Das Wesen des
Menschen
Was ist das Wesen
des Menschen? Diese Frage hat den Menschen beschäftigt, solange es ihn auf der
Welt gibt. Das Stellen dieser Frage unterscheidet den Menschen nicht nur von
allen Wesen, die die Natur soweit hervorgebracht hat, sondern ihre Beantwortung
ist auch dafür entscheidend, wie wir als Menschen miteinander umgehen, wie wir
unsere Gesellschaft, unser Rechtsleben, und nicht zuletzt auch unsere Medizin
gestalten.
Die erste
geschlossene Darstellung Rudolf Steiners zur Frage nach dem Wesen des Menschen
findet sich in dem 1904 veröffentlichten Buch:
Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung
(Berlin 1904)
Vorbemerkung zum
Begriff der übersinnlichen Welterkenntnis:
Durch übersinnliche Erkenntnisse
gelangte Rudolf Steiner dazu, innerhalb der menschlichen Wesenheit neun
verschiedene Glieder zu unterscheiden: je drei leibliche, seelische, und
geistige Wesensglieder. Diese neunfache Gliederung des Menschenwesens
wurde nicht erstmals durch Rudolf Steiner, sondern nach
Wissen dieses Autors in einer etwas einfacheren Form durch Alfred Percy Sinnet
in dem Buch: "Esoteric Buddhism" veröffentlicht (5. Aufl. Savage 1885).
Zwar wurde sie durch übersinnliche Wahrnehmungen gewonnen, über die nicht jeder
Mensch verfügt. Dennoch lässt sich die Wahrheit dieser Gliederung mit den
Mitteln des vorurteilsfreien Denkens überprüfen, da das Denken als solches schon
eine übersinnliche Form der Wahrnehmung ist: Gedanken haben keine physische
Existenz, und dennoch können wir ihren geistigen Inhalt mit Hilfe des Denkens
symbolisch wahrnehmen. Im Denken ist uns also die unterste Stufe eines
übersinnlichen Wahrnehmens gegeben. Auf dieser untersten Stufe des
übersinnlichen Wahrnehmens können
wir ein Übersinnliches in seiner symbolischen Gedankenform wahrnehmen. Und
ebenfalls auf dieser Stufe können wir alle
mitgeteilten
Gedanken anhand unserer Erfahrungen und Wahrnehmungen auf ihren Wahrheitsgehalt
prüfen.
In diesem Sinne
werden im folgenden Ergebnisse der übersinnlichen Forschung (Anthroposophie)
Rudolf Steiners der Überprüfung anheim gestellt:
A. Die leibliche
Wesenheit des Menschen
1.Der
physische Leib
Mit seinem physischen Leib hat der Mensch Anteil an der mineralischen Welt. Nur
dieser physische Leib ist, insofern er mit mineralischer Substanz ausgefüllt
ist, und also einen Raum einnimmt und ein Gewicht hat, sinnlich wahrnehmbar und
messbar.
Anmerkung: Im 19.
Jahrhundert wurde die sogenannte Schulmedizin dadurch geboren, dass führende
Wissenschaftler sich zusammenschlossen, um alles aus der Medizin zu entfernen,
das sich nicht der materialistischen Wissenschaftsmethode unterwirft.
Was ist das, die
"materialistische Wissenschaftsmethode"? Emil Du Bois Reymond, einer der
führenden Naturwissenschaftler jener Zeit, fasst die Ziele der
"materialistischen Wissenschaftsmethode" in der folgenden Weise zusammen: ". . .
wir haben uns verschworen, die Wahrheit geltend zu machen, dass im Organismus
keine anderen Kräfte wirksam sind, als die gemeinen physikalisch-chemischen . .
. " (E. Du Bois Reymond: Jugendbriefe von Emil Du Bois Reymond an Eduard
Hallmann. Berlin 1918).
