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Anthroposophie ist ein Kulturimpuls, der von dem Befund ausgeht, dass der Mensch ein Geist unter Geistern in einer durchgeistigten Natur in einem geistigen Kosmos ist. Aus diesem Befund geht das Bedürfnis hervor, nach Kompetenz in der Frage der menschlichen Freiheit zu streben und Respekt und Liebe zu den Mitmenschen nicht als Konvention, sondern als natürliches Gefühlsbedürfnis auszuleben. Aus anthroposophischer Sicht stellt sich die für das gewöhnliche Bewusstsein einheitliche Menschenwesenheit in drei Aspekten dar:
Die geistige Individualität des Menschen ist weder räumlich, noch zeitlich beschreibbar und entstammt einer ebenso unräumlichen wie überzeitlichen Welt, die als die Geistige Welt oder auch der Geistige Kosmos bezeichnet wird. Mit der Konzeption und im Verlauf der Embryonalzeit, Geburt und Jugend, sowie der daraus im weiteren hervorgehenden Biographie ergreift die geistige Individualität des Menschen den aus einer selbst erwählten irdischen Vorfahrenreihe stammenden, räumlich und zeitlich beschreibbaren Leib als das Werkzeug ihrer Schicksalsgestaltung, bis sie diesen im Tod wieder verlässt. Das Ergreifen des Leibes des Menschen durch seine geistige Individualität erfolgt nicht einmalig, sondern rhythmisch wiederholt. Im Verlauf der Biographie ergeben sich daraus die unzähligen Lebensrhythmen des menschlichen Leibes. Einer der auffälligsten dieser Rhythmen ist der Schlaf-Wach-Rhythmus, bei dessen Vollzug die geistige Individualität des Menschen im Schlaf durchschnittlich einmal am Tag in die Welt seiner Herkunft, in den geistigen Kosmos zurückkehrt. Im Durchschnitt verbringt so der Mensch etwa ein Drittel der Zeit von seiner Geburt bis zum Tod im geistigen Weltall. Im kosmischen Maßstab ergibt sich aus der rhythmischen Wiederholung von Geburt und Tod der Reinkarnationsrhythmus des Menschen. Mit dem Ergreifen des Leibes durch die geistige Individualität des Menschen entsteht eine dritte, die seelische Wesenheit des Menschen, die man auch als den sich im irdischen Leibe erlebenden kosmischen Geist begreifen kann. Die seelische Wesenheit hat mit der geistigen Individualität des Menschen gemein, dass sie unräumlich ist, mit der leiblichen Wesenheit, dass sie der Zeitlichkeit unterliegt. Ihre irdische Biographie vollendet sich mit dem Tod des Leibes, wonach ein Teil ihres Wesens der geistigen Individualität in den Kosmos folgt. Schon im Schlaf folgt sie der geistigen Individualität des Menschen in den geistigen Kosmos und kehrt mit dieser zusammen zurück, woraus sich ihre tiefe Bewusstlosigkeit im Schlaf ergibt. Mit ihrem Vorstellen spiegelt die seelische Wesenheit des Menschen geistige Vorgänge, durch ihr Wollen verändert und gestaltet sie ihre irdische Umgebung. Im Fühlen erlebt sie sich selbst. Anthroposophie ist dennoch keine Philosophie, wie oft angenommen, und keine Religion, wie gerne behauptet wird. Anthroposophie ist ein Kulturimpuls . Was bedeutet das: Anthroposophie ist ein Kulturimpuls ? Hierzu sei ergänzend zitiert, was Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, in seinem letzten Lebensjahr geschrieben hat: „Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muss ihre Rechtfertigung dadurch finden, dass sie diesem Bedürfnisse Befriedigung gewähren kann. Anerkennen kann Anthroposophie nur derjenige, der in ihr findet, was er aus seinem Gemüte heraus suchen muss. Anthroposophen können daher nur Menschen sein, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger und Durst empfindet.“ (Anthroposophische Leitsätze, Dornach 1925) Der Anthroposophische Kulturimpuls wurde durch Rudolf Steiner ( 1861 - 1925) begründet. In seiner Autobiographie (Rudolf Steiner: Mein Lebensgang . Eine nicht vollendete Autobiographie, mit einem Nachwort herausgegeben von Marie Steiner, 1925) beschreibt Rudolf Steiner unter anderem, wie er mit der Gabe geboren wurde, die geistige Welt unmittelbar wahrzunehmen. Aus der damit gegebenen doppelten Weltsicht ergab sich der beispiellose geistige Umkreis und Reichtum der Unternehmungen Rudolf Steiners, die ihn von der Begründung einer neuen Architektur, einer völlig neuen Kunstgattung: der Eurythmie, über die Begründung der Waldorf - Pädagogik und der biologisch - dynamischen Landwirtschaft bis hin zur Grundlegung einer bis dahin unbekannten Methodik in der Medizin führten. Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort "Anthroposophie" *) soviel wie: "Menschenkunde". Dieses deutsche Wort wird innerhalb der Anthroposophie jedoch nur für die anthroposophische Erkenntnis des Menschen selbst verwendet. Sofern der ganze Kosmos und alle Inhalte dessen, was sich durch die übersinnliche Forschung erfahren lässt, gemeint sind, wird "Anthroposophie" auf deutsch mit dem Ausdruck "Geisteswissenschaft" bezeichnet. (Dieser Ausdruck darf aber nicht mit dem Ausdruck "Geisteswissenschaft" = Philologie verwechselt werden, wie sie heute auf Universitäten praktiziert und gelehrt wird. Der Geistbegriff der universitären Philologie ist mehr oder weniger auf das beschränkt, was Menschen je gedacht und geschrieben haben, was man also auch als menschliche Reflektion bezeichnen kann. Der Geistbegriff der Anthroposophie schließt im Unterschied dazu auch den die physische Substanz schaffenden, bildenden und gestaltenden Logos**) mit ein, wie er zum Beispiel am Beginn des Johannes-Evangelium des Neuen Testamentes beschrieben wird. Deshalb sollte die erste Hochschule für Geisteswissenschaft "Johannes-Bau" heißen. Ihr Bau war in München geplant, wurde aber behördlich nicht genehmigt. Als es dann gelang, die geplante Hochschule in Dornach/Schweiz zu errichten, erhielt deren Bau den Namen "Goetheanum", weil der anthroposophische Kulturimpuls sich als Fortsetzer des von Johann Wolfgang von Goethe ***) eingeschlagenen Weges einer Synthese von Kunst und Wissenschaft und des im Werk von Georg Wilhelm Friedrich Hegel gipfelnden philosophischen Humanismus versteht, der gewissermaßen eine Synthese aus Wissenschaft und Religion erreicht. Denn Wissenschaft trägt den reflektierenden, Kunst den fühlenden, und Religion den wollenden Geist. Als ein Beispiel für den Beitrag der Anthroposophie zur "Kultur" im engeren Sinne sei das folgende angeführt: Wer kennt nicht die leidige Diskussion darüber, welches der Auftrag der Kunst sei, und wie Kunst zu sein habe: schön oder hässlich? Für den Anthroposophen ist das eine falsche Alternative. Er möchte, dass Kunst zugleich schön und hässlich sei. Nur so kann Kunst ihren Auftrag erfüllen, der darin besteht, das menschliche Gefühlsleben anzuregen, sich zu entwickeln, und so im Menschen die Sicherheit dafür entstehen zu lassen, welches der Umkreis seiner Möglichkeiten, und wo seine Mitte ist. Auch für die Medizin war die Fähigkeit Rudolf Steiners, das Zusammenwirken des Geistigen mit dem Physischen unmittelbar zu beobachten bahnbrechend, weil seitdem ein bis dahin als unüberbrückbar empfundener Zwiespalt in der Selbsterkenntnis und in der Beurteilung der Krankheiten des Menschen ganz neu angegangen werden kann: Ist der Mensch nur ein physisches Wesen, oder ist er auch Teil einer geistigen Realität? Sind die Krankheiten des Menschen ausschließlich physisch und psychisch, oder sind sie auch geistig, das heißt im Zusammenhang von Reinkarnation und Karma, und in der Wechselwirkung mit geistigen Wesen verursacht?****). *) Das Wort "Anthroposophie" ist zusammengesetzt aus "Anthropos" = Mensch
und "Sophia" = Weisheit. Es wurde historisch erstmalig von I.P.V. Troxler
(1780-1866) in seiner "Naturlehre des menschlichen Erkennens oder Metaphysik"
(1828) gebraucht. Von G. Spicker (1840-1912) erhielt dasselbe Wort (1872)
die Bedeutung: "Der Philosophie höchstes Ziel ist Selbsterkenntnis oder
Anthroposophie. Ihr höchstes Ziel ist Selbsterforschung und Selbsterziehung
(...) und nur insofern sie dies tut (...) ist (sie) Mutter und Königin aller
Weisheit und Tugend" (Die Philosophie des Grafen Shaftsbury). Sodann folgte 1882
die von R.Zimmermann (1824-1898) veröffentlichte "Anthroposophie im Umriss", die
sich als Philosophie sowohl von der "Theosophie" (zusammengesetzt aus "Theos" =
Gott und "Sophia" = Weisheit), als auch von der "Anthropologie"
(Wissenschaft vom Menschen) abgrenzte. Bemerkenswert im Zusammenhang dieser
Wortbildungsgeschichte ist, dass Rudolf Steiner seinen ersten von insgesamt über
5000 Vorträgen über "Anthroposophie" am 19.10.1902 hielt, ab Oktober 1902 bis
1912 als Generalsekretär der "Theosophischen Gesellschaft in Deutschland" wirkte
und 1904 das zentrale Werk der Anthroposophie unter dem Titel "Theosophie"
veröffentlichte (siehe dort auf dieser Homepage).
Erst 1913, nach der Trennung von der Theosophischen Gesellschaft, folgte die
Begründung der "Anthroposophischen" Gesellschaft". ****) Zur Einführung in diesen
Fragenkreis sei empfohlen: Rudolf Steiner: Die geistige Führung des Menschen
und der Menschheit (1911), Gesamtausgabe 15, Rudolf Steiner Taschenbuch Nr
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