Was ist Spiritualität?

Ich habe tausende Male darüber nachgedacht, was Spiritualität ist, und noch öfter darüber, wie man diesen Begriff in unserer Zeit erläutern kann, und jedesmal bin ich davor zurückgeschreckt, weil Spiritualität ja eigentlich nichts anderes bedeutet als das, was man in der deutschen Sprache als "Frömmigkeit" bezeichnet. Seit Goethes Faust nennt man dies auch die "Gretchenfrage", denn Gretchen lässt nicht locker, Faust danach zu fragen, ob er an Gott glaubt, und Faust kann nicht anders, als ihr immer wieder in die Philosophie auszuweichen, anstatt einfach "Ja" zu sagen.

 

Wo liegt das Problem? Das Problem scheint mir zu sein, dass  Spiritualität untrennbar mit dem Begriff der "Wahrheit" verbunden ist, dieser Zusammenhang aber im Bewusstsein der Menschheit noch nicht voll erkannt ist. So wäre es am schönsten, ich könnte mit den Augen Goethes in die Natur und in die Menschheit blicken und verständlich machen, was die Augen Goethes dabei sehen. Er hatte nämlich schon die Einsicht, dass Erkenntnis nur spirituell sein kann, wenn sie der Wahrheit entspricht.

 

Dass dies bei Goethe tatsächlich so war, lässt sich am Beispiel seiner Farbenlehre illustrieren: Von Seiten der Naturwissenschaft gilt ja  bis heute die Aussage Isaac Newtons als der "Goldstandard", dass die Farben, die wir in der Welt wahrnehmen, durch Beugung der Lichtstrahlen aus dem Licht hervorgehen.

 

Für Goethes Spiritualität war das aber ein unerträglicher Gedanke, denn für ihn als Künstler war das Weiss des Lichtes das Symbol der Reinheit. Wenn daraus die Farben durch Beugung hervorgehen, dann kann die Reinheit des weissen Lichtes nur eine Täuschung, mit anderen Worten: nur eine "Lüge" sein!

 

Goethe ließ sich deshalb ein Prisma aus der Universität von Jena kommen, das heißt: aus einer der renommiertesten Universitäten der damaligen Welt, und stellte sich mit diesem Prisma vor eine sonnerhellte weiße Wand, um die Farben zu studieren, die dieses Prisma nach der Newtonschen Theorie durch Beugung des  Lichtes entstehen lassen würde.

 

Zu Goethes großem Erstaunen erschienen aber keine Farben auf der sonnerhellten weißen Wand! Nur, wenn er das Prisma so schräg hielt, dass sich das Bild der Welt, das im Prisma erscheint, über die dunklen Ränder dieser Wand schob. Nur an den Rändern des vom Prisma ausgehenden Bildes erschienen vereinzelte Farben. Diese erschienen aber stets so, dass bei Ablenkung des Lichtes dort ein Türkisblau aufleuchtete, wo der Lichtstrahl über einen dunklen Hintergrund verschoben war. Hingegen erschien dort ein Orange, wo sich der dunkle Rand über eine hell erleuchtete Fläche verschoben hatte.

 

Goethe zog daraus die folgende Erkenntnis: Farben entstehen nicht aus dem Licht allein, sondern aus dem Zusammenwirken von Licht und Finsternis.

 

Farben sind also nicht einfach Erzeugnisse des Lichtes, sondern des Zusammenspieles eines Immateriellen (in diesem Falle des Lichtes) mit einem Materiellen (das hier in der Gestalt des Prismas für die Finsternis sorgt).

 

 

Die Spiritualität Goethes ist also nicht ein Produkt seiner Sprachbegabung, wie viele bis heute noch meinen, also nicht bloß  "Schöner Schein", sondern ist "Wahre Erkenntnis"!

 

Die Natur spirituell zu sehen, worum ich mich schon seit Jahrzehnten bemühe, aber immer noch nicht damit zufrieden bin, setzt also voraus, dass wir die "Wahrheit" erkennen!

 

Dass dies sogar bis in die Heilkunst hinein relevant ist, davon zeugt auch das Buch von Hans Bonneval: Wahrheit heilt!, das 2014 im BoD-Verlag unter der ISBN-Nr 978-3-7357-2874-6 erschienen ist.

 

Nun habe ich einen Vortrag Rudolf Steiners gefunden, der genau dieses Gefühl der Wahrheit erschließt, aber es ist kein Vortrag über die Natur, sondern über die Zehn Gebote des Moses, also über ein moralisches Thema:

 

Der Leser möge mir verzeihen, dass ich diesen Vortrag gewählt habe, und sich fragen, was ihm dieser Vortrag im Hinblick auf die Frage: Was ist Spritualität? zu geben vermag. Auch möge er mir verzeihen, dass ich mir die Freiheit genommen habe, wichtige Passagen in Fettschrift hervorzuheben und die Formulierungen im vierten Gebot auf den von Rudolf Steiner hervorgehobenen Geist dieses Gebotes zu bringen, so dass nicht mehr vom "Vater" und "Sohn", sondern ausnahmslos nur noch von den "Eltern" und den "Kindern" im Sinne der "Geschlechter eines Volkes" die Rede ist.

 

Wichtig für den Begriff der Spiritualität ist auch, dass die "Wahre Frömmigkeit", die hier gemeint ist, wirklich von Herzen kommt und also keinerlei Machtansprüche gegenüber anders empfindenden Menschen entfaltet.

 

Hier also nun der Text:

 

 

Rudolf Steiner: 

Geisteswissenschaftliche Menschenkunde

GA 107, 9. VORTRAG, Berlin, 16. November 1908

Wesen und Bedeutung der Zehn Gebote

 

Die Zehn Gebote des Moses werden heute eigentlich von der Mehrzahl der Menschen so genommen, als wären sie Gesetze in der Art, in der auch von irgendeinem modernen Staat Gesetze erlassen werden.Zwar wird man zugeben, dass diese Gesetze, die in den Zehn Geboten enthalten sind, umfassender, allgemeiner sind und dass sie unabhängig von diesem Ort und dieser Zeit gelten. Man wird sie also für allgemeinere Gesetze halten, aber man hat zugleich die Meinung, dass sie doch nur die Wirkung oder dasselbe Ziel haben wie die Gesetze, die heute von einer staatlichen Gesetzgebung gegeben werden.

Dadurch aber verkennt man den eigentlichen Lebensnerv, der in diesen Zehn Geboten lebt.Und wie man ihn verkannt hat, zeigt sich eben darin, dass alle Übersetzungen, die der heutigen Menschheit zugänglich sind, schon unbewusst eine wesentlich oberflächlichere, gar nicht auf den Geist dieser Zehn Gebote des Moses eingehende Erklärung der Sache in sich aufgenommen haben. 

