Was ist "Integrative Medizin" und warum brauchen
wir sie?
"Von allem das Beste!" - Das sagt sich so leicht!
- Doch was steckt wirklich dahinter?
Das Leib-Seele-Problem des Menschen.
Schon der einfache Vergleich eines schlafenden mit
einem wachen Menschen kann uns lehren, dass der
Mensch kein einheitliches, sondern ein
heterogenes (zusammengesetztes) Wesen ist.
Der wachende Mensch tritt uns aktiv entgegen,
blickt uns an, spricht uns an, reagiert auf unsere
Anrede und alles, das ihn umgibt. Und er reagiert nicht
nur, sondern verfolgt seine eigenen Ziele mit
Leidenschaft, ob uns das nun gefällt oder nicht.
Dem steht der schlafende Mensch gegenüber: Er
liegt weitgehend regungslos im Bett, die Augen
geschlossen, und nur seine Körperlichkeit, aber nichts
von seiner Persönlichkeit teilt sich uns mit. Was liegt
hier vor? Um eine Leiche handelt es sich ganz sicher
nicht, sondern um einen lebenden Menschen: Der
Atem geht langsam, aber tief und regelmäßig, und der
ganze Körper ist, bis in die Fußspitzen hinein,
durchwärmt und entspannt.
Der Mensch fällt uns also in zwei völlig
entgegengesetzte Wesenheiten auseinander, sobald wir
aufmerksam den wachenden mit dem schlafenden Menschen
vergleichen: Auf der einen Seite erleben wir im
wachenden Menschen die Persönlichkeit, die die
anderen Menschen und ihre Mitwelt lebhaft wahrnimmt und
aus ihren Leidenschaften und inneren
Motiven heraus mit diesen interagiert. Auf der
anderen Seite erscheint uns der schlafende Mensch
gänzlich von der Außenwelt abgewendet und nur mit der
Regeneration des eigenen Leibes beschäftigt. Sein Selbst
scheint in dieser Phase des Tagesrhythmus
nichts von sich zu wissen. Und dennoch ist er beim
Erwachen sicher, dass er derjenige ist, als der
er einschlief.
Als eine dritte Wesenheit kann man im
Schlafzustand, dies aber nur von Innen, auch noch die
halbbewusste Innenwelt der Träume bemerken. Gerade
unsere Träume machen nicht selten wahr, was wir schon
gestern wollten, aber erst heute klar vor Augen haben.
Die Doppelnatur des Menschen aus seelischer
Außen-Wirkung und körperlicher Innenaktivität hat seit
Jahrhunderten - wenn nicht Jahrtausenden - die
spirituell veranlagten Menschen Europas beschäftigt. In
der Philosophie bezeichnet man dieses Rätsel des
Menschen, das sich als größtes neben die Rätsel der
Geburt, der Krankheit, und des Todes stellt,
traditionell als das Leib-Seele-Problem.
Auch die Medizin kann sich deshalb nicht allein auf die
körperlichen Aspekte des Menschseins beschränken,
sondern muss sich fragen:
Wie wirken die seelische und die leibliche
Wesenheit des Menschen zusammen? Wie ist es möglich,
dass sie zumindest tagsüber als Einheit erscheinen? Wie
kann ein Raum- und Zeitloses, die Psyche, in ein
Räumlich-Zeitliches, den Körper des Menschen eingreifen?
Wie kann der Mensch in diesem Zwiespalt bis zu einem
gewissen Grade frei und damit moralisch kompetent sein?
Und welche körperlichen Bedingungen müssen erfüllt sein,
damit der Mensch sein individuelles Höchstmaß an
Freiheit und moralischer Kompetenz erreicht?
Für materialistisch gesinnte Menschen ist die
Doppel-Natur des Menschen ein Ärgernis: Ihr Ideal ist
eine einheitliche Erklärung des Menschen,
die ganz mit den physikalisch-chemischen Eigenschaften
des menschlichen Körpers bis hin zur physikalischen
"Erklärung" auch der psychischen Phänomene auskommt.
