gefragt werden (denn die Sinneswirkung ist eine spezifische Wirkung dieser Substanz), sondern: welche Rolle spielt Säure für das menschliche Stoffwechselsystem? — Welche Rolle spielt der Stoffwechsel für die Entstehung des Asthma?

H. J. Sielaff22 hat einmal zusammengestellt, wie viele Forscher schon Magendarmstörungen in Verbindung mit Bronchialasthma beobachtet haben. Der Zusammenhang ist sicher signifikant, auch dann, wenn man von Nebenwirkungen der üblichen Asthmabehandlung absieht. Die häufigsten der mitgeteilten Störungen waren unspezifisch: Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme, abdominelle Schmerz- und Beschwerdezustände wie Völlegefühl, Aufstoßen, Blähungen, Darmkrämpfe, Schluckstörungen und Stuhlverstopfung. Eine Häufung von Magen- und Zwölffingerdarmge­schwüren, Reizkolon und Colitis ulcerosa konnte jedoch in den letzten Jahren nicht bestätigt werden.

F. E. Schmengler23 führt zahlreiche Autoren an, die ebenso unspezifische Störungen der großen Stoffwechseldrüsen Leber, Pankreas und Nieren fanden. Diesbezügliche Beobachtungen sind seitdem so in die Breite ge­wachsen, dass heutige Asthma-Monographien lieber gar nichts davon erwähnen.

Wir möchten hier nur drei weitere Tatsachen hinzunehmen:

  • Zweifellos verstoffwechselt der Gesunde im Gegensatz zum Asthmati­ker nahezu unbemerkt, was sich fortwährend an Pollen, Milben, Hausstaub, Tierhaaren, Bakterien usw. auf der Bronchialschleimhaut niederschlägt.

  • Die sog. „pulmonale Kachexie“, d.h. die Abmagerung des Asthmatikers, noch mehr der Wachstumsrückstand der Asthma-Kinder, springt so ins Auge, dass D. Nolte, obwohl Lungenfacharzt, ein ganzes Kapitel diesem Sachverhalt widmet.2

  • Während des Anfalles treten kurzfristig starke Veränderungen des Flüssigkeitshaushaltes von Nieren und Haut ein, die erstmals von 0. Rosenbach24 mitgeteilt, von W. H. Weil25 näher beschrieben wurden. Der Harn ist während des Anfalles seiner Menge nach drastisch reduziert, dunkel gefärbt und sauer. Nach dem Abklingen des Anfalles tritt Harnflut auf mit reichlich hellem, alkalischem Urin (Unna spastica). Ein vergleichbarer Wechsel von Harnstau und Harnflut ist bekannt für epileptisehe Anfälle.

Ähnliches gilt für die Schweißbildung: Im Anfall wird mit zunehmender Atemnot der Schweiß spärlich, kalt und klebrig, und findet sich nur an Stirn-, Hand- und Fußflächen. Bei abklingender Atemnot wird reichlich warmer, nicht klebender, nicht riechender Schweiß von der ganzen Körperoberfläche abgegeben. Das Schwitzen im Anfall entspricht dem Typus des „emotionellen Schwitzens“ das nach dem Anfall dem Typus des „Wärme­Schwitzens“ nach Kuno26.

Unsere heutige Bildung möchte suggerieren, der Mensch sei ein kompli­ziertes Chemielabor. Diese Ansicht wird besonders stark in bezug auf das menschliche Stoffwechselsystem ausgebildet. Sie deckt sich aber keines­wegs mit der Beobachtung: Gehen wir in ein Chemielabor. Machen wir einen Ansatz, z. B. aus Natronlauge und Salzsäure. Wir finden dann: Je nach Proportion der Zusätze ist der Ansatz mal sauer, mal basisch. Nie aber können wir erleben, dass der Ansatz von sich aus ins Saure geht oder von sich aus umschlägt ins Basische. — Der menschliche Muskel z. B. tut dies unzählbar oft im Menschenleben: Wenn er arbeitet, wird er sauer, wenn er ruht wird er basisch usw. Was R. Steiner „das Kosmische in der Muskelche­mie“27 nennt: Wir können es anfänglich mit „Rhythmus“ übersetzen — Auch Laboransätze zeigen, wenngleich nur torsohaft, Rhythmus: Maximal 6 Stunden lang kann die sog. oszillierende Reaktion nach Belousov-Zabo­tinski rhythmisch hin- und herschlagen. Dann tritt Stillstand ein. Es ist damit die Perspektive offen einsehbar, die der Mensch hätte, wäre er ein kompliziertes Chemielabor: Er hätte maximal 6 Stunden zum Leben.