Lassen Sie uns nun, wie eine Art von Einleitung, einen Versuch machen, wenigstens in einer einigermaßen entsprechenden Weise die Zehn Gebote in deutscher Sprache zu geben, und erst dann vor die Sache hintreten.An dieser, wenn man es so nennen will, Übersetzung der Zehn Gebote wird noch mancherlei gefeilt werden müssen.

Aber der Lebensnerv, der eigentliche Sinn, soll zunächst einmal mit dieser Form der Zehn Gebote in deutscher Sprache getroffen werden, wie wir gleich nachher sehen werden.Wenn man sie sinngemäß übersetzt so, dass man nicht das Lexikon aufschlägt und Wort für Wort übersetzt - wobei natürlich nur das Allerschlechteste herauskommen kann, denn es kommt auf den Wortwert und den ganzen Seelenwert an, den die Sache zu seiner Zeit hatte -, wenn man also den Sinn herausnimmt, dann würden sich diese Zehn Gebote so darstellen:

Erstes Gebot. „Ich bin das ewig Göttliche, das du in dir empfindest. Ich habe dich aus dem Lande Ägypten geführt, wo du nicht Mir in dir folgen konntest.Fortan sollst du andere Götter nicht über Mich stellen. Du sollst nicht als höhere Götter anerkennen, was dir eine Abbildung zeigt von etwas, das oben am Himmel scheint, das aus der Erde heraus oder zwischen Himmel und Erde wirkt. Du sollst nicht anbeten, was vonalledem unter dem Göttlichen in dir ist. Denn Ich bin das Ewige in dir, das hineinwirkt in den Leib und daher auf die kommenden Geschlechter wirkt. Ich bin ein fortwirkendes Göttliches. Wenn du Mich nicht in dir erkennst,werde Ich als dein Göttliches verschwinden bei Kindern und Enkeln und Urenkeln, und deren Leib wird veröden. Wenn du Mich in dir erkennst, werde Ich bis ins tausendste Geschlecht als Du fortleben, und die Leiber deines Volkes werden gedeihen."

Zweites Gebot. „Du sollst nicht im Irrtum von Mir in dir reden; denn jeder Irrtum über das Ich in dir wird deinen Leib verderben.“

Drittes Gebot: „Du sollst Werktag und Feiertag scheiden, auf dass dein Dasein Bild Meines Daseins werde. Denn was als Ich in dir lebt, hat in sechs Tagen die Welt gebildet und lebte in sich am siebenten Tage. Also soll dein Tun und deines Sohnes Tun und deiner Tochter Tun und deiner Knechte Tun und deines Viehes Tun und dessen, was sonst bei dir ist, nur sechs Tage dem Äußeren zugewandt sein; am siebenten Tage aber soll dein Blick Mich in dir suchen.

Viertes Gebot. Wirke fort im Sinne deines Vaters und deiner Mutter, damit dir als Besitztum verbleibt das Eigentum, das sie sich durch die Kraft erworben haben, die Ich in ihnen gebildet habe.

Fünftes Gebot. Morde nicht.

Sechstes Gebot.Brich nicht die Ehe.

Siebentes Gebot.Stehle nicht.

Achtes Gebot. Setze den Wert deines Mitmenschen nicht herab, indem du Unwahres von ihm sagst.

Neuntes Gebot.Blicke nicht mißgönnend auf das, was dein Mitmensch besitzt als Eigentum.

Zehntes Gebot.Blicke nicht mißgönnend auf das Weib deines Mitmenschen und auch nicht auf die Gehilfen und die anderen Wesen, durch die er sein Fortkommen findet.

Nun fragen wir uns: Was zeigen uns diese Zehn Gebote vor allen Dingen? Wir werden sehen, sie zeigen uns überall, nicht nur in dem ersten Teil, sondern auch in dem letzten Teil, wo es scheinbar verborgen ist, dass durch Moses zu dem jüdischen Volke gesprochen wird in dem Sinne, daß jene Macht nunmehr bei dem jüdischen Volke sein soll, die sich im brennenden Dornbusch dem Moses angekündigt hat mit den Worten als der Bezeichnung seines Namens: «Ich bin der Ich bin!» - «Ehjeh asher ehjeh!».

Hingewiesen ist darauf, dass die anderen Völker in der Entwickelung unserer Erde jenes «Ich bin», den eigentlichen Urgrund des vierten Teiles der menschlichen Wesenheit, nicht so intensiv, so klar haben erkennen können, wie das jüdische Volk das erkennen soll. Jener Gott, der einen Tropfen seines Wesens in den Menschen gegossen hat, so dass das vierte Glied der menschlichen Wesenheit der Träger dieses Tropfens wurde, der Ich-Träger, jener Gott durch Moses zum ersten Male seinem Volke bewusst wird. 

Wir können daher sagen: Es liegt den Zehn Geboten die Auffassung zugrunde: zwar hat jener Jahve-Gott gearbeitet und gewirkt an der Hinaufentwickelung der Menschheit auch bis dahin. Aber die geistigen Wesenheiten wirken früher, als sie in Klarheit erkannt werden. Dasjenige, was bei den alten Völkern der vormosaischen Zeit gewirkt hat, war zwar ein Wirkendes, ein Arbeitendes, aber als Begriff, als Vorstellung, als eigentlich wirksame Kraft im Innern der Menschenseele wurde es zuerst durch Moses seinem Volke verkündet. Und es handelte sich nun darum, daß diesem Volke klargemacht wurde, welches die ganze umfassende Wirkung dessen sei, sich als ein Ich in dem Maße zu fühlen, wie das beim jüdischen Volke der Fall war. 

Bei diesem Volk haben wir das Jahve-Wesen als eine Art Übergangswesen zu betrachten: Jahve ist einmal diejenige Wesenheit, welche den Tropfen des Gottesgeistes in die eigene Individualität des Menschen gießt. Aber er ist zu gleicher Zeit Volksgott. Der einzelne Jude fühlte sich in einer Beziehung noch verbunden mit dem Ich, das in Abrahams Inkarnation auch lebte und das durch das ganze jüdische Volk hinuntergeströmt ist. Das jüdische Volk fühlte sich verbunden mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Es war eine Übergangszeit. Das sollte ja erst durch die Verkündigung des Christentums anders werden. Aber was durch Christus auf die Erde kommen soll, wird vorherverkündigt durch die alttestamentlichen Verkündigungen, vor allem durch das, was Moses seinem Volk zu sagen hat. So sehen wir langsam sich ergießen die volle Kraft der Ich-Erkenntnis in das jüdische Volk im Verlaufe jener Geschichte, die uns das Alte Testament schildert. Es sollte dem jüdischen Volke voll zum Bewusstsein gebracht werden, welche Wirkung es auf des Menschen ganzes Leben hat, wenn er nicht mehr in einer gewissen Unbewusstheit über das Ich lebt, sondern wenn er gelernt hat, das Ich in sich zu fühlen, den Gottesnamen «Ich bin der Ich bin»in seiner Wirkung auf das Innerste seiner Seele zu empfinden.

