MEDITATION

 

Rudolf Steiner Gesamtausgabe 16

Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen

in 8 Meditationen

 

EINLEITENDE BEMERKUNGEN RUDOLF STEINERS

 

In dieser Schrift ist angestrebt, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse über die Wesenheit des Menschen zu geben. Die Darstellung ist so gehalten, dass der Leser in das Dargestellte hineinwachsen mag, so dass es ihm im Verlaufe des Lesens wie zu einer Art Selbstgespräch wird. Gestaltet sich dieses Selbstgespräch so, dass dabei vorher verborgene Kräfte sich offenbaren, welche in jeder Seele erweckt werden können, so führt dann das Lesen zu einer wirklichen inneren Seelenarbeit. Und diese kann sich allmählich zur Seelenwanderschaft gedrängt sehen, welche wahrhaftig in das Schauen der geistigen Welt hineinversetzt. Deshalb wurde das Mitgeteilte in der Form von acht Meditationen gegeben, welche wirklich durchgeführt werden können.

Geschieht dies, so können sie geeignet sein, der Seele das durch die eigene innere Vertiefung zu übermitteln, wovon in ihnen gesprochen wird. Es wurde dabei angestrebt, einerseits demjenigen Leser etwas zu geben, der sich bereits mit der Literatur und den Arbeiten auf dem Gebiete des Übersinnlichen, wie es hier gemeint ist, eingehender bekannt gemacht hat. So wird vielleicht hier der Kenner des übersinnlichen Lebens durch die Art des Dargestellten, durch die unmittelbar mit dem Seelen-Erleben zusammenhängende Mitteilung, etwas finden, das ihm wichtig erscheinen kann. Andrerseits kann mancher finden, dass gerade durch diese Darstellung auch dem genützt werden kann, welcher den Ergebnissen der Geisteswissenschaft noch ferne steht.

Zu meinen übrigen Schriften auf geisteswissenschaftlichem Gebiete soll diese eine Ergänzung und auch Erweiterung liefern. Doch sie soll  auch für sich gelesen werden können.

In meiner «Theosophie» und in meinem Buch «Die Geheimwissenschaft im Umriss» ist angestrebt worden, die Dinge so darzustellen, wie sie sich der Beobachtung ergeben, die auf das Geistige geht. Die Darstellung ist in diesen Schriften eine beschreibende, deren Fortgang durch die aus den Dingen sich offenbarende Gesetzmäßigkeit vorgeschrieben war. - In diesem «Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen» ist die Darstellung anders. Es wird in ihr gesagt, was eine Seele erleben kann, wenn sie sich auf den Weg zum Geiste hin in einer gewissen Weise begibt. Diese Schrift kann deshalb angesehen werden als die Wiedergabe von Seelenerlebnissen. Es muß nur beachtet werden, dass die Erlebnisse, die hier beschrieben sind, bei einer einzelnen Seele eine individuelle Form  nach ihrer besonderen Eigenart annehmen müssen. Es ist angestrebt worden, dieser Tatsache gerecht zu werden, so dass man sich auch vorstellen kann, das Geschilderte sei so, wie es dargestellt ist, von einer bestimmten Seele genau durchlebt worden. (Der Titel heißt deshalb: «Ein Weg zur Selbsterkenntnis.») Eben deshalb kann die Schrift dazu dienen, dass sich auch andre Seelen in dies Geschilderte hineinleben und zu entsprechenden Zielen gelangen. So ist diese Schrift auch eine Ergänzung und Erweiterung dessen, was sich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» findet.

Dargestellt sind nur einzelne geisteswissenschaftliche Grunderlebnisse. Auf die Mitteilung weiterer Gebiete der «Geisteswissenschaft» in dieser Art ist vorläufig verzichtet.

München, im August 1912. Rudolf Steiner

 

EINE PERSÖNLICHE ERGÄNZUNG ZUR EINLEITUNG RUDOLF STEINERS VON HEINRICH BRETTSCHNEIDER

 

Eine Meditation stößt leicht auf Unverständnis, wenn sie nicht den Erwartungen oder der Vorbildung des Lesers entspricht, denen der Text nicht ausreichend zuhilfe kommt. Beides ist der Fall, wenn man das gegenwärtige Publikum in Betracht zieht, denn diese Zweiheit aus falschen Erwartungen und mangelnder Vorbereitung der Leser ist tatsächlich ein großes Hindernis für die Kommunikation zwischen den Lesern und dem Autor Rudolf Steiner. Die Hindernisse können in der folgenden Art beschrieben werden:

Abgesehen von der gegenwärtigen Belletristik, sowie von mystischen und religiösen Texten, ist der Begriff der „Seele“ in der Literatur der Gegenwart nicht präsent. Statt dessen spricht man vom „Seelischen“ im Allgemeinen und vermeidet den scheinbar „veralteten“ Begriff der „Seele“, um nicht für irrational, oder einen Fanatiker gehalten zu werden. Ich mache deshalb dem mit der Anthroposophie noch nicht vertrauten Leser den Vorschlag, den hier von Rudolf Steiner verwendeten Begriff der „Seele“ rein phänomenologisch aufzufassen im Sinne der Fähigkeiten unseres "Ich" oder "Selbst", die Gefühle der Freude, der Liebe, des Leides, des Hasses, der Scham und des Triumphes ebenso wie die ästhetischen Urteile des Schönen und des Hässlichen, die moralischen Urteile des Guten und des Bösen oder als die Welt der Gedanken, Wahrnehmungen, Empfindungen, Urteile, Einsichten, Motive, Wünsche, Entschlüsse, Entscheidungen, Ideale, Fragen, Probleme, Fantasien, Erfindungen, Begehren, Interessen und Erinnerungen zu erleben.

 

Dem Autor dieses Zusatzes zu Steiners Einleitung kommt es dabei besonders darauf an, dass der Leser für sein eigenes Seelenleben aufmerksam wird.

 

Es folgt nun die erste Meditation in den Worten Rudolf Steiners

 

 

ERSTE MEDITATION

Der Meditierende versucht eine wahre Vorstellung von dem physischen Leibe zu gewinnen

 

Wenn die Seele durch die Sinne und durch ihr Vorstellen an die Erscheinungen der Außenwelt hingegeben ist, dann kann sie bei wirklicher Selbstbesinnung nicht sagen, sie nehme diese Erscheinungen wahr, oder sie erlebe die Dinge der Außenwelt. Denn sie weiß in Wahrheit in der Zeit ihrer Hingabe an die Außenwelt nichts von sich. Das Sonnenlicht, das von den Dingen in vielartiger Farbenerscheinung sich im Raumeausbreitet, das erlebt sich eigentlich in der Seele. Freut sich die Seele über irgendeinen Vorgang, so ist sie in dem Zeitpunkte des Freuens selbst Freude, soweit sie von der Sache weiß. Die Freude erlebt sich in ihr. Die Seele ist eins mit ihrem Erleben von der Welt; sie erlebt sich nicht als etwas, das sich freut, das bewundert, das sich ergötzt oder fürchtet. Sie ist Freude, Bewunderung, Ergötzen, Furcht. Wenn sich die Seele dies immer gestehen wollte, dann erschienen ihr die Zeiten, in welchen sie von dem Erleben an der Außenwelt zurücktritt und sich selbst betrachtet, erst in dem rechten Lichte. Sie erschienen als ein Leben von ganz besondrer Art, die zunächst ganz unvergleichlich ist mit dem gewöhnlichen Seelenleben. Mit dieser besondren Art des Lebens beginnen die Rätsel des seelischen Daseins im Bewußtsein aufzutauchen. Und diese Rätsel sind im Grunde die Quelle aller andern Weltenrätsel.

(Damit will Rudolf Steiner darauf hinweisen, dass sich die Rätsel des Seelenlebens überhaupt erst stellen, sobald sich die Seele aus der Welt zurückzieht, Distanz erhält zu ihren Eindrücken von der Aussenwelt, Anmerkung von Heinrich Brettschneider).

- Außenwelt und Innenwelt stellen sich vor den Menschengeist, wenn die Seele für kürzere oder längere Zeit aufhört mit der Außenwelt eins zu sein und sich in die Einsamkeit des Eigenseins zurückzieht.

Dieses Zurückziehen ist kein einfacher Vorgang, der einmal sich vollzieht und dann etwa in derselben Art wiederholt werden könnte. Es ist vielmehr der Beginn einer Wanderung in vorher unbekannte Welten. Hat man die Wanderung begonnen, dann wird jeder Schritt, den man gemacht hat, die Veranlassung zu weiteren. Und er ist auch die Vorbereitung zu diesen weiteren. Er macht die Seele für die folgenden erst fähig. Und mit jedem Schritte erfährt man mehr über die Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch im wahren Sinne des Wortes? Welten eröffnen sich, die vor der gewöhnlichen Lebensbetrachtung verborgen sind. Und doch liegt in ihnen allein dasjenige, was auch über diese Lebensbetrachtung die Wahrheit offenbaren kann. - Wenn auch keine Antwort eine umfassende, endgültige ist, so sind die Antworten, welche durch innere Seelenwanderschaft errungen werden, doch solche, die über alles hinausgehen, was die äußeren Sinne und der an sie gebundene Verstand geben können. Und dieses andre hat der Mensch nötig. Er bemerkt, daß dies so ist, wenn er sich wahrhaftig auf sich selbst besinnt.

Zunächst sind zu dieser Wanderschaft nüchterne, trockene

Überlegungen notwendig. Sie geben den sicheren Ausgangspunkt für das weitere Vordringen in die übersinnlichen Gebiete, um die es zuletzt der Seele zu tun ist.

