QUELLE:
  

Zuletzt aktualisiert am 2. November 2022.

Putins Rede auf dem Waldai-Forum am 27. Oktober 2022 in Moskau handelte vom Ende der westlichen Vorherrschaft und dem Anbruch einer multipolaren Weltordnung. Sein Beitrag war eine Antwort auf die von der Konferenz gestellte Frage, wie »Gerechtigkeit und Sicherheit für alle« in einer »posthegemonialen Welt« erreicht werden können.

Die Rede, die »dem Westen« einen Spiegel vorhält, in den er nicht gerne blickt, wird hier in deutscher Transskription dokumentiert. Eine Zustimmung zu den Auffassungen des Präsidenten der russischen Föderation ist damit nicht verbunden. Die von ihm vorgetragenen Einschätzungen sollten jedoch zur Kenntnis genommen werden, zumal ein wachsender Teil der Weltgemeinschaft sie teilt.

Putins Rede auf dem Waldai-Forum

Putin erklärt die Auslöschung von Vielfalt zum »Wesenskern des (neoliberalen) Westens«.

Putins Rede auf dem Waldai-Forum

Meine Damen und Herren, werte Freunde,

ich habe mir ein wenig die Diskussionen angeschaut, die hier stattgefunden haben in den letzten Tagen. Sie waren sehr interessant, sehr inhaltsreich. Ich hoffe, dass sie es nicht bereuen, nach Russland gekommen zu sein und dass sie miteinander kommunizieren. Ich freue mich, sie alle zu sehen.

Auf der Plattform des Waldai-Clubs haben wir nicht nur einmal über die großen ernstzunehmenden Verschiebungen mit ihnen gesprochen, die sich in der Welt bereits ereignet haben und auch jetzt gerade stattfinden. Wir haben auch über die Risiken gesprochen, die mit der Degradierung der internationalen Institutionen, mit der Verbesserung der Prinzipien der kollektiven Sicherheit, mit der Ablösung des Völkerrechts durch sogenannte Regeln verbunden sind. Und da möchte ich sagen, dass es klar ist, wer diese Regeln erfunden hat. Aber das ist wahrscheinlich zu ungenau; es ist überhaupt nicht bekannt, wer sie erfunden hat.

Auf welcher Grundlage basieren diese Regeln? Was ist der Inhalt dieser Regeln? Allem Anschein nach ist es der Wunsch, eine einzige Regel aufzustellen, damit die Herrschenden – hier wurde ja viel über die Herrschaft gesprochen, und ich spreche jetzt von der globalen Herrschaft –, damit die Herrschenden die Möglichkeit haben, überhaupt ohne irgendwelche Regeln zu leben, dass ihnen alles erlaubt ist und sie mit allem durchkommen, egal was sie machen. Das sind im Grunde genommen genau diese Regeln, die man uns – wie man im Volk sagt –, andauernd eintrichtert, über die sie andauernd sprechen.

Der Wert der Diskussionen auf dem Waldai-Forum besteht darin, dass hier verschiedenste Bewertungen und Prognosen vorgetragen werden. Inwieweit sie richtig sind, zeigt uns das Leben; der strengste und objektivste Prüfer ist das Leben. Genau der zeigt auch, inwieweit unsere Diskussionen in den vergangenen Jahren richtig waren.

Bedauerlicherweise entwickeln sich die Geschehnisse nach wie vor nach dem negativen Szenario, über das wir nicht nur einmal gesprochen haben im Rahmen der vergangenen Treffen. Mehr noch, diese Geschehnisse haben sich zu einer Systemkrise enormen Ausmaßes entwickelt, nicht nur im militärpolitischen, sondern auch im wirtschaftlichen und im humanitären Bereich.

Der sogenannte Westen – bedingt formuliert natürlich, dort gibt es nämlich überhaupt keine Einheit; es ist klar, das ist ein sehr kompliziertes Konglomerat, aber dennoch nennen wir es so –, dieser Westen hat in den letzten Jahren und besonders in den letzten Monaten eine ganze Reihe von Schritten zur Konfrontation unternommen. Im Grunde setzen sie immer auf Konfrontation; also auch hier gibt es nichts Neues. Da ist das Anheizen des Krieges in der Ukraine, da sind die Provokationen rund um Taiwan, die Destabilisierung des internationalen Lebensmittel- und Energiemarktes – letzteres wurde natürlich nicht vorsätzlich herbeigeführt, daran gibt es keinen Zweifel –, aufgrund von systematischen Fehlern genau dieser westlichen Machthaber, über die ich ja schon gesprochen habe, und wie wir jetzt sehen, kommt dazu auch noch die Zerstörung gesamteuropäischer Gaspipelines; das ist wirklich schon eine alles übertreffende Sache, aber dennoch sind wir Zeugen dieser traurigen Ereignisse.

Die Herrschaft über die Welt ist genau das, was der sogenannte Westen sich in diesem Spiel als Ziel gesetzt hat. Ohne Zweifel ist dieses Spiel gefährlich, blutig und ich würde auch sagen schmutzig. Es verneint die Souveränität von Ländern und Völkern, ihre Eigenständigkeit und Einzigartigkeit, und misst den Interessen anderer Staaten überhaupt keinen Wert bei.

Also über die Verneinung wird nicht direkt gesprochen, aber in der Realität wird ja genau das umgesetzt, dass niemand außer denen, die diese Regeln, über die ich gesprochen habe, formulieren, das Recht hat auf eine eigenständige Entwicklung. Alle anderen müssen untergebügelt werden unter diese sogenannten Regeln. In diesem Zusammenhang erinnere ich noch einmal an die Vorschläge Russlands an die westlichen Partner zur Stärkung des Vertrauens und dem Aufbau des Systems der kollektiven Sicherheit im Dezember letzten Jahres. Im Dezember letzten Jahres wurden sie ein weiteres Mal einfach weggeworfen. Doch in der modernen Welt wird es nicht gelingen, es einfach auszusitzen: Wer Wind sät, wird, wie man sagt, Sturm ernten. Die Krise hat inzwischen ein globales Ausmaß angenommen, sie betrifft alle. Hier braucht man überhaupt keine Illusionen zu haben.

