|
In der Heileurythmie
werden Bewegungen ausgeführt, die als Bildeprozesse dem
Sprechen zugrunde liegen.
Von dort aus wirken diese Bewegungen umfassend auf den
Stoffwechsel und alle rhythmischen Prozesse des
menschlichen Organismus.
So wird die
Lebensorganisation (der Ätherleib) gestärkt, und der
Organismus wird neu beseelt.
Warum ist das
Sprechen die Grundlage der Bewegungen in der
Heileurythmie?
In seiner
frühkindlichen Entwicklung erlernt der Mensch zuerst das
aufrechte Stehen und Gehen. Dies ist nur durch die
Nachahmung der Mitmenschen möglich, die um das Kind
herum anwesend sind. Dann fängt das Kind an, auf die
Dinge zu zeigen, die es haben oder abwehren will oder
die es interessieren. Indem die Bezugspersonen des
Kindes darauf reagieren, entwickeln sich die Gestik der
Arme und die Mimik des Gesichtes zu den Vorläufern der
Sprache. Auch dabei sind die Menschen in der Umgebung
des Kindes das Vorbild. Erst daraus folgt allmählich das
Sprechen, und ganz zuletzt entsteht aus dem Sprechen
auch das Denken.
Das Sprechen
entwickelt sich also aus der Gestik der Arme und aus der
Mimik. Hierbei ist die Mimik vor allem zum Mitteilen
innerlicher Gefühle und Bewertungen geeignet, wohingegen
die Arme nicht nur das innerliche Gefühlsleben
mitteilen, sondern auch äußere Vorgänge nachahmen
können. Beides, den Ausdruck der Innerlichkeit, und die
Wiedergabe äußerer Vorgänge, finden wir mit ungleich
größerer Vollendung und Vielfalt in der Sprache wieder.
Aber das Sprechen entwickelt sich aus der Gestik und
Mimik, und die Gestik der Arme ist ihrerseits vom
Erlernen des Stehens und Gehens abhängig, weil dadurch
erst die Arme frei werden. Auch die Mimik kommt ja doch
erst voll zur Wirkung, wenn das Kind sich aufrichtet und
aufrecht steht oder geht. Aufgrund seiner Herkunft aus
der Gestik und Mimik ist also das Sprechen viel intimer
mit den Gliedmaßen, aber auch mit den Emotionen und den
unbewussten Funktionen und Formen der Organe im Inneren
des Organismus verbunden als das Denken.
Die menschliche
Sprache enthält einerseits Grundelemente, die die
Innerlichkeit des fühlenden und wollenden Menschen nach
außen tragen. Diese Innerlichkeit drückt sich am
stärksten in den Vokalen aus: Wir sagen »I«, wenn wir
uns ekeln, »U«, wenn wir uns fürchten, »A«, wenn wir
genießen; und wir sagen »O«, wenn wir erstaunen, „Ei“,
wenn wir erfreut sind, und „Au“ wenn ein plötzlicher
Schmerz uns trifft. Aber natürlich stöhnen wir auch,
wenn uns etwas bedrückt, und dieses Stöhnen ist nicht
nur vokalisch, sondern enthält das Hauchen des „H“
ebenso, wie das „Ch“ im „Ach!“ vorkommt, und wie ein
besonders nachhaltiger Genuss uns zum „Hmm!“ veranlasst.
„Hmm!“ sagen wir aber auch, wenn wir einem Gedanken
zustimmen, und sogar dann noch, wenn wir im Zweifel sind
oder gar protestieren.
