Selbstverletzung bei Jugendlichen

Auf dem Weltkongress für Psychotherapie und Anthroposophie im Oktober 1997 leitete Dieter Beck, Psychiater und leitender Arzt an der Friedrich Husemann Klinik für Psychiatrie in Buchenbach bei Freiburg/Brsg., seinen Beitrag mit den folgenden Worten ein:

„Die seelische Krankheit, die wir Borderline-Störung (Hervorhebung durch H.B.) nennen, tritt recht genau mit Beginn des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts auf. Es gibt einige wenige Vorläufer in der Literatur, ein Tasten zu diesem Krankheitsbild hin; aber die ersten konturierten Darstellungen dieser Krankheit stammen vom Ende der 60er Jahre, von Kernberg 1967, 1969, und aus späteren Jahren auch von zahlreichen anderen Autoren. Es ist eine Krankheit, die überhaupt erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vorkommt und seither in erschreckendem Ausmaß rapide an Häufigkeit, wohl auch an Schwere zunimmt.“ (D. Beck: Die Borderline-Störung als Inkarnationskrankheit, in: Persephone Band 13, S. 83-96, Verlag am Goetheanum, Dornach o.J.).

 

In diesem Zitat ist ein psychiatrischer Fachterminus enthalten, den ich durch kursive Fettschrift hervorgehoben habe, aber gerne in einem separaten Kapitel näher beschreiben möchte: Die so genannte Borderline-Störung. Sie ist dem heutigen Schrifttum nach „die“ psychische Störung, für die das so genannte „Ritzen“ mit der Rasierklinge als Selbstverletzung an den Oberschenkeln oder den Unterarmen als ganz besonders typisch gilt ( 75-85% aller Borderline-Patienten), die aber keineswegs die einzige psychische Störung ist, als deren Symptom die nicht-suizidale Selbstverletzung (NSSV) in dieser Form des „Ritzens“ charakteristisch ist, wie man in besonderer Ausführlichkeit dem Buch „Selbst-Verletzung“ entnehmen kann. Dieses Buch ist erst 2016 von Ulrich Sachsse und Willy Herbold, beide von der Asklepios-Fachklinik Göttingen, mit Beiträgen von psychiatrischen Fachärzten aus  Fachkliniken in Bad Cannstatt, Berlin, Bremen, Heidelberg, Mönchengladbach, Ravensburg und Ulm herausgegeben worden.  Bereits in der Einleitung wird dort ausdrücklich darauf hingewiesen, dass selbstverletzendes Verhalten (SSV) und nicht-suizidale Selbstverletzung (NSSV) keineswegs, wie noch in den 80er Jahren üblich, auf die Borderline-Störung reduzierbar ist. Aber gerade diese letztere Aussage weckt die Frage: Was ist all diesen psychischen Störungen gemein, für die NSSV und SSV charakteristisch ist? – Um es gleich vorwegzunehmen: Ich konnte es dem Buch nicht entnehmen und bin aufgrund der eigenen Erfahrung auf Hypothesen angewiesen, die ich aber gerne zur Diskussion stelle.

 

 

Zur Definition des Phänomens der Selbstverletzung: 

 

Ich persönlich halte Definitionen insofern für nicht besonders nützlich, als sie normalerweise ein Problem durch Eingrenzung verringern wollen. Hier aber ist eine Erweiterung der eigenen Erfahrung dadurch möglich, dass einzelne Besonderheiten des Phänomens dem Leser eventuell noch nicht bekannt sind:

 

Nach dem DSM-5 (5. Version des diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen der American Psychiatric Association 2015) werden folgende Einschlusskriterien für die dort neu aufgenommene Forschungsdiagnose selbstverletzendes Verhalten (SSV) und nicht-suizidale Selbstverletzung (NSSV) vorgeschlagen:

A.  An mindestens fünf Tagen des vergangenen Jahres wurden absichtlich Schäden an der eigenen Körperoberfläche so herbeigeführt, dass Blutungen, Blutergüsse oder Schmerzen auftraten. Dabei wurde entweder durch nachträgliche Befragung oder Befunderhebung festgestellt, dass wahrscheinlich keine Suizidabsicht bestand.

B.   Die unter A genannten Verhaltensweisen wurden in mindestens einer der folgenden Erwartungen ausgeführt:

1.   Entlastung von negativen Empfindungen oder Gefühlen.

2.   Auslösung zwischenmenschlicher Reaktionen bei Freunden und Familieangehörigen.

3.   Herbeiführung einer positiven Stimmung.

Beachte: Die genannten Erwartungen wurden während oder kurz nach der Selbstverletzung erfüllt. Der Ablauf lässt eine Gewohnheitsbildung oder Abhängigkeit von dieser Erfüllung vermuten.

C.   Die absichtliche Selbstverletzung korreliert unmittelbar zeitlich mit mindestens einem der folgenden Umstände:

1.   Es bestehen aktuell Konflikte oder negative Gefühle oder depressive Stimmung, Angst, Anspannung, subjektiver Leidensdruck, Ärger oder Selbstkritik.