Dass aber der
menschliche Organismus nicht nur einen Raum einnimmt und ein Gewicht hat,
sondern auch lebt, wächst und sich fortpflanzt, das lässt sich beim besten
Willen nicht aus den "gemeinen physikalisch-chemischen Kräften" erklären. Allzu
gut ist ja bekannt, was sich schon sehr bald nach dem Eintritt des Todes
ereignet: Der Organismus erstarrt in der Leichenstarre, und zerfällt sodann
infolge der Leichenzersetzung in die physischen Substanzen, aus denen er sich im
Verlauf seines Lebens aufgebaut hat. Offenbar sind also die Eigentendenzen
der "gemeinen physikalisch-chemischen Substanzen" durchaus im lebenden
Organismus vorhanden. Aber sie folgen, solange der Organismus lebt,
eben gerade nicht den "gemeinen physikalisch-chemischen
Kräften",
sondern den Kräften und Regeln, die innerhalb der Strukturen des lebendigen
Organismus wirksam sind.
Was ist das: Der
lebendige Organismus?
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam eine biologische Denkrichtung auf, die sich
genötigt sah,
so etwas wie eine "Lebenskraft" im lebendigen Organismus nicht nur des Menschen,
sondern auch der Pflanzen und Tiere zu vermuten. Diese Denkrichtung wurde als "Vitalismus"
bezeichnet, weil sie allem Lebendigen eine hypothetische "Lebenskraft"
unterstellte.
Rudolf Steiner
hat jedoch die Existenz einer solchen rein hypothetischen "Lebenskraft", wie sie
die "Vitalisten" forderten, stets abgelehnt, weil sie von den "Vitalisten" als
eine Kraft vorgestellt wurde, die den "gemeinen
physikalisch-chemischen Kräften" analog ist.
Statt dessen teilte er die übersinnliche Wahrnehmung mit, dass allen Phänomenen
des Lebens kosmische Wirkungen zugrundeliegen, die
in jedem Lebewesen zu einer leibartigen Struktur zusammengefasst sind,
die Rudolf Steiner als
den "Lebens-, Bildekräfte- oder auch Ätherleib" bezeichnete. Dabei hielt er
speziell die Bezeichnung "Ätherleib" für notwendig, weil sie in der
esoterischen Tradition schon immer in Gebrauch war, und offenbar für den
Geistesforscher die Kontinuität mit der esoterischen Tradition ebenso
unverzichtbar ist, wie dies die akademische Wissenschaftstradition für den
Akademiker ist .
2. Der Ätherleib des Menschen.
Wenn wir an die unterschiedlichen Gewebe und Zellen denken, aus denen zum
Beispiel das Antlitz des Menschen, aber letztlich ja seine ganze Gestalt
zusammengesetzt ist, oder daran, wie dieses Antlitz im Lebenslauf des Menschen
sich über achtzig oder gar hundert Jahre hinweg kontinuierlich wandelt, oder
wenn wir daran denken, wie eine Wunde heilt oder sich ein Knochenbruch wieder
konsolidiert, wenn wir nur dafür sorgen, dass er durch Schienung zur Ruhe kommt,
dann sind wir geneigt, dies für eine Wirkung der Gene zu halten. Aber diese
Annahme ist nur berechtigt, wenn wir uns unter den "Genen" ein System
vorstellen, in dem alles mit jedem innerhalb des Organismus lebendig, das heißt
zugleich umfassend und beweglich, das heißt in seiner Ganzheit räumlich und
zeitlich wandelbar in Wechselwirkung steht. Wir müssen uns also die "Genetik"
als die Wissenschaft vom Lebendigen in einem Entwicklungszustand vorstellen, den
sie noch gar nicht erreicht hat.
Und noch rätselhaftere Beispiele gibt es: Wenn man
ein Organ verpflanzen will, muss man eine sehr präzise Kenntnis der anatomischen
Verhältnisse haben, sonst passt eben das neue Organ nicht dorthin, wo man es
"einpflanzen" will. Nun gibt es in der modernen Krebstherapie eine Methode, die
zumindest ihrem Namen nach genau diese anatomische Präzision erwarten lässt:
Akute Leukämien werden mittels der sogenannten "Knochenmarktransplantation"
behandelt. Was spielt sich aber im Einzelnen ab? Grob gesagt wird dabei zunächst
das Knochenmark des Patienten durch Chemotherapie abgetötet. Dann werden ihm die
Knochenmarkzellen eines geeigneten Spenders intravenös eingespritzt. Diese
Zellen finden "von sich aus", das heißt "wie von Geisterhand geführt" ihren Weg
in die Knochen des Empfängers und ersetzen dort das bisherige, künstlich
abgetötete Knochenmark. Hier ist es also nicht die Präzision des Operateurs,
sondern die Prozessordnung des Empfänger-Organismus, die die "Transplantation"
überhaupt erst ermöglicht.
