Anthroposophie und Darwinismus

 

 

Der Darwinismus ist die heute weltweit anerkannteste wissenschaftliche Theorie und zweifellos gehört auch das Denken in Entwicklung, also die Fähigkeit, sich den Kosmos als ein bewegliches, sich fortwährend verwandelndes Lebewesen vorzustellen, zu den wesentlichsten Errungenschaften des Darwinismus und des Geisteslebens der Neuzeit. Ebenso zweifelsfrei haben die reichen Fossilfunde aus der Erd-, Pflanzen-, Tier-, und der prähistorischen Menschheitsentwicklung, wie auch die Embryologie als Zeugnis der Vorgeburtlichkeit des Menschen, und das Studium der historischen Überreste und Dokumente früherer Kulturstufen der Menschheit mit den daraus für die modernen Wissenschaften zu ziehenden Schlüssen das entwickelnde Denken unverzichtbar gemacht.

 

Ein solches bewegliches Denken wird von der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, der Anthroposophie, nicht nur gefordert, sondern geradezu als unverzichtbare Voraussetzung zu ihrem Verständnis gesehen. Denn die Welt, zu der Anthroposophie einen Zugang ermöglichen soll, die als die geistige (spirituelle) oder auch übersinnliche Welt bezeichnet wird, unterscheidet sich auf radikale Weise von der uns im Allgemeinen vertrauten physischen, das heißt sinnlich erfahrbaren Welt. Die Radikalität dieses Unterschiedes besteht vor allem darin, dass die übersinnliche, geistige Welt eine in sich bewegte ist, der gegenüber die sinnliche, physische Welt sich als eine zwischen Ruhe und Bewegung wechselnde darstellt. Als Kostprobe dieser Erfahrung des Geistesforschers wird hierzu ein knappes Zitat aus Rudolf Steiners Aufsatz: "Die Erkenntnis vom Zustand zwischen dem Tode und einer neuen Geburt" wiedergegeben:

 

"Gegenüber dem Erleben im Leibe hat das geistige Erleben insofern etwas völlig Ungewohntes, als für dieses Erleben die Idee des Seins, wie sie innerhalb der physischen Welt erworben wird, alle Bedeutung verliert. Es gibt im Geistigen nichts Seiendes wie in der physischen Welt. Im Geiste ist alles Werden. Das Einleben in eine geistige Umwelt ist ein immerwährendes Werden. Dieser Unruhe des Werdens der geistigen Außenwelt steht aber gegenüber das Erleben des Inneren, das sich als ruhendes Bewusstsein innerhalb der nie ruhenden Bewegung, in die es versetzt ist, wahrnimmt." (Rudolf Steiner: Philosophie und Anthroposophie. Gesammelte Aufsätze 1904 - 1923. Rudolf Steiner-Gesamtausgabe Nr 35)

 

Wenn diese Beschreibung des hauptsächlichen Unterschiedes zwischen der physischen und der geistigen Welt der Wahrheit entsprechen sollte, dann kann auch die große Selbstverständlichkeit, mit der die heutige Menschheit die "Evolution" des Kosmos für eine Tatsache hält, nur günstig sein für die innere Bereitschaft, spirituelle, d.h. dynamische Formen des Denkens, und damit auch die Anthroposophie Rudolf Steiners für einleuchtend und notwendig zu halten, weil der Mensch in seinem Denken die physischen und die geistigen Welten verbindet.

 

Doch die Menschheit hat es bis heute schwer, die Wahrheit in der Botschaft des Darwinismus richtig zu verstehen. Das zeigt allein schon die Tatsache, dass das Wort "Evolution" in den letzten 300 Jahren einem mehrfachen Bedeutungswandel unterlag, also selbst schon eine "Evolution" zu durchlaufen hatte: Im 17. und 18. Jahrhundert bezeichnete man als "Evolutionisten" zumeist noch die Vertreter der "Präformationslehre". Die "Präformationslehre" war die damals herrschende Auffassung der führenden Physiologen, dass jedes Lebewesen schon in der Keimanlage - also im Ei oder Spermium - fertig im Kleinen vorliegt und sich durch Wachstum nur noch auszuwickeln, d.h. wörtlich zu evolvieren braucht. Kein Wunder also, dass wir bis heute noch für etwas ganz anderes, nämlich für die Verwandlungen, die eine Keimanlage bis zur fertigen Gestalt eines Lebewesens durchlaufen muss - im Deutschen zumindest - kein besseres Wort als den Ausdruck "Entwicklung" haben, der ja dasselbe ist wie "Evolution", und also - rein sprachlich jedenfalls - immer noch suggeriert, ein Keim brauche sich nur auszuwickeln, um geboren zu werden.

 

Dennoch tauchte schon im 17. Jahrhundert - allerdings ohne sich gleich durchsetzen zu können - bei Descartes, Spinoza, Locke und Leibniz, also zunächst nur bei den Philosophen - die Auffassung auf, dass "Entwicklung" nicht bloß die Auswickelung eines Fertig-Gegebenen ist, sondern auch zur Entstehung eines Neuen, Nicht-Vorgeformten führen kann. In den Naturwissenschaften wurde diese unserem heutigen Evolutionsverständnis entsprechende Auffassung jedoch erst im 18. Jahrhundert aufgegriffen, z.B. bei Karl Friedrich Kielmeyer, der sich 1797 mit Goethe in Tübingen traf, um sich mit diesem "über die Idee, dass die höheren organischen Naturen in ihrer Entwicklung einige Stufen vorwärts machen, auf denen die anderen hinter ihnen zurückbleiben" zu unterhalten, wie wir aus Goethes Tagebuch wissen.

