Anthroposophische Heilkunst

"Nicht um eine Opposition gegen die mit den anerkannten wissenschaftlichen Methoden der Gegenwart arbeitende Medizin handelt es sich. Diese wird von uns in ihren Prinzipien voll anerkannt. Allein wir fügen zu dem, was man mit den heute anerkannten wissenschaftlichen Methoden über den Menschen wissen kann, noch weitere Erkenntnisse hinzu, die durch andere Methoden gefunden werden, und sehen uns daher gezwungen, aus dieser erweiterten Menschen - und Welterkenntnis auch für eine Erweiterung der ärztlichen Kunst zu arbeiten."

 

Diese zugleich bescheidenen und  selbstsicheren Worte schrieb Rudolf Steiner im  ersten Kapitel seines einzigen medizinischen Buches, das er noch in seinem letzten Lebensjahr verfasste (Rudolf Steiner und Ita Wegmann: Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, Gesamtausgabe Nr 27, 1925). Bis dahin hatte er allerdings schon mehr als 100 medizinische Vorträge im engeren Sinne gehalten und ein Vortragswerk zur Erläuterung der Anthroposophie von insgesamt mehr als 5000 Vorträgen hinterlassen. 

 

Die Einzigartigkeit der Anthroposophie liegt darin, dass sie zu allen physischen Tatsachen der Welt auch einen geistigen Zugang erschließt. Durch diesen Zugang erweist sich die äußere Welt bis in ihre scheinbar bedeutungslosesten Einzelheiten hinein als intimst verwandt und verbunden mit dem innersten Wesen des Menschen, das als solches nie ganz, sondern immer nur in Teilaspekten der Sinneswelt erscheint. Die von Rudolf Steiner geschaffene "anthroposophische Heilkunst" erscheint wie eine Synthese der antiken Mysterienweisheit und der mittelalterlichen Alchemie mit der klassischen Homöopathie und der modernen naturwissenschaftlichen Medizin; sie ist aber kein Konstrukt, sondern selbst ein Lebewesen, das wie der menschliche Organismus aus den geistigen, seelischen, lebendigen und physischen Bedingungen der Evolution hervorgegangen ist. Deshalb bezeichnete Rudolf Steiner diese neue, von ihm geschaffene  "Anthroposophie", als eine "geistige Kunde vom Menschen" und die sich aus dieser ergebende medizinische Diagnostik und Therapie nicht als "Alternative", sondern als "Erweiterung".

 

Durch ihre Emanzipation aus den atavistischen Instinkten, mit denen die Menschheit noch im klassischen Altertum  "hellseherisch" begabt war,  befürwortet die anthroposophische Heilkunst sowohl die diagnostische Strenge der naturwissenschaftlichen Medizin als auch die therapeutischen Möglichkeiten der  Homöopathie. Sie geht aber darüber hinaus, indem sie eigene Wege sucht, die Selbstheilungskräfte des Menschen zu erkennen, zu wecken und zu stärken.

 

                                                           Mistel (Viscum album L.) auf Pappel
Mistel (Viscum album L.) auf Pappel

Ist es denn überhaupt berechtigt, von "anthroposophischer Heilkunst" zu sprechen? - Ist nicht die Medizin eine Wissenschaft?

 

Die medizinische Wissenschaft verhält sich zur Heilkunst etwa so, wie die Pinsel- und Farbenkunde sich zur Kunst des Malens verhalten: Die abstrakten Begriffe der Medizin müssen erst lebendig, das heißt, durch das konkrete Leben biegsam gemacht werden. Dazu ist die Begegnung - eine Seelenberührung - zwischen der Individualität des Patienten und des Arztes forderlich. Erst die gegenseitige Wahrnehmung auf gleicher Augenhöhe öffnet unserer geistigen Augen und Ohren.

 

Krankheitserkenntnis und Menschenwürde

 

In der anthroposophischen Heilkunst richtet sich das Interesse des Arztes letztlich immer darauf, wie das Geistig – Seelische in den physisch – lebendigen Organismus des Menschen eingreift, und wie andererseits der physisch – lebendige Leib die Geistig – Seelische Wesenheit des Menschen trägt und prägt.

 

Geist und Seele des Menschen

 

Geist und Seele geben dem Menschen die Würde (siehe auch meinen Beitrag zum "JAHRBUCH FÜR GOETHEANISMUS", das im Herbst 2015 erschien). Im Bewusstsein des Menschen ersteht eine nur ihm eigene Welt. Diese innere Welt ist für den außen Stehenden nie vollständig  wahrnehmbar, selbst für den höchsten Eingeweihten nicht. Nie kommt das Geistig-Seelische des Menschen ganz, sondern immer nur keimhaft oder teilweise zum Ausdruck. Nicht nur beim ungeborenen, beim noch jungen, beim gerade schlafenden oder träumenden, beim behinderten, beim erkrankten, oder beim hoch betagten Menschen, sondern bei jedem Menschen ist das der Fall, sei er noch so hoch entwickelt!