Die Menschheit hat im Grunde eine Wahl zwischen zwei Wegen: Entweder weiter die Last an Problemen anhäufen, welche unweigerlich uns alle erdrücken werden oder dennoch gemeinsam zu versuchen, Lösungen zu finden. Nicht unbedingt ideale Lösungen, aber welche, die zumindest funktionieren, welche in der Lage sind, unsere Welt stabiler und sicherer zu machen. Sie wissen, ich glaubte und glaube auch immer noch an die Kraft des gesunden Menschenverstandes, deswegen bin ich überzeugt, dass früher oder später sowohl die neuen Zentren der multipolaren Welt wie auch der Westen gezwungen sein werden, einen gleichberechtigten Dialog zu führen über unsere gemeinsame Zukunft, und natürlich: je früher desto besser.

Ökologische und kulturelle Vielfalt

Und in diesem Zusammenhang benenne ich einige sehr wichtige Aspekte für uns alle. Die heutigen Geschehnisse haben die ökologischen Probleme in den Hintergrund gerückt. Es mag merkwürdig aussehen, aber anfangen möchte ich genau damit. Die Probleme der Klimaveränderung stehen nicht mehr ganz oben auf der Tagesordnung. Aber diese fundamentalen Herausforderungen haben sich ja nicht in Luft aufgelöst, sie werden immer grösser. Eine der gefährlichsten Folgen der Störung des ökologischen Gleichgewichtes ist die Verminderung der biologischen Vielfalt in der Natur. Und jetzt gehe ich damit auch zum wesentlichen Thema über, weshalb wir uns ja alle hier versammelt haben: Ist denn eine andere Vielfalt nicht weniger wichtig? – Die kulturelle, soziale, politische, zivilisatorische Vielfalt?

Westlicher Universalismus und Überlegenheitswahn

Damit einher geht die Aufweichung, das Ausradieren aller möglichen Vielfalt, die fast schon zum Wesenskern des modernen Westens geworden sind. Was steht hinter einer solchen Vereinfachung?

In erster Linie ist es das Verschwinden des kreativen Potenzials des Westens selbst und der Wille, die freie Entwicklung der anderen Zivilisationen einzudämmen und zu blockieren. Natürlich gibt es dabei auch merkantile Interessen. Indem sie ihre Werte aufzwingen, ihre Konsumstereotypen und alles vereinheitlichen, versuchen unsere Gegner – so werde ich sie mal ganz akkurat nennen –, ihre Absatzmärkte zu erweitern für ihre Produktion. In dieser Hinsicht ist also alles ganz primitiv. Nicht umsonst behauptet der Westen, dass gerade seine Kultur und Weltanschauung universell sein müssen, und selbst wenn das nicht direkt gesagt wird – wobei sie das auch öfters schon direkt sagen –, auch wenn sie es nicht direkt so sagen, verhalten sie sich auf jeden Fall so. Und faktisch fordern sie das ja auch.

In der Realität fordern sie mit ihrer Politik, dass ihre Werte ohne Widerrede von allen Beteiligten am internationalen Dialog angenommen werden. Ich werde hier ein Zitat anführen aus der berühmten Harvard-Rede des Schriftstellers Alexander Issajewitsch Solschenizyn. Schon im Jahre 1978 hat er festgestellt, dass für den Westen der ständige Überlegenheitswahn charakteristisch ist –und genau das findet ja bis heute statt –, welcher, ich zitiere weiter, die Vorstellung aufrechterhält, dass allen riesigen Regionen auf dem Planeten es auferlegt ist, sich zu den jetzigen westlichen Systemen entwickeln zu müssen. Es war das Jahr 1978. Es hat sich aber nichts geändert. Im Laufe der letzten 50 Jahre hat dieser Wahn, über den Solschenizyn gesprochen hat, der von Grund auf von Rassismus und Neokolonialismus geprägt ist, inzwischen schon sehr hässliche Formen angenommen, besonders nachdem die sogenannte unipolare Welt entstanden ist.

Cancel-Unkultur

Was soll ich dazu sagen? Die Überzeugung von der eigenen Unfehlbarkeit ist ein sehr gefährlicher Zustand, da fehlt nur noch ein Schritt zum Willen der Unfehlbaren selbst, einfach alle, die ihnen nicht gefallen, zu vernichten, zu canceln, wie sie es nennen.

Lassen Sie uns einen Blick werfen auf die Bedeutung dieses Wortes. Selbst in den Hochzeiten des Kalten Krieges, auf dem Gipfel der Konfrontation der Systeme, der Ideologien und der militärischen Konfrontation, ist niemand jemals auf den Gedanken gekommen, die Existenz der Kultur, der Kunst und die Wissenschaft der Völker seiner Gegner zu leugnen. Auf einen solchen Gedanken ist noch nicht mal jemand gekommen. Ja, es gab Beschränkungen im Bereich der Wissenschaft, der Bildung, der kulturellen und leider auch sportlichen Verbindungen, aber dennoch hatten sowohl die sowjetischen als auch die amerikanischen Führer genug Klarheit darüber, dass man in der humanitären Sphäre sehr vorsichtig sein muss und dass man den Gegner studiert und respektiert, teilweise irgendetwas auch von diesem zu übernehmen, um zumindest für die Zukunft die Grundlage zu erhalten für vernünftige und produktive Beziehungen.

Und was passiert jetzt? Die Nazis sind damals zur Bücherverbrennung übergegangen. Und nun haben es die westlichen Verfechter des Liberalismus und des Fortschritts bis hin zu Verboten von Dostojewski und Tschaikowsky gebracht. Die sogenannte Cancel-Culture, welche in Wahrheit – darüber haben wir auch schon oft gesprochen – die Abschaffung der Kultur ist, zerstört alles Lebendige und Kreative. Sie verhindert die Entfaltung des freien Gedankens in allen Bereichen, sowohl in der Politik, wie auch in der Wirtschaft und in der Kultur.

