ADHS

 

In mancher Hinsicht ist es ein Unding, ADS und ADHS in einem Atemzug zu nennen, denn die beiden Störungen zeigen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten.

 

ADHS-Kinder sind vor allem auffällig durch ihre motorische Überaktivität, gedankliche Fahrigkeit und den starken Drang, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

 

Das letztere, also der Drang, im Mittelpunkt zu stehen, wird zumeist nicht erwähnt, ist aber zu separat zu würdigen gegenüber dem Phänomen, das gemeinhin unter "Aufmerksamkeitsdefizit" verstanden wird: ADHS haben also ein doppeltes Defizit: Äußerlich betrachtet besteht die Unfähigkeit, oder Schwäche, sich über längere Zeit auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Innerlich gesehen fühlen sich diese Kinder aber ebenfalls defizitär, weil ihnen die Aufmerksamkeit und Anerkennung  fehlt, die sie nach ihrem eigenen Empfinden benötigen.

 

Konzentrationsschwäche ist ja im Prinzip bei fast allen Kindern vorhanden, weil es der kindlichen Gemütsverfassung naturgemäß ist, nach allen Seiten hin offen, anregbar und sympathisch gestimmt zu sein. Sie kann nur durch die Geistesgegenwart, persönliche Aufmerksamkeit und Integrität des Lehrers überwunden werden.

 

Aber das alles überstrahlende Bedürfnis des Kindes, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, ist aus anthroposophischer Sicht die innerliche Kehrseite der äußerlichen Konzentrationsschwäche, weil beide die gleiche Ursache haben: Die Seele des ADHS-kranken Kindes ist nicht genügend im eigenen Körper inkarniert, um ganz "bei sich selbst" sein zu können, wenn andere Menschen zugegen sind. ADHS ist also keine Krankheit, sondern eher eine konstitutionelle Schwäche, ein abnormer Zustand, also eine Behinderung! Diese in Wahrheit extrem harmoniebedürftigen Kinder sind also nur scheinbar aggressiv, wenn sie dauernd zu laut sprechen oder dauernd versuchen, irgendwelche gewagten Aktionen zu unternehmen oder anzuzetteln.

 

Ihr expansives Verhalten dient aber nicht der Befriedigung eines egoistischen Aggressionsbedürfnisses, sondern verfolgt einzig und allein den Zweck, genau die Aufmerksamkeit zu erheischen, die es selber nicht geben kann.

 

Es ist also sehr wichtig, dass Erwachsene diesen Zusammenhang innerlich nachzuvollziehen und als eine innere Not (Not=Defizit) des Kindes nachzuempfinden lernen, weil sonst gravierende Fehleinschätzungen und auch pädagogische Fehler unvermeidlich sind: Anstatt das extrem gesteigerte Bedürfnis des in dieser ungewöhnlichen Weise "behinderten" Kindes nach Aufmerksamkeit und Zuwendung zu befriedigen, glauben viel Erwachsene, das Kind gewaltsam  daran erinnern zu müssen, dass es Grenzen einzuhalten habe, obwohl es diese Grenzen innerlich noch gar nicht wahrzunehmen vermag.

 

ADHS kann schon im ersten Lebensjahr manifest werden, tritt am häufigsten um die Mitte der Kindheit auf, bleibt aber bei manchen Menschen lebenslang wirksam. Bei anderen kann die Störung spontan abklingen, aber ebenso kann sie in den späteren Jahren in ihr Gegenteil, in eine Depression umschlagen. 

 

Aus anthroposophischer Sicht besteht das Problem also darin, dass ein Ungleichgewicht zwischen der Aktivität des Gehirns und der Gliedmaßen besteht: In der normalen Entwicklung bremst das Gehirn die Gliedmaßenaktivität dadurch, dass sich beim heranwachsenden Kind  zunehmend die Vernunft mäßigend zwischen Wahrnehmung und Handeln einschaltet und dadurch als Bremse wirkt:

 

Genieße mäßig Füll und Segen,

Vernunft sei stets zugegen,

Wo Leben sich des Lebens freut.

