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Die Dreigliederung des menschlichen Organismus

 

Acht Jahre vor seinem Tode gelang es Rudolf Steiner, seine geisteswissenschaftlichen Beobachtungsresultate zur gegenseitigen Wechselwirkung der physischen und geistigen Wesenheit im Menschen im Sprachkleid des akademischen Denkens darzustellen. Dies erfolgte erstmalig in der skizzenhaften Erweiterung einer Sammlung von Aufsätzen zu psychologischen und philosophischen Fragen, die 1917 unter dem Titel "Von Seelenrätseln" erschien (6. Anhang: Die physischen und die geistigen Abhängigkeiten der Menschen - Wesenheit, ebenda, S. 150 - 162). Da diese Skizze von bahnbrechender Bedeutung für die psychologische, aber auch für die medizinische und  zoologische Forschung ist, wird hier der Versuch gemacht, davon einen abstrakten Abriss zu geben:

"Es gibt keine besonderen Seelenorgane: Der Leib als Ganzer ist Grundlage der Seelentätigkeit."

Dieser Kernsatz Rudolf Steiners zur Wesenheit des Menschen steht dem heute allgemein verbreiteten Gehirn-Körper-Dualismus in den Vorstellungen über die seelischen und geistigen Eigenschaften des Menschen krass entgegen. 

Welches sind die Eigenschaften und Konsequenzen des Gehirn-Körper-Dualismus?

Die heute am weitesten verbreitete Vorstellung über den Menschen ist die, dass alle seelischen-geistigen Tätigkeiten und Eigenschaften des Menschen ausschließlich auf den Tätigkeiten und Eigenschaften des menschlichen Gehirns beruhen. Der übrige Körper des Menschen wird aus dieser Perspektive nur als physisches Objekt, nur als der physische Träger und Ernährer des Gehirns betrachtet. Unter den Konsequenzen dieser Anschauung sei als Beispiel der soziale Aspekt genannt: Alle "körperlichen" Tätigkeiten des Menschen, das heißt: alle Gliedmaßen-Tätigkeit des Menschen wird unter diesem Gesichtspunkt als minderwertig qualifiziert. Ein zweites Beispiel sei die Pädagogik, die vor allem bezüglich dessen, was das kleine Kind für seine menschengemäße Entwicklung benötigt, unter dem Einfluss des Gehirn-Körper-Dualismus zu völlig falschen und damit schädlichen Schlussfolgerungen gelangt. Wie dies im Einzelnen geschieht, und welche heilsamen Wege aus der von Rudolf Steiner entdeckten Dreigliederungs-Idee des menschlichen Organismus gefunden werden können, lässt sich an den folgenden Beispielen nachvollziehen:

Waldorf-Pädagogik

Asthma

Krebskrankheit

Hier soll zunächst in die Dreigliederungs-Idee des menschlichen Organismus in ihren Grundzügen eingeführt werden:

Die leiblichen Grundlagen des Vorstellens

Alles Seelische, das als Vorstellen erlebt wird, hat seine physische Grundlage in den Vorgängen des Nervensystems. Dieser Satz kann auch von der gegenwärtigen Neurophysiologie unterschrieben werden.

Die leiblichen Grundlagen des Fühlens

Wie das Vorstellen die Nerventätigkeit zur Grundlage hat, so muss man das Fühlen mit demjenigen Lebensrhythmus in Verbindung bringen, der sein Zentrum in der Atmungstätigkeit hat. Dies sei am Beispiel des musikalischen Erlebens erläutert: Die Vorstellung eines Tongebildes, die durch das Gehör und die Nerventätigkeit vermittelt wird, ist noch nicht das musikalische Erlebnis. Erst in der Wechselwirkung des Atmungsrhythmus mit der Nerventätigkeit kommt das musikalische Erlebnis als ein Fühlen zustande. Die Seele erlebt also fühlend, indem sie sich dabei ähnlich auf den Atmungsrhythmus stützt, wie im Vorstellen auf die Nervenvorgänge. 

Erst in relativ jüngster Zeithaben sich die Hypothesen und Modelle der naturwissenschaftlich orientierten Neurophysiologie so weiterentwickelt, dass zumindest im Hinblick auf das menschliche Fühlen eine teilweise Loslösung von der traditionellen Hypothese möglich erscheint, nur das Nervensystem käme als Grundlage des Fühlens in Betracht. So finden wir beispielsweise in einem Buch des Hirnforschers Ernst Pöppel (Grenzen des Bewusstseins. Wie kommen wir zur Zeit, und wie entsteht Wirklichkeit? Insel Verlag, Frankfurt und Leipzig 2000) die interessante Auffassung vertreten, das Nervensystem könne deshalb nicht die Grundlage für die Kontinuität unseres Bewusstseins abgeben, weil seine Reaktionen zu schnell verlaufen. Eher kämen dafür unsere "emotionalen Bewertungen" (ist das das moderne Wortungetüm für menschliches Fühlen?) infrage, und diese seien auf "Körperrhythmen" gestützt, die etwas langsamer verlaufen, z.B. auf die Rhythmen der Atmung, des Pulsschlages, der Nierentätigkeit, der Drüsen- und Stoffwechseltätigkeit usw.

