Ist Anthroposophie dogmatisch?

Der heutige Mensch ist argwöhnisch gegenüber allem Wissen, das über den Alltags-Horizont hinausgeht, in der Sorge, es könnte dogmatisch sein. Er sollte aber eigentlich ebenso argwöhnisch sein gegenüber allem Wissen, das innerhalb des Alltags-Horizontes bleibt, denn auch dort können allerlei Dogmen verborgen sein.

Im naturwissenschaftlichen Alltag bezeichnet man sie nicht als "Dogmen", sondern als "Axiome", wie z.B. das Axiom von der "Erhaltung der Energie und der Substanz". Diese haben aber genau die gleiche Funktion wie Dogmen: Sie hindern den individuellen Menschen daran, selbst zu denken, anstatt nur "Meinungen" ungeprüft zu übernehmen und müssen deshalb ebenso wie alles Dogmatische überwunden werden.

 

Im ersten Vortrag von "Die Polarität von Dauer und Entwickelung im Menschenleben" (GA184) sagt hierzu Rudolf Steiner:

 

„Wer in irgendeinem Zeitpunkt in der Menschheitsentwicklung drinnensteht, der kommt zu gewissen Anschauungen. Gewisse Perspektiven dieser Anschauungen sieht er dann nicht; diese sehen die Späteren. . . Auch dasjenige Wissen, das man in der Gegenwart, und sei es auch ein noch so ausgeprägtes, über spirituelle Dinge erwerben kann, es darf nicht aufgefasst werden wie eine Summe von Dogmen. . . Und alles Hemmnis, alles Hindernis des geistigen Fortschrittes der Menschheit beruht schließlich darauf, dass die Menschen nicht zugeben wollen, dass sie gern Wahrheiten überliefert haben möchten, die nicht die Wahrheiten eines bestimmten Zeitalters sind, sondern, die absolute, zeitlose Dogmen sind.“

 

Diese Sätze verstehe ich so, dass es eigentlich schon verstiegen ist, die Existenz von Wahrheit leugnen zu wollen, denn, wer Wahrheit leugnet, verabsolutiert auch nur den eigenen Skeptizismus als eine absolute Wahrheit. Und die Meinung: Es könnte alles auch ganz anders sein, kann man erst vertreten, wenn man dafür eine Stütze findet. Mit anderen Worten: Wer selber keine Ideen hat, der soll einfach die Klappe halten, bis er welche hat!