PRIVATPRAXIS

 Kontakt:

 Mail:

heinz.brettschneider@t-online.de

 

Mobil +49 170 565 75 90

Festnetz/Fax +49 711 56615205

Schreiberstr. 37, Klingel 8E

70199 Stuttgart

 

Gicht und Rheumatismus aus psychosomatisch-anthroposophischer Perspektive.

HEINRICH BRETTSCHNEIDER
Gicht und Rheumatismus aus psychosomatis
Adobe Acrobat Dokument 191.1 KB

In seinen medizinischen Vorträgen weist Rudolf Steiner immer wieder darauf hin, dass die drohende, bzw. schon weitgehend erfolgte Spaltung der Medizin in je eine rein physikalisch und eine ausschließlich psychisch orientierte Schule nur dadurch aufgehalten und überwunden werden kann, dass man körperliche Krankheiten auf psychische und psychische Krankheiten auf körperliche Ursachen zurückführt und folgerichtig körperliche Krankheiten psychisch und psychische Krankheiten körperlich heilt, wenn nicht die Medizin in zwei völlig getrennte Gebiete zerfallen soll. Was können wir heute zu dieser Frage beitragen?

Beinahe alle Krankheiten, insofern sie Schmerzen und Funktionseinbußen des Bewegungssystems bedingen, werden dem »rheumatischen Formenkreis« zugerechnet. Neben den klassischen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, wie dem akuten rheumatischen Fieber, der akuten Polymyalgie, der chronischen Polyarthritis (cP), die inzwischen als Rheumatoide Arthritis (RA) bezeichnet wird, dem Morbus Bechterew und vielen weiteren sogenannten »Auto-Immunkrankheiten« und »Kollagenosen« (entzündlichen Bindegewebserkrankungen) wie auch den arthritischen Begleiterscheinungen (»Rheumatoiden«) verschiedenster akut-fieberhafter Infektionskrankheiten zählen hierzu auch die sogenannten »degenerativen«, nur phasenweise entzündlichen Gelenkerkrankungen, die im hohen Alter beinahe »normal« sind. Und auch die verschiedenen Formen der »Fibromyalgie« gehören dazu, bei denen die Schmerzen nicht die Gelenke, sondern Bänder, Muskeln und Sehnen betreffen, und deutliche Beziehungen zu den psychiatrischen Störungen des depressiven Formenkreises aufweisen. Schließlich werden aber auch die Gicht, die Begleitarthritiden der Colitis ulcerosa und der Schuppenflechte (Psoriasis-Arthritis) dem rheumatischen Formenkreis zugerechnet.

An dieser Stelle soll nun versucht werden, ein Gesamtbild des »Rheumatismus« aus anthroposophischer Sicht zu entwerfen, das uns ermöglicht, die einzelnen Krankheitsformen als Sonderfälle eines Typus zu begreifen.

Erstes »Urphänomen« des »Rheumatismus« ist der Schmerz, der ausnahmslos alle oben genannten Krankheiten kennzeichnet und überwiegend auf die Bewegungsorgane bezogen wird.

Zweites »Urphänomen« des »Rheumatismus« ist das sogenannte Aschoffsche Knötchen. Es wird auch als »Rheuma-Knötchen« und bei der Gicht als »Tophus« bezeichnet: Darunter versteht man lokale, knotenförmige, schmerzhafte Gewebeverhärtungen, die sich als »Fremdkörperreaktionen« um kristalline Substanzablagerungen bilden.

Im Hinblick auf die beiden genannten »Urphänomene« liegt es nahe, die sogenannte »Gicht« als ein »Urbild« des »Rheumatismus« zu begreifen.

Was ist Gicht? Ursprünglich ist sie als eine Purin-Stoffwechsel-Krankheit definiert, die überwiegend Männer befällt und aus dem Zusammenwirken einer genetischen Veranlagung mit einer krank machenden Lebensführung resultiert, die durch hohen Fleischverzehr gekennzeichnet ist. Als wichtigster genetischer Faktor galt bis vor kurzem die bei Männern generell vorhandene, bei Gicht aber nachweislich stärker verminderte renale Ausscheidung der Harnsäure. Dabei blieb aber stets rätselhaft, wie dies krankheitsrelevant sein soll, wenn doch die Harnsäure-Ausscheidung über den Darm vollkommen ausreicht und auch robust, das heißt praktisch nicht störanfällig ist.

Für den Verlauf der Gicht charakteristisch sind akut-rezidivierende, das heißt schubförmig sich wiederholende Schmerzattacken der peripheren Gelenke. Besonders typisch sind zumeist asymmetrische Schmerzattacken im Bereich der Großzehen-Grundgelenke, die man als »Podagra« bezeichnet. Auch die »Chiragra«, das heißt das ebenfalls zumeist asymmetrische Auftreten von Schmerzattacken im Bereich der Handwurzel, gilt als besonders typisch. Im Prinzip können aber alle Gelenke betroffen sein, teilweise sogar auch nicht-gelenkige Gewebe, wie zum Beispiel die Knorpel der Ohrmuschel. Auch diffuse, gelblich-weiße Gicht-Knoten der Haut kommen vor. Zumeist treten entzündliche Allgemeinsymptome zum akuten Gicht-Anfall hinzu, wie Fieber, Leukozytose und Kopfschmerzen. Und natürlich wohnt der Gicht in der Richtung der Allgemeinsymptome ihre eigentliche Gefährlichkeit inne: Nicht nur, dass sich im Verlauf der Gicht Nierenbeckensteine bilden können, sondern auch das gesamte Nierenparenchym kann diffus mit sich ablagernden Harnsäurekristallen durchsetzt werden, was in leichteren Fällen zum nephrogenen Blutdruckanstieg, in schweren Fällen zum Nierenversagen mit Todesfolge führen kann. Wie im späteren Verlauf dieser Betrachtung noch zu diskutieren ist, wird die Erhöhung der Harnsäure traditionell zu den eigenständigen Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall gerechnet, wodurch sich Beziehungen zu den bedeutendsten Allgemeinerkrankungen unserer Zeit ergeben.

Pathologisch-anatomisch liegen den akuten, arthritischen Schmerzattacken der Gicht, die wir nun näher betrachten, kristalline Harnsäure-Ablagerungen im Bereich der schmerzhaften Gewebe zugrunde. Diese führen heftige entzündliche Reaktionen im Sinne einer Fremdkörper-Reaktion des Immunsystems herbei und werden als »Tophi« bezeichnet. Dabei tritt zuerst eine Proliferation der eingangs als rheumatisches »Urphänomen« bezeichneten knotenförmigen Entzündungsherde auf.

Ein Gichtanfall kann anfangs ein bis zwei Wochen anhalten und geht oft in paradoxer Weise mit einem verminderten Harnsäuregehalt des Blutes einher. Da die Krankheit aber zur Chronifizierung neigt, wiederholen sich die Attacken, deren Länge so zunehmen kann, dass es schließlich keine schmerzfreien Intervalle mehr gibt. Auf diesem Wege kann die chronische Gicht immer mehr Gelenke und nicht-gelenkige Gewebe einbeziehen. Im Röntgenbild zeigen hierbei die spongiösen Knochen um die Gelenke typische Stanzeffekte, die durch die proteolytischen Attacken des Immunsystems hervorgerufen werden und zunächst zur Deformation und schließlich zur völligen Zerstörung der Gelenke führen können.

