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Hysterie

 

Der Begriff der "Hysterie" hat zwei Arten der Verwendung:

 

1. Als eine Krankheitsbezeichnung.

2. Als umgangssprachliche Bezeichnung für bestimmte Seelenzustände, Verhaltensweisen oder Persönlichkeitsmerkmale. Diese umgangssprachlichen Begriffe sind zwar in Anlehnung an den ärztlichen Sprachgebrauch geprägt, werden aber vielfach als diskriminierende und entwertende Eigenschaften der Persönlichkeit verwendet.

 

Zu 1.:

Dem Oberbegriff der "Hysterie" wurden lange Zeit die histrionische  Persönlichkeitsstörung und die dissoziativen Störungen zugeordnet und insgesamt als "Konversionsstörungen" gedeutet. Unter einer Konversionsstörung versteht man die Umwandlung ("Konversion") eines psychischen Konfliktes in körperliche Symptome, jedoch ohne, dass es für diese Umwandlung eine einheitlich definierte organische Grundlage gibt. Man spricht dann von "vegetativen" Reaktionen, deren Nachweis und Zuordnung zum vegetativen Regulationssystem des Organismus jedoch nicht einheitlich durchführbar ist: So lassen sich z.B. vermehrte Schweiß- und Speichelbildung, erhöhte Muskelspannung, Muskelzittern, erhöhte Puls- und Atemfrequenz physikalisch nachweisen und messen, nicht jedoch Wahrnehmungen wie z.B. Schmerzen, "Herzklopfen" (Empfindung einer verstärkten Herztätigkeit), "Palpitationen" (Empfindung einer unregelmäßigen Herztätigkeit), "Atembeschwerden", "Mundtrockenheit", "Gefühllosigkeit", "Kribbelgefühle", Schwindel, Derealisation und Depersonalisation, weil diese nur intra-psychisch existieren.     

 

Mit der Einführung der Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-5 wurde  schließlich der Begriff der "Hysterie" ganz aufgegeben. Im ICD-10 wurde die histrionische Persönlichkeitsstörung  unter F60.4, die Konversionsstörungen aber unter F44.0 ff als "dissoziative" Störungsbilder codiert.

 

Die Konversionsstörungen verloren dadurch den Status eines  eigenständigen Störungstypus und  zählen nun in der Nomenklatur des ICD-10 zu den "dissoziativen Störungen, teilweise synonym mit Konversionsstörungen". Folglich sind sie unter der Kennziffer F44 in folgenden Störungsbildern codiert:

 

•   Dissoziative Amnesie (F44.0),

•   Dissoziative Fugue (F44.1),

•   Dissoziativer Stupor (F44.2),

•   Trance und Besessenheitszustände (F44.3),

•   Dissoziative Bewegungsstörungen (F44.4),

•   Dissoziative Krampfanfälle (F44.5),

•   Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen (F44.6),

•   verschiedene dissoziative Störungen in Kombination (F44.7),

•   Sonstige dissoziative Störungen (F44.8x) sowie

•   Nicht näher bezeichnete dissoziative Störungen (F44.9).

•   Ausgenommen davon wird die dissoziative Persönlichkeitsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung ) nicht in dieser Gruppe codiert, sondern unter F60.2

 

Unter dem Begriff "Dissoziationsstörungen" versteht man das Auseinanderfallen von normalerweise im Identitätsbewusstsein zusammenhängenden (integrierten) Funktionen der Empfindung, des Gefühls, des Gedächtnisses und der Motorik, sodass es zu körperlichen Erscheinungen kommt, die den Verdacht einer neurologischen oder anderweitigen organischen Krankheit nahelegen, aber nicht nachweisbar und reversibel (also vorübergehend) sind.

