Was ist Anthroposophie ?

Anthroposophie ist das Erwecken von Fragen an das Dasein, nicht das Geben von Antworten!

 

Anthroposophie  geht von der Selbsterfahrung des Menschen aus, dass er ein Geist unter Geistern - seinen Mitmenschen - ist. Dies ist aber nicht theoretisch, sondern praktisch gemeint! Deshalb ist Anthroposophie ein Kulturimpuls.  

 

Die Erfahrung der geistigen Natur des Menschen wird in der Anthroposophie zum Ausgangspunkt eines Erkenntnisweges, der schließlich die gesamte Außenwelt des Menschen, also den gesamten Kosmos, zum Anlass eines grenzenlosen Staunens und Fragens werden lässt.

 

Man kann dies auch anders ausdrücken: Anthroposophie ist deshalb interessant, weil sie die Moderne, d.h. die Naturwissenschaft und ihre Technologie, nicht ablehnt, sondern mit der uralten Weisheit von der Seele und dem Geist des Menschen, d.h. mit der höheren, erleuchteten Esoterik verbinden möchte, die uns in den großen Zeugnissen und Dokumenten der Weltreligionen überliefert ist, heute aber gründlich verdorben und dadurch kaum noch verstehbar ist..

 

Rudolf Steiner (1861 - 1925), der Begründer der Anthroposophie, drückte dies in seinem letzten Lebensjahr mit den folgenden Worten aus:

 

„Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muss ihre Rechtfertigung dadurch finden, dass sie diesem Bedürfnisse Befriedigung gewähren kann. Anerkennen kann Anthroposophie nur derjenige, der in ihr findet, was er aus seinem Gemüte heraus suchen muss. Anthroposophen können daher nur Menschen sein, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger und Durst empfindet.“ (Anthroposophische Leitsätze, Dornach 1925, GA 28)

 

Die für eine oberflächliche Betrachtung einheitliche Menschenwesenheit stellt sich aus anthroposophischer Sicht als ein heterogenes, uneinheitliches Wesen dar, in dem drei verschiedene Wirklichkeiten zu einer Einheit verbunden sind:

 

1. Die geistige Wirklichkeit des Menschen.

 

2. Die seelische Wirklichkeit des Menschen.

 

3, Die leibliche Wirklichkeit des Menschen.

 

Die menschliche Wesenheit steht also  vor der Aufgabe, den Abgrund zwischen der geistigen und der physischen Welt zu überbrücken, weil sie in sich selbst dreifach zusammengesetzt ist.

 

Die geistige Wesenheit des Menschen ist weder räumlich, noch zeitlich beschreibbar und entstammt einer ebenso überräumlichen wie überzeitlichen Welt, die als die Geistige Welt oder auch der Geistige Kosmos bezeichnet wird.

 

Mit der Konzeption und im Verlauf der Embryonalzeit, Geburt und Jugend, sowie der daraus im weiteren hervorgehenden Biographie ergreift die geistige Wesenheit des Menschen den Leib als das Werkzeug ihrer Schicksalsgestaltung, bis sie diesen im Tod wieder verlässt.

 

Das Ergreifen des Leibes des Menschen durch seine geistige Wesenheit und der Aufbau der leiblichen Wesenheit des Menschen erfolgt nicht einmalig, sondern rhythmisch gegliedert, besonders deutlich bemerkbar in den Sieben-Jahres-Rhythmen der Kindheit und der Jugend, die mit dem 14. Lebensjahr zur Erdenreife und mit dem 21. Lebensjahr zum Ende der Jugend, dem Erwachsen-Sein führt. Dieser sehr deutliche Rhythmus wird danach immer undeutlicher und erreicht einen ersten Abschluss mit der Menopause der Frau um das 49. Lebensjahr. Im Verlauf der Biographie ergeben sich daraus die unzähligen Lebensrhythmen des menschlichen Leibes. Einer der auffälligsten Rhythmen des Menschen ist der Schlaf-Wach-Rhythmus, bei dessen Vollzug die geistige Wesenheit des Menschen im Schlaf durchschnittlich einmal am Tag die Selbstkontrolle völlig aufgibt, weil sein Geist in die Welt seiner Herkunft, in den geistigen Kosmos zurückkehrt. Im Durchschnitt verbringt so der Mensch etwa ein Drittel der Zeit von seiner Geburt bis zu seinem Tod im geistigen Weltall.

