Glaubensbekenntnis des empirischen Idealismus

Aufgrund eines dem Archiv der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung im Herbst 1985 zugegangenen Hinweises war es möglich, das nachfolgende Dokument in der Handschriftenabteilung der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart einzusehen und eine Ablichtung anfertigen zu lassen. Der auf zwei Notizzetteln von Rudolf Steiner niedergeschriebene Wortlaut fand sich im Nachlass des Philosophen Eduard von Hartmann:

 

Glaubensbekenntnis des empirischen Idealismus

 

I. Gott als Gegenstand des religiösen Verhältnisses. 

Gott ist zu denken als die konkrete Einheit der beiden Momente, in die für das menschliche Bewusstsein die geformte Welt auseinanderfällt: die gegebene objektive, und die vom Geiste produzierte subjektive Seite des Daseins. Durch die Spaltung des Daseins in diese zwei Seiten wohnt unserem bewussten Geiste die Wesenheit nicht als konkretes Agens, sondern als abstrakte göttliche Idee inne, die nicht durch Versenkung in irgendein Objektives zu einem Inhalt kommen kann, sondern nur durch den realen, kontinuierlichen Entwicklungsprozess der Menschheit. Dieser Entwicklungsprozess ist das Darleben Gottes, und in dem schließlichen Endergebnis desselben ist die totale Wesenheit Gottes zur Erscheinung gekommen.

 

II. Der Mensch im Verhältnis zu Gott und Welt. 

Die menschliche Entwicklung ist ein fortwährendes Überwinden der beiden oben gekennzeichneten Gegensätze, also ein kontinuierliches Zur-Erscheinung-Kommen Gottes. In der Spaltung der ursprünglichen Welteinheit in Objekt und Subjekt liegt der Grund der menschlichen Unvollkommenheit. Diese Unvollkommenheit äußert sich im Gebiete des Handelns als Unfreiheit. Unfrei sind wir nur in den Teilen unserer Tätigkeit, in denen sich die Durchdringung von Subjekt und Objekt für uns noch nicht vollzogen hat. In diesem Falle stehen wir unter der Macht des Objektiven. Letzteres fällt sofort weg, wenn wir den Geist einer Sache erfasst haben, und sie demgemäß ihrer eigenen Wesenheit entsprechend beherrschen. Von diesem Standpunkte aus gesehen, ist die menschliche Entwicklung zugleich eine sittliche und zwar ein fortwährender Befreiungsprozess.

 

8.12.1892 Dr. Rudolf Steiner.