 

So haben die Betroffenen, die in der Mehrzahl Frauen sind, anfallsweise eine teilweise oder komplette Blind-, oder Taubheit, oder Gefühllosigkeit der Haut (=Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen F44.6), auch teilweise oder komplette Erinnerungslosigkeit (=Dissoziative Amnesie (F44.0), oder ohnmachtsähnliche (d.h. schlaffe) Reglosigkeitszustände mit Benommenheit (=Dissoziativer Stupor (F44.2), oder Unruhezustände, die sie dazu antreiben, kleinere oder größere Ausflüge (=Dissoziative Fugue (F44.1) zu unternehmen. Die dissoziativen Unruhezustände können sich bis zu dissoziativen Trance- und Besessenheitszuständen (F44.3) oder zu dramatischen, epilepsieähnlichen Krampfanfällen (=Pseudoepilepsie) steigern.

 

Die Betroffenen simulieren aber nicht und übertreiben auch nicht: Dissoziative bzw. Konversionssymptome werden nicht willkürlich hervorgerufen und sind  auch nicht willkürlich beeinflussbar. 

 

Die "klassische" Psychoanalyse Sigmund Freuds fasste die "Konversionen" psychischer Konflikte in körperbezogene Erfahrungen (z.B. Schmerz, Taubheit, Lähmung oder Blindheit) als symbolische Abwehrreaktionen auf und entwickelte daraus ihre psychoanalytischen Strategien. 

 

Nun aber zeichnet sich eine weltanschauliche Wende innerhalb der psychiatrischen Ärzteschaft ab, die darin besteht, sich allmählich von dem Konversionsbegriff der klinisch-psychoanalytischen Psychologie ab-, und dem Dissoziationsbegriff der klinisch-neurobiologischen Psychologie zuzuwenden. Beide Richtungen sind aus anthroposophischer Sicht nicht wirklichkeitsgemäß, weil beide nur vom "Seelischen" im Allgemeinen, aber nicht von der "Seele" im Besonderen, dem "Ich" des Menschen, sprechen. Das Allgemein-Seelische unterscheidet sich nämlich vom Ich des Menschen durch das "Intentionale Gerichtetsein " (Franz Brentano), das man in der Anthroposophie den "Willen" des Menschen nennt.

 

Aus anthroposophischer Sicht ist das Problem, das den dissoziativen Störungen zugrundeliegt, nur lösbar, wenn man die "Psyche" (das altgriechische Wort für Seele) nicht als eine anonyme "Kategorie", die unserem Leben als "das Psychische" einverwoben ist oder in der Psychologie als "das Seelische" erforscht wird, sondern als eine in sich geschlossene Wesenheit auffasst, die wir als ein "Ich" oder "Selbst" erleben. Dadurch machen wir "die Seele" zu einer Wesenheit, die unserem Leib an Geschlossenheit und Macht voll ebenbürtig ist. Aus einer "Seelenkunde ohne Seele" wird daraus eine "Psychologie mit Seele." So praktizieren wir die Psychologie als eine Wissenschaft, die nicht nur sich selbst als eine Analyse-Methode, sondern auch die "Seele" als real existierend ansieht. Eigentlich ist es erstaunlich, dass die Psychologie diesen Schritt nicht schon längst getan hat, da ja "dissoziative Störungen"  laut ICD-10 (F44) "als ursächlich psychogen, in enger zeitlicher Verbindung mit traumatisierenden Ereignissen, unlösbaren oder unerträglichen Konflikten oder gestörten Beziehungen (angesehen werden)." Mit den in diesem Text genannten "traumatisierenden Ereignissen, unlösbaren oder unerträglichen Konflikten oder gestörten Beziehungen" sind unzweifelhaft seelische, und nicht körperliche Ereignisse, Konflikte und Beziehungen gemeint, obwohl deren Interaktion mit dem Leib dem kartesianischen "Substanz-Dualismus" der Naturwissenschaften widerspricht. Offenbar ist also die alltägliche Erfahrung der Interaktion des Seelischen mit dem Körperlichen bei den klinischen Psychologen schon so stark, dass sie den Konflikt mit dem Kartesianismus ohnehin nicht vermeiden können. Warum dann noch auf die Vorteile verzichten, die eine "Psychologie mit Seele" gegenüber einer "Psychologie ohne Seele" hat?