2.   Vor der Einleitung der Selbstverletzung sind die Gedanken in schwer kontrollierbarer Weise auf die Selbstverletzung fokussiert.

3.   Solche Gedanken können auch häufiger auftreten, ohne sich    jedes mal im Verhalten niederzuschlagen.

      D.   Das unter A. genannte Verhalten ist nicht modisch veranlasst

    wie Piercing oder Tattoos, auch nicht Teil eines religiösen

    Rituals und nicht auf das Aufkratzen von Schorf oder Abbeißen

            von Nägeln beschränkt.

      E.   Das Verhalten oder seine Folgen bedingen bedeutende    

            Nachteile oder Leidensdruck in sozialen Funktionsbereichen.

      F.   Das unter A. genannte Verhalten tritt nicht ausschließlich       während psychotischer Episoden, eines Delirs, einer Substanzintoxikation oder eines Substanzentzuges auf. Es tritt auch nicht als Teil eines Musters repetitiver Stereotypien bei neuronalen oder mentalen Entwicklungsstörungen auf (z.B. Autismus) auf und lässt sich auch nicht besser durch eine andere psychische Störung oder einen somatischen Krankheitsfaktor erklären (z.B. durch Autismus, Schwachsinn, Lesch-Nyhan-Sndrom, Trichotillomanie oder Dermatotillomanie).

Zur Epidemiologie der Selbstverletzung

In der Normalbevölkerung soll die Geschlechterverteilung der Selbstverletzung nach Sachsse (2016) fast gleich, bei Borderline-Störung jedoch im Verhältnis 9:1 bei Frauen extrem häufiger zu sein. Möglichweise galt dieses Symptom zeitweise deshalb als fast beweisend für einen sexuellen Missbrauch in der frühen Kindheit.

 

Aber vielleicht ist dies auch die Gelegenheit, auf das Thema der sexuellen Verursachung näher einzugehen. Heutzutage geben Fachleute an, Hinweise dafür zu haben, dass gewaltsame (sadistische) Misshandlung, emotionale (gleichgültige) Vernachlässigung und (sexueller) Missbrauch zu etwa gleichen Anteilen bei etwa 80% aller Borderline-Patienten ursächlich an der Entstehung der Störung beteiligt seien, dass aber in etwa 20% der Patienten keine genauen Hinweise für ein Fehlverhalten der genannten Art innerhalb der Familien in dieser Hinsicht zu finden seien (zum Beispiel äußerte sich so der Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Hohemark/Oberursel, Dr Martin Garbe am 15.7.2015 im Dt. Fernsehen, (nachzuhören unter https://youtu.be/znDRKMQxhSE    

 Zur eigentlichen Ursache der Selbstverletzung bei Jugendlichen

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Was ich in dieser Hinsicht beizutragen habe, ist nicht beweisbar, aber meine Methode wird darin bestehen, es so plausibel wie irgend möglich zu machen. Mir ist nämlich aufgefallen, dass in der Literatur immer nur davon die Rede ist, wie schlimm eigentlich der sexuelle Missbrauch im Kindesalter sei, aber nirgend dargestellt wird, was daran eigentlich so traumatisch auf die Psyche wirkt. Nicht dass der Leser mich jetzt missversteht: Ich gehöre nicht zu den Verfechtern der Pädophilie, ganz im Gegenteil: Ich finde Kinder so niedlich, dass ich sofort ganz heiter werde, wenn ich sie sehe oder höre. Trotzdem frage ich mich ganz ernsthaft, warum es gerade der sexuelle Missbrauch der Kinder ist, der sie so stark und – das ist mir sogar noch wichtiger an meiner Frage – so nachhaltig schädigt. Gewiss, man kann in dieser Hinsicht darüber nachdenken, dass es ja viel zu früh ist, die Kinder von der allgemeinen Nächstenliebe zum Sex zu bringen, und auf diesem Wege gewiss vieles Plausible finden. Aber mir ist das alles nicht plausibel genug, weil damit noch längst nicht genügend auf das Wesen des Sex und auf das Wesen der Liebe eingegangen wird. Erst wenn wir uns dabei ganz auf die Erlebnisse des Kindes einlassen – sei dies nun ein ganz kleines, ein etwas größeres, oder ein pubertierendes Kind: Erst wenn wir betrachten, wie diese nur halb freiwillige „Liebesgeschichte“ für das Kind ausgeht, erkennen wir, was dem Kind damit angetan wird: Das Kind wird nämlich jäh im Anschluss an den Sex verstoßen, und zwar für immer und praktisch ausnahmslos, und das zumeist von der am tiefsten geliebten und verehrten Person: dem Vater, der Mutter, oder irgend einem anderen älteren Familienmitglied!