 

Die immer wieder anzutreffende Behauptung, Goethe sei ein Gegner der Evolutionslehre gewesen, weil er als Begründer der idealistischen Morphologie den "Typus" nur als starre Idee denken konnte, ist also schon allein aufgrund dieses Gespräches mit Kielmeyer historisch widerlegt. Vielmehr spricht alles dafür, dass der große Dichter Goethe, der den Typus sah als "etwas durchaus Flüssiges, aus dem sich alle besonderen Arten und Gattungen ableiten lassen", in seinem untrüglichen Sinn für Sprache schon damals den Ausdruck "Evolution" ablehnte, weil sich sein begrifflicher Inhalt bei ihm selbst bereits zu dem gewandelt hatte, was wir heute darunter verstehen, für das wir aber immer noch das "falsche", das alte Wort „Evolution“ benutzen. Er bevorzugte deshalb instinktsicher den Ausdruck "Metamorphose" (von griechisch metamórphosis‚ Umgestaltung‘) und entwickelte daraus seine Metamorphosenlehre, die bis heute zumindest in der Botanik unumstritten ist.

 

Wie sehr sich Goethe an der Vorbereitung des Darwinismus als ein Denken in Entwicklung beteiligte, zeigt das folgende Gedicht:

 

Eins und Alles

 

Im Grenzenlosen sich zu finden,

Wird gern der Einzelne verschwinden,

Da löst sich aller Überdruss;

Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,

Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen

Sich aufzugeben ist Genuss.

 

Weltseele, komm' uns zu durchdringen!

Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen

Wird unsrer Kräfte Hochberuf.

Teilnehmend führen gute Geister,

Gelinde leitend, höchste Meister,

Zu dem, der alles schafft und schuf.

 

Und umzuschaffen das Geschaffne,

Damit sich's nicht zum Starren waffne,

Wirkt ewiges lebend'ges Tun.

Und was nicht war, nun will es werden

Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,

In keinem Falle darf es ruhn.

 

Es soll sich regen, schaffend handeln,

Erst sich gestalten, dann verwandeln;

Nur scheinbar steht's Momente still.

Das Ewige regt sich fort in allen:

Denn alles muss in Nichts zerfallen,

Wenn es im Sein beharren will.

 

aus: J.W. v. Goethe: Gott und die Welt

 

Der wahre Kern des Darwinismus ist also, dass alle Lebewesen sich entwickeln und dazu Zeit brauchen. Alle übrigen Vorstellungen des Darwinismus, z.B., dass die Höherentwicklung der Lebewesen durch Konkurrenz und den Überlebenskampf entstanden sei, und übrigens auch die Behauptung, dass der Mensch von den Affen abstamme, sind relativ dazu unbedeutende, d.h. historisch bedingte Gedankenexperimente, die sich klar erkennbar als vom "Zeitgeist" des 19. Jahrhunderts geprägt erweisen. Hierfür kennzeichnend ist, dass ja der Darwinismus sehr direkt im Zusammenhang der kulturellen Krise des 19. Jahrhunderts entstand, die durch den Tod Goethes (22.3.1832) hervorgerufen wurde und den Feldzug des Materialismus gegen den Idealismus einleitete, der bis heute alle philosophischen, psychologischen, historischen, soziologischen und biologischen Wissenschaftsdisziplinen hegemonial durchzieht. Kein Wunder also, dass der Darwinismus in seiner Frühform Begriffe wie "Anpassung" (Biedermeier!) und "Kampf ums Dasein" (Militarismus!), insbesondere aber auch "das Überleben des Stärkeren" (Imperialismus!) als scheinbar wahre Erkenntnisse präsentierte, die in dieser Form von Rudolf Steiner auf das schärfste zurückgewiesen wurden.

 

Das erscheint zunächst widersprüchlich, solange man sich nicht auf die zentrale Wahrheit des Darwinismus, auf die Idee der Verwandlung aller lebewesen konzentriert. Tut man dies aber, so bleibt als wirklich fruchtbar und zukunftsweisend für den Darwinismus allein die Grundannahme übrig, dass alle Lebewesen nicht schon immer so waren, wie sie jetzt sind, sondern sich verwandelt haben. Wenn aber diese Grundannahme wahr ist, und alles andere nur historisches Beiwerk, dann können nur die Lebewesen am höchsten entwickelt sein, die die meiste Zeit dafür hatten. Infolgedessen kann der Mensch als das am höchsten entwickelte aller Lebewesen nicht von den Tieren abstammen, sondern muss schon vor den Tieren da gewesen sein (allerdings - das müsste gerade den Darwinisten einleuchten - in einer anderen Form als der heutigen).

 

Nur weil der Mensch mehr Zeit für seine Entwicklung hatte, konnte er sich auch höher als die Tiere entwickeln. Deshalb können die Tiere nur von ihm abstammen und nicht umgekehrt der Mensch von ihnen, die deshalb, der Grundannahme des Darwinismus entsprechend, auch weniger entwickelt sind. Ein solcher Gedanke erfordert allerdings konsequenter Weise, dass man sich den Menschen in seiner Frühform sehr stark verschieden von seiner heutigen Erscheinung vorstellen muss. Und wer heute den Darwinismus missbraucht, um die Urbilder des Menschlichen in der Tierwelt zu suchen, der ist geistig stehengeblieben auf der Höhe des "tausendjährigen Reiches."

 

Der Darwinismus ist also nicht der Gegner, sondern die Voraussetzung zur Akzeptanz der Anthroposophie und ihres Vorschlages, dass sich das Menschenwesen gegenüber seiner heutigen Form noch radikaler verwandeln und somit selbst anstelle der Natur den entscheidenden Beitrag zum Gelingen der Evolution liefern muss. 