Wollen wir ernsthaft die Desoxyribunukleinsäure
(DNA), genauer: die DNA-Moleküle, aus denen die "Gene" physisch bestehen, als
die Ursache dafür nehmen, dass die Knochenmarkspenderzellen von der
Injektionsstelle aus ihren Weg in die Knochenhöhle des Empfängers finden? Wenn
wir dies tun, dann kommen wir nicht ohne den Begriff der lebendigen
Organismus-Gestalt aus. Wir benötigen also einen Begriff, der die räumliche, und
auch die zeitliche Prozessordnung lebender Organismen mindestens so umfasst, wie
beispielsweise Ideen und Grammatik die Ordnung der Buchstaben bestimmt, die
unsere Bücher füllen. Wenn wir also die chemische Substanz der Gene schon für
die hinreichende Ursache des lebendigen Organismus halten, dann ist dies nicht
vernünftiger als die Vorstellung, dass der wesentliche Inhalt von Büchern die
Druckerschwärze der Buchstaben ist. Denn der Inhalt der Bücher ist ebenso wenig
materiell, wie die räumliche und zeitliche Ordnung der Prozesse des lebendigen
Organismus, die durch "Gene" von den Vor- auf die Nachfahren übertragen wird.
Wie wir das geistige Band der nur etwa 20 Zeichen,
aus denen unser Alphabet besteht, als "Sprache" bezeichnen, vermittels derer
alles mitteilbar ist, was schriftlich zwischen dem etwa 5000 Jahre alten
Gilgamesch-Epos, einem der ersten Schriftwerke der Menschheit, und dem neuesten
New Yorker Telefonbuch niedergelegt wurde, so müssen wir also auch die "Schrift"
der Gene als ein geistiges Band begreifen. Allerdings wird in der "Schrift" der
Gene unendlich viel mehr zusammengehalten als nur die Reflexionen,
Bezeichnungen und Erinnerungen der Menschheit, mögen uns diese in ihrer
Gesamtheit auch noch so gigantisch erscheinen. In der Sprache der Gene steckt
der Geist für das reale, physische Leben der ganzen Menschheit! Auch wenn wir
diesen Geist in der modernen, computer-orientierten Sprechweise als "Programm"
bezeichnen, behalten wir die Silbe "Gramm", die schon im Wort "Grammatik" die
Stellung des Wortes einnimmt.
"Im Anfang war das Wort", sagt uns also nicht
nur das Johannes-Evangelium, sondern auch die moderne Genetik.
Dieses geistige Band der Genetik besteht allerdings
nicht aus Desoxyribunukleinsäure (DNA), sondern wenn überhaupt, dann aus den
spezifischen Sequenzen dieser Säuremoleküle (DNA-Moleküle). Diese spezifischen
Sequenzen der DNA-Moleküle enthalten die "Grammatik", die der lebendige
Organismus braucht, um die eigene Entwicklung in die Reihe seiner Vor- und
Nachfahren zu stellen. Die DNA selbst ist also nicht der Geist, sondern der
Träger eines Geistigen. Dennoch ist ja ebenfalls schon bekannt, dass die "Gene"
der DNA nur in der "Ruhephase" des Zellkernes wirksam sind, also nur dann, wenn
die Zelle sich nicht teilt. Mit anderen Worten: Nur wenn die Zelle sich nicht
vermehrt, sondern einfach nur "lebt", ist der Geist der DNA-Sequenzen wirksam.