Wir kommunizieren
also über die Sprache andererseits auch unsere
Körperempfindungen, Gedanken und Naturerlebnisse. Dies
geschieht so, dass wir mit den Vokalen, noch präziser
aber mit den Konsonanten, die wir sprechen, natürliche,
und sogar technische Außenweltprozesse kunstvoll
nachbilden: Einen Kuckuck ahmen wir mit „Kuckuck!“ nach,
eine Taube mit „Gurr!“ oder "Ruckediguh!", eine Katze
mit „Miau!“, ein Maschinengewehr mit dem rollenden „R“,
einen schallgedämpften Pistolenschuss mit „Duff!“, einen
fahrenden Traktor mit dem Lippen-„R“. Im »H« machen wir
den warmen Lufthauch, im »CH« die Weichheit oder auch
die Rauhigkeit des Windes nach, je nachdem, ob wir das
»CH« wie in »Chemie« oder in »Geruch« aussprechen, zum
»Z« kommen wir, wenn der Blitz einschlägt, oder wenn
eine Lokomotive Dampf ablässt. Und im »K« haben wir das
harte Zerknacken der Nussschale ebenso, wie wir das
weiche Umschließen im »B«, das sanfte Anstoßen im »Du«,
den kantigen Einschlag im »T«, das punktförmige
Auftreffen im »P«, das wolkige Aufquellen im »L«, die
schwappende Welle im „W“, oder das wohlig-wärmende
Durchdringen im »M« nachahmen.
Alle diese
Sprach-Elemente kommen in der Eurythmie so zum Ausdruck,
dass nicht nur die dafür spezialisierten Sprachorgane,
sondern wie in der Gestik und Mimik, der ganze Mensch
aktiv ist.
Indem sich also die
Konsonanten als Willens-Reaktionen auf Sinnes-Eindrücke
entfalten, treffen beim Eurythmisieren die
Gestaltimpulse des Nervensystems und die
substanzschaffenden Prozesse des Stoffwechselsystems in
polarischer Wechselwirkung aufeinander. Die Vokale
hingegen, indem sie das innere Erlebnis nach außen
tragen, erweisen sich den rhythmischen Prozessen
verwandt, die das Fühlen vermitteln. So aktiviert sich
der ganze Mensch in der Eurythmie, und das
Eurythmisieren wird zum Mittel der gegenseitigen
Verstärkung menschlichen Denkens und Wollens im Gefühl.
Und indem der Mensch seine Gliedmaßen- und
Rumpfbewegungen in den Dienst des »sichtbaren Sprechens«
stellt, emanzipiert er seinen Organismus aus den
irdischen Kräften der Schwere und Trägheit. Eurythmie
durchdringt ihn dabei mit Kräften, die den Deformationen
und Funktionsschwächen seiner inneren Organe
entgegenwirken, macht ihn „fit“ nicht nur im sportlichen
Sinne, sondern auch „fit“ für die geistigen und
emotionalen Herausforderungen des Lebens.
Eurythmie gibt es als
Bühnenkunst, als pädagogische Eurythmie in der Schule,
und als Heileurythmie. Auf der Bühne werden die
einzelnen Sprachelemente der Eurythmie nur jeweils
angedeutet und fließend ineinander übergeführt. Der
Heileurythmist dagegen greift einzelne Sprachelemente
gezielt heraus, um damit erkrankte Organfunktionen
spezifisch zu beeinflussen und lässt die einzelnen
Bewegungen durch den Patienten als tägliche Übungen
wiederholen.
Heileurythmie gehört,
wie der Sport und die Krankengymnastik, zu den übenden
Therapie-Verfahren. Da der Patient durch übende
Verfahren für seine Heilung selbst aktiv wird, sind sie
das Herzstück der anthroposophischen Medizin. Und
Heileurythmie ist das am weitesten entwickelte unter
diesen.
Die anthroposophische
medikamentöse Therapie wendet sich direkt, das heißt
ohne den Umweg über ein Seelisches, an die höheren
Wesensglieder, also an Ätherleib, Astralleib und
Ich-Organisation des Menschen. Ähnliches gilt auch für
die Heileurythmie, aber hier ist die Wirkung auf eine
seelische Mitarbeit des Patienten angewiesen. Der
Heileurythmist, der auf Grundlage der seelischen
Mitarbeit des Patienten die höheren Wesensglieder zu
einer verstärkten Regsamkeit führt, muss mit den
einzelnen Übungen so umgehen, als seien sie Medikamente.