 

Der Schlaf-Wach-Rhythmus wiederholt die Geburt und den Tod des Menschen im Tagesmaßstab und ist in sofern ein Bild für den Reinkarnationsrhythmus des Menschen. Dichter und Musiker haben deshalb auch schon den Schlaf als den kleinen Bruder des Todes gesehen.

 

Das Ergreifen des Leibes durch die geistige Wesenheit des Menschen erfolgt mittels einer dritten, der seelische Wesenheit des Menschen, die man auch als den sich im irdischen Leibe erlebenden kosmischen Geist begreifen kann. Die seelische Persönlichkeit hat mit der geistigen Individualität des Menschen gemein, dass sie unräumlich ist. Mit der leiblichen Wesenheit hat sie gemein, dass sie der Zeitlichkeit unterliegt. Die Seele des Menschen hat also an beiden, an der leiblich-räumlichen, wie auch an der geistigen-ewigen Wesenheit des Menschen Anteil.

 

Dadurch gliedert sich die Seele des Menschen dreifach: Mit ihrem untersten Glied, genauer: Mit den Sinnen ist sie dem Leib verbunden. Mit ihrem obersten Glied, dem Selbstbewusstsein, ist sie dem Geist verbunden, denn sie erlangt die Fähigkeit, sich selbst wie einen Fremden von außen zu betrachten. In ihrer Mitte, im Gemüt, lebt sie in sich selbst: In ihren Gedanken, Erinnerungen, Urteilen, Gefühlen und Motiven.

 

Die irdische Biographie der Seele vollendet sich mit dem Tod des Leibes, wonach eine Quintessenz ihres Willens der geistigen Wesenheit des Menschen in den geistigen Kosmos folgt. Schon im täglichen Schlaf verbindet sich die Seele mit ihrer geistigen Wesenheit und folgt ihr in den geistigen Kosmos, ja, muss ihr sogar folgen, denn Schlaflosigkeit ist tödlich für den Menschen. Das zeigt die so genannte Agrypnia letalis, eine genetisch bedingte Schlaflosigkeit.

 

Nicht nur durch Schock oder Krankheit, sondern zum Erhalt der ganz normalen Gesundheit und letztlich des Lebens verlieren wir das Selbstbewusstsein mindestens einmal täglich, genau genommen sogar mindestens viermal in jeder Nacht, wenn wir in der Phase des traumlosen Schlafes sind: In jedem Schlafzyklus, bestehend aus Leichtschlaf, Tiefschlaf, Traumschlaf und kurzem Erwachen, wiederholt sich dieser ganz normale, uns erquickende Bewusstseinsverlust des Schlafes, den Goethe in den Versen des 2. Teiles seiner Tragödie meint, und deshalb diesem Text vorangestellt sind. Paradoxerweise ist trotzdem der Schlaf einer der wichtigsten Garanten der Kontinuität des Selbst-Bewusstseins: «Wir wissen aus dem äußeren Leben, dass schon ein gehörig langer Schlaf notwendig ist, wenn nicht das Ich-Bewusstsein immer unkräftiger und unkräftiger gemacht werden soll, wenn es nicht den Charakter annehmen soll, den man so bezeichnen könnte, dass es durch einen gestörten Schlafzustand zu stark hingegeben wird an die Eindrücke der Außenwelt.» (R.Steiner: 1919a, Vortr.v. 29.8.1919).

Ja, die regelmäßige, komplette Unterbrechung des Wach-Bewusstseins durch den Schlaf ist nicht nur gesundheitsfördernd, sondern scheint nach heutigem Wissen sogar lebensnotwendig zu sein, denn die Nicht-Erfüllung dieser Anforderung ist von tödlicher Konsequenz, obwohl aus naturwissenschaftlicher Sicht bis heute nicht einleuchtet, warum (Näheres hierzu siehe H. Brettschneider 2010).

