Anthroposophie und Darwinismus

Zusammenfassung:

Die große Selbstverständlichkeit, mit der die heutige Menschheit die "Evolution" des Kosmos als eine Realität akzeptiert, gibt Anlass, die spirituell-empirische, d.h. dynamische Weltauffassung der Anthroposophie mit den kausalanalytischen Denkformen des Darwinismus zu verbinden. Auf vier Ebenen soll dies geschehen.

1. Das Pflanzenreich.

Zur Erklärung der pflanzlichen Organismen erweist sich der Darwinismus als wissenschaftlich nahezu uneingeschränkt fruchtbar, insofern es auf dieser Ebene vor allem um das „Überleben der Fittesten“ geht und „to fit“ im ursprünglichen Wortsinne bedeutet: „angepasst Sein“. Im Sinne seiner Fragestellung bietet der Darwinismus als theoretisches System nicht nur eine nahezu umfassende Erklärungsmöglichkeit der im Pflanzenleben wichtigsten Bedingungen, Anpassungen und Zusammenhänge, sondern darüber hinaus auch den Eindruck einer nahezu völligen Kongruenz seiner Denkmethoden, Hypothesen und Fragestellungen mit dem betrachteten Gegenstand, da es dem Darwinismus ausschließlich um das "Überleben" geht. Die Pflanzen und Bakterien sind insofern die erfolgreichsten Lebewesen überhaupt und so produktiv, dass ihre schiere Biomasse die gewaltigen Kontinentalsockel unseres Planeten bildet (Rosslenbroich 2018).

2. Das Tierreich.

Auf der Ebene des Tierdaseins stößt der Darwinismus an seine erste Verständnisgrenze, die durch das seelische Erleben des Tieres  gegeben ist, denn dieses interessiert den Darwinismus prinzipiell nicht. Das Tier erlebt beim sinnlichen Kontakt mit seiner Umwelt innerlich Lust und Unlust und betritt damit eine seelische Welt, die das Tier mit dem Menschen gemein hat und sich bis in die Nähe der geistigen Welt des Menschen erstreckt. Lust und Unlust wirken zwar innerhalb des seelischen Erlebens des Tieres sinnvoll, indem sie sein Seelenleben in Sympathie und Antipathie polarisieren und dadurch sein Verhalten ordnen. Das seelische Erleben kostet aber wertvolle Energie (C. Fortlage, 1869), wodurch der tierische Substanzaufbau etwa sechsmal mehr Energie erfordert als der pflanzliche.  Das Wachleben der Tiere ist also für das Überleben des Organismus im Unterschied zum Pflanzenleben primär ein Abbauprozess, also ein Nachteil ( siehe. auch  W. Schad , Jahrbuch für Goetheanismus 2018, im Druck). Die seelische Nähe des Tieres zum Menschen führt aber den Darwinismus zu unangemessen Schlussfolgerungen. Das schwächt seine wissenschaftliche Qualität und wirkt auf den Darwinisten entweder deprimierend oder moralisch demotivierend. So soll schon Darwin geradezu an seiner Theorie einer grausamen, den Egoismus belohnenden Natur gelitten und geäußert haben, „dass es ihm vorkomme, als habe er einen Mord begangen“ (zit. n. Schad 2018).

3. Der Mensch als Naturwesen.

In den Augen des Darwinismus ist der Mensch nicht mehr als ein höheres Tier, wenn nicht sogar weniger, denn bezüglich seiner Triebe und Instinkte ist er ein „Mängelwesen“(Gehlen 1940): Sowohl die Instinkt- als auch die Triebausstattung des Menschen ist im Vergleich zum Tier mangelhaft In Wahrheit aber werden im Seelenleben des Menschen die Lust- und Unlusterlebnisse nicht bloß zum Inhalt des Empfindungslebens, sondern im Denken und Wollen zu Erkenntnis- und Entwicklungskräften gewandelt. So ist der Mensch im Verlauf seiner Evolution zu einem geistigen Wesen geworden, das der zeitlichen Voraussicht und der freien Erinnerung, des Hassens und Liebens, und damit auch des Bösen und des Guten fähig ist. Als Schöpfer einer sprachlich, sozial, künstlerisch und technologisch geprägten Menschheitskultur steht er heute über dem Tier, aber zugleich damit ratlos an der Schwelle zum moralischen Bankrott eines Kampfes aller gegen alle und des Zusammenbruches der ökologischen Kreisläufe, die unser Leben tragen.

4. Der Mensch als freie Persönlichkeit.

Für den Darwinismus scheint diese Entwicklung unvermeidlich. Aber die Anthroposophie durchschaut die Gesetzmäßigkeit, die dem Menschen mit der Nächstenliebe zugleich einen verstärkten Egoismus bringt: Nur der Mensch kann Stolz und Hochmut für das empfinden, was er dazugelernt hat, weil nur er ein Ich hat. Für das Tier beschreibt zwar die Neurobiologie so genannte „Belohnungssysteme“, die das Begehren des Tieres nach gehabtem Erfolg beruhigen, aber dass man ein „Ich“ braucht, um den Stolz zu entwickeln, der die Selbsterkenntnis lähmt, entgeht ihr, weil sie das "Ich" für eine Illusion hält. So braucht der Mensch eine spirituelle Psychologie, wie sie in der der Anthroposophie gegeben ist, um den Weg einer Selbstüberwindung zu gehen, die keiner Obrigkeit, sondern nur der Meisterschaft über die eigene Seele verpflichtet ist.

 

 

 

Anthroposophie und Darwinismus

                   Stand:11.7.2018

Evoution,Involution und Schöpfung aus dem Nichts

Heinrich Brettschneider

 

1. Darwinismus – Was ist das?

a) Darwinismus als Weltanschauung.

Seit längerem schon ist für die Menschheit die Wissenschaft an die Stelle der Religion getreten, und der Darwinismus ist heute weltweit die anerkannteste aller wissenschaftlichen Theorien.

 

b) Das Denken in Entwicklung. 

Die Bereitschaft, sich den Kosmos als ein bewegliches, sich fortwährend verwandelndes Wesen vorzustellen, ist eine Grundvoraussetzung des Darwinismus und gehört insofern zu den wesentlichsten Errungenschaften des Geisteslebens der Neuzeit. 

 

c) Temporalisierung des Denkens.

Wissenschaft kommt nicht aus ohne den Vergleich der Phänomene untereinander. Der Darwinismus geht hierin einen Schritt weiter, indem er seine Vergleiche auf der historischen Ebene anstellt, man kann auch sagen: indem er das Denken temporalisiert, also verzetlicht. Hierzu haben die reichen Fossilfunde aus der Erd-, Pflanzen-, Tier-, und Menschheitsgeschichte ebenso beigetragen, wie auch die Embryologie als Zeugnis der ontogenetischen Vorgeburtlichkeit des Menschen. Auch das Studium der historischen Überreste, Mythen und Dokumente früherer Kulturstufen der Menschheit mit den daraus für die modernen Wissenschaften zu ziehenden Schlüssen hat das entwickelnde Denken unverzichtbar gemacht.

 

d) Entsprechungen des Darwinismus zur Anthroposophie.

Ein solches bewegliches Denken wird von der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, der Anthroposophie, nicht nur gefordert, sondern geradezu als unverzichtbare Voraussetzung zu ihrem Verständnis gesehen. Denn die Welt, zu der Anthroposophie einen Zugang ermöglichen soll, die als die geistige (spirituelle) oder auch übersinnliche Welt bezeichnet wird, unterscheidet sich auf noch radikalere Weise von der uns im Allgemeinen vertrauten physischen, das heißt sinnlich erfahrbaren Welt dadurch, dass die psychischen, moralischen und geistigen Erlebnisse des Menschen mit einbezogen werden. Die Radikalität des Unterschiedes der sinnlichen gegenüber der übersinnlichen Welt besteht vor allem darin, dass die übersinnliche, geistige Welt eine in sich bewegte ist, der gegenüber die sinnliche, physische Welt sich als eine zwischen Ruhe und Bewegung wechselnde darstellt. Als Einstieg zu dieser Erfahrung des Geistesforschers wird hier ein knappes Zitat aus Rudolf Steiners Aufsatz: "Die Erkenntnis vom Zustand zwischen dem Tode und einer neuen Geburt" (GA 35) wiedergegeben:

 

"Gegenüber dem Erleben im Leibe hat das geistige Erleben insofern etwas völlig Ungewohntes, als für dieses Erleben die Idee des Seins, wie sie innerhalb der physischen Welt erworben wird, alle Bedeutung verliert. Es gibt im Geistigen nichts Seiendes wie in der physischen Welt. Im Geiste ist alles Werden. Das Einleben in eine geistige Umwelt ist ein immerwährendes Werden. Dieser Unruhe des Werdens der geistigen Außenwelt steht aber gegenüber das Erleben des Inneren, das sich als ruhendes Bewusstsein innerhalb der nie ruhenden Bewegung, in die es versetzt ist, wahrnimmt." (Rudolf Steiner 1916).

 

Wenn diese Beschreibung des hauptsächlichen Unterschiedes zwischen der physischen und der geistigen Welt der Wahrheit entsprechen sollte, dann kann auch die große Selbstverständlichkeit, mit der die heutige Menschheit die "Evolution" des Kosmos für eine reale Tatsache hält, nur günstig sein für die innere Bereitschaft, spirituelle, d.h. dynamische Formen des Denkens, und damit auch die Anthroposophie Rudolf Steiners für einleuchtend und notwendig zu halten, weil der Mensch in seinem Denken die physischen und die geistigen Welten verbindet.

 

e)Scheinbare Widerstände des traditionellen Menschenverständnisses gegen den Darwinismus.

Viele Menschen haben es bis heute schwer, die Wahrheit in der Botschaft des Darwinismus richtig zu verstehen. Das zeigt allein schon die Tatsache, dass das Wort "Evolution" in den letzten 300 Jahren einem mehrfachen Bedeutungswandel unterlag, also selbst schon eine "Evolution" zu durchlaufen hatte (Schad 1992,1997): Im 17. und 18. Jahrhundert bezeichnete man als "Evolutionisten" zumeist noch die Vertreter der "Präformationslehre". Die "Präformationslehre" war die damals herrschende Auffassung der führenden Physiologen, Anthropologen und Biologen, dass jedes Lebewesen schon in der Keimanlage - also im Ei oder Spermium - fertig im Kleinen vorliegt und sich durch Wachstum nur noch auszuwickeln, d.h. wörtlich zu evolvieren braucht. Kein Wunder also, dass wir bis heute noch für etwas ganz anderes, nämlich für die Verwandlungen, die eine Keimanlage bis zur fertigen Gestalt eines Lebewesens durchlaufen muss - im Deutschen zumindest - kein besseres Wort als den Ausdruck "Entwicklung" haben, der ja die wörtliche Übersetzung des  Begriffes der "Evolution" ist, und infolgedessen - rein sprachlich jedenfalls - immer noch suggeriert, ein Keim brauche sich nur auszuwickeln, um geboren zu werden.

 

Dennoch wurde im 17. Jahrhundert - allerdings ohne sich gleich durchsetzen zu können - bei Descartes, Spinoza, Locke und Leibniz, also zunächst nur bei den Philosophen - die Auffassung immer deutlicher und reicher, dass "Entwicklung" nicht bloß die Auswickelung eines Fertig-Gegebenen ist, sondern auch zur Entstehung eines Neuen, Nicht-Vorgeformten, Nicht-Determinierten führen kann. In den Naturwissenschaften wurde diese unserem heutigen Evolutionsverständnis entsprechende Auffassung jedoch erst im 18. Jahrhundert aufgegriffen, z.B. bei Karl Friedrich Kielmeyer, der sich 1797 mit Goethe in Tübingen traf, um sich mit diesem "über die Idee, dass die höheren organischen Naturen in ihrer Entwicklung einige Stufen vorwärts machen, auf denen die anderen hinter ihnen zurückbleiben" zu unterhalten, wie wir aus Goethes Tagebuch wissen.

 

f) Sprachliche Lösungsversuche der deutschen Klassiker.