Die Vorgänge der Zellteilung andererseits werden im Unterschied dazu nicht vom
Zellkern, sondern aus der Peripherie der Zelle, aus dem Zellplasma gesteuert.Die
Einflüsse des Zellplasmas auf die "Gene" des Zellkernes werden neuerdings als
ein noch weitgehend unbekanntes Wissensgebiet, als "Epigenetik" der klassischen
"Genetik" gegenübergestellt. Wie darüber hinaus das Zusammenspiel von Zellkern
und Plasma, und letztlich das Zusammenspiel aller Zellen und Organe geregelt
wird, ist noch weitgehend unbekannt. Die Gesamtheit der Lebensprozesse des
Organismus wird von der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners als der "Äther- oder
auch Lebensleib" bezeichnet. Der "Ort" dieses "Äther- oder auch Lebensleibes"
ist nicht die physische Welt, ganz analog dazu, wie ja auch die Gedanken,
Bezeichnungen und Erinnerungen der gesamten Menschheit, soweit sie gedruckt
vorliegen, nicht in der physischen Druckerschwärze, sondern im Bewusstsein der
Menschen beheimatet sind, die diese Schriften lesen. Doch anders, als die
Gedanken, Bezeichnungen und Erinnerungen der Menschheit, die ja keine Realität
besitzen, sondern nur Realitäten widerspiegeln, sind die lebendigen "Gedanken"
des "Äther- oder Lebensleibes" das, was man in der heutigen Wissenschaftssprache
als die Programme lebender Organismen bezeichnet. Die "Heimat" des "Ätherleibes"
ist also ein geistiger Kosmos, der übersinnlich den physischen Kosmos
durchdringt.
Der Begriff eines "geistigen Kosmos" und der
"kosmischen Wirkungen", aus denen der individuelle Lebens- oder Ätherleib jedes
Lebewesens zusammengefügt ist, stellt die an der Sinneswelt geschulte Vernunft
vor ungeahnte Schwierigkeiten. Beinhaltet er doch, dass es eine "geistige Welt"
gibt, die sich mit der physischen, sinnlich wahrnehmbaren Welt durchdringt, ohne
Raum und zeit einzunehmen. In dieser ist Alles mit Jedem verbunden, wohingegen
die Gegenstände und Prozesse des physischen Kosmos räumlich und zeitlich von
einander getrennt sind und daher Raum und Zeit einnehmen.
Ähnlich, wie unsere "Gedankenwelt" aus Gedanken
besteht, so besteht auch die "geistige Welt", von der in der
"Geisteswissenschaft" (Anthroposophie) Rudolf Steiners die Rede ist, aus
Gedanken. Aber während die gewöhnlichen Gedanken, die wir an unseren
Sinneswahrnehmungen und Erinnerungen bilden, nur Spiegelungen der Realität,
aber nicht diese selbst sind, sind die "Gedanken", aus denen die "geistige Welt"
besteht, reale, man kann auch sagen "lebendige", reales Leben schaffende
Kräftewirkungen. Während also unsere Gedanken von der Realität, die sie
spiegeln, abgezogen sind, ist in der "Ätherischen Welt", die den "untersten"
Bereich des "geistigen Kosmos" erfüllt, Alles mit Jedem verbunden, und Alles und
Jedes eine wirksame Kraft.
Der
Begriff des "Ätherleibes" stammt von Aristoteles, des letzten der großen
griechischen Philosophen. Seine "Schauung" war offenbar noch möglich in der Zeit
des klassischen Griechentums, ist jedoch schon damals für den größeren Teil der
Menschheit, und seitdem vollständig verloren gegangen. Nur in der "Astrologie"
sind noch letzte Überlieferungen dieses alten Wissens vom Zusammenhang des
Menschen mit einem geistigen Kosmos bruchstückhaft erhalten. Da diese
Bruchstücke aber nicht mehr eingebettet sind in ein allgemeines Wissen vom
geistigen Kosmos, ist ihre Interpretation mehr und mehr der Willkür anheim
gestellt.