 

Mit ihrem Vorstellen spiegelt die Seele des Menschen die Natur als Schöpfung, durch ihr Wollen gestaltet und verändert sie nicht nur die äußere, sondern auch ihre eigene Natur, im Fühlen erlebt sie sich selbst.

 

Anthroposophie ist dennoch nicht bloß Philosophie, wie oft angenommen, aber auch keine Religion, wie gerne behauptet wird. Anthroposophie ist ein Kulturimpuls, der die ehemalige Einheit von Religion, Kunst und Wissenschaft erneuern will.

 

Was bedeutet: Anthroposophie ist ein Kulturimpuls?

 

In seiner Autobiographie (Rudolf Steiner: Mein Lebensgang. Eine nicht vollendete Autobiographie, mit einem Nachwort herausgegeben von Marie Steiner, 1925) beschreibt Rudolf Steiner unter anderem, wie er mit der Gabe geboren wurde, die geistige Welt unmittelbar wahrzunehmen.

 

Aus der damit gegebenen zweifachen Weltsicht ergab sich der beispiellose geistige Umkreis und Reichtum der Unternehmungen Rudolf Steiners, die ihn von der Begründung einer neuen Architektur, einer völlig neuen Kunstgattung: der Eurythmie, über die Begründung der Waldorf - Pädagogik und der biologisch - dynamischen Landwirtschaft bis hin zur Grundlegung einer bis dahin unbekannten Methodik in der Medizin führten.

 

Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort "Anthroposophie" *) soviel wie: "Menschenkunde". Dieses deutsche Wort wird innerhalb der Anthroposophie jedoch nur für die anthroposophische Erkenntnis des Menschen selbst verwendet. Sofern der ganze Kosmos und alle Inhalte dessen, was sich durch die übersinnliche Forschung erfahren lässt, gemeint sind, wird "Anthroposophie" auf deutsch mit dem Ausdruck "Geisteswissenschaft" bezeichnet. (Dieser Ausdruck darf aber nicht mit dem Ausdruck "Geisteswissenschaft" = Philologie verwechselt werden, wie sie heute auf Universitäten praktiziert und gelehrt wird. Der Geistbegriff der universitären Philologie ist mehr oder weniger auf das beschränkt, was Menschen je gedacht und geschrieben haben, was man also auch als menschliche Reflektion bezeichnen kann. Der Geistbegriff der Anthroposophie schließt im Unterschied dazu auch den die physische Substanz schaffenden, bildenden und gestaltenden Logos**) mit ein, wie er zum Beispiel am Beginn des Johannes-Evangelium des Neuen Testamentes beschrieben wird. Deshalb sollte die erste Hochschule für Geisteswissenschaft "Johannes-Bau" heißen. Ihr Bau war in München geplant, wurde aber behördlich nicht genehmigt. Als es dann gelang, die geplante Hochschule in Dornach/Schweiz zu errichten, erhielt deren Bau den Namen "Goetheanum", weil der anthroposophische Kulturimpuls sich als Fortsetzer des von Johann Wolfgang von Goethe ***) eingeschlagenen Weges einer Synthese von Kunst und Wissenschaft und des im Werk von Georg Wilhelm Friedrich Hegel gipfelnden philosophischen Humanismus versteht, der gewissermaßen eine Synthese aus Wissenschaft und Religion erreicht. Denn Wissenschaft trägt den reflektierenden, Kunst den fühlenden, und Religion den wollenden Geist.

 

Als ein Beispiel für den Beitrag der Anthroposophie zur "Kultur" im engeren Sinne sei angeführt: Wer kennt nicht die leidige Diskussion darüber, welches der Auftrag der Kunst sei, und wie Kunst zu sein habe: schön oder hässlich? Für den Anthroposophen ist das eine falsche Alternative. Er möchte, dass Kunst in allem gesehen wird, das der Mensch aus Liebe zum Tun, aus Liebe zum Dialog, aus Liebe zum Leben vollzieht.