Die immer wieder anzutreffende Behauptung, Goethe sei ein Gegner der Evolutionslehre gewesen, weil er als Begründer der idealistischen Morphologie den "Typus" nur als starre Idee denken konnte, ist also schon allein aufgrund dieses Gespräches mit Kielmeyer historisch widerlegt. Vielmehr spricht alles dafür, dass der große Dichter Goethe, der den Typus sah als "etwas durchaus Flüssiges, aus dem sich alle besonderen Arten und Gattungen ableiten lassen", in seinem untrüglichen Sinn für Sprache schon damals den Ausdruck "Evolution" ablehnte, weil sich sein begrifflicher Inhalt bei ihm selbst bereits zu dem gewandelt hatte, was wir heute darunter verstehen, für das wir aber immer noch das "falsche", das alte Wort „Evolution“ benutzen. Er bevorzugte deshalb instinktsicher den Ausdruck "Metamorphose" (von griechisch metamórphosis‚ Umgestaltung‘) und entwickelte daraus seine Metamorphosenlehre, die bis heute zumindest in der Embryologie, Ontogenese und vergleichenden Anatomie der Pflanzen unumstritten ist.

 Wie sehr Goethe an der Vorbereitung des Darwinismus als eines Denkens in Entwicklung beteiligt war, zeigt das folgende Gedicht:

 

Eins und Alles

 

Im Grenzenlosen sich zu finden,

Wird gern der Einzelne verschwinden,

Da löst sich aller Überdruss;

Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,

Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen

Sich aufzugeben ist Genuss.

 

Weltseele, komm' uns zu durchdringen!

Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen

Wird unsrer Kräfte Hochberuf.

Teilnehmend führen gute Geister,

Gelinde leitend, höchste Meister,

Zu dem, der alles schafft und schuf.

 

Und umzuschaffen das Geschaffne,

Damit sich's nicht zum Starren waffne,

Wirkt ewiges lebend'ges Tun.

Und was nicht war, nun will es werden

Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,

In keinem Falle darf es ruhn.

 

Es soll sich regen, schaffend handeln,

Erst sich gestalten, dann verwandeln;

Nur scheinbar steht's Momente still.

Das Ewige regt sich fort in allen:

Denn alles muss in Nichts zerfallen,

Wenn es im Sein beharren will.

 

aus: J.W. v. Goethe: Gott und die Welt

 

g) Der Einfluss der epochalen Denkstile auf die Wissenschaft vom Menschen. 

Der wahre Kern des Darwinismus ist, dass alle Lebewesen sich entwickeln und dazu Zeit brauchen. Aber viele weitere Annahmen des Darwinismus sind relativ unbedeutende, d.h. historisch dem „Zeitgeist“ entliehene Annahmen, die sich klar erkennbar als von der jeweiligen Kulturepoche, insbesondere des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt erweisen. Hierfür kennzeichnend ist, dass ja der Darwinismus sehr direkt im Zusammenhang mit der kulturellen Krise des 19. Jahrhunderts entstand, die durch den Tod Goethes am 22.3.1832 hervorgerufen wurde. Nicht nur der Feldzug des Materialismus gegen den Idealismus wurde durch Goethes Tod eingeleitet, der bis heute fast alle philosophischen, psychologischen, historischen, soziologischen und biologischen Wissenschaftsdisziplinen durchzieht. Auch die Machtansprüche politischer Gruppierungen haben sich namentlich im religiösen Fundamentalismus, im Kolonialismus und Imperialismus, aber auch im faschistischen Rassismus als deterministischer Moralersatz offenbart. 

 

h) Darwinismus als Ideologie des Anti-Humanismus.

Kein Wunder also, dass der Darwinismus in seiner Frühform Denkfiguren wie "Anpassung" (Biedermeier!) und "Kampf ums Dasein" (Militarismus!), insbesondere aber auch "das Überleben des Stärkeren" (Spencerismus = Philosophie Herbert Spencers!), als scheinbare wissenschaftliche Fortschritte präsentierte, die dem modernen Humanismus elementar widersprechen.

 

i) Die Tierherkunft des Menschen.

Vor dreieinhalb Milliarden Jahren entwickelte sich das erste Leben auf der Erde, zunächst in der Form von Einzellern, die bis heute die „erfolgreichsten“ Organismen im Sinne des Darwinismus insofern sind, als allein ihr Fortpflanzungserfolg dazu führte, dass ihre schiere „Biomasse“ bis heute den Hauptanteil an den Sockeln der Kontinente des Erdplaneten ausmacht (Rosslenbroich 2018). Viel später erst entstanden die höheren Pflanzen und die Wirbeltiere und zuletzt auch die frühen Vorfahren des Menschen. Es dauerte also viele Millionen von Jahren, bis sich der Mensch so aus einer tierisch-menschlichen „Mischform“ absonderte, wie er heute ist. 

 

So bleibt als wirklich fruchtbar und zukunftsweisend für den Darwinismus allein die Grundannahme übrig, dass alle Lebewesen nicht schon immer so waren, wie sie jetzt sind, sondern sich verwandelt haben. Wenn aber diese Grundannahme wahr ist, und alles andere nur historisches Beiwerk, dann können nur die Lebewesen am höchsten entwickelt sein, die die meiste Zeit dafür hatten. Infolgedessen kann der Mensch als das am höchsten entwickelte aller Lebewesen nicht von den Tieren abstammen, sondern muss schon vor den Tieren da gewesen sein (allerdings - das müsste gerade den Darwinisten einleuchten - in einer anderen Form als der heutigen). 

Nur weil der Mensch mehr Zeit für seine Entwicklung hatte, konnte er sich auch höher als die Tiere entwickeln. Deshalb können die Tiere nur von ihm abstammen und nicht umgekehrt der Mensch von ihnen. Wirklich konsequent der Grundannahme des Darwinismus entsprechend ist also die Ansicht, dass der Mensch innerhalb der Evolution der Lebewesen nur deshalb höher steigen konnte als die Tiere, weil er früher begann, sich zu verändern. Ein solcher Gedanke erfordert allerdings auch, dass der Mensch in seinen Frühformen sehr stark verschieden von seiner heutigen Erscheinung gewesen sein muss. So stellte sich die Anthroposophie Rudolf Steiners gerade in den schwierigen Anfangszeiten des Darwinismus demonstrativ hinter Darwin und Heckel (Steiner 1912). Wer aber andererseits heute den Darwinismus missbraucht, um die Urbilder des Menschlichen in der Tierwelt zu suchen, der ist geistig stehengeblieben auf der Höhe des "tausendjährigen Reiches."

Andererseits sprechen aber die primäre Menschenähnlichkeit junger Säugetiere, ihre Betonung des Hirnschädels, ihre relative Aufrichtung des Gesichtsschädels und ihre ausgeprägte Verhaltensplastizität, Neugier und Spielfreude sehr beredt dafür, dass sie ihrerseits vom Menschen abstammen und ihre menschlichen Eigenschaften erst sekundär verloren haben (siehe Abbildung 1). 

 

Abb. 1: Nur im embryonalen Zustand zeigen die niederen Wirbeltiere, die höheren Wirbeltiere aber noch in der frühen Kindheit menschenartig ausgewölbte Formen des Hirnschädels. Von allen Tieren am deutlichsten und zeitlich am längsten zeigt sich dieses Gestaltmotiv bei den dem Menschen am nächsten verwandten Menschenaffen. Wir betrachten deshalb hier vergleichend nebeneinander ein Schimpansenkind, einen Schimpansenjüngling und einen Schimpansengreis. Die Abstammung von gemeinsamen Vorfahren ist hier ebenso offensichtlich wie bei den paläontologischen Frühformen des Menschen (aus Schad 1985).

 

Da das letztgenannte menschliche Gestaltmotiv junger Säugetiere besonders ausgeprägt bei den Jungtieren der Affen und Menschenaffen auftritt, wird heute von den meisten Darwinisten angenommen, dass Affen und Menschen einen gemeinsamen Vorfahren haben, der die tierischen und menschlichen Eigenschaften als eine „Mischform“ vereinte, aus denen sich dann die heutigen spezielleren Formen der Menschenaffen und des Menschen im engeren Sinne differenzierten(siehe Abbildung 2).

 

 

Abb. 2: Von links nach rechts: Schädel eines Jetztmenschen (Homo sapiens sapiens). In der Mitte der Schädel eines Sahelanthropus tschadensis, der erst 2001 in der südlichen Sahara entdeckt wurde und als urtümliche „Mischform“ aus vormenschlichen und menschlichen Primaten gilt, aber schon vor 7 Millionen Jahren des aufrechten Ganges fähig war (daher die steile Gesichtsfront, die rückgebildeten Eckzähne und ein Hinterhauptsloch, das nicht hinter, sondern unterdem Hirnschädel liegt). Ganz rechts der Schädel eines heutigen Schimpansen (aus Schad 2017).

 

Der Darwinismus ist also nicht unbedingt ein Gegner der Anthroposophie, sondern kann sogar als eine Grundlage zu deren Akzeptanz und ihres Vorschlages gesehen werden, dass sich der Mensch aus seiner heutigen Form noch weiter emanzipieren wird und dabei selbst den entscheidenden Beitrag zum Gelingen dieser Emanzipation aktiv liefern muss. 

 

k) Der „Zufall“ als Motor der Evolution.

Vielen Gegnern des Darwinismus erscheint es angebracht, die überragende Bedeutung zu kritisieren, die angeblich dem „puren Zufall“ für den Wandel der natürlichen Arten durch diese Denkform verliehen wird. 

Das wirft die Frage auf, wie denn der Artenwandel in der Natur überhaupt zustandekommt. Viele Anti-Darwinisten begründen ihre Gegnerschaft mit dem Argument, der „Zufall“ sei als Motor der Evolution zu schwach, zu mechanistisch, zu determiniert, zu „inhuman“, zu „ungöttlich“, möglicherweise auch zu „unintelligent“, um etwas so „Intelligentes“ wie die Natur entstehen lassen zu können. Für Darwin selbst war der Begriff des Zufalls nur eine Art „Blackbox“, die er stellvertretend für sein damaliges Nicht-Wissen von den materiellen Grundlagen des andererseits so offenkundigen Artenwandels in der Natur einsetzte. So war Darwin nicht einmal fest davon überzeugt, dass der Lamarckismus falsch sei, der, bzw. sein Begründer Jean-Baptiste Pierre Antoine de Monet, Chevalier de Lamarck (1744 -1829), als einer der bekanntesten vor-darwinistischen Evolutionisten davon ausging, dass im Leben erworbene Eigenschaften erblich seien. 

Bevor wir die Entwicklung des Wissens von den materiellen Grundlagen der natürlichen Abstammung betrachten, wollen wir aber doch noch die Frage stellen, inwiefern der Zufallsbegriff sogar einen gewissen Schutz vor dem Determinismus kollektiver, allzu menschlicher Machtansprüche an das Individuum bietet: Um wieviel liberaler, weisheitsvoller und humaner wäre denn die Welt- und Menschheitsentwicklung, wenn man die letztere zum Beispiel den Vorstellungen religiöser Kreise anheim stellen würde? Wieviel humaner als die Naturwissenschaften wären denn jene fundamentalistischen Kreise, die auffällig gern vom „Intelligent Design“ der Natur sprechen, wenn man ihnen die Frage nach der Menschheitszukunft überlassen würde? Ist es nicht angesichts der Verirrungen der Menschheitsgeschichte, insbesondere beim Rückblick auf das 20. Jahrhundert, wirklich weit angebrachter, auf eine offene Zukunft in der Evolution zu hoffen?

 

Goethe nimmt den Determinismus jeglicher Couleur gleich zu Beginn seines „Faust“ mit den folgenden Versen recht putzig „auf die Schippe“:

 

MEPHISTO: 

Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,

Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.

Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,

Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

 

DER HERR:

Hast Du mir weiter nichts zu sagen?

Kommst du nur immer anzuklagen?

Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

 

MEPHISTO:

Nein Herr! Ich find’ es dort, wie immer, herzlich schlecht!

Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,

Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.

 

 

l) Die Evolution des Darwinismus.