Pervertierung der liberalen Ideologie

Die liberale Ideologie selbst hat sich heute so verändert, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen ist. Wenn zu Beginn der klassische Liberalismus die Freiheit jedes Menschen in den Vordergrund stellte, also das Recht, zu sagen, was man möchte, zu tun, was man möchte, so haben bereits im 20. Jahrhundert die Liberalen damit begonnen, zu verkünden, dass die sogenannte offene Gesellschaft Feinde hat. Es stellte sich also heraus, dass es in der »offenen Gesellschaft« Feinde gibt und die Freiheit dieser Feinde kann und soll auch eingeschränkt, wenn nicht sogar abgeschafft werden. Jetzt sind sie sogar zu ganz absurden Dingen übergegangen, dass schon jede alternative Meinung zu Propaganda erklärt wird, zur Untergrabung und Bedrohung der Demokratie. Alles, was irgendwie mit Russland zu tun hat, sind alles Machenschaften des Kremls. Also schauen Sie sich doch mal selber an! Sind wir etwa so allmächtig? Jegliche Kritik an unseren Gegnern, alles wird bewertet als Machenschaften des Kremls, die Hand des Kremls, also absoluter Quatsch. Wie tief sind sie denn gesunken? Schaltet doch zumindest ein bisschen das Gehirn an, gebt doch zumindest etwas ein bisschen Interessanteres wieder. Stellt doch eure Meinung konzeptuell und mit Argumenten dar! Man kann doch nicht alles auf den Kreml schieben.

Dies alles hat schon im 19. Jahrhundert Fjodor Michailowitsch Dostojewski vorhergesagt. Einer der Protagonisten des Romans »Dämonen«, der Nihilist Schigaljow, hat die von ihm ausgedachte helle Zukunft folgendermaßen beschrieben: »Ich verlasse die grenzenlose Freiheit und schließe mit der grenzenlosen Despotie.« Und genau dort sind übrigens auch unsere westlichen Gegner angekommen. Es wird von einem anderen Protagonisten des Romans nochmals wiederholt, Pjotr Werchowenskij, indem er sagt, dass überall verbreiteter Verrat, Anschwärzen und Spionage notwendig sind und dass die Gesellschaft keine Talente und höhere Fähigkeiten braucht. Cicero wird die Zunge abgeschnitten, Kopernikus die Augen ausgestochen und Shakespeare wird gesteinigt. Genau dort kommen unsere westlichen Gegner auch an.

Was ist das denn, wenn nicht die aktuelle, westliche Cancel-Culture? Große Denker waren das und ich bin dankbar – das sage ich ehrlich, gegenüber meinen Helfern, die diese Zitate gefunden haben. Was kann man dazu sagen? Die Geschichte wird alles auf seinen Platz stellen und wird nicht die größten Werke allgemein anerkannter Genies der Weltkultur abschaffen, sondern jene, die heute aus irgendeinem Grund entschieden haben, dass sie das Recht haben, über die Weltkultur nach ihrem eigenen Ermessen zu bestimmen. Die Überzeugung von sich selbst bei diesen Leuten ist natürlich grenzenlos.

Doch an deren Namen wird sich in ein paar Jahren niemand mehr erinnern. Aber Dostojewski wird leben, genauso wie Tschaikowsky und Pushkin, egal, ob das irgendjemand will oder nicht. Gerade auf der Vereinheitlichung, auf den finanziellen und psychologischen Monopolen, auf der Beseitigung aller Arten von Unterschieden wurde auch das westliche Modell der Globalisierung aufgebaut, das in seinem Kern neokolonial ist. Die Aufgabe war klar: Die bedingungslose Dominanz des Westens in der Weltwirtschaft und der Politik zu festigen und dafür die natürlichen, finanziellen, intellektuellen und menschlichen Ressourcen und die wirtschaftlichen Möglichkeiten des gesamten Planeten in seinen Dienst zu stellen; und dies tun sie unter dem Vorwand der sogenannten neuen, globalen gegenseitigen Abhängigkeit.

Hier möchte ich an einen weiteren russischen Philosophen erinnern: Alexander Alexandrovich Sinowjew, dessen 100. Geburtstag wir jetzt in den nächsten Tagen am 29. Oktober begehen werden. Vor über 20 Jahren sagte er, dass für das Überleben der westlichen Zivilisation auf dem von ihr erreichten Niveau der gesamte Planet als Existenzumfeld nötig ist, alle Ressourcen der Menschheit dafür nötig sind – und das beanspruchen sie ja auch. So ist das ja auch. Und in diesem System hat sich der Westen von Beginn an einen großen Vorsprung verschafft, da er dessen Prinzipien und Mechanismen selbst erarbeitet hat, genauso wie diese Prinzipien, über die sie ständig sprechen und die ein unverständliches Schwarzes Loch sind. Was es genau ist, weiß niemand. Aber sobald nicht mehr die westlichen Länder von der Globalisierung profitierten, sondern andere Staaten, und die Rede ist dabei natürlich vor allem von den großen Staaten in Asien, so hat der Westen viele dieser Regeln sofort geändert oder komplett aufgehoben und die sogenannten heiligen Prinzipien des freien Handels, der wirtschaftlichen Öffnung, des gleichberechtigten Wettbewerbs, ja sogar das Eigentumsrecht auf einmal komplett vergessen. Sobald sich irgendetwas für sie rentiert, ändern sie die Spielregeln sofort und während des Spielverlaufs.

