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" Warum sprechen wir von anthroposophischer Heilkunst ? Ist nicht die Medizin eine Wissenschaft? - Die medizinische Wissenschaft verhält sich zur Heilkunst etwa so, wie die Pinsel- und Farbenkunde sich zur Kunst des Malers verhält " KrankheitserkenntnisIn der anthroposophischen Heilkunst richtet sich das Interesse des Arztes zunächst darauf, wie das Geistig – Seelische in den physisch – lebendigen Organismus des Menschen eingreift. Was ist das, das Geistig-Seelische? Wir sagen: Es ist das, was den Menschen "genial" macht. Aber: Der Mensch kann nicht nur zu wenig, er kann auch zuviel davon haben! Insofern ist "Gesundheit" nicht das Gegenteil, sondern das Gleichgewicht der Kräfte, die den Menschen krank machen. Greift das Geistig-Seelische zu stark ein, so erkrankt der Mensch, greift es zu schwach ein, so erkrankt er ebenfalls, und greift es am falschen Ort so ein, wie dies an einem anderen Teil des physisch – lebendigen Organismus des Menschen richtig wäre, so ist das Ergebnis ebenfalls krankhaft. In der anthroposophischen Diagnostik kommt es also darauf an, herauszufinden, wie das Geistig – Seelische in den Physisch – Lebendigen Organismus des Menschen eingreift, und dies nicht allgemein, sondern ganz speziell, in jedem individuellen Fall. Dies geschieht dadurch, dass der Patient intensiv befragt , untersucht und beobachtet wird. In der Therapie werden Substanzen und Prozesse aufgrund ihrer Wechselwirkung mit dem Geistig-Seelischen des Menschen verwendet. Wie ist das möglich? - Eine Substanz ist dadurch ein Gift, dass sie eine Wechselwirkung mit dem Geistig-Seelischen im Menschen eingeht. Bei entsprechender Verdünnung dieser Substanz wird aber keine direkte Giftwirkung, sondern nur noch eine Reizwirkung auf das Geistig-Seelische im Menschen ausgeübt. Man darf sich dies so ähnlich vorstellen, wie ein guter Lehrer seine Schüler nicht zwingt, sondern fordert. Es wird also die Heilung in der Anthroposophischen Medizin nicht durch Gifte erzwungen, sondern es werden die Selbstheilungskräfte durch Reizwirkungen angeregt und gefördert. Verhältnis zur HomöopathieBesonders in der Befragung des Patienten, aber auch in der Erprobung der Reizwirkungen von Natursubstanzen stellen die Vorarbeiten der klassischen Homöopathie hierzu eine große Hilfe dar. Doch trotz gleicher Ziele ist der Weg der Anthroposophischen Medizin ein anderer: Nicht ein „Arzneimittel – Bild“, das in der klassischen Homöopathie aus den Symptomen entsteht, die die Erprobung der Gift- und Reizwirkungen von Natursubstanzen am Menschen liefert, sondern aus dem geistig-seelischen Verständnis des Krankheits- Prozesses soll in der Anthroposophischen Medizin erkannt werden, welcher Natur-Prozess zur Herausforderung der Selbstheilungskräfte benötigt wird. Das „Arzneimittel – Bild“ der klassischen Homöopathie kommt im Prinzip ganz ohne ein Krankheits – Verständnis aus, denn für Hahnemann war der Symptomen – Komplex einer Krankheit identisch mit dieser selbst, und damit auch identisch mit dem „Arzneimittel – Bild“. Die klassische Homöopathie versucht also, das sinnliche Krankheits-Bild mit dem sinnlichen Arzneimittel – Bild möglichst detailgenau in Deckung zu bringen. Die Anthroposophische Medizin möchte aber wissen, welche geistig – seelischen Kräfte hinter der sinnlichen Oberfläche des „Krankheits – Bildes“ wirksam sind, um daraus die Therapie zu entwickeln, weil es Krankheiten gibt, die erst subjektive Symptome zeigen, wenn es längst zu spät ist. An der Krebskrankheit, die das wichtigste Beispiel in dieser Richtung ist, lässt sich auch zeigen, woran das liegt. Die Krebskrankheit ist ein Problem der Gestaltbildung: Es werden embryonale Gestaltbildungsprozesse nachträglich aktiv, die den Organismus zerstören. Die Gestaltbildung des Organismus ist ein prinzipiell unbewusster Vorgang. Das deutet darauf hin, dass