Wir gehen hier deshalb auf die Gicht so ausführlich ein, weil die anhand der Gicht beschriebenen Krankheitsprozesse und – folgen im Grunde genommen urbildlich für nahezu alle Krankheiten des rheumatischen Formenkreises stehen: Ganz ähnliche Entzündungsherde wie bei der Gicht treten bei der Rheumatoiden Arthritis (RA) und den meisten mit dieser verwandten rheumatischen Erkrankungen im engeren Sinne auf. Diese unterscheiden sich chemisch von den »Tophi« der Gicht insofern, als es sich hier nicht um Harnsäurekristalle, sondern um Eiweißkristallisationen handelt, die durch auto-antigene Immunreaktionen gegen primär körpereigene Eiweiße verursacht werden. Beiden Krankheitsgruppen ist aber dabei gemein, dass die multifokale Kristallbildung körpereigener Substanzen eine Migration von Fresszellen (Makrophagen) anlockt, die sich knötchenförmig anhäufen und örtlich eine vermehrte Kollagenfaserbildung des Bindegewebes anregen. Als sekundäre Reaktion darauf folgt sowohl bei der Gicht als auch bei der rheumatoiden Arthritis eine Kaskade proteolytischer Angriffe des Immunsystems gegen die kristalline Substanz-Ablagerung und Kollagenfaserbildung. Diese proteolytischen Angriffe sind es, die sowohl die Schmerzhaftigkeit als auch die Gelenkzerstörung beider Krankheitsgruppen mit sich bringen und in paradoxer Weise zur Gewebe-Verkalkung führen. Bildet man daraus einen allgemeinen »Rheumatismus«-Begriff, der sowohl die Gicht als auch die rheumatischen Erkrankungen im engeren Sinne umfasst, so ist dieser also durch das Zusammenspiel örtlicher oder multifokaler Substanz-Ablagerungsprozesse vorzugsweise, aber nicht ausschließlich in den gelenknahen Bindegeweben gekennzeichnet, die mit reaktiver Gewebe-Auflösung, also mit dazu entgegengesetzten Prozessen beantwortet werden, aber dennoch gemeinsam zur Gelenkzerstörung und letztlich zum Gestaltverlust des Organismus gerade dort führen, wo sich dieser mit den mechanischen Kräften seiner irdischen Umgebung auseinandersetzt.

Stets beginnt also der »rheumatoide« Krankheitsprozess mit der Kristallisation körpereigener Substanzen, die durch eine Proliferation Aschoffscher Knötchen bzw. Tophi infolge Immigration und Ansiedlung von »Fresszellen« (Makrophagen) und anderer Zellen des Immunsystems sowie durch überschießende Kollagenfaserbildung beantwortet wird. Dies erscheint als eine multifokale, generalisierte, einkapselnde Fremdkörperreaktion noch als ansatzweise biologisch »sinnvoll«. Doch dann folgt aus der dazu entgegengesetzten, proteolytischen Reaktion des zellulären und humoralen Immunsystems keine Beseitigung der Kristallisationsprodukte, keine ausscheidende »Reinigung« des Organismus, sondern ein chaotischer Gewebe- und Gelenkumbau, der die menschliche Gestalt im gleichzeitigen Nebeneinander proteolytischer Zerfallsherde und verkalkender Kollagenwucherungen letztlich zerstört. In dieser Weise sind nahezu alle Krankheiten des rheumatischen Formenkreises mehr oder weniger deutlich durch die chaotische Gleichzeitigkeit ablagernd-einkapselnder und entzündlich-auflösender Prozesse gekennzeichnet.

Vergleicht man die hier beschriebene pathologische Simultaneität antagonistischer Krankheitsprozesse mit dem lebendigen Pendelschlag der Prozesse des Rhythmischen Systems des Menschen, etwa mit dem Pendelschlag der Ein- und Ausatmung innerhalb des Atemrhythmus oder mit dem Wechsel von Systole und Diastole innerhalb des Herz- und Kreislaufsystems, so fällt auf, dass die gesunden Antagonismen sich gegenseitig jeweils voll zur Geltung kommen lassen, ohne sich dabei je zu vermischen. Am deutlichsten ist dies im Atmtungsrhythmus: Man kann nicht gleichzeitig ein- und ausatmen. Wollte man dies auch nur ansatzweise, müsste man ersticken. Und auch die einander entgegengesetzten Phasen des Herzens müssen sich gegenseitig unvermischt abwechseln.

Paradox und pathologisch ist hingegen das Zusammenspiel der »rheumatoiden« Gewebsreaktionen deshalb, weil die antagonistischen Prozesse sich hier gegenseitig überlagern und durchdringen. Es fehlt letztlich an der übergeordneten Gesamtkoordination der jeweils für sich genommen durchaus sinnvoll erscheinenden Teilprozesse.

Das jeweilige Verhältnis der einkapselnd-ablagernden und der auflösend-entzündlichen Prozesse zueinander und deren Zeitverhalten innerhalb des Verlaufes ergibt den besonderen Charakter der speziellen Krankheitsbilder, die wir hier in einer schematischen Übersicht betrachten (siehe Abb. 1).

In die Mitte, ganz an die Basis dieser Übersicht, stellen wir die Gicht als den Prototyp aller rheumatischen Krankheiten. Links davon entfaltet sich die Metamorphose der mehr entzündlich-auflösenden, rechts davon das Spektrum der überwiegend in die Ablagerung und Einkapselung führenden Krankheitsverläufe.

Mit seinen typischen proliferativen Brückenbildungen zwischen den Wirbelkörpern, die bis zur kompletten Deformation und Versteifung der Wirbelsäule führen können, dabei aber die Peripherie des Skelettes unberührt lassen, wirkt der Morbus Bechterew geradezu wie ein Negativ-Bild der Rheumatoiden Arthritis: Die Letztere neigt im Unterschied dazu zu einer Dominanz der entzündlich-auflösenden Prozesse, die sich zumeist in den peripheren Gelenken des Organismus und hier speziell im Bereich der mittleren Fingergelenke zeigen.

Zu diesem Krankheitsspektrum des »rheumatischen Formenkreises«, das nahezu ausschließlich das Knochensystem betrifft, treten die lupoiden, wörtlich übersetzt: die »auffressenden«, hochgradig entzündlichen und fieberhaften, sogenannten Auto-Immunkrankheiten wie der Systemische Lupus Erythematodes (SLE) dadurch hinzu, dass sie nicht nur Gelenke, sondern auch innere Organe wie die Lunge, die Nieren, das Herz und sogar das Zentralnervensystem betreffen können. Dadurch können sie einen sehr dramatischen, manchmal sogar, bei Einbezug des Zentralnervensystems sogar psychiatrischen Verlauf nehmen und relativ rasch auch tödlich enden. Wegen der allgemeinen Beteiligung des Bindegewebes fasst man diese besondere Krankheitsgruppe innerhalb des rheumatischen Formenkreises als die »Kollagenosen« zusammen.

Hingegen zeigt die Rheumatoide Arthritis, als die vielleicht ausdrucksstärkste und auch häufigste Krankheit des rheumatischen Formenkreises eine »ausgewogenere« Proportion der genannten, so gegensätzlich erscheinenden ablagernden und auflösenden Krankheitsprozesse, die einen jahrzehntelangen Verlauf nehmen und schließlich sogar »ausbrennen«, das heißt zum Stillstand mit schmerzfrei endender Deformation der Gelenke führen können. Das sogenannte Still-Syndrom, die hoch fieberhafte systemische Arthritis des Kindesalters, erscheint wie eine verfrühte, hochentzündliche Metamorphose der RA, und polar dazu stellen wir die ebenfalls systemische Polyarthrose des hohen Alters ans rechte Ende unseres Spektrums. Die Polyarthrose wird zwar von den Fachleuten kaum je als unmittelbare »Verwandte« der RA gesehen, verläuft aber immerhin auch schubförmig, indem»floride«, das heißt entzündlich-schmerzhafte Phasen den ansonsten nahezu ausschließlich einkapselnd-ablagernden, hochchronischen Deformationsprozess periodisch unterbrechen.

Natürlich kann man eine so schwere Krankheit wie die RA nicht wirklich als »ausgewogen« bezeichnen. Aber neben der Gicht gehört sie zu den rheumatischen Krankheiten, die das Urbild dieses Formenkreises, auf das wir unser Krankheitsverständnis und Therapiekonzept aufbauen wollen, so vollständig vorführt, dass wir schon jetzt zu verstehen beginnen, warum Rudolf Steiner in seinen Vorträgen stets auf »Gicht und Rheumatismus« – und zwar in dieser Reihenfolge – gemeinsam zu sprechen kommt. Angesichts der hier urbildlich gegebenen Vergleichbarkeit der Krankheitsprozesse von »Gicht und Rheumatismus« scheint der sonst so wesentlich erscheinende Unterschied vergleichsweise nebensächlich, der darin besteht, dass bei Gicht in erster Linie Harnsäure, also das Abbauprodukt der Purinbasen des Zellkernes auskristallisiert, wohingegen bei der RA und bei der überwiegenden Mehrzahl der rheumatischen Krankheiten sogenannte Antigen-Antikörper-Komplexe, also Konglomerate aus Plasmaeiweißen abgelagert werden und so den ersten Anstoß zu Fremdkörperreaktionen geben. In dieses Substanzspektrum aus Zellkernsubstanzen und Plasmaeiweißen ordnen sich die lupoiden Auto-Immunkrankheiten wie der Systemische Lupus Erythematodes insofern vermittelnd ein, als es sich hier um antinukleäre, also gegen Zellkernsubstanzen gerichtete Auto-Antikörper und deren Konglomerate, also um geronnene Zellkern-Eiweiß-Komplexe handelt.