Ausgehöhlter Demokratiebegriff

Oder hier ein weiteres Beispiel für die Änderung von Begriffen und Bedeutungen. Westliche Politiker und Ideologen sagen und wiederholen seit Jahren der ganzen Welt, es gibt keine Alternative zur Demokratie. Dabei geht es allerdings immer um die westliche, liberale Demokratie. Alle anderen Varianten und Formen der Volksherrschaft werden verächtlich – und ich möchte es betonen, arrogant abgelehnt –, diese Manier hat sich schon seit langer Zeit entwickelt, schon seit der Kolonialzeit. Alle gelten als Menschen zweiter Klasse, aber sie selbst sind außergewöhnlich – und so geht es seit Jahrhunderten bis heute weiter.

Aber heute fordert die absolute Mehrheit der Weltgemeinschaft Demokratie in den internationalen Angelegenheiten ein und akzeptiert keine Formen des autoritären Diktats einzelner Länder oder Gruppen von Staaten. Was ist das denn, wenn nicht die direkte Anwendung der Prinzipien der Demokratie auf der Ebene der internationalen Beziehungen? Und was ist dazu die Auffassung des in Anführungszeichen zivilisierten Westens? Wenn sie Demokraten sind, dann sollten sie doch diesen natürlichen Drang nach Freiheit von Milliarden von Menschen begrüßen! Aber nein; der Westen bezeichnete es als Aufweichung der liberalen, regelbasierten Weltordnung und geht dann zu Wirtschafts- und Handelskriegen, zu Sanktionen, Boykotten und Farbrevolutionen über und führt alle möglichen Umstürze durch. Einer davon führte zu den tragischen Folgen in der Ukraine im Jahre 2014. Sie unterstützten diesen Umsturz, sie sagten sogar, wieviel Geld sie dafür ausgegeben haben. Sie sind ja komplett frech geworden und schämen sich für nichts. Dann töteten sie Suleimani, den iranischen General. Man konnte ja verschiedener Meinung sein über Suleimani, aber dennoch war es eine offizielle Person eines anderen Staates. Sie töteten ihn auf dem Territorium eines dritten Landes und sagten: Ja, wir haben ihn getötet. Was ist das denn eigentlich? Wo leben wir?

Washington nennt die derzeitige Weltordnung aus Gewohnheit weiterhin amerikanisch-liberal. Aber in der Realität vervielfacht diese hochgelobte Ordnung jeden Tag das Chaos, und ich möchte hinzufügen, dass Sie immer intoleranter wird, sogar gegenüber den westlichen Ländern selbst, zu deren Versuchen, zumindest ein bisschen Eigenständigkeit zu demonstrieren. Alles wird direkt in der Wurzel unterdrückt und Sanktionen verhängt gegen ihre eigenen Verbündeten, ohne jede Scham. Und diese wiederum stimmen alle zu und senken ihr Haupt.

Bedeutung der Toleranz

Zum Beispiel die Vorschläge der ungarischen Parlamentarier im Juli, im EU-Vertrag das Bekenntnis zu europäischen christlichen Werten und Kulturen festzuschreiben, wurde nicht einfach nur als Affront wahrgenommen, sondern als eine feindselige Sabotage. Was ist das? Wie soll man das verstehen? Ja, manchen kann es gefallen, anderen wieder nicht. Bei uns in Russland hat sich im Laufe von 1000 Jahren eine einzigartige Kultur der Interaktion zwischen allen Weltreligionen entwickelt. Da braucht auch nichts abgeschafft werden, weder die christlichen Werte, noch die islamischen oder jüdischen. Auch andere Weltreligionen gibt es bei uns. Man muss einfach nur respektvoll miteinander umgehen. In einer ganzen Reihe von Regionen des Landes – und das weiß ich aus eigener Erfahrung – begehen die Menschen gemeinsam christliche, muslimische, buddhistische und jüdische Feiertage. Und sie tun das mit Freude, indem sie sich gegenseitig gratulieren und sich füreinander freuen. Aber in Europa nicht. Warum nicht? Sie hätten doch zumindest darüber diskutieren können. Sehr verwunderlich.

Alternative Gesellschaftsmodelle und Demokratie

Das alles ist ohne Übertreibung nicht nur eine Systemkrise, sondern eine doktrinale Krise des neoliberalen Modells der amerikanischen Weltordnung. Sie haben keine schöpferischen Ideen für die positive Entwicklung. Sie haben einfach nichts der Welt anzubieten, außer die Erhaltung ihrer eigenen Dominanz. Und ich bin überzeugt, dass die echte Demokratie in einer multipolaren Welt in erster Linie die Möglichkeit für jedes Volk – ich möchte das betonen –, für jede Gesellschaft, jede Zivilisation voraussetzt, ihren eigenen Weg und ihr eigenes gesellschaftliches System zu wählen.

Wenn die Vereinigten Staaten und die EU-Länder ein solches Recht haben, dann haben garantiert auch die Länder Asiens, die islamischen Staaten, die Monarchien des persischen Golfes, die Staaten anderer Kontinente ein solches Recht. Natürlich hat auch unser Land, Russland, dieses Recht und es wird niemandem jemals gelingen unserem Volk vorzuschreiben, welche Art von Gesellschaft wir aufbauen sollen und auf welchen Prinzipien wir das tun müssen. Eine direkte Bedrohung des politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Monopols des Westens besteht darin, dass in der Welt alternative Gesellschaftsmodelle entstehen können, welche effektiver sind, das möchte ich betonen, effektiver sind heute und attraktiver, als die, welche es schon gibt. Aber derartige Modelle werden sich definitiv entwickeln, das ist unausweichlich. Übrigens schreiben auch amerikanische Politikwissenschaftler und Experten schon direkt darüber. Ihre Regierung hört ihnen zwar nicht wirklich zu, obwohl sie diese Ideen, welche in politikwissenschaftlichen Zeitschriften und Diskussionen auftauchen, nicht übersehen können.

Dialog der Kulturen, traditionelle Werte

Die Entwicklung muss in erster Linie im Dialog der Zivilisationen erfolgen, basierend auf deren spirituellen und moralischen Werten.

