Chronisches Müdigkeits-Syndrom (CFS) 


 

Historische Vorbemerkung:

 

Der Begriff des chronischen Müdigkeits-Syndroms, der in den achtziger Jahren das letzten Jahrhunderts aufkam und im Englischen als Chronic-Fatigue-Syndrome (CFS) bezeichnet wird, wurde lange Zeit von der allgemeinen Ärzteschaft abgelehnt, weil er zu unspezifisch, und damit als Begriff der Krankheits-Unterscheidung ungeeignet schien. Denn eines dürfte klar sein: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, führt jede chronische Krankheit zur chronischen Müdigkeit.


Der Streit, der sowohl innerhalb der Ärzteschaft, als auch gegenüber den Heilpraktikern darüber entbrannte, ob man diesen Begriff verwenden soll oder nicht, wurde noch dadurch verkompliziert, dass man unter dem chronischen Müdigkeits-Syndrom bzw Chronic-Fatigue-Syndrome (CFS) nicht etwa die typische Müdigkeit der schon bis dahin bekannten und gut definierten Krankheiten, sondern ein neues, bisher noch unbekanntes Krankheitsbild erfassen wollte.


Eine anthroposophische Auflösung des Begriffes der chronischen Müdigkeit


Warum sollte es nicht möglich sein, dass in unserer heutigen Zeit eine neue Krankheit auftritt, die es noch zu erforschen gilt? Zunächst einmal spricht gegen die Annahme eines einheitlichen neuen Krankheitsprozesses, dass es zumindest zwei Hauptvarianten der chronischen Müdigkeit gibt, die sich in den wesentlichsten Punkten widersprechen. Dies sind die beiden folgenden Syndrome:

 

1. Das sogenannte Fibromyalgie-Syndrom

2. Die chronische Müdigkeit ohne Fibromyalgie

 

Zu 1.: Beide Störungen verlaufen chronisch. Aber beim chronischen Fibromyalgie-Syndrom stehen rheumatoide Schmerzen im Vordergrund, die ihrem Verteilungsmuster nach ziemlich deutlich den Gliederschmerzen entsprechen, die man typischer Weise beim Beginn einer Kopfgrippe empfindet. Und dazu passend treten Fieberzustände auf, die schon durch relativ unbedeutende muskuläre Anstrengungen ausgelöst werden, aber sehr flach verlaufen und nur geringe Temperaturerhöhungen erreichen, d.h. nur wenig über 37,5° C gehen. Aber die Laborbefunde erlauben hier keine Zuordnung der Beschwerden zu einem schon bekannten Krankheitsbild des rheumatischen Formenkreises oder einer Auto-Immun-Krankheit.

 

Zu 2.: Für die chronische Müdigkeit ohne Fibromyalgie sind statt dessen Beschwerden typisch, die eher an den Beginn einer Darmgrippe erinnern. Statt der subfebrilen Temperaturen bei muskulären Anstrengungen, wie sie beim Fibromyalgie-Syndrom zu finden sind, treten hier besonders häufig Schlafstörungen mit Nachtschweiße auf, also Schweiße zu einer Zeit, in der der Körper nicht zur Leistung gefordert wird, sondern zur Ruhe kommen soll, diese aber nicht findet. Hier treten insbesondere die Befunde einer Verdauungsstörung mit ungeformten, unverdauten oder durchfälligen Stühlen hinzu. Diese Verdauungsstörungen sind also nicht spastisch, sondern erscheinen polar dazu atonisch, das heißt so, als seien die Verdauungsprozesse zu wenig aktiv. Zahlreiche Therapeuten und Ärzte fühlen sich hier dazu veranlasst, eine Fehlbesiedlung des Darmes, eine sogenannte Dysbiose des Darmes anzunehmen, und vermuten besonders häufig eine Fehlbesiedlung des Darmes mit Candida albicans, einer krankheitsauslösenden (pathogenen) Hefeart.