A.      Scheffler, auf. dessen Arbeit hier zurückgegriffen wird28, hat ein Denken über den Chemismus ausschließlich aus sinnenfälligen Tatsachen, d.h. frei von den heute üblichen atomistischen Hypothesen, aufgebaut. Dabei ist sichtbar geworden, was die Substanzen als chemische Fähigkeiten tragen: Säure hat z. B. die Fähigkeit, Lauge zu binden. Jede Säure hat außerdem die Fähigkeit, eine relativ schwächere Säure freizusetzen. Polar dazu die chemischen Fähigkeiten von Lauge: Lauge bindet Säure und setzt eine schwächere Lauge frei.

Auch die Anwendung auf die Muskelchemie stammt von Scheffler29: Ein Muskel hat, innerhalb des Organismus, die Fähigkeit, Säuren freizusetzen, wenn er arbeitet (Kohlensäure, Milchsäure, Phosphorsäure). Er bindet schwache Säuren, wenn er ruht: Phosphorsäure, Glukose (Glukose darf als Aldehyd ein schwach saurer Charakter zugeschrieben werden; im ruhenden Muskel wird sie als schwach basische Stärke gebunden). Es verhält sich also der Muskel, je nachdem, ob er ruht oder arbeitet, mal wie eine Säure, mal wie eine Base, ohne dass durch chemische Analyse eine Einzelsubstanz gefunden werden kann, die im Muskel so wirkt. Auch der Muskel als ganzer verliert diese Fähigkeit rasch, wenn man ihn trennt vom Organismus. Es kann weder eine Einzelsubstanz, noch das isolierte Organ Rhythmus entfal­ten, sondern nur der Prozesszusammenhang. Es lässt sich also die Existenz des Ätherleibes als Denknotwendigkeit darstellen, der dem Substanzge­schehen Zeitstruktur gibt.

 

Man blicke mit diesen Begriffen auf die Prozesszusammenhänge des menschlichen Magendarmtraktes: Ein erster Schritt der Verdauungstätig­keit setzt Säuren frei. Räumlich erstreckt er sich vom Munde (Ptyalinisie­rung) bis zur Darmwand (s. Abb. 6, Rot). Das Freisetzen von Säure ist am deutlichsten in der Fettverdauung (Freisetzen von Fettsäuren). Die Eiweißverdauung setzt Aminosäuren, die Kohlehydratverdauung Monosaccharide frei, die als Alkohole und Aldehyde schwach sauren Charakter tragen. Der erste Verdauungsschritt entspricht also einer Säuretätigkeit.

Die freigesetzten „Säuren“ (gemeint sind alle Spaltprodukte der Fett-, Eiweiß-, und Kohlehydratverdauung) werden aufgenommen von einem zweiten Prozess. Dieser spielt sich ab jenseits der Darmwand, d.h. zwischen Darmwand, Lymph-, Blut- (d.h. Pfortader-), Milz- und Lebersystem. Weil er Säuren bindet, läßt er sich als Laugentätigkeit beschreiben. Es wird dabei nicht so sehr nur auf den Säurecharakter des Aufgenommenen geblickt wie darauf, dass dieser Prozess als bindender dem ersten Prozess als freisetzendem so polar gegenübersteht, wie sich die chemischen Fähigkeiten von Lauge und Säure gegenüberstehen (siehe Abb. 6, Blau).

R. Steiner schildert den Nahrungsaufnahmeprozess mehrfach30,31 als einen doppelten: Der Einsonderung in den Darm (Abb. 6, Rot) folgt die Aufnahme des Eingesonderten jenseits der Darmwand (Abb. 6, Blau).