Ja, verschiedene Zivilisationen haben eine unterschiedliche Auffassung vom Menschen, von seiner Natur, wobei es nur an der Oberfläche unterschiedlich ist. Aber jeder erkennt die höchste Würde und spirituelle Essenz eines Menschen an. Und es ist enorm wichtig, ein gemeinsames Fundament zu haben, auf dem wir garantiert unsere Zukunft aufbauen können und müssen.

Was möchte ich hier besonders betonen? Die traditionellen Werte sind keine fest fixierten Postulate, an die sich alle halten müssen, natürlich nicht. Der Unterschied zu den sogenannten neoliberalen Werten besteht darin, dass sie in jedem Fall einzigartig sind, da sie aus der Tradition der jeweiligen Gesellschaft folgen – ihren Kulturen und ihren historischen Erfahrungen. Daher kann man auch die traditionellen Werte niemandem aufzwingen; man muss sie einfach respektieren, und sorgfältig berücksichtigen, was jedes Volk über Jahrhunderte hinweg gewählt hat.

Ein solches Verständnis der traditionellen Werte auf unserer Seite und ein solcher Ansatz wird von der Mehrheit der Menschheit geteilt und akzeptiert. Das ist auch klar, denn es sind gerade die traditionellen Gesellschaften des Ostens, von Lateinamerika, Afrika und Eurasien, welche die Grundlage der menschlichen Zivilisation bilden.

Die Achtung der Besonderheiten der Völker und Zivilisationen ist in aller Interesse; übrigens ist das auch im Interesse des sogenannten Westens.

Während er seine Dominanz verliert, wird er schnell zu einer Minderheit auf der Weltbühne. Und natürlich muss das Recht dieser westlichen Minderheit auf eine eigene kulturelle Identität unbedingt, das möchte ich betonen, gewährleistet sein und natürlich muss sie mit Respekt behandelt werden. Aber ich betone: auf Augenhöhe mit den Rechten aller anderen. Wenn die westlichen Eliten der Meinung sind, dass sie in die Köpfe ihrer Leute ihrer Gesellschaften meiner Meinung nach seltsame, neumodische Tendenzen eintrichtern können, wie Dutzende Gender und Gay-Paraden, dann soll es so sein; ja, sie sollen tun, was sie möchten.

Multipolare Weltordnung

Aber wozu sie definitiv nicht das Recht haben, ist, von anderen zu fordern, in dieselbe Richtung zu gehen. Wir sehen, dass in den westlichen Ländern schwierige demografische, politische und soziale Prozesse ablaufen. Natürlich ist das ihre innere Angelegenheit. Russland mischt sich in diese Fragen nicht ein und hat das auch nicht vor. Im Gegensatz zum Westen gehen wir nicht auf den Hof von jemandem anderen. Aber wir gehen davon aus, dass sich der Pragmatismus durchsetzt und dass Russlands Dialog mit dem echten, traditionellen Westen, genauso wie mit anderen gleichberechtigten Zentren der Entwicklung, ein wichtiger Beitrag zum Aufbau der multipolaren Weltordnung sein wird.

Ich möchte hinzufügen, dass die Multipolarität eine echte und in Wahrheit auch die einzige Chance ist, gerade für Europa, seine politische und wirtschaftliche Eigenständigkeit wiederherzustellen. Um ehrlich zu sein, verstehen wir alle – darüber sprechen sie in Europa ganz offen –, heute ist diese Rechtspersönlichkeit Europas, um es milde auszudrücken, und um niemanden zu beleidigen, sehr eingeschränkt. Die Welt ist von Natur aus vielfältig und die Versuche des Westens, alle unter eine Schablone zu stellen, sind objektiv zum Scheitern verurteilt. Daraus wird nichts werden.

Das arrogante Streben nach Weltherrschaft und im Grunde auch nach der Diktatur – oder zur Erhaltung dieser Führerschaft mittels Diktat –, führt tatsächlich zu einer Verringerung der internationalen Autorität der Führer der westlichen Welt, einschließlich jener der Vereinigten Staaten, und zu einer Zunahme an Misstrauen hinsichtlich ihrer Verhandlungsfähigkeit insgesamt. Heute sagen sie das eine, morgen das andere, unterzeichnen Dokumente, und morgen lehnen sie es wieder ab. Sie machen, was sie wollen. Es gibt hier überhaupt keine Stabilität: Wie die Dokumente unterschrieben werden, worüber gesprochen wurde, was man sich erhoffen kann –, völlig unverständlich.

Wenn es sich doch früher nur einige Länder erlaubt haben, Amerika zu widersprechen – und das sah schon fast aus wie eine Sensation –, so ist es jetzt schon völlig normal und ganz alltäglich, wenn verschiedenste Staaten die unbegründeten Forderungen Washingtons zurückweisen, ungeachtet dessen, dass Washington immer noch versucht, auf alle Druck auszuüben. Eine wirklich fehlerhafte Politik, die ins Nirgendwo führt! Aber gut, das ist ja ihre Entscheidung.

Ich bin überzeugt davon, dass die Völker der Welt nicht ihre Augen verschließen werden vor der sich selbst diskreditierenden Zwangspolitik, in der der Westen von Mal zu Mal einen immer höheren Preis zahlen muss, um seine Hegemonie aufrechtzuerhalten. An der Stelle dieser Eliten des Westens würde ich mir ernsthaft Gedanken machen über eine solche Perspektive, so wie sich bereits, wie ich schon sagte, einige Politikwissenschaftler und Politiker in den Vereinigten Staaten darüber Gedanken machen.

Zur aktuellen Situation

Unter den jetzigen Bedingungen eines harten Konfliktes werde ich einige Dinge direkt ansprechen. Russland, welches eine eigenständige und unabhängige Zivilisation ist, hat sich nie als Feind des Westens gesehen und tut es auch heute nicht. Amerikanophobie, Anglophobie, Frankophobie und Germanophobie sind genau dieselben Formen von Rassismus, wie Russophobie und Antisemitismus; im Grunde wie alle Formen der Fremdenfeindlichkeit.

