ADHS

In mancher Hinsicht ist es ein Unding, ADS und ADHS in einem Atemzug zu nennen, denn die beiden Störungen zeigen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten.

 

ADHS-Kinder sind vor allem auffällig durch ihre motorische Überaktivität, gedankliche Fahrigkeit und den starken Drang, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

 

Das letztere, also der Drang, im Mittelpunkt zu stehen, wird zumeist nicht erwähnt, ist aber zu unterscheiden von dem Phänomen, das gemeinhin unter "Aufmerksamkeitsdefizit" verstanden wird: die Unfähigkeit, oder Schwäche, sich über längere Zeit auf eine einzige Sache zu konzentrieren.

 

Die Konzentrationsschwäche ist sogar bei den meisten Kindern vorhanden und kann nur durch die Kreativität des Lehrers überwunden werden.

 

Aber das krankhafte Bedürfnis, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, ist deshalb zu unterscheiden von der Konzentrationsschwäche, weil diese eigentlich sehr harmoniebedürftigen Kinder nur eine scheinbare Aggressivität entwickeln. Diese scheinbare Aggressivität dient aber nicht der Befriedigung eines Aggressionsbedürfnisses, sondern verfolgt einzig allein den Zweck, mehr Aufmerksamkeit zu erheischen. Es ist also sehr wichtig, dies zu wissen, weil sonst gravierende Fehleinschätzungen unvermeidlich sind.

 

ADHS kann schon im ersten Lebensjahr manifest werden, tritt am häufigsten um die Mitte der Kindheit auf, bleibt aber bei manchen Menschen lebenslang wirksam. Bei anderen kann die Störung spontan abklingen, aber ebenso kann sie in den späteren Jahren in ihr Gegenteil, in eine Depression umschlagen. 

 

Aus anthroposophischer Sicht besteht das Problem darin, dass ein Ungleichgewicht zwischen der Aktivität des Gehirns und der Gliedmaßen besteht: In der normalen Entwicklung bremst das Gehirn die Gliedmaßenaktivität dadurch, dass sich beim heranwachsenden Kind  zunehmend die Vernunft zwischen Wahrnehmung und Handeln einschaltet und dadurch als Bremse wirkt. Diese "Bremsfunktion des Gehirns" auf den Willen lässt sich schon sehr früh daran bemerken, dass das Kind normalerweise nicht bloß brüllt, sondern in zunehmendem Maße lernt, sich mit einer gedämpften Stimme mitzuteilen. Dieser bremsende Einfluss der Vernunft ist beim ADHS - Kind zu schwach und muss deshalb gefördert werden.

 

Oberflächlich bessert sich das Problem schon dadurch, dass man Ritalin oder vergleichbare Präparate mit Amphetamin-ähnlicher Wirkung gibt. Ritalin ist wie Amphetamine ein so genanntes Weck-Amin. Als solches verstärkt es die Gehirn-Aktivität und verstärkt damit die "Bremsfunktion des Gehirns" auf das Handeln. Das hört sich erst einmal paradox an, ist aber dennoch wahr: Das ADHS-Kind wird, weil das Gehirn bei ihm im Vergleich zu den Gliedmaßen nicht aktiv genug ist, regelrecht durch das Willensleben seiner Gliedmaßen überwältigt! Und was uns beim ADHS-Kind wie eine Sprunghaftigkeit des Vorstellungslebens erscheint, ist nur eine Täuschung. In Wahrheit versucht das Unterbewusstsein dieses Kindes, im Vorstellen das nachzuvollziehen, was die Gliedmaßen pausenlos vorgeben. Kein Wunder also, wenn das Kind dadurch ruhiger wird, dass man sein Gehirn durch eine Droge antreibt!

 

Doch wie steht es um die Nachhaltigkeit einer solchen Therapie? Erstens habe ich einige ADHS-Kinder erlebt, die als Nebenwirkung des Ritalin psychotische Wahnvorstellungen bekamen, also in schizophrenie-ähnliche Zustände gerieten, die ja auch bei Erwachsenen durch Ritalin bei Überdosierung auftreten können. Aber das Gleichgewicht zwischen Denken und Handeln wird in jedem Fall, also auch dann, wenn keine unerwünschte Wirkungen auftreten, nur ganz äußerlich erzwungen. Der Entwicklungsrückstand des Nervensystems bleibt unverändert, wird nur übertüncht. Deshalb werden in der anthroposophischen Therapie Substanzen verabreicht, die erst dadurch auf das Nervensystem wirken, dass der Organismus sich dagegen wehrt. Dies klingt nicht nur paradox, sondern ist es auch: Indem sich der Organismus gegen die Arzneiwirkungen wehrt, entwickelt er eigenständig die Prozesse, die ihn nachhaltig sein Gleichgewicht finden lassen. In dem Kapitel "Wirkungsweise der Homöopathie" haben wir diesen Zusammenhang ausführlicher erläutert.