 

Auf zwei der schon etwas spezielleren Behauptungen der darwinistischen, bzw neodarwinistischen Weltanschauung sei im hier folgenden noch näher eingegangen:

 

1. Mutation und der Einschlag des "Neuen" in der Evolution.

 

Eigentlich ist es schon recht "esoterisch", wenn der Begriff der "Mutation" zum Zentrum einer materialistischen Weltauffassung gemacht wird, versteht man doch unter "Mutation" die chemische Instabilität des so genannten "Erbgutes", der als chemische Materie gedachten Gene also, obwohl innerhalb des Materialismus die "Mater", die "Mutter", die "Materie" für die verlässlichste Grundlage alles Seins, ja, sogar für die "Mutter"  des Bewusstseins und des Geistes gehalten wird. Und der chemischen Instabilität, der Unzuverlässigkeit dieser "Mutter" also, die als "Mutation" ja zumeist zu einer tödlichen Katastrophe des Organismus führt, ausgerechnet ihr wird nun die Eigenschaft zugeschrieben, als "Motor" und "Schöpfer" alles Neuen und aller Höherentwicklung innerhalb der Erdgeschichte und des Kosmos wirken zu können! 

 

Nicht dass aus anthroposophischer Sicht irgendetwas gegen das Prinzip des "blinden Zufalles" der Mutationen einzuwenden wäre. Das genaue Gegenteil ist sogar der Fall, denn die Zufälligkeit der Mutationen bereitet erfreulicher Weise den Boden dafür, dass auch hier in der sinnlich-irdischen Welt ein minimales Quäntchen an Freiheit und Individualismus gewährt zu sein scheint. Aber es ist eben doch putzig, mit anzusehen, wie eine im Prinzip deterministische Weltanschauung ganz offen mit der Freiheit des Zufalls und der Unzuverlässigkeit der Materie Anhänger zu gewinnen versucht.

 

2. "Survival of the Fittest" durch Selektion.

 

Komplementär zum "blinden Zufall" der Mutationen des Erbgutes wird innerhalb des klassischen Darwinismus die "Selektion", die Auswahl der Bestangepassten, als die kausale Funktion des Absicherns der Höherentwicklung mit den Mitteln des euklidischen Raumes gesehen, also des Raumes, den unsere Sinne dem Bewusstein vermitteln, des Raumes der sinnlichen Vernunft und der Logik der Sinneswahrnehmungen, im erbarmungslosen "Kampf um das Dasein". Denn nur die Sinneswahrnehmung, das wusste schon Aristoteles, als er seine "Metaphysik" niederschrieb, kann, wenn sie im Verbund mit dem Gedächtnis und dem Denken zur "Erfahrung" wird, den Menschen der "Wahrheit" näher bringen.

 

Das "Überleben der Bestangepassten" war dabei die ursprüngliche, noch betont rationalistische, zugleich aber auch anti-heroische und anti-freiheitliche Formulierung für die Annahme Darwins, dass die "Selektion" als der wichtigste Faktor der Höherentwicklung innerhalb der Evolution zu betrachten sei. Als solche war diese Annahme ebenso symptomatisch für den nach Anerkennung hungernden "Biedermeier-Bürger" seiner Zeit, wie er auch für die englische Strategie der "Untertreibung" stilistisch grundlegend war.

 

Erst nach dem Tod seines Begründers wurde der Darwinismus zum "Überleben der Stärksten" hochstilisiert, und damit zum antihumanistischen Herzstück eines heroischen "Imperialismus", der zugleich auch Steigbügelhalter des chauvinistischen Kolonialismus, des Biologismus und des elitären Rassenwahns wurde. Besonders der humanitär verkappte Biologismus birgt durch seinen Mangel an kritischer Selbstreflexion auch heute noch ganz real die Gefahr, dass der Faschismus erneut, dieses mal aber unter der Tarnkappe des medizinischen Fortschrittes, als "Menschheitsverbesserung" in der Vergötterung des biologisch "Normgerechten" auferstehen könnte!

 

 Ohne dass dies den Darwinisten je zu Bewusstsein gekommen ist, enthält aber die von Darwin begründete Weltanschauung aus der Perspektive der Anthroposophie nicht nur den Keim eines neuen Denkens, des Denkens in Entwicklung, sondern auch ungeahnte Perspektiven der Esoterik. So soll von Rudolf Steiner der folgende überraschende Satz geäußert worden sein: „Wenn die Darwinisten nur wüssten, welche hochspirituelle Entdeckung sie gemacht haben“ (zitiert nach W.Schad, 2018).

 

W. Schad hat diesen Ausspruch in der Richtung einer anthroposophischen Thanatologie, also einer anthroposophischen Todeskunde interpretiert, da in der Selektionstheorie Darwins der Tod des Individuums als von zentraler Bedeutung für die Differenzierung und  Höherentwicklung der natürlichen Arten gesehen wird. Dieser Einschätzung Schads scheint auch das hier folgende Goethe – Wort zu entsprechen:

 

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und Werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

(J. W. von Goethe: Selige Sehnsucht, West-Östlicher Diwan)

 

So klug und wahr diese Worte für sich genommen auch sein mögen, so sehr widersprechen aber doch die Tatsachen der natürlichen Evolution diesem von Schad vorgeschlagenen Verständnis des o.g. Steiner-Zitates. Es ist nämlich keineswegs sachgerecht, Darwins Selektionstheorie als den Schlüssel zu irgendeiner Höherentwicklung der Lebewesen, und schon gar nicht des Menschen anzusehen. In gewisser Weise bewirkt die Selektion der Bestangepassten durch Ausmerzung der weniger gut Angepassten sogar geradezu das genaue Gegenteil einer Höherentwicklung: Wo immer die Selektion durch Ausmerzung der Unpassenden evolutionsbestimmend wirksam ist, bewirkt sie keine Höherentwicklung, sondern lediglich eine stärkere Spezialisierung. Diese wird dann zum Garanten dafür, dass alles beim Alten bleibt und nicht das Überleben der höher Entwickelten, sondern dasjenige der Spezialisten begünstigt wird .  