Charles Darwin war nicht der erste Darwinist. In der Erstveröffentlichung seines Hauptwerkes „On the origin of species by means of natural selection in the struggle for life“ 1859 nennt er 34 Vorläufer seines Konzeptes, dessen Kernstück zwar die „Selektion“ der Bestangepassten war, das er aber nicht der Naturwissenshaft seiner Zeit, sondern einem Buch des Bevölkerungs-Theoretikers Thomas Robert Malthus entnahm: „Essays on the Principles of populations“. Auch die Idee eines „struggle for life“ in der zweiten Hälfte des Titels hatte er keinem Naturwissenschaftler, sondern dem Philosophen Herbert Spencer zu verdanken. Schon sein Großvater Erasmus Darwin erfand als Evolutionsforscher das Wort „Darwinismus“, allerdings noch ohne den Selektionsbegriff. 

Durch die Forschung August Weismanns (1834-1914) wurde dessen Keimplasma-Theorie Bestandteil des klassischen Darwinismus, die besagt, dass nur die Keimbahn, aber nicht die gewöhnlichen, die so genannten Soma-Zellen des Organismus dazu befähigt sind, erbliche Veränderungen an die Nachkommen weiterzugeben. Deshalb spricht man ab 1895 vom Neo-Darwinismus, der jede Vererbung individuell erworbener Eigenschaften ausschließt. Seit Crick und Watson 1956 die Unterscheidung von DNA und RNA einführten, gibt es das DNA-Dogma der Vererbung, das darin besteht, dass Erbinformationen nur von der DNA auf die RNA, aber  nicht umgekehrt übertragen werden können. Damit begann der Neo-Neo-Darwinismus.

Als dann 1970 die Retro-Viren entdeckt wurden, die auch Erbinformationen von der RNA auf die DNA zurückübertragen können, wurde aus dem einfachen Anfangs-Darwinismus schließlich der Neo-Neo-Neo-Darwinismus. Heute haben wir denNeo-Neo-Neo-Neo- Darwinismus dadurch, dass eine Gentechnologie entstanden ist, die gar nicht mehr an den Genen selbst, sondern an den diesen übergeordnetenSuppressor-Genen ansetzt.

Welche weiteren Möglichkeiten der Abstammung von Eigenschaften noch zu berücksichtigen sind, ist durch die Entdeckung der so genannten Epigenetikvorläufig nur für Spezialisten dieses Gebietes überschaubar.

Die materiellen Grundlagen der Evolution der Lebewesen werden also genauso als Gegenstand einer sich frei entwickelnden Wissenschaft betrachtet, wie die natürliche Evolution des Lebens selbst.

 

m) Berechtigte Zweifel am Begriff der „Selektion“ als Motor der Höherentwicklung-

Es scheint zwar sicher, dass die Welt nicht schon immer so war wie heute, das es also die „Evolution“ gibt. Aber es ist keineswegs unbezweifelbar, dass Darwins Selektionstheorie den Schlüssel zu irgendeiner Höherentwicklung der Lebewesen, oder des Menschen ergibt. In gewisser Weise bewirkt die Selektion der Bestangepassten durch Ausmerzung der weniger gut Angepassten sogar geradezu das Gegenteil von Höherentwicklung: Wo immer die Selektion durch Ausmerzung der Unpassenden evolutionsbestimmend wirksam ist, bewirkt sie vor allem eine stärkere Spezialisierung. Diese ist aber eher ein Garant dafür, dass alles beim Alten bleibt, also nicht das Überleben der höher Entwickelten, sondern dasjenige der Spezialisten konserviert wird.  

Bei aller Bewunderung, die wir angesichts der gewaltigen Harmonie und gegenseitigen Abstimmung im Zusammenleben der Lebewesen der großartigen Natur empfinden, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass es in concreto keine Beispiele dafür gibt, dass die natürliche Zuchtwahl auf dem Wege der gegenseitigen oder der ökologischen Ausmerzung dazu geführt hat, dass irgendwo oder irgendwann eine Höherentwicklung erreicht wurde. Durch eine immer feiner werdende Abstimmung zwischen den Individuen und dem Lebensraum kann die Selektion der Bestangepassten nur zu einer Verstärkung des Spezialistentums unter den Teilnehmern des Selektionsprozesses führen. Erst das Phänomen, das man in der Evolutionsbiologie als „Emanzipation“ (Befreiung) des Individuums und letztlich der Arten aus den Zwängen des jeweiligen Lebensraumes bezeichnen kann, berechtigt dazu, von Höherentwicklung zu sprechen. Diese Unmöglichkeit der Höherentwicklung durch Konkurrenz und Zuchtwahl, zusammengefasst im Begriff des „Selektionsdruckes“, ist in voller Breite durch den Neurobiologen Gerald Hüther anderen Ortes dargestellt worden (Hüther 2010), wohingegen von Bernd Rosslenbroich der Vorschlag gemacht wurde, Höherentwicklung erst dann als eine solche anzuerkennen, wenn sie die Autonomie-Zunahme des Individuums oder seiner Art bewirkt (Rosslenbroich 2018).

 

 n) Involution als Evolutions-Prinzip, 1.Beispiel: Die Menopause.

In der medizinischen Anthropologie bedeutet „Involution“ so viel wie „Rücknahme“ oder auch „Rückbildung“ und wird zumeist nur als altersbedingtes Versagen, als negative Folge der Alterung des Organismus, aber noch nicht als eine Form der Höherentwicklung gesehen. 

Das allgemein bekannteste Beispiel für diesen Prozess ist die so genannte Menopause der Frau, die, wertfrei betrachtet, eine Entlassung aus den Freuden, aber auch aus den Zwängen der natürlichen Reproduktionszyklen bedeutet. Nur selten wird darüber nachgedacht, dass es eine Menopause nur bei den allernächsten Verwandten des Menschen, den Groß- oder Menschenaffen gibt, während alle anderen Tiere bis an das natürliche Lebensende fertil bleiben. Und noch weniger wird darüber nachgedacht, dass die Menopause mit der Radikalität, die sie beim Menschen und den Großaffen hat, eigentlich nur die Frau betrifft. Zudem tritt die Menopause des Menschen noch früher, in typischer Weise schon gegen Ende des 7. Jahrsiebtes, also bereits kurz nach der Lebensmitte der Frau auf. 

Bis dahin wird die Frau andererseits auffallend mehr als der Mann durch die Reproduktionsprozesse des Organismus beansprucht. Dies trifft insbesondere für die monatlichen Regelblutungen zu (die als solche bezeichnenderweise aus einem Abbau-, bzw. Todesprozeß, d.h. aus der Abstoßung der implantionsbereiten Gebärmutterschleimhaut hervorgehen). Des weiteren stellt ja auch die Stillzeit des Menschen eine erhöhte Inanspruchnahme der Frau dar. Umso deutlicher ist die Frau dann „endlich“ von der „Naturfron“ der Fortpflanzung befreit und nach der Menopause insofern „mehr Mensch“ als der Mann, als sie zwar immer noch Sexuallust empfinden kann, aber die natürlichen Folgen derselben nicht mehr zwingend ertragen muss. 

Obgleich nur wenige Menschen so denken, ist also die Menopause ein anschauliches Beispiel für eine in vielfacher Hinsicht befreiende Wirkung der Involution auf den Menschen. Das letztere ist zwar besonders deutlich bei der Frau, aber durchaus auch beim Mann durch den Eintritt in das Senium festzustellen. 

Auch bei den Menschenaffen (Schimpanse, Gorilla, Orang-Utan) findet man Menstruation und Menopause, die Menopause fehlt aber schon den Altweltaffen. Die bei den übrigen Säugetieren zu beobachtende so genannte monatliche „Läufigkeit“ entspricht jedoch nicht einem Abbau, sondern resultiert dazu entgegengesetzt aus dem Aufbau der Gebärmutterschleimhaut.

Nimmt man nun den Begriff der „Involution“ als Modell einer befreienden Emanzipation des Menschen aus seiner natürlichen Knechtschaft, so erscheint auch der Erwerb des aufrechten Ganges durch den Menschen nicht mehr unbedingt als „Evolution“, sondern kann auch versuchsweise als „Involution“, als Zurücknahme gesehen werden.

Dass dies in morphologischer Hinsicht durchaus berechtigt sein könnte, darauf weist Schad hin (1985, 2018) indem er ein Phänomen als „Stauh- oder Rücknahmeprozess“ beschreibt, das selbst den Menschenaffen noch fehlt, sich aber als erster Schritt in der Evolution des aufrechten Ganges des Menschen in der Verkürzung der Finger, noch mehr aber in der Verkürzung der Zehen offenbart. 

In seelischer Hinsicht entspricht diese Verkürzung einer Antipathie des Menschen gegen seine natürliche Umwelt. Man könnte dieselbe auch als „Selbst-Zurückhaltung“ bezeichnen, denn der aufrechte Gang bringt ja den Menschen keineswegs schneller als die sich vierbeinig bewegenden Säugetiere, sondern in aller Regel langsamer zum Erfolg eines Angriffes oder in die Sicherheit einer Flucht(siehe die Abbildung 3).

Abb. 3: Vergleich der Beine eines Säugetierembryos (Mitte, stark schematisiert) mit den Beinen eines Lauftieres (Links, Pferd) und eines erwachsenen Menschen (Rechts). Beim Pferd sind die peripheren Teile stark verlängert, mit denen es in Kontakt zum Biotop lebt. Beim Menschen sind dieselben (analogen) Teile stark verkürzt, d.h. „zurückgenommen“ bzw. „gestaut“ (aus Schad 1985)

 

Seelisch betrachtet kann man den aufrechten Gang des Menschen geradezu als „Rückwarts-Gang“ bezeichnen: Er befähigt ihn dazu, sich aus den Naturzusammenhängen zurückzuziehen und sich dem geistigen Kosmos zuzuwenden, indem er beobachtend langsamer geht oder sogar sinnend stehen bleibt. Aus anthroposophischer Sicht könnte man daher auch sagen:

 

„Dieses Selbständigerwerden der Sinne, dieses Emanzipieren der Sinne von der Gesamtorganisation, das ist etwas, was erst beim Menschen eintritt. Dadurch aber steht beim Menschen die ganze Welt der Sinne viel mehr im Zusammenhang mit dem Willen als beim Tier... Beim Menschen ist es so, dass sein Kopf auf seinem eigenen Brustorganismus und Extremitätenorganismus steht. Beim Menschen ist der Brustorganismus so unter dem Hauptesorganismus, wie beim Tier die Erde unter dem Hauptesorganismus ist. Der Mensch steht mit dem Kopf auf seiner eigenen Erde...Beim Menschen ist unmittelbar der Wille, der Willensorganismus in den Kopforganismus eingeschaltet und das Ganze im Erdradius. Dadurch werden die Sinne gewissermaßen durchflossen von dem Willen, und das ist das Charakteristische beim Menschendadurch unterscheidet er sich in Wirklichkeit von dem Tiere, dass die Sinne von dem Willen durchflossen werden.“ (Rudolf Steiner, GA 188, Vortr. v. 3.1.1919)

 

 

Abb. 4: Schematischer Vergleich des Willens beim Tier (links) und beim Menschen (rechts). Der Wille des Tieres ist in den Erdorganismus eingeschaltet durch dessen Reflexe, Triebe und Begehren. Im aufrechten Gang emanzipiert sich hingegen der Wille des Menschen vom irdischen Umkreis(Aus Steiner 1916, S.32).