Manche Seele möchte sich diesen Ausgangspunkt ersparen und sogleich in das Übersinnliche eindringen. Eine gesunde Seele wird, selbst wenn sie durch Abneigung gegen eine solche Überlegung diese erst vermieden hat, später doch sich derselben hingeben. Denn wieviel man auch über das Übersinnliche von einem andern Ausgangspunkte her erfahren hat, sichern Boden unter sich gewinnt man nur durch Überlegungen von der Art, wie die hier zunächst folgende ist.

Es können im Leben der Seele die Augenblicke kommen, in denen sie zu sich selber so spricht: Du mußt dich allem entziehen können, was dir eine Außenwelt geben kann, wenn du dir nicht ein Geständnis abpressen lassen willst, mit dem sich nicht leben läßt, nämlich du seiest nur der sich selbst erlebende Widersinn. - Was du da draußen wahrnimmst, es ist da ohne dich; es war ohne dich und wird ohne dich sein. Warum empfinden sich die Farben in dir, da dein Empfinden für sie doch bedeutungslos sein könnte? Warum bilden die Stoffe und Kräfte der Außenwelt deinen Leib? Er belebt sich zu deiner äußeren Erscheinung.

Die Außenwelt gestaltet sich zu dir. Du wirst gewahr, dass du diesen Leib brauchst. Weil du ohne deine Sinne, welche nur Er dir einbilden kann, zunächst gar nicht etwas in dir erleben könntest. Du wärest, so wie du vorerst bist, leer ohne deinen Leib. Er gibt dir innere Fülle und Inhalt. - Und dann können alle die Überlegungen auftreten, ohne welche ein menschliches Dasein nicht bleiben kann, wenn es nicht in gewissen Zeiten, die für jeden Menschen kommen, mit sich in einen unerträglichen Widerspruch geraten will. Dieser Leib - er lebt so, dass er jetzt Ausdruck ist des seelischen Erlebens. Seine Vorgänge sind von der Art, dass die Seele durch ihn lebt und sich in ihm erlebt. Das wird einmal nicht so sein. Was in dem Leibe lebt, wird einmal ganz anderen Gesetzen unterworfen sein als jetzt, da es für mich verläuft, für mein seelisches Erleben.

Es wird den Gesetzen unterworfen sein, nach denen Stoffe und Kräfte draußen in der Natur sich verhalten; Gesetzen, die nichts mehr mit mir und meinem Leben zu tun haben. Der Leib, dem ich mein seelisches Erleben verdanke, wird in den allgemeinen Weltverlauf aufgenommen sein und sich in demselben so verhalten, dass er mit allem, was ich in mir erlebe, nichts mehr gemeinsam haben wird.

Eine solche Überlegung kann alle Schauer des Todesgedankens vor das innere Erleben bringen, ohne daß sich in diesen Eindruck die bloß persönlichen Empfindungen mischen, welche in der Seele gewöhnlich mit diesem Gedanken verbunden sind. Solche Empfindungen bewirken, dass ihm gegenüber die ruhige, gelassene Stimmung nicht leicht sich einstellt, die zur erkennenden Betrachtung notwendig ist. - Es ist nur zu begreiflich, dass der Mensch ein Wissen gewinnen will über den Tod und über ein Leben der Seele unabhängig von der Auflösung des Leibes. Die Art, wie er zu den Fragen steht, die hier in Betracht kommen, ist, wie kaum irgend etwas andres in der Welt, geeignet, den sachlichen Blick zu trüben und Antworten als gültig hinzunehmen, welche vom Wunsche eingegeben sind. Man kann aber über nichts eine wahre Erkenntnis auf geistigem Gebiete erhalten, bei dem man nicht wie ein völlig Unbeteiligter das «Nein» ebenso willig hinnimmt wie das «Ja». Und man wird nur gewissenhaft in sich selbst zu blicken brauchen, um sich völlig klar darüber zu sein, daß man nicht mit demselben Gleichmut die Erkenntnis hinnehmen würde, mit dem Tode des Leibes erlischt auch das seelische Leben, wie die andre, die von dem Fortbestand der Seele nach dem Tode spricht. Gewiss, es gibt Menschen, die völlig ehrlich an die Vernichtung der Seele mit der Auflösung des Leibeslebens glauben, und die mit einem solchen Gedanken sich ihr Leben einrichten. Doch auch für diese gilt, dass sie mit ihren Gefühlen keineswegs unbefangen diesem Gedanken gegenüberstehen. Sie lassen sich durch die Schrecken der Vernichtung allerdings nicht dazu hinreißen, die Gründe der Erkenntnis, welche für sie deutlich sprechen, von dem Wunsche übertönt zu fühlen, der nach einem Fortleben zielt. Insoferne sind die Vorstellungen solcher Menschen oft sachlicher als diejenigen der andern, welche, ohne dies zu wissen, sich Gründe für das Fortleben vorspiegeln oder vorspiegeln lassen, weil in ihren geheimen Seelengründen eben die Begierde nach solchem Fortleben brennt.

Doch ist bei den Unsterblichkeitsleugnern die Befangenheit

eine nicht weniger große. Sie ist nur anders geartet.