Den Ätherleib
können wir nicht sinnlich wahrnehmen, sehr wohl aber seine Wirkungen, z.B. dann,
wenn wir morgens mit frischen Kräften und frischem Mut aus dem Schlaf erwachen,
obwohl wir abends müde, und oft auch ratlos ins Bett gegangen sind. Die
Fähigkeit des Ätherleibes, den physischen Leib zu regenerieren, nennen wir
"Erhaltung", im Gegensatz zum "Wachstum", das über die bloße Erhaltung
hinausgeht. Diese zweite Fähigkeit des Ätherleibes erleben wir besonders
eindrucksvoll beim "Bodybuilding", wenn wir unsere Muskeln systematisch ermüden,
und diese darauf, - zumeist erst nach Wochen -, mit Wachstum reagieren. Die
größte Kraft des Ätherleibes offenbart sich in der "Fortpflanzung". Und wie sehr
diese Fähigkeit mit den Rhythmen und damit den zeitlichen Strukturen des ganzen
Kosmos verbunden ist, das zeigt uns das saisonale Fortpflanzungsverhalten der
Millionen von Organismenarten in der uns umgebenden Natur. Dies wird,
allerdings in verinnerlichter, aus der Natur emanzipierter Form, auch heute noch
von jeder Frau in ihrem "Monatszyklus" erlebt.
Den "Ätherleib" hat Rudolf Steiner, weil er der Hervorbringer des Physischen Leibes ist, vielfach auch als den
Bildekräfteleib
bezeichnet.
3. Der Seelen- oder Empfindungsleib des Menschen
Die Fähigkeit, Wahrnehmungen und Empfindungen zu haben, hat der
Mensch mit den Tieren gemein. Leibliche Grundlage dafür ist die
"Empfindungsorganisation", die von Rudolf Steiner in Anknüpfung
an Parazelsus auch als "Astralleib" bezeichnet
wird.
Mit dem Begriff des Astralleibes verbindet sich
aber noch mehr als nur die seelische Innerlichkeit, denn dieser Begriff weist
auf die Sternenwelt, genauer auf den Tierkreis hin,
aus dem die besonderen Formkräfte des menschlichen (und des tierischen) Leibes
stammen. Diese besonderen Formkräfte werden mittels des Ätherleibes auf den
physischen Leib übertragen.
4. Die "Ich - Organisation" des Menschen
Insofern schließlich der Mensch ein aufrecht gehendes, sprachbegabtes
und moralisch kompetentes Wesen ist, bildet er auch in leiblicher
Hinsicht ein eigenes Naturreich. Die leiblichen Grundlagen dafür werden
von Rudolf Steiner als die "Ich - Organisation" des Menschen zusammengefasst.
Die Ich-Organisation ist wie der Ätherleib und der Astralleib eine im physischen Leib
des Menschen tätige,
übersinnliche Struktur. Da aber die Ich-Tätigkeit im heutigen Menschen
vorerst nur keimhaft vorhanden ist, hat sie noch nicht den Status der
Vollendung, der ihr den Namen "Leib" eintragen könnte. Daher der
Ausdruck "Ich-Organisation".
Während also der physische Leib evolutiv das älteste
und vollendetste Wesensglied des Menschen ist, ist die "Ich - Organisation"
sein evolutiv jüngstes und unvollkommenstes Wesensglied. "Vollendung"
bedeutet aber in diesem Zusammenhang immer zugleich auch,
dass die zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten des physischen Leibes relativ gering sind,
wohingegen die "Ich - Organisation" gerade wegen ihrer
Unvollkommenheit von allen Wesensgliedern des Menschen das größte
Zukunftspotenzial besitzt. So lässt sich die leibliche Wesenheit des Menschen vierfach
differenziert beschreiben.
B. Die seelische Wesenheit des Menschen
Das unterste Glied des Seelischen Lebens des Menschen besteht aus
den
sinnlichen Wahrnehmungen, die durch den empfindungsfähigen Teil des Körpers, den oben erwähnten Astralleib vermittelt werden. Das
oberste Glied des Seelischen andererseits ist der Teil des Seelenlebens,
der von der geistigen Wesenheit des Menschen aus beeinflusst wird.
Zwischen diesen Extremen findet sich das Seelenleben in sich selbst, im gemüthaften Verarbeiten der Sinnesdaten, Gefühle und Gedanken.