Dieses Ideal nennt man den "physikalischen Monismus",
der ganz wie nebenbei auch die lästigen Skrupel darüber
aus der Welt schaffen möchte, dass der Mensch ein
unteilbares, zu schützendes Idividuum, dass er auf
gewissen Ebenen des Daseins frei und dort auch moralisch
kompetent ist. Doch der "physikalische Monismus" als
einheitliche Erklärung des Menschen kann nicht
umfassend sein, denn er müsste den Wissenschaftler,
der sich dieser Anschauung bedient, außer acht lassen:
Wer, außer einer menschlichen Psyche, kann noch
Interesse an einer "wissenschaftlichen" Erklärung der
Welt und des Menschen haben? Und welchen Wert hätte eine
Wissenschaft vom Menschen und der Welt, die nicht aus
den Kräften der Seele des Menschen, sondern aus den
Reaktionen der Materie entsteht, die den Menschen und
die Welt zusammensetzt? Ist denn die Form unserer
Wissenschaft nicht eine seelische? Welche Form müsste
eine Wissenschaft haben, die nicht seelisch, sondern
materiell mitgeteilt wird? Hätten wir bei einer solchen
materiellen Wissenschaft nicht wieder die selben
Schwierigkeiten, die wir jetzt haben, wenn wir die
Materie verstehen wollen?
Wer also die menschliche Seele, die innere seelische
Welt des Menschen, als eine Illusion erklärt, der muss
auch seine eigene Erklärung zur Illusion erklären. Denn
alle "objektive" Wissenschaft entspringt ebenso der
menschlichen Seele, wie das übrige allgemein-menschliche
Empfinden und Handeln. So stehen beide, der Spiritualist
und der Materialist vor einem Scherbenhaufen: Der
einseitig spirituell Orientierte, weil er sich als ein
rätselhaftes Doppelwesen mit lästigen physischen
Eigenschaften akzeptieren muss; der Materialist, weil er
sich der Wissenschaft unterwirft, obwohl diese keine
chemisch-physikalische Tatsache, sondern ein rein
geistiges Produkt seiner Seele ist.
Einerseits neigt also häufig der spirituelle Mensch
aus religiöser Scheu gegenüber dem Wunderbau des
menschlichen Organismus zu nebulösen Begriffen.
So wird aus spirituell orientierten Kreisen in typischer
Weise die Frage gestellt: Wenn doch alles Seelisch
oder Geistig am Menschen ist, warum ist dann eine
körperliche Therapie erforderlich? - Andererseits
gehört es zu den höchsten Ziele der sogenannten
Schulmedizin, dass eine Krankheit ohne seelische
Einwirkung des Arztes und ohne Wissen des Patienten
geheilt wird.
Speziell in der "Schulmedizin" haben wir es mit dem
folgenden Paradoxon zutun: Selbstverständlich bemüht
sich jeder gute Arzt, und deshalb auch jeder
"Schulmediziner" um eine mitfühlende (empathische)
Beziehung zu seinen Patienten und achtet die Autonomie
des Patienten mit dessen Wertvorstellungen. Ungeachtet
dessen erreichen aber die derzeit in der "Schulmedizin"
vorhandenen Krankheitsauffassungen nicht die seelischen
und geistigen Ebenen der Krankheitsprozesse: Was hat die
maligne (krebsartige) Transformation eines
Körpergewebes, oder die Zerstörung des
Insulin-produzierenden Teiles der Bauchspeicheldrüse
beim Typ-I-Diabetes mit dem seelisch-geistigen Wesen des
Patienten zutun? Die gegenwärtig in der Schulmedizin
vorhandenen Betrachtungsweisen schließen diese
Beziehungen aus: Mechanische und elektrochemische
Vorstellungen von der Funktionsweise des Organismus,
deren Richtigkeit sich selbstverständlich beweisen
lässt, erlauben keine Beweisführung zu den innerlichen
Erlebnissen der Seele und des Geistes.
Eine einfache Überlegung kann dies deutlich machen:
Niemanden kann man zwingen, etwas oder jemand zu lieben,
denn erzwungene Liebe ist keine Liebe. Liebe ist also
nur dort möglich, wo Freiheit herrscht. Zugleich aber
ist Liebe das Licht der Seele und des Geistes, ja, sie
ist die Grundlage allen geistigen und seelischen
Lebens. Das ist die Freiheits-Botschaft des Christus,
der die Liebe zur höchsten Kraft des Kosmos erklärt. Wo
also die Freiheit der Seele und des Geistes einbezogen
werden muss, da versagen alle Möglichkeiten des
Beweisens. Das haben schon die Scholastiker des
ausgehenden Mittelalters lernen müssen, als sie die
Existenz Gottes beweisen wollten. Der Übergang von
einer kausalen in eine freiheitliche (seelisch-geistige)
Welt schließt jegliche, und damit auch die
naturwissenschaftliche Beweisführung aus, weil Beweise
nur gültig sind, wo Ausschließlichkeit und Notwendigkeit
herrschen, mit anderen Worten: Wo der Zwang herrscht.