Es gibt unter ihnen solche, welche sich eine gewisse

Vorstellung von dem machen, was Leben und Dasein heißt.

Diese Vorstellung führt sie dazu, bestimmte Bedingungen

denken zu müssen, unter denen dieses Leben nur allein

möglich ist. So wie sie nun das Dasein ansehen, ergibt sich

ihnen, daß die Bedingungen des seelischen Lebens nicht

mehr vorhanden sein können, wenn der Leib wegfällt.

Solche Menschen bemerken nicht, daß sie sich erst eine

bestimmte Vorstellung gebildet haben, wie Leben nur sein

könne, und daß sie allein deshalb nicht glauben können, es

dauere nach dem Tode fort, weil sich aus ihrer Vorstellung

heraus keine Möglichkeit ergibt, sich ein leibfreies Dasein

zu denken. Sie sind zwar nicht durch ihre Wünsche, wohl

aber durch die Vorstellungen befangen, von denen sie nun

eben nicht loskommen können. Es gibt noch viele Befangenheiten auf diesem Gebiet. Man kann immer nur einzelne Beispiele davon anführen, was in dieser Art alles vorhanden ist.

Der Gedanke, dass der Leib, in dessen Vorgängen sich die Seele auslebt, einmal der Außenwelt verfallen und Gesetzen folgen werde, die in keinem Verhältnisse stehen zum inneren Erleben, dieser Gedanke lässt das Todeserlebnis so vor die Seele treten, dass kein Wunsch, kein persönliches Interesse sich in die Betrachtung einzumischen brauchen und dieses Erlebnis zu einer reinen, unpersönlichen Erkenntnisfrage führen kann. Es wird sich aber dann auch bald die Empfindung ergeben, dass der Todesgedanke nicht um seiner selbst willen bedeutsam ist. Vielmehr wird er dadurch bedeutsam, dass er Licht verbreiten kann über das Leben. Man wird zu der Ansicht kommen müssen, dass das Rätsel des Lebens zu lösen ist durch die Erkenntnis des Todes.

Dass die Seele ihre Fortdauer verlangt, sollte unter allen Umständen misstrauisch gegen alle Meinungen machen,  die die Seele sich über diese Fortdauer bildet. Denn warum sollten sich die Tatsachen der Welt kümmern um das, was die Seele empfindet? - Sie mag ihren Bedürfnissen nach sich selbst als sinnlos empfinden, wenn sie denken müsste, sie könnte, wie eine Flamme, die sich aus dem Brennmaterial ergibt, aus dem Stoffe ihres Leibes aufflackern und dann wieder verlöschen müssen. Es könnte sich dies doch so verhalten, auch wenn es als sinnlos empfunden würde. - Wenn die Seele den Blick zum Leibe wendet, so soll sie auch nur mit dem rechnen, was er ihr zeigen kann.

Es scheint da, als ob in der Natur Gesetze wirkten, die die Stoffe und Kräfte so in ein Wechselspiel bringen, als ob diese Gesetze den Leib beherrschten, aber ihn nach einiger Zeit doch wieder in das allgemeine Wechselspiel einbezögen.

Man mag diesen Gedanken nun wenden, wie man will: naturwissenschaftlich ist er wohl brauchbar, doch der wahren Wirklichkeit gegenüber erweist er sich als ganz unmöglich. Man kann zwar finden, dass nur er allein wissenschaftlich klar und  nüchtern, und alles andre nur subjektiver Glaube sei; dies kann man sich wohl einbilden. Man kann dies aber bei wirklicher Unbefangenheit nicht festhalten. Und nur darauf kommt es an. Nicht was die Seele durch ihr Wesen als notwendig empfindet, sondern dasjenige, was die Außenwelt offenbart, aus welcher der Leib entnommen ist, kommt in Betracht. Diese Außenwelt nimmt seine Stoffe und Kräfte nach dem Tode in sich zurück. In ihr folgen diese dann Gesetzen, denen ganz gleichgültig ist, was im menschlichen Leib während des Lebens vorgeht. Diese Gesetze ( physischer und chemischer Art) stellen sich zum Leib nicht anders als zu jedem andern leblosen Dinge der Außenwelt. Es ist unmöglich, etwas anderes zu denken, als dass dieses gleichgültige Verhältnis der Außenwelt zum Menschenleib nicht erst mit dem Tod eintritt, sondern auch schon während seines Lebens besteht. Nicht aus dem Leben kann man eine Vorstellung gewinnen über denAnteil der sinnlichen Außenwelt am Menschenleib,sondern nur dadurch, daß man denkt: alles, was da an dir ist als Träger deiner Sinne, als Vermittler von Vorgängen, durch welche deine Seele lebt, das wird von der Welt, die du wahrnimmst, so behandelt, wie dir die Vorstellung ergibt, die über dein Leben hinausschweift. Die damit rechnet,dass eine Zeit kommen werde, in der du alles dieses nicht mehr an dir hast, worinnen du dich jetzt erlebst. Jede andere Vorstellung über das Verhältnis der sinnlichenAußenwelt zum Leib lässt durch sich selbst erfühlen, dass sie gegenüber der Wirklichkeit nicht haltbar ist. Die Vorstellung aber, dass erst nach dem Tod der wirkliche Anteil der Außenwelt am Leib zutage tritt, kommt mit nichts in Konflikt, was wahrhaft in Außenwelt und Innenwelt erlebt wird. Die Seele fühlt nichts Unerträgliches bei dem Gedanken, dass ihre Stoffe und Kräfte Vorgängen der Außenwelt verfallen, die mit ihrem eigenen Leben nichts zu tun haben. Sie kann in ihren Tiefen bei vollkommen unbefangener Hingabe an das Leben keinen aus dem Leib aufsteigenden Wunsch entdecken, der ihr den Gedanken an die Auflösung nach dem Tod unbehaglich macht. Das Unerträgliche tritt erst ein, wenn die Vorstellung gebildet werden sollte, die in die Außenwelt zurückkehrenden Stoffe und Kräfte nehmen die sich erlebende Seele mit.