Wie diese drei Bereiche des Seelischen zusammenwirken, sei an einem
Beispiel erläutert:
1. Die Empfindungsseele.
Der Mensch benötigt (wie auch das Tier) intakte Sinnesorgane
und eine wache
Seele, um die Gegenstände der Welt wahrnehmen zu können. Insofern ist z.B.
die Farbe "Rot" nicht, wie heute vielfach gedacht wird, eine physische,
sondern eine seelische Tatsache. Denn wenn wir diese Farbe technisch
reproduzieren, so können wir dies nur dadurch "beweisen", dass wir
abermals "Rot" empfinden, wenn wir diese technisch reproduzierte Farbe
sehen. Also macht der Begriff des "Rot" nur als Empfindungsbegriff
einen Sinn.
Hier könnte so manchem naturwissenschaftlich orientierten Zeitgenossen der
Einwand kommen, dass man die Farbe "Rot" auch an ihrem Frequenzspektrum
identifizieren könne. Dies Argument ändert aber nichts daran, dass die Farbe
"Rot" nur in der Seelenwelt existiert. Die Messung eines bestimmten
Frequenzspektrum kann nämlich nur die Überzeugung, dass es sich um "Rot"
handelt, nicht aber das Erlebnis des "Rot" hervorrufen, für das die
Bezeichnung "Rot" das sprachliche Symbol ist.
Den seelischen Inhalt der Sinnesempfindungen bezeichnet Anthroposophie als die
unterste Stufe des "Bewusstseins".
Zur Welt der
Sinne zählt allerdings nicht nur, was die Außenwelt, sondern
auch, was die eigene leibliche Innenwelt bietet: So haben wir nicht nur
"Außensinne", wie zum Beispiel die Augen und Ohren, sondern auch
"Innensinne", mit deren Hilfe wir Hunger, Durst, und bis zu einem
gewissen Grad auch Lebensfrische und Ermüdung wahrnehmen. Der
Gleichgewichtssinn steht vermittelnd zwischen der Außen- und Innenwahrnehmung.
Zwar bezeichnet man traditionell das Innenohr als das "Gleichgewichtsorgan",
doch genauer betrachtet ist es nur der Sitz für die Lage- und
Bewegungswahrnehmung. Unser Gleichgewicht können wir nämlich nur mit dem ganzen
Körper feststellen, indem wir wahrnehmen, ob unser Schwerpunkt noch innerhalb,
oder schon außerhalb der Kippkanten liegt: Liegt unser Schwerpunkt noch
innerhalb der Kippkanten, sind wir im Gleichgewicht; liegt er außerhalb, besteht
die Gefahr des Kippens.
In der
Betätigung der Sinne haben wir also die unterste Stufe des
"Seelischen" oder "Bewusstseins", da diese noch eng mit dem Körper
verbunden ist. Da wir als Menschen aber schon auf dieser untersten Stufe
in der Lage sind, uns eine Vorstellung von unseren Sinneswahrnehmungen zu
machen, und diese Vorstellungen in der Erinnerung zu bewahren, wird diese
unterste Stufe des Seelischen des Menschen in der Anthroposophie als "Empfindungsseele"
bezeichnet.
Die Fähigkeit, Sinnesempfindungen im Bewusstsein auch dann noch zu
bewahren, wenn die ursprüngliche Sinnesempfindung nicht mehr vorhanden ist, ist
nur dem Menschen, nicht jedoch dem Tier gegeben. In der Menschheitsevolution
entstand sie dadurch, dass eine kollektive Arbeit des menschlichen Ich am
Astralleib stattfand. Dies ist nur mit Hilfe der kollektiven Menschheitskulturen
möglich
und ist deren eigentliche Funktion. Im Vergleich dazu sind die materiellen
Verbesserungen der Überlebenschancen der Menschheit durch kollektive
Kulturprozesse aus anthroposophischer Sicht von untergeordneter Wichtigkeit für
die Menschheitsevolution. Die Chaldäisch-Ägyptisch-Hebräische Zeit ist die
Geschichtsepoche, in der nach Rudolf Steiner die kollektive Entwicklung der
"Empfindungsseele" stattfand. Diese geisteswissenschaftliche Aussage wird
äußerlich dadurch gestützt, dass sie mit dem ersten Auftreten der Schrift
zusammenfällt, denn welche noch wichtigere evolutive Aufgabe könnte die
Entwicklung der Schrift gehabt haben, als die, dass sie der Menschheit
ermöglicht hat, sich aus ihrer Abhängigkeit von den Sinneseindrücken zu
emanzipieren?
