49 Jahre Krebsforschung am Carl-Gustav-Carus-Institut in Niefern-Öschelbronn und bei der ABNOBA Heilmittel GmbH Pforzheim

Heinrich Brettschneider:

7 Jahrsiebte der Forschung zur anthroposophischen Menschenkunde der Krebserkrankung und deren Therapie auf anthroposophischer Grundlage

 

Um die menschenkundliche Forschung des Institutes darzustellen, sei der Versuch erlaubt, einen Überblick über die Entwicklung der Tumor-Biologie in der naturwissenschaftlichen Medizin im Verhältnis zu der durch die Anthroposophie Rudolf Steiners bereits im 1. Viertel des 20. Jahrhunderts veröffentlichten geisteswissenschaftlichen Menschenkunde der Krebskrankheit zu geben. Um Missverständnissen vorzubeugen, sei hier allerdings darauf hingewiesen, dass der Gebrauch des Ausdruckes „geisteswissenschaftlich“ nicht auf die „Philologie“ i.S. einer Wissenschaft des menschlichen Geistes, sondern auf den real in der Natur und im Menschen wirksamen Geist hinweist.

 

Ich beginne beispielhaft mit Äußerungen Rudolf Steiners, der als erster die Injektion von Mistelsubstanz für die Krebstherapie vorschlug, weil deren Verständnis immer noch unsere „Zukunftsmusik“ ist, obwohl Steiners Äußerungen bereits vor einhundert Jahren veröffentlicht wurden:

 

Den Ärzten seines Umkreises schlug Rudolf Steiner bereits 1916 die weißbeerige europäische Mistel (Viscum album L.) als das spezifische Heilmittel gegen die Krebskrankheit des Menschen mit den folgenden Worten vor: „Der Baldur-Mythos gibt z.B. einen guten Begriff von der Gradation des Giftmäßigen […] Dass eine Schmarotzerpflanze einen gewissen Grad von Giftwirkung ausübt, das drückt sich in so wunderbarer Weise dadurch aus, dass Baldur gerade durch die Mistel getötet worden ist[1].

 

Für viele anthroposophische Ärzte wurde dadurch die Frage geweckt: Ist die Mistel mit dem Karzinom vergleichbar oder ist sie dessen Gegenbild?

 

1920, im so genannten 1. Medizinerkurs, formuliert Rudolf Steiner im 13. Vortrag: „An den inneren Karzinombildungen […] kommt man zuletzt zu der Anschauung, […] dass Entzündungen […] den vollen Gegenpol darstellen gegen die Geschwulstbildungen.“

 

Diesen Satz verstehen wir bis heute in der Art, dass der menschliche Organismus in sich bereits die Prozesse enthält, die der Karzinombildung entgegenwirken. Welches ist aber der hier angemessene Begriff der „Entzündung“? Gibt es nicht sogar Entzündungen, die als solche bereits Vorstufen der Karzinombildung sind, wie z.B. die Raucher-Bronchitis, die Hepatitis C, die Colitis ulcerosa und viele weitere „Entzündungen“?

 

Hier liegen noch große Aufgaben für eine zukünftige Krebsforschung.

Im 14. Vortrag desselben Kurses erfahren wir dann: „Das Ohr ist eine Geschwulst im Inneren des Menschen, aber eben ins Normale ausgedehnt. Im Entwicklungsprozess ist das Augenbildende verwandt mit dem Entzündungsprozess.“ Also liegen im Menschen sogar Organe vor, an deren Bildeprozessen diese Polarität von Karzinombildung und Entzündungsprozess im Gesunden studiert werden kann. Was ist damit gemeint? Welche Methodik braucht man, um mit solchen Hinweisen weiter zu kommen?