Der Zwang, der in der naturwissenschaftlichen Methodik
als Beweiszwang gefordert wird, ist eine außerordentlich
gute Schulung für die menschliche Seele: Fordert er doch
die vollständige Unterdrückung der angeborenen
Selbstsucht und der erworbenen Vorurteile gegenüber
einem völlig objektiven und neuen Sachverhalt. (Objektiv
ist dieser Sachverhalt aufgrund der
naturwissenschaftlichen Methodik, neu ist er, weil die
Welt sich in einem evolutiven, nicht umkehrbaren
Entwicklungsprozess befindet). Aber der dabei ausgeübte
methodische Zwang kann zum Selbstzweck, und damit
seinerseits zum Vorurteil gegenüber dem Neuen werden,
das sich als die freie Kreativität des
Seelisch-Geistigen in der Biographie des einzelnen
Menschen offenbart. Und diese Biographie umfasst
gleichwertig zu dem, was der Mensch als seine Erfolge
und bewussten Ziele hat, auch die Ereignisse, die ihm
Misserfolg, Krankheit und Tod erbringen, womit wir
wieder beim Thema "Medizin" sind.
Was will also (möglicherweise unbewusst) die
Schulmedizin? Ihr hegemonialer Anspruch, der aus dem
"physikalischen Monismus" und dem daraus resultierenden
Zwang zur Beweisbarkeit hervorgeht, führt dazu, dass
der seelisch-geistige, individuelle Mensch, als
Patient und als Arzt, durch die abstrakten Erkenntnisse
der Wissenschaft und die daraus von Experten-Kollektiven
abgeleiteten Richtlinien ersetzt und aus dem
therapeutischen Prozess entfernt wird. Und was
wir in der sogenannten "Gesundheits-Reform" vor uns
haben, ist nur vordergründig um Kostensenkung bemüht. Im
Hintergrund wirken hier schon die soeben genannten,
hegemonialen Zielsetzungen der Schulmedizin.
Wir haben den "physikalischen Monismus" der
"Schulmedizin" in seiner Einseitigkeit, aber auch in
seiner Machtgier gegenüber anderen medizinischen
Richtungen durchschaut und die Unmöglichkeit einer
Beweisführung für die seelische und geistige Wesenheit
des Menschen klargestellt. Nur durch Empathie
(Mitgefühl), Selbsterfahrung und Bewusstseinserweiterung
werden die seelischen und geistigen Dimensionen des
Menschseins real. Die Unmöglichkeit einer Beweisführung
für diesen Teil der Menschenwesenheit, die dem Menschen
erst gegenwärtig und verfügbar wird, wenn er aktiv des
eigenen "Ich" oder "Selbst" gewahr wird, muss also voll
in das Menschenverständnis der Medizin integriert
werden. Sie ist die unverzichtbare Grundlage für die
Freiheit und Würde des Menschen. Nicht nur die bewussten
Ziele und Handlungen, auch die unbewussten Vorgänge und
Eigenschaften des menschlichen Daseins, seine Geburt,
Begabungen, Behinderungen, Misserfolge, Krankheiten und
Heilungen haben Freiheit und Würde, und schließlich auch
sein Tod.
Nun könnte sich doch so manchem Leser die Frage
stellen: Wird nicht in der gegenwärtigen Diskussion zur
Willensfreiheit des Menschen automatisch der Umkreis
dieser Freiheit mit der Größe des menschlichen
Bewusstseins gleichgesetzt? Mit anderen Worten dasselbe
gefragt: Kann denn Freiheit auch jenseits der
Bewusstseinsgrenzen existieren, kann sie auch in den
unbewussten Bereichen des Menschseins vorhanden sein? -
Wir sagen uneingeschränkt: Ja! - Was wäre sonst alle
Kunst, Erfindung und Kreativität des Menschen? Diese
wären sonst - obwohl sie das Herzstück der Freiheit sind
- ausgeblendet durch einen Freiheitsbegriff, der nur den
blassesten, theoretischsten, praxisfernsten Teil der
menschlichen Seele, den trockenen Verstand, als
Freiheitsort erkennen will.