Unglücklicherweise ist aber der Begriff einer Fehlbesiedlung des Darmes mit Candida albicans in der inneren Medizin schon anders belegt, nämlich durch die Fälle, die durch primäres Versagen des Immunsystems (z.B. bei AIDS), oder durch therapiebedingte Lahmlegung des Immunsystems (z.B. durch Chemotherapie von Tumorkrankheiten oder nach Organ-Transplantationen) eine massive Fehlbesiedlung des Darmes mit Candida albicans aufweisen. Die dabei beobachteten Candida-albicans-Keimzahlen pro Milliliter Stuhl liegen aber durchschnittlich eine Zehnerpotenz höher als die Keimzahlen bei chronischer Müdigkeit ohne Fibromyalgie. Also hat man auch hier keine Möglichkeit der labormäßigen Krankheitsdefinition. In ihrer Not versuchten die Ärzte und Heilpraktiker, die dennoch eine Fehlbesiedlung des Darmes mit Candida albicans als Grundlage der chronische Müdigkeit ohne Fibromyalgie vermuten, die Normwerte für Darmkeime neu zu definieren. Auf diesem Wege kam man aber zu keiner Einigung, sondern im Gegenteil zum Streit mit der allgemeinen Ärzteschaft in dieser Frage.

 

Wie könnte nun die praktische, das heißt die therapeutisch zielführende Lösung eines solchen Dilemmas auf anthroposophischer Grundlage aussehen? Prinzipiell kann es nicht das Ziel eines anthroposophischen Krankheitsverständnisses sein, eine Krankheit als die Folge einer Infektion des Organismus von außen zu erklären. Denn wenn die Therapie sich an die Selbstheilungskräften des Organismus wenden soll, so muss schon das Krankheitsverständnis aus der Eigendynamik des Organismus entwickelt werden. Aus diesen Gründen wurde absichtlich am Beispiel einer klassischen "Infektionskrankheit", der Lungentuberkulose, im ersten Ärztekurs der anthroposophischen Medizin, den Rudolf Steiner 1920 gab, eine Begrifflichkeit entwickelt, die seither zur Grundlage jeglichen anthroposophischen Krankheitsverständnisses geworden ist.

 

"Neurasthenie" und "Hysterie" als Grundbegriffe anthroposophischer Krankheitserkenntnis

 

Aus anthroposophischer Sicht ist der menschliche Organismus nicht einheitlich, sondern dreigliedrig organisiert: Im Kopf herrschen Prozesse vor, die daraufhin organisiert sind, die Welt und das eigene Seelenleben in Bildern festzuhalten, die in sich glasklar überschaubar sind und dem Seelenleben schließlich sogar als Erinnerungsbilder verfügbar bleiben. Um das leisten zu können, müssen die Sinnesorgane und das Nervensystem sich selbst in ihrer Eigenaktivität ganz zurückhalten, das heißt, die Qualitäten dessen, was sie aus der Aussenwelt entgegennehmen, möglichst objektiv, das heißt möglichst unverändert aufnehmen.

 

Im Verdauungssystem und in den Gliedmaßen herrschen die dazu polar entgegengesetzten Verhältnisse. Alle organischen Prozesse sind hier in der Umwandlung der Substanzen tätig: Im Verdauungstrakt werden fremde Substanzen aktiv zersetzt und ihres Eigencharakters beraubt, bis sie zur Ernährungsgrundlage des eigenen Organismus umgestaltet sind. Und in den Gliedmaßen ergreift die Seele die Muskelsubstanz so, dass die Außenwelt durch aktive Körperbewegung gestaltend verändert werden kann.

 

Während die Prozesse des Kopfes und der Sinnesorgane in hellwacher Seelenverfassung erlebt werden, bleiben sie der Welt gegenüber passiv: Sie machen sich nur Vorstellungs-Bilder, vermögen aber nicht, in die Welt verändernd einzugreifen. Die Stoffwechsel- und Gliedmaßenorgane andererseits vermögen gerade dies letztere, das heißt, sie vermögen aktiv verändernd in die Weltverhältnisse einzugreifen. Aber wie die Seele dabei die Muskelsubstanz ergreift und verändert, das bleibt ihr völlig unbewusst: Sie hat zwar ein klares Bild von dem Teil der Welt, den sie verändern möchte, und auch davon, wie diese Veränderung aussehen soll. Wie sie es aber schafft, die Muskelsubstanz ihren Absichten gefügig zu machen, das verschläft sie völlig.