Noch im selben Jahr wird Rudolf Steiner deutlicher: Wir sehen nun also an diesem menschlichen Organismus etwas von dem auftreten, was sich gewissermaßen durch eine Überflutung dieses Organismus mit Organisationskräften, die hindrängen nach dem Sinnesmäßigen, ergibt. Wir haben in den karzinomartigen Bildungen etwas, wo im Organismus, gewissermaßen sich absondernd, Naturkraft organisierend auftritt, wo sich diese Organisationskraft einlagert in den Organismus.“ [2]

 

Doch gemessen an dem, was der „normale“ Arzt erlebt, dem die Krebskrankheit am Krankenbett, oder noch drastischer, im Operationssaal begegnet, ist diese Aussage erneut ein Rätsel: Ihm erscheint die Karzinombildung wie ein Verlust der Formkräfte, der den Körper erbarmungslos „auffrisst“, also wie das genaue Gegenteil dessen, was Steiner hier als „Überflutung des Organismus mit Organisationskräften“ bezeichnet.

 

Im 2. Vortrag desselben Kurses wird die Überflutung des Organismus mit Organisationskräften als Ursache der Karzinombildung erneut angesprochen, nun aber als Aufgabe des Arztes, den ganzen Lebenslauf seiner Patienten mit in seine Wissenschaft einzubeziehen: „[...] einzusehen, dass es im menschlichen Organismus möglich ist, dass Kräfte, die eigentlich ins Geistig-Seelische hineingehen sollten im richtigen Lebensabschnitte, unten bleiben in der physischen Organisation. […] Dann bleiben organisierende Kräfte da unten, treten irgendwo auf und wir erhalten jene karzinomatösen Neubildungen.“

 

Wir brauchen also eine Onkologie, die die geistig-seelischen Kräfte des Menschen mit in das Krankheits- und Therapieverständnis integriert.

2 Jahre später kommt Rudolf Steiner erneut auf das Gleichgewicht der Kräfte im gesunden Menschen zu sprechen, die, für sich genommen, Krankheiten sind und von denen eine die Karzinombildung ist:

 

Im Status nascendi tragen wir eigentlich immer latent die Tendenz in uns, dass unser Organismus verhärten werde nach innen, zentripetal, [man denke dabei an die Ohrbildung, Anm. HB] und dass er wieder aufgelöst werde nach außen, zentrifugal, [z.B. im Verlauf der Augenbildung, Anm. HB]. Nur sind die nach innen wirkende geschwulstbildende Kraft und die nach außen wirkende, eitrig entzündliche Kraft im normalen Menschenleibprozess im Gleichgewicht (Mit dem Begriff der "Entzündung" ist also hier nicht die (zentripetale) Ansammlung von Entzündungszellen gemeint, wie dies z.B. in der heutigen Zellular-Pathologie gesehen wird, sondern der auflösende (zentrifugale) fiebrige Prozess der Entzündung,Anm. HB).“[3]

 

Angesichts dieser Sachlage war es nur konsequent, dass Rudolf Steiner den Ärzten zurief: „Man muss studieren, welchen Weg dasjenige nimmt, was man durch die Injektion hervorruft, aber Sie erreichen niemals etwas, wenn Sie nicht eine wirkliche Wirkung zustande bringen. Diese Wirkung [von injizierter Mistelsubstanz] drückt sich aus dadurch, dass Fieber zustande kommt. Es muss also die Injektion gefolgt sein von einem FieberzuständeSie können von vorneherein mit einem Misserfolg rechnen, wenn Sie nicht Fieberzustände hervorrufen."(Rudolf Steiner am 27.10.1922)

 

Aus Sicht der naturwissenschaftlichen Medizin liegt aber eine sehr bedenkliche, wenn nicht sogar potentiell gefährliche Nebenwirkung vor, wenn die Anwendung der Mistelsubstanz in der Krebstherapie mit Fieberzuständen einhergeht. Diese Art von Widerstand kam schon damals Rudolf Steiner von Seiten der Ärzte entgegen und machte nicht nur die Pharmazeutik zum Problem (die Mistel-Press-Säfte durften nach Steiners Angaben nicht hitzesterilisiert werden, doch die Ärzte hatten schwerste hygienische Bedenken dagegen), sondern behinderte auch die Therapie. Schon bald nach Steiners Tod wurde dessen primär hoch dosiertes Therapie-Konzept von den anthroposophischen Ärzten in der Richtung der in der Homöopathie bevorzugten Verdünnungen abgewandelt. Bis in die 1990er Jahre galten deshalb „einschleichende“ Dosierungen als die allgemein gebräuchliche Methode der Misteltherapie des Karzinoms.