Man muss einfach nur genau verstehen, dass es, wie ich bereits sagte, zwei Westen gibt – mindestens zwei, wenn nicht sogar mehr –, aber mindestens zwei: der Westen der traditionellen, hauptsächlich christlichen Werte, und der Werte der Freiheit, des Patriotismus, der reichen Kultur, und jetzt auch der islamischen Werte, denn ein bedeutender Teil der Bevölkerung vieler westlicher Länder gehört dem Islam an. Dieser Westen steht uns in gewisser Weise auch sehr nahe. Wir haben viele Gemeinsamkeiten und in vielerlei Hinsicht auch gemeinsame Wurzeln, die bis in die Antike zurückgehen.

Aber es gibt auch einen anderen Westen, einen aggressiven, kosmopolitischen, neokolonialen Westen, welcher als Werkzeug der neoliberalen Eliten fungiert.

Und gerade mit dem Diktat dieses Westens wird sich Russland natürlich niemals abfinden. Im Jahre 2000, nach der Wahl zum Präsidenten – womit ich da konfrontiert worden bin, daran werde ich mich immer erinnern. Ich werde nicht vergessen, welchen Preis wir bezahlt haben, um das Terroristennest im Nordkaukasus zu zerstören, welches der Westen praktisch völlig offen unterstützte. Hier sitzen ja alles erwachsene Leute; die meisten von ihnen, die in diesem Saal sitzen, verstehen wovon ich spreche; wir wissen ja, dass es genauso in der Praxis gelaufen ist: finanzielle, politische und informationelle Unterstützung, wir haben all das durchlebt. Mehr noch hat der Westen nicht einfach nur aktiv die Terroristen auf dem Territorium von Russland unterstützt, sondern diese Bedrohung auch in vielerlei Hinsicht erst erschaffen. Wir wissen das, und dennoch haben wir uns nach der Stabilisierung der Situation, nachdem die wesentlichen Terrorbanden zerschlagen wurden, unter anderem auch dank des Mutes des tschetschenischen Volkes, dazu entschieden, nicht zurückzublicken, nicht beleidigt zu sein, sondern vorwärts zu gehen und sogar Beziehungen aufzubauen mit denjenigen, die in Wahrheit gegen uns gearbeitet haben, Beziehungen zu allen, die es auch möchten, auf Grundlage des gegenseitigen Nutzens und gegenseitigen Respekts aufzubauen und zu entwickeln. Für mich schien es, als wäre das im allgemeinen Interesse.

Gott sei Dank hat Russland alle Schwierigkeiten dieser Zeit überstanden, hat standgehalten, ist stärker geworden und mit dem inneren und äußeren Terrorismus fertig geworden. Die Wirtschaft ist erhalten geblieben und hat begonnen, sich zu entwickeln und die Verteidigungsfähigkeit begann zu wachsen. Wir haben versucht, Beziehungen zu den führenden Ländern des Westens und der Nato aufzubauen.

Die Botschaft war immer dieselbe: Lasst uns aufhören, Feinde zu sein, lasst uns friedlich zusammenleben, lasst uns einen Dialog führen, das Vertrauen festigen und somit auch den Frieden. Wir haben das absolut aufrichtig gemeint, das möchte ich betonen.

Wir haben die Schwierigkeiten einer solchen Annäherung verstanden, aber wir haben uns dennoch dafür entschieden. Und was haben wir als Antwort darauf bekommen? Kurz gesagt, haben wir in allen wesentlichen Bereichen einer möglichen Zusammenarbeit ein »Nein« bekommen. Wir bekamen einen immer größer werdenden Druck auf uns und die Entstehung immer neuer Krisenherde an unseren Grenzen.

Und wenn ich fragen darf: Wozu soll dieser Druck dienen, wozu? Einfach nur, um ein bisschen zu trainieren oder wie? Natürlich nicht. Das Ziel war es, Russland verwundbar zu machen. Das Ziel war es, Russland zu einem Instrument zu machen für die Erreichung der eigenen geopolitischen Ziele. Im Grunde ist es auch eine universelle Regel. Sie versuchen jeden zu einem Werkzeug zu machen, welches sie dann für ihre Zwecke benutzen. Und jene, die sich diesem Druck nicht beugen und nicht ein solches Instrument sein wollen, gegen die werden Sanktionen verhängt, alle Arten von wirtschaftlichen Beschränkungen verhängt, Umstürze werden vorbereitet, und auch dort, wo es möglich ist, durchgeführt und so weiter. Und am Ende, wenn überhaupt nichts gelingt, gibt es nur ein Ziel: es zu zerstören und von der politischen Landkarte zu entfernen. Aber es ist nicht gelungen und wird auch niemals gelingen, in Bezug auf Russland ein solches Szenario umzusetzen.

Wie könnte die Zukunft aussehen?

Was möchte ich hier noch hinzufügen? Russland fordert die Eliten des Westens nicht heraus. Russland verteidigt einfach nur sein Recht auf Existenz und freie Entwicklung. Gleichzeitig haben wir aber auch nicht vor, selbst zum neuen Weltherrscher zu werden. Russland schlägt nicht vor, die Unipolarität durch Bipolarität, Tripolarität usw. zu ersetzen; die Dominanz des Westens durch die Dominanz des Ostens, Nordens oder Südens. Dies würde unweigerlich in eine neue Sackgasse führen.

Ich möchte hier die Worte des großen russischen Philosophen Nikolai Jakowlewitsch Danilewski zitieren, welcher der Meinung war, dass der Fortschritt nicht darin besteht, dass alle in die gleiche Richtung gehen, wie einige unserer Gegner von uns verlangen. In diesem Fall würde der Fortschritt schon bald aufhören, sagt Danilewski. Der Fortschritt besteht vielmehr darin, das gesamte Feld der historischen Aktivität der Menschheit abzuschreiten, in alle möglichen Richtungen zu gehen – und er fügt hinzu, dass keine Zivilisation von sich behaupten kann, den höchsten Entwicklungsstand zu repräsentieren.