Eine solche Vorstellung wäre aus demselben Grunde unerträglich wie jede andre, die sich nicht naturgemäß aus der Hingabe an die Offenbarungen der Außenwelt ergibt.

Der Außenwelt während des Lebens einen ganz andren Anteil an dem Leibesdasein zuzuerkennen, als nach dem Tod, ist ein Gedanke, der aus dem Nichts hergeholt werden müsste. Als sinnloser Gedanke muss er stets vor der Wirklichkeit zurückprallen, während doch die Vorstellung ganz gesund ist, dass die Außenwelt während des Lebens ganz den gleichen Anteil an dem Leib hat wie nach dem Tod. Die Seele fühlt sich, wenn sie den letzteren Gedanken hegt, ganz im Einklang mit der Offenbarung der Tatsachen.

Sie kann empfinden, dass sie durch diese Vorstellung nicht in Missklang kommt mit den Tatsachen, die durch sich selbst sprechen, und denen kein künstlicher Gedanke hinzugefügt werden darf.

Man achtet nicht immer darauf, in wie schönem Einklang das natürliche, gesunde Empfinden der Seele mit der Naturoffenbarung ist. Es könnte dies so selbstverständlich erscheinen, daß es gar keiner Beachtung wert wäre; und doch ist dies scheinbar Bedeutungslose lichtbringend.

Nichts Unerträgliches hat der Gedanke, dass der Leib in die

Elemente aufgelöst werde; etwas Sinnloses dagegen der andre, dass dies auch mit der Seele geschehe. Es gibt viele menschlich persönliche Gründe, welche dies als sinnlos erscheinen lassen; diese müssen von der objektiven Betrachtung unberücksichtigt gelassen werden. Die ganz unpersönliche Hingabe jedoch an das, was die Außenwelt lehrt, sie zeigt, daß auch während des Lebens dieser Außenwelt an der Seele kein andrer Anteil zugeschrieben werden kann als nach dem Tod. Maßgebend ist, dass dieser Gedanke sich als ein notwendiger ergibt, und dass er standhält gegenüber allen Einwänden, die man gegen ihn erheben kann. Wer ihn ganz bewußt denkt, der fühlt dieses als unmittelbare Gewißheit.

In Wahrheit denken so aber sowohl Unsterblichkeitsgläubige

wie auch Unsterblichkeitsleugner. Die letzteren werden wohl sagen, in den Gesetzen, welche wirksam sind am Leib nach dem Tod, seien auch die Bedingungen seiner Vorgänge während des Lebens enthalten; aber sie irren sich, wenn sie glauben, sich wirklich vorstellen zu können, diese Gesetze stünden während des Lebens in einem andern Verhältnisse zum Leib als Seelenträger als nach dem Tode.

In sich möglich ist nur die Vorstellung, auch jener besondere

Zusammenhang von Kräften, der mit dem Leib in die Erscheinung tritt, stehe dem Leib als Seelenträger genau so anteilslos gegenüber wie der, welcher die Vorgänge am toten Leib bewirkt. Nicht für die Seele ist diese Anteilslosigkeit vorhanden, wohl aber für die Stoffe und Kräfte des Leibes. Die Seele erlebt sich am Leib; der Leib jedoch lebt mit der Außenwelt, in ihr, durch sie und lässt das Seelische für sich nicht anders maßgebend sein als die Vorgänge der Außenwelt. Man muß zu der Ansicht kommen, dass für die Blutbewegung im Leib die Wärme und Kälte der Außenwelt ebnso maßgebend sind, wie die Furcht oder das Schamgefühl, die sich in der Seele abspielen, wenn der Mensch erbleicht oder errötet.

So fühlt man zunächst in sich die Gesetze der Außenwelt in jenem ganz besondren Zusammenhange wirksam, der sich als die Gestaltung des Menschenleibes kundgibt.