Die Einsonderung — in Schefflers Begriffen eine Säuretätigkeit — wird von R. Steiner als strahlender Prozess bezeichnet, denn er ist Fortsetzung und Metamorphose der Sinnestätigkeit, vor allem des Riechens und Schmeckens, nach innen. Riechen und Schmecken führen nicht, wie z. B. Hör- und Sehsinn, hinaus in die Außenwelt, sondern hinein in den Leib. Dort bewirken sie die sog. nervale Phase der Magensekretion. (Deshalb R. Steiners Hinweis, dass Riechen und Schmecken herausfallen aus der Reihe der Sinne.)

Die nach innen metamorphosierte Sinnesstrahlung löst eine reflektori­sche Tätigkeit des Astralleibes aus, die zu Schweißbildung (,‚Geschmack-Schwitzen“ nach Kuno) und Harnabsonderung30 führt (s. Abb. 6, Grün).

Den zweiten Nahrungsaufnahmeprozess, die Aufnahme des Eingesonder­ten — in Schefflers Begriffen eine Laugetätigkeit — bezeichnet R. Steiner als einhüllenden Vorgang. Er hängt mit der Tätigkeit des Struktureiweißes der großen, nach hinten gelegenen parenchymatösen Organe Leber, Lunge, Hirn, — besonders der Leber, zusammen. Während der einstrahlende Prozess mehr unter der Dominanz des Astralleibes steht (Metamorphose der Sinnestätigkeit, Devitalisierung der Nahrungsstoffe), steht der einhüllende Vorgang unter der Dominanz des Ätherleibes (Wiederaufbau der devitalisierten Nahrungsstoffe zu körpereigener, belebter Substanz).

Der einhüllende Vorgang löst reflektorische Tätigkeiten aus, die wie dieser unter der Dominanz des Ätherleibes bleiben. Sie führen zur Stuhlent­leerungsbewegung des Darmes (sog. gastrokolischer Reflex) einerseits. Andererseits wird eine Förderung der Sekretbildung und Flimmerbewegung der Bronchialschleimhaut (sog. mucociliäre Reinigung) angeregt (s. Abb. 6, Gelb). Damit wird der gesunde Zusammenhang von Darm- und Atmungs­funktion überhaupt erst deutlich: Fortwährend muss durch ein harmoni­sches Ineinandergreifen von Säure- und Laugeprozessen des Darmtraktes ein Gesundungsprozess der Bronchien unterhalten werden, der auslöscht, was als Austrocknungs- und Reizbildungstendenz mit der Atemluft herein­dringt.

An dieser Stelle lässt sich mit Schefflers Begriffen auch verarbeiten, was man heute über die Biochemie des Bronchialsekretes weiß: Eine ständig unterhaltene proteolytische (d.h. eiweißverdauende) Aktivität des Bron­chialsekretes hält die Luftwege unterhalb des Kehlkopfes praktisch keimfrei. Das Lysozym, das bedeutendste und bisher am besten bekannte Enzym des Bronchialsekretes tut dies, indem es Muraminsäure aus der bakteriellen Zellwand freisetzt, was einer Andauung gleichkommt (Säuretätigkeit). An­dere Eiweißkörper, insbesondere das sog. sekretorische Immunglobulin A, müssen hinzutreten, um das Innere der Bakterien für die Andauung freizulegen.32 Sekretorisches Immunglobulin A spielt aber auch eine bedeutende Rolle dadurch, dass es feine Reizstoffe (z.B. Blütenstaub) bindet. Mangelhafte Bildung von sekretorischem Immunglobulin A liegt nach heutiger Kenntnis dem Pollen-Asthma, einer Sonderform des Allergie-Asthmas, zugrunde, evtl. auch der Häufung bronchitischer Erkrankungen bei Asthma-Kindern33. Makrophagen (Eiterzellen), die bei Reizzuständen der Bronchien in den Bronchialschleim einströmen, können die ständig vorhandene proteolytische Aktivität auf der Schleimhautoberfläche drastisch steigern durch zusätzliches Freisetzen eiweißverdauender Fermente. Normale Be­standteile des Bronchialsekretes (sog. d 1-Antitrypsin und ein sog. nieder­molekularer Proteaseninhibitor) binden, d. h. neutralisieren den überschießenden Säureprozess. Nach Schefflers Begriffsbildung unterhalten sie eine Laugetätigkeit. Ihr Fehlen liegt nach heutigem Verständnis der Entstehung des Infekt-Asthma und der endgültigen Lungendeformation durch Andauung bei chronischer Bronchitis zugrunde. Der Bronchialschleim solcher Patienten gleicht insofern der Schwefelsäure, als er wie diese im Tierversuch Hunde zu „Asthmatikern“ machen kann.6