Heute empfindet man über diese Dinge abstrakt. Heute bleibt es ein Wort, wenn man von dem Ich und über das, was damit zusammenhängt, spricht. In der Zeit, als dieses Ich zuerst in der Gestalt des alten Jahve-Gottes dem jüdischen Volke verkündet worden ist, empfand man dieses Ich als den Einschlag einer Kraft, die in den Menschen hineinkommt und das ganze Gefüge seines astralischen Leibes, seines ätherischen Leibes und seines physischen Leibes verändert.

Und man mußte diesem Volke sagen: Anders sind die Bedingungen deines Lebens und deiner Gesundheit gewesen, als das Ich noch nicht in deiner Seele als Erkenntnis lebte; vorher waren die Bedingungen von Krankheit und Gesundheit für dein ganzes Leben andere, als sie jetzt werden. Daher kam es darauf an, dem jüdischen Volke zu sagen, in welche neuen Bedingungen es dadurch einrückte, daß es nicht mehr hinaufschauen sollte bloß zum Himmel, hinunterschauen sollte bloß zur Erde, wenn es von Göttern spricht, sondern hineinschauensoll in die eigene Seele. Das der Wahrheit gemäße Hineinschauen in die eigene Seele bringt ein richtiges Leben, bis hinunter in die Gesundheit. Dieses Bewusstsein liegt durchaus den Zehn Geboten zugrunde, während ein falsches Auffassen dessen, was als Ich in die Seele eingezogen ist, den Menschen nach Leib und Seele verdorren macht, ihn zerstört. 

Man braucht wirklich nur dokumentarisch vorzugehen, und man kann bemerken, wie wenig diese Zehn Gebote bloß äußere Gesetze sein sollen, wie sie tatsächlich das sein sollen, was eben hier auseinandergesetzt worden ist: etwas, das für Gesundheit und Heil von astralischem, ätherischem und physischem Leib von der einschlagendsten Bedeutung ist. Aber wo liest man denn heute Bücher richtig und genau? Man brauchte nur einige Seiten weiterzublättern und würde finden, dass in einer weiteren Auslegung der Zehn Gebote dem jüdischen Volke gesagt worden ist, welches die Wirkung der Zehn Gebote auf den ganzen Menschen ist.

Da heißt es: «Ich entferne jede Krankheit aus deiner Mitte; es wird keine Fehlgeburt noch Unfruchtbarkeit in deinem Lande sein, und ich werde die Zahl deiner Tage voll werden lassen.»

Das heißt: Wenn das Ich sich so auslebt, dass es sich durchdringt mit dem Wesen der Zehn Gebote, so wird unter anderem das eintreten, dass du nicht in der Blüte deiner Jahre dahinsterben kannst, sondern durch das richtig erfasste Ich kann in die drei unter dem Ich stehenden Leiber, in den astralischen Leib, Ätherleib und physischen Leib, etwas einströmen, das die Zahl deiner Jahre voll werden läßt, das dich bis ins höchste Alter gesund leben lässt. Das wird ganz deutlich gesagt. Aber es ist notwendig, ganz tief in diese Dinge einzudringen. Das können allerdings moderne Theologen nicht so leicht. Denn ein populäres Büchlein, das auch sonst recht geeignet ist, Ärgernis zu erregen, weil es für ein paar Pfennige zu haben ist, sagt über die Zehn Gebote auch den Satz: Man kann ja leicht sehen, dass in den Zehn Geboten die hauptsächlichsten menschlichen Gesetze gegeben sind, in der einen Hälfte die Gebote gegen Gott, in der anderen Hälfte die Gebote gegen die Menschen. 

Damit er nicht zu sehr danebenhaut, sagt der betreffende Verfasser, das vierte Gebot müsse man noch zu der ersten Hälfte

hinzunehmen, die sich auf Gott bezieht. Wie es der Herr dann zuwege bringt, dass vier die eine Hälfte, sechs die andere Hälfte ist, das sei nur ein kleines Zeichen dafür, wie man heute zu Werke geht. Alles andere in diesem Buch entspricht auch der schönen Gleichung: Vier ist gleich sechs.

Wir haben es mit der Erklärung zu tun, die dem jüdischen Volk

gegeben wird über die richtige Einlebung des Ichs in die drei unter ihm stehenden Leiber des Menschen. Da handelt es sich vor allem darum, dass gesagt wird - und das tritt uns gleich im ersten Gebot entgegen -: Wenn du dir deines Ichs als eines Funkens der Göttlichkeit bewusst wirst, so bist du so, dass du in deinem Ich einen Funken, einen Ausfluss der höchsten, mächtigsten Göttlichkeit, die an dem Schaffen der Erde beteiligt ist, zu empfinden hast.

Erinnern wir uns, was wir über die Entwickelungsgeschichte des

Menschen haben sagen können. Wir haben sagen können, dass der physische Leib des Menschen während des uralten Saturndaseins entstanden ist. Da haben Götter daran gearbeitet. Dann ist auf der alten Sonne der Ätherleib dazugekommen. Wie beide Leiber weiter verarbeitet worden sind, das ist wieder das Werk von geistig-göttlichen Wesenheiten. Dann auf dem alten Monde hat sich der Astralleib eingegliedert, alles als das Werk göttlich-geistiger Wesenheiten. Was dann den Menschen zum Menschen im heutigen Sinne gemacht hat, das war auf der Erde die Eingliederung seines Ichs. Dabei hat die höchste Göttlichkeit mitgewirkt. Solange sich daher der Mensch nicht dieses vierten Gliedes seiner Wesenheit voll bewusst werden konnte, konnte

er auch nicht eine Ahnung haben von dem höchsten Göttlichen, das an seinem Werden beteiligt und in ihm vorhanden ist. Der Mensch muss sich sagen: An meinem physischen Leib haben Göttlichkeiten gearbeitet, die aber niedriger sind als diejenige Göttlichkeit, die mir jetzt das Ich geschenkt hat. Ebenso ist es mit dem Ätherleib und dem astralischen Leib. Also musste dem jüdischen Volk, das zuerst die prophetische Kunde erhielt, von diesem Ich gesagt werden: Werde dir bewusst, dass die Völker um dich herum Götter verehren, die nach ihrer gegenwärtigen Stufe am astralischen Leib, Ätherleib und physischen Leib mitwirken können. Aber sie können nicht mitwirken an dem Ich. Dieser Gott, der im Ich wirkt, war zwar immer da; er hat sich angekündigt durch sein Wirken und Schaffen. Seinen Namen aber verkündet er dir jetzt.