 

Auch für die Medizin war die Fähigkeit Rudolf Steiners, das Zusammenwirken des Geistigen mit dem Physischen unmittelbar zu beobachten bahnbrechend, weil seitdem ein bis dahin als unüberbrückbar empfundener Zwiespalt in der Selbsterkenntnis und in der Beurteilung der Krankheiten des Menschen ganz neu angegangen werden kann: Ist der Mensch nur ein physisches Wesen, oder ist er auch Teil einer geistigen Realität? Sind die Krankheiten des Menschen ausschließlich physisch und psychisch, oder sind sie auch geistig, das heißt im Zusammenhang von Reinkarnation und Karma, und in der Wechselwirkung mit geistigen Wesen verursacht?****).

 

Wie man mit der dreifach gegliederten Wesenheit des Menschen auf medizinischem Tätigkeitsfeld umgehen kann, ist in den Kapiteln "Integrative Medizin" und "Die Dreigliederung in der Arzneitherapie" zu finden.

 

Wie sich der einzelne Mensch als eine dreifach gegliederten Wesenheit erkennen kann, ist in den Kapiteln "Dreigliederung des Menschen" und "Theosophie" dargestellt.

 

Wie man die Frage der Willensfreiheit des Menschen dreifach differenziert angehen muss, um nicht einer unprofessionellen Pauschalisierung dieser Frage, und damit einer Begriffs-Verwirrung anheim zu fallen, ist in dem Kapitel "Philosophie der Freiheit" zu finden.

 

Dass die Wissenschaft weder im physikalischen Monismus, noch im bürgerlichen Dualismus aus Natur- und Geisteswissenschaft ihr Heil findet, wenn sie der menschlichen Wirklichkeit gerecht werden will, sondern dazu drei Wissenschaftsgebiete unterscheiden muss, wird in dem Kapitel "Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" skizziert.

 

Das hier angeschnittene Thema: "Anthroposophie als Kultur-Impuls" wird in Ergänzung und Erweiterung der soeben vorgebrachten Gesichtspunkte auf meiner Seite "Anthroposophie und Kultur" weiter ausgeführt.

 

*) Das Wort "Anthroposophie" ist zusammengesetzt aus "Anthropos" = Mensch und "Sophia" = Weisheit. Es wurde historisch erstmalig von I.P.V. Troxler (1780-1866) in seiner "Naturlehre des menschlichen Erkennens oder Metaphysik" (1828) gebraucht. Von G. Spicker (1840-1912) erhielt dasselbe Wort (1872) die Bedeutung: "Der Philosophie höchstes Ziel ist Selbsterkenntnis oder Anthroposophie. Ihr höchstes Ziel ist Selbsterforschung und Selbsterziehung (...) und nur insofern sie dies tut (...) ist (sie) Mutter und Königin aller Weisheit und Tugend" (Die Philosophie des Grafen Shaftsbury). Sodann folgte 1882 die von R.Zimmermann (1824-1898) veröffentlichte "Anthroposophie im Umriss", die sich als Philosophie sowohl von der "Theosophie" (zusammengesetzt aus "Theos" = Gott und "Sophia" = Weisheit), als auch von der "Anthropologie" (Wissenschaft vom Menschen) abgrenzte. Bemerkenswert im Zusammenhang dieser Wortbildungsgeschichte ist, dass Rudolf Steiner seinen ersten von insgesamt über 5000 Vorträgen über "Anthroposophie" am 19.10.1902 hielt, ab Oktober 1902 bis 1912 als Generalsekretär der "Theosophischen Gesellschaft in Deutschland" wirkte und 1904 das zentrale Werk der Anthroposophie unter dem Titel "Theosophie" veröffentlichte (siehe dort auf dieser Homepage). Erst 1913, nach der Trennung von der Theosophischen Gesellschaft, folgte die Begründung der "Anthroposophischen" Gesellschaft".