Man empfindet diesen Leib als ein Glied der Außenwelt, aber man steht seinem innern Zusammenhang fremd gegenüber.

Die äußere Wissenschaft klärt gegenwärtig zum Teil auf, wie sich die Gesetze der Außenwelt in dem ganz besonderen Wesen zusammenfügen, das sich als Menschenleib darstellt. Von der Zukunft darf gehofft werden, dass diese Erkenntnis immer weiter fortschreiten werde. Wie die Seele über ihr Verhältnis zum Leibe denken muss, daran kann diese fortschreitende Erkenntnis nicht das geringste ändern. Im Gegenteil, sie wird immer klarer zeigen müssen, dass die Gesetze der Außenwelt vor und nach dem Tod in dem gleichen Verhältnisse zur Seele stehen. Es ist eine Illusion, zu erwarten, mit fortschreitender Naturerkenntnis werde aus den Gesetzen der Außenwelt sich ergeben, inwiefern die Leibesvorgänge die Vermittler des Seelenlebens sind. Man wird immer deutlicher erkennen, was im Leibe während des Lebens vorgeht; aber die entsprechenden Vorgänge werden sich stets als solche zeigen, die die Seele so als ihr äußerlich empfindet, wie die Vorgänge am Leib nach dem Tode.

Innerhalb der Außenwelt muss daher der Leib als ein Zusammenhang von Kräften und Stoffen erscheinen, der für sich besteht und in sich erklärbar ist als Glied dieser Außenwelt. - Die Natur laßt die Pflanze entstehen; sie löst sie wieder auf. Sie beherrscht den Menschenleib und lässt ihn innerhalb ihrer Wesenheit vergehen. Stellt sich der Mensch mit einer solchen Betrachtung der Natur gegenüber, so kann er sich und alles, was in ihm ist, vergessen, und seinen Leib als Glied der Außenwelt empfinden.

Denkt der Mensch so über sein Verhältnis zu sich selbst und zur Natur, so erlebt er an sich selbst, was man seinen physischen Leib nennen kann.

 

Der Begriff des "Aetherleibes" in der Anthroposophie

Im Folgenden geben wir den Text der so genannten "Samenkorn-Meditation" wieder, der durch Rudolf Steiner in der Schrift "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?", Gesamtausgabe Nr 10 (1904/05),auf Seite 60ff in dem Kapitel: "Kontrolle der Gedanken und Gefühle" veröffentlicht wurde:

„Man lege ein kleines Samenkorn einer Pflanze vor sich hin. Es kommt darauf an, sich vor diesem unscheinbaren Ding die rechten Gedanken intensiv zu machen und durch diese Gedanken gewisse Gefühle zu entwickeln."

 

"Es kommt darauf an, sich vor diesem unscheinbaren Ding die rechten Gedanken intensiv zu machen und durch diese Gedanken gewisse Gefühle zu entwickeln. Zuerst mache man sich klar, was man wirklich mit Augen sieht. Man beschreibe für sich Form, Farbe und alle sonstigen Eigenschaften des Samens. Dann überlege man folgendes. Aus diesem Samenkorn wird eine vielgestaltige Pflanze entstehen, wenn es in die Erde gepflanzt wird. Man vergegenwärtige sich diese Pflanze. Man baue sie sich in der Phantasie auf." 

Und dann denke man: Was ich mir jetzt in meiner Phantasie vorstelle, das werden die Kräfte der Erde und des Lichtes später wirklich aus dem Samenkorn hervorlocken. Wenn ich ein künstlich geformtes Ding vor mir hätte, das ganz täuschend dem Samenkorn nachgeahmt wäre, so daß es meine Augen nicht von einem wahren unterscheiden könnten, so würde keine Kraft der Erde und des Lichtes aus diesem eine Pflanze hervorlocken. Wer sich diesen Gedanken ganz klar macht, wer ihn innerlich erlebt, der wird sich auch den folgenden mit dem richtigen Gefühle bilden können. Er wird sich sagen: in dem Samenkorn ruht schon auf verborgene Art – als Kraft der ganzen Pflanze – das, was später aus ihm herauswächst. In der künstlichen Nachahmung ruht diese Kraft nicht. Und doch sind für meine Augen beide gleich. In dem wirklichen Samenkorn ist also etwas unsichtbar enthalten, was in der Nachahmung nicht ist. Auf dieses Unsichtbare lenke man nun Gefühl und Gedanken. [Wer da einwenden wollte, daß bei einer genaueren mikroskopischen Untersuchung sich ja doch die Nachahmung von dem wirklichen Samenkorn unterscheide, der zeigte nur, daß er nicht erfaßt hat, worauf es ankommt. Es handelt sich nicht darum, was man genau wirklich in sinnenfälliger Weise vor sich hat, sondern darum, daß man daran seelisch-geistige Kräfte entwickle.] Man stelle sich vor: dieses Unsichtbare wird sich später in die sichtbare Pflanze verwandeln, die ich in Gestalt und Farbe vor mir haben werde. Man hänge dem Gedanken nach: das Unsichtbare wird sichtbar werden. Könnte ich nicht denken, so könnte sich mir auch nicht schon jetzt ankündigen, was erst später sichtbar werden wird. 