Durch die Anerkennung der andern Götter ist der Mensch kein

freies Wesen. Da ist er ein Wesen, welches die Götter seiner niederen Glieder anbetet. Wenn der Mensch aber den Gott bewußt erkennt, von dem ein Teil in seinem Ich ist, dann ist er ein freies Wesen, ein Wesen, das sich als freies Wesen seinen Mitmenschen gegenüberstellt.

Der Mensch steht heute nicht so zu seinem astralischen Leib,

Ätherleib und physischen Leib, wie er zu seinem Ich steht. In diesem Ich ist er drinnen. Es ist ihm unmittelbar das nächste, dem er gegenübersteht.

Zu seinem astralischen Leib wird er erst so stehen, wenn er ihn zum Manas umgewandelt hat, und zu seinem Ätherleib erst, wenn er ihn zur Buddhi umgestaltet, wenn er ihn von seinem Ich aus zu einem Göttlichen entwickelt hat. Wenn das Ich auch zuletzt entstanden ist, es ist doch das, worin der Mensch lebt. Und wenn er das Ich erfasst, so erfasst er daher das, in dem ihm das Göttliche in seiner unmittelbaren Gestalt entgegentritt, in seiner ureigenen Gestalt, während diejenigen Formen seines astralischen Leibes, Ätherleibes und physischen Leibes, die er heute an sich hat, von vorhergehenden Göttern gebildet sind. So verehrten die umliegenden Völker im Gegensatz zum israelitischen Volke diejenigen Gottheiten, die an diesen niederen Wesensgliedern des Menschen gearbeitet haben. Und wenn ein Bild gemacht wurde von diesen niederen Gottheiten, so wurde dieses Bild irgendeiner Form, die auf der Erde oder amHimmel oder zwischen Himmel und Erde war, ähnlich. Denn alles, was der Mensch in sich hat, ist ja in der ganzen übrigen Natur ausgebreitet.

Macht sich der Mensch Bilder aus dem Mineralreich, so können diese Bilder ihm nur diejenigen Gottheiten vorstellen, die am physischen Leib gearbeitet haben. Macht er sich Bilder aus dem Pflanzenreich, so können diese ihm nur die Gottheiten vorstellen, die an dem Ätherleib gearbeitet haben, denn den Ätherleib hat der Mensch gemeinschaftlich mit der Pflanzenwelt. Und Bilder aus dem Tierreich können ihm nur diejenigen Gottheiten symbolisieren, die an dem astralischen Leib gearbeitet haben. Das aber, wodurch der Mensch die Krone der Erdenschöpfung ist, ist das, was er in seinem Ich erfasst.

Das kann kein äußeres Bild ausdrücken. Und in aller Schärfe

musste daher dem jüdischen Volke klargemacht und betont werden: Es ist etwas in dir, das der unmittelbare Ausfluss des gegenwärtig höchsten der Götter ist. Das kann nicht symbolisiert werden durch Bilder aus dem Mineralreich, Pflanzenreich oder Tierreich, und wären diese noch so erhabenAlle Götter, denen auf diese Weise gedient wird, sind niederere Götter als der Gott, der in deinem Ich lebt. Willst du diesen Gott in dir verehren, dann müssen die anderen zurücktreten, dann hast du die gesunde, wahre Kraft deines Ich in dir.

Also es hängt zusammen mit den tiefsten Geheimnissen der Menschheitsentwickelung, was uns gleich im ersten der Zehn Gebote gesagt wird: «Ich bin das ewig Göttliche, das du in dir empfindest. Die Kraft, die Ich in dein Ich gelegt habe, wurde der Antrieb, die Kraft, durch die du aus dem Lande Ägypten entflohest, wo du nicht Mir in dir folgen konntest.»

Da heraus hat Moses auf die Weisung des Jahve hin sein Volk

geführt. Und um uns das ganz deutlich zu machen, wird noch besonders darauf hingewiesen, dass der Gott Jahve sein Volk zu einem Volk von Priestern machen wollte. Bei den andern Völkern waren diejenigen, die dem Volk als die Freien gegenüberstanden, die Priester-Weisen. Das waren die Freien, die um das große Geheimnis des Ich wussten, die auch den unbildlichen Ich-Gott kannten. So dass man in diesen Ländern sich gegenüberstehend hatte diese wenigen ich-bewussten Priester-Weisen und die große unfreie Masse, die sozusagen nur hören konnte auf das, was die Priester-Weisen aus den Mysterien unter der strengsten Autorität herausfließen ließen. Nicht der einzelne aus dem Volke hatte ein solches unmittelbares Verhältnis zu Gott, sondern die Priester-Weisen hatten es für die einzelnen vermittelt.

Daher hing alles Wohl, alles Heil von diesen Priester-Weisen ab:

wie sie die Einrichtungen schufen, alles organisierten, davon hing

Heil und Gesundheit ab. Viel müsste ich Ihnen erzählen, wenn ich Ihnen den tieferen Sinn des ägyptischen Tempelschlafes und seine Wirkung auf die Volksgesundheit schildern wollte, wenn ich schildern wollte, was einfach an Volks-Heilmitteln für die Gesundheit ausfloss durch einen solchen Kultus, wie es zum Beispiel der Apis-Kultus war. 

In einem solchen Volke war die ganze Lenkung und Leitung darauf bedacht, dass unter der Führung der Eingeweihten aus diesen Kultusstätten heraus die Fluida für die Gesundheit kamen. Das sollte nun anders werden. Zu einem Volk von Priestern sollten die Juden werden. Jeder einzelne sollte in sich einen

Funken dieses Jahve-Gottes fühlen und ein unmittelbares Verhältnis zu ihm erhalten. Nicht mehr sollte der Priester-Weise der einzige Vermittler sein. Daher musste man dem Volk auch dafür Anweisung geben. Es musste darauf aufmerksam gemacht werden, dass die falschen Bilder, also die niedrigeren Bilder des höchsten Gottes, auch ungesund wirken. 

Da kommen wir auf ein Kapitel, von dem sich der heutige Mensch nicht leicht ein Bewusstsein wird verschaffen können. Heute wird ja in dieser Beziehung Ungeheures gesündigt. Nur wer in die Geisteswissenschaft eindringen kann, weiß, auf welche geheimnisvolle Art Gesundheit und Krankheit sich entwickeln.

Wenn Sie durch die Straßen einer Stadt gehen und da die Scheußlichkeiten an den Anschlagsäulen und in den Schaufenstern vor die Seele geführt bekommen, übt das einen schaurigen Einfluß aus. 

Die materialistische Wissenschaft hat keine Ahnung davon, wie viel an Krankheitskeimen in diesen Scheußlichkeiten liegt. Man sucht bloß die Krankheitserreger in den Bazillen und weiß nicht, wie auf dem Umwege durch die Seele Gesundheit und Krankheit in den Körper geführt werden. Hier wird erst eine mit der Geisteswissenschaft bekannte Menschheit wissen, welche Bedeutung es hat, wenn der Mensch diese oder jene bildlichen Vorstellungen in sich aufnimmt.