 

Bei aller Bewunderung, die wir angesichts der gewaltigen Harmonie der gegenseitigen Abstimmung im Zusammenleben aller Lebewesen in der großartigen Natur empfinden, müssen wir dennoch berücksichtigen, dass die Zahl der Beispiele gegen Null tendiert, die durch die Evolutionsforschung dafür gefunden  worden ist, dass irgendwo oder irgendwann die natürliche Zuchtwahl auf dem Wege der gegenseitigen Ausmerzung und Anpassung der unangepassten Lebewesen untereinander oder zwischen dem Lebensraum und dem Individuum auch nur im entferntesten dazu geführt haben könnte, dass eine Höherentwicklung zustande kam. Durch eine immer feiner werdende Abstimmung zwischen den Individuen und dem Lebensraum kann die Selektion der Bestangepassten nur zu einer Verstärkung des Spezialistentums unter den Teilnehmern des Selektionsprozesses führen. Aber niemals führt die natürliche Zuchtwahl im Sinne Darwins zu dem Phänomen, das man in der Evolutionsbiologie als eine „Emanzipation“ (Befreiung) des Individuums und letztlich der Arten aus den Zwängen ihres jeweiligen Lebensraumes bezeichnen kann.

 

Diese Unmöglichkeit der Höherentwicklung durch Konkurrenz und Zuchtwahl, zusammengefasst im Begriff des „Selektionsdruckes“, ist in voller Breite durch den Neurobiologen G. Hüther andern Ortes dargestellt worden (G. Hüther 2010).

 

Nur die vergleichsweise kleinen Schritte der so genannten „Mikroevolution“ beruhen auf Konkurrenz und Zuchtwahl. Die großen Evolutionsschritte hingegen, die man auch als „Makroevolution“ bezeichnet, sind ausnahmslos durch das Gegenteil der Anpassung, also durch „Emanzipation“ vom Umkreis  gekennzeichnet, wie sie zum Beispiel beim Übergang der Wirbeltiere vom Meeresleben zum Landleben in größtmöglicher Deutlichkeit hervortritt. 

 

Dieser zuletzt genannte Schritt der Evolution war so groß, dass der gesamte Bauplan der Wirbeltiere einer umfassenden Veränderung unterworfen wurde. Der ursprüngliche Mund, der so genannte Urmund, wurde nun zum „After“, d.h. zum Ausscheidungspol der primären Körperhöhle gemacht, wohingegen der definitive Mund erst durch eine sekundäre Öffnung des Vorderdarmes neu geschaffen werden konnte. Mit dieser Umstülpung des gesamten Bauplanes ging auch eine Umstülpung des Skelettes einher, das in Ergänzung des primären Kopf- oder Aussenskelettes zum sekundären Innenskelett führte, die dieser Tierklasse nicht nur ihre Bezeichnung als „Wirbeltiere“ einbrachte, sondern in den Folgeschritten mit der Ausbildung einer sekundären Körperhöhle (des so genannten Coeloms) auch die Möglichkeit zur Bildung so genannter Geburtshüllen ergab, von der sich die Bezeichnung der obersten drei Tierklassen der Wirbeltiere als „Amnioten“ (Amniontiere) herleitet. Erst mit der Verinnerlichung des wässrigen Umkreises im Amnion (zu Deutsch: der „Schafhaut“, die als sekundäre Fruchtblase aus dem amniogenen oder auch primären Chorion hervorgeht) gelang die völlige Emanzipation vom Umkreis durch Verinnerlichung der Fortpflanzung in der obligaten Viviparie (von lat. „Lebendgeburt“) und der nachgeburtlichen Muttermilchernährung der so genannten „Säugetiere“ (Mammalia).

 

Wie es danach allerdings dazu kam, dass sich die nachgeburtliche Entwicklung, dann auch die Jugendzeit und schließlich die Alterung der so genannten „Herrentiere“ (Primaten) so drastisch verlängerte, dass der heutige Mensch lebenslang in jugendhafter Weise lernfähig wurde, ist der  Wissenschaft größtenteils unbekannt, zumal die Gattung Homo noch zusätzliche Emanzipationsschritte der Höherentwicklung vollzog, die mittels der Aufrichtung zur Emanzipation der Arme von der Fortbewegung, des Gebisses von der Nahrungszerkleinerung zugunsten der Sprachfähigkeit des Menschen und schließlich zur weitgehenden Emanzipation des Denkens, Fühlens und Wollens des Menschen von ihrer ursprünglichen Instinkt- und Triebgebundenheit führte. 

Die sattsam bekannten Einwände gegen diese menschliche Freiheit, sind größtenteils eine Folge der Verwechslung der Wahl- mit der Willensfreiheit, also die Folge eines mangelhaften Denkens: Wahlfreiheit hätten wir, wenn wir jederzeit aufhören könnten, zu Atmen, zu Essen, oder bei Rot über die Ampel fahren könnten oder dem Staat das Gewaltmonopol entreißen dürften. Die sich davon radikal unterscheidende Willensfreiheit hingegen beweist sich darin, dass der eine von uns Schauspieler, der andere Maler, der dritte Wissenschaftler, der vierte Richter, der fünfte Arzt wird usw., dass der eine Republikaner, der andere Monarchist, der eine sogar Priester oder einfach Mönch werden will usw.usf., dass jeder von uns sein geistiges Leben entwirft oder eben auch nicht entwirft, weil es dazu keinen Zwang gibt.