Besonders deutlich sei es betont: Was man da denkt, muß man auch intensiv fühlen. Man muß in Ruhe, ohne alle störenden Beimischungen anderer Gedanken, den einen oben angedeuteten in sich erleben. Und man muß sich Zeit lassen, so daß sich der Gedanke und das Gefühl, die sich an ihn knüpfen, gleichsam in die Seele einbohren. – Bringt man das in der rechten Weise zustande, dann wird man nach einiger Zeit – vielleicht erst nach vielen Versuchen – eine Kraft in sich verspüren. Und diese Kraft wird eine neue Anschauung erschaffen. Das Samenkorn wird wie in einer kleinen Lichtwolke eingeschlossen erscheinen. Es wird auf sinnlich–geistige Weise als eine Art Flamme empfunden werden. Gegenüber der Mitte dieser Flamme empfindet man so, wie man beim Eindruck der Farbe Lila empfindet; gegenüber dem Rande, wie man der Farbe Bläulich gegenüber empfindet. – Da erscheint das, was man vorher nicht gesehen hat und was die Kraft des Gedankens und der Gefühle geschaffen hat, die man in sich erregt hat. Was sinnlich unsichtbar war, die Pflanze, die erst später sichtbar werden wird, das offenbart sich da auf geistig sichtbare Art.

Es ist begreiflich, daß mancher Mensch das alles für Illusion halten wird. Viele werden sagen: «Was sollen mir solche Gesichte, solche Phantasmen?» Und manche werden abfallen und den Pfad nicht fortsetzen. Aber gerade darauf kommt es an: in diesen schwierigen Punkten der menschlichen Entwickelung nicht Phantasie und geistige Wirklichkeit miteinander zu verwechseln. Und ferner darauf, den Mut zu haben, vorwärts zu dringen und nicht furchtsam und kleinmütig zu werden. Auf der anderen Seite aber muß allerdings betont werden, daß der gesunde Sinn, der Wahrheit und Täuschung unterscheidet, fortwährend gepflegt werden muß. Der Mensch darf während all dieser Übungen nie die volle bewußte Herrschaft über sich selbst verlieren. So sicher, wie er über die Dinge und Vorgänge des Alltagslebens denkt, so muß er auch hier denken. Schlimm wäre es, wenn er in Träumerei verfiele. Verstandesklar, um nicht zu sagen: nüchtern, muß er in jedem Augenblicke bleiben. Und der größte Fehler wäre gemacht, wenn der Mensch durch solche Übungen sein Gleichgewicht verlöre, wenn er abgehalten würde, so gesund und klar über die Dinge des Alltagslebens zu urteilen, wie er das vorher getan hat. Immer wieder soll sich der Geheimschüler daher prüfen, ob er nicht etwa aus seinem Gleichgewicht herausgefallen ist, ob er derselbe geblieben ist innerhalb der Verhältnisse, in denen er lebt. Festes Ruhen in sich selbst, klarer Sinn für alles, das muß er sich bewahren. Allerdings ist streng zu beachten, daß man sich nicht jeder beliebigen Träumerei hingeben soll, sich nicht allen möglichen Übungen überlassen soll. Die Gedankenrichtungen, die hier angegeben werden, sind seit Urzeiten in den Geheimschulen erprobt und geübt. Und nur solche werden hier mitgeteilt. Wer solche anderer Art anwenden wollte, die er sich selbst bildet oder von denen er da oder dort hört und liest, der muß in die Irre gehen und wird sich bald auf dem Pfade uferloser Phantastik befinden.

Eine weitere Übung, die sich an die beschriebene anzuschließen hat, ist die folgende. Man stelle sich einer Pflanze gegenüber, die sich auf der Stufe der vollen Entwickelung befindet. 

(Zusatz von Heinrich Brettschneider: Dieser Anblick gefällt uns besonders gut, weil die Einzelblüten, von denen jede ein Samenkorn hervorbringt, in dieser so genannten Sammelblüte nach dem so genannten "Goldenen Schnitt" angeordnet sind.

Als Goldener Schnitt(lateinisch: sectio aurea, proportio divina) wird das Teilungsverhältnis einer Strecke oder einer anderen Größe bezeichnet, bei dem das Verhältnis des Ganzen zu seinem größeren Teil (auch Major genannt) dem Verhältnis des größeren zum kleineren Teil (dem Minor) entspricht.

Wir haben es also beim Goldenen Schnitt mit Verhältnissen zutun,  die dem Pentagramm, dem Fünfeck zugrundeliegen. Diese sind in der Menschheit von jeher als der Inbegriff der Vollkommenheit, "der göttlichen" Proportion angesehen worden, insofern die Proportionen der Einzelteile (Major und Minor) sich so zueinander verhalten, wie sich das Ganze jeweils zu seinen Einzelteilen verhält.