Damit nähern wir uns einer weiteren Frage: Die Kräfte
des trockenen Verstandes sind traditionsgemäß von
männlicher Art. Dank ihrer hat der Mensch seit Urzeiten
die ihn umgebende Natur verwandelt und ihr die
Bequemlichkeiten der äußeren, materiellen
Menschheits-Kultur buchstäblich abgerungen. Welchen
Charakter soll aber die Medizin haben? Soll sie sich auf
den trockenen Verstand eingrenzen lassen, der die Natur
durch Technologie bezwingt, oder soll sie auch und
gerade die wertvollsten Früchte der seelischen
Einfühlung (Empathie) und der geistigen Selbsterfahrung
entwickeln, die der Mensch überall dort benötigt, wo es
sich um die Gestaltung des Zwischenmenschlichen handelt?
Letzteres ist traditionsgemäß die weibliche Seite des
Menschseins. Wollen wir also die Medizin der Zukunft
noch weiter vermännlichen, indem wir ihre ganze Methodik
noch einseitiger auf das Ausmerzen der Einfühlung
(Empathie) und Selbsterfahrung zurichten, oder wollen
wir eine Medizin, die im Patienten den ganzen Menschen
erfasst, und als eine Voraussetzung dazu auch im Arzt
zur Ausbildung bringt? Soll denn in Zukunft die
"Gleichberechtigung" bedeuten, dass die Frau, wenn sie
Ärztin ist, ihre weiblichen Stärken verleugnen muss und
alles Weibliche aus der Medizin verdrängt wird?
Aus den soweit genannten Gründen bezieht die hier
gemeinte Integrative Medizin die
individuelle Intuition in die wissenschaftliche
Diagnose, und die moralische Kompetenz des einzelnen
Arztes in die Therapie mit ein, weil nur so die Heilung
umfassend und nachhaltig sein kann. Denn ohne die
Freiheit der Intuition, und ohne religiöse Scheu und
Ehrfurcht vor dem Tempelbau des menschlichen Organismus
gleitet die Medizin in das Unmenschliche ab.
Genau dies letztere tut ja die Schulmedizin immer dann,
wenn sie den menschlichen Körper als eine
elektrochemische Maschine, die menschliche Psyche als
ein Tier, und den menschlichen Geist als einen Computer
auffasst.
Warum wir eine Integrative Medizin brauchen:
Der Mensch ist ein Bürger dreier Welten.
Mit den soeben skizzierten weltanschaulichen
Perspektiven wird klar, dass der Mensch ein Bürger
dreier Welten ist: Der Mensch lebt gleichzeitig in
einer leiblichen, einer seelischen, und in einer geisten
Welt.
In der leiblichen Welt lebt der Mensch im
altersentsprechenden Gleichgewicht der auf- und
abbauenden Prozesse. Die durch alle Lebensalter hindurch
stets neue Integration dieser Prozesse in die
Gestalt des menschlichen Organismus ist das
Rätsel des Lebens, das Rätsel des Lebendigen.
Durch seine Psyche wird dem Menschen eine
innerliche Welt erlebbar, die aus Empfindungen
und Begierden besteht und sich nach außen in der
Fähigkeit zur Eigenbewegung mitteilt.
Durch seinen Geist tritt der Mensch aus dem
reflexartigen oder instinktgeführten Zusammenhang von
Wahrnehmen und Handeln hinaus und beginnt, sich selbst
wie einer fremden Person gegenüberzustehen. So gelangt
er zu Selbstbewusstsein, Selbsterkenntnis,
Selbsterziehung und Selbstbestimmung. Diese vier
kann man im Begriff der Vernunft zusammenfassen.
Lebendige Gestalt, seelische Innerlichkeit
und weltoffene Vernunft sind also die drei
größten Rätsel des Menschseins. Der Mensch ist durch
sie ein Bürger dreier Welten: Einer leiblichen, einer
seelischen, und einer geistigen Welt.
Wie man diese drei Welten des Menschen in einem
medizinischen System integrieren kann, das erfahren Sie,
wenn Sie nun weiterlesen unter
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