MORAL                                                                   Startseite

Immanuel Kant sprach die Worte: „Pflicht! Du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst. . .“ – und Friedrich Schiller antwortete: „Gerne dien´ ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mir oft, dass ich nicht tugendhaft bin“.
Und Goethe fügte hinzu: „Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt“.

 Das waren die Höhenflüge unserer Klassiker gegen den „Alten in Königsberg“ – Leider sind sie im Biedermeier und im Siegeszug der Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts untergegangen - . 

Auch für mich ist Moral nicht die Konvention oder Norm des Verhaltens, sondern wie für Schiller und Goethe kann auch für mich Moral nur der freie Willensimpuls des Menschen sein. Ich übersetze den ja aus dem Lateinischen stammenden Begriff der »Moral« deshalb mit »Liebe zur Tat«, denn was der Mensch aus Not oder Zwang tut, kann nicht der Moral zugerechnet werden, sondern nur dem Zwang oder der Not. Daher auch der Begriff der "Notwehr" für Handlungen, die Verbrechen sind, wenn man sie freiwillig ausführt. Die Liebe ist also zugleich der Urgrund der Moral und der Freiheit, denn man kann niemanden zwingen, jemanden oder etwas zu lieben.

An dieser Stelle wird heute vielfach gesagt, die Selbstliebe sei die Voraussetzung aller Nächstenliebe. Das ist nicht richtiger, als wenn man sagt: der Zwang ist die Voraussetzung aller Freiheit. Denn die Eigenliebe ist ein biologischer Zwang. Die Nächstenliebe hingegen ist genau das nicht, sondern ein freiwilliger Akt der Zuwendung.

Kaum jemand hat meine Moral-Begriffe, - denn es gibt viele Wege des Liebens -, noch inniger, noch reicher, noch präziser und noch heiterer in Worte gesetzt als Johann Wolfgang von Goethe:

 

Vermächtnis

 

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!

Das Ewge regt sich fort in allen,

Am Sein erhalte dich beglückt!

Das Sein ist ewig: denn Gesetze

Bewahren die lebendgen Schätze,

Aus welchen sich das All geschmückt.

 

Das Wahre war schon längst gefunden,

Hat edle Geisterschaft verbunden;

Das alte Wahre, fass es an!

Verdank es, Erdensohn, dem Weisen,

Der ihr, die Sonne zu umkreisen,

Und dem Geschwister wies die Bahn.

 

Sofort nun wende dich nach innen:

Das Zentrum findest du da drinnen,

Woran kein Edler zweifeln mag.

Wirst keine Regel da vermissen:

Denn das selbständige Gewissen

Ist Sonne deinem Sittentag.

 

Den Sinnen hast du dann zu trauen,

Kein Falsches lassen sie dich schauen,

Wenn dein Verstand dich wach erhält.

Mit frischem Blick bemerke freudig

Und wandle sicher wie geschmeidig,

Durch Auen reichbegabter Welt.

 

Genieße mäßig Füll und Segen;

Vernunft sei überall zugegen,

Wo Leben sich des Lebens freut.

Dann ist Vergangenheit beständig,

Das Künftige voraus lebendig

Der Augenblick ist Ewigkeit.

 

Und war es endlich dir gelungen,

Und bist du vom Gefühl durchdrungen:

Was fruchtbar ist, allein ist wahr –

Du prüfst das allgemeine Walten,

Es wird nach seiner Weise schalten,

Geselle dich zur kleinsten Schar.

 

Und wie von alters her, im stillen,

Ein Liebewerk nach eignem Willen

Der Philosoph, der Dichter schuf,

So wirst du schönste Gunst erzielen:

Denn edlen Seelen vorzufühlen

Ist wünschenswertester Beruf.

* * *

 

An dieser Stelle wird zumeist gefragt: Schön und Gut. Aber wie erreicht man diese Ideale? - Meine Antwort ist: Durch  Nachahmung und Vorbild! – Ist das nicht ein Widerspruch zur Freiheit? – Ich meine: nicht unbedingt. Es kommt aber darauf an, dass wir von Menschen umgeben sind, die uns wirklich dieses Vorbild sein können. Dies scheint mir die Aussage der letzten Zeile des "Vermächtnis" des Johann Wolfgang von Goethe zu sein: "Edlen Seelen vorzufühlen, ist wünschenswertester Beruf" - Goethe hat ganz offensichtlich den Beruf des Erziehers,- ob als Vater, Mutter, oder Lehrer -, im Sinn, als er dies schreibt, aber es hört sich für mich so an, als ob er jeden reifen Menschen meint.

Dieser Gedanke Goethes, dass der Philosoph, der Dichter, durch seine Liebewerke auf das Gefühlsleben seiner Nachwelt wirkt, wurde von Rudolf Steiner weitergeführt: „Das verehrende Anschauen und sich Hingeben im Kindesalter wird zur Macht des Segnens im späteren Lebensalter.“

Normalerweise hat der Mensch ja nur noch sehr wenig Einfluss auf ganz junge Menschen, wenn er selbst zum Greis geworden ist. Ganz anders liegt der Fall aber, wenn dieser alte Mensch in seiner Jugend das verehrende Anschauen gelernt hat. Dann verfügt er im hohen Alter über die Kraft des Segnens. Damit ist hier allerdings nicht die aufgepfropfte, sondern die im Kind erweckte, also in ihm bereits naturhaft veranlagte Religiosität gemeint.

Ich selber habe dieses "Gesetz" am eigenen Leibe erfahren: Als ich etwa 7 Jahre alt war, trat ein uralter, sehr gütiger jüdischer Herr herbei, der Besitzer des Internats, in dem ich lebte, nahm meine Hand, führte sie über ein Pflänzchen, das aus einer Mauer-Ritze hervorwuchs und sagte zu mir: "Diese kleinen Wesen sollst du für den Rest deines Lebens immer beachten!" - Heute weiß ich, dass er mich damals gesegnet hat.

Dass es nun andererseits ganz im Argen liegt mit dem Unterricht, mit der Erziehung die wir erhielten, die wir nicht wirklich überwunden haben und deshalb nur graduell verändert an unsere Nachgeborenen weitergeben, das ist mir in letzter Zeit erst so richtig aufgegangen. Wer sich dafür interessiert, der mag einmal nachlesen im Kapitel

"Waldorf-Pädagogik".

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