 

Damit wird deutlich: Die Vorgänge an Bronchien und Darm sind teilweise analog: Hier wie dort gibt es einstrahlende Säure- und einhüllende Laugenprozesse. Und sie bedingen einander.

Auch in den Sinnesorganen findet sich die Doppelheit einstrahlender Säure- und einhüllender Laugeprozesse rhythmisch tätig: Im Auge ist es z.B. das Licht, das säureartig wirkt. Es setzt dort Vitamin-A-Aldehyd, das fortwährend Vitamin-A-Säure werden möchte, aus seiner Bindung an Opsin, einem Eiweißkörper der Netzhaut, frei.

Auch hier muss der Ätherleib rhythmisch eingreifen, indem er in der Ruhephase des Auges Vitamin-A-Säure und Opsin zum Rhodopsin (Sehpurpur), einer sog. Schiffschen Base, verbindet. Dieser LaugeProzess ist Voraus­setzung für die Fähigkeit das Auges, erneut zu sehen.

Die sog. Schneeblindheit z. B. entsteht bei strahlungsbedingter Kerato­konjunktivitis durch intensiven Augenlid-Krampf. Er bewirkt, dass der Betroffene seine Augen nicht öffnen kann und insofern vorübergehend „blind“ ist. „Schneeblindheit“ tritt ein, wenn bei extremer Sonnenlichtrefle­xion übermächtige Sinnestätigkeit (Säureprozess) die Regeneration des Sehpurpurs (Laugeprozess) zu überwältigen droht.

Die Analogie zum Asthma (mittlerer Mensch) ist deutlich. Gegenüber den Verhältnissen im unteren Menschen finden sich auch polare Gesichtspunkte: Was sich im oberen Menschen (Sinnesorgane) als Kampf zwischen Außen (Säureprozess) und Innen (Laugeprozess) auslebt, ist im Darmtrakt primär innere Doppelheit. Der Darmtrakt enthält die Außenwelt eingestülpt — metamorphosiert.

Was ist Appetit, menschenkundlich? Im Ätherleib entsteht eine negative Nahrungsbilanz. Dies teilt sich dem Astralleib mit und tritt durch die Empfindungsseele als Appetit in das Bewusstsein. Der Appetit richtet sich auf das, was uns im Innern fehlt, weil der Astralleib teilnimmt an den Stoffwechselprozessen des Ätherleibes.

Aus eigener Beobachtung weiß jeder Mensch, dass seelische Belastung appetitlos machen kann. H. W. Smith konnte nachweisen, dass Kälte, Angst und Mathematik gleichermaßen eine Minderdurchblutung von Darm, Haut und Nieren herbeiführen34. Appetitlosigkeit entsteht, wenn sich der Astral­leib aus dem Ätherleib der Stoffwechselorgane zurückzieht. Dies ist die Wirkung seelischer Belastung: der Astralleib zieht sich auf den oberen Menschen zurück. Der gesunde Mensch erleidet solches nur vorübergehend. Als Dauerzustand ist es die sog. Neurasthenie, die konstitutionelle Nervenschwäche, die so geartet ist, dass die leibliche Innenwelt vom seelischen Außenmilieu überwältigt wird. Hautblässe und Appetitmangel sind Kardinalsymptome der Neurasthenie, weil sich der Astralleib ständig nach oben zurückziehen möchte.