 

Hier sei auf einen merkwürdigen Gegensatz zwischen der Onto- und der Phylogenese des Menschen hingewiesen, der an den Gegensatz zwischen der Ontogenese des Einzelblattes und der Metamorphose ganzer Blattreihen bei den Blütenpflanzen erinnert: Ontogenetischberuht der Erwerb des aufrechten Ganges beim Menschen auf Sympathie: Kraft seiner Nachahmungsfähigkeit, und nicht etwa aufgrund seiner genetischen Veranlagung, gelingt dem Menschenkind die Aufrichtung um die Zeit seines ersten Geburtstages, weil es die ihm vertrauten Mitmenschen beständig aufrecht sieht. Phylogenetischist dies ein vor etwa 7 Millionen Jahren beginnender Prozess der Antipathie gegen die natürliche Umgebung gewesen, der den Menschen, wie aus der nun folgenden Bildreihe ersichtlich wird, aus seiner Einbindung in die natürlichen Kreisläufe heraus und in die Gemeinschaftsbildung der Sprache und des Denkens führte, indem er zuerst die Füße ergriff, dann auch das Becken und den Brustkorb, und schließlich auch den Kopf mit seinem verharmlosend so genannten „Kindchen-Schema“ formte. Mit seiner senkrechter Gesichtsfläche, dem hoch aufgewölbten Hirnschädel und dem zurückgenommenen Gebiss erscheint das heutige Antlitz des Menschen wie ein Werk der ontogenetischen Sympathie mit der Menschengemeinschaft, obwohl es phylogenetisch das genaue Gegenteil davon, ein Ergebnis der Absonderung der Menschheit von der natürlichen Umgebung, ein Kommen zu sich selber ist (s. Abb.5): 

 

 

 

Abb.5: Vergleich des rechten Fußskelettes beim Schimpansen (links) und beim Menschen (rechts): Deutlich sichtbar ist beim Schimpansen (links) die sympathische Streckung der Zehen, mit denen der Schimpanse sich an die Zweige der Bäume anklammert, wohingegen beim Menschen (rechts) die Zehen antipathisch verkürzt sind und die Großzehe an den Vorfuß angelegt wird. Auch die Stauung und Verplumpung des Fersenbeins macht nur im Hinblick auf das Stehen Sinn. Dazu entgegengesetzt erscheint der Fuß des Schimpansen (links) mit seiner filigranen Streckung der Zehen wie eine in Sympathie die Zweige der Bäume suchende Hand (aus Schad 1985).

 

 

 

 

Abb.6: Rekonstruktion der c.a. 3 Millionen alten „Lucy“, d.h. eines weiblichen Skelettes des Australopithecus afarensis, aus der Afarsenke Nordäthiopiens, mit allen Zeichen des aufrechten Ganges: Hinterhauptsloch unter dem Schädel, Zurücknahme der Augenbrauenwülste, der Eckzähne und der Armlänge, voll opponierbare Daumen, vorne abgeflachter Brustkorb, breites Becken, doppelte Krümmung der Wirbelsäule, starke Verlängerung der Beine, ohne dass aber, wie bis vor wenigen Jahrzehnten noch angenommen, hierzu eine Zunahme der Hirngröße über die eines heutigen Schimpansen hinaus nötig geworden wäre (aus Schad 2018).

 

 

Abb. 7: Auch der Querschnitt durch den Brustkorb des Menschen (rechts) zeigt im Vergleich zum Schaf (links) den Gestus der Zurücknahme des Vorwätsdranges. Der im Querschnitt nach vorne windschnittig gekielte Brustkorb des Schafes entspricht ganz anschaulich der Begierde, parallel zur Erdoberfläche voranzupreschen, bzw. zu fliehen. Der menschliche Brustkorb (rechts) ist im Unterschied dazu antipathisch gestaltet, d.h. zurückgehalten, sich von der Umwelt absondernd.

 

Abb. 8: Vergleich der Formen des Brustkorbes im Querschnitt beim erwachsenen Menschen (dicke Linie), beim neugeborenen Menschen (dünne Linie), beim Schimpansen (gestrichelte Linie) und bei einem Altweltaffen, der Meerkatze (Makake, gepunktete Linie). Auch hier ist der nach vorne sich zurückhaltende, d.h. abgeflachte Brustkorb ein Zeuge der verstärkten Antipathie-Kräfte des Gemütes des Menschen, die ihm die heutige Freiheit gegenüber der natürlichen Außenwelt gaben.

 

Die paläoanthropologische Fachwelt ist sich heute darüber inzwischen völlig einig, dass der Auftakt der Menschheits-Evolution nicht in der Gehirnvergrößerung, wie noch vor relativ kurzer Zeit angenommen, sondern im Erwerb des aufrechten Ganges lag (siehe Abb. 9).

Wie kam es zu der hier beschriebenen, antipathischen Abwendung von der Natur und zur sympathischen Gemeinschaftsbildung, die aller Menschheitskultur vorangehen muss?

 

 

 

 

Abb.9: Kein schöneres Zeugnis für die liebevolle Nachahmung der Erwachsenen durch ihre Kinder vor 3,6 Millionen Jahren hätte im Sommer 1976 im südlichen Ngorongoro-Schutzgebiet bei Laetoli in Ostafrika auf vulkanischen Felsplatten freigelegt werden können. Die Grabungsleiterin Mary Leakey bezeichnete diesen Fund als das größte Glück ihres Forscherlebens. Es zeigt die Fußspuren dreier Menschen, von denen zwei so hintereinander liefen, dass der Nachfolgende fast genau in die Spuren des Vorangehenden trat; der Dritte hatte jedoch kleinere Füße, denn er war noch ein Kind und lief parallel im gleichen Abstand, also wohl Hand in Hand im gleichen Gehrhythmus und gleicher Schrittweite den einen der beiden Älteren imitierend. Dies sind die verstärkten Sympathie-Kräfte, die der Mensch ontogenetisch benötigte für die Gemeinschaftsbildung  (aus Schad 2018).

 

Der Waldorflehrer Friedrich Kipp kam als erster zu dem Schluss, dass der Mensch zu dem Wesen, das er heute ist, nicht durch Selektion, sondern allein durch die seelischen Sympathie-Kräfte der Elternliebe wurde, die ihm schon vom Kindesalter an den Schutz bot, ganz ohne Hast ein kindhaftes, lernfähiges und            -freudiges Wesen zu werden (Kipp 1980 und 1991). 

Nicht der erbarmungslose „Selektionsdruck“, den die Natur auf jede einzelne Art von Lebewesen in der allgemeinen Evolution ausübt, sondern allein das bis heute nur in der Menschheitskultur zu findende Ausmaß an Elternliebe ermöglichte, dass der Mensch die Weltoffenheit und Spiellust, die wir heute noch andeutungsweise und zeitlich begrenzt bei manchen Säugetieren im Kindes- und Jugendalter finden, sich bis an sein Lebensende zu bewahren vermag: Während sich im Verwandschaftskreis der als Jungtiere zeitweilig dem Menschen noch sehr ähnlichen Säugetiere bald feste Verhältnisse zwischen der erreichbaren Gesamtgröße und der Zeit der Geschlechtsreife ontogenetisch einpendeln, ist diese Zeit beim Menschen außerordentlich variabel und auch noch bei den dem Menschen am nächsten verwandten Tierprimaten deutlich verlängert.  

Zu Recht hat also F. Kipp darauf aufmerksam gemacht, dass der erste Schritt zur Freiheit in der großen Verlangsamung der Ontogenese und damit zusammenhängend der zeitlichen Verzögerung der Pubertät lag, die größtenteils dem kreativen Denken und dem sozialen Fühlen des Menschen zugute kommt. So müsste der Mensch, wäre er nur ein Säugetier und hätte er nicht seinen Eigenweg einer Kultur der ontogenetischen Verzögerung begonnen, im ausgewachsenen Zustand 20 Zentner wiegen, mithin also das Gewicht eines Elefanten erreichen, um erst mit 12-14 Lebensjahren zu pubertieren, denn für Säugetiere gilt als Naturgesetz, dass die Länge der Jugendzeit abhängig ist vom Gewicht am Ende des Wachstums. Auch die dem Menschen nächstverwandten Säugetiere, die so genannten Menschenaffen, erweisen sich bis zu ihrer auch schon beträchtlich verspäteten Pubertät noch als erstaunlich lernfähig. Dann aber setzt bei ihnen die Pubertät damit ein, dass sie nun nur noch die affentypischen, instinkthaften Prägungen annehmen können. Nur der Mensch bleibt bezüglich seiner Lernfähigkeit bis ins hohe Alter in gewisser Weise jugendlich, das heißt: kreativ, sozial und wandlungsfähig. 

Die ganze Retardierung der Ontogenese im Vergleich zur raschen Reifeentwicklung der übrigen Säugetiere müsste vom Fortpflanungserfolg her, also darwinistisch betrachtet, ein Nachteil sein. Ihr Sinn wird erst aus der angemessenen Perspektive der Höherentwicklung erkennbar, die eben weder durch Selektion, noch durch Anpassung-Zwang, also nicht als „Evolution“, nicht als Entfaltung, sondern nur als „Involution“, nur als Selbstüberwindung des Menschen erreicht werden kann.

 

o) Involution als Evolutions-Prinzip 2. Beispiel: Die Zeitintegration (Heterophonie) des menschlichen Organismus

Fahren wir fort mit der Schilderung der „Involution“, also der Rücknahme der tierischen Gestaltung des Menschen, die, bei den Füßen vor etwa 7 Millionen Jahren beginnend, im Vollzuge der Aufrichtung der menschlichen Gestalt schließlich auch den Kopf errreicht, aber wiederum so, dass dieser Prozess nicht, wie noch vor wenigen Jahrzehnten angenommen, von Oben nach Unten, gewissermaßen „Top-down“ , sondern abermals von unten nach oben, also wiederum „Bottom-up“ voranschritt.

 

 

Abb. 10: 

die Entdeckung der menschlichen Zwischenkiefernaht als Beweis dafür, dass der Goetheanismus schon vor Goethe existierte.

Links: Anblick des knöchernen Gaumens von unten in der Veröffentlichung von Vicq-d’Azyr im Jahre 1784 - dem Jahr, in dem Goethe erstmalig darauf aufmerksam wurde. Zu sehen ist jedoch kein Original, sondern die 4. Figur des 6. Kapitels aus der 2. Auflage von „De Humani corpore fabrica“, die der belgische Anatom Andreas Vesalius im Jahre 1555, also mehr als 100 Jahre vor Vicq-d’Azyr, veröffentlichte. Rechts: Ausschnitt aus einer Schädelansicht desselben Werkes des Andreas Vesalius. Die Pfeile weisen in beiden Zeichnungen auf die Trennnähte zwischen Ober- und Zwischenkiefer (aus Schad 1985).

 

Dieser Prozess der Rücknahme (Involution) der für die Säugetiere so typischen Schnauzenbildung beim Menschen wurde durch J.W. v. Goethe als eine vorzeitige Verknöcherung der Zwischenkiefernähte des Jetztmenschen am 27. März 1784 „entdeckt“, konnte aber erst 1831, also ein Jahr vor Goethes Tod, von ihm selbst veröffentlicht werden. Gemeint ist hiermit, dass die legendäre Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen schon lange vor Goethe gelang, aber offenbar nicht als das verstanden wurde, was sie ist: Als eine Zurücknahme (Involution) der Schnauzenbildung bei den Säugetieren. Die Existenz des Zwischenkiefers beim Menschen konnte aber von der offiziellen Wissenschaft überhaupt erst gewürdigt werden, als das konservativ-religiöse Vorurteil überwunden war, die moralische Sonderstellung des Menschen in der Natur müsse am Fehlen dieses Knochens gegenüber der Tiernatur aufrecht erhalten werden. Goethe war immun gegen solche Argumente, weil er aus der Tiefe seiner Seele ganz eigene Empfindungen gegenüber der menschlichen Leiblichkeit hatte: 

 

„Das Tier wird durch seine Organe belehrt; der Mensch belehrt die seinigen und beherrscht sie“ schrieb Goethe in seinen „Maximen und Reflexionen“, wurde aber wesentlich schärfer in seinen Schriften zur Morphologie: „Die Tiere werden durch ihre Glieder tyrannisiert.“ - womit schon ganz klar der Freiheits-Aspekt dieses Phänomens genannt war.