 

**) Siehe zum Beispiel hierzu den Vortragszyklus von Rudolf Steiner: "Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes",12 Vorträge, Dornach 1923 (GA 230)

 

***) Es gibt Vorträge Rudolf Steiners, in der dieses Anknüpfen der Anthroposophie an Goethe durchaus auch mit herber Kritik an der Person Goethes, am deutschen Nationalcharakter und am mitteleuropäischen Humanismus verbunden ist: "Die Deutschen sind daran zugrunde gegangen, dass sie es auch mitmachen wollten mit dem Materialismus, und weil sie kein Talent haben zum Materialismus. Die anderen haben gute Talente zum Materialismus(...)Die Deutschen weichen in der Regel dann zurück, wenn es ihnen heilsam wäre, kühn vorzuschreiten, und sie stürmen furchtbar stark vor, wenn es ihnen heilsam wäre, sich zurückzuhalten(...)die Deutschen haben Stoßkraft durch die Jahrhunderte gehabt, aber nicht die Fähigkeit, die Stoßkraft durchzuhalten. Goethe konnte das Urphänomen hinstellen, aber es nicht bis zu den Anfängen der Geisteswissenschaft (Anthroposophie) bringen. Er konnte eine Geistigkeit entwickeln, wie zum Beispiel in seinem "Faust" oder seinem "Wilhelm Meister", welche die Welt hätte revolutionieren können, wenn die rechten Wege gefunden worden wäre. Dagegen brachte es die äußere Persönlichkeit dieses genialen Menschen nur so weit, dass er in Weimar Fett ansetzte. . ." (Rudolf Steiner: Die Sendung Michaels, Vortrag vom 15.12.1919, GA 194)

 

****) Zur Einführung in diesen Fragenkreis sei empfohlen: Rudolf Steiner:

Die Philosophie der Freiheit (Rudolf Steiner Gesamtausgabe Nr 4). Dieses Buch war z.B. für mich entscheidend, weil ich damals, bevor ich es las, ein strikter Gegner der Esoterik war, mich aber überzeugen ließ, weil dieses Buch vom Denken ausgeht, insofern also ganz normal wie ein Philosophie-Buch geschrieben ist.

 

 

Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit (1911), Gesamtausgabe 15, Rudolf Steiner Taschenbuch Nr 614

 

In diesem Werk werden die Krankheiten des Menschen als die "Geschenke" der höheren Hierarchien des Kosmos gesehen, die dem Menschen die Möglichkeit geben, aus seinen Fehlern zu lernen.

 

Fernerhin zur weiteren Vertiefung desselben Themas:

Rudolf Steiner: Die Offenbarungen des Karma, Hamburg 1911, Gesamtausgabe 120, Rudolf Steiner Taschenbuch Nr. 620

 

Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, 1924, Band I-VI, Gesamtausgabe 235-240, auch zT. als Rudolf Steiner Taschenbücher erhältlich.

 

Die beste mir bekannte Einführung in die Anthroposophie, die nicht von Rudolf Steiner selbst stammt, ist von Hans Bonneval und heißt: "Wahrheit heilt!"

Es ist erst 2014 erschienen im BoD Verlag unter der ISBN: 978-3-7357-2874-6

 

Wer dieses Buch mit ins Bett nimmt, verbringt die ganze Nacht im Stehen!

 

Von Hans Bonneval existieren auf  You Tube 2 Filme, die ich unbedingt empfehlen kann:

https://youtu.be/asL0XH_VjB4  

https://youtu.be/3TPYb2Dtdtc 

 

In Ergänzung dazu ist auch das Werk des Philosophen ARISTOTELES erwähnenswert, der in der ersten Zeit des Niederganges der antiken Mysterienweisheit lebte, für die es noch selbstverständlich war, dass der Mensch ein geistiges Wesen ist. 

 

Als erster Philosoph der Weltgeschichte entwickelte ARISTOTELES in einem seiner Grundwerke namens "Metaphysik" eine empirische Erkenntnistheorie, wie der Mensch zur Wahrheit auf dem Wege der sinnlichen Wahrnehmung und des Denkens kommen kann.

 

Noch dessen Lehrer PLATO war vom Standpunkt der Mysterienweisheit aus, den er in seinem  berühmten "Höhlengleichnis" darstellte, extrem pessimistisch gegenüber jeglicher Möglichkeit des Menschen, durch Sinneswahrnehmung und Denken zu einer eigenständigen, kreativen und wirklichkeitsgemäßen Weltsicht zu gelangen. Wegen dieses Skeptizismus wird PLATOS "Höhlengleichnis" besonders gerne von materialistisch eingestellten Philosophen und Psychologen zitiert.  