Substanzen des äußeren Milieus können wie Kälte, Angst oder Mathematik wirken. Allergische Ekzeme, Heuschnupfen und Asthma sind neurasthenische Krankheiten par excellence. „Appetitlosigkeit“ der inneren Organe ist Grundlage aller Funktionsstörungen, die zu Asthma führen.

Können seelische Erlebnisse substanzartig, d.h. konstitutionsbildend wirken?

Der gesunde Erwachsene erleidet die körperlichen Folgen seelischer Belastung deshalb nur vorübergehend und nur bis zum Grade funktioneller Störungen, weil er eine voll ausdifferenzierte Lebensorganisation hat, die ein distanziertes Bewusstsein trägt. Während des Embryonallebens gibt es noch keine Differenzierung in bewusste und unbewusste Lebensprozesse. Der Embryo erlebt den Geschmack nicht nur auf der Zunge, sondern durch den ganzen Organismus hindurch, allerdings überall unbewusst. Sein ganzer Leib ist Sinnesorgan. Alle vorgeburtlichen Erlebnisse wirken deshalb unmittelbar in die Organbildung hinein. Durch Kümmernisse und Schocks der Mutter, die sich während der Schwangerschaft häufig wiederholen, entsteht im Embryo ein Astralleib, der sich dauernd auf den oberen Men­schen zurückziehen möchte37. Für die ersten Lebensjahre nach der Geburt, in denen immer noch als Grundsituation vorherrscht, dass ein distanziertes Bewusstsein nicht ausgebildet ist, kann die neurasthenische Veranlagung dadurch weiter eingeprägt werden, dass die Eltern Prügel geben oder ihre neurotischen Ängste verbreiten.

Asthmatiker leiden auffällig oft unter unangenehmen Geruchswahrnehmungen. Dies hat die psychosomatische Medizin zur Kenntnis des Asthma bronchiale beigetragen. Durch hals-nasen-ohren-ärztliche Spezialuntersuchungen konnten objektive Änderungen der Geruchsinnesschwelle, d. h. messbare Änderungen des physischen Geruchsorganes, ausgeschlossen werden. Das Phänomen wurde der psychosomatischen Tradition gemäß nur symbolisch interpretiert als Zeichen neurotischer Sauberkeitszwänge und Beschmutzungsängste35.

 Für die anthroposophische Methode ist jedoch klar: Antipathische Geruchsillusionen sind einerseits Ausdruck der Neigung des Astralleibes vom Stoffwechselsystem zurückgezogen, d.h. zu stark sinnesartig zu arbeiten. Andererseits sind sie Ausdruck der Abneigung des Ätherleibes, den Astralleib an den Lebensprozessen der Stoffwechselorgane teilnehmen zu lassen37. Dies teilt sich als „Anti-Appetit“, als Ekel der Empfindungsseele mit und wird dort zum Inhalt antipathischer Geruchssinnestäuschungen.

Es entsteht deshalb die Frage, ob nicht auch der amerikanische Stil der Kindererziehung neurasthenische Krankheiten produziert: An sich prügelfeindlich und kinderlieb orientiert, ist er doch deutlich auf dem Prinzip des Ekels aufgebaut! Ist nicht anerzogener Ekel vor allem Natürlichen ein Grundmotiv der Waschmittel-, Deodorant- und Plastikkultur? Das Ekelprinzip ergänzt sich mit der Wirkung des Kinderfernsehens, die die Kinder daran hindert, ihre Gliedmaßen zu erleben, d.h. den Astralleib im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System zu engagieren. Allergische Hautkrankheiten, Heuschnupfen und Asthma sind Charakterkrankheiten des anglo-amerikanischen Kulturraumes.

 Für die Diagnose der asthmatischen Konstitution sind also zweierlei Perspektiven zu beachten: Im Atmungssystem ist der Astralleib zu stark engagiert, im Stoffwechselsystem zu wenig. Einerseits wurde versucht, plausibel zu machen, wie man mit starken, flächigen Säureanwendungen über den oberen Menschen d.h. über die Sinnesfunktion der Haut den zu stark eingreifenden Astralleib aus dem mittleren Menschen herauslockert.