Aus anthroposophischer Sicht liegt hier eine große Erkenntnis-Chance offen zutage: Nicht ein bestimmter Ort (wie z.B. in der klassischen Vorstellung vom Seelenleben im Gehirn), sondern statt dessen eine bestimmte zeitliche Struktur, z.B. die "Körper-Rhythmen", werden hierals Grundlage einer seelischen Qualität gesehen, z.B. als die leibliche Grundlage für das Gefühl von der Identität der Seele mit sich selbst. 

Die leiblichen Grundlagen des Wollens

Auch das Wollen hat aus anthroposophischer Sicht nicht die Nerventätigkeit zur Grundlage, sondern stützt sich auf Stoffwechselvorgänge. Nicht die Vorstellung von der Bewegung, die ich ausführen möchte, sondern diese selbst wird in der Anthroposophie unter dem "Wollen" verstanden. Und jede Bewegung, die der Mensch mit seinem Körper ausführt, sei dies eine innere Organbewegung, z.B. in der Verdauung oder in der Blutzirkulation, oder auch eine äußere, beruflich, künstlerisch oder irgendwie sonst motivierte Gliedmassenbewegung, ist Ausdruck seiner wollenden Seelentätigkeit, seines seelischen Wollens.

Die leiblichen Grundlagen des Denkens, Fühlens und Wollens

Wir fassen also zusammen: Nur die leiblichen Grundlagen für das Vorstellen können aus anthroposophischer Sicht einer anatomisch-räumlichen Struktur des menschlichen Körpers, d.h. dem Nervensystem zugeordnet werden. 

Schon für das Fühlen ist dies nicht mehr möglich, denn hier kommen zeitliche Strukturen in Betracht, die rhythmischen Vorgänge des Organismus, die als sog. "Körper-Rhythmen" neuerdings auch von der naturwissenschaftlich begründeten Neurophysiologie zumindest als leibliche Grundlage unserer "emotionalen Bewertungen" diskutiert werden.

Damit dürfte auch klar geworden sein, wie die alte Vorstellung vom Herzen als dem Sitz der Seele mit den modernsten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen von den leiblichen Grundlagen des menschlichen Seelenlebens vereinbar gemacht werden kann: Nicht das anatomisch-räumliche Herz ist der Sitz der Seele, sondern nur sein Puls-Rhythmus ist leibliche Grundlage unseres menschlichen Fühlens. Also konnte auch nur aufgrund materialistischer Vorurteile der Eindruck entstehen, die erste erfolgreiche Herzverpflanzung durch Christian Barnard im Jahre 1967 sei die praktische Widerlegung der alten Meinung gewesen, das Herz sei der Sitz der Seele. Und so muss auch die starke Laien-Opposition gegen die Technik der Herzverpflanzung als durch materialistische Vorurteile verirrt bezeichnet werden. 

Von einer Warte aus, die nicht mehr ausschließlich nach anatomisch-räumlichen, sondern auch nach zeitlich-rhythmischen Grundlagen des menschlichen Seelenlebens sucht, erscheint der Schritt zur Anthroposophie dann nicht mehr ganz so weit wie ehedem, wenn auch für das Wollen, d.h. für die Ausführung einer Gliedmaßenbewegung oder auch einer inneren Organbewegung, eine völlig andere Betrachtungsebene als die räumlich-anatomische aufzusuchen, und hier die Stoffwechselaktivität des ganzen Organismus zugrunde gelegt wird. 

Wir fühlen unsere Gefühle nicht nur, sondern wir stellen sie uns auch vor

Ein großes Hindernis für die Erkenntnis dieser Zusammenhänge stellt die Tatsache dar, dass in der Seele gewöhnlich ein vollbewusstes, waches Erleben nur für das vom Nervensystem vermittelte Vorstellen vorhanden ist. Schon was durch den Atmungsrhythmus als ein Fühlen vermittelt wird, lebt im gewöhnlichen Bewusstsein nur noch träumend. Diese Tatsache entgeht dem gewöhnlichen Bewusstsein vor allem deshalb, weil wir unsere Gefühle nicht nur fühlen, sondern auch vorstellen. 

Auch unser Wollen begleiten wir nur mit unseren Vorstellungen

Das Wollen, das auf Stoffwechselvorgänge gestützt ist, wird sogar vollständig verschlafen, obwohl wir es mit unserem Vorstellen begleiten. Man denke hierbei an so typische Aktionen wie Gehen, Sprechen, Schreiben: In unserer Kindheit haben wir sie nacheinander gelernt. Aber wie und wobei wir sie lernten, ist heute für uns nicht mehr erinnerbar. Und wie wir sie heute vollführen, macht uns zwar für unsere Mitmenschen eindeutig erkennbar. Doch wir wissen nicht wirklich, wie wir gehen, sprechen und schreiben, sondern nur, dass unser Vorstellen die Richtung dieser Tätigkeiten bestimmt.