 

Erst durch Dr. Hans Werner, Mitbegründer des Carl Gustav Carus-Instituts und Gründer der Klinik Öschelbronn, erlebte die  ursprünglich von Steiner begründete, primär hoch dosierte Mistel-Therapie des Karzinoms aufgrund sensationeller Heilungserfolge gegen das primäre Leberkarzinom in Ägypten eine Renaissance.

 

Besonders die Arbeiten des Arztes Dr. Reiner Penter präzisierten die primär hoch dosierte Misteltherapie innerhalb der Klinik Öschelbronn noch erheblich (siehe Öschelbronner Akzente 2012/2013). Auch die goetheanistische Bearbeitung der Embryologie des Skelettsystems durch Dr. Matthias Woernle in den achtziger Jahren gehört in diesen Zusammenhang, denn sie zeigt, dass das Skelettsystem sich in zwei verschiedene Bereiche gliedert: Was daran primär unbeweglich, also sinnesartig veranlagt ist, verknöchert direkt, wohingegen die beweglichen, also dem Willen unterworfenen Teile des Skelettes erst indirekt, d.h. erst nach dem Durchlaufen eines Auflösungsprozesses verknöchern (Lit. M. Woernle).

 

Auch meine eigene 30-jährige Beschäftigung mit der Plazentation der Säugetiere und des Menschen, die bis in die jüngste Zeit reicht, muss im Zusammenhang der Institutsarbeit gesehen werden, da sich klar erweist, wie sehr die Embryologie zum Verständnis der Karzinombildung beitragen kann (Lit. H. Brettschneider).

 

Die Veranstaltung zahlreicher internationaler Wissenschafts-Symposien zum Thema Misteltherapie des Krebses verdanken wir namentlich dem organistorischen Einsatz von Dr. Rainer Scheer.

 

Die statistische Dokumentation und Zusammenfassung aller klinischen Ergebnisse der Misteltherapie wurde schließlich durch das Freiburger Institut für angewandte Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie (Leitung: Dr Helmut Kiene und Dr Gunver Kienle) geleistet (siehe H. Brettschneider in Öschelbronner Akzente 2015).

[GL5] 

 

Der Entwicklung der anthroposophischen Krebstherapie soll nun die Entwicklung des naturwissenschaftlichen Verständnisses der Krebserkrankung gegenübergestellt werden. Dadurch soll aufgezeigt werden, welches Zukunftspotential die Misteltherapie innerhalb einer modernen integrativen Onkologie hat.

 

1. Die Virchowsche Theorie der „Zell-Entartung“:

Seit über hundert Jahren beherrscht die von Rudolf Virchow im 19. Jahrhundert begründete „Zellularpathologie“ nahezu alleinig das Denken in der naturwissenschaftlichen Medizin. Die „Zellularpathologie“ Rudolf Virchow denkt   sich bis heute den Organismus aus Zellen zusammengesetzt. Die wichtigste Grundannahme der „Zellularpathologie“ zur Krebsentstehung ist daher die so genannte „maligne Transformation“, auf deutsch: die „Entartung“ des Erbgutes einzelner Krebszellen.