 

Wirkt das Geistig-Seelische zu stark, so erkrankt der Körper. Wirkt es zu schwach, und dadurch der Körper zu stark, so verliert das Geistig-Seelische seine Herrschaft über den Körper, wird passiv, gelähmt, überaktiv, schwachsinnig, chaotisch oder zwanghaft, empfindet Schmerz oder krankhafte Visionen. Insofern ist Gesundheit nicht das Gegenteil von Krankheit, sondern das individuelle Gleichgewicht zwischen dem Geistig-Seelischen und dem physischen Körper.

Deshalb kommt es in der anthroposophischen Diagnostik darauf an, herauszufinden, wie das Geistig – Seelische in den Physisch – Lebendigen Organismus des Menschen eingreift, und wie der Körper das Geistig – Seelische des Menschen beeinflusst. Dies wird nicht spekulativ und allgemein, sondern ganz speziell, in jedem individuellen Fall erforscht, indem der Patient einfühlsam und dennoch intensiv befragt, körperlich untersucht und während des Heilungsverlaufes unterstützt und begleitet wird.

 

In der Therapie werden natürliche Substanzen und künstliche Prozesse aufgrund ihrer Wechselwirkung mit dem Geistig-Seelischen des Menschen verwendet. Wie ist das möglich? - Eine Substanz ist dadurch ein Gift, dass sie eine Wechselwirkung mit dem Geistig-Seelischen im Menschen eingeht. Bei homöopathischer Verdünnung des Heilmittels kommt aber keine direkte Giftwirkung, sondern nur noch die Gegenwehr des Geistig-Seelischen gegen die spezifische Substanzwirkung in Betracht. Man darf sich dies so ähnlich vorstellen, wie ein guter Lehrer seine Schüler nicht zur Leistung zwingt, sondern ihre Schwächen erkennt und ihr "ICH" gezielt durch Arbeitsaufgaben herausfordert. Es wird also die Heilung in der Anthroposophischen Medizin nicht durch Gifte erzwungen, sondern es werden die Selbstheilungskräfte durch die spezifischen Reizwirkungen homöopathisch verdünnter Substanzen gezielt angeregt und gefördert.

Nautilus - Ammonit - Papierboot - Koralle - Quarz
Nautilus - Ammonit - Papierboot - Koralle - Quarz

 

Das Verhältnis anthroposophischen Heilkunst zur Homöopathie Hahnemanns

 

Besonders in der Befragung der Patienten, aber auch in der Erforschung der Reizwirkungen von Natursubstanzen stellen die Vorarbeiten der klassischen Homöopathie Hahnemanns eine große Hilfe dar. Doch trotz gleicher Ziele ist der Weg der Anthroposophischen Medizin ein anderer: Nicht ein „Arzneimittel – Bild“, das in der klassischen Homöopathie aus den Krankheits - Symptomen entsteht, die sich aus der Beobachtung der Gift- und Reizwirkungen von Natursubstanzen am Menschen ergeben, sondern die Erkenntnis des jeweiligen Krankheits - Prozesses weist den Weg zu den Selbstheilungskräften des Patienten. Die Arbeitsweise der klassischen Homöopathie kommt im Prinzip ganz ohne ein Durchschauen der Krankheits – Prozesse aus, denn für Hahnemann war der Symptomen – Komplex (das so genannte „Arzneimittel – Bild“) identisch mit der Krankheit selbst. Die klassische Homöopathie versucht also, das sinnenfällige Krankheits-Bild mit dem sinnenfälligen "Arzneimittel – Bild" möglichst detailgenau zur Deckung zu bringen. Die Anthroposophische Medizin sucht im Unterschied dazu eine Erkenntnis des Krankheits-Prozesses, der bei der Entstehung des „Krankheits – Bildes“ wirksam ist, und entwickelt daraus die Therapie. Die Erkenntnis des Krankheitsprozesses ist nötig, weil es Krankheiten gibt, die dann erst subjektive Symptome zeigen, wenn es für die Therapie schon mehr oder weniger zu spät ist (Ganz zu spät ist es aber nie!). An der Krebskrankheit, die das wichtigste Beispiel in dieser Richtung ist, lässt sich auch zeigen, warum die subjektiven Beschwerden erst so spät einsetzen. Die Krebskrankheit ist ein Problem der Gestaltbildung: Durch die Verselbständigung des physischen Leibes, die gesunder Weise nur im Bereich des Nervensystems auftreten darf, werden embryonale Gestaltbildungsprozesse aktiviert, die sich nicht in die Gesamtordnung des Organismus einfügen und deshalb den Organismus zerstören. Die Gestaltbildung des Organismus verläuft aber prinzipiell unterbewusst. Deshalb genügt es nicht, die Summe der subjektiven Symptome mit der Krankheit gleichzusetzen. In dieser Hinsicht ist die Krebskrankheit mit der Manie zu vergleichen, obwohl die letztere nur psychisch wirkt und deshalb nur die sozialen Beziehungen, aber nicht den Organismus des Menschen zerstört.

 

Ammonit - Gips (Calciumsulfat) - Pyrit (Eisensulfat) - Bluteisenstein - gediegenes Kupfer
Ammonit - Gips (Calciumsulfat) - Pyrit (Eisensulfat) - Bluteisenstein - gediegenes Kupfer

Anthroposophische Heilmittelfindung

 

Ist der Krankheitsprozess als Metamorphose der gesunden Entwicklung durchschaut, so lässt sich auch das Heilmittel, d.h. der entsprechende natürliche oder künstliche Heilprozess finden. Dieser Heilprozess kann durch Heilmittelsubstanzen pflanzlicher, tierischer, oder mineralischer Herkunft, oder durch sonstige Prozesse, etwa durch Wärme, oder spezielle Übungen wie die Heileurhythmie und die Meditation angeregt werden. Spezifisch anthroposophisch ist hierbei, dass nicht, wie in der Homöopathie, die Ergebnisse der Sinnesbeobachtung unmittelbar einander gegenübergestellt werden: hier die Krankheitssymptome - dort die Symptome der Heilmittelwirkung. Statt dessen wird das "Simile" (das lateinische Wort für "Ähnlichkeit" im Sinne von "Entsprechung") auf der prozessualen Ebene gesucht und gefunden (Man vergleiche dieses mit den Kapiteln "Das Simile-Prinzip" und "Wirkungsweise der Homöopathie" ).

 

Das anthroposophische Heilverfahren setzt also ein prozessuales Verständnis der jeweils im Patienten wirksamen Krankheitssituation voraus. Der anthroposophische Arzt muss deshalb (wie schon Hahnemann es vorgelebt hat) ein Menschenkenner, Naturkenner und Kenner der Heilmittelverarbeitung in einer Person sein. Anthroposophische Medizin kann daher, wie die anderen medizinischen Verfahren auch, nur durch die Gemeinschaftsbildung aller an der Entwicklung der Heilkunst engagierten Menschen gedeihen.

 Verhältnis zur naturwissenschaftlichen Medizin

 

Bei der Untersuchung des Patienten ist die naturwissenschaftliche Medizin eine große Hilfe, weil auch für sie der Symptomen – Komplex nicht identisch mit der Krankheit, sondern nur deren subjektive Oberfläche ist. Doch die naturwissenschaftliche Medizin sucht die Krankheitsursachen in einer zur Anthroposophischen Medizin entgegen gesetzten Richtung: Sie sucht sie nicht oberhalb, im Seelisch-Geistigen, sondern unterhalb des Menschen, also dort im Physischen, wo unsere Sinne nicht mehr hinreichen: bei den Molekülen und Atomen. Vielfach ist das auch sinnvoll, z.B. in der Diagnostik der Krebskrankheit, in der Unfallchirurgie, in der Zahnheilkunde und in der Notfallmedizin, und überhaupt in der Chirurgie. Aber auch nach chirurgischen Eingriffen müssen die im Organismus vorhandenen Selbstheilungsprozesse wirksam werden, die nicht allein aus der Wechselwirkung von Molekülen und Atomen, sondern aus der höheren Ordnung des lebendigen, beseelten und geistgetragenen Organismus stammen können. Insofern ist jede Heilung ein spiritueller Prozess. Wer wäre z.B. naiv genug, zu glauben, dass ein gebrochener Knochen allein durch Gipsen, Nageln, Kleben, Nähen, oder Verschrauben wieder zusammenwächst? - Die Chirurgie verbessert also nur die Bedingungen, unter denen die Selbstheilungskräfte eingreifen können. Selbst die Chemotherapie der Infektions-Krankheiten ist ein spiritueller Prozess, denn eine Lunge, die infolge einer Lungenentzündung gegebenenfalls mehrere Liter an Eiter enthält, kann diesen Eiter nicht dadurch wieder loswerden, dass Antibiotika gegeben werden – auch Antibiotika können also nur das Gleichgewicht zwischen den Bakterien und den Abwehrprozessen des Organismus beeinflussen, nicht aber die eigentliche Heilung und Wiederherstellung des Organismus bewirken. Dennoch kommt auch der anthroposophische Arzt vielfach nicht ohne die Diagnostik und Therapie der naturwissenschaftlichen Medizin aus: Geht es ihm doch um ein möglichst umfassendes Krankheitsverständnis. Dies wird besonders deutlich, wo die Krankheits- Symptome erst im späteren Krankheitsverlauf an die Oberfläche kommen, wie dies sehr oft bei der Krebskrankheit der Fall ist. Aber die Zukunft wird erweisen: Auch die Krebskrankheit wird erst wirklich heilbar sein, wenn es gelingt, die Selbstheilungskräfte des Organismus anzuregen und die Medizin zu einer Gemeinschaft aller Therapeuten zu einen.

 

Literatur:

*Rudolf Steiner und Ita Wegmann: Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. Dornach 1925 (GA 27)

 

 

 

Typische Heilmittel der Anthroposophischen Medizin

 

Integrative Medizin

 

hier Download Artikel 10 Seiten Kurzfassung: "Was ist Anthroposophische Medizin?"

 

hier Download Artikel 50 Seiten Langfassung: "Was ist Anthroposophische Medizin?"

 

Anthroposophie

 

Dreigliederung des Organismus

 

Homöopathie

 

Heileurythmie