In einem Brief an Wilhelm v. Humboldt setzte Goethe am 17.3.1832, also kurz vor seinem Tod, noch ätzend hinzu: 

„. . . die Menschen gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe wieder belehren zu können.“

Goethe empfand gegenüber seiner Entdeckung sehr deutlich, dass sie von der allergrößten Bedeutung war, wusste aber dennoch nicht klar weshalb, da er den Begriff der Involuion (Rücknahme) noch nicht hatte, obwohl er ihn in seinem Jubel-Brief an Herder benutzte:

„ Die Ursache scheint mir hauptsächlich darin zu liegen: dieser Knochen, der bei Tieren so außerordentlich vorgeschoben ist, zieht sich beim Menschen schon in ein sehr kleines Maß zurück...(die „Verkleinerung“, von der Goethe hier spricht, ist natürlich eine „Involution“ Anm.d.R.). Ich bin überzeugt, dass denjenigen, die diese Wissenschaft tiefer durchschauen, dieser Punkt noch tiefer erklärbar sein wird. Ich habe verschiedene Fälle, wo dieser Knochen auch bei Tieren zum Teil oder ganz verwachsen ist, bemerken können, und es wird sich vielleicht in der Folge mehr darüber sagen lassen.“

Für Goethe wurde damals unterbewusst die Tatsache offenbar, dass der menschliche Organismus entsprechend der von Rudolf Steiner 1917 erstmalig schriftlich veröffentlichen Dreigliederungs-Idee eine allem Lebendigen spezifisch zuzueignende Zeitintegration vollzieht, die in allen seinen sinnlichen Offenbarungen die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich gegenwärtig sein lässt. 

Diese Entdeckung Goethes findet sich – aber eben noch kryptisch – in mehreren seiner Äußerungen zum Rätsel des Lebendigen:

„So viel aber sei hier, ferneres Verständnis vorzubereiten, kürzlich ausgesprochen: Es war mir nämlich aufgegangen, dass in demjenigen Organ der Pflanze, welches wir als Blatt gewöhnlich anzusprechen pflegen, der wahre Proteus verborgen liege, der sich in allen Gestaltungen verstecken und offenbaren könne. Vorwärts und rückwärts ist die Pflanze immer nur Blatt, mit dem künftigen Keime so unzertrennlich vereint, dass man eins ohne das andere nicht denken darf.“ 

(Als Klartext gesprochen: Im Ätherleib ist immer alles schon vorhanden, Keimwurzel und Blüte, im physischen Leib aber noch nicht, da die Pflanze physisch nicht existieren könnte, wenn sie keinen Ätherleib hätte. Anm.d.R.).

(Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise - Kapitel 63, Hervorhebung d.R.)

Am deutlichsten wird der hier gemeinte Aspekt der Selbst-Zurückhaltung bzw. der Selbst-Überwindung in Goethes überhaupt letztem Gedicht ausgesprochen:

Genieße mäßig Füll und Segen,

Vernunft sei überall zugegen,

Wo Leben sich des Lebens freut.

Dann ist Vergangenheit beständig,

Das Künftige voraus lebendig,

Der Augenblick ist Ewigkeit.

 

(Johann Wolfgang von Goethe:Vermächtnis)

 

Was hier Goethe als eine Naturgesetzlichkeit ausspricht, die darin besteht, „dass man eins ohne das andere nicht denken darf“, ist aus anthroposophischer Sicht durch die Fähigkeit des Ätherleibes bedingt, die Zeitintegration des Vergangenen, Jetzigen und Zukünftigen in jedem Augenblick des lebendigen Organismus herzustellen. Sie ist das Geheimnis alles Lebendigen, das mittlerweile als Nebenergebnis des Darwinismus international veröffentlicht ist (Schad 1992,1997).

Bei anthroposophisch-menschenkundlicher Betrachtung ist die Beteiligung des Ätherleibes immer ein Hinweis auf den Willen. Das scheint Goethe schon unterbewusst bekannt gewesen zu sein, denn der Beginn dieses Zitates aus dem Gedicht „Vermächtnis“ deutet auf den Willen, wenn es da heißt: 

„Genieße mäßig Füll und Segen . . .“ , denn Mäßigung ist immer eine Funktion des Willens, ist Zurückhaltung, ist Involution.

 

In der Systematik der „Heterochronie“ der Lebewesen, d.h. in der Zeitbindung lebendiger  Organismen werden endlich, mehr als 100 Jahre nach Goethes Tod, die ursprünglich nach den Dimensionen des Raumes und der Zeit getrennten Disziplinen der Morphologie und der Physiologie so verzeitlicht, dass sie ein eigenes, raum-zeitliches - eben ein "ätherisches" System hervorbringen. In dieser Systematik des Lebendigen werden einerseits die drei Zeiten, d.h. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft polarisch miteinander verbunden, andererseits können aber auch die Parameter der jeweils erreichten Körpergröße, räumlichen Gestaltdifferenzierung und der zeitlichen Entwicklungsdauer als zusätzliche Kriterien berücksichtigt werden, so dass mindestens sechs Zeitmuster zu unterscheiden sind. Heterochronien können außerdem auch, wie hier bereits vorgeführt, sowohl ontogenetisch als auch phylogenetisch beobachtet werden. Die ersteren können innerhalb desselben Organismus, die letzteren intraspezifisch innerhalb einer Population oder interspezifisch zwischen mehreren Populationen auftreten. 

Hat sich der Nachkomme dadurch verändert, dass er kindliche Merkmale des Vorfahren verstärkt auch adult zeigt, so spricht man von „Paedomorphose“ (von „paidos“ (griechisch) = das Kind). Dies kann sich auch durch verzögerte Gestaltbildung einstellen, ohne dass die Spätstadien der Vorfahren erreicht werden. Dann spricht man von „Neotenie“. Werden der Ontogenese verzögernde Vorstadien eingefügt, so spricht man von „Post-Displacement“. Dazu entgegengesetzte Heterochronien entstehen, wenn sich an die Spätstadien der Vorfahren zusätzliche Abwandlungen anschließen. Sie werden dann entsprechend als „Peramorphosen“ bezeichnet (von „peras“ (griechisch) = das Alter). Werden solche Zusatzbildungen durch eine Verlängerung der Entwicklungszeit ermöglicht, spricht man von „Hypermorphose“. Wird dabei weder das Größenwachstum, noch die Entwicklungsdauer verändert, so spricht man von „Akzeleration“. Ist eine Ausbildung zusätzlicher Stadien weder durch zusätzliches  Größenwachstum, noch durch Akzeleration des Entwicklungstempos, sondern nur durch den Ausfall früher Stadien erreicht worden, so liegt ein sogenanntes „Pre-Displacement“ vor (s. Abb 11).

Abb.11: Systematik der Heterochronien (aus Schad 1992). 

 

p) Involution als Evolutions-Prinzip, 3. Beispiel: Das Sprach-Gebiss und der freie Stimmgebrauch des Menschen.

 

Ein Großteil der Unterschiede des Menschen gegenüber seinen nächsten Verwandten ist zweifelsfrei der Sprachfähigkeit des Menschen zuzuschreiben, die sich bisher keine einzige Tierart erworben hat. 

Die Phylogenese des Sprach-Gebisses des Menschen ist eigentlich Bestandteil nahezu jeder paläoanthropologischen Untersuchung insofern gewesen, als bisher nahezu immer dabei auch Informationen über die Rücknahme (Involution) der Schnauzenbildung zutage traten, insbesondere aber der Involution der Eckzähne der jeweils zu betrachtenden Menschenfrühform. Dennoch hat es Jahrzehnte gedauert, bis sich der Ausdruck „Sprach-Gebiss“ allgemein gegen die gewohnheitsmäßige Bezeichnung „Allesfresser-Gebiss“ in der Fachwelt beim Hinblick auf das Gebiss des Menschen durchsetzen konnte.

 

Die beiden folgenden Abbildungen lassen ersichtlich werden, wie wichtig gerade die Rücknahme der Schnauzenbildung und hierbei insbesondere die Involution der Eckzähne war.

 

Abb 12: Milch- und Adultgebiss im Unterkieferbereich des Orang-Utan. Links: Milchgebiss, Rechts: Adultgebiss. Besonders die Region der Eckzähne erfährt besonders große Veränderungen im Verlauf der  Ontogenese (aus Kipp 1991).

Abb. 13: Milch- und Adultgebiß im Unterkieferbereich des Jetztmenschen. Links: Milchgebiß, Rechts: Adultgebiss. Der vordere Teil (oberhalb der waagerechten Linie) des Zahnbogens bewahrt die gleiche Größe über den Zahnwechsel hinweg und erweist damit seinen Bezug zum Sprechen (aus Kipp 1991).

 

Auch die Gaumenwölbung ist ein wichtiges Indiz für die Sprachfähigkeit früherer Menschenformen, und hier insbesondere für deren Willensseite, weil die Gaumenwölbung besonders den freien Gebrauch der Stimme einschränkt (wie z.B. beim klassischen Neanderthaler), oder fördert (wie z.B. bei Homo sapiens sapiens), denn die Weitergabe der Gedanken und Gefühle von Mensch zu Mensch ist eine Willensleistung, da sie den Raum überwindet(siehe Abbildung 14).

Abb. 14: Gaumenwölbung in der Phylogenese des Menschen: 1. Jetztmensch (Homo sapiens),2. Jungsteinzeit, 3. Steinheim-Mensch (Homo praesapiens, ca 250 000 Jahre alt), 4. Früher (klasischer) Neanderthaler, ca 100 -50 000 Jahre alt, 5. Später Neanderthaler, ca 50 – 30 000 Jahre alt.

 

Am minutiösesten ist die Phylogenese der menschlichen Kopfform im Zusammenhang der Entwicklung des menschlichen Sprach-Gebisses bei Kümmell (2015) dargestellt, so dass es nicht schwer fällt, nachzuvollziehen, wie nachhaltig die Vertikalstellung des Gesichtes und der Stirn sowohl mit der Sprachentwicklung als auch dem geistigen Sonderweg in der Evolution des Menschen verbunden ist.

 

Abb. 15: Zunehmende Vertikalisierung des Gesichtes und der Stirn durch Rücknahme u.a. der Schnauzenbildung (Unter- und Oberkiefer), der Eckzähne, der Überaugenwülste und zuletzt durch die Aufrichtung der Stirn in der Phylogenese des Menschen, wobei erst der letzte Schritt allein durch die Hirnvergrößerung erklärbar wird. A Sahelanthropus, B Ardipithecus, C Homo afarensis, D Homo rudolfensis, E Homo erectus, F Homo heidelbergensis, G früher Homo sapiens, Israel, ca 100 000 Jahre vor heute, H heutiger deutscher Mann, I heutige chinesische Frau (aus Kümmell 2015).

 

So bleibt als letzes morphologisches Rätsel der Paläontogie nur noch die Unterkiefer- bzw Kinnverknöcherung offen, die nach heutigem Wissen erst relativ spät in der Evolution (nämlich erst vor etwa 300 000 Jahren) zum Alleinstellungsmerkmal des Homo sapiens sapiens, also des Jetztmenschen, gegenüber allen früheren Hominiden wurde.

 

Die damit bezeichnete äußere Kinnverknöcherung des Homo sapiens sapiens hat zur Folge, dass nur er, also der Jetzt-Mensch, ein Kinn hat, das aus vier Knochen besteht, den so genannten „Ossis mentalia“. Diese vier Knöchelchen fehlen nicht nur den Tierprimaten, sondern auch allen anderen Hominiden vor dem Homo sapiens sapiens, also auch dem Homo sapiens neanderthalensis. Die zusätzliche Knochenbildung des Homo sapiens sapiens führte zur Bildung einer Kinnspitze. Diese überwindet die Schnauzenbildung  seiner Vorfahren erst endgültig, weil nun erst das Gesicht mit seinem Unterrand noch weiter vorsteht als die Lippen und die Zähne. Man könnte dies auch umgekehrt ausdrücken: Durch die zusätzliche Verknöcherung der Kinnspitze treten die Zähne und Lippen so weit zurück, dass die Schnauzenbildung der Säugetiere erst damit endgültig zurückgenommen ist.

 

Goethe hatte also doch nicht völlig Recht in der Annahme, es gäbe keine Knochenbildungen, die das Tier vom Menschen unterscheiden, aber er rechnete offenbar nicht damit, dass der Mensch seine Schnauze mittels einer Verknöcherung noch weiter zurücknimmt als die Tiere. Denn diese vervollständigt erst ganz die Involution des Menschen in der Vertikalisierung seiner Gestalt (siehe Abb. 15 G-I).

