MEDITATION

 

Rudolf Steiner Gesamtausgabe 16

Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen

in 8 Meditationen

 

EINLEITENDE BEMERKUNGEN RUDOLF STEINERS

 

In dieser Schrift ist angestrebt, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse über die Wesenheit des Menschen zu geben. Die Darstellung ist so gehalten, dass der Leser in das Dargestellte hineinwachsen mag, so dass es ihm im Verlaufe des

Lesens wie zu einer Art Selbstgespräch wird. Gestaltet sich dieses Selbstgespräch so, dass dabei vorher verborgene Kräfte sich offenbaren, welche in jeder Seele erweckt werden können, so führt dann das Lesen zu einer wirklicheninneren Seelenarbeit. Und diese kann sich allmählich zur

Seelenwanderschaftgedrängt sehen, welche wahrhaftig in das Schauen der geistigen Welthineinversetzt. Deshalb wurde das Mitgeteilte in der Form von acht Meditationen gegeben, welche wirklich durchgeführt werden können.

Geschieht dies, so können sie geeignet sein, der Seele das durch die eigene innere Vertiefungzu übermitteln, wovon in ihnen gesprochen wird.

Angestrebt ist worden, einerseits demjenigen Leser etwas zu geben, der sich bereits mit der Literatur und den Arbeiten auf dem Gebiete des Übersinnlichen, wie es hier gemeint ist, eingehender bekannt gemacht hat. So wird vielleicht hier der Kenner des übersinnlichen Lebensdurch die Art des Dargestellten, durch die unmittelbar mit dem Seelen-Erlebenzusammenhängende Mitteilung, etwas finden, was ihm, wichtig erscheinen kann. Und andrerseits kann mancher finden, dass gerade durch diese Darstellung auch dem genützt werden kann, welcher den Ergebnissender Geisteswissenschaft noch ferne steht.

Zu meinen übrigen Schriften auf geisteswissenschaftlichem Gebiete soll diese eine Ergänzung und auch Erweiterung liefern. Doch soll sie auch für sich gelesen werden können.

In meiner «Theosophie» und in meinem «Umriß einer Geheimwissenschaft» ist angestrebt worden, die Dinge so darzustellen, wie sie sich der Beobachtung ergeben, die auf das Geistige geht. Die Darstellung ist in diesen Schriften eine beschreibende, deren Fortgang durch die aus den Dingen sich offenbarende Gesetzmäßigkeit vorgeschrieben war. - In diesem «Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen» ist die Darstellung anders. Es ist in ihr gesagt worden, was eine Seele erleben kann, welche sich auf den Weg zum Geiste hin in einer gewissen Weise begibt.Die Schrift kann deshalb angesehen werden als die Wiedergabe von Seelenerlebnissen. Es muß nur beachtet werden, dass die Erlebnisse, die in solcher Art, wie sie hier beschrieben sind, gemacht werden können, bei einer einzelnen Seele, nach ihrer besonderen Eigenart, eine individuelle Form annehmen müssen. Es ist angestrebt worden, dieser Tatsache gerecht zu werden, so dass man sich auch vorstellen kann, das Geschilderte sei so, wie es dargestellt ist, von einer bestimmten Seele genau durchlebt worden. (Der Titel heißt deshalb: «Ein Weg zur Selbsterkenntnis.») Eben deshalb kann die Schrift dazu dienen, dss sich auch andre Seelen in dies Geschilderte hineinleben und zu entsprechenden Zielen gelangen. So ist diese Schrift auch eine Ergänzung und Erweiterung dessen, was sich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» findet.

Dargestellt sind nur einzelne geisteswissenschaftliche Grunderlebnisse. Auf die Mitteilung weiterer Gebiete der «Geisteswissenschaft» in dieser Art ist vorläufig verzichtet.

München, im August 1912. Rudolf Steiner

 

MEINE PERSÖNLICHE EINLEITUNG

 

Eine Meditation stößt leicht auf Unverständnis, wenn sie nicht den Erwartungen des Lesers entspricht, oder wenn der Leser Eigenschaften hat, denen der Text nicht ausreichend zuhilfe kommt. Beides ist der Fall, wenn man das gegenwärtige deutsche Publikum in Betracht zieht, denn diese Zweiheit aus falschen Erwartungen und mangelnder Vorbereitung der Leser ist tatsächlich ein großes Hindernis für die Kommunikation zwischen den Lesern und dem Autor dieses Textes.