Vor allen Dingen wird in dem ersten Gebote gesagt, es müsse nunmehr der Mensch sich eine Vorstellung davon machen können, dass über alles hinaus, was durch ein Bildliches geistig ausgedrückt werden kann, es noch einen Impuls geben kann, der unbildlich ist, der an diesem Punkt des Ich an das Übersinnliche angrenzt. 

«Fühle stark dieses Ich in dir, und fühle es so, dass in diesem Ich ein Göttliches dich durchwebt und durchwallt, das höher ist als alles, was du durch ein Bild ausdrücken kannst; dann hast du in einem solchen Gefühl eine Kraft der Gesundheit, die deinen physischen Leib, deinen Ätherleib und deinen astralischen Leib gesund machen wird!» 

Es sollte ein starker Ich-Impuls dem jüdischen Volk mitgeteilt werden, der gesund macht. Wird dieses Ich in richtiger Weise erkannt, dann wird dadurch der astralische, der ätherische und der physische Leib wohl gebildet, und das schafft eine starke Lebenskraft und eine starke Gesundheitskraft, die sich, von einem jeden ausgehend, dem ganzen Volk mitteilt. Da man ein Volk durch tausend Geschlechter zählte, so sagte der Jahve-Gott dieses Wort, dass durch die richtige Einprägung des Ichs der Mensch selbst zu einem Quell der ausstrahlenden Gesundheit wird, so dass das ganze Volk, wie es ausgedrückt ist, «bis ins tausendste Geschlecht hinein» ein gesundes Volk sein wird. Wird aber das Ich nicht in der richtigen Weise verstanden, so verdorrt der Leib, wird siech und krank. Stellt sich der Vater das Wesen des Ichs nicht in der richtigen Weise in seine Seele hinein, so wird sein Leib siech und krank, das Ich zieht sich langsam zurück; der Sohn wird noch siecher, der Enkel noch siecher, und zuletzt haben wir nur noch eine Hülle, aus der der Jahve-Gott gewichen ist. Was den Ich-Impuls nicht aufkommen läßt, das bringt allmählich bis ins vierte Glied hinein den Leib zum Verdorren.

So sehen wir, dass es die Lehre von der richtigen Wirkung des Ichs ist, die in dem ersten der Zehn Gebote vor das Volk des Moses hingestellt wird:

«Ich bin das ewig Göttliche, das du in dir empfindest. Ich habe dich aus dem Lande Ägypten geführt, wo du nicht Mir in dir folgen konntest. Fortan sollst du andere Götter nicht über Mich stellen. Du sollst nicht als höhere Götter anerkennen, was dir eine Abbildung zeigt von etwas, das oben am Himmel scheint, das aus der Erde heraus oder zwischen Himmel und Erde wirkt. Du sollst nicht anbeten, was von alledem unter dem Göttlichen in dir ist. Denn Ich bin das Ewige in dir, das hineinwirkt in den Leib und daher auf die kommenden Geschlechter wirkt. Ich bin ein fortwirkendes Göttliches - nicht: <Ich bin ein eifriger Gott>, denn das sagt hier nichts. - Wenn du Mich nicht als dein Göttliches erkennst, werde Ich als dein Ich verschwinden bei Kindern, Enkeln und Urenkeln, und ihr Leib wird veröden. Wenn du Mich in dir erkennst, werde Ich bis ins tausendste Geschlecht als Du fortleben, und die Leiber deines Volkes werden gedeihen.»

Da sehen wir, dass nicht bloß ein Abstraktes gemeint ist, sondern ein lebendig Wirksames, das bis in die Volksgesundheit hineinwirken soll. Zurückgeführt wird der äußere Prozess der Gesundheit auf das Geistige, das darin liegt und das stufenweise der Menschheit verkündet wird. 

Darauf wird im besonderen noch hingedeutet im zweiten Gebot, wo ausdrücklich gesagt wird: Du sollst dir keine falschen Vorstellungen von meinem Namen, von dem, was als Ich in dir lebt, machen;denn eine richtige Vorstellung macht dich gesund und lebenskräftig und ist dir zum Heil. Eine falsche Vorstellung aber laßt deinen Leib veröden!- So wurde jeder Angehörige des mosaischen Volkes im besonderen darauf hingewiesen, dass jedesmal, wenn der Gottes-Name ausgesprochen wird, er sich dieses eine Warnung sein lassen soll:

Ich soll den Namen dessen, was in mir eingezogen ist, so wie es in mir lebt, erkennen, denn das ist Anregung zur Gesundung.

«Du sollst nicht im Irrtum von Mir in dir reden; denn jeder Irrtum über das Ich in dir wird deinen Leib verderben »

Und dann im dritten Gebot der deutliche strenge Hinweis darauf, wie der Mensch, wenn er ein wirkendes, ein schaffendes Ich ist, ein wirklicher Mikrokosmos ist, gleich wie der Jahve-Gott sechs Tage geschaffen hat und am siebenten Tage ruhte und damit das Urbild hinstellte, das der Mensch in seinem Schaffen nachbilden soll. Es wird im dritten Gebotausdrücklich darauf hingewiesen: Du Mensch, du sollst, indem du ein richtiges Ich bist, auch ein Abbild deines höchsten Gottes sein, und in deinen Taten so wirken wie dein Gott! -

Es ist also die Aufforderung, dem Gott, der sich dem Moses im brennenden Dornbusch geoffenbart hat, immer ähnlicher zu werden.

«Du sollst Werktag und Feiertag scheiden, auf dass dein Dasein Bild Meines Daseins werde. Denn was als Ich in dir lebt, hat in sechs Tagen die Welt gebildet und lebte in sich am siebenten Tage. Also soll dein Tun und deines Sohnes Tun und deiner Tochter Tun und deiner Knechte Tun und deines Viehes Tun und dessen, was sonst bei dir ist, nur sechs Tage dem Äußeren zugewandt sein; am siebenten Tage aber soll dein Blick Mich in dir suchen.»

Nun geht das Zehn-Gebote-Werk immer mehr auf das einzelne über. Aber immer ist im Hintergrund dabei der Gedanke, dass es die fortwirkende Kraft ist, die als Jahve oder Jehova wirkt. Es wird im vierten Gebote der Mensch hinausgeleitet von den Beziehungen zu dem Übersinnlichen zu dem äußerlich Sinnlichen. Es wird auf etwas sehr Wichtiges in diesem vierten Gebot hingewiesen, und das muss verstanden werden. Wo der Mensch als ein selbstbewusstes Ich ins Dasein tritt, da tritt er so in dieses Dasein ein, dass er äußere Mittel braucht, um dieses Dasein ins Werk zu setzen. Er entwickelt das, was man einzelnes, individuelles Eigentum und Besitztum nennt.