Hier könnte wiederum dem naturwissenschaftlich orientierten Zeitgenossen
der Einwand kommen, dass wir doch gar nicht wissen können, ob Tiere fähig sind,
Sinneseindrücke im Gedächtnis zu bewahren und später willkürlich zu erinnern?
Doch ein solcher Einwand beruht auf einem unklaren Verhältnis zum Seelischen.
Tiere haben durchaus "Gedächtnis", denn sonst wären sie unfähig, aus Erfahrungen
zu lernen. Aber wir können zugleich aus der Beobachtung entnehmen, dass die
meisten Tiere dabei auf Sinneseindrücke angewiesen bleiben, durch die sie an
frühere Erlebnisse erinnert werden. Ohne solche äußeren Erinnerungsreize sind
sie unfähig, das Gelernte in Verhältensänderungen umzusetzen. Wir stellen des
weiteren durch gezielte Beobachtung fest, dass sie aber unfähig sind, sich
selbst zu erinnern, das heißt, Verhaltensänderungen unabhängig von dem erneuten
Auftreten der die Verhaltensänderung prägenden Sinneswahrnehmungen zu
reproduzieren. Die Abhängigkeit der Lernprozesse des Tieres vom Erinnerungsreiz
bezeichnet man auch als "Konditionierung". Tiere haben also "Gedächtnis", aber
nicht die Fähigkeit der "Erinnerung", und zwar deshalb nicht, weil sie beim
Wahrnehmen keine Vorstellungen bilden.
Hier scheint dann noch der Einwand möglich, dass man aber von Großaffen
(sogenannte Menschenaffen) weiß, dass sie ein besseres Kurzzeitgedächtnis als
der Mensch haben. Doch dieser Einwand beruht abermals auf dem ungenauen Gebrauch
der Begriffe "Gedächtnis" und "Erinnerung": Zwar können Großaffen die ehemalige
Lokalisation von Gegenständen auf einem Bildschirm besser reproduzieren
als der Mensch, wenn das Bild gerade eben abgeschaltet wurde. Aber dennoch gibt
es keine Hinweise aus dem Verhalten dieser Tiere, dass sie befähigt sind, noch
nach Jahren und ohne äußeren Anlass an vergangene Ereignisse zu denken,
das heißt, sich zu "erinnern".
2. Die Gemüts-
oder Verstandesseele
Mit Hilfe seines Verstandes verarbeitet der Mensch die auf der
Grundlage seiner "Empfindungsseele" gewonnenen Sinnesdaten und
entwickelt daraus sein "Ich - Gefühl"
oder auch "Ich - Bewusstsein". Das dabei
vornehmlich wirksame Seelenglied wird in der Anthroposophie als "Gemüts-
oder Verstandesseele" bezeichnet.
Die Verbindung von Gemüt
und Verstand zu einem einzigen Seelenglied mag auf den ersten Blick
befremdlich wirken, da sich im traditionellen Verständnis Gemüt und Verstand gegenseitig eher aus- als
einzuschließen scheinen. Und in der Tat: Indem das Gemüt mehr der
leiblichen Bequemlichkeit zuneigt, der Verstand hingegen bereits vom
Freiheitsdrang des Geistigen beflügelt wird, ist das "Ich - Gefühl" des
Menschen von je her ein in sich Gespaltenes.
Wie Gemüt und Verstand durch ihren dialektischen Widerspruch den Menschen dazu veranlassen,
sich im Geschichtsprozess rastlos zu verirren und doch immer wieder
kreativ zu finden, das lässt sich an einem klassischen Beispiel
verdeutlichen: Der Handel mit Sklaven aus Afrika schien den Engländern
zunächst im größtmöglichsten Umfang Wohlbehagen und Wohlstand zu bieten. Doch just diese Engländer waren es
auch, die den
Sklavenhandel als erste
verbaten und bekämpften. Was war geschehen? Die Verstandesseele hatte zwar diesen lukrativen Handel
ausgeheckt, und die Gemütsseele
hatte daraus ihr Wohlbehagen gezogen. Doch plötzlich ging den
Engländern auf, dass es ja Menschen waren, die sie als Sklaven verkauften. In diesem
Augenblick begannen sie, ihre eigene Seelentätigkeit wie von außen zu betrachten
und konnten von da ab ihr eigenes Verhalten moralisch nicht mehr tolerieren.