Ich bin überzeugt, dass man der Diktatur nur die Freiheit der Entfaltung der Länder und Völker entgegenstellen kann, der Degradierung des Individuums die Liebe zum Menschen als Schöpfer, den primitiven Vereinfachungen und Verboten die blühende Komplexität der Kulturen und Traditionen.

Der Sinn des heutigen historischen Augenblicks besteht gerade darin, dass sich allen Zivilisationen, allen Staaten und ihren Integrationsverbänden tatsächlich Möglichkeiten eröffnen für ihren eigenen demokratischen und originalen, ursprünglichen Entwicklungsweg. Und vor allem glauben wir, dass eine neue Weltordnung auf Recht und Gesetz basieren soll und frei, gerecht und fair sein sollte.

So soll die Wirtschaft und der Welthandel gerechter und offener werden. Russland hält die Bildung neuer internationaler Finanzplattformen für unausweichlich, unter anderem auch zum Zwecke der internationalen Verrechnung von Zahlungen. Solche Plattformen sollten sich außerhalb der nationalen Gerichtsbarkeiten befinden und sicher, entpolitisiert und automatisiert sein, und nicht von irgendeinem einzigen Kontrollzentrum abhängen.

Ist es möglich oder nicht? Natürlich ist es das. Es wird viel Mühe erfordern, sowie das Vereinen der Bemühungen vieler Länder. Aber es ist machbar. Es würde die Möglichkeit des Missbrauchs im Bereich der globalen Finanz-Infrastruktur ausschließen. Und das Projekt ermöglicht, internationale Transaktionen ohne den Dollar und ohne andere sogenannte Reservewährungen effektiv profitabel und sicher abzuwickeln.

Vor allem haben die Vereinigten Staaten und der Westen insgesamt die Institution der internationalen Finanzreserven diskreditiert, indem sie den Dollar als Waffe einsetzten. Zuerst wurden diese Währungen aufgrund der Inflation in der Dollar- und Euro-Zone abgewertet und dann auch unsere kompletten Gold- und Devisen-Reserven geklaut – Zappzarapp. Der Übergang zu den Transaktionen in den nationalen Währungen wird weiter an Dynamik gewinnen, das ist unvermeidlich. Dies hängt natürlich auch vom Zustand der Emittenten dieser Währungen ab, vom Zustand ihrer Volkswirtschaften. Aber sie werden stärker werden und solche Abrechnungen werden natürlich allmählich dominieren. Dies ist die Logik der souveränen Wirtschafts- und Finanzpolitik der multipolaren Welt.

Heutzutage verfügen die neuen Entwicklungszentren der Welt bereits über einzigartige Technologien und wissenschaftliche Entwicklungen in den verschiedensten Bereichen; und in vielen Bereichen können sie auch schon erfolgreich mit den westlichen transnationalen Unternehmen konkurrieren. Es ist offensichtlich, dass wir ein gemeinsames, durchaus pragmatisches Interesse haben an einem ehrlichen und offenen, wissenschaftlichen und technologischen Austausch. Gemeinsam gewinnen wir alle mehr als jeder für sich allein. Profitieren soll die Mehrheit und nicht einzelne superreiche Konzerne.

Wie sieht die Lage denn heute aus? Wenn der Westen anderen Ländern Medikamente oder Saatgut verkauft, dann befiehlt er die Zerstörung der nationalen Pharmaindustrie und diese Lektion – in der Praxis läuft alles genau darauf hinaus –: er liefert Maschinen und Ausrüstung und zerstört damit den heimischen Maschinenbau. Ich habe das als Premierminister bereits verstanden. Sobald der Markt für eine bestimmte Produktgruppe geöffnet ist, liegt der lokale Hersteller schon am Boden und es ist für ihn fast unmöglich, den Kopf zu heben. So bauen sie ihre Beziehungen auf. Auf diese Weise findet die Eroberung von Märkten und Ressourcen statt. Die Länder werden ihres technologischen und wirtschaftlichen Potentials beraubt. Das ist kein Fortschritt, sondern Versklavung. Die Wirtschaften werden auf ein primitives Niveau gebracht.

Die technologische Entwicklung darf nicht die Ungleichheit in der Welt vergrößern, sondern muss sie verringern. So realisiert Russland auch schon immer seine Technologiepolitik. Wenn wir zum Beispiel Atomkraftwerke in anderen Ländern bauen, schaffen wir auch gleichzeitig dort Kompetenzzentren, bilden dort Personal aus, schaffen auf diese Weise ganze Industrien. Wir bauen nicht einfach nur ein Unternehmen auf, sondern ganze Wirtschaftszweige. Im Grunde genommen geben wir auch anderen Ländern die Möglichkeit, einen echten Durchbruch in ihrer wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung zu erzielen, Ungleichheiten zu verringern und ihren Energiesektor auf ein neues Niveau an Effizienz und Umweltfreundlichkeit zu bringen.

Ich betone nochmals: die Souveränität, die eigenständige Entwicklung bedeuten keineswegs Abschottung, Autarkie, sondern setzen im Gegenteil eine aktive und für beide Seiten profitable Zusammenarbeit auf fairer und gleichberechtigter Basis voraus. Während die liberale Globalisierung der Verlust an Individualität ist und das Aufzwingen des westlichen Modells auf die ganze Welt, so ist die Integration im Gegenteil die Entfaltung des Potenzials jeder Zivilisation im Interesse des großen Ganzen für den allgemeinen Gewinn. Während der Globalismus ein Diktat ist, darauf läuft es ja am Ende hinaus, so ist die Integration eine gemeinsame Entwicklung gemeinsamer Strategien, von denen alle profitieren. In diesem Zusammenhang hält es Russland für wichtig, aktiver die Mechanismen zur Schaffung großer Räume zu bilden, die auf der Zusammenarbeit benachbarter Länder basieren, deren Wirtschaft, Sozialsystem, Ressourcen und Infrastruktur einander ergänzen.