 

Im Sinne der Blickrichtung der ursprünglichen Evolutionstheorie Darwins muss dennoch schon heute das Urteil ergehen, dass der wichtigste Faktor der evolutiven Höherentwicklung der Primaten bis hin zur Menschwerdungnichtalleinder knallharte, gewissermaßen tödliche „Selektionsdruck“ gewesen sein kann. Dies hat als erster Schüler Rudolf Steiners der Waldorflehrer Friedrich Kipp(1948,1980,1991) veröffentlicht. Er kam sogar zur dazu entgegengesetzten Schlussfolgerung, dass nämlich der Mensch zu dem Wesen, das er heute ist, nur dadurch werden konnte, dass er eine Kultur derfreilassenden und uneigennützigen Elternliebeentwickelte, die unsere Kinder so weitgehend vom Selektionszwang der natürlichen Evolution abschirmt, dass der Mensch anfing, sich leisten zu können, ein freies Individuum zu werden. 

 

Mit Recht sprechen wir deshalb, sobald wir es begriffen haben, davon, dass der Mensch nicht Mensch „sein“, sondern immer nur „werden“ kann. Wir wissen nämlich heute noch gar nicht, wie ein freies Individuum aussieht oder lebt, obwohl wir schon seit Millionen von Jahren auf dem Wege dorthin sind. Kein Mensch kann deshalb heute schon sagen, dass er Mensch „ist“, sondern nur, dass er „auf dem Wege“ ist, ein „Mensch zu werden“. Der Mensch hat also schon jetzt, wo er noch in der Natur lebt, eine Eigenschaft angenommen, die von Rudolf Steiner als die hauptsächliche Eigenschaft der geistigen, der „spirituellen“ Welten und ihrer Wesen bezeichnet wird, wie hier schon ganz zu Anfang dieser Betrachtung aus einem Aufsatz Steiners zitiert wurde: „Im Geiste ist alles Werden. Das Einleben in eine geistige Umwelt ist ein immerwährendes Werden.“ 

Aber nur auf dem Boden eines Denkens in Entwicklung können wir jetzt schon uns selbst und unsere Mitmenschen als Menschen im Sinne freier Wesen empfinden, denn realiter sind wir noch nicht so weit.

Dennoch haben wir keine andere Wahl: Nur wenn wir ihnen schon jetzt die Würde der Freiheit verleihen, machen wir unsere Mitmenschen zu geistigen Wesen, also zu Wesen, die im „Werden“ ihrer (und unserer) Freiheit sind. Wir leben also noch heute im Status natürlicher Wesen, aber wir ahnen bereits den Geist der Befreiung in den Tiefen unseres eigenen selbst.

 

Zu Recht weist F. Kipp darauf hin, dass der hauptsächliche Anteil dieser Befreiung auf die große zeitliche Verzögerung der Pubertät und damit zusammenhängend der Begünstigung einer außerordentlichen Kindlichkeit des Lernvermögens entfällt, die größtenteils dem Denken des Menschen zugute kommt. So müsste der Mensch, wäre er nur ein Säugetier und hätte er nicht seinen Eigenweg einer Kultur der Verkindlichung begonnen, 20 Zentner wiegen, mithin also das Gewicht eines Elefanten erreichen, um mit 12-14 Lebensjahren zu pubertieren (F.Kipp, 1948, 1980, 1991). Aber dabei allein bleibt es ja beim Menschen nicht: Während die ihm nächstverwandten Säugetiere, die so genannten Menschenaffen, bis zu ihrer auch schon beträchtlich verspäteten Pubertät noch – wenn man dabei von der nur dem Menschen eigenen Sprachfähigkeit absieht - als erstaunlich lernfähig erweisen, bis die Pubertät einsetzt und sich nun doch noch die affentypischen instinkthaften Prägungen durchsetzen, bleibt der Mensch bezüglich seiner Lernfähigkeit bis ins hohe Alter in hohem Grade jugendlich, das heißt: kreativ und fortschrittsfähig.

 

Der Evolutionsweg des Menschen verläuff also insgesamt so, dass er sich seiner Richtung nach prägnant vom Weg der mit ihm verwandten Säugetiere unterscheidet und in eine hochgradige Befreiung aus dem von Darwin beschriebenen naturgegebenen „Kampf ums Dasein“ einmündete.

An dieser Stelle stellt sich daber unsere Frage erneut: Wenn es de facto nicht mehr aufrecht zu halten ist, dass der Mensch seine Höherentwicklung dem Zusammenwirken von „Mutation“ und „Selektion“ verdankt, die Kraft des Todes also hier auszuschließen ist, welche Kraft ist es dann, die ihm zu seiner jetzigen Sonderstellung und Individuation innerhalb der Natur verholfen hat?

 

Hier könnten wir uns den Argumenten Friedrich Kipps (A. Kipp 1948, 1980, 1991) anschließen, dass es die Kraft die Liebe war, die die Menscheneltern ihren Kindern zuteil werden ließen. Indem sie ihren Kindern den Luxus gönnten, jenseits der Notwendigkeit zu leben, selbst für ihre Ernährung, Ihren Schutz gegen Angreifer und gegen die Wirkungen des Klimas zu kämpfen, schufen die Eltern des Homo sapiens die Voraussetzungen dafür, dass sich der Mensch nicht weiter spezialisierte, sondern statt dessen die Liebekraft, die Nachahmungsfähigkeit, die Kreativität und die Freude an der Kooperation mit den geliebten Verwandten in den Mittelpunkt seiner Interessen stellte.

