In seiner frühkindlichen Entwicklung erlernt der Mensch
zuerst das aufrechte Stehen und Gehen. Dies ist nur durch die Nachahmung der
Mitmenschen möglich, die um das Kind herum anwesend sind. Dann fängt das
Kind an, auf die Dinge zu zeigen, die es haben oder abwehren will oder die
es interessieren. Indem die Bezugspersonen des Kindes darauf reagieren,
entwickeln sich die Gestik der Arme und die Mimik des Gesichtes zu den
Vorläufern der Sprache. Auch dabei sind die Menschen in der Umgebung des
Kindes das Vorbild. Erst daraus folgt allmählich das Sprechen, und ganz
zuletzt entsteht aus dem Sprechen auch das Denken.
Das Sprechen entwickelt sich also aus der Gestik der Arme
und aus der Mimik. Hierbei ist die Mimik vor allem zum Mitteilen innerlicher
Gefühle und Bewertungen geeignet, wohingegen die Arme nicht nur das
innerliche Gefühlsleben mitteilen, sondern auch äußere Vorgänge nachahmen
können. Beides, den Ausdruck der Innerlichkeit, und die Wiedergabe äußerer
Vorgänge, finden wir mit ungleich größerer Vollendung und Vielfalt in der
Sprache wieder. Aber das Sprechen entwickelt sich aus der Gestik und Mimik,
und die Gestik der Arme ist ihrerseits vom Erlernen des Stehens und Gehens
abhängig, weil dadurch erst die Arme frei werden. Auch die Mimik kommt ja
doch erst voll zur Wirkung, wenn das Kind sich aufrichtet und aufrecht steht
oder geht. Aufgrund seiner Herkunft aus der Gestik und Mimik ist also das
Sprechen viel intimer mit den Gliedmaßen, aber auch mit den Emotionen und
den unbewussten Funktionen und Formen der Organe im Inneren des Organismus
verbunden als das Denken.
Die menschliche Sprache enthält einerseits Grundelemente,
die die Innerlichkeit des fühlenden und wollenden Menschen nach außen
tragen. Diese Innerlichkeit drückt sich am stärksten in den Vokalen aus: Wir
sagen »I«, wenn wir uns ekeln, »U«, wenn wir uns fürchten, »A«, wenn wir
genießen; und wir sagen »O«, wenn wir erstaunen, „Ei“, wenn wir erfreut
sind, und „Au“ wenn ein plötzlicher Schmerz uns trifft. Aber natürlich
stöhnen wir auch, wenn uns etwas bedrückt, und dieses Stöhnen ist nicht nur
vokalisch, sondern enthält das Hauchen des „H“ ebenso, wie das „Ch“ im
„Ach!“ vorkommt, und wie ein besonders nachhaltiger Genuss uns zum „Hmm!“
veranlasst. „Hmm!“ sagen wir aber auch, wenn wir einem Gedanken zustimmen,
und sogar dann noch, wenn wir im Zweifel sind oder gar protestieren.
Wir kommunizieren also über die Sprache andererseits auch
unsere Körperempfindungen, Gedanken und Naturerlebnisse. Dies geschieht so,
dass wir mit den Vokalen, noch präziser aber mit den Konsonanten, die wir
sprechen, natürliche, und sogar technische Außenweltprozesse kunstvoll
nachbilden: Einen Kuckuck ahmen wir mit „Kuckuck!“ nach, eine Taube mit
„Gurr!“ oder "Ruckediguh!", eine Katze mit „Miau!“, ein Maschinengewehr mit
dem rollenden „R“, einen schallgedämpften Pistolenschuss mit „Duff!“, einen
fahrenden Traktor mit dem Lippen-„R“. Im »H« machen wir den warmen
Lufthauch, im »CH« die Weichheit oder auch die Rauhigkeit des Windes nach,
je nachdem, ob wir das »CH« wie in »Chemie« oder in »Geruch« aussprechen,
zum »Z« kommen wir, wenn der Blitz einschlägt, oder wenn eine Lokomotive
Dampf ablässt. Und im »K« haben wir das harte Zerknacken der Nussschale
ebenso, wie wir das weiche Umschließen im »B«, das sanfte Anstoßen im »Du«,
den kantigen Einschlag im »T«, das punktförmige Auftreffen im »P«, das
wolkige Aufquellen im »L«, die schwappende Welle im „W“, oder das
wohlig-wärmende Durchdringen im »M« nachahmen.
Alle diese Sprach-Elemente kommen in der Eurythmie so zum
Ausdruck, dass nicht nur die dafür spezialisierten Sprachorgane, sondern wie
in der Gestik und Mimik, der ganze Mensch aktiv ist.