 

Das Kopf- und das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem des Menschen verhalten sich also in ihren Eigenschaften wie Tag und Nacht, das heißt, so polarisch entgegengesetzt zueinander, als seien sie Teile zweier grundsätzlich verschiedener Wesen. Der menschliche Organismus müsste in diese entgegengesetzten zwei Wesen zerfallen, wären da nicht der Kreislauf und die Atmung als Vermittler. Und gerade an den rhythmischen Bewegungen von Herz und Lunge werden die zu vermittelnden Gegensätze als Bewegungstendenzen erkennbar: Soll der Mensch wach sein, so braucht er den Blutdruck, der durch die Kontraktion des Herzens und der Arterien entsteht. Will er aber die Welt verändern, so müssen die Substanzen des Blutes zirkulieren, indem das Herz seine Klappen öffnet und sich entspannt. Im Rhythmus aus Kontraktion und Entspannung vermittelt also der Kreislauf die jeweils so verschiedenen Bedürfnisse, die aus der Wachheit des Kopfes und der Dynamik der Gliedmaßen resultieren. Und soll der Mensch gesund sein, so müssen die Tendenzen der Kontraktion und der Entspannung einander rhythmisch im Gleichgewicht halten. Anderenfalls, wenn eine der beiden Tendenzen überwiegt, wird der Mensch krank.

 

Genau dies ist nun der Fall bei den beiden geschilderten, einander polar entgegengesetzten Krankheitsbildern der Fibromyalgie einerseits und der chronischen Müdigkeit ohne Fibromyalgie andererseits: Bei der Fibromyalgie dominiert einseitig das Kopfsystem. Die Patienten leiden infolgedessen unter Kopf- und Gliederschmerzen, denn Schmerzen sind nichts anderes als übermäßige Bewusstheit der Organe. Durch diese übermäßige Bewusstheit führt auch jede Muskelbewegung zu fieberhaftem Temperaturanstieg mit sekundärer Erschöpfung. Bei der chronischen Müdigkeit ohne Fibromyalgie macht sich polar dazu das Verdauungssystem auf einseitige Weise zu stark bemerkbar: Die Speisen werden nicht richtig verdaut, der Darm ist übermäßig durch parasitäre Mikroorganismen besiedelt und die Nachtruhe wird durch übermäßige Schweißbildung gestört.

 

Die übermäßige Dominanz des Kopfsystems bezeichnet man in der anthroposophischen Medizin als "Neurasthenie". Sie entsteht, wenn sich die Seele zu sehr verkrampft, anstatt im freien Rhythmus Aktivität und Entspannung zum Ausgleich zu bringen. "Unerklärliche" chronische Gliedmaßenschmerzen und sekundäre Erschöpfung der Kräfte, aber auch die Allergien vom Sofort-Typ sind die Folgen dieses Ungleichgewichtes.

 

Die übermäßige Dominanz des Stoffwechselsystems andererseits wird in der anthroposophischen Medizin als "Hysterie" bezeichnet. Sie entsteht, wenn die Seele sich nicht übermäßig am Oberkörper festhält, sondern polar dazu über den Unterleib "ausfließt". Dann folgt die chronische Müdigkeit nicht als sekundäre Erschöpfung, sondern ist primär schon dadurch gegeben, dass die Seele tagsüber den Leib zu wenig ergreift. Und die nächtlichen Schweiße treten auf, weil die Seele des nachts nicht richtig loslassen kann, was sie tagsüber nicht richtig ergriffen hat. In diesem Zusammenhang treten häufig die Allergien vom verzögerten Typ auf, die als Nahrungsmittel-Allergien häufig zu Kreuzallergien mit den pathogenen Hefearten führen und so eine heftige Krankheitsreaktion zur Folge haben, obwohl die erreichten Keimzahlen weit unterhalb des Begriffes der "Candidose" der Schulmedizin liegen. Dies ist der Punkt, an dem sich Schulmediziner und Heilpraktiker weder gegenseitig, noch selbst verstehen, weil sie diesen Zusammenhang noch nicht kenn.

 

"Neurasthenie" und "Hysterie" werden also in der anthroposophischen Medizin als vom traditionellen Wortgebrauch abweichende, spezifische Bezeichnungen für entgegengesetzte Grundfiguren des Erkrankens gebraucht, die im Entstehungs-Ursprung noch funktioneller Art sind. Deshalb fehlen hier die klar definierten Laborbefunde und anatomischen Veränderungen. Als ursprünglich rein funktionelle Störungen können sie aber chronifizieren oder sich bis zur organischen Deformation weiterentwickeln. Deshalb ist es gut, dass man sich in der anthroposophischen Medizin nicht durch fehlende Laborbefunde und Organ-Deformationen irritieren, sondern statt dessen im lebendigen Erfassen der Krankheitsdynamik bis zur Krankheitserkenntnis und der daraus folgenden therapeutischen Intuition führen lässt.

 

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