 

ARISTOTELES hingegen beschrieb den Erkenntnisprozess des Menschen so kleinschrittig und präzise, dass die heutigen Philosophen und Psychologen sich noch eine Scheibe davon abschneiden können.

 

Dabei konstatierte ARISTOTELES erstens, dass die Menschen, die Sinneswahrnehmungen haben, der Wahrheit näher kommen können, als jene, die diese nicht haben. Zweitens hebt er hervor, dass diejenigen, die sich an ihre Sinneswahrnehmungen erinnern, der Wahrheit näher kommen, als jene, die das nicht können.

 

Abgesehen davon, dass viele heutige Philosophen und Psychologen durch ihren Skeptizismus gegenüber dem Wahrheitstreben des Menschen zu Totengräbern der Naturwissenschaften und damit auch der modernen Menschheits-Zivilisation geworden sind, erweist sich ARISTOTELES mit seiner zweiten Aussage als ein brillanter Beobachter, der offenbar schon den Unterschied zwischen Wahrnehmung und Empfindung kannte:

 

Einerseits gehören unsere Wahrnehmungen  der Außenwelt genauso an, wie zum Beispiel die Schwärzung der Silbersalze auf einem fotographischen Film durch Lichtwirkung, weil beide, die optischen Wahrnehmungen des Auges und die Schwärzung fotographischer Filme, nur auftreten, solange das Licht aus der Außenwelt hereinscheint.

 

Die Lichtempfindungen andererseits aber nehmen wir als unser seelisches Eigentum, als unsere Erinnerungen mit, und sind mittels dieser Empfindungen befähigt, nicht nur Gegenstände, sondern auch Prozesse, also auch den Zeitverlauf der Verwandlung, das Vorher und das Nachher von Entwicklungsprozessen, zu bemerken.

 

Mit dieser Beobachtung gelingt es ARISTOTELES wie nebenbei, die Existenz der menschlichen Seele nachzuweisen, denn ohne Seele kann es keine Erinnerungen geben. Das zu entdecken, ist im Vergleich zum platten Materialismus, der allenthalben in den Naturwissenschaften vorherrscht, eine echte Heldentat!

 

Drittens kommt ARISTOTELES zu dem Resultat, dass dieser von ihm beschriebene Erkenntnisprozess erst dann vollständig ist, wenn auch das Denken ins Spiel gebracht wird, also das menschliche Ich, dessen Realität bis heute ebenfalls von vielen Philosophen und Psychologen noch bezweifelt wird. Ist aber eine solche Psychologie überhaupt wahrhaftig, kann sie überhaupt Wissenschaft sein? 

 

ARISTOTELES bezeichnet den Dreischritt aus Wahrnehmung, Erinnerung und Denken als "Erfahrung". Zur "Philosophie" als Wissenschaft des Erkennens wird diese Erfahrung aber erst durch die Liebe zur Wahrheit.

 

 

Deshalb bedeutet der von ARISTOTELES neu erschaffene Begriff der "Philosophie"  wörtlich: "Liebe zur Wahrheit."

Eine "Erfahrung", die unter Zwang gebildet wird, kann aber nicht wahr sein! So gerät ARISTOTELES ins Zweifeln, denn den natürlichen Zwängen kann nur ein Gott, aber nicht irgend ein Mensch entgehen. Aber schließlich entwickelt er aus diesem Zweifel die Einsicht: In der Realität können wir zwar nicht den natürlichen Zwängen entkommen, aber wir können wir das Ideal der Liebe, und damit auch das Ideal der Freiheit erschaffen, denn niemand kann zur Liebe gezwungen werden! - So wird ARISTOTELES zum ersten Philosophen und Psychologen der Menschheitsgeschichte, der sich davon überzeugen kann: Unsere Willensfreiheit mag physisch unmöglich sein, aber geistig erschaffen wir sie in den Idealen einer zukünftigen Menschheitskultur! Und daraus wird zukünftig eine Moral, die zwar nicht göttlichen Ursprungs, aber am Gleichnis des Göttlichen gebildet ist, wenn wir den Weg der empirischen Erkenntnis, der kreativen Suche nach der Wahrheit beibehalten!