es überhaupt unbewusste Krankheitsprozesse gibt, und weshalb es falsch ist, die Summe der Symptome mit der Krankheit gleichzusetzen. HeilmittelfindungIst der Krankheitsprozess auf der geistigen Ebene beschreibbar gemacht, d.h. auf der Ebene seiner prozessualen Verursachung, so lässt sich auch das Heilmittel, d.h. der dazu entsprechende natürliche oder künstliche Heilprozess ermitteln. Dieser Heilprozess kann also in der Form einer Heilmittelsubstanz pflanzlicher, tierischer, oder mineralischer Herkunft, oder in der Form einer sonstigen Beeinflussung des Organismus, etwa durch Wärme, oder spezielle Übungen erzeugt werden. Spezifisch anthroposophisch ist hierbei, dass nicht, wie in der Homöopathie, die Ergebnisse der Sinnesbeobachtung unmittelbar einander gegenübergestellt werden : hier die Krankheitssymptome - dort die Symptome der Heilmittelwirkung, sondern das "Simile" (das lateinische Wort für "Ähnlichkeit") auf der Ebene ihrer prozessualen Vergleichbarkeit gefunden wird. Ein solches Verfahren setzt also viel voraus: Das prozessuale Verständnis einer konkret im Patienten aktuell wirksamen Krankheit, und das prozessuale Verständnis einer dem Krankheitsprozess des Patienten ähnlichen Natursubstanz. Der anthroposophische Arzt muss also danach streben, ein Menschenkenner, Naturkenner und Kenner der Heilmittelverarbeitung in einer einzigen Person zu sein. Daraus folgt, dass Anthroposophische Medizin, wie die anderen medizinischen Verfahren, nur durch Gemeinschaftsbildung gedeihen kann. Doch anders als in der "Schulmedizin" darf diese Gemeinschaftsbildung nicht staatlich erzwungen werden. Sonst zerstört der Zwang zur Vereinheitlichung ihre kreativen Entwicklungsmöglichkeiten und den Dialog mit dem Patienten. Verhältnis zur SchulmedizinBei der Untersuchung des Patienten stellt die moderne Schulmedizin
insofern eine große Hilfe dar, als auch für die Schulmedizin der
Symptomen – Komplex nicht identisch mit der Krankheit, sondern nur deren
sinnliche Oberfläche ist. Doch die Schulmedizin sucht, nur scheinbar
rational, die Krankheitsursachen in einer zur Anthroposophischen Medizin
entgegen gesetzten Richtung: Sie sucht sie unterhalb der sinnlichen
Oberfläche, d.h. dort im Physischen, wo unsere Sinne nicht mehr
ausreichen: bei den Molekülen und Atomen. An vielen Stellen macht das
auch Sinn, z.B. in der Unfallchirurgie und Notfallmedizin, überhaupt in
der Chirurgie. Aber sofort nach der Diagnose und der ersten Hilfe, d.h.,
schon gleich bei der Heilung nach chirurgischen Eingriffen müssen im
Organismus Selbstheilungsprozesse in Gang kommen, deren Wesen nicht auf
die Wechselwirkung von Molekülen und Atomen reduzierbar ist,
sondern nur aus der höheren Ordnung des lebendigen, beseelten und durchgeisteten Organismus verstanden werden kann. Denn: Wer wäre naiv
genug, zu glauben, dass ein Knochen allein dadurch zusammenwächst, dass
ich ihn gipse, nagle, oder verschraube ? Oder : Wer wäre naiv genug, zu
glauben, dass eine Lunge, die infolge Lungenentzündung u.U. mehrere Liter
an Eiter enthält, diesen Eiter dadurch schon wieder los wird, dass ich
Antibiotika gebe? – Antibiotika können ja allenfalls das Gleichgewicht
zwischen den Bakterien und den Abwehrorganen des Organismus beeinflussen,
nicht aber dessen eigentliche Heilung und Wiederherstellung betreiben.
Dennoch kommt auch der anthroposophische Arzt vielfach nicht ohne die
Diagnostik der modernen Schulmedizin zurecht. Dies wird besonders dort
deutlich, wo die Krankheits- Symptome erst im späteren Krankheitsverlauf
an die Oberfläche kommen, wie dies fast immer bei der Krebskrankheit der
Fall ist. Aber selbst hier wird man noch sehen: Auch die Krebskrankheit
wird erst wirklich heilbar sein, wenn man gelernt hat, die Selbstheilungskräfte aus den autonomen,
d.h. aus den Geistig – Seelischen Prozessen des Organismus zu aktivieren.
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