 

Innerhalb der Paläo-Anthropologie ist die Kinnbildung des Jetztmenschen aber bisher nur in einer Hinsicht abgeklärt: Sie ist eine Hypermorphose, also eine Zusatzbildung seiner knöchernen Gestalt, die aber funktionell noch völlig unverstanden ist. Gesichert scheint innerhalb der Paläo-Anthropologie bisher lediglich, "dass das hervorspringende Kinn des Homo sapiens nichts mit der Funktion (des Kiefers, Zusatz d.R.) zu tun hat" (N. Holton am 14.4.2015 in Spektrum der Wissenschaft).

 

Wir können also den Menschen vom Tier auch dadurch unterscheiden, dass er in besonderer Weise mit der Knochenbildung umgeht, indem er sie geheimnisvoll fördert (im Sinne einer Hypermorphose). 

 

 

R) Involution als Evolutions-Prinzip, Beispiel 4: die so genannten „Spiegel-Neurone“.

Als erstmalig die so genannten Spiegelneurone durch Giaccomo Rizzolatti und dessen Mitarbeiterteam (Pellegrini & al1992) bei Makaken beschrieben wurden, glaubte die Fachwelt, endlich die materielle Basis auch der Empathie-Fähigkeiten des Menschen gefunden zu haben. Obwohl schon 1992 beschrieben, gelang der Nachweis dieser Neurone am Menschen allerdings erst acht Jahre danach (Mukamel, R. & al 2010). 

Spiegelneurone waren zuerst bei Makaken dadurch aufgefallen, dass sie typischerweise sowohl aktiv wurden, wenn bestimmte zielmotorische Hand-Objekt-Interaktionen (zum Beispiel das Ergreifen einer Erdnuss) von den Makaken selbst ausgingen, als auch dann, wenn die entsprechenden Handlungen bei einem anderen Tier, oder einem Menschen beobachtet wurden. So können also Makaken im voraus wahrnehmen, wenn ein Artgenosse bloß vorhat, ein Nahrungsmittel zu ergreifen und damit in seinen Besitz zu bringen. 

Der Analogieschluss, dass es Spiegelneurone nicht nur für Körper-, sondern auch für Gefühlsbewegungen geben könnte, bot sich zwar zusätzlich an, es wurden jedoch bisher bei keiner Primaten-Spezies Gefühls-Spiegelneurone gefunden. Ein Zusammenhang zwischen Spiegelneuronen und dem Mitgefühl wird dennoch – als theoretische Möglichkeit – in der Fachwelt weiterhin diskutiert (Lamm & al (2015). Da aber der Involutions-Begriff im hier entwickelten Sinne der Fachwelt noch weitgehend unbekannt ist, blieb leider unbeachtet, dass die Existenz der so genannten „Spiegel-Neurone“, die gewissermaßen einen „Kurzschluss“ zwischen Wahrnehmen und Wollen ermöglichen, der Entstehung von Empathie unter Artgenossen eher hinderlich, als förderlich ist.

Die letztere Konsequenz muss man aber ziehen, wenn man den Ausspruch eines der heute führenden Kenner der Primaten-Evolution hinzunimmt: 

Empirische Entdeckungen zeigten, dass die großen Affen durchaus Mindreading, also das Verstehen der Intentionen anderer Wesen beherrschen: Sie wissen, was die anderen sehen, was ihre Absichten sind. Aber gemeinsame Erwartungen oder linguistische Überzeugungen beherrschen sie nicht. Schimpansen sind gut im Mindreading, wenn es um Konkurrenz geht, etwa anderen Nahrung wegzuschnappen oder sich bei der Paarung durchzusetzen. Aber wenn es um Kooperation geht, sind sie mit ihrem Mindreading am Ende. Man kann sich das Verstehen der Intentionen anderer eben auch zunutze machen, um sich in der Konkurrenz zu anderen einen Vorteil zu sichern. Wir machten eine Reihe von Experimenten, die zeigten, dass Kinder bei Kooperationen sehr viel besser abschneiden als Schimpansen und andere große Affen. Altruismus mag ganz interessant sein, aber der wirkliche Schlüssel ist die Zusammenarbeit, das gemeinsame Lösen von Problemen. Alle großen Affen besorgen sich die Nahrung selbst. Sie mögen sich in Gruppen bewegen, aber die Nahrung beschafft sich jeder einzelne. Es gibt da nur eine Ausnahme: die gemeinsame Jagd auf kleinere Affen bei Schimpansen. Aber ich glaube, dass dabei im Wesentlichen individuelles Verhalten ausschlaggebend ist. Jeder Affe versucht, auf eigene Rechnung die Beute zu erhaschen. Meine Interpretation ist, dass die Schimpansen etwas Ähnliches beherrschen wie Löwen und Wölfe, jedenfalls nicht das, was wir Menschen tun. Bei Menschen lässt sich das gemeinsame Beschaffen von Nahrung beobachten, und in diesem Kontext entstehen Altruismus und Helfen (Tomasello 2011).“

 

Nach der Auffassung Tomasellos (2009) sind Spiegel-Neurone gut, wenn es darum geht, anderen Artgenossen die Nahrung wegzuschnappen, oder sich bei der Paarung durchzusetzen. Aber bei der Empathie müssen Spiegel-Neurone versagen, da sie obligat den Kurzschluss zwischen Wahrnehmung und Handeln gerade dort hervorrufen, wo es um den eigenen Vorteil geht. Logischerweise konnte also der Mensch auch hier nur durch die Involution der Wirksamkeit dieser Neurone dazu gelangen, seine Gemeinschaftsbildung mit anderen Menschen beim Essen zu zelebrieren, wie wir es nicht nur vom Kultus des heiligen Abendmahls der christlichen Kirchen her kennen, sondern nahezu in allen Familien, bei den so genannten „Arbeits-Essen“ der Manager und Politiker und immer wieder auch in den öffentlichen Festlichkeiten der Menschheit zu ganz verschiedenen Anlässen vorfinden.

s) Involution als Evolutions-Prinzip, Beispiell 5: der Tod

Ohne dass dies den Darwinisten im engeren Sinn zu Bewusstsein gekommen wäre, enthält offenbar die von Charles Darwin begründete Weltanschauung nicht nur den Keim eines neuen Faschismus, sondern auch einer neuen Spiritualität. So soll von Rudolf Steiner der folgende überraschende Satz geäußert worden sein: „Wenn die Darwinisten nur wüssten, welche hochspirituelle Entdeckung sie gemacht haben“ (zitiert nach W. Schad, 2018).

 

W. Schad (2018) hat diesen Ausspruch in der Richtung einer spirituellen Thanatologie, also einer anthroposophisch erweiterten Todeskunde interpretiert, da in der Selektionstheorie Darwins der Tod des Individuums von zentraler Bedeutung für die Differenzierung und Höherentwicklung der natürlichen Arten ist. Dieser Einschätzung Schads scheint auch das hier zitierte Goethe – Wort zu entsprechen:

 

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und Werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

(J. W. von Goethe: Selige Sehnsucht, West-Östlicher Diwan)

 

So klug und wahr diese Worte sein mögen, so sehr verlangen sie aber nach einer weiteren Differenzierung dieses von Schad vorgeschlagenen Verständnis des o.g. Steiner-Zitates. 

 

Schad (2018) hat zunächst die Beobachtungsergebnisse namhafter Naturwissenschaftler in Betracht gezogen, die sich in die Erlebnisse eingefühlt haben, die höhere Säugetiere und auch der Mensch durchmachen, wenn es für sie selbst ans Sterben geht (Schad 2018). Der Mensch und die höheren Tiere scheinen hier von der instinktiven Seite her bestens auf jegliche Lebensbedrohung vorbereitet, indem sie kaskadenartig  ablaufende, unbewusste Schockreaktionen entfalten, die dafür sorgen, dass das Schmerzerleben des Sterbens dumpf bleibt. 

Dieser Naturseite des Todesvollzuges stehen aber Todeserlebnisse ausschließlich des Menschen gegenüber, deren seelische Wirkung sich nicht aus dem eigenen, sondern aus dem Tod geliebter Menschen ergibt, also aus der Nächstenliebe. Der seelische Inhalt solcher spezifisch menschlicher Lebensabgründe ist dadurch gekennzeichnet, dass sich eine tief in der Seele eingrabende Trauer darüber einstellt, dass der Verlust einer geliebten Person unwiederbringlich ist. Dieses Motiv liegt dem Mythos von Orpheus und Eurydike zugrunde, bildet aber auch schon das Herzstück des ältesten Epos der Menschheit, des Gilgamesch-Epos:

Gilgamesch, der unermesslich kraftstrotzende, tyrannische und egoistische Herrscher der Stadt Uruk-Gart träumt eines nachts, dass er in Tränen ausbricht beim Anblick einer auf der Straße liegenden Axt. Als er seine Mutter fragt, was dieser Traum besagen will, erfährt er, dass er einen Freund bekommen soll, der ihm ebenbürtig ist. Wenig später bemerkt ein Jäger, dass sich gemeinsam mit dem Wild der Berge ein Mann bei der Tränke am Fluss einfindet und stets danach mit den Tieren zusammen wieder im Wald verschwindet. Dieser Mann ist Enkidu und der Jäger beschließt, eine Dirne zu beauftragen, Enkidu zu bezaubern. Der Plan gelingt, indem Enkidu lernt, mit dieser Dirne sieben Tage und sieben Nächte zu schlafen, Brot zu essen und sich einzuölen, wonach die Tiere vor ihm in den Wald fliehen. Als Enkidu sodann die Stadt betreten will, kommt es zu einem wilden, aber unentschieden endenden Zweikampf mit  Gilgamesch, bei dem das Stadttor einstürzt. Die beiden werden unzertrennlich und fassen den Plan, den Dämon Chumbawa zu töten, der einen Zedernwald im Libanon bewohnt. Die Tat gelingt, aber der Himmel ist in Aufruhr und verlangt den Tod des Gilgamesch. Da Gilgamesch zu einem Drittel Mensch, zu zwei Dritteln aber ein Gott ist, beschließen die Götter, dass Enkidu anstelle des Gilgamesch sterben muss. Enkidu stirbt und der Rest des Epos handelt nur noch davon, wie Gilgamesch nach Enkidu sucht, ihn aber nicht finden kann und untröstlich seine Trauer lebt

 

tInvolution als Evolutions-Prinzip, Teil 6: Die Eltern-Liebe im nochmaligen Hinblick.

Was ist die von Kipp so ausführlich dem Menschen zugeordnete Elternliebe ihrem Wesen nach? Ihr verdanken wir unsere ganze Existenz, denn ohne die sinnliche Liebe unserer Eltern zueinander wären wir gar nicht vorhanden. Die Elternliebe ist die Naturseite dessen, was wir die Nächsten-Liebe im weitesten Sinne nennen können, denn sie knüpft an Brutpflege-Instinkte an, die wir in rudimentärer Form auch bei Fischen und Reptilien finden, die bei Vögeln in  der teilweise lebenslangen Partnerbindung, im Nestbaue, im Einsatz der elterlichen Körperwärme bei der Brutpflege und im Füttern der Jungen einen ersten natürlichen Höhepunkt erreicht und schließlich in  der Hereinnahme des Embryo und des Fötus in den mütterlichen Organismus vermittels der sich von den Vögeln bis zum Menschen hin durch schrittweise Integration (Involution) der embryonalen Hüllen sich vereinfachenden Plazentation (Brettschneider 2012) und des Säugens die Namensgebung einer ganzen Tierklasse, der klasse der Mammalia, herbeigeführt hat.

Beim Menschen trägt die Elternliebe aber auch zur Entstehung schwerster Persönlichkeitsstörungen, Süchte und chronischer Krankheiten in einem Ausmaße bei, das bereits im 19. Jahrhundert zur Entstehung der Freudschen Psychoanalyse geführt hat und zuletzt ihren ganzen Umfang in der so genannten ACE-Studie offenbart hat (Felitti et al. 2002). Nicht grundlos lautet daher der Text einer alten Blues-Melodie: „You always hurt the one you love“, denn wir können tatsächlich niemanden schwerer und nachhaltiger verletzen, als den Menschen, dem wir aus den Gründen der Blutsverwandtschaft am nächsten stehen.