Wenn wir zurückgingen in die alte ägyptische Zeit, würden

wir bei der großen Masse des Volkes ein solches individuelles Besitztum noch nicht finden. Wir würden finden, dass die, welche über das Besitztum zu entscheiden haben, auch die Priester-Weisen sind. Jetzt aber, wo jeder ein individuelles Ich entwickeln soll, wird er in die Notwendigkeit versetzt, in das Äußere einzugreifen, etwas Eigenes um sich herum zu haben, um sein Ich in der Außenwelt darzustellen.

Es wird deshalb im vierten Gebot darauf hingewiesen, dass derjenige, der das individuelle Ich in sich wirken lässt, Besitztum erwirbt, dass aber dieses Besitztum an die Kraft des Ich gebunden bleibt, das fortlebt im jüdischen Volk und vom Vater auf Sohn und Enkel sich fortpflanzen soll, und dass das Eigentum, das der Vater gehabt hat, nicht unter der starken Kraft des Ichs stände, wenn der Sohn das Werk seines Vaters nicht fortführen würde unter der Kraft des Vaters. Es wird daher gesagt: Lasse das Ich in dir so stark werden, dass es hinunter dauert und dass der Sohn mit den Mitteln, die er vom Vater ererbt, auch die Mittel zum äußeren Einleben in die äußere Umgebung erhalten kann. So bewusst wird der Konservativismus des Eigentumsgeistes in dieser Zeit dem Volk des Moses gegeben! 

Es liegt auch in den folgenden Gesetzen noch durchaus das Bewusstsein zugrunde, dass okkulte Kräfte hinter allem stehen, was in der Welt geschieht. Während man heute nur ganz äußerlich abstrakt das Vererbungsrecht ansieht, waren sich

diejenigen, die das vierte Gebotrichtig verstanden haben, dessen bewusst, dass geistige Kräfte sich fortpflanzen mit dem Eigentum von Generation zu Generation, hinüberleben von einem Geschlecht zum anderen, dass sie die Ich-Kraft der Menschheit erhöhen und dass dadurch der Ich-Kraft der einzelnen Individualität etwas zufließt, was ihr zugeführt wird von der Ich-Kraft der Eltern. Man kann das vierte Gebotnicht

grotesker übersetzen, als es gewöhnlich geschieht; denn der Sinn ist der folgende: Es soll in dir die starke Ich-Kraft entwickelt werden, die über dich hinauslebt, und soll übergehen auf die Kinder, damit deren Ich-Kraft etwas zuwachse, was als das Eigentum seiner Vorfahren in ihnen fortwirken kann.

«Wirke fort im Sinne deines Vaters und deiner Mutter, damit dir als Besitztum verbleibt das Eigentum, das sie sich durch die Kraft erworben haben, die Ich in ihnen gebildet habe.»

Und weiter liegt allen folgenden Gesetzen zugrunde, dass die Ich-Kraft der Menschheit erhöht wird durch die richtige Anwendung des Ich-Impulses, dass sie aber durch seine falsche Anwendung zugrundegerichtet wird. Das fünfte Gebotsagt etwas, was eigentlich im richtigen Sinne nur aus der Geheimwissenschaft heraus zu verstehen ist.

Alles, was mit Töten, mit der Vernichtung fremden Lebens zusammenhängt, schwächt die selbstbewusste Ich-Kraft im Menschen. Man kann dadurch im Menschen die Kräfte der schwarzen Magie erhöhen; da erhöht man aber nur die astralischen Kräfte im Menschen unter Umgehung seiner Ich-Kraft. Was als Göttliches im Menschen ist, das wird vernichtet durch jedes Töten. Daher spielt dieses Gesetz nicht nur auf etwas Abstraktes an, sondern auch auf etwas, wodurch dem Menschen in seinem Ich-Impuls okkulte Kraft zuströmt, wenn er Leben erhöht, Leben gedeihen lässt, Leben nicht vernichtet. Das wird als ein Ideal für die Erhöhung der individuellen Ich-Kraft hingestellt, und nur auf weniger stark betonten Gebieten wird dasselbe gefordert im sechsten und im siebenten Gebot.

Durch die Ehe wird ein Zentrum für die Ich-Kraft begründet.

Wer die Ehe zerstört, wird daher in demjenigen geschwächt, was der Ich-Kraft zufließen soll. Ebenso schwächt derjenige seine Ich-Kraft, der etwas von des anderen Ich-Kraft nehmen und durch Wegnehmen, Stehlen und so weiter Besitztum erwerben will. Es liegt auch da durchaus der führende Gedanke zugrunde, dass das Ich sich nicht schwächen soll. Und jetzt wird in den letzten drei Geboten sogar darauf hingewiesen, wie der Mensch durch eine falsche Richtung seiner Begierden seine Ich-Kraft schwächt. Das Leben in den Begierden hat eine große Bedeutung für die Ich-Kraft. Die Liebe erhöht die Kraft des Ichs, die Missgunst, der Hass läßt die Ich-Kraft verdorren. Wenn also der Mensch seinen Mitmenschen hasst, wenn er seinen Wert herabsetzt, indem er etwas Falsches von ihm sagt, schwächt er dadurch die Ich-Kraft, macht alles, das um ihn herum ist, an Gesundheit und an Lebenskraft geringer. Ebenso ist es mit der Missgunst, dem Neid auf das Besitztum des anderen. Schon die Begierde nach dem Gute des Nächsten macht die Ich-Kraft schwach. Und ebenso ist es imzehnten Gebot: wenn der Mensch im Neide hinschaut auf die Art und Weise, wie der andere sein Fortkommen sucht, und wenn der Mensch nicht nach der Liebe zum andern strebt und dadurch seine Seele erweitert und die Kraft seines Ichs hervorsprießen lässt. Nur dann, wenn wir die besondere Kraft des Jahve-Gottes darunter verstehen und seine Art der Offenbarung dem Moses gegenüber ins Auge fassen, können wir begreifen, was als ein besonderes Bewusstsein in das jüdische Volk einfließen soll, und es wird überall zugrunde gelegt, dass nicht abstrakte Gesetze gegeben werden, sondern gesunde, für Leib, Seele und Geist im weitesten Sinne heilsame Verordnungen.

Wer diese Gebote nicht in abstrakter, sondern in lebendiger Weise hält, der wirkt auf das ganze Heil und den ganzen Fortschritt des Lebens. Es konnte dies auch in dem Zeitpunkt gar nicht anders geoffenbart werden, als dass zugleich Vorschriften gegeben wurden, in welcher Art diese Gebote zu befolgen sind. Denn die andern Völker lebten dem jüdischen Volke gegenüber in einer ganz andern Weise; sie brauchten solche Gebote mit solchem Sinn noch nicht.