1. Außer in mystischen und religiösen Texten ist gegenwärtig der Begriff der „Seele“ nicht präsent. Lieber spricht man vom „Seelischen“ im Allgemeinen, vermeidet aber lieber den „exotischen“ Begriff der „Seele“, um weder für einen esoterischen Eigenbrötler, noch für einen katholischen Geistlichen gehalten zu werden. Ich mache deshalb den in der Anthroposophie noch nicht versierten Lesern den Vorschlag, den hier von Rudolf Steiner verwendeten Begriff der „Seele“ rein phänomenologisch aufzufassen im Sinne dessen, was wir als unser "Ich" oder "Selbst" erleben.

 

 

 

ERSTE MEDITATION

Der Meditierende versucht eine wahre Vorstellung von dem physischen Leibe zu gewinnen

 

Wenn die Seele durch die Sinne und durch ihr Vorstellen an die Erscheinungen der Außenwelt hingegeben ist, dann kann sie bei wirklicher Selbstbesinnung nicht sagen, sie nehme diese Erscheinungen wahr, oder sie erlebe die Dinge der Außenwelt. Denn sie weiß in Wahrheit in der Zeit ihrer Hingabe an die Außenwelt nichts von sich. Das Sonnenlicht, das von den Dingen in vielartiger Farbenerscheinung sich im Raumeausbreitet, das erlebt sich eigentlich in der Seele. Freut sich die Seele über irgendeinen Vorgang, so ist sie in dem Zeitpunkte des Freuens selbst Freude, soweit sie von der Sache weiß. Die Freude erlebt sich in ihr. Die Seele ist eins mit ihrem Erleben von der Welt; sie erlebt sich nicht als etwas, das sich freut, das bewundert, das sich ergötzt oder fürchtet. Sie ist Freude, Bewunderung, Ergötzen, Furcht. Wenn sich die Seele dies immer gestehen wollte, dann erschienen ihr die Zeiten, in welchen sie von dem Erleben an der Außenwelt zurücktritt und sich selbst betrachtet, erst in dem rechten Lichte. Sie erschienen als ein Leben von ganz besondrer Art, die zunächst ganz unvergleichlich ist mit dem gewöhnlichen Seelenleben. Mit dieser besondren Art des Lebens beginnen die Rätsel des seelischen Daseins im Bewußtsein aufzutauchen. Und diese Rätsel sind im Grunde die Quelle aller andern Weltenrätsel.

(Damit will Rudolf Steiner darauf hinweisen, dass sich die Rätsel des Seelenlebens überhaupt erst stellen, sobald sich die Seele aus der Welt zurückzieht, Distanz erhält zu ihren Eindrücken von der Aussenwelt, Anmerkung von Heinrich Brettschneider).

- Außenwelt und Innenwelt stellen sich vor den Menschengeist, wenn die Seele für kürzere oder längere Zeit aufhört mit der Außenwelt eins zu sein und sich in die Einsamkeit des Eigenseins zurückzieht.

Dieses Zurückziehen ist kein einfacher Vorgang, der einmal sich vollzieht und dann etwa in derselben Art wiederholt werden könnte. Es ist vielmehr der Beginn einer Wanderung in vorher unbekannte Welten. Hat man die Wanderung begonnen, dann wird jeder Schritt, den man gemacht hat, die Veranlassung zu weiteren. Und er ist auch die Vorbereitung zu diesen weiteren. Er macht die Seele für die folgenden erst fähig. Und mit jedem Schritte erfährt man mehr über die Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch im wahren Sinne des Wortes? Welten eröffnen sich, die vor der gewöhnlichen Lebensbetrachtung verborgen sind. Und doch liegt in ihnen allein dasjenige, was auch über diese Lebensbetrachtung die Wahrheit offenbaren kann. - Wenn auch keine Antwort eine umfassende, endgültige ist, so sind die Antworten, welche durch innere Seelenwanderschaft errungen werden, doch solche, die über alles hinausgehen, was die äußeren Sinne und der an sie gebundene Verstand geben können. Und dieses andre hat der Mensch nötig. Er bemerkt, daß dies so ist, wenn er sich wahrhaftig auf sich selbst besinnt.