Und deren leibliche Wirkung ist so spezifisch, dass nur
der Arzt und der Heileurythmist gemeinsam, im Idealfall
sogar beide in einer Person, verantworten können, welche
Übungen wo, wie und wann anzuwenden sind. Wie die
heileurythmischen Übungen im Einzelnen wirken, das soll
an zwei Beispielen demonstriert werden.
Als erstes zeigen wir
eine Skizze Rudolf Steiners zur Ausführung der
»O-Bewegung« in der Eurythmie.

In der Heileurythmie
wird diese Bewegung zur Behandlung der Tendenz zur
Dicklichkeit im Kindesalter eingesetzt. Indem das Kind
dabei eine rundliche Bewegung ausführt und ausdrücklich
dazu angehalten wird, seine ganze Dicklichkeit in der
Bewegung zu fühlen, erweist sich die Heileurythmie
entsprechend zur anthroposophischen Arznei-Therapie dem
von Hahnemann entdeckten »Simile-Prinzip« verpflichtet.
Allerdings ist diese Ähnlichkeit nur scheinbar eine
sinnliche. Bei näherer Betrachtung liegt die Ähnlichkeit
auf der prozessualen Ebene.
Als zweites Beispiel
zeigen wir eine Skizze Rudolf Steiners zur Ausführung
der »E-Bewegung« in der Eurythmie. Diese Bewegung drückt
die Zusammenziehungs- und Überkreuzungstendenz des
Nervensystems aus und wird in der Heileurythmie zur
Behandlung der Magersucht im Kindesalter, in spezieller
Abwandlung auch gegen die psychogene Magersucht
eingesetzt. Wie bei der »O-Bewegung« verwendet auch hier
die Heileurythmie ganz offensichtlich das von Hahnemann
entdeckte »Simile-Prinzip«, aber wiederum auf der
prozessualen Ebene.

Die Evolution der
Sprache hat unsere Zivilisation geschaffen. Zugleich
aber hat sie dazu geführt, dass die kommunikativen
Bewegungen, die ursprünglich den ganzen Körper
beanspruchten, weitgehend auf die Sprachorgane reduziert
wurden. So ist das Sprachvermögen in der Evolution zu
einer Eigenschaft des menschlichen Organismus geworden,
die besonders die intellektuelle Entwicklung gefördert
hat, aber auf Kosten des Gefühls- und Willenslebens.
Daraus resultiert eine Schwächung der Stoffwechsel- und
Kreislauftätigkeit des zivilisierten Menschen, die ihn
zur Ausbildung degenerativer, das heißt chronischer
Krankheiten disponiert.
Heileurythmie gibt
dem Menschen also wie der Sport und die
Krankengymnastik, nur auf einem dazu ergänzenden Gebiet,
die Kräfte zurück, die ihm die Zivilisation entzieht. So
ist Heileurythmie die geeignete Therapie für die
häufigsten körperlichen und seelischen Störungen unserer
Zeit.
Bei welchen
Erkrankungen wird Heileurythmie angewendet?
Heileurythmie stärkt die Lebenskräfte und macht den
Organismus beseelter. Daher kann Heileurythmie bei allen
Erkrankungen angewendet werden, bei denen die
Lebenskräfte geschwächt sind oder der Organismus sich
der Herrschaft der Seele entzogen hat.
Dies betrifft besonders die zivilisatorisch bedingten
chronischen Krankheiten wie Migräne, Asthma, Rheuma,
Multiple Sklerose, Systemischer Lupus, Diabetes, Krebs,
Bluthochdruck und Herzinfarkt, die Allergien wie
Heuschnupfen und Neurodermitis, die funktionellen
Verdauungsbeschwerden, aber auch viele seelische und
neurologische Störungen wie ADS, ADHS, Bettnässen,
Epilepsie, Schlaganfall, posttraumatische
Funktionsverluste, Stottern, Nervosität,
Schlaflosigkeit, Depressionen, Erschöpfungszustände,
Ess- und Panikstörungen.
Theosophie
Ätherleib
|