Wenn heute unsere Gelehrten die Zehn Gebote nehmen, sie lexikographisch übersetzen und sie vergleichen mit anderen Gesetzen, zum Beispiel mit dem Gesetz des Hammurabi, so heißt das eben, dass sie keine Ahnung haben von dem Impuls, auf den es ankommt. Nicht auf das «Du sollst nicht stehlen!» oder «Du sollst diese oder jene Feiertage heiligen!» kommt es an, sondern darauf, welcher Geist durch diese Zehn Gebote hindurchströmt und wie dieser Geist mit dem Geiste dieses Volkes, aus dem heraus das Christentum geschaffen wurde, zusammenhängt. So müsste man alles, was man empfinden und fühlen könnte in dem Selbständigwerden, in dem Priesterwerden jedes einzelnen in diesem Volke, nachfühlen können, wenn man überhaupt dieses Zehn-Gebote-Werk verstehen will. Es ist heute noch gar nicht die Zeit, dieses so konkret zu fühlen, wie es die Glieder jenes Volkes haben empfinden können. Daher wird heute auch alles mögliche hineinübersetzt, was im Lexikon steht, was aber nicht dem Geist der Sache entspricht. Kann man es doch immer lesen, dass das Volk des Moses hervorgegangen sei aus einem Beduinenvolk, und dass aus diesem Grunde nicht Gebote wie bei einem Ackerbau treibenden Volk gegeben werden konnten. Und daher - so schließen die Gelehrten - müsten die Zehn Gebote später gegeben worden sein und wären nachher zurückdatiert worden. Wenn die Zehn Gebote das wären, was die Herren darunter verstehen, dann hätten sie damit recht. Aber sie verstehen sie eben nicht. Gewiß, die Juden waren davor eine Art Beduinenvolk. Aber diese Gebote wurden ihm eben gegeben, damit das Volk unter dem Impuls der Ich-Kraft einer ganz neuen Zeit entgegengehen sollte. Dass Völker sich aus dem Geiste heraus bilden, dafür ist dies gerade der beste Beweis. Es gibt kaum ein so großes Vorurteil, als wenn gesagt wird: Ja, zur Zeit des Moses war das jüdische Volk noch ein wanderndes Beduinenvolk; was hätte es da für einen Sinn gehabt, diesem Volk die Zehn Gebote zu geben! ~ Es hat einen Sinn gehabt, solche Gesetze dem jüdischen Volk zu geben, damit eben der Ich-Impuls mit aller Kraft diesem Volke eingeprägt werden konnte. Es hat sie bekommen, weil es durch diese Gebote seinem äußeren Leben eine ganz neue Form geben sollte, weil vom Geiste aus ein ganz neues Leben geschaffen werden sollte.

So haben in der Tat die Zehn Gebote fortgewirkt, und in diesem Sinn sprechen auch noch die verständnisvollen Angehörigen der ersten Zeit des Christentums von dem Gesetz des Moses. Sie finden daher, dass der Ich-Impuls ein anderer wird durch das Mysteriumvon Golgatha, als er es in den Zeiten des Moses war.

Sie sagten sich: der Ich-Impuls ist durchtränkt worden durch das Zehn-Gebote-Werk; dadurch wurde das Volk stark, wenn es die Zehn Gebote befolgte.

Jetzt ist ein anderes da. Jetzt ist die Gestalt da, die dem Mysterium von Golgatha zugrunde liegt. Jetzt kann dieses Ich hinschauen auf das, was so verborgen durch die Zeiten gegangen ist, es kann hinblicken auf das Größte, das es sich erwerben kann, das es stark und kräftig macht durch die Nachfolge dessen, der auf Golgatha gelitten hat und der das größte Vorbild des werdenden Menschen in der Zukunft ist. Dadurch trat der Christus für die, welche das Christentum wirklich verstanden, an die Stelle jener Impulse, die vorbereitend im Alten Testament gewirkt haben. So also sehen wir, wie es tatsächlich eine tiefere Auffassung der Zehn Gebote gibt.

 

 Aus dem Buch von

Hans Bonneval: 

Das Denken als Weg zu einer spirituellen Weltauffassung,

Rieste 2010

zitiere ich ab Seite 110 Mitte:

 

Was ist Wirklichkeit?

Wenn etwas ist, dann wirkt es. Der Mensch bemerkt das Wirkende durch seine Wahrnehmungstätigkeit und erklärt es durch Gedanken. Wenn wir nach der Wirklichkeit fragen, dann müssen wir wahrnehmen, um ein Abbild der Wirklichkeit zu erhalten.

 

Viele Menschen meinen, dass wir die Wirklichkeit nicht kennen, da wir als wahrnehmende Wesen subjektiv seien. Das ist aber ein Irrtum, wie wir noch sehen werden. Die Wahrnehmung ist stets objektiv, denn sie ist nicht unser Werk, sondern geht von einem Objekt aus.Das lässt sich aber erst begründen, wenn auch die Frage nach der Wahrheit gestellt wird.

 

Was Wahrheit?

 

Wenn wir uns fragen, ob etwas wahr ist, dann wollen wir die Tatsächlichkeit, die Realität eines gedanklichen Zusammenhanges prüfen. Etwas, das wir momentan nur annehmen, glauben oder vermuten, soll bestätigt oder verworfen werden.

 

Das geschieht gewöhnlich durch Wahrnehmung. Es kann aber auch ein Gedanke durch andere Gedanken in seiner Wahrheit bestätigt werden, wie z.B. in der Mathematik, wenn jemand sagt: 3 x 14 = 42 und ich entgegne: Stimmt das - ist es wahr?Und er entgegnet dann: Ja 3 x 10 = 30 und 3 x 4 =12. 12 + 30 = 42. In diesem Falle haben andere, reine,  d.h. sinnlichkeitsfreie Gedanken den ersten Gedanken betätigt - ohne jede Wahrnehmung. Dies gilt für das reine, bloße Denken.

Der gewöhnliche Fall aber ist, dass ich prüfen möchte, ob ein Gedankliches wahr ist, das ich auf ein Wahrgenommenes angewendet habe, indem ich erneut zur Wahrnehmung, zur Wirklichkeit übergehe. Es sagt jemand: Ich glaube, es regnet draußen. Um zu wissen, ob es wahr ist, gehe ich ans Fenster und schaue nach draußen. Und falls es nicht eindeutig zu sehen ist, gehe ich vor die Tür und Strecke die Hand aus, um auf der Haut wahrzunehmen, ob es wahr ist. Sehe oder spüre ich die Tropfen, so steht fest: Die Behauptung, es regnet, ist wahr.