Es war dies einer der
Geburtsmomente der Menschenrechtsbewegung !
3. Die Bewusstseinsseele.
Das Seelenglied, mit dessen Hilfe der Mensch den soeben am Beispiel des
Sklavereiverbotes geschilderten Standpunkt
gegenüber der eigenen Bewusstseinstätigkeit einzunehmen vermag, wird in der
Anthroposophie als "Bewusstseinsseele"
bezeichnet. Weitere historische Beispiele für die Bewusstseinseele des Menschen
sind die Friedens- und die Ökobewegungen unserer Zeit, denn auch in ihnen stellt
sich das menschliche
Bewusstsein auf einen Standpunkt außerhalb seiner selbst und erweist sich so als durch ein Geistiges geführt,
wie die "Empfindungsseele" durch die Leiblichkeit der Sinnesorgane geführt ist.
C. Die geistige Wesenheit des Menschen
Dass der Mensch an sich selbst verändernd wirken kann, erweist, dass er
auch eine geistige Wesenheit ist. Wie der Mensch durch kollektives
Kulturschaffen Veränderungen
in seiner Seelentätigkeit bewirken kann, wurde im Vorangegangenen schon
am Beispiel der kollektiven Erschaffung der Empfindungsseele durch die
Erfindung der Schrift, sowie am Entstehen der Menschenrechts-, Friedens- und Ökobewegungen
unserer Zeit demonstriert. Wesentlich schwerer ist es, durch
Selbsterziehung nicht nur die seelischen, sondern auch die leiblichen Grundlagen des menschlichen Seins
zu beeinflussen. Und am schwersten ist dies durch individuelle
Selbsterziehung, als deren Ergebnis die geistige Wesenheit des Menschen
entsteht. Deshalb sind die entsprechenden Veränderungen
vergleichsweise feiner und individueller. Dennoch sei hier der Versuch
einer Beschreibung dieser individuell induzierten leiblichen Veränderungen des
Menschen gewagt: Die Vorlieben und Geschmäcker des Menschen unterliegen in vielfacher Hinsicht seinen körperlichen Bedürfnissen, mit anderen
Worten: sie unterliegen seinen Flüssigkeits-, Nahrungsmittel-, Wärme-,
Energie- und sonstigen Bilanzen, wie sie im physischen Körper auftreten,
und vom Ätherleib auf den Astralleib, das heißt von der
Lebensorganisation auf die Empfindungsorganisation übermittelt werden.
Dennoch kann der Mensch im Verlauf seines Lebens durch Selbsterziehung
auch Veränderungen
an seiner Leiblichkeit bewirken, die ihn z.B. dazu befähigen, Mangelsituationen länger
auszuhalten oder zu kompensieren.
Das Geistselbst
Am ehesten gelingt es dem Menschen, solche durch Selbst-Kultur induzierten
leiblichen Veränderungen auf den Astralleib, das heißt auf das höchste
Leibesglied unterhalb der Ich - Organisation zu übertragen. Das dabei neu
entstehende Geistesglied wird von Rudolf Steiner als das
"Geistselbst" bezeichnet.
Lebensgeist und Geistesmensch
Durch die Arbeit des "Ich" am
Ätherleib kann als nächst höheres Geistesglied der "Lebensgeist",
und durch
die Arbeit des "Ich" am physischen Leib als das höchste
Geistesglied der "Geistesmensch" entstehen.
Die zuletzt genannte Entwicklung der geistigen Glieder des Menschen
findet also nicht mehr kollektiv im Verlauf der Kulturepochen der Menschheit statt,
wie dies für die Entwicklung der "Empfindungs-", "Gemüts"- und
"Bewusstseinsseele" noch der Fall war. Hier handelt es sich um
die Stufen der esoterischen
Schulung. Diese können als solche nur individuell durchlaufen werden.
zurück zu Moral
zurück zu Anthroposophie
zurück zur Startseite
|