Zunächst sind zu dieser Wanderschaft nüchterne, trockene

Überlegungen notwendig. Sie geben den sicheren Ausgangspunkt für das weitere Vordringen in die übersinnlichen Gebiete, um die es zuletzt der Seele zu tun ist.

Manche Seele möchte sich diesen Ausgangspunkt ersparen und sogleich in das Übersinnliche eindringen. Eine gesunde Seele wird, selbst wenn sie durch Abneigung gegen eine solche Überlegung diese erst vermieden hat, später doch sich derselben hingeben. Denn wieviel man auch über das Übersinnliche von einem andern Ausgangspunkte her erfahren hat, sichern Boden unter sich gewinnt man nur durch Überlegungen von der Art, wie die hier zunächst folgende ist.

Es können im Leben der Seele die Augenblicke kommen, in denen sie zu sich selber so spricht: Du mußt dich allem entziehen können, was dir eine Außenwelt geben kann, wenn du dir nicht ein Geständnis abpressen lassen willst, mit dem sich nicht leben läßt, nämlich du seiest nur der sich selbst erlebende Widersinn. - Was du da draußen wahrnimmst, es ist da ohne dich; es war ohne dich und wird ohne dich sein. Warum empfinden sich die Farben in dir, da dein Empfinden für sie doch bedeutungslos sein könnte? Warum bilden die Stoffe und Kräfte der Außenwelt deinen Leib? Er belebt sich zu deiner äußeren Erscheinung.

Die Außenwelt gestaltet sich zu dir. Du wirst gewahr, dass du diesen Leib brauchst. Weil du ohne deine Sinne, welche nur Er dir einbilden kann, zunächst gar nicht etwas in dir erleben könntest. Du wärest, so wie du vorerst bist, leer ohne deinen Leib. Er gibt dir innere Fülle und Inhalt. - Und dann können alle die Überlegungen auftreten, ohne welche ein menschliches Dasein nicht bleiben kann, wenn es nicht in gewissen Zeiten, die für jeden Menschen kommen, mit sich in einen unerträglichen Widerspruch geraten will. Dieser Leib - er lebt so, dass er jetzt Ausdruck ist des seelischen Erlebens. Seine Vorgänge sind von der Art, dass die Seele durch ihn lebt und sich in ihm erlebt. Das wird einmal nicht so sein. Was in dem Leibe lebt, wird einmal ganz anderen Gesetzen unterworfen sein als jetzt, da es für mich verläuft, für mein seelisches Erleben.

Es wird den Gesetzen unterworfen sein, nach denen Stoffe und Kräfte draußen in der Natur sich verhalten; Gesetzen, die nichts mehr mit mir und meinem Leben zu tun haben. Der Leib, dem ich mein seelisches Erleben verdanke, wird in den allgemeinen Weltverlauf aufgenommen sein und sich in demselben so verhalten, dass er mit allem, was ich in mir erlebe, nichts mehr gemeinsam haben wird.

Eine solche Überlegung kann alle Schauer des Todesgedankens vor das innere Erleben bringen, ohne daß sich in diesen Eindruck die bloß persönlichen Empfindungen mischen, welche in der Seele gewöhnlich mit diesem Gedanken verbunden sind. Solche Empfindungen bewirken, dass ihm gegenüber die ruhige, gelassene Stimmung nicht leicht sich einstellt, die zur erkennenden Betrachtung notwendig ist. - Es ist nur zu begreiflich, dass der Mensch ein Wissen gewinnen will über den Tod und über ein Leben der Seele unabhängig von der Auflösung des Leibes. Die Art, wie er zu den Fragen steht, die hier in Betracht kommen, ist, wie kaum irgend etwas andres in der Welt, geeignet, den sachlichen Blick zu trüben und Antworten als gültig hinzunehmen, welche vom Wunsche eingegeben sind. Man kann aber über nichts eine wahre Erkenntnis auf geistigem Gebiete erhalten, bei dem man nicht wie ein völlig Unbeteiligter das «Nein» ebenso willig hinnimmt wie das «Ja». Und man wird nur gewissenhaft in sich selbst zu blicken brauchen, um sich völlig klar darüber zu sein, daß man nicht mit demselben Gleichmut die Erkenntnis hinnehmen würde, mit dem Tode des Leibes erlischt auch das seelische Leben, wie die andre, die von dem Fortbestand der Seele nach dem Tode spricht. Gewiss, es gibt Menschen, die völlig ehrlich an die Vernichtung der Seele mit der Auflösung des Leibeslebens glauben, und die mit einem solchen Gedanken sich ihr Leben einrichten. Doch auch für diese gilt, dass sie mit ihren Gefühlen keineswegs unbefangen diesem Gedanken gegenüberstehen. Sie lassen sich durch die Schrecken der Vernichtung allerdings nicht dazu hinreißen, die Gründe der Erkenntnis, welche für sie deutlich sprechen, von dem Wunsche überönt zu fühlen, der nach