Wie lässt sich diese Begriffsverknüpfung von »Gicht und Rheumatismus« noch tiefer anhand naturwissenschaftlich-empirischer Tatsachen begründen, und wie steht es um Befunde, die für psychosomatische Ursachen sprechen?

Zwar steht schon seit langem die Aspiration von Flüssigkeit aus Gicht-Tophi oder Gelenken und deren konsequente Analyse auf Uratkristalle für die Diagnose der Gicht zur Verfügung, doch seitdem man durch Magnetresonanztomographie (MRT) Harnsäurekristalle direkt und nicht-invasiv darstellen kann, hat sich der gesamte Ausblick auf das Spektrum der rheumatischen Krankheiten verändert: Schon immer erschien es den Klinikern als ein Wunder, dass viele Patienten selbst bei Serum-Harnsäure-Werten von über 9,0 mg/dl keine Gicht-Attacke hatten. Manche Kohorten-Studien ergaben sogar eine Gicht-Inzidenz von nur 22% bei Patienten mit einer Hyperurikämie über 9,0 mg/dl (Neogi 2011). Nun aber, seitdem Harnsäure-Kristalle nicht invasiv, sondern direkt per MRT in Gelenken und sonstigen betroffenen Geweben nachweisbar sind, häufen sich auch Gicht-Diagnosen in der Gegenrichtung, denn man findet nun auch Harnsäure-Kristalle als Ursache der Schmerzen und der Arthritis bei Serum-Harnsäure-Werten von weniger als 3,5 mg/dl. Mit anderen Worten: Man kann auch Gicht haben bei Harnsäurewerten, die unter der bisherigen Normgrenze für Gesunde liegen. Diese Untergrenzen hatte man überhaupt nur aufgestellt, weil man glaubte, dass ein gewisser Harnsäure-Spiegel im Serum gesundheits-erforderlich ist. Spätestens jetzt ist es also an der Zeit, die bisherigen Vorstellungen neu zu überdenken, denn alle Befunde laufen darauf hinaus, dass Hyperurikämie weder eine notwendige, noch eine hinreichende Ursache der Gicht ist.

Schon bisher bestand für die gesamte Rheumatologie die typische Situation, dass mehr als 40%, also beinahe die Hälfte aller Patienten mit Rheumatoider Arthritis, seronegativ sind. Sie wurden ohne den Nachweis spezifischer Laborbefunde dennoch dieser Krankheitsgruppe zugeordnet, rein aufgrund des klinischen Bildes: Die Rheumatoide Arthritis tritt typischerweise symmetrisch, das heißt als »Polyarthritis« unter Beteiligung vieler, peripherer, zumeist kleiner Gelenke in Erscheinung. Die klassische Gicht beginnt hingegen typischerweise »monoarthritisch«, das heißt sehr häufig asymmetrisch. Deshalb hat die »American Rheumatism Association (ARA)« die klinischen Symptome, das heißt die Zahl und Verteilung der betroffenen Gelenke insbesondere für die Anfangs-Diagnose der RA in den Vordergrund gerückt. Dennoch stellt sich heute angesichts der Verfügbarkeit der bildschaffenden Methoden der Radiologie die Frage, wieviele Patienten, denen bisher die Diagnose einer seronegativen RA zugeteilt wurde, in Wahrheit eine Gicht haben (persönliche Mitteilung durch Prof. Martin Fleck, Universitätsklinikum Regensburg, auf dem 51. Bayrischen Internistenkongress in München, Oktober 2012).

Auch die Vorstellungen darüber, wodurch die Krankheitsprozesse der Gicht manifest werden, müssen den neueren Erkenntnissen angepasst werden. Diesen zufolge kommt nicht mehr dem Serum-Harnsäure-Spiegel, sondern wie bei der RA und allen anderen rheumatischen Krankheiten den Transmitter-Kaskaden des Immunsystems, den Reaktionsketten aus NLRP3, Interleukin-1ß, verschiedensten weiteren inflammatorischen Cytokinen wie TNF-alpha, Interleukin-1  und 8, Leukotrienen und Alarminen die größte Bedeutung zu (Prof. Martin Fleck, persönliche Mitteilung).

Stärker als bisher kommt damit das weite Feld der möglichen psychischen Einflüsse in Betracht, die von chronischen Existenz-Sorgen, intellektueller Überforderung und Kummer bis hin zu Schlafstörungen reichen. Diese können einerseits als Folge psychischer Ursachen auftreten, andererseits aber als körperliche Zustände in die allgemeinen Rahmenbedingungen zurückfließen und damit einen Teufelskreis bilden. Dieser Letztere macht überhaupt erst plausibel, warum sich im Einzelfall die Hyperurikämie als überraschend harmlos erweist, während sie statistisch nur so lange als ein erhöhtes Risiko für Übergewicht, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Typ-2-Diabetes und Schlaganfall gelten kann, als nicht individuell geklärt ist, welche zusätzlichen, zum Beispiel psychische Faktoren ausschlaggebend sind.

An dieser Stelle muss deshalb auch auf die großen Studien hingewiesen werden, die gezeigt haben, dass es vorschnell war, nicht nur die Hyperurikämie, sondern auch Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Schlaf-Apnoe als jeweils selbständige Risikofaktoren für die Mortalität anzusehen. Zwar gilt auch weiterhin, dass Übergewicht ein höheres Mortalitätsrisiko darstellt. Aber dieses Risiko ist nicht selbständig, sondern offenbar mit weiteren, noch unbekannten Faktoren korreliert. So musste im Oktober letzten Jahres eine der ambitioniertesten Studien überhaupt, die »Look-Ahead-Studie« des National Institute for Health, die über 11 Jahre an insgesamt 5145 Übergewichtigen und Adipösen durchgeführt wurde, wegen Erfolglosigkeit abgebrochen werden: Zwar konnte durch 5%ige Gewichtsabnahme im Vergleich zur Kontrollgruppe eine bessere allgemeine Beweglichkeit und eine Abnahme der Schlaf-Apnoe (die bisher ebenfalls als ein unabhängiger Risiko-Faktor für den Herzinfarkt galt) erreicht werden, aber die Mortalität ließ sich durch dieses Verfahren um nicht einen Tag verbessern (NIH News, 19.10.2012).

Um das Erkenntnis-Problem zu verdeutlichen, das sich ergibt, sobald man psychische Faktoren dort als krankheitsbestimmend einbezieht, wo bisher nur Stoffwechsel-Daten relevant zu sein schienen, kann an dieser Stelle auf die noch relativ neue Entdeckung des »Gewichts-Paradoxon« (Doehner & al. 2004, Pischon & al. 2008, Kim & al. 2011, Flegal & al. 2013, Peters 2013) und auf den vielversprechenden Einfluss einer »achtsamkeitsbasierten kognitiven Verhaltenstherapie«  bei Myokard-Reinfarkten (Orth-Gomer & al. 2009, Gulliksson & al. 2011) hingewiesen werden. Damit hat sich der Blick auf den Zusammenhang zahlreicher Krankheits-Risiken mit dem Phänomen des Übergewichtes und seiner metabolischen Begleiterscheinungen notwendigerweise in der Richtung zusätzlicher, offenbar als Co-Faktoren unerlässlicher psychosomatischer Krankheitsmerkmale erweitert. Auch musste vorläufig noch offen gelassen werden, wo und wie in der Krankheitsbiographie diese psychosomatischen Co-Faktoren entstehen. Dies schien zunächst für das Thema Rheumatismus nicht relevant, bis neuerlich auch bei Rheumatoider Arthritis signifikante Erfolge mit einer kognitiven Stressbewältigungstherapie erzielt wurden (De Brouwer & al. 2011).