 

Welches sind nun die konkreten Vorteile, die uns die aus der anthroposophischen Sicht des Menschen vorgeschlagenen "Psychologie mit Seele" erbringt?

 

Sobald wir die "Seele" als eine in sich geschlossene Wesenheit, also als "Ich" begreifen, wird uns klar, dass der Leib nicht funktionieren kann, wenn das Ich nicht ausreichend im Leib als eine Kraft verankert ist, die alle Empfindungen, Gedanken, Erinnerungen, Gefühle und Bewegungen im Identitätsbewusstsein integriert. Diese Integration alles Psychischen des Menschen in seinem Identitätsbewusstsein ist nicht bloß ein kognitiver Prozess, sondern ein Willensakt! Ja, sogar schon, wenn wir über den Sehsinn die Gestalt eines Gegenstandes erfassen, integrieren wir die Erfahrung unserer Augenbewegungen über den Bewegungssinn in die Erfahrung des Sehsinnes kraft unseres Ich's und vollziehen so die Gestaltwahrnehmung nicht bloß als Erkenntnis-, sondern auch als Willensakt! - Wieviel mehr ist aber dies der Fall, wenn wir, wie weiter oben erwähnt, unsere ganze seelische Biographie dem Identitätsbewusstsein einverleiben!

 

Genau aber hier liegt das Zentrum der Störung, die der "Hysterie" im anthroposophischen Wortverständnis zugrundeliegt: Es gibt Menschen, deren Leib einfach zu weich ist, um dieser Willensanforderung zu genügen. Bei diesen Menschen können dann entweder einzelne Erlebnisse, oder, - das ist der schlimmste Fall - die ganze Seele nicht mehr dem eigenen Leibe zugeordnet werden. Die Seele ist dann überfordert, weil ihre biographische Kontinuität (d.h. ihre biographisch gegebene Verbindung zum Leib) unterbrochen wird (dies ist z.B. bei den multiplen Persönlichkeitsstörungen ICD-10 F60.2 der Fall). Sie kann dann teilweise das Bewusstsein verlieren, wie z.B. in den dissoziativen Trance- und Besessenheitszuständen, kann sich nicht mehr behaupten (das ist z.B. beim Burn-Out-Syndrom der Fall), erlebt panische Angst (wie z.B. bei den Angst- und Panik-Störungen), oder wehrt sich gegen die drohende seelische Ohnmacht, indem sie sich im Körper verkrampft (Pseudo-Epilepsie, ICD-10 F44.5).

 

Merke: Hier wird also die körperliche Verfassung (Konstitution) mit in das Krankheitsverständnis einbezogen. Dies hat schon bei der Diagnostik die folgenden Vorteile:

 

1. z.B. sind Frauen häufiger betroffen als Männer, weil ihr Körper weicher ist (daraus erklärt sich möglicherweise auch der inzwischen veraltete Begriff der Hysterie: Das Wort "Hysterie" ist von dem altgriechischen Wort "hystéra" (=Gebärmutter) abgeleitet. 

2. Mit entsprechender Übung kann der Therapeut diese übermäßige "Weichheit" des Körpers auch bei Kindern und Männern finden.

3. Auch scheinbar dazu konträre Krankheitsbilder, wie das oben zuletzt genannte Bild der "Pseudoepilepsie" wird so als Gegenreaktion gegen die übermäßige "Weichheit" des Körpers durchschaubar.

 

Die Ausdrücke "zu weich" und "zu hart" sind ganz besonders für die Beschreibung des Gegensatzes zwischen Epilepsie und Pseudoepilepsie geeignet, weil die "echte" Epilepsie bei Männern in etwa gleich häufiger ist, wie andererseits die Pseudoepilepsie bei Frauen. Die "echte" Epilepsie wird besonders häufig durch Narbenbildungen im Gehirn verursacht, weil Narben das Gewebe des Gehirns härter, also undurchdringlicher für das Ich machen.