Außerdem ist plausibel geworden warum R. Steiner starke Säure innerlich z.B. die stark gerbsäurehaltige Eichenrinde37 (Cortex Quercus 10%) empfiehlt: Was als Prozess (Astralleib zu stark) im mittleren Menschen krankmachend wirkt, das wirkt in großer Dosis gegeben heilend über den unteren Menschen: Gerbsäure bewirkt eine verstärkte Tätigkeit des Astralleibes im Einsonderungsprozess (Säureprozess nach Scheffler).

Wie der untere Mensch prozessual eine Doppelheit hat (Einstrahlen — Einhüllen), so hat auch die asthmatische Konstitution des unteren Menschen eine zweite Seite: Der Ätherleib der inneren Organe entwickelt eine Abneigung, den Astralleib in sich aufzunehmen.

Die notwendigen Folgen einer einfachen innerlichen Gerbsäure-Therapie sind klar: Die Krankheit wird schlimmer, denn es kommt zum Stau dessen, was der Ätherleib nicht hereinlassen will. Dieses Problem wird gelöst durch die Gabe von Bitterstoff: Bitterstoffe machen den Ätherleib geneigt, den Astralleib in sich aufzunehmen. Eine kunstgerechte, innerliche Asthma-Behandlung muss also immer zwei Mittel verwenden: z. B. Gerbsäure (Cortex Quercus 10%) morgens, Bitterstoffe (z. B. Veronica officinalis 10%) abends. Fortbestehende Stuhlverstopfung könnte dennoch den Behand­lungserfolg zunichte machen. Deshalb soll zu Beginn der Therapie mit zusätzlichen Abführmitteln durchaus bis zum künstlichen Durchfall gegangen werden.

Die anthroposophische Therapie setzt also eine qualitative und räum­liche Erkenntnis des Krankheitsprozesses voraus. Gerade das Beispiel der Geruchstäuschungen bei Asthmatikern zeigt, dass Symptome, die im oberen Menschen auftreten (Sinnestäuschungen), durchaus dem unteren Menschen zugeordnet werden müssen, wenn ihre Gründe dort liegen.

Wer über das Stoffwechselsystem, d.h. innerlich, behandelt, darf nicht nur einen Prozess anregen. Vielmehr kommt es darauf an, den Prozess, den man anregt, in einem zweiten Prozess einzufangen. Was R. Steiner mit der Kombination von Blei und Honig (Scleron®) am Beispiel der arteriosklero­tischen Stoffwechselkrankheit ausführt, ist Arbeitsaufgabe in bezug auf andere Krankheiten geblieben. Die Schritte, die hier für die Asthma-Be­handlung unternommen wurden, mögen durch ihre Kleinheit enttäuschen. Allein, ein wirkliches Durchschauen dessen, was als äußerer Symptomenkomplex vorliegt und was durch ärztliche Maßnahmen hervorgerufen wird, kann nur in kleinen Schritten erreicht werden.

 

Ausblick

 

Es folgt nun eine eigene Beobachtung zur Bedeutung des Ich für die Hei­lung des Asthma: Ein Mann mittleren Alters erzählte mir, er habe das Problem, dass es für ihn überall nach Kot rieche. Sofort fragte ich zurück: „Sind sie Asthmatiker?“ — „Nein“ antwortete er, „das nicht, aber ich habe in meiner Kindheit Asthma gehabt.“ „Dann muss Ihre Mutter sehr schwere Erlebnisse in der Schwangerschaft gehabt haben.“ — „Hm, eigentlich nicht. Das heißt, einen ganz schweren Kummer hat sie doch gehabt: Alle meine Geschwister waren durch Frühgeburt verloren gegangen. Sie litt an habituellem Abort. Und sie hat gerade in der ersten Zeit der Schwangerschaft, und später immer wieder, Angst haben müssen, das Kind, das heißt, ich, könnte verloren gehen.“

Der Mann ist heute ein erfolgreicher Arzt und leidet nicht mehr an Asthma. Die Mutter hatte keine Neurose, sondern eine ganz gesunde Angst. So konnte das Kind, das mit einer funktionellen Schädigung geboren wurde, später gesund werden. Sein Astralleib wurde nach der Geburt nicht mehr weiter „geprügelt“, denn im Elternhaus herrschte eine seelisch gesunde Atmosphäre. Das völlige Überwinden der Krankheit, das mit der Pubertät eintrat, musste allerdings vom Ich dieses Mannes ausgehen.