In seinen anthroposophischen Vorträgen maß Rudolf Steiner allerdings schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, also schon beinahe 100 Jahre zuvor, der Persönlichkeit des Erziehers, seien dies die Eltern oder die Lehrer und deren psychosomatische Wirkung auf die Gesundheit des Kindes, eine überragende Bedeutung für die Entstehung und den Verlauf chronischer Krankheiten bei Erwachsenen, insbesondere für Diabetes, Gicht und Rheumatismus zu (Steiner 1924). Als stärkste Quelle dieser Wirkung kommt dabei aus anthroposophischer Sicht vornehmlich das Naturell bzw. Temperament der Erzieherpersönlichkeit in Betracht.

         Was ist das Temperament? Das Temperament ist eine Schicht der Persönlichkeit, die der leiblichen Konstitution noch sehr nahe steht, eigentlich mehr oder weniger ein Teil derselben ist und daher nur schwer bewusst zu machen und noch schwerer zu beeinflussen bzw. in die Selbstzucht zu nehmen ist.

         Wie gut scheint uns doch der gute, »alte Heinrich« im Märchen vom Froschkönig, der physische Leib, das unterste unserer Wesensglieder, durch seine Gestalt und Größe, sein Gewicht und seine mechanischen Eigenschaften vertraut zu sein: Wir ignorieren ihn nahezu völlig beim Bewältigen unserer Lebensaufgaben tags, wenn alles wie von selbst zu gehen scheint. Aber überdeutlich wird uns seine Präsenz, wenn wir ermüden, und geradezu lästig, wenn wir sein Gewicht in der Erschöpfung verspüren und uns den geeigneten Schlafplatz in möglichst horizontaler, weicher und warmer Position ersehnen. Doch was danach geschieht, wenn wir, dem Schlafe hingegeben, nicht nur die Mühsal und den Graus des Tages vergessen, sondern auch deren leiblichen Folgen sich ohne unser bewusstes Zutun allmählich entkrampfen und in neue Fähigkeiten und Stärken verwandeln, das alles verschlafen wir. Diese innere, heilsame Tätigkeit des Körpers, die uns im Schlaf nicht unmittelbar, aber nachträglich an seiner Wirkung erkennbar ist, bezeichnet die Anthroposophie als den Lebens- oder Ätherleib des Menschen. Der Lebensleib verleiht dem physischen Leib jene organismusspezifische Prozessordnung, aus der sich auch die Gestalt des Menschen biographisch entwickelt. Sein Kräftesystem offenbart sich aber nicht typischerweise räumlich, sondern in der »Zeitgestalt« des Leibes, wenn es denn erlaubt sein sollte, einen so paradoxen Begriff zu bilden. Der Lebensleib ist insofern das Wesensglied, von dessen Existenz wir die relativ geringste Wahrnehmung überhaupt haben.

         Es gehört zu den bedeutendsten Forschungsergebnissen der Anthroposophie, dass sich die Wirkungen der übrigen Wesensglieder im Spiegel dieses Kräftesystems, des Lebens- oder Ätherleibes, als die charakteristischen Eigenschaften der Temperamente des Menschen offenbaren: So bildet sich im Bewusstsein, wenn der Lebensleib der Wirksamkeit des physischen unterliegt, die ganze Schwere, Machtlosigkeit und abgründige Gemütstiefe des melancholischen Temperamentes ab.

         Das phlegmatische Temperament hingegen ist vor allem gekennzeichnet durch seine weisheitsvolle, leidenschaftslose Ruhe und Geduld. Diese genießt nichts mehr als die Selbstgenügsamkeit einer ewig vor sich hinrollenden inneren Aktivität, die keinem anderen, ihm wesensfremden Einfluss ausgesetzt ist. Das phlegmatische Temperament ist insofern nichts weiter als die Wirksamkeit des Ätherleibes in sich selbst, auf seinem eigenen Terrain.

         Auch wenn wir am helllichten Tage von der Sonnenwärme über die Stirn, den Rücken und die Brust in den Schweiß getrieben werden und dessen Verdunstungskühle genau dem Erhitzungsmaß entspricht, dann ist dies wiederum eine der vielen, den fließenden Ausgleich aller Prozesse des Organismus regulierenden Funktionen des Lebensleibes. Zu ihr können wir schon deshalb keinen bewussten Beitrag liefern, weil unsere persönliche Weisheit niemals dazu hinreichend wäre.

         Kältezittern und die Produktion von Angstschweiß in prekären Situationen gehören hingegen schon zu den Tätigkeiten unseres hoch empfindlichen, im fühlend wahrnehmenden Austausch mit der Umgebung stehenden Empfindungs- oder Astralleibes, den wir mit den Tieren gemein haben. Er liegt, wie der Name schon sagt, der Empfindungsfähigkeit, aber auch dem Bewegungsdrang bei Tier und Mensch zugrunde. Im Tiefschlaf ist er weitgehend ausgeschaltet, während er tagsüber nahezu alle Ausscheidungen des Organismus betreibt. Schon die Atmung unterscheidet bekanntlich die Tiere und den Menschen radikal von der Pflanzenwelt: Pflanzen atmen Kohlensäure ein und Sauerstoff aus, wohingegen Tier und Mensch dazu reziprok den Sauerstoff ein- und die Kohlensäure ausatmen. Doch zu den weiteren Ausscheidungen, zum Beispiel zur Tränen-, Speichel-, Harn- und Stuhlabsonderung der Tiere und des Menschen gibt es im Pflanzenreich kaum eine Entsprechung, denn die Absonderung des Stoffwechsels nach außen ist für die Empfindungs- und Eigenbewegungsfähigkeit der Tiere und des Menschen ebenso spezifisch, wie der photosynthetische Substanzaufbau für die innere Lebenstätigkeit der Pflanzen essenziell ist. Der Empfindungs- oder Astralleib ist also ein Wesensglied bei Tier und Mensch, das polar zum aufbauenden Lebensleib ausschließlich abbauend tätig ist, und dieser Abbau ermöglicht erst die Empfindungs- und Eigenbeweglichkeit der Tiere und des Menschen.

         Bildet sich die Sinnesoffenheit, Beweglichkeit und Lernbereitschaft der Empfindungsorganisation im Lebensleib ab, so entstehen daraus die so überaus variablen Eigenschaften des sanguinischen Temperamentes.

         Der Mensch trägt darüber hinaus ein weiteres Wesensglied in sich, das seinerseits nun auch den Astralleib noch abbaut. Dieses vierte Wesensglied nennt man in der Anthroposophie die Ich-Organisation des Menschen, weil diese nicht nur der Empfindungsorganisation übergeordnet ist, sondern aus deren Abbau das Selbstbewusstsein entwickelt. Dies bedingt nicht bloß ein Mehr an Bewusstsein, sondern fokussiert die Vielfalt der Bewusstseinsinhalte auf einen einzigen Punkt, auf das mit keinem anderen vergleichbare Erlebnis des Selbst. Das Selbstbewusstsein ist eigentlich kein kognitiver Inhalt, sondern nur eine zusätzliche Wahrnehmungs-Perspektive. Es befähigt uns aber, dem eigenen Selbst, wie einem fremden Wesen gegenüberzutreten. So stellen wir aus dieser Selbstbewusstheit Fragen an das eigene Dasein und die Welt, setzen uns eigene Ziele und Grenzen und entwickeln darüber hinaus sogar Interesse und Mitgefühl für andere Wesen.

         Diese Steigerung der seelischen und geistigen Möglichkeiten des Menschen durch die Ich-Organisation drückt sich im Lebensleib als die Eigenschaften des cholerischen Temperamentes aus, das den Menschen gleichermaßen zu zielstrebiger, vernünftiger und selbstloser, wie andererseits auch zu anmaßender, und dadurch zerstörerischer Tatkraft befähigt.

         Indem jeder Mensch diese vier Wesensglieder besitzt, trägt er auch alle vier Temperamente in sich und ist auch durch sie erst ganz Mensch. Aber die soziale Betätigung des Menschen verlangt, dass er alle vier Temperamente möglichst gleichmäßig ausbildet. Denn in der Kindeserziehung hat das Versagen dieser Anforderung nicht nur soziale Konsequenzen für den Erzieher, sondern auch gesundheitliche Folgen für den Zögling. Das liegt daran, dass der Organismus des Zöglings die Temperamentsäußerungen seines Erziehers mit einer inneren Gesetzmäßigkeit, einer ihm unbewusst bleibenden Gegenbewegung beantwortet, die im Verlauf der Jugend habituell und damit im späteren Leben zur Krankheitsursache werden kann.