 

 

2. Die „Immun-Theorie“ des Krebses

Erst zu Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts kam ein andeutungsweise systemisches Verständnis der Krebskrankheit dadurch auf, dass man analog zur Infektionsabwehr auch die „Krebsabwehr“ als eine Leistung des so genannten „Immunsystems“ erkannt zu haben glaubte. [GL6] 

 

3. Die „Neo-Angiogenese-Theorie“ des Krebses.

Ab der Mitte der 1970-er Jahre wurde das Zell-Labor in der experimentellen Krebsforschung schrittweise durch die experimentelle Gewebe- und Organzüchtung verdrängt. Diese experimentellen Einrichtungen ergaben immer mehr Befunde, die dafür sprachen, dass es zwar die „maligne Entartung“ einzelner Krebszellen gibt, dass aber die Tumoren, die daraus hervorgehen, nur wenige Millimeter groß werden können, wenn sie nicht durch ein entsprechendes Blutgefäßsystem in der Tumor-Umgebung unterstützt werden, das den Tumor mit Sauerstoff ver- und die entstehenden Stoffwechselprodukte entsorgt.

In der Fachsprache bezeichnet man die Neubildung eines Tumor-eigenen Blutgefäßsystems als „Tumor-Neo-Angiogenese“. Überraschenderweise stammen die neuen Blutgefäße aber nicht von den „entarteten“ Krebszellen ab, sondern entspringen der nur scheinbar gesunden Tumor-Umgebung. Sie bilden das den Tumor ernährende und schützende „Tumor-Bett“ und lösen alle Gewebeschranken, insbesondere alle Basalmembranen der Umgebung des Tumors auf. Nur die Tumor-Neo-Angiogenese ermöglicht also das expansive, destruierende und metastasierende Tumor-Wachstum (Brettschneider 1989).

 

Es gelang der naturwissenschaftlichen Medizin, Substanzen zu entwickeln, die eine Neubildung von Tumor-Blutgefäßen hemmen. Substanzen dieser Wirkungsweise nennt man deshalb „Tumor-Neo-Angiogenese-Hemmer“. Mehr als ein Dutzend davon ist bereits auf dem Markt und schon jetzt ist diese neue Richtung in der naturwissenschaftlichen Medizin erfolgreicher, als die einst mit so viel Hoffnung begonnene, „Tumor-Immunologie“. Doch die Nebenwirkungen dieser neuen Substanzen vermindern die Lebensqualität der Patienten oft deutlich, weil die Neubildung von Blutgefäßen auch für die Wundheilung notwendig ist, und damit einer der Hauptaufgaben des angeborenen Immunsystems entspricht.

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4. Die „Organ-Bilde-Theorie“ der Krebskrankheit

Die Entdeckung der „Tumor-Neo-Angiogenese“ legt die Erkenntnis nahe, dass Tumore sich offenbar ganz analog dazu entwickeln, wie gesunde Organe in der Embryonalzeit entstehen: Der so genannte frühe „Keimschild“ des Embryos besteht ja beinahe nur aus „Stammzellen“, setzt sich also wie ein Mosaik aus den verschiedensten zellulären Grundbausteinen seiner späteren, hochspezialisierten Funktionsgewebe zusammen. Die eigentliche embryonale Organbildung setzt aber erst nach der Bereitstellung eines Blutgefäßsystems ein. In diese ernährende, atmende und als Niere funktionierende Umgebung wächst der „Keimschild“ des gesunden Embryos hinein, wie der Tumor in sein „Tumor-Bett“. Radikal neu ist nun aber, dass, wie sich erst in den letzten 15 Jahren herausstellte, ausgerechnet das angeborene Immunsystem selbst daran aktiv beteiligt, nicht nur das embryonale Blutgefäßsystem, sondern, wenn die Krebskrankheit ausbricht, auch die Tumor-Neo-Angiogenese bereitzustellen.