 

x) Involution als Evolutions-Prinzip, Teil 7: Die freie Persönlichkeit des Menschen.

 

 

Nur auf dem Boden eines Denkens in Entwicklung können wir jetzt schon uns selbst und unsere Mitmenschen als freie Wesen empfinden, denn in Wirklichkeit sind wir diese freien Wesen noch lange nicht.

Dennoch haben wir keine andere Wahl: Nur wenn wir unseren Mitmenschen schon jetzt die Würde der Freiheit verleihen, machen wir unsere Mitmenschen zu geistigen Wesen, also zu Wesen, die im „Werden“ ihrer (und unserer) Moralität und Kreativität sind. Wir leben also heute noch im Status natürlicher, das heißt, durch die Lüge aneinander angepasster Wesen, aber wir ahnen bereits den Geist in den flammenden Tiefen unseres Selbst.

 

Auch hier bestehen noch zahlreiche Scheinargumente, die dieser Einschätzung zu Unrecht entgegenstehen. Größtenteils sind  sie eine Folge der Verwechslung der Wahl- mit der Willensfreiheit, also  eines häufigen Denkfehlers: Wahlfreiheit hätten wir, wenn wir jederzeit aufhören könnten, zu Atmen, zu Essen, oder unverletzt vom Kirchturm springen könnten. Die sich davon radikal unterscheidende Willensfreiheit hingegen erweist sich darin, dass jeder von uns schon seine eigene geistige Zukunft in sich trägt und der heutige Tag noch nie da gewesen ist.

 

y) Involution als Evolutions-Prinzip, Beispiel 8: Die selbstlose Nächstenliebe. 

 

Was ist also die Liebe, die sich jenseits der Elternliebe als spezifisch menschliche, als selbstlose Nächstenliebe entfaltet?

 

In einem seiner Vorträge fasst Rudolf Steiner (1912) sehr drastisch zusammen, wie sich die selbstlose, die christliche Nächstenliebe aus anthroposophischer Sicht ausnimmt:

„Der Mensch tritt herein in die Welt; er ist halb schlafend in der ersten Kindheit. Wir müssen erst lernen, uns selber als Ich zu empfinden, uns als Ich zu finden, und immer reicher wird unser Seelenleben durch die Aufnahme alles dessen, was uns durch dieses Ich zuteil wird. Beim Nahen des Todes ist dieses Seelenleben am reichsten, am reifsten, daher können wir die große Frage aufwerfen: Wie steht es mit unserem

Seelenleben, wenn der Leib abfällt? Es ist eine Eigenschaft besonders unseres physischen und unseres Seelenlebens, daß das, was wir in der Seele tragen an Lebenserfahrungen, an Lebenswissen, immer bedeutender wird, je mehr wir dem Tode zugehen, daß uns aber auch, je mehr es dem Tode zugeht, immer mehr und mehr gewisse Eigenschaften abhanden kommen und andere auftreten, die ganz individuell verschieden sind. In der Jugend sammeln wir Kenntnisse, machen Lebenserfahrungen, hegen Hoffnungen, die wir meist erst später verwerten können.

Je mehr wir dem Alter zugehen, desto mehr beginnen wir die

Lebensweisheit zu lieben. Die Liebe zu der Weisheit ist nicht egoistisch, denn diese Liebe wird immer größer, je mehr wir uns dem Tode nahen; sie wächst in dem Maße, als die Aussicht, etwas zu haben von unserer Weisheit, kleiner wird. Immer mehr lieben wir diesen Seeleninhalt. Geisteswissenschaft kann zunächst sogar so zur Versucherin werden, indem der Mensch erfassen kann, daß das nächste Leben abhängt von der Erwerbung von Weisheit in diesem Leben. Ein gut Teil Egoismus über dieses Leben hinaus kann uns so aus der Geisteswissenschaft erwachsen, und darin liegt eine Gefahr“. . . „Wir finden zum Beispiel bei Mystikern das Bestreben, den Trieb der Selbstliebe im Sinne der Liebe zur Weisheit zu entwickeln und diese in einem schönen Lichte erstrahlen zu lassen.Sie versuchen durch Vertiefung in das eigene Seelenleben in sich den Gottesfunken zu finden, ihr höheres Selbst als diesen Gottesfunken zu empfinden. Eigentlich bildet aber der Mensch als Lebensweisheit nur den Keim zu seinem nächsten Leben aus“...Taten der Liebe sind solche Taten, die zunächst nicht ihren Ausgleich im nächsten Leben suchen.“. . .“Die einzigen Handlungen, von denen wir in der Zukunft nichts haben, sind diejenigen, die wir aus echter, wahrer Liebe tun“... "Das ist der Grund, warum so wenig Liebe in der Welt ist. Die Menschen fühlen instinktiv, daß sie von den Taten der Liebe für die Zukunft nichts haben für ihr Ich. Eine Seele muß schon weit vorgeschritten sein in ihrer Entwickelung, wenn sie Gefallen hat an Handlungen der Liebe, von denen sie selbst nichts hat.“. . . "Die Liebe, die sinnliche, ist der Ursprung für das Schöpferische, das Entstehende. Ohne sinnliche Liebe würde es nichts Sinnliches mehr geben auf der Welt; ohne die geistige Liebe entsteht nichts Geistiges in der Entwickelung.“

 

z) Involution als Evolutions-Prinzip, 9. Beispiel: Das Mysterium von Golgatha.

Aus dem vorangehend hier schon zitierten Vortrag Rudolf Steiners fahren wir fort:

„Vorbestimmt war der Mensch durch Jehova zur Gruppenseelenhaftigkeit, zur allmählichen Durchdringung mit Liebe durch die Blutsverwandtschaft; als Persönlichkeit lebt er durch Luzifer. Es gab also ursprünglich einen Zusammenschluss der Menschen, dann ein Getrenntwerden durch das luziferische Prinzip, das die Selbstsucht und Selbständigkeit des Menschen fördert. Mit der Selbstsucht kam das Böse in die Welt. Es musste dies geschehen, weil das Gute nicht ergriffen werden konnte ohne das Böse. Es liefert durch die Siege des Menschen über sich selbst die Möglichkeit für die Entfaltung der Liebe. Christus brachte dem in Egoismus versinkenden Menschen den Antrieb zu dieser Selbstüberwindung und die Kraft, dadurch das Böse zu besiegen.

Weisheit, die in Liebe getaucht ist, die zugleich die Welt fördert und sie dem Christus zuführt, diese Liebe zur Weisheit schließt auch die Lüge aus. Denn Lüge ist der Gegensatz der Tatsachen, und wer in Liebe aufgeht innerhalb der Tatsachen, der kennt keine Lüge. Die Lüge entstammt dem Egoismus, ausnahmslos. Wenn wir durch die Liebe den Weg zur Weisheit gefunden haben, dann sind wir hindurchgedrungen durch die wachsende Kraft der Überwindung, durch die selbstlose Liebe, auch zur Weisheit. Dadurch wird der Mensch zur freien Persönlichkeit. Das Böse war der Untergrund, in den das Licht der Liebe hineinscheinen konnte; sie aber ist es, die den Sinn des Bösen, die Stellung des Bösen in der Welt erkennbar macht. Das Licht ist erkennbar geworden durch die Finsternis. Nur der freie Mensch kann ein rechter Christ werden.“

 

2. Die freie Persönlichkeit: Wohltun durch Involution.

 

Individuelles Karma ist erst möglich geworden, als die

Menschen ihre Hände zur Arbeit verwendeten. 

Dies war eine wichtige Stufe der menschlichen Evolution, als der Mensch aus einem horizontalen Wesen ein vertikales Wesen wurde und dadurch die Hände frei bekam.

Wir unterscheiden also drei Stufen des Karma. Die erste ist die der äußeren, durch die Hände bewirkten Taten; die zweite ist die, welche durch die gesprochenen Worte bewirkt wird, und die dritte diejenige, welche durch den Gedanken bewirkt wird. Der Gedanke ist noch etwas viel Umfassenderes als das, was durch die gesprochenen Worte bewirkt wird. Der Gedanke ist nicht mehr, so wie es die Sprache ist, verschieden unter den verschiedenen Völkern, sondern gehört der ganzen Menschheit an.

So stieg der Mensch von den individuellen Handlungen durch die Worte zu den Gedanken auf und wurde so ein immer allgemeineres Wesen. 

 

Im folgenden geben wir ein Volkslied wieder, beachten aber die Passagen besonders, die beweisen, dass das Volk schon wusste, wie Involution mit der Selbstlosigkeit des Wohltuns zusammenhängt.

 

Sankt Martin, Sankt Martin,

Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind,

Sein Ross das trug ihn fort geschwind.

Sankt Martin ritt mit frohem Mut,

sein Mantel deckt ihn warm und gut.

 

Im Schnee saß, im Schnee saß,

Im Schnee da saß ein armer Mann,

Hat Kleider nicht, hat Lumpen an.

Ach rettet mich aus meiner Not, 

Sonst ist der bittre Frost mein Tod!

 

Sankt Martin, Sankt Martin,

Sankt Martin zog die Zügel an,

Sein Ross stand still beim armen Mann,

Sankt Martin mit dem Schwerte teilt

Den warmen Mantel unverweilt.

Sankt Martin, Sankt Martin,

Sankt Martin gab den halben still,

Der Arme Mann ihm danken will.

Sankt Martin aber ritt in Eil

Hinweg mit seinem Mantelteil.

 

Im Traume, im Traume,

Im Traum da schien ein klares Licht

Und eine milde Stimme spricht:

Was Du an diesem armen Mann,

Das hast Du auch an mir getan.

 

 

Den Zusammenhang des Sankt Martins-Liedes mit der Evolution und der Involution des Menschen stellt der folgende Ausschnitt aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners dar:

„Sie alle haben eine Seele und Sie alle haben einen Geist. Diese Seele und dieser Geist sind einmal zu den höchsten Vollendungsstufen berufen. Aber Sie waren auch schon da, bevor Ihr physischer Körper da war; ja, Sie waren da, bevor Sie in der ersten physischen Inkarnation vorhanden waren. In physischer Inkarnation waren Sie in den vorhergehenden Rassen erst zur Zeit der hyperboräischen und

polarischen Rasse vorhanden. Vorher aber waren Sie rein seelische Wesen. Und als seelische Wesen waren Sie ein Teil der Weltenseele, und als Geist waren Sie ein Teil des allgemeinen Weltengeistes. Der Weltengeist und die Weltenseelewaren um Sie ausgebreitet, so wie jetzt die Natur. So wie jetzt die Mineralwelt, die Pflanzenwelt, dieTierwelt um Sie herum sind, so war um Sie herum die Seelenwelt und die Geisteswelt ausgebreitet. Und was dazumal draußen war, das ist jetzt Ihre Seele: Sie haben das, was zuerst äußerlich war, verinnerlicht. Was heute Ihr Inneres ist, das war einmal draußen ausgebreitet. Das ist aber jetzt Ihre innere Seele geworden. Und einmal war auch der Geist so ausgebreitet. Und das, was jetzt um Sie herum ausgebreitet ist, das wird Ihr inneres Leben werden. Das, was heute Mineralreich ist, das saugen Sie auf, und es wird Ihr Inneres werden. Das Pflanzenreich wird Ihr Inneres werden; das saugen Sie auf. Sie erscheinen mit dem, was in der Natur Sie umgibt, als mit Ihrem Inneren.

Nun werden Sie begreifen, wie das mit dem ersten Beispiel zusammenhängt:

Sie bauen die Kirche für andere, nicht für sich selbst. Sie können eine große, schöne und herrliche Welt aufsaugen, wenn Sie sie groß, schön und herrlich machen. Etwas für das höhere Selbst zu tun, ist nicht selbstisch, weil man es nicht bloß für sich tut. Dieses höhere Selbst wird ja vereinigt sein mit allen übrigen höheren Selbsten, so daß es gleichzeitig für alle ist. Das ist es, was die Freimaurer wußten. Der Freimaurer wußte, wenn er mitbaute an der Vergeistigung der mineralischen Welt – und «bauen» heißt nichts anderes als die mineralische Welt vergeistigen -, daß dies einstmals der Inhalt seiner Seele sein wird. Das ist das Bedeutsame: Gott hat uns einstmals die Natur gemacht, die uns umgibt als mineralische, pflanzliche und tierische Natur. Diese werden wir aufnehmen. Wir können nichts dafür, daß sie da ist, wir können sie uns nur aneignen. Aber was wir selbst in der Welt verfertigen, das ist das, was durch uns selbst unser künftiges Sein darstellen wird.