         Ist zum Beispiel der Lehrer überwiegend sanguinisch, so ist dies zunächst für alle Beteiligten erquicklich. Agiert er aber zu sprunghaft und huscht er zu rasch von Eindruck zu Eindruck, ohne Zeit für profundes Interesse, so entwickelt der Schüler im späteren Leben aus einer unbewussten inneren Gegenbewegung dazu die Neigung zu Lebensüberdruss und Interessemangel, mit anderen Worten: zu einer apathischen, resignativen oder gar depressiven Gemütsverfassung.

         Ist der Lehrer phlegmatisch, so kann dies dem Zögling hilfreiche Geduld, Sicherheit und Geborgenheit bedeuten. Allzu phlegmatisches Ausdehnen der Gesprächspausen, schleppende Sprache und Neigung zur Wiederholung aus selbstzufriedener Bequemlichkeit erzeugt aber in der Gegenreaktion des Kindes innere Unruhe und Kribbeligkeit und kann zur habituellen Nervenschwäche, also zum konstitutionellen Gegenteil des in sich ruhenden Phlegmatikers, führen.

         Ein melancholischer Lehrer kann seinen Schülern viel an Gefühlstiefe und gedanklicher Gründlichkeit geben. Artet dies aber aus in Wehleidigkeit, autistische Verschlossenheit oder Pessimismus, so kann dies den Zögling zu funktionellen Herzkrankheiten, insbesondere zu Herzrhythmusstörungen prädisponiert machen.

         Schließlich kommen wir auch zur Besprechung der Wirkung des cholerischen Temperamentes auf den Schüler. Zwar können Tatkraft, Initiative und leidenschaftlicher Einsatz für Gerechtigkeit als die konstitutionellen Merkmale des Cholerikers moralische Ideale als sehr authentisch erscheinen lassen und so auf den Schüler sehr motivierend wirken. Wer jedoch schon einmal an sich selbst beobachtet hat, wie im cholerischen Anfall die Körperhitze zum Kopfe drängt und wie der ganze Körper dabei im Zorn durchglüht wird, der kann auch ahnen, welche gesundheitliche Folgen unbeherrschte Cholerik für den Zögling haben kann, wenn sich die Ich-Organisation des Kindes reflektorisch im Schreck aus den Gliedmaßen zurückzieht. Insofern stellt die ungezügelte Kraftäußerung des cholerischen Temperamentes die überhaupt größte Gesundheitsgefährdung dar, die das einseitige Wirken eines Lehrertemperamentes in der Pädagogik mit sich bringen kann. Und genau dies fördert im späteren Leben des Zöglings die hier thematisierte Krankheitsneigung, die für Gicht und Rheumatismus konstitutiv ist. Denn sie besteht ja gerade darin, dass sich die Ich-Organisation des Rheumatikers namentlich in der Peripherie des Organismus, in den Gliedmaßen, zurückzieht und dadurch schwächer im Verhältnis zur Tätigkeit der Empfindungsorganisation, des Astralleibes, wird.

         Zu dieser Perspektive passt dann auch besonders, was Rudolf Steiner zu den Grundlagen des gesunden Harnsäure-Stoffwechsels schreibt:

»Bei der Harnsäureabsonderung durch den Harn ist in der Hauptsache der Astralleib betätigt; die Ich-Organisation ist in untergeordneter Weise daran beteiligt. [...] Nun ist im Organismus der astralische Leib der Vermittler der Tätigkeit der Ich-Organisation für ätherischen und physischen Leib. Diese muss in die Organe die leblosen Substanzen und Kräfte tragen. Nur durch diese Imprägnierung der Organe mit Unorganischem kann der Mensch das bewusste Wesen sein, das er ist. Organische Substanz und organische Kraft würde das menschliche Bewusstsein zum tierischen herabdämpfen. Man sieht: In dem unteren Teil des menschlichen Organismus hat die Tätigkeit des astralischen Leibes die Oberhand. Es dürfen da die Harnsäuresubstanzen von dem Organismus nicht aufgenommen werden. Sie müssen reichlich ausgeschieden werden. Da muss unter dem Einfluss dieser Ausscheidung die Imprägnierung mit Unorganischem verhindert werden . [...] Im Gehirn ist die Tätigkeit des astralischen Leibes gering. Es wird wenig Harnsäure ausgeschieden, dafür um so mehr Unorganisches im Sinne der Ich-Organisation eingelagert. (Steiner 1925: Kapitel XI)

So weit zum Verhältnis zwischen Ich-Organisation und Astralleib im gesunden Harnsäure-Stoffwechsel. Über die Ursachen des Ausbruches der Gichtkrankheit fügt Steiner dann unmittelbar anschließend hinzu:

»Man nehme nun an, in irgendeinem Organe, in dem die Ich-Organisation vorherrschen sollte gegenüber der astralischen Tätigkeit, beginne die letztere die Oberhand zu haben. Es kann dies nur ein Organ sein, in dem die Ausscheidung der Harnsäure durch die Einrichtung des Organs über einen gewissen Grad hinaus unmöglich ist. Es wird dann dieses Organ mit Harnsäure überladen, die von der Ich-Organisation nicht bewältigt wird. Der astralische Leib beginnt dann damit, die Ausscheidung dennoch zu bewirken. Und da die Ausführungsorgane an den betreffenden Stellen fehlen, so wird die Harnsäure statt nach außen, im Organismus selbst abgelagert.« (Steiner 1925, a. a. O.)

Die Gicht entsteht also aus anthroposophischer Sicht dadurch, dass sich in einem Organ, in dem bei Gesundheit die Ich-Organisation stärker als der Astralleib sein sollte, dieses Verhältnis umkehrt, sodass die Ich-Organisation hier relativ zur astralischen Tätigkeit geschwächt ist.

         Auch die ärztliche Erfahrung, dass hier offenbar genetische Einflüsse beteiligt sind, wird hier unmittelbar von Rudolf Steiner kommentiert:

»Man hat es mit der Gicht zu tun. Wenn gesagt wird, diese entwickle sich vielfach aufgrund vererbter Anlage, so geschieht das eben deswegen, weil beim Vorherrschen der Vererbungskräfte das Astralisch-Animalische besonders tätig wird, und dadurch die Ich-Organisation zurückgedrängt wird.« [...] »Ein Gelenkknorpel oder eine Bindegewebspartie können mit Harnsäure nur überladen und dadurch die Überbürdung mit Unorganischem in ihnen bewirkt werden, dass in diesen Körperteilen die Ich-Tätigkeit hinter der Astralwirksamkeit zurückbleibt. Da die ganze Form des menschlichen Organismus ein Ergebnis der Ich-Organisation ist, so muss durch die gekennzeichnete Unregelmäßigkeit eine Deformierung der Organe eintreten. Der menschliche Organismus strebt da aus seiner Form heraus.« (Steiner 1925, a. a. O.)

Die Vererbung ist also keine separate Ursache für sich, sondern entspricht lediglich der Konstitution, die grundlegend für Gicht und Rheumatismus und insofern auch grundlegend für die anthroposophischen Therapieziele ist.

         In einem darauf folgenden Kapitel über die Ursachen der Arteriosklerose äußert sich Rudolf Steiner auch zur Frage, warum eine Hyperurikämie als solche offensichtlich noch kein Risiko für Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall – und wie wir zuvor schon dargestellt haben, nicht einmal für die Gicht – zu sein braucht, sondern erst durch die Folgen der Ich-Schwäche im Verhältnis zur Astraltätigkeit dazu werden kann.