 

Der Journalist Gary Stix schrieb im Scientific American, Aprilheft 2008, daher sehr zutreffend:

„In den neueren Lehrbüchern erscheint ein Tumor nicht mehr nur als Klumpen entarteter Zellen; er umfasst auch ein Versorgungssystem, das heißt ein Mikroumfeld, das aus Immunzellen der unterschiedlichsten Typen, hin und her laufenden chemischen Signalen sowie einem Geflecht von Blutgefäßen besteht. Der Tumor erlangt so den Status eines außerplanmäßigen Organs, das aber keine sinnvolle Aufgabe hat, sondern ausschließlich seine eigenen Zwecke verfolgt.“

Wir bemerken: Ein naturwissenschaftlich gebildeter Journalist formuliert hier die anthroposophische Krebstheorie, die rein empirisch aus den Experimenten der naturwissenschaftlichen Medizin abgeleitet ist.

 

Diese „auf den Boden gebrachte“ Krebstheorie zeigt, dass das „Immunsystem“ also keineswegs bloß unser „Sicherheitsdienst “ gegen die „Infektionen“ und damit gegen die großen Seuchen der Menschheit ist, sondern zugleich auch der größte „Helfer“ der Krebskrankheit. Bleibt man hier wirklich konsequent im Denken „ganzheitlich“, so wird deutlich: Das Immunsystem muss im Ganzen neu und erstmalig als ein System angesehen werden, das nicht nur die gestaltliche Integrität des Organismus bewahrt, indem es die auflösenden, fieberhaften Krankheiten „abwehrt“, und Wunden verschließt.[GL7]  Darüber hinaus kann es auch eine gestaltbildende Tätigkeit entfalten, die nicht nur die Wundheilung, sondern auch die Krebskrankheit so zu unterstützen vermag, dass expansives, destruktives und metastasierendes Tumorwachstum überhaupt erst möglich wird! [GL8] 

 

Zukunftsperspektiven

 

Welche Aufgaben für die Krebstherapie hat also die Forschung des Carl Gustav Carus-Instituts 49 Jahre nach seiner Gründung? Die größte Herausforderung liegt immer noch in der Erschließung einer phänomenologischen Beobachtungsmethode der Natur und des Menschen, die zur Brücke gemacht werden kann für einen Zugang zum Geistigen im Menschen und in der Natur. Hier können wir auf die methodisch vorbildhaften Arbeiten von Wolfgang Schad in den siebziger Jahren und Thomas Göbel in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hinblicken.

 

Wir können nun die Heilmittel-Idee der Mistel als das Gegenbild zur Krebskrankheit formulieren, und so die eingangs erwähnte Frage beantworten: Ist die Mistel ein Naturbild der Krebskrankheit, oder deren Gegenbild? 

 

Wie der Mensch heute konstituiert ist, emanzipiert er sich aus dem allgemeinen Kosmos nicht nur durch sein rationales Bewusstsein, sondern auch leiblich mit Hilfe seines Nervensystems und der von diesem bis in die Knochenbildung hinein getriebenen Verhärtung seines Organismus. Wenn nun das Nervensystem in krankhafter Weise auch die Weichteile und damit den ganzen Organismus überfrort sund so in die Krebskrankheit führt, dann setzt der Mensch die eingeschlagene Richtung seiner normalen Evolution in krankhafter Weise über das gesunde Maß hinaus fort. Krankheit ist also nicht das Gegenteil der Gesundheit, sondern der Verlust der Mitte zwischen polaren, also einander entgegengesetzten Krankheitstendenzen. Wäre das erstere der Fall, hätte die WHO Recht, die immer noch behauptet, Krankheit sei die Abwesenheit der Gesundheit, die also Krankheit nur als die Abwesenheit von etwas und damit nur negativ zu sehen vermag. Durch die heutige Forschung ergibt sich aber ein positives Verständnis der Krebskrankheit, das Rudolf Steiner am Beispiel der Knochenbildung erläutert:

 

„Wenn dasjenige, was in der Ossifikation (Knochenbildung) und in der Sklerose (Gewebeverhärtung) normal ist oder erst abnorm auf seinem eigenen Felde im Laufe des Lebens wird, nach der anderen Seite schwingt und also dieser Prozess sozusagen nicht auf seinem Felde, sondern in anderen Organsystemen sich abwickelt, dann tritt etwas auf, was das krankhafte Gegenbild ist eines Vorkonzeptionellen, was wir in den verschiedenen Arten der Karzinombildung vor uns haben.“[5]

 

Überträgt man den Ausdruck „Ossifikation“ in einen evolutiven Zusammenhang (Literatur siehe Dr. R. Gehlig), so wird deutlich, dass deren den Menschen vom Umraum abgrenzende Wirkung an den Kopfknochen als das gesunde leibliche Korrelat hervortritt.

 

Die Mistel erscheint im Vergleich dazu nun wie ein klares Gegenbild der Verknöcherung und Abgrenzung von der Welt: Sie ist zwar selbst ein baumartiges Gewächs, aber sie kann nicht in der Erde, sondern nur auf anderen Bäumen wachsen. Und das Holz, das sie bildet, „verholzt“ erst, wenn sie gestorben ist. Schließlich, gewissermaßen als das "vorgeburtliche" Gegenbild dieser nachtodlichen Verholzung, bildet sie keine trockenen Samen mit Samenschale. Die Mistelsamen können auch nicht jahrelang bis zum Keimen in der dunklen Erde ruhen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Mistel bildet stattdessen fruchtige, weiße Beeren, in denen nackt ein durch und durch grüner, wässriger Mistel-Embryo sitzt. Und dieser stirbt schon ab, wenn er kaum länger als zwei Tage des kosmischen Lichtes entbehren muss! Die Verbreitung der Mistel wird schließlich durch Vögel erreicht, die diese Beeren fressen und die offenbar unverdaulichen Mistel-Embryonen gleich wieder auf den Ästen der Bäume ausscheiden. Die Mistel ist also insofern evolutiv zurückgeblieben, als sie sich nur rudimentär mit dem Wesen der Erde verbindet. Aber das ideale Krebsheilmittel wird sie erst dann, wenn es gelingt, alle irdischen Anpassungen durch eine spezielle Pharmazeutik rückgängig zu machen, die sie auf dem gemeinsamen Abstieg der gesamten Natur und des Menschen vom Kosmos herab auf die Erde bereits durchlaufen hat.

 

„Und daher wird nun versucht, dasjenige, was im Mistelbildungsprozess lebt, mit einer Maschine zu verarbeiten, die eine zentrifugale und eine radiale Kraft entfaltet […] So dass man dasjenige, was im Mistelprozess wirkt, umgestaltet zu einem ganz anderen Aggregatsprozess, und dadurch die Tendenzen in der mistelbildenden Kraft in einer konzentrierteren Weise verwenden kann, als sie heute, wo der Mistelprozess doch ein dekadenter Prozess ist, in diesem zutage tritt.“[6]

 



[1] Rudolf Steiner: Zeitgeschichtliche Betrachtungen, GA 173, 13. Vortrag am 31.12.1916, Dornach 1966.

[2] Rudolf Steiner: Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft, GA 314, 1. Vortrag am 7.10.1920, Dornach 1989

[3] R. Steiner: Erdenwissen und Himmelserkenntnis, GA 221, Der unsichtbare Mensch in uns. Das der Therapie zugrundeliegende Pathologische, Vortrag am 11. 02.1923, Dornach 1998.

[4] Rudolf Steiner: Anthroposophische Grundlagen für die Arzneikunst. GA 314, 2. Vortrag am 27.10.1922, Dornach 1989.

[5] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft und Medizin, GA 312, 7. Vortrag am 27.03.1920, Dornach 1999.

[6] Rudolf Steiner: Anthroposophische Menschenerkenntnis und Medizin, GA 319, 3. Vortrag am 3.9.1923, Dornach 1994.