Moral und Freiheit


Immanuel Kant sprach einst: „Pflicht! Du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, keine Einschmeichelung bei sich führt, sondern Unterwerfung verlangst. . .“ – worauf ihm Friedrich Schiller antwortete: „Gerne dien´ ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin“.

Und Goethe fügte hinzu: „Pflicht ist, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt“.

 

Moral ist also nicht die Konvention oder Norm, ist nicht die Tyrannei des Verhaltens, sondern kann wie für Schiller und Goethe, so auch für mich, nur der freie Willensimpuls des Menschen sein! Ich übersetze den aus dem Lateinischen stammenden Begriff der »Moral« deshalb mit »Liebe zur Tat«, denn was der Mensch aus Not oder Zwang tut, kann nicht der Moral zugerechnet werden, sondern eben nur dem Zwang oder der Not. Daher auch der Begriff der "Notwehr" für Handlungen, die nur Verbrechen sind, wenn man sie freiwillig ausführt. Die Liebe zur Tat ist also zugleich der Urgrund aller Moral und Freiheit: Niemanden kann man zwingen, jemanden oder etwas zu lieben.

 

An dieser Stelle wird heute vielfach gesagt, die Selbstliebe sei die Voraussetzung aller Nächstenliebe. Das ist nicht falscher oder richtiger, als wenn man sagt: der Zwang ist die Voraussetzung aller Freiheit. Denn die Eigenliebe ist ein biologischer Zwang; Das Tier liebt sich selbst aus seinen Instinkten, Trieben und Begierden, die genetisch festgelegt sind, und der unreflektierte Mensch findet alles prima, was und wie er es macht. Die Nächstenliebe hingegen ist genau das nicht, sondern ein freiwilliger Akt der Menschenzuwendung.

 

Das wird übrigens heute nur selten beachtet: Man glaubt, das Selbstbewusstsein unterscheide den Menschen vom Tier. Doch je genauer man die Tiere beobachtet und experimentell untersucht, desto häufiger stößt man auf Befunde, die zumindest teilweise dem entsprechen, was wir beim Menschen als das Selbstbewusstsein kennen. Haben aber Tiere wirklich Interesse für andere Lebewesen? Erstaunlicherweise ist also nicht das Selbstbewusstsein, sondern das Weltinteresse und die Fähigkeit, aus Liebe zur Tat zu handeln, das verlässlichste Merkmal des Menschen!


Aus anthroposophischer Sicht gibt es daher nicht einfach den Gegensatz, den Dualismus des Guten und und des Bösen. Ja, das Gute existiert überhaupt nicht einmal als ein definiertes Sein oder Tun in der sinnlich-physischen Welt, sondern muss je neu in unserem Denken, Fühlen und Tun gefunden werden! - Deshalb gibt es auch nicht nur ein Böses, sondern stets mehr als ein Böses, da alles Extreme böse ist. Zu irdisch, oder alles Irdische Verachtend: Beides ist Böse! In der Anthroposophie gibt es deshalb zwei Satansgestalten: Die eine trägt den Namen "Luzifer". Er ist der, der im 1. Buch Moses zu Eva sagt:"Willst Du nicht sein wie Gott? - Dann iss doch die Frucht vom Baum der Erkenntnis!" - Luzifer möchte den Menschen ganz von der Erde weg, hinein in die Eitelkeit, Beliebigkeit und Beschränktheit des Egoismus führen! Aber es gibt noch einen zweiten Satan: Er möchte, dass der Mensch seinen Eigensinn ganz aufgibt und sein Wesen mit dem Wesen der Erde verbindet, sich und seinen Eigenwillen ganz in die Zwänge der Naturkreisläufe einfügt und so seinen göttlich-kosmischen Ursprung vergisst. Dieser zweite Satan wird in der Anthroposophie mit "Ahriman" bezeichnet. Dieser Ahriman war es, der in der Wüste den Jesus Christus fragte: Warum machst Du nicht aus Steinen Brot? Dieser zweite Satan ist schwerer zu durchschauen als der erste, denn er lässt viele heutige Menschen in seinem Sinne sprechen, wenn sie sagen: Ich möchte mich selbst verwirklichen! - Denn diese Selbstverwirklichung führt den Menschen ebenso weg von der Menschheit, nur in der dazu entgegengesetzten Richtung, also entgegengesetzt zu der Versuchung Luzifers, der Eva dazu verlockt, so sein zu wollen wie Gott!


Schon in der Schule, wie sie heute gestaltet ist, werden Ahriman und Luzifer zum Handlanger des Bösen: In der Vergabe der Noten (Zensuren) wird die Eitelkeit schon im frühen Kindesalter gefördert. Und in der so genannten Hochbegabten-Förderung werden die Menschen nach ganz äußerlich-physischen Kriterien eingeteilt. Denn: was ist die Hochbegabung zunächst anderes als ein natürliches, also aus dem Reich Ahrimans stammendes Merkmal?