»Es kommt nämlich nicht darauf an, dass der Organismus Stoffe nach außen absondert, sondern dass er diejenigen Tätigkeiten vollzieht, die zu den Ausscheidungen führen. In der Verrichtung dieser Tätigkeiten liegt etwas, das der Organismus für seinen Bestand braucht. Diese Tätigkeit ist ebenso notwendig wie diejenige, die Stoffe in den Organismus aufnimmt oder in ihm ablagert. Denn in dem gesunden Verhältnis der beiden Tätigkeiten liegt das Wesen der organischen Wirksamkeit.« (Steiner 1925: Kap. XII)

Und hier werden auch konkrete psychische Krankheitsfolgen genannt, namentlich die Schlaflosigkeit, die Hyperurikämie langfristig so gefährlich macht:

»So erscheint in den Ausscheidungen nach außen das Ergebnis der astral orientierten Tätigkeit. Und sind Stoffe in die Ausscheidungen eingelagert, die bis zum Unorganischen getrieben sind, dann lebt in diesen auch die Ich-Organisation. Und dieses Leben der Ich-Organisation ist sogar von ganz besonderer Wichtigkeit. Denn die Kraft, die auf solche Ausscheidungen verwendet wird, erzeugt gewissermaßen einen Gegendruck nach innen. Und dieser ist für das gesunde Sein des Organismus notwendig. Die Harnsäure, die durch den Harn abgesondert wird, erzeugt als solchen Gegendruck nach innen die richtige Neigung des Organismus für den Schlaf. Zu wenig Harnsäure im Harn und zu viel im Blut erzeugt einen so kurzen Schlaf, dass dieser für die Gesundheit des Organismus nicht hinreicht.« (Steiner 1925, a. a. O.)

Es ist also nicht nur, wie bereits bei der Einführung der Wesensglieder ausgeführt, der Astralleib an den Ausscheidungen beteiligt, indem er durch die dabei entfaltete Aktivität Bewusstsein schafft. Auch die Ich-Organisation ist in der Ausscheidung tätig. Und wie sie allgemein den Astralleib abbaut, so baut sie speziell auch das Bewusstsein ab, das durch die ausscheidende Astraltätigkeit erzeugt wird und in der Tageswachheit seinen Ausdruck hat. Durch den Abbau der astralischen Tageswachheit ermöglicht also die Ich-Tätigkeit den Schlaf. Fehlt diese Ich-Tätigkeit, oder tritt sie zu sehr hinter der Astraltätigkeit zurück, wird sie zum Beispiel durch ein Trauma aus dem Organismus herausgeschockt, oder zieht sie sich durch einseitige intellektuelle Überlastung zu sehr von den Ausscheidungsorganen auf das Gehirn zurück, so tritt Schlaflosigkeit ein, und erst durch diese wird der Organismus in der bei Gicht und Rheumatismus beschriebenen Weise zerstört.

         Wir kommen daher nochmals auf die Hypothese Rudolf Steiners zurück, dass namentlich die Persönlichkeit des Erziehers (unabhängig davon, ob diese ein Lehrer oder Familienmitglied ist) einen bedeutenden Einfluss auf die spätere Gesundheit des Zöglings nimmt. Bereits im ersten Vortrag zur Begründung der Waldorfschulbewegung in Stuttgart kommt Rudolf Steiner auf die Verantwortung des Erziehers für den gesunden Schlafrhythmus seiner Zöglinge zu sprechen:

»Das Kind hat noch nicht so atmen gelernt, dass das Atmen in der richtigen Weise den Nerven-Sinnesprozess unterhält« [...] »Aber das Kind kann noch etwas anderes nicht richtig, und dieses andere muss in Angriff genommen werden, damit ein Einklang geschaffen werde zwischen den zwei Wesensgliedern, zwischen dem Körperleib [Physisch-ätherischer Leib] und der Geistseele [Ich-Organisation und Astralleib]. [...] Was das Kind nicht richtig kann, das ist, den Wechsel zwischen Schlafen und Wachen in einer dem Menschenwesen entsprechenden Weise zu vollziehen. Man kann freilich sagen, äußerlich betrachtet: Das Kind kann ja ganz gut schlafen; es schläft ja viel mehr als der Erwachsene, es schläft sogar ins Leben hinein. – Aber das, was innerlich dem Schlafen und Wachen zugrunde liegt, das kann es noch nicht.« (Steiner 1919)

Hier wird also auf einen innerlichen Rhythmus zwischen zwei Zuständen des Bewusstseins hingedeutet, der, am Beispiel des Atmens bereits sichtbar, nicht das »Gehirn« und das von diesem getragene Wach-Bewusstsein allein, sondern mit diesem interagierend, auch die Atmung involviert. Im Hinblick auf das Schlafen ist dies von größter Bedeutung für das Kind:

» [Das Kind] kann nicht das, was es auf dem physischen Plan erlebt, hineintragen in die geistige Welt und dort verarbeiten und das Ergebnis der Arbeit wieder zurücktragen auf den physischen Plan [...] Da hin muss es gebracht werden durch die richtiggehende Erziehung, dass das, was der Mensch auf dem physischen Plan erfährt, hineingetragen wird in das, was der Seelengeist oder die Geistseele tut vom Einschlafen bis zum Aufwachen [...] Wir werden selbstverständlich solche Verhaltensmaßregeln beim Erziehen und Unterrichten kennenlernen, die nicht etwa auf eine Dressur das Atmens hinauslaufen oder eine Dressur von Schlafen und Wachen [...] Sie werden nicht gute Erzieher und Unterrichter werden, wenn Sie bloß auf das sehen werden, was Sie tun, wenn Sie nicht auf das sehen, was sie sind [...] Ein Lehrer, der sich beschäftigt mit Gedanken vom werdenden Menschen, wirkt ganz anders auf die Schüler als ein Lehrer, der von alledem nichts weiß, der niemals seine Gedanken dahin lenkt [...] In dem Augenblick, wo Sie solche Gedanken haben, bekämpft etwas in Ihnen alles das, was bloßer Persönlichkeitsgeist ist.« (Steiner 1919)

Für alle vier psychosomatische Wirkungen des Erziehertemperamentes auf die spätere Gesundheit des Zöglings gibt Steiner das neunte und zehnte Lebensjahr als die Periode der höchsten Vulnerabilität an, die zugleich die Mitte und das sich ankündigende Ende der Kindheit bedeutet: In dieser Zeit verspürt das Kind einen allgemeinen Vertrauensschwund gegenüber den Erwachsenen und bezieht daraus erstmalig den Eindruck, dass es allein auf der Welt ist. In derselben Epoche, so betont Steiner mit besonderem Nachdruck immer wieder, darf das Kind niemals überredet werden, mehr zu essen, als es selbst verlangt. Dies erscheint plausibel, wenn man bedenkt, wie deutlich der Stoffwechsel nicht nur an der Manifestation der Gicht und des Rheumatismus, sondern an nahezu allen chronischen Krankheiten der zweiten Lebenshälfte beteiligt ist.

         Die von Steiner angegebenen psychischen Ursachen für Diabetes könnten durchaus auch eine geeignete Hypothese dafür liefern, wie sich der Übergang von der offenbar harmlosen Hyperurikämie zur klinisch manifesten Gicht vollziehen kann:

»Dann aber ist durchaus nicht zu übersehen, dass bei Diabetes in hohem Grade psychische Ursachen mehr oder weniger vorhanden sind und dass Aufregungen, die der Mensch durchmacht, wenn er leicht aufregbar ist, in hohem Grade zusammenhängen können mit der Entstehung von Diabetes. Warum ist das so? [...] Beschäftigen wir uns einseitig intellektualistisch aus dem Gehirn heraus, so macht das Innere des Menschen seine eigene Bewegung. Der Mensch ist dann für Aufregungen ganz besonders zugänglich. [...] diese Aufregungen [...] sollten eigentlich nicht als Aufregungen schon, die auf das Gefühl wirken, ihre organischen Prozesse hervorbringen, sondern sollten sich erst durchdringen mit dem Intellekte, sollten erst durch den Verstand gemildert auf das Innere des Menschen wirken.« (Steiner 1920, Vortr. vom 4.4.1920)

         Mit anderen Worten: Beim Diabetiker wirken die psychischen Aufregungen intellektuell unverarbeitet, also vorschnell und am Bewusstsein vorbei auf den Organismus ein und dadurch krank machend. Dies könnte sehr wohl auch das passende Modell für die psychische Verursachung von Gicht und Rheumatismus sein, wenn man mit einbezieht, was in dieser Hinsicht über den Einfluss des cholerischen Temperamentes des Erziehers schon dargestellt wurde.

         Als hauptsächliche Lebensepoche für die gesundheitliche Manifestation der Erziehungsfehler im späteren Leben gibt Steiner bemerkenswerter Weise die Mitte zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr an, also eine Zeit, in der traditionell kaum jemand noch an eine Nachwirkung der Schulzeit denkt. Er trifft damit aber dennoch ziemlich genau die Erfahrung des Klinikers, dass sich zumeist in diesem Lebensabschnitt entscheidet, wer mit Typ-2-Diabetes, weiteren Stoffwechselschwächen, Hochdruck und anderen chronischen Gesundheitsrisiken behaftet ist und wer bis ins hohe Alter gesund bleibt.