einem Fortleben zielt. Insoferne sind die Vorstellungen

solcher Menschen oft sachlicher als diejenigen der andern,

welche, ohne dies zu wissen, sich Gründe für das Fortleben

vorspiegeln oder vorspiegeln lassen, weil in ihren geheimen

Seelengründen eben die Begierde nach solchem Fortleben

brennt.

Doch ist bei den Unsterblichkeitsleugnern die Befangenheit

eine nicht weniger große. Sie ist nur anders geartet.

Es gibt unter ihnen solche, welche sich eine gewisse

Vorstellung von dem machen, was Leben und Dasein heißt.

Diese Vorstellung führt sie dazu, bestimmte Bedingungen

denken zu müssen, unter denen dieses Leben nur allein

möglich ist. So wie sie nun das Dasein ansehen, ergibt sich

ihnen, daß die Bedingungen des seelischen Lebens nicht

mehr vorhanden sein können, wenn der Leib wegfällt.

Solche Menschen bemerken nicht, daß sie sich erst eine

bestimmte Vorstellung gebildet haben, wie Leben nur sein

könne, und daß sie allein deshalb nicht glauben können, es

dauere nach dem Tode fort, weil sich aus ihrer Vorstellung

heraus keine Möglichkeit ergibt, sich ein leibfreies Dasein

zu denken. Sie sind zwar nicht durch ihre Wünsche, wohl

aber durch die Vorstellungen befangen, von denen sie nun

eben nicht loskommen können. Es gibt noch viele Befangenheiten

auf diesem Gebiet. Man kann immer nur einzelne Beispiele davon anführen, was in dieser Art alles vorhanden ist.

Der Gedanke, dass der Leib, in dessen Vorgängen sich die Seele auslebt, einmal der Außenwelt verfallen und Gesetzen folgen werde, die in keinem Verhältnisse stehen zum inneren Erleben, dieser Gedanke lässt das Todeserlebnis so vor die Seele treten, dass kein Wunsch, kein persönliches Interesse sich in die Betrachtung einzumischen brauchen und dieses Erlebnis zu einer reinen, unpersönlichen Erkenntnisfrage führen kann. Es wird sich aber dann auch bald die Empfindung ergeben, dass der Todesgedanke nicht um seiner selbst willen bedeutsam ist. Vielmehr wird er dadurch bedeutsam, dass er Licht verbreiten kann über das Leben. Man wird zu der Ansicht kommen müssen, dass das Rätsel des Lebens zu lösen ist durch die Erkenntnis des Todes.

Dass die Seele ihre Fortdauer verlangt, sollte unter allen Umständen misstrauisch gegen alle Meinungen machen,  die die Seele sich über diese Fortdauer bildet. Denn warum sollten sich die Tatsachen der Welt kümmern um das, was die Seele empfindet? - Sie mag ihren Bedürfnissen nach sich selbst als sinnlos empfinden, wenn sie denken müsste, sie könnte, wie eine Flamme, die sich aus dem Brennmaterial ergibt, aus dem Stoffe ihres Leibes aufflackern und dann wieder verlöschen müssen. Es könnte sich dies doch so verhalten, auch wenn es als sinnlos empfunden würde. - Wenn die Seele den Blick zum Leibe wendet, so soll sie auch nur mit dem rechnen, was er ihr zeigen kann.

Es scheint da, als ob in der Natur Gesetze wirkten, die die Stoffe und Kräfte so in ein Wechselspiel bringen, als ob diese Gesetze den Leib beherrschten, aber ihn nach einiger Zeit doch wieder in das allgemeine Wechselspiel einbezögen.

Man mag diesen Gedanken nun wenden, wie man will: naturwissenschaftlich ist er wohl brauchbar, doch der wahren Wirklichkeit gegenüber erweist er sich als ganz unmöglich. Man kann zwar finden, dass nur er allein wissenschaftlich klar und  nüchtern, und alles andre nur subjektiver Glaube sei; dies kann man sich wohl einbilden. Man kann dies aber bei wirklicher Unbefangenheit nicht festhalten. Und nur darauf kommt es an. Nicht was die Seele durch ihr Wesen als notwendig empfindet, sondern dasjenige, was die Außenwelt offenbart, aus welcher der Leib entnommen ist, kommt in Betracht. Diese Außenwelt nimmt seine Stoffe und Kräfte nach dem Tode in sich zurück. In ihr folgen diese dann Gesetzen, denen ganz gleichgültig ist, was im menschlichen Leib während des Lebens vorgeht. Diese Gesetze ( physischer und chemischer Art) stellen sich zum Leib nicht anders als zu jedem andern leblosen Dinge der Außenwelt. Es ist unmöglich, etwas anderes zu denken, als dass dieses gleichgültige Verhältnis der Außenwelt zum Menschenleib nicht erst mit dem Tod eintritt, sondern auch schon während seines Lebens besteht. Nicht aus dem Leben kann man eine Vorstellung gewinnen über denAnteil der sinnlichen Außenwelt am Menschenleib,sondern nur dadurch, daß man denkt: alles, was da an dir ist als Träger deiner Sinne, als Vermittler von Vorgängen, durch welche deine Seele lebt, das wird von der Welt, die du wahrnimmst, so behandelt, wie dir die Vorstellung ergibt, die über dein Leben hinausschweift. Die damit rechnet,dass eine Zeit kommen werde, in der du alles dieses nicht mehr an dir hast, worinnen du dich jetzt erlebst. Jede andere Vorstellung über das Verhältnis der sinnlichenAußenwelt zum Leib lässt durch sich selbst erfühlen, dass sie gegenüber der Wirklichkeit nicht haltbar ist. Die Vorstellung aber, dass erst nach dem Tod der wirkliche Anteil der Außenwelt am Leib zutage tritt, kommt mit nichts in Konflikt, was wahrhaft in Außenwelt und Innenwelt erlebt

wird. Die Seele fühlt nichts Unerträgliches bei dem Gedanken, dass ihre Stoffe und Kräfte Vorgängen der Außenwelt verfallen, die mit ihrem eigenen Leben nichts zu tun haben. Sie kann in ihren Tiefen bei vollkommen unbefangener Hingabe an das Leben keinen aus dem Leib aufsteigenden Wunsch entdecken, der ihr den Gedanken an die Auflösung nach dem Tod unbehaglich macht. Das Unerträgliche tritt erst ein, wenn die Vorstellung gebildet werden sollte, die in die Außenwelt zurückkehrenden Stoffe und Kräfte nehmen die sich erlebende Seele mit.

Eine solche Vorstellung wäre aus demselben Grunde unerträglich wie jede andre, die sich nicht naturgemäß aus der Hingabe an die Offenbarungen der Außenwelt ergibt.

Der Außenwelt während des Lebens einen ganz andren Anteil an dem Leibesdasein zuzuerkennen, als nach dem Tod, ist ein Gedanke, der aus dem Nichts hergeholt werden müsste. Als sinnloser Gedanke muss er stets vor der Wirklichkeit zurückprallen, während doch die Vorstellung ganz gesund ist, dass die Außenwelt während des Lebens ganz den gleichen Anteil an dem Leib hat wie nach dem Tod. Die Seele fühlt sich, wenn sie den letzteren Gedanken hegt, ganz im Einklang mit der Offenbarung der Tatsachen.

Sie kann empfinden, dass sie durch diese Vorstellung nicht in Missklang kommt mit den Tatsachen, die durch sich selbst sprechen, und denen kein künstlicher Gedanke hinzugefügt werden darf.

Man achtet nicht immer darauf, in wie schönem Einklang das natürliche, gesunde Empfinden der Seele mit der Naturoffenbarung ist. Es könnte dies so selbstverständlich erscheinen, daß es gar keiner Beachtung wert wäre; und doch ist dies scheinbar Bedeutungslose lichtbringend.