Dann wird Vergangenheit beständig,

Die Zukunft im voraus lebendig,

Der Augenblick wird Ewigkeit!

(J.W.v-Goethe)

 

Die gesunde "Bremsfunktion der Vernunft" auf den Willen lässt sich bei schon sehr früh daran bemerken, dass gesunde Kinder normalerweise nicht bloß brüllen, sondern in zunehmendem Maße lernen, sich selbst zuzuhören und mit situationsgemäßer Lautstärke mitzuteilen. Dieser bremsende Einfluss der Vernunft ist beim ADHS - Kind zu schwach und muss deshalb therapeutisch gefördert werden.

 

Oberflächlich bessert sich das Problem schon dadurch, dass man Ritalin oder vergleichbare Präparate mit Amphetamin-ähnlicher Wirkung gibt. Ritalin ist wie die Amphetamine ein so genanntes Weck-Amin. Als solches verstärkt es die Gehirn-Aktivität und verstärkt damit die "Bremsfunktion des Intellektes" auf das Handeln. Es hört sich erst einmal paradox an, ist aber dennoch wahr: Das ADHS-Kind wird, weil der Kopf bei ihm im Vergleich zu den Gliedmaßen nicht aktiv genug ist, regelrecht durch das Willensleben seiner Gliedmaßen überwältigt! Und was uns beim ADHS-Kind wie eine Sprunghaftigkeit des Vorstellungslebens erscheint, ist nur eine Täuschung. In Wahrheit versucht das Unterbewusstsein dieses Kindes, im Vorstellen das nachzuvollziehen, was die Gliedmaßen pausenlos vorgeben. Kein Wunder also, wenn das Kind dadurch ruhiger wird, dass man sein Gehirn durch eine Droge antreibt! - Aber in Bezug auf die Selbstheilungskräfte wird damit leider nichts gewonnen. Es gibt aber die therapeutische Möglichkeit, durch entsprechende anthroposophische Organpräparate, die Rudolf Steiner in seinem "Heilpädagogischen Kurs" von 1924 (GA 317) dem Fachpublikum mitgeteilt hat, und durch Heileurythmie sehr spezifisch diesen Kindern zu helfen! 

 

Doch wie steht es um die Nachhaltigkeit einer solchen Therapie? Erstens habe ich einige ADHS-Kinder erlebt, die als Nebenwirkung des Ritalin psychotische Wahnvorstellungen bekamen, also in schizophrenie-ähnliche Zustände gerieten, die ja auch bei Erwachsenen durch Ritalin-Überdosierung auftreten können. Aber das Gleichgewicht zwischen Denken und Handeln wird mit Ritalin in jedem Fall, also auch dann, wenn keine unerwünschte Wirkungen auftreten, nur ganz äußerlich erzwungen. Der Entwicklungsrückstand des Nervensystems bleibt unverändert, wird nur übertüncht. Deshalb werden in der anthroposophischen Therapie Substanzen verabreicht, die erst dadurch auf das Nervensystem wirken, dass der Organismus sich dagegen wehrt. Dies klingt nicht nur paradox, sondern ist es auch: Indem sich der Organismus gegen die Arzneiwirkungen wehrt, entwickelt er eigenständig die Prozesse, die ihn nachhaltig sein Gleichgewicht finden lassen. In dem Kapitel "Wirkungsweise der Homöopathie" haben wir diesen Zusammenhang ausführlicher erläutert.