  Heute hat er immer noch die typische Geruchsstörung, aber er hat kein Asthma; genauso, wie es viele Menschen mit überempfindlichem Bronchialsystem gibt, die kein Asthma haben. Ohne einen Begriff von der Ich-Organisation des Menschen kann diese Krankheit nicht verständlich werden. Ein Astralleib, der nicht vom Ich in seine organisch notwendige Verbindung mit dem Ätherleib gezwungen werden kann, hat die Tendenz, ein Eigenleben zu führen. Er setzt sich im menschlichen Bronchialsystem fest wie eine fremde Wesenheit.

  Darauf bezieht sich R. Steiner, wenn er schließlich doch etwas zur Psychotherapie des Asthmas sagt37. Man soll den Patienten seine Atmung meditieren lassen. Der Patient muss sein Ich mit dem Atmungsprozess verbinden36, immer wieder, über längere Zeit. Eine Tätigkeit, die zunächst nur intellektuell ist, bekommt durch tägliches Wiederholen rhythmische Zeitstruktur, d.h. Willenscharakter. Nur so kann eine heilende Wirkung von der Verstandesseele auf den Astralleib übergehen. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne durch eine blitzartige, einmalige Erkenntnis des Unbewussten dauernde Heilung erwarten.

  Zum Meditationsinhalt kommt eine recht unbequeme Angabe R. Steiners hinzu: Der Patient muss zu den Zeiten meditieren, zu denen er einschläft bzw. erwacht. Dazu muss er sitzend schlafen. Man stelle sich vor: Monatelang sollen schwerkranke Asthmatiker sitzend schlafen! Der Grund für diese im Sozialen sehr problematischen Angaben liegt darin, dass das Ich sich seinen Einfluss vor allem über das Bewegungssystem schafft. Im Liegen ist das Bewegungssystem ausgeschaltet. Das Ich muss also am Morgen seinen Anschluss an das Bewegungssystem wiederfinden, wenn der Patient sich vom Schlaf im Liegen erhebt. Dieser Anschluss ist beim Asthmatiker keine Selbstverständlichkeit.

Es gibt auch therapeutische Möglichkeiten, den Einfluss des Ich unmittel­bar übend am Bewegungssystem zu stärken. Dazu wurde die Heileurythmie von R. Steiner geschaffen. Im kommenden Jahr wird sich diese Anthroposophisch-Pharmazeutische Arbeitsgruppe mit der Heileurythmie als Heil­mittel befassen, wie sie im 9. Vortrag des Zyklus „Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie“ von R. Steiner dargestellt ist.

 

Literatur

1

R. Steiner

Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie, 3. Aufl. Dornach 1963, 8. Vortrag

2

 

Definition des „Ciba Foundation Guest Symposium 1958“ zit. n. D. Nolte in: „Asthma“, München 1980

3

Zitiert nach W. Doerr

In: „Spezielle pathologische Anatomie“, Bd. 1, Heidelberg 1970, S. 235

4

Siehe F. Wyss

„Asthma bronchiale“, Stuttgart 1955. Wyss weist neben dem allgemein bekannten Bronchialspasmus auch tonische Krämpfe des Zwerchfelles nach, die eine funktionelle Lähmung der Ausatmungsbewegung bewirken.

5

Aretaeus v. Kappadocien

2 Jahr n. Chr., ‚Van Helmont 1648; zit. Nach A. Sturm in „Klinische Pathologie des veget. Nervensystems“, Hrsg. A. Sturm/W. Biskmayer, Stuttgart 1977, S. 1261

6

 

Ausführliches Literaturverzeichnis hierzu bei W.T. Ulmer, M.S. Islam, J. Zimmermann: „Das überempfindliche Bronchialsystem“. Med. Klein. 72 (1977), S. 1049 – 1062.