Nichts Unerträgliches hat der Gedanke, dass der Leib in die

Elemente aufgelöst werde; etwas Sinnloses dagegen der andre,

dass dies auch mit der Seele geschehe. Es gibt viele menschlich persönliche Gründe, welche dies als sinnlos erscheinen

lassen; diese müssen von der objektiven Betrachtung

unberücksichtigt gelassen werden. Die ganz unpersönliche Hingabe jedoch an das, was die Außenwelt lehrt, sie zeigt, daß auch während des Lebens dieser Außenwelt an der Seele kein andrer Anteil zugeschrieben werden kann als nach dem Tod. Maßgebend ist, dass dieser Gedanke sich als ein notwendiger ergibt, und dass er standhält gegenüber allen Einwänden, die man gegen ihn erheben kann. Wer ihn ganz bewußt denkt, der fühlt dieses als unmittelbare Gewißheit.

In Wahrheit denken so aber sowohl Unsterblichkeitsgläubige

wie auch Unsterblichkeitsleugner. Die letzteren werden wohl sagen, in den Gesetzen, welche wirksam sind am Leib nach dem Tod, seien auch die Bedingungen seiner Vorgänge während des Lebens enthalten; aber sie irren sich, wenn sie glauben, sich wirklich vorstellen zu können, diese Gesetze stünden während des Lebens in

einem andern Verhältnisse zum Leib als Seelenträger als nach dem Tode.

In sich möglich ist nur die Vorstellung, auch jener besondere

Zusammenhang von Kräften, der mit dem Leib in die Erscheinung tritt, stehe dem Leib als Seelenträger genau so anteilslos gegenüber wie der, welcher die Vorgänge am toten Leib bewirkt. Nicht für die Seele ist diese Anteilslosigkeit vorhanden, wohl aber für die Stoffe und Kräfte des Leibes. Die Seele erlebt sich am Leib; der Leib

jedoch lebt mit der Außenwelt, in ihr, durch sie und läßt das Seelische für sich nicht anders maßgebend sein als die Vorgänge der Außenwelt. Man muß zu der Ansicht kommen, dass für die Blutbewegung im Leib die Wärme und Kälte der Außenwelt ebnso maßgebend sind, wie die Furcht oder das Schamgefühl, die sich in der Seele abspielen, wenn der Mensch erbleicht oder errötet.

So fühlt man zunächst in sich die Gesetze der Außenwelt in jenem ganz besondren Zusammenhange wirksam, der sich als die Gestaltung des Menschenleibes kundgibt.

Man empfindet diesen Leib als ein Glied der Außenwelt, aber man steht seinem innern Zusammenhang fremd gegenüber.

Die äußere Wissenschaft klärt gegenwärtig zum Teil auf, wie sich die Gesetze der Außenwelt in dem ganz besonderen Wesen zusammenfügen, das sich als Menschenleib darstellt. Von der Zukunft darf gehofft werden, dass diese Erkenntnis immer weiter fortschreiten werde. Wie die Seele über ihr Verhältnis zum Leibe denken muss, daran kann diese fortschreitende Erkenntnis nicht das geringste ändern. Im Gegenteil, sie wird immer klarer zeigen müssen, dass die Gesetze der Außenwelt vor und nach dem Tod in dem gleichen Verhältnisse zur Seele stehen. Es ist eine Illusion, zu erwarten, mit fortschreitender Naturerkenntnis werde aus den Gesetzen der Außenwelt sich ergeben, inwiefern die Leibesvorgänge die Vermittler des Seelenlebens sind. Man wird immer deutlicher erkennen, was im Leibe während des Lebens vorgeht; aber die entsprechenden Vorgänge werden sich stets als solche zeigen, die die Seele so als ihr äußerlich empfindet, wie die Vorgänge am Leib nach dem Tode.

Innerhalb der Außenwelt muss daher der Leib als ein Zusammenhang von Kräften und Stoffen erscheinen, der für sich besteht und in sich erklärbar ist als Glied dieser Außenwelt. - Die Natur laßt die Pflanze entstehen; sie löst sie wieder auf. Sie beherrscht den Menschenleib und lässt ihn innerhalb ihrer Wesenheit vergehen. Stellt sich der Mensch mit einer solchen Betrachtung der Natur gegenüber, so kann er sich und alles, was in ihm ist, vergessen, und seinen Leib als Glied der Außenwelt empfinden.

Denkt der Mensch so über sein Verhältnis zu sich selbst und zur Natur, so erlebt er an sich selbst, was man seinen physischen Leib nennen kann.