Mathematisch liegt den Proportionen des "Goldenen Schnittes" die Zahl Phi zugrunde:

Φ = 3.141592653589793238462643383279502884197169399375105820974944592...

Die Entdeckung dieser Zahl wird dem antiken Philosophen Euklid zugeschrieben, der sie aber nicht mit Phi, sondern als die "goldene", die "göttliche" Zahl bezeichnete. 

Mathematisch wird diese Zahl als die "irrationalste" aller Zahlen klassiziert, da sie weder unendlich noch endlich ist und insofern ein  Symbol universeller Ordnung und des universellen Chaos gleichermaßen ist  

Vor rund 150 Jahren fand jedoch der Arzt Adolff Zeising heraus, dass diese "göttliche" Zahl des "Goldenen Schnittes" auch den Proportionen des menschlichen Körpers zugrundeliegen (Adolf Zeising: Neue Lehre von den Proportionen des menschlichen Körpers (1854)

Nach den Untersuchungen Adolf Zeisings (1854) ist nicht nur das Verhältnis des Oberkörpers des Menschen zum gesamten Körper (in der Abb. links), sondern auch jeweils der Oberkörper und der Unterkörper in sich nach dem goldenen Schnitte proportioniert (in der Abb. rechts).Dies wird hier anhand der klassich-hellenistischen Statue des Speerträgers des Doryphoros von Polyklet dargestellt, bestätigte sich aber auch durch die Vermessung heutiger Menschen (aus Adolf Zeising: Neue Lehre von den Proportionen des menschlichen Körpers (1854).

Bemerken wir also staunend, welche Naturweisheit sich hinter der Gestalt der ausgewachsenen Sonnenblume verbirgt und folgen wir weiterhin den Anweisungen Rudolf Steiners zur Ausführung der so genannten "Samenkorn-Meditation".

"Nun erfülle man sich mit dem Gedanken, daß die Zeit kommen werde, wo diese Pflanze abstirbt. Nichts wird von dem mehr sein, was ich jetzt vor mir sehe. Aber diese Pflanze wird dann Samenkörner aus sich entwickelt haben, die wieder zu neuen Pflanzen werden. Wieder werde ich gewahr, daß in dem, was ich sehe, etwas verborgen ruht, was ich nicht sehe. Ich erfülle mich ganz mit dem Gedanken: diese Pflanzengestalt mit ihren Farben wird künftig nicht mehr sein. Aber die Vorstellung, daß sie Samen bildet, lehrt mich, daß sie nicht in Nichts verschwinden werde."

Die Sonnenblume ist jetzt am Ende Ihres Vegetationszyklus angekommen und wird infolgedessen absterben. Aber die Samen werden das, was wir als in Ihnen enthaltene Kraft niemals sinnlich zu Gesicht bekamen, an die späteren Generationen dieser wundervollen Pflanzenart weitergeben.

 

Vermächtnis 

 

 

Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!

Das Ew'ge regt sich fort in allen,

Am Sein erhalte dich beglückt!

Das Sein ist ewig: denn Gesetze

Bewahren die lebend'gen Schätze,

Aus welchen sich das All geschmückt.

 

Das Wahre war schon längst gefunden,

Hat edle Geisterschaft verbunden;

Das alte Wahre, faß' es an!

Verdank' es, Erdensohn, dem Weisen,

Der ihr, die Sonne zu umkreisen,

Und dem Geschwister wies die Bahn.

 

Sofort nun wende dich nach innen,

Das Zentrum findest du dadrinnen,

Woran kein Edler zweifeln mag.

Wirst keine Regel da vermissen:

Denn das selbständige Gewissen

Ist Sonne deinem Sittentag.

 

Den Sinnen hast du dann zu trauen,

Kein Falsches lassen sie dich schauen,

Wenn dein Verstand dich wach erhält.

Mit frischem Blick bemerke freudig,

Und wandle sicher wie geschmeidig

Durch Auen reichbegabter Welt.

 

Genieße mäßig Füll und Segen,

Vernunft sei überall zugegen,

Wo Leben sich des Lebens freut.

Dann ist Vergangenheit beständig,

Das Künftige voraus lebendig,

Der Augenblick ist Ewigkeit.

 

Und war es endlich dir gelungen,

Und bist du vom Gefühl durchdrungen:

Was fruchtbar ist, allein ist wahr;

Du prüfst das allgemeine Walten,

Es wird nach seiner Weise schalten,

Geselle dich zur kleinsten Schar.

 

Und wie von alters her im stillen

Ein Liebewerk nach eignem Willen

Der Philosoph, der Dichter schuf,

So wirst du schönste Gunst erzielen:

Denn edlen Seelen vorzufühlen

Ist wünschenswertester Beruf.

Johann Wolfgang von Goethe 1829)