Die mineralische Welt als solche nehmen wir wahr; was wir aus ihr machen, das werden wir künftig sein. Was wir aus der Pflanzenwelt machen, das werden wir künftig ebenfalls sein. Ebenso ist es mit der Tierwelt und ebenso mit der Menschenwelt. Gründen Sie eine Wohltätigkeitsanstalt oder tragen Sie etwas dazu bei, so werden Sie das, was Sie dazu beitragen, sein. Tut der Mensch nichts, was er auf diese Weise in seine Seele von außen wieder einsaugen könnte, so bleibt sie leer. Daher muß in der Menschheit die Möglichkeit da sein, daß so viel wie nur möglich die drei Reiche oder die vier Reiche der Natur - denn der Mensch gehört auch dazu - durchgeistigt werden. Das ist die Aufgabe der Geheimgesellschaften aller Zeiten gewesen: Geist in alle Außenwelt zu bringen.

 

Sie begreifen nun, daß das so sein muß. Nehmen Sie ein Kind, das beginnt Lesen und Schreiben zu lernen. Die Gerätschaften sind zunächst um das Kind ausgebreitet. Heute beginnt das Kind lesen zu lernen. In ihm ist noch nichts da, doch der Lehrer, die Fibel und alles sonstige ist da. Nun geht das so fort, bis das, was außen war, in das Kind hineinkommt. Und das Kind bekommt die Fähigkeit, zu lesen. So ist es auch mit der Natur. Wir werden das, was in der Natur um uns herum ausgebreitet ist, später in uns haben. Wir sind Seelen, stammen von der Weltenseele und haben sie, als sie um uns herum ausgebreitet war, eingesogen. Der Geist ist auch so eingesogen worden, und die Natur wird von uns ebenso eingesaugt werden, um als wirkende Fähigkeit in uns zu bleiben. Das ist der große Gedanke, der den Geheimgesellschaften zugrunde liegt, daß alles Fortschreiten auf Involution und Evolution beruht.

 

Involution ist das Einsaugen, Evolution ist das Ausgeben. Zwischen diesen beiden wechseln alle Weltenzustände. Jetzt atmen Sie die Natur ein, indem Sie sie sehen, hören, riechen, schmecken. Was Sie sehen, geht nicht spurlos an Ihnen vorüber. Das Auge geht zugrunde, der Gegenstand geht zugrunde; aber das, was Sie gesehen haben, bleibt. Jetzt werden Sie verstehen, daß in gewissen Zeiten es notwendig sein kann, daß ein Verständnis für solche Dinge vorhanden ist. Wir gehen einer Zeit entgegen, in der, wie ich neulich schon andeutete, das Verständnis bis ins Atom hinein kommen wird. Man wird begreifen – auch in der populären Meinung -, daß das Atom nichts anderes ist als geronnene Elektrizität. Der Gedanke selbst ist aus derselben Substanz. Man wird in der Tat so weit kommen, noch ehe die fünfte Unterrassezu Ende geht, daß man imstande sein wird, bis ins Atom hinein zu wirken. Wenn man nur erst die Stofflichkeit zwischen dem Gedanken

und dem Atom begreifen kann, so wird man auch bald das Hineinwirken ins Atom verstehen. Und nichts wird mehr für gewisse Wirkungsarten verschlossen sein: 

Ich werde hier stehen und unbemerkt auf einen Knopf, den ich in der Tasche trage, drücken können, um einen Gegenstand in weiter Ferne, sagen wir in Hamburg, in die Luft zu sprengen, so wie Sie jetzt schon drahtlos telegraphieren können, indem Sie hier eine Wellenbewegung hervorbringen und sie an einer anderen bestimmten Stelle in bestimmter Weise zum Ausdruck bringen können. Das wird in dem Momente eintreten können, wo die okkulte Wahrheit, daß Gedanke und Atom aus derselben Substanz bestehen, im praktischen Leben durchgeführt sein wird.

Es ist unmöglich, sich auszudenken, was in einem solchen Falle geschehen würde, wenn die Menschheit dann nicht bis zur Selbstlosigkeit gelangt wäre. Nur durch das Erringen der Selbstlosigkeit wird es möglich sein, die Menschheit vom Rande des Verderbens zurückzuhalten. Der Untergang unserer gegenwärtigen Wurzelrasse wird herbeigeführt werden durch den Mangel an Moralität. Die lemurische Rasse ist durch Feuer zugrunde gegangen, die atlantische durch Wasser; unsere wird zugrunde gehen durch den Krieg aller gegen alle, das Böse, durch den Kampf der Menschen untereinander. Die Menschen werden sich selbst im gegenseitigen Kampf vernichten. Und es

wird das Trostlose sein - trostloser als andere Untergangsarten -, daß die Menschen selbst die Schuld daran tragen werden.

Ein kleines Häuflein wird sich hinüberretten in die sechste Wurzelrasse.

Dieses kleine Häuflein wird zur vollständigen Selbstlosigkeit sich entwickelt haben. Die anderen werden alles Raffinement in der Durcharbeitung und Dlenstbarmachung der physischen Naturkräfte anwenden, aber ohne den nötigen Grad der Selbstlosigkeit erlangt zu haben. Sie werden den Kampf aller gegen alle inaugurieren, und das bildet den Grund des Untergangs unserer Wurzelrasse.

Namentlich in der siebenten Unterrasse wird dieser Kampf aller gegen alle sich in der furchtbarsten Weise austoben. Starke, gewaltige Kräfte werden ausgehen von Entdeckungen, die den ganzen Erdball zu einer Art selbstfunktionierendem elektrischem Apparat umgestalten werden. Auf eine Weise, über die nicht gesprochen werden kann, wird das kleine Häuflein geschützt werden. Jetzt werden Sie sich noch klarer vorstellen können, als wie es nach dem, was ich das letzte Mal darüber habe aussprechen können, der Fall war, warum gesucht wird die gute Form und wieso das Freimaurertum zu dem Bewußtsein kommt, einen Bau aufführen zu müssen, der der Selbstlosigkeit entspricht. Leichter kann man sich mit guten alten Formen in die Zukunft hinüberretten, hinüberretten zu

dem kleinen Häuflein der neuen Menschheit, als aus dem Chaos heraus. Man kann heute leicht spotten über die leeren Formen, aber sie haben doch eine große Bedeutung. Sie sind angepaßt der Struktur unserer Entwickelung. Zuletzt haben wir es dabei doch zu tun mit notwendigen Stufen in der menschlichen Natur und der seelischen Fortentwickelung. Bedenken Sie: Wir sind in der fünften Unterrasse der fünften Wurzelrasse; noch zwei Unterrassen der fünften Wurzelrasse haben wir durchzumachen. Dann kommen sieben Unterrassen

der sechsten Wurzelrasse und sieben Unterrassen der siebenten Wurzelrasse,

die wir noch durchzumachen haben. Das gibt zusammen sechzehn Stufen künftiger Entwickelung. Diese sechzehn Stufen haben die Menschen noch zu durchlaufen. Derjenige, der noch etwas erfährt über die Zustände, die da möglich sind, ist in gewissem Grade eingeweiht.

 

Die Grade entsprechen in gewisser Weise den Geheimnissen zukünftiger Rassen. Auf unserem Globus haben Sie sieben Wurzelrassen, und jede Wurzelrasse hat sieben Unterrassen. Das macht also zusammen neunundvierzig

Zustände. Auf dem nächsten Globus haben Sie wieder neunundvierzig Zustände. So bekommen Sie für die Erforschung der Geheimnisse der nächsten Entwickelungsphasen bestimmte Stufen. Nichts anderes sollten die Hochgrade der Freimaurerei ursprünglich sein als ein Ausdruck für je eine künftige Entwickelungsstufe der Menschheit. Damit ist tatsächlich etwas gegeben in der Freimaurerei, was sehr schön gewesen ist, nämlich, daß derjenige, der einen Grad erreicht hatte, wußte, wie er sich hineinzustellen hat in die Zukunft, so daß er eine Art Pionier sein konnte. Er wußte auch, daß der, welcher höhere Grade hatte, mehr wirken kann. Man kann also diese Einteilung nach Graden sehr gut machen, denn sie entspricht den Tatsachen.

Wenn also in diese Formen wieder ein neuer Inhalt mit einem neuen Wissen hineingegossen werden könnte, so wäre das sehr gut. Dann würde die Freimaurerei auch wieder durchdrungen werden von wirklichem Geist. Zum Ganzen gehört aber InhaltundForm. Heute liegt die Sache aber so, wie ich gesagt habe: Die Grade sind da, aber niemand hat die Grade wirklich erlangt. Trotzdem ist es nicht unnötig, daß sie da sind. Sie werden künftig wieder belebt werden. Die fünfte Unterrasse ist eine reine Verstandesrasse, eine Rasse des

Egoismus. Wir sind jetzt auf dem Höhepunkt des Egoismus. Der Verstand ist das Egoistischste, und der Verstand ist das Grundmerkmal unserer Unterrasse. Wir müssen also durch den Verstand emporsteigen zur Spiritualität, die früher da gewesen ist ... [Lücke].Das Geheimnis des Geheimnisses also ist, daß der Mensch sein Ego geheimzuhalten versteht, daß er nicht sein Ego, sondern seine Taten als das Maßgebende betrachtet. Sein Tun und die Überwindung des Ego durch die Tat, das ist das eigentliche Geheimnis des Geheimnisses. Das Ego soll geheimbleiben in der Tat.Das gehört zum ersten Grad: die Ausmerzung des Ego aus dem fortlaufenden Karma. Dasjenige, was vom Karma auf das Ego zurückfällt, wird dadurch vom Karma ausgelöscht. Nation, Rasse, Geschlecht, Stand, Religionsbekenntnis (auch die Religion! Anm.d.R.), alle diese Dinge sind etwas, was arbeitet an dem menschlichen Egoismus. Erst wenn der Mensch alle diese Dinge überwunden hat, wird er egoismusfrei werden können.

In dem Astralkörper können Sie eine ganz bestimmte Farbe nachweisen für jede Nation, für jede Rasse, für jedes Zeitalter. Überall finden Sie da eine Grundfarbe, die der Mensch als Angehöriger dieser Einteilung, dieser Differenzierungen hat. Diese gilt es erst abzustreifen. Die Theosophische Gesellschaft arbeitet an dem Ausgleich der Farben der Astralleiber ihrer Mitglieder. Sie sollen gleichfarbig werden, gleichfarbig in bezug auf diese Grundfarbe. Diese Grundfarbe

bildet ein bestimmter Stoff . [. . .]. Um diesen Ausgleich herzustellen, dazu werden tatsächlich blutige Kriege gehören, dann solche, die sich als volkswirtschaftliche Kriege abspielen, als Ausbeutungskriege, als Geld- und Industrieunternehmungen, als Überwältigungen, wobei man immer mehr und mehr imstande sein wird, tatsächlich durch bestimmte Vorrichtungen Menschenmassen in Bewegung zu setzen, sie einfach zu zwingen. Der Einzelne

wird mehr und mehr Macht bekommen über bestimmte Menschenmassen. Denn der Gang der Entwickelung ist nichtder, daß wir demokratischer werden, sondern daß wir brutal aristokratischwerden, indem der Einzelne immer mehr Macht gewinnen wird. Wenn da nicht die Veredlung der Sitten stattfindet, so muß das zu den brutalsten Dingen führen. Das wird auch kommen, so wie die Wasserkatastrophe für die Atlantier gekommen ist.( Steiner 1904). “

 

Es war dieses ausführliche Zitat unvermeidlich, um fühlbar zu machen, wie außerordentlich der Größenunterschied zwischen der Perspektive der Anthroposophie und des Darwinismus ist.

 

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