 

Als Meditationsgrundlage zur Erlangung eines sicheren Unterscheidungsvermögens zwischen "zu hart" und "zu weich" für die Seele habe ich schon mehrfach zwei Abbildungen des flämischen Anatomen und Künstlers Andreas Vesalius aus dem 16. Jahrhundert verwendet und gebe sie hier nochmals wieder:

Der Knochenmensch des Andreas Vesalius, Tafel 21 (1543)

Der "Knochenmensch" des Andreas Vesalius ist im Grunde identisch mit dem "Nervenmenschen".  Das wird besonders evident, wenn wir beachten, wie alle Knochenbildung ebenso ihr Zentrum im Kopfbereich hat wie das Nervensystem.

 

Wir nennen deshalb diesen Teil des Menschen den Nerven-Knochenmenschen, weil es überaus zutreffend ist, wie Rudolf Steiner die Gehirnbildung als eine »zurückgehaltene Knochenbildung« charakterisiert: »Man wird das Gehirn des Menschen nur begreifen, wenn man in ihm die knochenbildende Tendenz sehen kann, die im allerersten Entstehen unterbrochen wird. Und man durchschaut die Knochenbildung nur dann, wenn man in ihr eine völlig zu Ende gekommene Gehirn-Impulswirkung erkennt". 

Der Muskelmensch des Andreas Vesalius, Tafel 25 (1543).

Der Muskelmensch andererseits, den Vesalius meisterhaft darstellt, lässt sich zeichnerisch eigentlich gar nicht darstellen, denn er ist kein Gewordener, sondern in jedem Moment seines Bestehens ein Werdender. So ist nur seine Bewegung, aber nicht seine Gestalt sinnlich wahrnehmbar und nur in seiner Verbindung mit dem Knochenmenschen, zu dem wir auch die Oberhaut und die Bindegewebshüllen der Muskulatur rechnen, existiert er real. Der eigentliche Muskelmensch offenbart sich also nach außen allein in der Bewegung und nach innen im ständigen Hervorbringen, Vernichten und Ausscheiden lebendiger Leibessubstanz. Deshalb zählen wir auch das Darm-, Blut-, Drüsen- und Urogenitalsystem zum Muskelmenschen, und nennen dies den "Blut- und Muskelmenschen." Dieser Anteil des Menschen bleibt tags und nachts in Bewegung, ohne je zu ermüden. Und seine Prozesse verlaufen noch tiefer unterbewusst als die Krafterzeugung der Gliedmaßenmuskulatur.

 

 

Man kann sich durch meditative Vertiefung in diese Bilder darin üben, wie sehr die eine oder die andere Seite des Menschen in den jeweiligen Patienten vertreten ist, denen man als Therapeut begegnet, und so die notwendige Sicherheit für die Therapie-Entscheidung gewinnen.

 

Der Einbezug der Konstitution (Körperverfassung) in das Krankheitsverständnis hat also auch therapeutische Vorteile: Man kann durch homöopathische Mittel den konstitutionellen Schwächen der Patienten entgegenarbeiten, die sie dazu bringen, unter Belastung "aus der Haut zu fahren.".

 

Hierzu nun einige ausgewählte Beispiele:

 

z.B. Conchae (=Calcium carbonicum aus der Austernschale), oral oder i.v.

Es hilft dem Ich, das Blut und die weichen inneren Organe durchzugestalten. Dadurch können die verschiedenen Gefühle, Empfindungen und Erinnerungen stabiler an den Leib gebunden und in der Persönlichkeit integriert werden.

 

z.B. Stibium metallicum oral oder i.v.. Es hilft dem Ich, das Blut daran zu hindern, völlig formlos zu werden.

 

z.B. Bryophyllum oral oder i.v.. Es hilft dem Ich, die Über-Sexualisierung zu neutralisieren.