Solche großen Räume sind im Grunde auch die Grundlage einer multipolaren Weltordnung, die ökonomische Basis dafür. Aus ihrem Dialog entsteht auch die wahre Einheit der Menschheit, welche viel komplexer, origineller und vielseitiger ist, als in den vereinfachten Vorstellungen einiger westlicher Ideologen.

Die Bedeutung Asiens

Die Einheit der Menschheit entsteht nicht auf Befehl: »mach es wie ich«, »sei wie wir«. Sie wird unter Berücksichtigung und auf Grundlage aller Meinungen gebildet, mit einer sorgfältigen Berücksichtigung der Identität jeder Gesellschaft und jedes Volkes. Gerade auf diesem Prinzip kann sich eine langfristige Zusammenarbeit in einer multipolaren Welt entwickeln. In diesem Zusammenhang sollte man möglicherweise auch darüber nachdenken, dass die Struktur der Vereinten Nationen, einschließlich des Sicherheitsrates, stärker die Vielfalt der Regionen in der Welt widerspiegeln muss. Denn von Asien, Afrika, Lateinamerika wird in der Welt von Morgen viel mehr abhängen als heute angenommen. Und eine solche Zunahme ihres Einflusses wird sicherlich positiv sein.

Ich erinnere daran, dass die westliche Zivilisation nicht die einzige ist, selbst in unserem gemeinsamen eurasischen Raum. Mehr noch: die Mehrheit der Bevölkerung befindet sich vor allem im Osten Eurasiens, wo die Wurzeln der ältesten Zivilisationen der Menschheit entstanden sind. Der Wert und die Bedeutung Asiens besteht darin, dass dieser Kontinent ein selbstständiger Komplex ist, welcher über gigantische Ressourcen jeglicher Art und über riesige Möglichkeiten verfügt. Und je härter wird daran arbeiten, den Verbindungsgrad in Eurasien zu erhöhen, indem wir neue Wege und neue Formen der Zusammenarbeit schaffen, umso beeindruckender werden die erzielten Erfolge sein: Die erfolgreiche Arbeit der Eurasischen Wirtschaftsunion, ein schnelles Wachstum der Autorität und des Einflusses der Shanghai-Organisation, sowie die Initiativen im Rahmen der neuen Seidenstraße, wie auch die Pläne für eine multilaterale Zusammenarbeit bei der Umsetzung des Verkehrskorridors von Norden nach Süden, sowie viele andere Pläne in diesem Teil der Welt.

Ich bin sicher, dass dies der Beginn einer neuen Ära ist, in einer neuen Etappe in der Entwicklung von Eurasien. Die Integrationsprojekte konkurrieren auch nicht miteinander, sondern ergänzen sich gegenseitig natürlich, wenn sie von den Nachbarstaaten in ihrem eigenen Interesse durchgeführt werden und nicht von außen durch externe Kräfte eingebracht werden, um den eurasischen Raum zu spalten und ihn zu einer Zone der Blockkonfrontation zu machen. Ein natürlicher Teil von Eurasien könnte auch sein westlicher Zipfel Europa sein. Aber viele seiner Führer werden durch die Überzeugung daran gehindert, dass die Europäer besser sind als andere, dass es für sie nicht angebracht ist, an irgendwelchen Unternehmungen gleichberechtigt mit allen anderen teilzunehmen. Bei dieser ganzen Arroganz merken sie aber irgendwie nicht, dass sie selbst schon zur Peripherie von jemandem anders geworden sind und sich im Grunde in Vasallen verwandelt haben, häufig auch ohne Mitspracherecht.

Verehrte Kollegen, der Zerfall der Sowjetunion zerstörte auch das Gleichgewicht der geopolitischen Kräfte. Der Westen sah sich als Sieger und proklamierte die unipolare Weltordnung, in der nur sein Wille, nur seine Kultur und seine Interessen eine Existenzberechtigung haben. Nun geht diese historische Periode der ungeteilten Vorherrschaft des Westens in der Welt zu Ende. Die unipolare Welt begibt sich in die Vergangenheit.

Wir stehen an einem historischen Meilenstein und für uns liegt das wahrscheinlich gefährlichste, unberechenbarste und zugleich wichtigste Jahrzehnt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Westen ist nicht in der Lage, die Menschheit alleine zu verwalten, versucht es aber verzweifelt. Doch die meisten Völker dieser Welt wollen sich das nicht länger gefallen lassen. Das ist der wesentliche Widerspruch der neuen Epoche. Um es mit den Worten eines Klassikers zu formulieren: die Situation ist gewissermaßen revolutionär; die Oberschicht kann nicht mehr und die Unterschicht will nicht mehr so leben.

Eine solche Ausgangslage ist mit globalen Konflikten oder sogar einer ganzen Kette an Konflikten verbunden, die eine Bedrohung für die Menschheit darstellen, auch für den Westen selbst. Diesen Widerspruch konstruktiv und nachhaltig aufzulösen, das ist die wesentliche historische Aufgabe von heute. Die Veränderung der Meilensteine ist immer ein schmerzhafter Prozess, aber ein natürlicher und unausweichlicher.

Die zukünftige Weltordnung entsteht gerade vor unseren Augen. Unter dieser Weltordnung müssen wir allen zuhören und jede Meinung berücksichtigen, jedes Volk, jede Gesellschaft, jede Kultur, jede Weltanschauung, alle Ideen und Religionen, ohne dabei irgendjemandem eine einzige Wahrheit aufzuzwingen. Und sie entsteht nur auf dieser Grundlage, indem wir uns unserer Verantwortung für das Schicksal bewusst sind, für das Schicksal der Völker des Planeten, eine Symphonie der menschlichen Zivilisation aufzubauen.

Damit möchte ich auch meine Rede beenden mit Worten der Dankbarkeit für die Geduld, die sie gezeigt haben, während sie meiner Botschaft zugehört haben. Vielen Dank.


Quelle: www.kremlin.ru

Videoaufzeichnung mit deutscher Synchronisation: