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Selbstverletzung bei Jugendlichen

Methodische Vorbemerkung: Dieses Kapitel ist leicht misszuverstehen, weil es im öffentlichen Diskurs üblich ist, die Krankheiten als Gegensatz zur Gesundheit zu sehen. Aus anthroposophischer Sicht ist dies Unsinn, denn dann könnte es nur zwei Zustände: "Krank" oder "Gesund", und demnach also nur eine Krankheit (und nur eine Gesundheit) geben. Die große Zahl der unterschiedlichsten Krankheiten widerspricht also ganz deutlich dieser Ansicht. Die große Zahl der unterschiedlichsten Krankheiten gibt es nur deshalb, weil der Gegensatz zwischen Gesundheit und Krankheit ein Konstrukt ist. Statt dessen bestehen immer und überall fließende Übergänge zwischen "gesund" und "krank", weil jede Krankheit eigentlich nur die Fortsetzung eines gesunden Prozesses bis zur Absurdität ist.  

 

Gesundheit ist also keineswegs das Gegenteil von Krankheit, sondern ist das Gleichgewicht zwischen den einander entgegengesetzten Krankheitstendenzen des Organismus. Alle Krankheitstendenzen sind also Teil der Gesundheit, solange sie nicht dominieren. Deshalb kann der Blutdruck, der Blutzucker oder das Körpergewicht sowohl zu hoch, als auch zu niedrig, die Schilddrüsenfunktion zu stark oder zu schwach, und die Psyche zu offen oder zu verschlossen sein, usw. usf. . . .

 

In diesem Kapitel, das sich speziell mit psychischen Störungen befasst, geht es wie bei allen Krankheiten um ein Gleichgewicht zwischen den Extremen, das aber in der naturwissenschaftlich orientierten Medizin ebenso wenig  wie in der Schulpsychologie beachtet wird. Will man aber psychische Störungen verstehen, die bei körperlich scheinbar unauffälligen Patienten auftreten können, geht es aus anthroposophischer Sicht hauptsächlich darum, dass bei manchen Menschen der Körper zu weich, bei anderen zu hart im Verhältnis zur "Seele" ist, die mit dem Organismus interagiert, um dabei das zu erleben, was man gemeinhin die "Erfahrung" nennt. 

 

Was das "zu hart" oder "zu weich" Sein des Organismus für die Entstehung von Leid-Erfahrungen der Seele bei ihrer Interaktion mit dem Organismus bedeutet, versteht man aber erst richtig, wenn man beide Seiten des Problems kennt. Deshalb werden die Krankheitsprozesse, die entstehen, wenn der Körper zu weich ist, in diesem Kapitel sinnvoller Weise mit den Zuständen verglichen, die auftreten, wenn das Gegenteil vorliegt, wenn also der Körper zu hart ist. 

 

Selbstverletzung und Gewalttätigkeit bei Jugendlichen

 

 

Warum manche Jugendliche sich selbst verletzen und andere gewalttätig werden


"Sie ritzen sich mit Messern und Rasierklingen, schlagen den Kopf gegen harte Gegenstände, drücken Zigaretten auf der Haut aus: Selbstverletzung - ein Thema, das an Bedeutung gewinnt. Lady Di, Angelina Jolie, Johnny Depp: Die Liste der Prominenten, die sich nach ihren eigenen Angaben selbst verletzt und dies publik gemacht haben, ist lang. Jungs sind weniger gefährdet als Mädchen. Oft sind es Mädchen zwischen zwölf und 18 Jahren, die ihren Körper misshandeln, ohne dass ihre Umgebung dies versteht, es oft nicht einmal ahnt.

 

Das Geschlechterverhältnis bei den selbstverletzenden Jugendlichen beträgt fünf zu eins - Mädchen sind deutlich gefährdeter, allerdings mit einer steigenden Tendenz bei Buben. Viele, aber längst nicht alle von ihnen sind Opfer sexueller Gewalt. Oft droht der Suizid. . ."

 

So (Schnack 2014) oder ähnlich (Stompe 2014) lauten die Nachrichten in den  medizinisch-psychiatrischen Fachzeitschriften. Wie soll in dieser Notlage Abhilfe geschaffen werden?

Wo kein Krankheitsverständnis entwickelt wird, kann auch keine Therapie gefunden werden. Heute scheint es den akademischen Psychotherapeuten selbstverständlich, die jugendpsychiatrischen Phänomene der Selbstverletzung und Brutalität eindimensional aus den psychischen Einflüssen, d.h. aus der „Kinderstube“ oder dem späteren „sozialen Milieu“ der Betroffenen zu erklären. Doch die Erfahrung, dass ein „schlechtes“ Milieu mal Brutalität, mal Selbstverletzung erzeugt, mal völlig wirkungslos bleibt, widerspricht allzu deutlich diesem Vorurteil.

 

Die schon weitgehend eingetretene Spaltung der Medizin in je eine rein physikalisch und eine ausschließlich psychisch orientierte Schule kann nämlich nur dann überwunden werden, wenn die körperlichen Krankheiten aus ihren psychischen und die psychischen Krankheiten aus ihren körperliche Ursachen begriffen werden. Folgerichtig müssen dann auch die körperlichen Krankheiten psychisch und die psychischen Krankheiten körperlich geheilt werden, wenn die Medizin nicht in zwei völlig getrennte Gebiete zerfallen soll.

 

Deshalb ist es notwendig, Brutalität und Selbstverletzung als entgegengesetzte, aber sich gegenseitig keineswegs ausschließende Reaktionen jeweils aus dem Zentrum der Persönlichkeit, aus den körperlichen Lebensbedingungen des „Ich“ des Menschen zu verstehen und von dort aus ein inneres Krankheitsverständnis zu entwickeln. Hätte dieses „Ich“ nur eine rein geistige Existenz, so wäre dieses Unterfangen gegenstandslos. Da aber das „Ich“ des Menschen in einem physischen, lebendigen und beseelten Leib inkarniert ist, sind seine Seelenvermögen des Wollens, Fühlens und Denkens durch ihre physischen und geistigen Abhängigkeiten geprägt (Steiner 1917, Von Seelenrätseln, 6. Anhang). Auf dem Fundament der „Dreigliederung“ des Organismus des Menschen ist daher aufgebaut, was hier zum Verständnis der Selbstverletzung und Gewaltbereitschaft der heutigen Jugendlichen beigetragen und als Therapievorschläge entwickelt wird.

 

In der anthroposophisch orientierten Jugend-Psychiatrie unterscheidet man zwei grundlegend verschiedene, je polare Situationen, aus denen heraus Jugendliche psychisch erkranken können: Entweder der Organismus ist zu fest, um die geistig-seelische Wesenheit des Jugendlichen aufzunehmen und zu tragen, oder er ist zu weich. Der zu feste Zustand des Organismus wird in dem Heilpädagogischen Kurs Rudolf Steiners als "Neurasthenie", der zu weiche Zustand als "Hysterie" bezeichnet (Steiner 1924). Es bringt jedoch wenig, oder sogar überhaupt nichts, diese Begriffe aus ihrer Wortgeschichte verstehen zu wollen. Sinnvoll ist hingegen, sie vor dem Hintergrund der  „Dreigliederung“ des Organismus zu betrachten. In einem ersten Schritt wird so die "Neurasthenie" als eine krankhafte Dominanz des Nerven-Sinnes-Systems, und polar dazu die "Hysterie" als eine krankhafte Dominanz des Stoffwechsel-Systems verständlich: Das Nerven-Sinnes-System hat die Tendenz, den Leib zu verhärten, das Stoffwechsel-System macht den Leib weich und bildsam.

 

Ist der Organismus zu fest, so staut sich die geistig-seelische Wesenheit, deren bewussten Anteil wir als unser »Ich« erleben, im Körper. Gesund ist aber der Körper nur, wenn ihn die geistig-seelische Wesenheit rhythmisch, das heißt ihn  im Augenblick des Ergreifens schon wieder loslässt. Das gesunde, elastische Schwingen zwischen Ergreifen und Loslassen des Körpers durch die geistig-seelische Wesenheit ist die Ursache aller Rhythmen, die den gesamten Organismus vom Monatsrhythmus der Frau über die Puls- und Atemrhythmen bis hinein in die Millisekunden-Rhythmen des Gehirns durchdringen. Deshalb tun wir gut daran, die Gesundheit des Menschen nicht als einen "Idealzustand", sondern als ein rhythmischen Schwingen, Atmen und Pulsieren des Ich im Leibe zu verstehen. Dieser Rhythmus des Ich bleibt uns zumeist unbewusst, aber Goethe spricht davon schon sehr deutlich:

 

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:

Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;

Jenes bedrängt, dieses erfrischt;

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Du danke Gott, wenn er dich presst,

Und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt.

(J. W. von Goethe: West-östlicher Diwan)

 

Dieses uns unterbewusst bleibende, weiheitsvolle Durchatmen und Durchpulsen des Leibes (das Goethe in seinem Gedicht als den Gott bezeichnet, dem wir dankbar sein sollen) kann sich nun irgendwo im physisch-lebendigen Körper des Menschen stauen, sobald dieser lokal oder allgemein zu unelastisch wird. Die daraus folgenden Störungen tragen als körperliches Erkennungszeichen den Krampfanfall, als seelisches Merkmal die moralische Uneinsichtigkeit. In dieser doppelten Symptomatik verrät sich die Anlage zur Epilepsie, die bis zum großen epileptischen Krampfanfall mit Bewusstlosigkeit und kurzem Atemstillstand führen kann. In der griechischen und rö­mischen Antike wurde die Epilepsie als »heilige Krankheit« (Morbus Sacer) bezeichnet, weil epileptischen Anfällen vielfach ein visionäres Erlebnis, die sogenannte epileptische »Aura« vorausgeht. (Unter »Aura« wird hier eine "Lichterscheinung" verstanden, die zumeist bei getrübtem Bewusstsein erlebt wird). Offenbar wird das eigene Bewusstsein für den Epileptiker zum dumpfen Lichterlebnis der »Aura«, kurz bevor es in Ohnmacht verfällt, weil sein Ich beim Eintauchen in den physischen Leib zurückprallt wie an einer verspiegelten Glas-Platte. Es handelt  sich also um eine Zweiheit: Erstens wird der Epileptiker ohnmächtig, zweitens verkrampfen sich seine Gliedmaßen. Julius Cäsar war Epileptiker ebenso wie Napoleon Bonaparte und Lenin. Angeblich litten auch Dostojewski und Van Gogh darunter, doch bei den beiden letzteren gibt es plausible Alternativen zur historisch überlieferten Diagnose, wie wir noch sehen werden.

 

»Aura« und Bewusstlosigkeit sind psychische Symptome des Krampfanfalles und berechtigen dazu, die Epilepsie als eine psychische Störung zu klassifizieren. Die Epilepsie kann aber auch maskiert sein, sodass nur ein aggressives Verhalten mit gleichzeitig herabgesetzter moralischer Sensibilität zum Vorschein kommt. So kann man am Beispiel der moralischen Stumpfheit jugendlicher Randalierer, Vandalen und Schläger leicht einsehen, wie wichtig es ist, die Epilepsie als eine psychische Störung zu erkennen. Nach heutiger Kenntnis werden zwar Verhärtungen des physischen Leibes (z. B. Narben im Gehirn) als die häufigste Ursache epileptischer Anfälle angesehen, aber aus anthroposophischer Sicht kann die Ursache der Epilepsie in einer jeglichen Verhärtung des Organismus liegen, so dass die Narben des Gehirns nur ein Spezialfall sind.

 

Der physische Organismus kann nicht nur zu fest, sondern auch zu weich sein. Auch daraus resultiert eine psychische Störung. Dann fließt die geistig-seelische Wesenheit des Jugendlichen über die Körpergrenzen in die Umgebung hinaus und fühlt sich dort bedrängt durch die Nähe fremder Menschen. In gewisser Weise ist das Ausfließen der geistig-seelischen Wesenheit über die Körpergrenzen hinaus eine teilweise Vorwegnahme der Exkarnation des »Ich« im Tode. Die damit verbundene Todesangst bedingt nicht nur die Anfälligkeit für Panik-Attacken, sondern paradoxerweise auch die Neigung zum Suizid, der dann oft als der einzige Ausweg gesehen wird.

 

Aber auch ganz »alltägliche« Störungen werden durch das Ausfließen der geistig-seelischen Wesenheit über die Körpergrenzen hinaus verursacht. Deren psychische Hauptsymptome sind moralische Übersensibilität und Verlust-Ängste. Ohne dass es ihm bewusst wird, nimmt ein solcher Jugendlicher beim Ausfließen der geistig-seelischen Wesenheit über die Körpergrenzen hinaus seelische Einflüsse fremder Menschen seiner Umgebung auf, die er nicht verarbeiten kann, weil sie ihm unterbewusst sind. Und dieses Nicht-Verarbeiten-Können wirkt sich im Unterbewusstsein als ein Gefühl der Machtlosigkeit, aber auch der Unzulänglichkeit und der Schuld (Stompe 2014) aus, als habe der Jugendliche die Schuld für das, was er unterbewusst in seiner Umgebung wahrnimmt. Die psychischen Folgen kann man sich so ähnlich vorstellen, als hätte man eine offene Wunde, durch deren Überempfindlichkeit man ständig davon abgehalten wird, etwas zu tun. Denn jeder Kontakt mit der Umgebung mündet für den zu weichen Jugendlichen in ein Schmerzerlebnis, das aber unterbewusst bleibt, weil die »Wunde« ja nicht äußerlich vorhanden ist, sondern in der hier beschriebenen Weise rein innerlich-seelisch ist. In der anthroposophisch orientierten Jugendpsychiatrie nennt man solche Jugendliche »hüllenlos«, weil ihnen die normale Festigkeit des physischen Leibes fehlt, aber auch die Nähe vertrauter Menschen, die dem gesunden Jugendlichen als leibliche Hülle dienen und seiner Seele Halt geben. Das wird unterbewusst gefühlt und erzeugt ein unangenehmes Gefühl der Abhängigkeit. Diese sich unausweichlich wiederholenden Schmerzerlebnisse und Verlust-Ängste können zu einer chronischen Willenshemmung führen. Diese ist das zweite psychische Hauptsymptom neben der moralischen Überempfindlichkeit und entspricht einer seelischen Depression.

 

Die zuerst genannten, körperlich zu festen Jugendlichen neigen aus ihrer körperlichen Konstitution dazu, aggressive Handlungen zu begehen. Diese aggressive Handlungen werden erst verständlich, wenn man sie als maskierte epileptische Krampfanfälle auffasst. Dass dabei keinerlei Schuldbewusstsein auftritt, heißt nicht etwa, dass es sich um »böse« Jugendliche handelt. Es heißt einfach nur, dass die moralische Stumpfheit als das zweite Hauptsymptom dieser zuerst genannten Störung ebenfalls vorhanden ist. Das Ausbleiben von Reue nach einem Gewaltausbruch ist sogar als Konstitutionshinweis diagnostisch verwertbar, denn für das, was hier als die körperlichen Ursachen der Gewalttätigkeit mitgeteilt wird, gibt es noch keine technischen Untersuchungsverfahren. Spiegelbildlich dazu neigt der zu weiche Jugendliche aus seiner psychischen Überempfindlichkeit dazu, sich selbst zu verletzen, weil dies das zweite Hauptsymptom ist, das sich polar zur Aggressivität der epileptisch veranlagten Jugendlichen entwickelt. Und zu diesem zweiten Hauptsymptom gehörend – spiegelbildlich zur moralischen Stumpfheit der verkappten Epilepsie – entsteht die Neigung, tiefe Schuldgefühle zu entwickeln, die scheinbar grundlos sind. Anthroposophische Therapeuten wissen aber, dass der Grund dafür in der zu weichen körperlichen Konstitution und der daraus hervorgehenden abnormen Wahrnehmung fremder seelischer Vorgänge liegt.

 

Warum verletzt sich nun der zu weiche Jugendliche selbst, obwohl er doch den Schmerz seelisch viel stärker spürt als die moralisch stumpfen Jugendlichen? – Wenn man durch das Ausfließen des Ich über die Leibesgrenzen hinaus unterbewusst beteiligt wird an den Empfindungen fremder Menschen, erfährt man seelische Tatsachen, auf die man sich mit dem Verstand nicht einlassen kann, weil sie unterbewusst sind. Das will man nicht haben, das lehnt man ab! Man fühlt sich also »unfrei«, und ist letztlich »verletzt« durch die »illegitime« Beteiligung an den Gefühlen anderer. Mit dem Verstand kann man es erst erfassen, wenn man den Urheber der Gefühle kennt, die man wahrnimmt. Deshalb verletzt man sich selbst, wenn man in dieser Lage ist. Denn dann kennt man den Urheber der »Verletzung« und kann damit innerlich umgehen. Das kann man hingegen nicht, solange man die Ursache nicht kennt. Ich setze das Wort »verletzt« zwischen Anführungszeichen, weil die Überempfindlichkeit weder dem Jugendlichen noch den Menschen seiner Umgebung als Verletzungsvorgang bewusst wird. Ein Vergleich, der auf den ersten Blick »frivol« erscheinen mag, ist hier dennoch sachgemäß und insofern hilfreich: Wenn man gekitzelt wird, muss man lachen. Kitzelt man sich aber selber, so bleibt das Lachen aus. Warum? - Weil man den Urheber kennt! (Steiner 1910). Sich selbst zu verletzen ist also weitaus erträglicher und auch steuerbarer, als ständig von anderen Menschen, ja, von der ganzen Welt, die viel zu stark wahrgenommen wird, »verletzt« zu werden. Nun dürfte ja klar sein, dass die Außenwelt sehr darunter leidet, wenn eine maskierte Epilepsie sich in Gewalttätigkeit entlädt. Hingegen leidet unter seiner Überempfindlichkeit nur der Depressive selbst, aber niemand sonst. So kann man die Reaktion der Selbstverletzung des Depressiven durchaus als einen »Befreiungsversuch« gegen seine Überempfindlichkeit sehen, wie man sich ja auch wesentlich »freier« fühlt, wenn man selbst auf eine Trommel haut, statt den Lärm einer Trommel ertragen zu müssen, die ein anderer schlägt.

Die Tatsache, dass Mädchen wesentlich häufiger betroffen sind als Buben, bestätigt die hier dargestellte Ursache: Der Mädchenkörper ist schon lange vor der Pubertät weicher und biegsamer als der Bubenkörper. Das sieht man an der viel geschmeidigeren, runderen Handschrift der Mädchen wie auch an ihrer manuellen Geschicklichkeit beim Stricken und ihrer Freude am Tanz, aber auch an ihrer größeren seelischen Schmerzempfindlichkeit.

 

Dass auch der Verlust von Angehörigen und traumatische Erlebnisse bis hin zum sexuellen Missbrauch in der Vorgeschichte der sich selbst verletzenden Jugendlichen gefunden werden, bedarf einer gesonderten Betrachtung: Die Weichheit des physischen Körpers ist die primäre Ursache der Selbstverletzung. Verlust von Angehörigen, Trauma-Erlebnisse und sexueller Missbrauch haben aber auf dieser körperlichen Grundlage viel weitreichendere Folgen als bei einem zu harten Körper: Das im Ausfließen ohnehin schon halb exkarnierte Ich exkarniert sich durch derartige Erlebnisse noch weiter. (Das Wort »Exkarnation« bedeutet das Gegenteil von »Inkarnation«, das seinerseits von dem lateinischen Wort »incarnare« = Verkörpern kommt. Gemeint ist damit die Verkörperung eines Geistig-Seelischen in einem menschlichen Körper bei der Geburt. Exkarnation bedeutet also die Entkörperung des Geistig-Seelischen beim Tod.) Wie die teilweise Exkarnation des Ich bei der hysterischen Depression ein Zerrbild des Todes ist, so kann man die Stauung des Geistig-Seelischen im zu harten Körper bei der Epilepsie als eine Karikatur der Inkarnation oder als eine gewaltsame »Wiedergeburt« bezeichnen, wie wir noch sehen werden.

 

Nun zur Verfeinerung der Diagnosestellung, die wir bei Dostojewski und Van Gogh schon angekündigt haben:

Man kann die geistig-seelische Wesenheit des Menschen knapp als sein »Ich« bezeichnen. Dieses »Ich« ist vor allem ein Widerspruchswesen. Das lehrt uns auch der Umgang mit Jugendlichen: Üben wir Zwang aus, so leisten sie sofort Widerstand, auch dann, wenn ihnen dasselbe ohne Zwang gut gefallen hätte. Weil der Mensch ein »Ich« hat, treten auch innerhalb seines Organismus sofortige Gegenreaktionen gegen die eigenen, primären Krankheitstendenzen auf. Diese Gegenreaktionen müssen bei der Diagnose ebenso berücksichtigt werden. Wir müssen also stets unterscheiden, ob ein Symptom die primäre Krankheitsfolge für das Ich oder sekundär (d. h. eine Reaktion des Ich gegen diese Krankheitsfolge) ist.

 

Betrachten wir also nochmals den physisch gesehen zu weichen Menschen: Die Kräfte, die ihn depressiv machen, sind sexuelle Kräfte, aber nicht nur diese, sondern die Liebes-Kräfte des Menschen schlechthin. (Polar dazu können epileptische Anfälle durch übermäßig starke Sinnesreize, z. B. durch Stroboskop-Licht und sogar durch Wutanfälle, also durch Hass ausgelöst werden.) Die Gegenreaktion des Ich gegen die eigene Sexualität führt dazu, dass die zu weichen Menschen Schuldgefühle entwickeln, selbst wenn sie enthaltsam leben. Und die erlebten Misshandlungen werden innerlich durch die Liebes-Kräfte nicht nur verziehen, wie dies gesund wäre, sondern in Schamgefühle verwandelt. Durch diese Gegenreaktionen des Ich können sie nicht nur sexuell frigide, sondern sogar »Heilige« werden. Rudolf Steiner erklärt das Phänomen der »Heiligen« generell so, dass sie aus der Gegenreaktion des Ich gegen ihre übermäßige Sexualisierung die Enthaltsamkeit suchen (Steiner 1921–1922, S. 93–95).

 

So kommt es auch leicht zu Fehleinschätzungen der rein körperlichen Phänomene, dass man zum Beispiel die krampfartigen Gegenreaktionen der Ich-Organisation mit epileptischen Krämpfen verwechselt, obwohl sie aus der dazu entgegengesetzten, zu weichen Konstitution hervorgehen.

 

In der akademisch hoch angesehenen Charcotschen Schule der französischen Psychiatrie des 19. Jahrhunderts bezeichnete man die hysterischen Krampf-Attacken als »epileptoid« (= epilepsie-ähnlich), weil im Zentrum dieser Anfälle oft die Hyperventilations-Tetanie steht (Hyperventilation = krankhaft übersteigertes Atmen, Tetanie = dem Tetanus ähnliche Muskelkrämpfe), deren Hauptphänomen eine allgemeine muskuläre Verkrampfung ohne Bewusstlosigkeit ist. Aber auch hysterische Lähmungen, das heißt Lähmungen, die nicht durch eine körperliche Verletzung erklärbar sind, können zum hysterischen Anfall gehören. Man ahnte zwar, dass solche Anfälle keine »echten« Epilepsien sind, konnte dies aber noch nicht nachweisen oder ausschließen, wie dies heute anhand der Hirnströme im EEG und durch Messung der peripheren Nervenleitung geschieht. Deshalb hatte man keine »naturwissenschaftliche« Erklärung. 

 

Es gab sogar Ansätze zur experimentellen Erforschung der Hysterie, zum Beispiel den so genannten Charcot-Versuch: Dazu wurde ein Kranker genommen, der sich schon in einem hysterischen Zustand befand, versetzte ihn in tiefe Hypnose und gab ihm einen leichten Schlag auf den Arm. Daraufhin fiel dieser Arm herab, war gelähmt und zeigte alle Befunde einer traumatischen Lähmung. Da nun durch eine verbale Suggestion: »Du, dein Arm ist gelähmt« der Schlag insofern ersetzt werden konnte, als dieselben Lähmungs-Befunde auftraten, wurde das physische Trauma mit einer verbalen Suggestion vollkommen gleichgesetzt. Leider war aber das logische Denken in der Charcotschen Schule unterentwickelt (und auch bei Sigmund Freud, der den Charcot-Versuch nachweislich für absolut exakt hielt): Man hatte vollkommen übersehen, dass die Versuchsperson schon vor Beginn des Versuches an Hysterie erkrankt war. So ist bis heute der Begriff des »hysterischen« Anfalles damit belastet, dass man nicht sieht, dass die Hysterie eine »echte« Krankheit in dem Sinne ist, dass ihr eine körperliche Ursache zugrunde liegt. In der heutigen akademischen Psychiatrie hält man deshalb die »Hysterie« weiterhin für äußerlich-psychisch (= eingebildet) und bezeichnet sie vorzugsweise als »Konversions-Neurose« (Konversion = Verwandlung eines psychischen Konfliktes durch »Verdrängung« in ein körperliches Symptom).

 

»Epileptoide« Anfälle werden heute als »Dissoziative Anfälle« oder auch als »Pseudoepilepsie« bezeichnet, jedoch weiterhin ohne genaue Kenntnis der körperlichen Ursachen. Für das Letztere spricht, dass der Ausdruck »dissoziativ« aus mangelnder Kenntnis der körperlichen Ursachen nur intrapsychisch, also als eine »Spaltung« zwischen Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten verstanden wird. Insofern beschreibt der Ausdruck nur die psychische Oberfläche, aber nicht den zugrundeliegenden Prozess. Der Ausdruck »dissoziativ« könnte aber ungleich griffiger beschreiben, was zugrundeliegt, wenn er sich auf das Verhalten des »Ich« zum Leib bezöge: Auch das Ausfließen des Ich über die Leibesgrenzen, und nicht bloß die intrapsychische Trennung von Wahrnehmung und Gedächtnis, sollte man als eine „Dissoziation“, als ein teilweises sich Loslösen des Ich vom Leib verstehen. Damit hätte man als die primäre Ursache der Hysterie ein gut charakterisierbares, pathologisches Verhältnis der geistig-seelischen Wesenheit zum physisch-lebendigen Leib erfasst. Und die meisten Symptome, die heute immer noch als für die Diagnose »Hysterie« wegweisend gehalten werden, würden sich als bloß sekundär erweisen. Insbesondere das Bedürfnis, sich darzustellen und gesehen zu werden ist sekundär, also nur die Gegenreaktion des Ich gegen den Primärprozess des »Ausfließens« und kann deshalb auch fehlen. Ich habe darüber schon ausführlicher geschrieben (Brettschneider 1994). Die »echte« Epilepsie ist andererseits primär eine Krankheit des zu harten Körpers (z. B. infolge Narbenbildung im Gehirn nach Verletzungen oder Entzündungen), verursacht zerebrale (also vom Gehirn aus erregte) Krampfanfälle mit Bewusstlosigkeit und abruptem Beginn, und darf deshalb nicht mit den peripheren Muskel-Krämpfen durch Hyperventilation, die sich allmählich ohne Bewusstlosigkeit aufbauen verwechselt werden, die als körperliche Begleiterscheinungen der hysterischen Depression auftreten.

 

Besonders bei Michael Jackson kann man die körperliche Konstitution, die dem ganzen Rätsel der Hysterie zugrunde liegt, ausgezeichnet studieren: Er war körperlich so weich, dass er nie erwachsen wurde, weder Mann noch Frau, weder Kind noch Erwachsener, weder schwarz noch weiß sein konnte! So hängt die ewige Suche nach der eigenen Identität eng mit der zu weichen Leiblichkeit zusammen (und die ständige Suche nach dem passenden Namen kann ebenfalls ein – wenngleich harmloser – Hinweis auf die hysterische Konstitution sein). Der Epileptiker hingegen definiert sein Selbst durch Besitz und Leistung. Und weil das ausfließende Selbst des Hysterikers sich »immer so klein« und »nicht gut genug« vorkommt, fühlte sich Michael Jackson aus der Gegenreaktion seines Ich dazu gedrängt, sich auf seiner »History«-Tournee als hunderte Meter großes, metallisch glänzendes Monstrum, als »Stalin« im Pop-Format zu präsentieren. Er machte also aus seinen hysterischen Unzulänglichkeits-Gefühlen ein magisches Spektakel. Polar dazu lebten die Epileptiker Cäsar und Napoleon ganz real ihren Größenwahn und überzogen ganz Europa mit Gewalt. Gewalttätige Epileptiker werden sich also kaum je einer Schönheitsoperation unterziehen, denn sie sind aus ihrer Sicht »schon immer im Recht«, waren »schon immer so richtig«, wie sie eben sind. 

 

Letztlich hat also jede der beiden geschilderten Krankheiten vier Hauptsymptome: zwei primäre und zwei sekundäre. Zwei primäre Hauptsymptome hat der Mensch, weil er einerseits eine lebendig-physische und andererseits eine geistig-seelische Wesenheit ist. Zwei sekundäre hat er, weil das Ich gegen seine Krankheit auf diesen beiden Ebenen revoltiert, um das Gleichgewicht zu halten. Es geht aber für die angemessene Therapie stets darum, aus dem äußeren Symptomenkomplex richtig abzulesen, was primär, was sekundär ist. So haben wir gerade bei dem zu weichen Menschen oft eine merkwürdige »Halsstarrigkeit«, die den ganzen Körper ergreift und eine Gegenreaktion des Ich gegen die Selbsterkenntnis des Krankseins ist, ohne die aber eine Therapie nicht möglich ist.

 

Schließlich taucht auch die Frage auf: Warum ist das Phänomen der Selbstverletzung  erst in letzter Zeit so in aller Munde? Die Ursache dafür ist ist sehr einfach: Den Inhalt der Selbstverletzung hat es schon immer gegeben, aber die Form, in der sie auftritt, ist dem historischen Wandel unterworfen. So habe ich neulich in "Arte" einen Bericht über das Leben in einem noch sehr ursprünglichen Dorf gesehen. Wie nebenbei wurde darin behauptet:"Bei uns behaupten die Männer ihre soziale Stellung mit den Fäusten, und die Frauen raufen sich die Haare". Ich war wie elektrisiert, als ich es hörte: Da lag des Rätsels Lösung! Die Dorfbewohner fanden es offenbar ganz normal, was sie da feststellten, aber mir wurde schlagartig klar: Das sind die "Urbilder" der Selbstverletzung und der "Gewalttätigkeit"!

 

Von hier aus kommen wir nun skizzenhaft zur anthroposophischen Therapie

der genannten Krankheitsbilder. Die beiden Krankheitsbilder ergeben eine deutliche Polarität, und diese lässt sich auch an den Heilpflanzen wiederfinden:

 

Bei der Epilepsie handelt es sich primär um Prozesse, die vom Nervensystem

ausgehen. Deshalb ist hier die Tollkirsche (Atropa belladonna  L.) als Nervengift

von großem therapeutischem Wert. Das Wachstum der Tollkirschenpflanze verrät

dem geschulten Blick, wie ihre Giftigkeit dadurch entsteht, dass der Blüh-Impuls

tiefer in den von der Pflanzenwurzel ausgehenden Spross- und Blattaufbau eingreift, als dies dem allgemeinen Pflanzentypus entspricht. Ganz allgemein bringt der Blüh-Impuls alle krautartigen Pflanzen zum Absterben und lässt nur Bäume und Staudenüberleben. Das sehen wir am anschaulichsten bei der Kornreife: Jahr für Jahr, wenn der Hochsommer kommt, verwandeln sich riesige Kornfelder vor unseren Augen in wunderbar goldfarbenes, aber eben totes Stroh. In der Frucht überlebt zwar das Korn. Aber die einzelne Pflanze muss durch den Blühimpuls sterben. Das ist die Wirkung des Blühimpulses für den allgemeinen Typus des einjährigen Krautes. Die Bäume entgehen diesem Schicksal, indem sie den Blühimpuls vom Hauptspross auf die Nebensprosse (auf die so genannten Kurzsprosse) ablenken. Das begrenzt die todbringende Wirkung des Blühimpulses auf die Nebensprosse und lässt den Hauptspross weiterwachsen. Bei der Tollkirsche, die eine Staude ist, sehen wir ganz andere Verhältnisse, die einem dramatischen Kampf entsprechen: Jedes Frühjahr wird der Hauptspross urplötzlich auf halber Höhe im Wachstum unterbrochen und verzweigt sich tellerförmig in drei, vier, fünf oder noch mehr Nebensprosse (Abb. 1a).

 

Die abrupte Aufzweigung der Hauptachse des Blütenstandes ist das Zeichen dafür, wie hart diese Pflanze vom Blühimpuls getroffen wird (siehe Abb. 1b). Zwar hat die Tollkirsche – anders als die Kräuter – da sie eine Staude ist, einen großen unterirdischen Wurzelstock, der das Blühen und Fruchten überlebt und im Folgejahr erneut austreibt. Aber ihr dramatischer Kampf zwischen Austrieb und Blütentod, und ihre »Wiedergeburt« in den blühenden Zweigen schlägt sich in der Bildung des Nervengiftes dieser Pflanze substantiell nieder und macht sie zum Heilmittel der Epilepsie.

Abb. 1 Tollkirsche (Atropa belladonna L.). (Fotos: Brettschneider)

Atropa belladonna Verzweigung der Hauptachse im Mai
Tollkirsche Verzweigung der Hauptachse im Mai

a) Verzweigung der Hauptachse im Mai

Atropa belladonna Nahaufnahme der Aufzweigung, etwa 4 Wochen früher
Tollkirsche Nahaufnahme der Aufzweigung, etwa 4 Wochen früher

b) Nahaufnahme der Aufzweigung , etwa 4 Wochen früher.

c) Belladonna Blüte. Das Grün, das sich in das Rot-Violett der Blüte mischt und es schmutzig grün-violett erscheinen lässt, verrät die Wiedergeburt der Wurzelkräfte in der Blüte.
c) Tollkirsche Blüte. Das Grün, das sich in das Rot-Violett der Blüte mischt und es schmutzig grün-violett erscheinen lässt, verrät die Wiedergeburt der Wurzelkräfte in der Blüte.

 

c) Blüte. Das Grün, das sich in das Rot-Violett der Blüte mischt und es schmutzig grün-violett erscheinen lässt, verrät die Wiedergeburt der Wurzelkräfte in der Blüte.

d) Atropa Belladonna. Die Schwärze der Frucht ist ein extrem tiefes Violett, also die Gegenfarbe des Blattgrüns, und damit die Farbe der Todes-Kräfte.
d) Tollkirsche. Die Schwärze der Frucht ist ein extrem tiefes Violett, also die Gegenfarbe des Blattgrüns, und damit die Farbe der Todes-Kräfte.
 d) Frucht. Das Foto zeigt den Seitentrieb einer fruchtenden Tollkirschenpflanze von unten, wobei der Blick von der Zentralachse nach Auswärts gerichtet ist. Die Schwärze der Frucht ist ein extrem tiefes Purpur, also die Komplementärfarbe des Blattgrüns, und damit die Farbe der Todes-Kräfte, deren Ursprung im Blüh-Impuls liegt.

 

Auch die Farben der Blüte spiegeln diesen Kampf zwischen dem primär entvitalisierenden Blühimpuls und dem sekundären Gegenschlag der vitalisierenden Wurzelprozesse: Die rot-violette Blütenkrone hat grün überhauchte Außenflächen als Ausdruck der sekundären Gegenwehr der vitalisierenden Wurzelkräfte, die sich in der Farbe des Blattgrüns zeigen (Abb. 1c). Nur die Frucht trägt, wie die erweiterte Pupille eines magisch beseelten Auges (Abb. 1d), das tiefe, aber einheitliche Purpur, das als die Komplementärfarbe des Blattgrüns die Todeskräfte verrät, die mit dem Blüh-Impuls hier abnorm tief in die Pflanze eindringen.

 

In jeder Hinsicht polar dazu präsentiert sich das madagassische Brutblatt, auch bekannt als die Keimzumpe (Bryophyllum, siehe Abbildungen 2 a-c). Hier wird nicht, wie bei der Tollkirsche, der todbringende (entvitalisierende) Einschlag des Blühimpulses durch eine abrupte Verzweigung überwunden. Polar dazu, ganz ohne äußeren Anlass, und wie aus der originären „Persönlichkeit“ dieser Pflanzenart, tritt ein Vitalisierungsprozess, der sich beim allgemeinen Pflanzentypus vom Wurzelbereich aus entfaltet, bei Bryophyllum zusätzlich in der Blattregion hervor (siehe Abbildung 2b).

 

Wiederum kommt man auch hier nur zurecht, wenn man die speziellen Phänomene dieser Pflanzenart vor dem Hintergrund des allgemeinen Pflanzentypus betrachtet:

 

Die typusgemäße Pflanze lässt alle ihre Organe zeitlich und räumlich getrennt den vitalisierenden Keimkräften der Wurzel entsprießen: Zuerst die Keimblätter, dann den Primär-Spross und die Primär-Blätter, und zuletzt die ganze Fülle der Sekundär-Sprosse und - Blätter. Beim madagassischen Brutblatt (Bryophyllum officinalis, heute als Kalanchoe pinnata L. bezeichnet) ist das in der Jugendzeit der Pflanze völlig ebenso. Dann aber wachsen, unabhängig von der Blühreife, zusätzlich aus Einkerbungen der Blattränder komplette kleine Pflänzchen hervor, bestehend aus Würzelchen, Stängelchen und Blättchen, denen nur noch die Blüte fehlt (Abb. 2b).

Abb. 2 Bryophyllum (Kalanchoe pinnata L.)

a) Brutblatt Im Botanischen Garten Berlin (Foto Heintze)
a)Bryophyllum Im Botanischen Garten Berlin (Foto Heintze)

a) Im Botanischen Garten Berlin (Foto Heintze)

b) Brutblatt Brutknospen mit Würzelchen (Foto Heintze)
b) Bryophyllum Brutknospen mit Würzelchen (Foto Heintze)

b) Brutknospen mit Würzelchen (Foto Heintze)

c) Brutblatt Blütenstand (Foto Heintze)
c) Bryophyllum Blütenstand (Foto Heintze)

c) Blütenstand (Foto Heintze)


Das daher so benannte Brutblatt (Bryophyllum) erzählt uns also nichts von einem durch Lichtrhythmen extern induzierten, aggressiven, den Spross und die Frucht durchdringenden, todbringenden Blühimpuls, sondern zeigt uns räumlich und funktional dazu entgegengesetzt, wie ohne äußeren Anlass, dutzende kleiner Brutknospen auf der Höhe der Blattregion durch das System der inneren Kräfte der Pflanze hervorgetrieben werden, dessen Zentrum normalerweise im Wurzelpol der Pflanze liegt. Nur in den Blattachseln können dann die Abgesandten der Wurzelkräfte als Keimgewebe in den Knospen auftreten und von dort aus die Hauptachse durch Nebensprosse bereichern, normalerweise aber nicht von den Blatträndern aus. Dass dennoch die Brutknospen der Blattränder bei Bryophyllum ebenfalls solche Abgesandte der Wurzelkräfte sind, erweist sich besonders deutlich daran, dass diese nicht nur Blätter und Sprosse, sondern auch Würzelchen hervorbringen (Abb. 2b). Diese bis zur Hervorbringung kleiner, separat lebensfähiger Einzelpflänzchen gehenden Wachstumskräfte der Pflanze entsprechen dem, was im Menschen Sexualkräfte sind, denn die letzteren offenbaren sich ja nicht bloß im Seelischen, sondern spenden Leben, das wie bei Bryophyllum bis zur Hervorbringung kompletter neuer, separat lebensfähiger Organismen geht.

 

Tatsächlich hat sich diese Pflanze als ein Heilmittel der ersten Wahl gegen die aus einer Übersexualisierung hervorgehende hysterische Depression des Menschen bewährt. Diese wird den Betroffenen aber nicht als Übersexualisierung, sondern zumeist nur als Depression bewusst. Auch gegen die Sekundärsymptome der hysterischen Depression ist Bryophyllum therapeutisch hoch wirksam, also auch gegen die Neigung zur Selbstverletzung, zur hysterischen Lähmung, zur hyperventilatorischen Tetanie und zu dissoziativen Anfällen.

 

Wie schon die Tollkirschenblüte, so zeigt auch Bryophyllum sekundäre Gegenprozesse: Statt der Grün-Überfärbung der Blüte wie bei der Tollkirsche findet man die Blätter und Brutknospen bei Bryophyllum rötlich gesprenkelt (Abb. 2b). Das spricht dafür, dass die Dialektik polarer Kräfte bei Bryophyllum nur den Blattbereich, und nicht wie bei der Tollkirsche vor allem den Blüten- und Sprossbereich durchdringt.

 

Wie das Eindringen externer Todeskräfte bei der Tollkirsche, so zeigt sich also auch das für Bryophyllum so kennzeichnende Hervorbrechen interner Wachstums- und Reproduktionsprozesse im Spiel der Farben: Bei der Tollkirsche wird das Violett-Rot der Blüte durch den sekundären Gegenschlag der vitalisierenden Wurzelkräfte flächig grün überhaucht. Polar dazu zeigt sich bei Bryophyllum das Grün der Blätter rot umrandet und die Brutknospen sind als Gegenreaktion der Blütenkräfte im Blattbereich schmutzig-rot gesprenkelt (Abb 2a + b).

 

Grün überhauchte Blütenröte und schmutzig-rot gesprenkeltes Blattgrün: Welcher Gegensatz! Der grüne Hauch auf den Blüten der Tollkirsche kündet von einer zentrifugalen Sekundärantwort der Wurzelkräfte auf die primär todbringende, aus dem durchlichteten Kosmos zentripetal eindringende Blüteninduktion. Die rote Sprenkelung auf den Blättern und Brutknospen bei Bryophyllum andererseits verbildlicht die zentripetale Sekundärreaktion der Blütenkräfte auf den primären Überschuß an unterirdischen Vitalkräften der Wurzel. Diese zeigen sich daher nicht an den Blüten, sondern an den Blatträndern. So dialektisch liest sich das Buch der Natur! Das inspiriert uns, ebenso präzise auch menschliche  Krankheiten zu durchschauen und die Selbstheilungskräfte anzuregen!

 

Den beiden hier beschriebenen Krankheiten liegt nicht nur eine Polarität, sondern auch ein Gemeinsames zugrunde. Dieses besteht darin, dass sich die genannten Störungen auf einem mittleren Gebiet zwischen den Stoffwechsel- und den Nerven-Prozessen abspielen, dass es sich also um Verschiebungen der rhythmischen Schwingung der Ich-Organisation um eine gesunde Mittellage handelt: Beim epileptischen Krankheitsbild dominiert das Nervensystem und verschiebt die Schwingung der Ich-Organisation nach unten. Das verursacht Krämpfe einerseits und Bewusstlosigkeit andererseits. Beim depressiv-hysterischen Kranksein wird polar dazu das Nervensystem von den Kräften überflutet, die der Sexualität zugrunde liegen. Also verschiebt sich hier die gesunde Mittellage der Ich-Schwingung nach oben. Das ruft die chronischen Scham- und Schuldgefühle als Sekundärreaktionen des Ich hervor und schwächt so die psychische Selbstbehauptung.

 

Es gibt ein mineralisches Heilmittel, das am Hypomochlion der Ich-Schwingung, also am Zünglein der Waage innerhalb des Rhythmischen Systems des Organismus regulierend einzugreifen vermag: Ein solches Heilmittel ist das Antimon (auch Stibium, Sb benannt), ein metallisch glänzendes, nadelförmig kristallisierendes, giftiges Halbmetall. Das Rhythmische System verbindet nicht nur den Kopf mit dem Bauch, sondern weist auch jedes der beiden in seine Schranken, indem es sich als ein eigenes System ordnend dazwischen stellt. Deshalb kann Antimon bei beiden hier geschilderten Krankheitsprozessen therapeutisch eingesetzt werden, indem es die Mitte stärkt. Seine wirksamste Form ist das Antimonit, eine Verbindung aus Schwefel und Antimon (siehe Abb. 3). Doch Vorsicht: Manche Patienten vertragen das Antimonit nicht. Deshalb ist zu empfehlen, erst Stibium metallicum D6 (Weleda) oder auch Marmor D6/Stibium D6 (Weleda) zu geben und danach erst das noch wirksamere Antimonit (Weleda), allein oder in Kombination mit Conchae D6 (Weleda) = Austernschale = Calcium carbonicum).

Abb. 3: Antimonit
Abb. 3: Grauspießglanz

Abb. 3: Grauspießglanz (Antimonit)

So finden wir das Geheimnis des dreigliedrigen Organismus, das erstmalig von Rudolf Steiner entschlüsselt und nutzbar gemacht wurde (Steiner 1917: Von Seelenrätseln, 6. Anhang), auch in dieser Heilmittel-Dreiheit erneut wirksam: Zwischen zwei polar konstituierte Heilpflanzen, zwischen die giftige, nervenerregende Tollkirsche und das weitgehend ungiftige, die Unterleibsorgane beruhigende Brutblatt (Bryophyllum), stellt sich jeweils als vermittelnder und zugleich trennender Regulator das Antimonit, der Grauspießglanz! Die therapeutischen Erfahrungen sind hier mannigfaltig: Die hysterische und die postpartale Depression (die bis zur völligen Ablehnung des Kindes und des Ehemannes nach der Entbindung gehen kann!) spricht schon hervorragend an auf orale und intravenöse Gaben von Stibium oder Antimonit in Kombination mit Austernschalenkalk. Bei Panik-Syndrom und dissoziativen Anfällen ist zusätzliches Bryophyllum, sowohl oral als auch intravenös, unverzichtbar. Noch wichtiger aber ist es, rechtzeitig zu bemerken, dass viele Patienten, wenn sie aus anderem Anlass in die Praxis kommen, zusätzlich an hysterischer Depression erkrankt sind. Dies trifft insbesondere für „unspezifische“ Darm- und Durchfallbeschwerden, allein oder in Kombination mit atypischen Hautausschlägen, also Ekzemen der unteren Körperhälfte und des Rückens zu. Das Spektrum kann aber bis zu paroxysmalen (anfallsartigen) Tachykardien (Herzrasen, Vorhofflimmern, orthostatische Synkopen oder Hochdruckkrisen), Hyperventilations-Tetanie und Asthma bronchiale reichen.

 

Manchem Leser mag nun die Frage kommen: Wo liegt denn der Unterschied zur Behandlung psychischer Störungen mit Psychopharmaka?

 

Wir hatten uns bereits mit der Tatsache bekannt gemacht, dass der Mensch ein Widerspruchswesen ist, weil er ein »Ich« hat, und hatten die Widersprüche des »Ich« bis in die Feinheiten der Diagnostik verfolgt. Die akademische Medizin macht täglich die Erfahrung des Widerstandes des »Ich« gegen die Therapie, ohne aber dessen Ursache zu kennen: Nur aus der Gegenwehr des »Ich« lässt sich verstehen, warum in der akademischen Medizin Nebenwirkungen bei Arzneimitteln einerseits unvermeidlich sind und andererseits die Wirkung der Medikamente vermeintlich durch »Gewöhnung« fortlaufend abnimmt. In Wirklichkeit äußert sich hier der Widerstand des »Ich« in der »Nebenwirkung« und in der »Gewöhnung«, weil er immer weiter zunimmt.

 

Einer der ersten Ärzte der Neuzeit, der dies entdeckte, war Samuel Hahnemann (1755 -1843), der Erfinder der Homöopathie. Er wusste zwar noch nichts vom »Ich« des Menschen, aber er entdeckte, dass giftige Substanzen, wenn sie in verdünnter Form gegeben werden, den Organismus anregen können, genau die Krankheiten zu überwinden, die durch unverdünnte Gifte hervorgerufen werden. Deshalb nannte er seine Entdeckung die »Ähnlichkeits-Regel«: Eine verdünnte Giftsubstanz kann die Heilung der Krankheiten anregen, die den Wirkungen desselben Giftes in hoher Dosierung ähneln. Auch in der Schulmedizin gibt es vergleichbare Erfahrungen, zum Beispiel bei der Impfung mit abgeschwächten Erregern. Der therapeutische Effekt entsteht also in der Homöopathie (wie auch bei der Impfung in der Schulmedizin) erst aus der Gegenwehr des »Ich« gegen das Heilmittel. Er ist deshalb so nachhaltig, weil er dem Organismus nicht von außen aufgezwängt wird, sondern aus der eigenen Kraft kommt.

 

Die richtige Wahl des Heilmittels in der Homöopathie zu treffen, ist eine hohe Kunst, denn es gilt, hunderte von Krankheitssymptomen mit tausenden von Vergiftungsbildern zu vergleichen. In der Homöopathie Hahnemanns behilft man sich bei der Suche, indem man statistisch vorgeht, um die »seltensten« Symptome zu finden. Das scheint auf den ersten Blick absurd, macht aber Sinn, wenn man bedenkt, dass sich ja das »Ich«, also die Individualität des Menschen, gerade in den »seltensten« Phänomenen ausspricht.

 

Die Anthroposophie Rudolf Steiners (1861–-1925) stellt nun dieser Heilkunst Heilkunst eine Wissenschaft Wissenschaft zur Verfügung, die unsere Naturwissenschaft bis in das Geistig-Seelische hinein erweitert (Steiner 1917). So erschließt sie, wie hier gezeigt wurde, die Möglichkeit, primäre von sekundären Phänomenen auf das Feinste zu unterscheiden. Dadurch erübrigt sich die Suche nach den statistisch »seltensten« Phänomenen wie in der klassischen Homöopathie. Man erkennt das »Ich« des Menschen an seinen Aktionen und Reaktionen und regt seinen Widerstand an, der zur Selbstheilung führt.

 

Zuletzt soll auch den Lesern etwas gesagt werden, die sich eine anthroposophische Psychotherapie der genannten Störungen wünschen: Da beide Störungen sowohl körperliche als auch psychische Aspekte haben, kommt aus anthroposophischer Sicht keine reine Gesprächstherapie, sondern eher eine Übungsbehandlung in Betracht, bei der also nicht das Denken, sondern das Ergreifen des Leibes durch die geistig-seelische Wesenheit im Handeln therapeutisch beeinflusst werden soll. Dieses Verfahren steht also der Pädagogik ebenso nahe wie der Medizin.

 

Bei der Epilepsie ist klar, dass ein Kraft- oder Ausdauertraining schädlich wäre, da es den Körper noch zusätzlich verhärten würde. Statt dessen kommen Übungen in Betracht, die die Sensibilität und Flexibilität herausfordern, also zum Beispiel Gleichgewichts- und Geschicklichkeitsübungen, wie auch Kalligraphie, Nass-In-Nass-Malerei, Sprachgestaltung und Heileurythmie, wobei die letztere dies alles in einem einzigen Übungsprogramm vereint (Steiner 1921–1922).

Literatur

Brettschneider, H. (1994): Zur Physiognomie der Tuberkulose. Jahrbuch für Goetheanismus 1994: 178–213. Niefern-Öschelbronn

Schnack, D. (2014): Selbstverletzungen: Warum junge Menschen schneiden, ritzen und stechen. Ärzte Zeitung vom 13.5.2014

Steiner, R. (1894): Die Philosophie der Freiheit (GA 4). Berlin

- (1917): Die physischen und die geistigen Abhängigkeiten der Menschen-Wesenheit. In: Von Seelenrätseln (GA 21), 6. Anhang des 4. Kapitels. Dornach (1963)

(1920): Geisteswissenschaft und Medizin (GA 312), 2. Vortrag. Dornach (1961)

(1921–1922): Heileurythmie (GA 315). Dornach (1981)

      (1924): Heilpädagogischer Kurs (GA 317), 3. und 4. Vortrag. Dornach (1979)

      (1925): Anthroposophische Leitsätze ( GA 26). Dornach (1972)

      (1923): Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes, 10. und 12. Vortrag (GA 230), Dornach

Stompe, T. (2014): »Du sollst mich töten!« – Schlachtung auf Verlangen: Was Täter und Opfer antreibt. MMW – Fortschritte der Medizin 2014(6): 6–7

        Als PDF-Download sehr zu empfehlen:

Zum Thema Tötung auf Verlangen und Schuldgefühle als Ursache:

http://www.springermedizin.de/du-sollst-mich-toeten/4976146.html

Zum Thema „Dissoziation Anfälle:

www.kleinwachau.de/uploads/pdf/NES-Info_2012-08-06ÖA.pdf

http://www.aerzteblatt.de/archiv/136964/Dissoziative-Anfaelle