 

Bekanntlich gibt es ja verschiedene Formen der Liebe: Wir kennen zumindest die erotische, die narzisstische und die zärtliche Liebe. Merkwürdiger Weise hat Darwin selbst schon an die sexuelle Zuchtwahl als wichtigen Faktor der Höherentwicklung gedacht, und Gerald Hüter hat diesen Gedanken erneut des Prüfens für Wert gehalten. Im Bereich der Nichtwirbeltiere wurde er damit auch fündig: Ihm ist die Staatenbildung der Insekten ein wichtiges Indiz für die Höherentwicklung durch Gemeinschaftsbildung. Aber mich lässt es unbefriedigt. Ich selbst bin überzeugt: Nur die von Friedrich Kipp genannte, nur die zärtliche Elternliebe, nur die ohne Hoffnung auf Gegenleistung, also die mehr oder weniger selbstlos vergebene, aber individuelle Liebe von Seele zu Seele kommt letztendlich in Betracht, wenn es darum geht, die Frage nach der Esoterik zu beantworten, die Rudolf Steiner an den Darwinismus stellt, denn nur die zärtliche, selbstlose, ist die Form der Liebe, die auch der Christus gemeint haben könnte, als er forderte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. – Denn nur diese zärtliche ist die unkonditionelle, uneigennützige Liebe, die sich außerhalb des "Kampfes ums Dasein" stellt und die der Christus meint – sie ist eine Liebe, die weder für die Weitergabe von Genen, noch für die Eitelkeit, noch für den Geldbeutel kämpft, kein Zweifel!

  

Aber die bisher erreichte Freiheit des Menschen kann nicht allein durch seine soweit beschriebene Verkindlichungermöglicht worden sein, denn Entwicklungsverzögerung allein kann uns als solche letztlich nur in die Verblödung führen, aber nicht zur spirituellen Mündigkeit, die uns auf dem Weg des Verstehens des jeweils anderen Menschen überhaupt erst zur Liebe fähig macht, aber nicht zur blinden Liebe, sondern zur Liebe durch Verstehen. Denn nur eine verstehende Liebe wäre keine „Affenliebe“ mehr, wie der Volksmund sagt, sondern nur eine unsere Kinder letztlich zur Freiheit erziehende Liebe! - Wir müssen also im Sinne der Menschheitsentwicklung erkennen, dass uns die Menschenliebe nur zur Liebefähigkeit kommen lässt, wenn sie uns über die Klippen der Intoleranz als die Hindernisse des Verstehens hinwegführt!

 

Die Evolution muss also einen dazu ergänzenden, hier noch nicht in die Betrachtung einbezogenen Entwicklungsprozess enthalten, den es ebenso zu entdecken gilt. Das bekannteste wissenschaftshistorische Beispiel eines zur Entwicklungsverzögerungentgegengesetzten Prozesses ist die Entwicklungsbeschleunigungdes Menschen. Dieser Prozess wurde durch J.W.v. Goethe anhand der vorzeitigenVerknöcherung der Zwischenkiefernähte am 27. März 1784 entdeckt, konnte aber erst 1831, also ein Jahr vor seinem Tod von ihm selbst veröffentlicht werden. Zwar war der Zwischenkieferknochen des Menschen zuvor schon mehrfach beschrieben worden, zuletzt 1780 durch den französischen Arzt Félix Vicq d’Azyr, ohne dass Goethe davon erfuhr, die Existenz des Zwischenkiefers beim Menschen konnte aber so lange Zeit von der Wissenschaft ignoriert werden, weil das konservativ-religiöse Vorurteil bestand, die moralische Sonderstellung des Menschen in der Natur könne nur anhand des Fehlens dieses Knochens gegenüber der als niedrig erachteten Tiernatur aufrecht erhalten werden. Goethe war immun gegen solche Argumente, weil er aus der Tiefe seiner Seele ganz eigene Empfindungen gegenüber der menschlichen Leiblichkeit hatte: 

„Das Tier wird durch seine Organe belehrt; der Mensch belehrt die seinigen und beherrscht sie“ schrieb Goethe in seinen „Maximen und Reflexionen“. Wesentlich schärfer aber drückte er sich in seinen Schriften zur Morphologie aus: „Die Tiere werden durch ihre Glieder tyrannisiert.“ Und in einem Brief an Wilhelm v. Humboldt setzte er am 17.3.1832, also kurz vor seinem Tod, noch ätzend hinzu: „. . . die Menschen gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe wieder belehren zu können.“

Damit konnte nur die Tatsache gemeint sein, dass der Mensch seiner Entwicklungsverzögerung noch eine Entwicklungsbeschleunigung der besonderen Art hinzufügt, die ihn zum belehrenden Meister seiner Glieder werden lässt. Andererseits konnte es aber auch leicht passieren, dass der Zwischenkieferknochen des Menschen übersehen wurde, weil die Verknöcherung der Zwischenkiefernähte beim Menschen so früh, nämlich schon vor der Geburt, einsetzt. Durch diese frühe Verfestigung kann sich der Oberkieferbezirk des Menschen auch nach dem Zahnwechsel nicht mehr vergrößern, wohingegen die nachgeburtliche Gebissvergrößerung der Tiere bekanntlich noch weit darüber hinaus bis zur Bildung ihrer typischen Schnauzen führt. Bei den übrigen Säugetieren kollidiert die Schnauzenbildung aber keieswegs mit der Sprachentwicklung, weil eine solche gar nicht erst stattfindet. Der Mensch hingegen müsste, hätte er nicht diese frühe Verknöcherung, alle Sprachbewegungen seiner Mundorgane über die gesamte Jugendzeit hinweg immer wieder von neuem erlernen, anstatt sie noch weiter verfeinern zu können. Bei den übrigen Säugetieren verlaufen beide Prozesse, sowohl die Hirn- wie auch die Gebissentwicklung, genau umgekehrt zum Menschen: Während die Hirnvergrößerung bei den übrigen Säugetieren recht bald, d.h. spätestens mit der Pubertät endet, muss sich die Größe der Hirnkapsel beim Menschen dem anhaltenden Hirnwachstum so lange anpassen, dass die Knochennähte der menschlichen Hirnkapsel noch bis ins höhere Alter offen bleiben. 