Besonders bezüglich der Wahrheit herrscht der schon bei der Wirklichkeit erwähnte Irrglaube, der Mensch könne Wahrheit nicht erreichen, weil seine Gedanken subjektiv seien. Das ist schlichtweg unsinnig und falsch. Wozu braucht einen Begriff mit dem Namen Wahrheit, wenn es für den Menschen Wahrheit nicht gibt? Allerdings verwendet man häufig den Namen "Wahrheit", ohne den Begriff "Wahrheit" zu denken. Für den subjektiven Fall haben wir aber andere Namen wie Meinung, Ansicht, Glaube oder Auffassung. Wahrheit muss daher eine andere Bedeutung haben. Wahrheit ist einfach der Name für einen anderen Begriff al der Name Meinung. Unzählige Male wurde in der Denkschule auf die Frage nach Wahrheit geantwortet, dass jeder seine eigene Wahrheit habe. Aber was soll dann der Ausdruck sagen, wenn er doch nur Meinung bedeutet? Jeder hat seine eigene Meinung. Das stimmt wohl, aber Wahrheit ist etwas, das für alle gleich ist. Wahrheit ist objektiv und für alle gleichermaßen gültig.

Um diesen Irrtum von der Subjektivität aufzuheben, fragen wir zunächst nach dem Subjekt.

 

Was ist ein Subject?

 

Es zeigt sich, dass das Subjekt stets das wahrnehmende, das handelnde oder in irgendeiner Weise aktive Wesen ist, dessen Bewusstsein sich darstellt.Wenn wir von uns als Menschen sprechen, sind wir, ist unser Ich das Subjekt, insofern wir wahrnehmen, vorstellen, fühlen oder wollen, bzw. handeln. Der Begriff des Objektes hat aber nur Sinn, wenn wir als Subjekt gewissen Objekten gegenüberstehen.

 

Was ist ein Objekt?

 

Das dem Objekt Gegenüberstehende ist das vom Subjekt Wahrgenommene, Behandelte, auf das Subjekt Wirkende. Wenn etwas objektiv sein soll, muss es dem betreffenden Objekt entsprechen, muss von ihm bestimmt werden. Objektiv bedeutet "objekt-haft", "Objekt-artig". Das gilt für alles Wahrgenommene. Wenn ich das Bild eines Menschen wahrnehme, ist daran nichts Subjektives, sondern das Bild ist Abbild des Objektes. Was daran subjektiv sein kann und oftmals subjektiv ist, liegt im Gedanken, der die Wahrnehmung erklärt.

 

Solange ich nur feststelle: Ich sehe einen Menschen, bleibe ich objektiv - es sei denn, es handelt sich um eine undeutliche Wahrnehmung, bei der Täuschungen möglich wären. 

 

Wenn im Tageslicht fünf Meter vor mir ein Mensch geht, ist dies objektiv von mir festzustellen. Wenn ich aber sage: Das ist ein ehemaliger Mitschüler von mir, den ich vor dreißig Jahren zuletzt gesehen habe, dann handelt es sich um einen Gedanken, der von mir, vom Subjekt stammt und nicht vom Objekt. Wenn der vermeintliche Mitschüler sich dann umdreht und völlig anders aussieht, als ich ihn mir vorgestellt habe, erkenne ich meinen Irrtum. Der Gedanke war subjektiv und von daher fehleranfällig. Anders wäre es gewesen, wenn etwa der vermeintliche Mitschüler umgedreht hätte, mich erkannt und begrüßt - vielleicht noch meinen Namen gesagt hätte, dann hätte er meinen ersten Gedanken bestätigt und ihm damit die Objektivität bescheinigt: Der Gedanke deckt sich mit dem Objekt. Er ist wahr. Objektiv ist immer die Wahrnehmung. Subjektiv kann man den Gedanken solange nennen, als er dich noch nicht als wahr erwiesen hat, denn solange muss man damit rechnen, dass es sich um einen Irrtum handelt. Und ie eigentliche Frage ist, ob der einzelne Gedanke sich tatsächlich als wahr erweisen hat, oder ob man nur glaubt, dass er wahr sei. wir stellen daher fest: Wahrheit bezeichnet den objektiven Gedanken, der nicht nur vom Subjekt des Menschen gebildet wurde, sondern aus dem Objekt hervorging. 

Wer zu dieser Frage meint, der Mensch habe doch deshalb subjektive Wahrnehmungen, weil er nicht so gut sehen könne wie z.B. ein Adler, oder nicht so gut hören könne, wie ein Reh, der täuscht sich über das Reh oder den Adler, denn diese nehmen zwar wahr, aber sie haben keine Erkenntnis, weil sie das Wahrgenommene nicht denken. Der Mensch aber fügt den Gedanken zum Wahrgenommenen hinzu und har dadurch viel mehr vom Wahrgenommenen als nur den Klang oder das Bild. Das macht den Menschen zum objektiv Wahrnehmenden - vorausgesetzt, er denkt schöpferisch neu. anstatt auf bereits Gedachtes zurückzugreifen.

Während der Verstand die Wahrnehmung mit den bisherigen Erkenntnissen zu erklären versucht und somit nur im Wiederholungsfalle den passenden Gedanken finden kann, schafft die Bewusstseinsseele auch grundsätzlich neue Gedanken. Der Intellekt, wie der Verstand auch genannt wird, 

würde - wenn er keinen passenden Gedanken im "Archiv" des Gedächtnisses findet - noch versuchen, durch Vergleiche mit Ähnlichem und durch logische Schlüsse eine Erklärung zu finden. 

 Die Bewusstseinsseele trägt dagegen die Fragen des Menschen an die geistige Welt heran, aus welcher dem Menschen intuitiv die zu dem Objekt gehörigen Gedanken zukommen können.  Diese Gedanken können dem betreffenden Menschen vollkommen oder teilweise neu sein. Dabei kann e vorkommen, dass der Betreffende den neuen Gedanken nicht oder nur schlecht versteht. Denn der neue Gedanke ist objektiver Natur und die Einarbeitung in das Verstandes-Archiv, welches große subjektive Anteile enthält, die den neuen Gedanken zu widersprechen scheint, gelingt nicht. Um solchermaßen durch die Bewusstseinsseele auf intuitive Weise objektive Gedanken zu empfangen, bedarf es einer anderen Haltung oder Gesinnung als zur bloßen Verstandeswissenschaft. Die Bewusstseinsseele wird nicht aktiv, wenn wir uns einfach nur erinnern wollen, was wir zu dem fraglichen Objekt einmal gelernt haben. Sie wird erst aktiv, wenn wir das Gedächtnis und das logische Schließen ruhen lassen - wenn wir also das übliche wissenschaftliche Vorgehen, welches auf die Verstandestätikeit eingeschränkt ist, unterlassen.  Angeregt wird die Bewusstseinsseele,  wenn wir uns ganz ursprünglich in die Fragen vertiefen - wie gesagt, ohne den Versuch, zu erinnern, zu spekulieren oder zu schließen. An dieser Stelle beginnt die meditative Arbeit.

(wird fortgesetzt)