Schlafen, Träumen und Wachen verlaufen nicht neben-, sondern ineinander

Nerventätigkeit, Atmungsrhythmus und Stoffwechseltätigkeit liegen nicht neben-, sondern ineinander, durchdringen sich, und gehen ineinander über. Was in uns vorhanden ist als die Zustände des Schlafens und Träumens, das hört nämlich nicht auf, wenn wir wachen, sondern setzt sich in unser waches Tagesleben hinein fort, wenn wir fühlen und wollen. Es wird im Wachzustand nur gewissermaßen von unserem Vorstellungsleben übertönt, so dass fortwährend in uns ein dunkles, unbewusstes Fühlen und Wollen unterhalb der Schwelle des wachen Bewusstseins dahinströmt. Der trivialen Meinung, der Mensch lebe und träume zu einer bestimmten Zeit, und sei zu einer anderen Zeit voll wach, wird also nicht nur von Seiten der Psychoanalyse Siegmund Freuds, sondern auch aus anthroposophischer Sicht widersprochen.

Jenseits der Psychoanalyse

Die Feststellungen der Anthroposophie gehen jedoch über diejenigen der Psychoanalyse hinaus, indem sie bis zu den physischen Grundlagen des menschlichen Seelenlebens vordringen: Nicht die Vorstellung von der Bewegung, die ich ausführen möchte, sondern diese selbst wird in der Anthroposophie unter dem "Wollen" verstanden. Der Mensch müsste folglich sein "Wollen", wenn er es bewusst erleben wollte, wie ein bei lebendigem Leibe verbrannt werden erleben, denn genau das passiert ja im Stoffwechsel, wenn wir uns bewegen. Wir erleben unser Wollen seelisch also nur etwa so, als handele es sich dabei um eine schwarze Fläche innerhalb eines farbigen Feldes: man stellt sich das Wollen vor, weil sich innerhalb der Vorstellungs-Erlebnisse ein Nicht-Vorstellen einfügt. 

Wie das Wollen dem gewöhnlichen Seelenleben entgeht und nur per Ausschließung erlebbar wird, so lassen sich andererseits die physischen Prozesse nur schwer erfassen, die dem Vorstellen zugrunde liegen: Wo Nerventätigkeit stattfindet, da ist das Vorstellen des gewöhnlichen Bewusstseins vorhanden. Wo aber Stoffwechseltätigkeit stattfindet, da kann nie Nerventätigkeit gefunden werden, sondern nur Stoffwechseltätigkeit im Nerven, und rudimentär auch rhythmisches Geschehen. Die eigentliche Nerventätigkeit, die dem Vorstellen zugrunde liegt, kann also durch Anatomie und Physiologie nicht unmittelbar beobachtet, sondern nur durch die Methode der Ausschließung gefunden  werden.

Die gegenseitigen Abhängigkeiten des Leibes- und des Seelenlebens

Wir haben es also in den gegenseitigen Abhängigkeiten des Leibes- und des Seelenlebens aus anthroposophischer Sicht mit den folgenden Paradoxien zutun: 

1. Das Vorstellen ist zwar für das gewöhnliche Seelenleben, und damit auch für die herkömmliche Psychologie voll überschaubar, seine leiblichen Grundlagen können aber mittels der Anatomie und Physiologie nicht direkt, sondern nur indirekt, d.h. naturwissenschaftlich nur durch das Verfahren der Ausschließung beobachtet werden.

2. Das Wollen andererseits entgeht der gewöhnlichen psychologischen Selbstbeobachtung vollständig, weil es verschlafen wird. Seine physiologischen Grundlagen sind aber andererseits als Stoffwechselprozesse naturwissenschaftlich erfassbar.

Die menschliche Seele lebt jenseits ihrer Leibesgrenzen 

Sogleich wird hier eine Erweiterung notwendig: Wie ordnen sich die in die Nerventätigkeit einmündenden, eigentlichen Sinneswahrnehmungen auf der einen, und die durch das Wollen bewirkten Bewegungsvorgänge auf der anderen Seite dem Organismus ein? - Hier kommt die Anthroposophie Rudolf Steiners zu dem Ergebnis, dass die Sinnestätigkeit nicht unmittelbar dem Organismus angehört. Vielmehr nimmt hier die Seele an etwas Teil, das sich als Fortsetzung äußerer Naturprozesse in den Organismus hinein erstreckt. Und auch die Gliedmaßenbewegungen  gehören ihrem Wesen nach nicht mehr dem Organismus zu: Zwar liegen innere Stoffwechselvorgänge  dem Wollen zugrunde, doch mit der Bewegung greift der Mensch physisch in die Gleichgewichts- und Kräfteverhältnisse der Außenwelt ein. Und die Seele greift, indem sie sich wollend betätigt, mit den Bewegungen des Organismus über diesen hinaus und lebt mit ihrem Tun in der physischen Außenwelt.

Wenn nun also das Wollen dem gewöhnlichen Bewusstsein entgeht und die physischen Grundlagen des Vorstellens durch die Anatomie und Physiologie nicht unmittelbar beobachtbar sind, wie stellen sich diese Seelentätigkeiten in der übersinnlichen Beobachtung dar?

Ist der menschliche Wille frei?

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