 

Auch für den Umgang mit ADHS-Kindern folgen praktische Maßnahmen aus dem anthroposophischen Krankheitsverständnis. Zum Beispiel ist es wenig sinnvoll, das Kind zu ermahnen, zu reglementieren oder gar anzubrüllen. Im Gegenteil: Man sollte betont leise oder sogar flüsternd mit dem Kind sprechen. Außerdem sollte man es loben für das, was es schon kann, und sogar auffordern, seine Fähigkeiten vorzuführen. Alles das, also das Flüstern genauso wie das Loben und Auffordern, wirkt nämlich "bremsend" auf das Kind, mag dies noch so unerwartet scheinen. Das Flüstern fördert die Schärfung der Aufmerksamkeit des Kindes, regt also das Gehirn und die Sinnesaktivität, insbesondere des Gehörs für die Umgebung. Das Loben verstärkt hingegen das Selbstbewusstsein. Das letztere ist wörtlich zu nehmen, denn das Selbstbewusstsein wirkt verlangsamend auf die Gliedmaßen. Das wird besonders deutlich, wenn man z.B. einen Klavierspieler so anspricht, dass er sich selbst beim Klavierspielen beobachtet: Sein Klavierspiel wird dadurch verlangsamt, während ein Klaviervirtuose dann am schnellsten spielen kann, wenn er sich selbst dabei völlig vergisst.

 

Wer ADHS-Kinder wirklich aufmerksam beobachtet, der entdeckt, dass der Ausdruck "Aufmerksamkeits-Defizit" doppeldeutig ist. Das ADHS-Kind leidet nämlich - vor der Schulzeit besonders - daran, dass die Erwachsenen ihm nicht genügend Aufmerksamkeit schenken. Daher auch die laute Stimme: Es möchte mehr Aufmerksamkeit haben. Erst später, in der Schulzeit, kommt die Konzentrationsschwäche zusätzlich zum Vorschein. Deshalb wirkt die Aufmerksamkeit der Erwachsenen beruhigend, während alle Versuche, das ADHS-Kind in seine Schranken zu weisen, das Gegenteil bewirken.

 

Deshalb muss auch auf die großen Erfolge der Heileurythmie in der Therapie des ADHS-Syndroms hingewiesen werden. Denn was ist Heileurythmie? - Heileurythmie ist die Umsetzung dessen, was gedanklich und gefühlsmäßig dem Sprechen zugrunde liegt, in eine Gliedmaßentätigkeit. Wieder wird also die "bremsende" Wirkung des Gehirns gestärkt. Deshalb hat sich der Einsatz der Heileurythmie hier ganz besonders bewährt.

 

Das ADS-Syndrom unterscheidet sich vom ADHS-Syndrom nicht nur durch das Fehlen der Hyperaktivität, sondern vor allem auch darin, dass sehr unterschiedliche Störungen zugrunde iegen können. Das macht die Prognose schwieriger. Dennoch ist auch hier ein Versuch mit den anthroposophischen Heilmitteln angebracht

 

Noch eine Bemerkung zu den Ursachen von ADS und ADHS: Viele Eltern fühlen sich gewissermaßen "schuldig" für die Störungen ihres Kindes, zumal von "Experten" auf mögliche Erziehungsfehler hingewiesen wird. Meines Erachtens könnte aber die "Schuld" ganz anders gelagert sein: Inzwischen ist die Zahl der Kinder, die in Deutschland und anderen hochentwickelten Industrieländern durch Kaiserschnitt entbunden werden, auf über 60% gestiegen. Und da es sich zumeist um Verkürzungen der Schwangerschaft handelt, könnten diese sehr wohl zu den Ursachen der starken Zunahme von ADS und ADHS gerechnet werden. Aus der neueren Forschung wird nämlich deutlich, wie wichtig die letzten Wochen der Schwangerschaft für die Entwicklung des Gehirns sind. Die Eltern könnten also in ganz anderer Weise "Schuld" an der zunehmenden Häufigkeit des ADHS-Syndroms haben, indem sie die vorzeitige Kaiserschnitt-Entbindung unterstützen.