 

Man darf also bezüglich der Evolution des Menschen nicht beim Hinweis auf dessen verlängerte Jugendzeit, aber auch nicht bei dessen verlängerten Hirnwachstum stehen bleiben, sondern muss zwei einander entgegengesetzte Bildeprozesse in Betracht ziehen, von denen der eine der Sprachentwicklung, der andere dem Hirmwachstum entspricht. Nur der eine der beiden ist ein Retardations-oder auch Verjugendlichungsprozess, den man in der Morphologie als Paedomorphose (abgeleitet von griechisch Paidos = das Kind) bezeichnet. Die dazu entgegengesetzteMetamorphoserichtung ist ein Akzelerationsprozess der Verknöcherung, entspricht gestaltlich also einer vorzeitigenAlterung und wird in der Morphologie vom ersteren Prozess als Peramorphoseunterschieden (abgeleitet von griechisch Peras = das Alter).

 

Dieser beschleunigte Verknöcherungsprozess der Mundorganeist für den Menschen ebenso typisch wie andererseits seinegeistige lebenslange Jugendlichkeit und Verhaltensplastizität, obwohl beide morphologisch einander entgegengesetzt sind. Die Peramorphose der Mundorgane des Menschen ist der für ihn so großen Bedeutung der Sprachfähigkeitgeschuldet, wurde aber erst möglich, als die Entlastung des Gebisses von der Nahrungszerkleinerung durch die Beherrschung des Feuers im Zusammenhang der Kulturprozesse des Kochens, Bratens und Backens gelang. Dieser aus der Peramorphose des Oberkiefers verständliche Sonderweg der Evolution des Menschen führte vor etwa 2 Millionen Jahren zur weitgehenden Vollendung seines „Sprachgebisses“, das sich vom Allesfressergebiss sehr deutlich durch seine Isodontieabhebt. (Darunter versteht man die Bildung einer geschlossenen Zahnkante, die nur durch die Angleichung aller Zähne an die gleiche Zahnhöhe erreichbar ist). Dann erst vergrößerte sich das Gehirn des Menschen nahezu sprunghaft zu der heute so prominenten Hirnlastigkeit (wobei man sich allerdings unter „sprunghaft“ etwa eineinhalb Millionen Jahre vorstellen muss), und nicht etwa das dazu umgekehrte – was man sich ja auch denken könnte - war der Fall, dass zum Beispiel die Gehirnvergrößerung der Wegbereiter der menschlichen Sprachgewalt gewesen wäre! Nicht umsonst nennt man deshalb die Sprachgewalt des Menschen auch heute noch seine „Mündigkeit“ und nicht etwa „Hirnigkeit“. Aber diese Mündigkeit kam gerade eben nicht „von oben herab“, d.h. vom Gehirn her absteigend, sondern kam „von unten herauf“ der menschlichen Sprachevolution dadurch zuhilfe, dass die Arme und Hände die Mundorgane von der Nahrungszerkleinerung durch eine sich ganz neu entwickelnde Technologie des Kochens, Bratens und Backens entlasteten. Dadurch konnte die Sprache mithilfe des sich entwickelnden „Sprachgebisses“ zunehmend dazu verwendet werden, nicht nur die subjektiven Gefühle anhand der Vokale auszudrücken, sondern auch die Konsonanten zu gestalten, die den äußeren Naturprozessen abgelauscht sind und so auch das Denken über die bloße Subjektivität der Gefühle hinausführten. So konnte die Sprachentwicklung des Menschen sich letztendlich auch in der Gehirnvergrößerung manifestierten. 

 

Einmal aufmerksam gemacht auf diese beiden Prozessrichtungen, 

die evolutiv den oberen Teil der menschlichen Gestalt, das heißt die Hände, das Gebiss und den Hirnschädel prägten, bemerken wir nun, dass schon wesentlich früher, mindestens schon etwa 7 Millionen Jahre davor, die wichtigsten körperlichen Grundlagen zum Erwerb des aufrechten Ganges gelegt wurden, also schon lange vor dem Spracherwerb und noch länger vor dem Beginn der Hirnvergrößerung. 

Aber auch diese Veränderungen der Bewegungsorgane wurden nicht vom Kopfpol des Menschen her initiiert, stiegen also nicht „von oben nach unten“ ab, sondern gestalteten schon den Menschen quasi „von unten nach oben“: Vor aller Aufrichtung des Menschen ging die Handbildung an den Beinen verloren, die wir ja heute noch an den Großaffen als evolutive Anpassung an das Baumleben vorfinden, so dass noch immer die Affen ihre Großzehen daumenartig zum Ergreifen der Äste beim Klettern abspreitzen können. 

Diese handartige Beweglichkeit der Füße wurde beim Menschen durch das Anlegen der Großzehe zugunsten einer Verbreiterung und Stabilierung des Vorfußes aufgegeben und nach hinten durch eine Verstärkung und Aufrichtung des Fersenbeins ergänzt. Wie diese beiden Verplumpungen durch ein federndes Fußgewölbes elegant überbrückt wurden, ist allerdings bis heute unbekannt. 

Dem heutigen Menschen sind diese evolutiv so frühen Veränderungen der Füße jedenfalls noch immer eine große Hilfe, wenngleich wohl nicht so sehr beim Traben und Sprinten, als besonders beim betrachtenden Stehen, Lauern und Sinnen, und wohl ebenso beim Heben und Tragen schwerer Lasten. Deshalb kann man mit einer gewissen Berechtigung durchaus behaupten: „Das menschlichste am Menschen ist sein Fuß“ (C. Grah 1986).