 

Wenn ich das "Höhlengleichnis" des PLATO richtig verstanden habe, wird darin von PLATO der Mensch so dargestellt, als ob er in einer Höhle gefesselt ist und infolgedessen nur in eine Richtung blicken kann. Und da das Licht der Erkenntnis, das nach PLATO von den unveränderlichen, ewigen Urbildern der geistigen Schöpferwelt ausgeht, in diesem Gleichnis sein Licht aber nur vom Rücken des Menschen her in das Innere der ansonsten dunklen Höhle scheinen lässt, vermag der Mensch in diesem Gleichnis nur die Schatten der göttlichen Ideen zu erblicken, diese selbst aber nicht.

 

 

In der Gegenüberstellung des PLATO und des ARISTOTELES wird also ein Urgegensatz innerhalb des Menschenwesens geschildert, der Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten, der uns alle betrifft: Sind wir das, was wir denken, oder sind wir das, was höhere Mächte aus uns machen? Das Schaffen dieser höheren Mächte ist uns Menschen nach PLATO´s Gleichnis weder wahrnehmbar, noch beeinflussbar.

 

 

Auch ARISTOTELES erkennt die Existenz höherer Mächte an. Aber in seiner Erkenntnis-Theorie gibt es die Ideale, die wir uns selbst nach religiösen Vorbildern erschaffen und aus denen wir die Zukunft frei gestalten können. Dieser Gegensatz erfüllt mit seiner Problematik die ganze Psychologie, Ethik und Weltsicht der Anthroposophie.

 

Hier fällt mir gerade noch ein Höhepunkt unter den tausenden von Höhepunkten ein, die Bonnevals Buch zu bieten hat: Er übersetzt den Satz des SOCRATES anders als sonst üblich: "Ich bin mir dessen bewusst, wenn ich etwas nicht weiß", und erzählt aus seiner Kindheit, dass er sich schon als Pennäler darüber aufgeregt hat, dass SOCRATES angeblich gesagt haben soll: "Ich weiß, dass ich nichts weiß". Eine solche Aussage wäre vom Standpunkt der Logik der reine Unsinn: Wie könnte SOCRATES denn sicher sein, nichts zu wissen, wenn er nichts weiß? - Und in ähnlicher Weise fährt Bonneval das Argument an die Wand, es gäbe keine Wahrheit: Woher soll man denn die Sicherheit einer solchen Aussage nehmen, wenn es keine Wahrheit gibt? 

 

Und mir fällt ein Tagtraum ein, den ich durch die Lektüre von Bonnevals Buch bekam:

 

Ich ging an die Uni in München und hörte mir einen Vortrag von Prof. Wolf Singer, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie in Frankfurt an, der behauptete, er könne keinen prinzipiellen Unterschied zwischen dem Menschen und einer Qualle feststellen. Als sein Vortrag zuende  war, wurde zur Diskussion aufgerufen und ich ging ans Mikrofon und fragte:

 

"Sehr geehrter Herr Professor, leider bin ich nur Internist, und so weiß ich gar nicht, seit wann bewiesen ist, dass nicht nur Menschen über Quallen, sondern auch Quallen über Menschen nachdenken?".

(wird fortgesetzt)

 

Anthroposophie und Kultur

 

Ist Anthroposophie eine Sekte?

 

Erkenntnistheoretische Grundlagen

 

Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung

 

Wahrheit und Wissenschaft

 

Philosophie der Freiheit

 

Moral und Freiheit

 

Dreigliederung des Organismus

 

"Theosophie"

 

Anthroposophie in öffentlichen Vorträgen und Schriften

 

Anthroposophische Medizin

 

Waldorf-Pädagogik

 

Anthroposophie und Darwinismus

 

Anthroposophie und Relativitätstheorie

 

Anthroposophie und Materialismus

 

Anthroposophie und Atomismus