Indem sich also die Konsonanten als Willens-Reaktionen auf
Sinnes-Eindrücke entfalten, treffen beim Eurythmisieren die Gestaltimpulse
des Nervensystems und die substanzschaffenden Prozesse des
Stoffwechselsystems in polarischer Wechselwirkung aufeinander. Die Vokale
hingegen, indem sie das innere Erlebnis nach außen tragen, erweisen sich den
rhythmischen Prozessen verwandt, die das Fühlen vermitteln. So aktiviert
sich der ganze Mensch in der Eurythmie, und das Eurythmisieren wird zum
Mittel der gegenseitigen Verstärkung menschlichen Denkens und Wollens im
Gefühl. Und indem der Mensch seine Gliedmaßen- und Rumpfbewegungen in den
Dienst des »sichtbaren Sprechens« stellt, emanzipiert er seinen Organismus
aus den irdischen Kräften der Schwere und Trägheit. Eurythmie durchdringt
ihn dabei mit Kräften, die den Deformationen und Funktionsschwächen seiner
inneren Organe entgegenwirken, macht ihn „fit“ nicht nur im sportlichen
Sinne, sondern auch „fit“ für die geistigen und emotionalen
Herausforderungen des Lebens.
Eurythmie gibt es als Bühnenkunst, als pädagogische
Eurythmie in der Schule, und als Heileurythmie. Auf der Bühne werden die
einzelnen Sprachelemente der Eurythmie nur jeweils angedeutet und fließend
ineinander übergeführt. Der Heileurythmist dagegen greift einzelne
Sprachelemente gezielt heraus, um damit erkrankte Organfunktionen spezifisch
zu beeinflussen und lässt die einzelnen Bewegungen durch den Patienten als
tägliche Übungen wiederholen.
Heileurythmie gehört, wie der Sport und die
Krankengymnastik, zu den übenden Therapie-Verfahren. Da der Patient durch
übende Verfahren für seine Heilung selbst aktiv wird, sind sie das Herzstück
der anthroposophischen Medizin. Und Heileurythmie ist das am weitesten
entwickelte unter diesen.
Die anthroposophische medikamentöse Therapie wendet sich
direkt, das heißt ohne den Umweg über ein Seelisches, an die höheren
Wesensglieder, also an Ätherleib, Astralleib und Ich-Organisation des
Menschen. Ähnliches gilt auch für die Heileurythmie, aber hier ist die
Wirkung auf eine seelische Mitarbeit des Patienten angewiesen. Der
Heileurythmist, der auf Grundlage der seelischen Mitarbeit des Patienten die
höheren Wesensglieder zu einer verstärkten Regsamkeit führt, muss mit den
einzelnen Übungen so umgehen, als seien sie Medikamente. Und deren leibliche
Wirkung ist so spezifisch, dass nur der Arzt und der Heileurythmist
gemeinsam, im Idealfall sogar beide in einer Person, verantworten können,
welche Übungen wo, wie und wann anzuwenden sind. Wie die heileurythmischen
Übungen im Einzelnen wirken, das soll an zwei Beispielen demonstriert
werden.
Als erstes zeigen wir eine Skizze Rudolf Steiners zur
Ausführung der »O-Bewegung« in der Eurythmie.

In der Heileurythmie wird diese Bewegung zur Behandlung
der Tendenz zur Dicklichkeit im Kindesalter eingesetzt. Indem das Kind dabei
eine rundliche Bewegung ausführt und ausdrücklich dazu angehalten wird,
seine ganze Dicklichkeit in der Bewegung zu fühlen, erweist sich die
Heileurythmie entsprechend zur anthroposophischen Arznei-Therapie dem von
Hahnemann entdeckten »Simile-Prinzip« verpflichtet. Allerdings ist diese
Ähnlichkeit nur scheinbar eine sinnliche. Bei näherer Betrachtung liegt die
Ähnlichkeit auf der prozessualen Ebene.
Als zweites Beispiel zeigen wir eine Skizze Rudolf
Steiners zur Ausführung der »E-Bewegung« in der Eurythmie. Diese Bewegung
drückt die Zusammenziehungs- und Überkreuzungstendenz des Nervensystems aus
und wird in der Heileurythmie zur Behandlung der Magersucht im Kindesalter,
in spezieller Abwandlung auch gegen die psychogene Magersucht eingesetzt.
Wie bei der »O-Bewegung« verwendet auch hier die Heileurythmie ganz
offensichtlich das von Hahnemann entdeckte »Simile-Prinzip«, aber wiederum
auf der prozessualen Ebene.

Die Evolution der Sprache hat unsere Zivilisation
geschaffen. Zugleich aber hat sie dazu geführt, dass die kommunikativen
Bewegungen, die ursprünglich den ganzen Körper beanspruchten, weitgehend auf
die Sprachorgane reduziert wurden. So ist das Sprachvermögen in der
Evolution zu einer Eigenschaft des menschlichen Organismus geworden, die
besonders die intellektuelle Entwicklung gefördert hat, aber auf Kosten des
Gefühls- und Willenslebens. Daraus resultiert eine Schwächung der
Stoffwechsel- und Kreislauftätigkeit des zivilisierten Menschen, die ihn zur
Ausbildung degenerativer, das heißt chronischer Krankheiten disponiert.
Heileurythmie gibt dem Menschen also wie der Sport und
die Krankengymnastik, nur auf einem dazu ergänzenden Gebiet, die Kräfte
zurück, die ihm die Zivilisation entzieht. So ist Heileurythmie die
geeignete Therapie für die häufigsten körperlichen und seelischen Störungen
unserer Zeit.