 

Auch hier ergibt abermals die Analyse der Skelettveränderungen des Menschen von ihren frühesten Anfängen an eine Zweiheit: 

Peramorph ist klar der Verlust der Handartigkeit der Füße, da sich die Großzehe den übrigen Zehen anlegt und damit den Fuß unbeweglicher und massiger macht. Auch die Fersenbeinvergrößerung ist eine frühe Peramorphose, wohingegen die Aufrichtung des Fußgewölbes dem menschlichen Fuß seine ganz eigene Eleganz  verleiht, die eigentlich erst in der Tanzkunst ganz offenbar wird.  

Es zeigt nun auch die weitere Phylogenese des Menschen abermals eine Zweiheit aus Pädo- und Peramorphose, da sich der Mensch im Vollzug seiner Aufrichtung – die aber nicht, wie vielfach noch heute in popuärwissenschaftlichen Darstellungen zu sehen, schrittweise, sondern nahezu simultan alle Teile des Skelettes ergriff -, dass die phylogenetische Menschwerdung erstmals am aufrechten Gang manifest wurde. Dabei trat eine Proportionsumkehr der Gliedmaßen auf, die im Vergleich zum Embryonalzustand die Beine deutlich verlängerte und versteifte, also im Sinne einer Peramorphose wirkte, die Arme hingegen im Vergleich zum Embryo verkürzte, also einer Pädomorphose unterwarf. Diese neu erworbene Pädomorphie der Oberen Gliedemaßen betrifft auch die Hände, deren Daumen ja bei den Affen in Anpassung an das Baumleben nur selten und nur unvollkommen abgespreitzt wird. 

 

 So bleibt als letzes Rätsel nur noch die hier noch nicht besprochene Kinnverknöcherung offen, die nach heutigem Wissen erst nach dem Neandertalermenschen erst relativ spät in der Evolution (nämlich erst vor etwa 300 000 Jahren) zum Alleinstellungsmerkmal des Homo sapiens gegenüber allen früheren Hominiden wurde.

 

Die damit bezeichnete äußere Kinnverknöcherung des Homo sapiens hat zur Folge, dass nur der Homo sapiens, also der Jetzt-Mensch ein Kinn hat, also die Schnauzenbildung  seiner Vorfahren erst durch die Bildung einer Kinnspitze aus vier Kinnknochen, den so genannten „Ossis mentalia“, endgültig überwindet. 

 

Goethe hatte also doch noch nicht völlig Recht, insofern es eben doch Knochen gibt, die das Tier vom Menschen unterscheiden, aber eben nicht dadurch, dass der Mensch etwa nicht hat, das die Tiere haben, sondern ausgerecht, dass der Mensch mehr Knochen hat Ihrer morphologischen Wertigkeit nach ist diese Bildung inneals die übrigen Säugetiere.

 

Innerhalb der Paläo-Anthropologie ist dieser Befund nur in einer Hinsicht klar: Er ist eine Peramorphose, die aber als solche noch völlig unverstanden, weil sie nicht im Zusammenhang mit der Verwachsung der Knochennähte des von Goethe entdeckten Zwischenkiefers gesehen werden (oder nicht gesehen werden will?). Sicher scheint aber innerhalb der Paläo-Anthropologen bisher, "dass das hervorspringende Kinn des Homo sapiens nichts mit der Funktion (des Kiefers) zu tun hat" (N. Holton am 14.4.2015 in Spektrum d Wissenschaft).

 

Dennoch können wir nun den Menschen vom Tier auch dadurch unterscheiden, dass er in besonderer Weise mit der Knochenbildung umgeht, indem er sie größerenteils hemmt (Paedomorphose), dann aber durchaus auch geheimnisvoll fördert (Peramorphose). Auf das letztere machen wir besonders an den Merkmalen des Menschen aufmerksam, die zeitlich mit seiner Aufrichtung und seiner Sprachfähigkeit korrelierend auftraten. 

 

Wie wäre es denn, so könnten wir uns aber doch fragen, wenn die Bezeichnung „Homo sapiens“=“Der mündige Mensch“ schon zu Recht an den Jetzt-Menschen vergeben wurde, bevor die  Paläo-Anthropologie überhaupt wusste, dass er sich von seinen Vorfahren gerade durch diese Peramorphose des Unterkiefers unterscheidet, also gerade durch die Bildung, die sich mit dem Stirnlappen des Gehirns des Homo sapiens insofern spiegelt, als gerade dort die geringste Festlegung der Funktionen erfolgt ist? – Ich jedenfalls, der Autor dieses Artikels, plädiere dafür!

 

Literatur:

Aristoteles: Metaphysik, Reclam Stuttgart 1970

J. GESSINGER/W v. RAHDEN (1989): Theorien vom Ursprung der Sprache, S. 450ff, Berlin

C. Grah (1986):„Das menschlichste am Menschen ist sein Fuß“. Tycho-Brahe-Jahrbuch 217-246, Niedern-Öschelbronn

G.Hüther (2010): Die Evolution der Liebe, Göttingen

F.A. Kipp (1948): Höherentwicklung und Menschwerdung, Stuttgart

F.A. Kipp (1980, 1991): Die Evolution des Menschen im Hinblick auf seine lange Jugendzeit, Stuttgart

W. Schad: Das Denken in Entwicklung. Die Drei, Zeitschrift für Anthroposophie in Wissenschaft, Kunst und sozialem Leben, Heft 3, 1996, S. 188 - 201; Heft 3, 1996, S. 433 - 453; Heft 6, 1996, S. 544 - 564

W. Schad: Darwinismus und Anthroposophie – ihr Wert für die Onkologie, Der Merkurstab. Zeitschrift für Anthroposophische Medizin 2018, Jahrgang 71,1, S.4-12

R. Steiner: "Die Erkenntnis vom Zustand zwischen dem Tode und einer neuen Geburt" in: Philosophie und Anthroposophie (GA 35) 1904-1916