7

 

Zit. u. A. Jores/M. v. Kerekjarto: „Der Asthmatiker“, Bern 1967.

8

G. Schettler

„Innere Medizin“, 5. Aufl. Stuttgart 1980.

9

 

X. Bauer in Deutsche Med. Wochenschr. 106 (1981), S- 301 – 304, ausführl. Literaturverzeichnis.

10

S. Godfrey

„Childhood asthma“ in „T.J. Clark und S. Godfrey „Asthma“, London 1977, S. 324 ff.

11

D. G. R. Findeisen

„Asthma bronchiale“, Jena 1980, S. 77 ff.

12

A. Gedel

Asthma bronchiale und Lebensalter, Zeitschr. f. Altersforschung (1960) Bd. 14, S. 25 ff.

13

J. Gregg in Clark u. Godfrey

„Asthma“, London 1977

14

 

Siehe T. J. H. Clark in Anm. 10, S. 374, und W. T. Ulmer in Anm. 6.

15 H. Brettschneider: „Zur Therapie des Krebses mit ABNOBAviscum®“ in: 0. Wolff: „Die Mistel in der Krebsbehandlung“, Frankfurt/M. 1980, S. 166.
16 Th. Göbel: Siehe Beitrag in „Der Heilmittelbegriff bei Rudolf Steiner“ Referate der Tagung 1980 der Anthroposophisch-Pharmazeutischen Arbeitsgemeinschaft, S. 96.
17 J. W. v. Goethe: West-Östlicher Diwan, Buch des Sängers; Talismane.
18 R. Steiner: Vom Leben des Menschen und der Erde, 9. Vortr., 2. Aufl., Dornach 1980.
19   S. Anm. 1, S. 147 ff.
20 S. Hahnemann: Organon der Heilkunst, Neudruck Heidelberg 1974, § 24— 26.
21 W. Ruhmann:

Z. ges. exp. Med. 57 (1928), S. 740.

22 H. J. Sielaff: Störungen des Intestinaltraktes bei chronischen bronchopulmonalen Erkrankungen; in: F. Brecke (Hrsg.): Fortbildung in Thoraxkrankheiten. Stuttgart 1963, 5. 109.
23 F. E. Schmengler: Asthma bronchiale, Stuttgart 1959.
24 0. Rosenbach: Über zerebrales und cardiales Asthma, nebst Bemerkungen über Stenocardie, Alpdrücken u. verwandte Zustände. Münchner medizinische Wochenschr. I (1900), 683, 735.
25 W. H. Weil: Verh. Dtsch. Ges. f. inn. Med. (1926), 113.
26 Y. Kuno: Human Perspiration, Springfield 1956.
27 R. Steiner: Geisteswissenschaft und Medizin, 3. Aufl. Dornach 1961, 1. Vortrag.
28 A. Scheffler: „Über die Richtungswirkungen von Basen, Säuren und Salzen“ in: Der Homöopathisierungsprozess bei Rudolf Steiner, Stuttgart 1977.
29   Bisher unveröffentlicht.
30   S. Anm. 27, 20. Vortrag.
31   S. Anm. 1, 9. Vortrag.
32   Ausführliches Literaturverzeichnis bei J. F. Murray: Die normale Lunge; deutsche Ausgabe, Stuttgart 1978.
33 D. Nolte: Allergische und immunologische Lungenkrankheiten; Monatskurse f. d. ärztliche Fortbildung 30 (1980), Nr. 18, 5. 748ff.
34 H. W. Smith: The kidney: Structure and Function in Health and Disease, New York 1951.
35 A. Jores: Prakt. Psychosomatik, Bern 1976.
36   Meditationstexte, die R. Steiner gab, sind auf Anfrage beim Verfasser zu erfahren.
37 R. Steiner: Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft, 2. Aufl. Dornach 1975, S. 203ff.