Deshalb werden in der Waldorf - Pädagogik keine Noten, sondern nur ausführliche schriftliche, den einzelnen Schüler in seiner Eigenartigkeit würdigenden Anerkennungen vergeben.

 

Kaum jemand hat meine Moral-Begriffe, - denn es gibt viele Wege des Liebens und des Strebens nach dem Höheren - noch inniger, noch reicher, noch präziser und noch heiterer in Worte gesetzt als Johann Wolfgang von Goethe:

 

Vermächtnis

 

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!

 

Das Ewge regt sich fort in allen,

 

Am Sein erhalte dich beglückt!

 

Das Sein ist ewig: denn Gesetze

 

Bewahren die lebendgen Schätze,

 

Aus welchen sich das All geschmückt.

 

 

Das Wahre war schon längst gefunden,

 

Hat edle Geisterschaft verbunden;

 

Das alte Wahre, fass es an!

 

Verdank es, Erdensohn, dem Weisen,

 

Der ihr, die Sonne zu umkreisen,

 

Und dem Geschwister wies die Bahn.

 

 

 

Sofort nun wende dich nach innen:

 

Das Zentrum findest du da drinnen,

 

Woran kein Edler zweifeln mag.

 

Wirst keine Regel da vermissen:

 

Denn das selbständige Gewissen

 

Ist Sonne deinem Sittentag.

 

 

 

Den Sinnen hast du dann zu trauen,

 

Kein Falsches lassen sie dich schauen,

 

Wenn dein Verstand dich wach erhält.

 

Mit frischem Blick bemerke freudig

 

Und wandle sicher wie geschmeidig,

 

Durch Auen reichbegabter Welt.

 

 

 

Genieße mäßig Füll und Segen;

 

Vernunft sei überall zugegen,

 

Wo Leben sich des Lebens freut.

 

Dann ist Vergangenheit beständig,

 

Das Künftige voraus lebendig

 

Der Augenblick ist Ewigkeit.

 

 

 

Und war es endlich dir gelungen,

 

Und bist du vom Gefühl durchdrungen:

 

Was fruchtbar ist, allein ist wahr –

 

Du prüfst das allgemeine Walten,

 

Es wird nach seiner Weise schalten,

 

Geselle dich zur kleinsten Schar.

 

 

 

Und wie von alters her, im stillen,

 

Ein Liebewerk nach eignem Willen

 

Der Philosoph, der Dichter schuf,

 

So wirst du schönste Gunst erzielen:

 

Denn edlen Seelen vorzufühlen

 

Ist wünschenswertester Beruf.

 

* * *

 

An dieser Stelle könnte man fragen: Schön und Gut. Aber wie erreicht man diese Ideale? - Meine Antwort ist: Durch Nachahmung und Vorbild! – Ist das nicht ein Widerspruch zur Freiheit? – Ich meine: nicht unbedingt. Es kommt nämlich darauf an, ob wir von Menschen umgeben sind, die uns wirklich dieses Vorbild sein können. Dies scheint mir die Aussage der letzten Zeile des "Vermächtnis" des Johann Wolfgang von Goethe:

 

"Edlen Seelen vorzufühlen, ist wünschenswertester Beruf" - Goethe hat ganz offensichtlich den Beruf des Erziehers,- ob als Vater, Mutter, oder Lehrer -, im Sinn, als er dies schreibt. Für mich hört es sich sogar so an, als habe er jeden reifen Menschen gemeint.

 

Der Gedanke Goethes, dass der Philosoph, der Dichter, durch seine Liebewerke auf das Gefühlsleben seiner Mitwelt wirkt, wurde von Rudolf Steiner folgendermaßen weitergeführt: „Das verehrende Anschauen und sich Hingeben im Kindesalter wird zur Macht des Segnens im späteren Lebensalter.“

 

Wie das? - Meine Antwort: Normalerweise hat man ja nur noch sehr wenig Einfluss auf ganz junge Menschen, wenn man selbst zum Greis geworden ist. Ganz anders liegt der Fall aber, wenn man in der Jugend das verehrende Anschauen gelernt hat. Dann hat man im hohen Alter die Kraft des Segnens.

 

Ich selbst habe dieses "Gesetz" am eigenen Leibe erfahren: Als ich etwa 6 Jahre alt war, trat ein uralter, sehr gütiger jüdischer Herr herbei, der Besitzer des Internats, in dem ich lebte, nahm meine Hand, führte sie über ein Pflänzchen, das aus einer Mauer-Ritze hervorwuchs und sagte zu mir: "Diese kleinen Wesen sollst du für den Rest deines Lebens immer beschützen!" - Heute weiß ich, dass er mich damals gesegnet hat.

 

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