         Doch die rheumatischen Erkrankungen wollen sich mit Ausnahme der Gicht in dieses Schema nicht so glatt einfügen: Zu früh, schon vor der Pubertät, kann es zum Ausbruch der juvenilen Arthritis und des Still-Syndroms kommen, und auch die Rheumatoide Arthritis, die häufigste entzündlich-rheumatische Krankheit überhaupt, wird oft schon zu Beginn des dritten Jahrzehnts, also wesentlich früher manifest. Im ersten Medizinerkurs weist Steiner allerdings auch auf die Pubertät mit ihrer besonderen Schwierigkeit hin, den Astralleib ganz neu in ein harmonisches Verhältnis zu physischem Leib und Ätherleib zu bringen.« (Steiner 1920, Vortr. vom 27.3.1920, S. 140)

 

 

Zur Therapie

 

         Wenn wir von hier aus zur Darstellung der anthroposophischen Therapie kommen, so erfolgt dies nicht mit dem Anspruch auf Vollständigkeit, sondern in der Absicht, die innere Kontinuität zwischen Krankheits-Verständnis und Therapie beispielhaft sichtbar zu machen:

         In einem ersten Schritt muss das Dominieren der Nerventätigkeit über die Willenstätigkeit der Ich-Organisation durch eine Anregung der letzteren aufgefangen werden. Hierfür kommen in erster Linie pflanzliche Substanzen in Frage, da ja, wie weiter oben gezeigt, die pflanzliche Lebensorganisation das polare Gegenbild zur Dominanz des tierischen Astralleibes ergibt.

         Unter den pflanzlichen Rheuma-Heilmitteln ist insbesondere Bryonia alba L., die Weiße Zaunrübe zu erwähnen. Als Kürbisgewächs vollzieht sie mit ihren kleinen, trockenen Früchten und ebenso kleinen Blüten eine Metamorphose dieser ansonsten so stark das Wässrige in der Fruchtbildung betonenden Pflanzenfamilie. Dies gipfelt bei Bryonia in der Ausbildung einer voluminösen Rübenwurzel und übersetzt damit die stoffwechselbetonte, fruchtige Charakteristik dieser Pflanzenfamilie in die sinnes-nervenhafte Wurzelbetonung der Zaunrübe. Damit entspricht die Signatur dieser Heilpflanze der Konstitution des Rheuma-Patienten, denn wir konnten ja zeigen, inwiefern die Cholerik des Erziehers das Kind in eine unbewusste Gegenreaktion treiben kann, die man als »gewohnheitsmäßigen organischen Intellektualismus« bezeichnen könnte. Die Ähnlichkeit zwischen dem Krankheits-Prozess und der Heilpflanzen-Gestalt könnte den Leser überraschen, der eher das Gegenteil erwartet hätte, dass die Heilpflanze dem Bild der Genesung entspricht. Hier offenbart sich der anthroposophische Weg der Heilmittel-Findung darin, dass er einerseits an die Hahnemann´sche Ähnlichkeits-Regel anknüpft: »Similia similibus curantur«. Das Heilmittel muss der Krankheit ähneln, die es heilt. Andererseits unterscheidet sich der anthroposophische Weg der Heilmittel-Findung von der Homöopathie Hahnemanns aber sehr wesentlich dadurch, dass die Ähnlichkeit nicht im sinnlichen Vergleich der Krankheitssymptome und der Arzneiwirkung, sondern im Vergleich der ätherischen Bildeprozesse der Pflanze mit den Astralprozessen der Krankheit des Menschen gefunden wird. Indem durch homöopathisch potenzierte Pflanzensubstanz der Ich-Organisation des Patienten das geistige Bild seiner eigenen Schwäche präsentiert wird, kann dieselbe zur Gegenwehr und damit zur nachhaltigen Krankheitsüberwindung aufgerufen werden.

         Eine zweite in dieser Hinsicht beispielhafte Heilpflanze ist die Herbstzeitlose, Colchicum autumnale L. Colchicum führt die ihrer Heilwirkung entsprechende Metamorphose des Typus nicht auf räumlich-gestaltlicher, sondern auf zeitlicher Ebene vor Augen: Als monokotyle Zwiebelpflanze müsste sie typusgemäß im Frühjahr blühen, sprossen und fruchten und dann in die Trockenruhe des Sommers gehen, wie dies bei Narzisse, Tulpe oder Crocus der Fall ist, mit dem sie typologisch vergleichbar ist. Statt dessen aber entfaltet Colchicum schon im Herbst ihre Blüte. Darin offenbart sich eine für diesen Pflanzentypus extreme Abweichung vom regulären Jahresgang der Natur, die sich nicht nur in dem faden und morbiden, ja beinahe anrüchig wirkenden Blütenkolorit, sondern auch in der außergewöhnlichen Giftigkeit dieser Heilpflanze verrät. In durchaus befremdlicher, moralisierender Weise äußert sich Rudolf Steiner hierzu:

 

»Die geistige Wunschnatur, ich möchte sagen, die in Frömmigkeit getauchte Wunschnatur sprießt und sprosst aus jeder Frühlingsblüte. Wenn dann die späteren Blüten kommen – nehmen wir gleich das Extrem, nehmen wir die Herbstzeitlose –, ja, kann man denn mit Seelensinn die Herbstzeitlose anschauen, ohne ein leises Schamgefühl zu haben? Mahnt sie uns denn nicht daran, dass unsere Wünsche unrein werden können, dass unsere Wünsche durchzogen werden können von den mannigfaltigsten Unlauterkeiten? Man möchte sagen, die Herbstzeitlosen sprechen von allen Seiten so zu uns, als wenn sie uns fortwährend zuraunen wollten: Schaue auf deine Wunschwelt hin, o Mensch, wie leicht du ein Sünder werden kannst!« (Steiner 1923)

Einerseits war schon am Beispiel der Zaunrübe klar: In der anthroposophischen Heilmittelbetrachtung wird auf keine idyllischen Heilungsversprechen, sondern auf die prozessuale Krankheitsähnlichkeit des Heilmittels geblickt. Und statt einer dirigistischen Lenkung ist die Herausforderung des menschlichen Selbst zur Gegenwehr das Therapieziel. Warum aber wird bei Colchicum diese Herausforderung nicht wie bei Bryonia auf der Ebene der dreigliedrigen Funktionsordnung, sondern auf der Ebene des Moralischen gesucht? Was haben die Krankheiten des Menschen mit Moral zu tun? – Als es uns darum ging, einen allgemeinen Begriff der rheumatischen Krankheiten zu bilden, fiel der vergleichende Blick auf das rhythmische System des Menschen. Dies kommt jetzt wieder in Betracht, da ja Colchicum nicht auf der gestaltlichen, sondern der zeitlichen Ebene vom Pflanzentypus abweicht.

Was vollzieht sich in moralischer Hinsicht auf der Ebene des rhythmischen Systems des Menschen? Hier begegnen sich einerseits der ätherische Bildestrom, der aus der vorgeburtlichen, embryonalen Vergangenheit kommend die Gestalt aufbaut, und andererseits der keimhafte Handlungswille des Selbst, der aus der Zukunft kommt, weil er sich dort erst realisiert. Innerhalb des rhythmischen Systems begegnen einander diese gegenläufigen Zeitströme im Menschen so, dass keine Vermischung, also kein »Kompromiss«, sondern das Wunder des Lebensrhythmus entsteht. Dieser insofern wunderbare Lebensrhythmus verbindet die Gegensätze unter beiderseitiger Reinerhaltung. Bei den rheumatischen Krankheiten aber, bei denen sich ablagernde und auflösende Prozesse im Chaos so miteinander verbinden, dass die menschliche Gestalt verloren zu gehen droht, steht gerade diese Reinheit des rhythmischen Pendelschlages zwischen der irdischen Richtung der einkapselnden Ablagerung und der kosmischen Richtung der entzündlichen Auflösung durch die krankhafte Vermischung auf dem Spiel. Das Rhythmische System des Menschen ist daher weit mehr als nur ein Garant des Lebens und der Gesundheit, es ist auch der Träger der menschlichen Freiheit! Diese Freiheit wird im Gehirn allein mittels der Hirnforschung seit Jahrzehnten vergeblich gesucht, weil Freiheit sich immer wieder neu in der realen Begegnung der kognitiven, allgemeingültigen Funktionen des Gehirns mit dem subjektiven, fühlenden und wollenden, in das leibliche Dasein »geworfenen« Ich in der Biographie des Menschen erweisen muss! Deshalb wird dieser besondere Bezug des mittleren, rhythmischen, fühlenden Menschen zur Freiheit in der oben zitierten Betrachtung der Herbstzeitlosen zur moralischen Aufforderung an die Ich-Organisation, die Rheuma-Krankheit zu überwinden.