 

Auch für den Umgang mit ADHS-Kindern folgen praktische Maßnahmen aus dem anthroposophischen Krankheitsverständnis. Zum Beispiel ist es wenig sinnvoll, das Kind zu ermahnen, zu reglementieren oder gar anzubrüllen. Im Gegenteil: Man sollte betont leise oder sogar flüsternd mit dem Kind sprechen. Außerdem sollte man es loben für das, was es schon kann, und sogar auffordern, seine Fähigkeiten vorzuführen. Alles das, also das Flüstern genauso wie das Loben und Auffordern, wirkt nämlich "bremsend" auf das Kind, mag dies noch so unerwartet scheinen. Das Flüstern fördert die Schärfung der Aufmerksamkeit des Kindes, regt also den Intellekt und die Sinnesaktivität, insbesondere des Gehörs für die Umgebung an. Das Loben verstärkt zudem das Selbstbewusstsein. Das letztere ist wörtlich zu nehmen, denn das Selbstbewusstsein wirkt verlangsamend auf die Gliedmaßen. Das wird besonders deutlich, wenn man z.B. einen Klavierspieler so anspricht, dass er anfängt, sich selbst beim Klavierspielen zu beobachten: Sein Klavierspiel wird dadurch verlangsamt, wohingegen ein Klaviervirtuose dann am schnellsten spielen kann, wenn er sich selbst dabei völlig vergisst.

 

Wer ADHS-Kinder wirklich aufmerksam beobachtet, der entdeckt, dass der Ausdruck "Aufmerksamkeits-Defizit" doppeldeutig ist. Das ADHS-Kind leidet nämlich - vor der Schulzeit besonders - daran, dass die Erwachsenen ihm nicht genügend Aufmerksamkeit schenken. Daher auch die laute Stimme: Es möchte mehr Aufmerksamkeit haben. Erst später, in der Schulzeit, kommt die Konzentrationsschwäche zusätzlich zum Vorschein. Deshalb wirkt die Aufmerksamkeit der Erwachsenen beruhigend, während alle Versuche, das ADHS-Kind in seine Schranken zu weisen, das Gegenteil bewirken.

 

Deshalb muss auch auf die großen Erfolge der Heileurythmie in der Therapie des ADHS-Syndroms hingewiesen werden. Denn was ist Heileurythmie? - Heileurythmie ist die Umsetzung dessen, was gedanklich und gefühlsmäßig dem Sprechen zugrunde liegt, in eine Gliedmaßentätigkeit. Wieder wird also die "bremsende" Wirkung des Gehirns gestärkt. Deshalb hat sich der Einsatz der Heileurythmie hier ganz besonders bewährt.

 

Das ADS-Syndrom unterscheidet sich vom ADHS-Syndrom nicht nur durch das Fehlen der Hyperaktivität, sondern vor allem auch darin, dass sehr unterschiedliche Störungen zugrunde iegen können. Das macht die Prognose schwieriger. Dennoch ist auch hier ein Versuch mit den anthroposophischen Heilmitteln angebracht.

 

Noch eine Bemerkung zu den Ursachen von ADS und ADHS: Viele Eltern fühlen sich gewissermaßen "schuldig" für die Störungen ihres Kindes, zumal von "Experten" auf mögliche Erziehungsfehler hingewiesen wird. Meines Erachtens könnte aber die "Schuld" ganz anders gelagert sein: Inzwischen ist die Zahl der Kinder, die in Deutschland und anderen hochentwickelten Industrieländern durch Kaiserschnitt entbunden werden, auf über 60% gestiegen. Und da es sich zumeist um Verkürzungen der Schwangerschaft handelt, könnten diese sehr wohl zu den Ursachen der starken Zunahme von ADS und ADHS gerechnet werden. Aus der neueren Forschung wird nämlich deutlich, wie wichtig die letzten Wochen der Schwangerschaft für die Entwicklung des Zentralnervensystems sind. Die Eltern könnten also in ganz anderer Weise "Mitschuld" an der zunehmenden Häufigkeit des ADHS-Syndroms haben, wenn sie die vorzeitige Kaiserschnitt-Entbindung unterstützen.