Wem das nicht einleuchtet, der frage sich einfach, was von einer Familie geleistet werden kann, in der dieser Fall eintritt, dass eine der erwachsenen Personen eine sexuelle „Affaire“ mit einem der Kinder anfängt: Der „Liebhaber“ muss sich entweder sofort oder später wieder zurückziehen und so tun, als sei nichts gewesen! – Sonst zerbricht diese Familie! Und das kann das Kind umso weniger verstehen, je jünger es ist, woraus sich auch erklärt, warum diese Art des Traumas die kleinsten Kinder am tiefsten trifft.

 

Natürlich denken vor allem die Mädchen, der Vater habe sich ihnen aus Liebe in dieser Art zugewendet. Das plötzliche „vor dem Nichts Stehen“, das  ist das eigentliche, das lebenslange Trauma, das das Kind als Mensch, den „Liebhaber“ und die Liebe als solche in den Augen des Kindes für immer entwertet! Und da möchte ich mal denjenigen kennen lernen, der die abgründige Tiefe dieses Traumas nicht sehen kann, wenn ein Kind innerhalb der eigenen Familie sexuell missbraucht wird!

 

Bei der Borderline-Störung findet man zwei unterschiedliche Ausprägungen: Den klassischen Borderline-Typ, der leicht mit der Schizophrenie verwechselt wird, und  den impulsiven Typ. Nach den Untersuchungen des kanadischen Psychiaters Colin Ross, dessen Schriften leider nur auf Englisch zur Verfügung stehen, gibt es noch eine weitere Persönlichkeitsstörung, die besonders häufig mit Selbstverletzung einhergeht, die ebenfalls bei Frauen häufiger als bei Männern ist und deren Symptome sich sehr vielfältig mit der Borderline-Störung überschneiden: Die Dissoziative oder Multiple Persönlichkeitsstörung. (Colin Ross: The Trauma Model A Solution to the Problem of Comorbidity in Psychiatry. Richardson 2000).

Bei dieser Störung fällt das Gefühlsleben so weit auseinander, dass sich nicht nur zwei Typen wie bei der Borderline-Störung ausprägen, sondern nacheinander in demselben Organismus mehrere Identitäten entstehen, die Nichts voneinander wissen und sogar mit unterschiedlichen Stimmen reden. Aber auch hiervon sind Frauen  wesentlich häufiger betroffen als Männer, so dass man sich durchaus diese Tatsache in der Richtung zur Frage machen kann, ob nicht doch auch die körperliche Konstitution einen Einfluß darauf hat, ob die Störung nachhaltig oder nur vorübergehend auftritt. Dies könnte ein zusätzlicher Grund dafür sein, dass die Verursachung bei etwa 20% der Patienten nicht klar ist. Praktisch würde das heißen, dass die Entstehung der Störung nicht zwingend durch sexuellen Missbrauch, sondern zum Teil auch durch das Gefühl der Verlassenheit herbeigeführt werden kann, das spontan oder auch durch harsche Kritik und deren Missverständnis entstehen kann.

 

Zur Therapie aus anthroposophischer Sicht

Dieser letzte Gedankengang ist für die Therapie zielführend, weil es darum geht, die Persönlichkeit fester im Leib zu verankern. Hier kommen deshalb besonders das Blei, das Eisen und das Arsen in Betracht. Als ein wichtiges Mittel zur Stärkung der so genannten „Resilienz“ gegen Traumata ist auch die Heileurythmie deshalb von großer Bedeutung, weil sie im Unterschied zu den Antidepressiva nicht zudeckend, sondern willensstärkend wirkt.

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Literatur

 

Schnack, D. (2014): Selbstverletzungen: Warum junge Menschen schneiden, ritzen und stechen. Ärzte Zeitung vom 13.5.2014

Steiner, R. (1894): Die Philosophie der Freiheit (GA 4). Berlin

- (1917): Die physischen und die geistigen Abhängigkeiten der Menschen-Wesenheit. In: Von Seelenrätseln (GA 21), 6. Anhang des 4. Kapitels. Dornach (1963)

(1920): Geisteswissenschaft und Medizin (GA 312), 2. Vortrag. Dornach (1961)

(1921–1922): Heileurythmie (GA 315). Dornach (1981)

      (1924): Heilpädagogischer Kurs (GA 317), 3. und 4. Vortrag. Dornach (1979)

      (1925): Anthroposophische Leitsätze ( GA 26). Dornach (1972)

      (1923): Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes, 10. und 12. Vortrag (GA 230), Dornach

Stompe, T. (2014): »Du sollst mich töten!« – Schlachtung auf Verlangen: Was Täter und Opfer antreibt. MMW – Fortschritte der Medizin 2014(6): 6–7

        Als PDF-Download sehr zu empfehlen:

Zum Thema Tötung auf Verlangen und Schuldgefühle als Ursache:

http://www.springermedizin.de/du-sollst-mich-toeten/4976146.html

Zum Thema „Dissoziative Anfälle:

www.kleinwachau.de/uploads/pdf/NES-Info_2012-08-06ÖA.pdf

http://www.aerzteblatt.de/archiv/136964/Dissoziative-Anfaelle