         Die beiden genannten Heilpflanzen stehen hier stellvertretend für die Kombinationsmittel Rheumodoron 1 und 2, deren Anwendung ich nicht gleichzeitig und auch nicht im Wechsel, sondern nur streng hintereinander empfehlen kann, da Colchicum autumnale im allerersten Krankheitsstadium der Gicht sogar verschlimmernd wirken kann.

         Als Heilsubstanz der dritten Therapiephase ist sodann eine Abkochung aus den jungen Laubblätter der Hängebirke (Betula alba L.) zu empfehlen, die Rudolf Steiner dahingehend charakterisiert, dass sich darin die größtmögliche Polarität zum Prozess der Mineralisierung offenbart, der die hochgradig mineralisierte, weiße Birkenrinde hervorbringt. Die Heilwirkung ausgekochter Birkenblätter wird daher von Steiner als eine Verstärkung der »Albuminisierungsprozesse« bezeichnet. Er entspricht nicht den ablagernden Astralkräften der Rheuma-Krankheit, sondern ist deren Antagonist, unterstützt also die aufbauend-auflösende Kraft des Ätherleibes. Birkenblätterextrakt wird hier stellvertretend für das Rheumamittel Rheumodoron 102A genannt, das für die längerfristige Rheuma-Therapie zu empfehlen ist.

         Im vierten Schritt muss die Ich-Organisation gestärkt werden. Dies geschieht in erster Linie durch die Gabe von Phosphor, der in materieller Dosierung die Ich-Organisation hereinholt, also sehr kräftig zu dosieren ist, zum Beispiel mittels der Phosphor-Öl-Kapseln von Weleda. Im selben Sinne wirken tiefe und mittlere Potenzen von Stannum, zum Beispiel Stannum metallicum präparatum D3 bis D12, die im Unterschied zum Phosphor nicht die stoffwechselartige, sondern die gestaltende Wirkung der Ich-Organisation unterstützen. Auch Arnica und Equisetum, beide in D20, haben diese Wirkungsrichtung.

         In einem fünften Schritt besteht die Möglichkeit, die Ich-Organisation auf der Ebene der Sinneswahrnehmung zu stärken. Dies erfolgt mittels kräftiger Schwefel-Bäder, zum Beispiel mit Kalium sulfuratum pro balneo Caelo (Caesar und Loretz), die durchaus Verätzungen bei unsachgemäßem Gebrauch verursachen können. Die ätzende Wirkung ist aber nicht gewollt, sondern hier ist ein starker Geruch wie bei faulen Eiern das Wirkprinzip, das nach Angaben Rudolf Steiners die Ich-Organisation von der Nerven-Sinnesseite aus zum Bekämpfen der Eiweiß-Fäulnis des Organismus aufrufen soll. Im selben Sinne können auch Injektionen mit Ameisensäure (Acidum formicicum) in hohen Potenzen der Eiweiß-Fäulnis des Organismus entgegenwirken.

         In einem sechsten Schritt gilt es, die Therapie durch hoch potenzierte Injektionen von Mistel-Substanz, insbesondere bei den rheumatischen Krankheiten mit auto-immuner Aktivität, zu ergänzen. Aus der eigenen Praxis ergeben sich hieraus zahlreiche, geradezu sensationelle Heilerfolge unter anderem bei Morbus Still, Juveniler Arthritis, Psoriasis-Arthritis, Morbus Wegener und zahlreichen fraglich klassifizierten Misch-Kollagenosen mit 1x wöchentlicher subkutaner Injektion von Abnobaviscum Pini in Potenzen von D30–D6.

         Mit dem siebten Schritt sollte die medikamentöse Therapie einer chronischen Krankheit immer ergänzt werden durch Heileurythmie. In der Heileurhythmie reitet gewissermaßen der Gedanke auf der Bewegung und verknüpft das menschliche Ich im denkenden Wollen mit dem Geistselbst, das als ein zukünftiges, geistiges Wesensglied schon heute in der Sprache, das heißt, vom mittleren Menschen getragen, zwischen den Menschen lebt.

 


Literatur

 

De Brouwer, S.J. & al. (2011): Psychophysiological responses to stress after stress management training in patients with rheumatoid arthritis. PLUS ONE 2011;(6):e27432

Doehner, W. & al. (2004): Overweight and obesity are associated with improved survival, functional outcome, and stroke recurrence after acute stroke or transient ischaemic attack: observations from the TEMPiS trial. European Heart Journal, pp. 268277

Flegal, K. & al. (2013): Association of all-cause mortality with overweight and obesity using standard body mass index categories. A systematic review and meta-analysis JAMA 309(1): 7182

Gulliksson, M. & al. (2011): Randomized controlled trial of cognitive behavioural therapy vs. standard treatment to prevent recurrent cardiovascular events in patients with coronary heart disease: Secondary Prevention in Uppsala Primary Health Care project (SUPRIM). Arch. Intern. Med. 2011; (171):134-140

Kim, B. J. (2011): Paradoxical longevity in obese patients with intracerebral hemorrhage. Neurology 76: 567–573

National Institutes of Health: Weight loss does not lower heart disease risk from type 2 diabetes. NIH News 19.10.2012

Neogi, T. (2011): Gout. New England Journal of Medicine 364: 443452

Orth-Gomer, K. & al. (2009): Stress reduction prolongs life in women with coronary disease: The Stockholm Women´s Intervention Trial for Coronary Heart (SWITCHD). Circ. Cardiovasc. Qual Outcomes 2009; (2): 25-32

Peters, A. & al. (2004): The selfish brain: competition for energy resources. Neuroscience and Biobehavioral Reviews 28: 143–180

(2013): Mythos Übergewicht. München

Pischon, T. & al. (2008): General and abdominal adiposity and risk of death in Europe. New Engl. J. Med. 359: 21052120

Steiner, R. (1919): Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik (GA 293). Dornach

(1920): Geisteswissenschaft und Medizin (GA 312). Dornach

(1923): Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes (GA 230), Vortr. vom 9.11.1923. Dornach

(1924): Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens (GA 308), Vortr. vom 8.4.1924. Dornach

(1925): Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst (GA 27). Dornach

 

 

Der Autor

Heinrich Brettschneider, Internist. Studium der Medizin in Freiburg und Heidelberg. Seit 1978 Mitarbeiter des Carl Gustav Carus-Instituts in Niefern-Öschelbronn in der Forschung zur Entwicklung von Krebsheilmitteln aus der Mistel. Ärztlicher Berater des Carl Gustav Carus-Instituts in der Gesellschaft zur Förderung der Krebstherapie e.V. in Niefern-Öschelbronn. Langjährige Mitarbeit im Anthroposophisch-Pharmazeutischen Arbeitskreis in Stuttgart.

Zwölfjährige klinische Tätigkeit unter anderem im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, in der Klinik Öschelbronn und Filderklinik. 1980–1984 Facharzt-Weiterbildung zum Internisten an der Medizinischen Klinik Bad Cannstatt. 19852009 in eigener Praxis als Anthroposophischer Arzt und hausärztlicher Internist in Stuttgart, seit 2009 in Landsberg/Lech tätig.

Nebenberuflich 2 Jahre Studium der Eurythmie in Stuttgart. Rege Kurs- und Vortragstätigkeit zur Anthroposophie und Anthroposophischen Medizin. Veröffentlichungen zur Medizin vor allem im (Tycho de Brahe-)Jahrbuch für Goetheanismus, an anderer Stelle auch zur Heileurythmie. Umfangreicher Beitrag zur Plazentologie der Säugetiere und des Menschen in der stark erweiterten Neuauflage von »Säugetiere und Mensch« von Wolfgang Schad im Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart (2012).