WARUM aus mir ein ANTHROPOSOPH geworden ist

1. Zum Thema "Wahrheit".

Die folgenden Worte finden sich schon im 1. Band der RUDOLF-STEINER-GESAMTAUSGABE:  "Goethes naturwissenschaftliche Schriften" auf Seite 134 ff.: 

 

VIII

VON DER KUNST ZUR WISSENSCHAFT

 

Wer sich die Aufgabe stellt, die Geistesentwicklung eines

Denkers darzustellen, hat uns die besondere Richtung desselben

auf psychologischem Wege aus den in seiner Biographie

gegebenen Tatsachen zu erklären. Bei einer Darstellung

von Goethe, dem Denker, ist die Aufgabe damit noch nicht

erschöpft. Hier wird nicht nur nach einer Rechtfertigung

und Erklärung seiner speziellen wissenschaftlichen Richtung,

sondern und vorzüglich auch darnach gefragt, wie

dieser Genius überhaupt dazu kam, auf wissenschaftlichem

Gebiete tätig zu sein. Goethe hatte durch die falsche Ansicht

seiner Zeitgenossen viel zu leiden, die sich nicht denken

konnten, daß dichterisches Schaffen und wissenschaftliche

Forschung sich in einem Geiste vereinigen lasse. Es

handelt sich hier vor allem um Beantwortung der Frage:

Welches sind die Motive, die den großen Dichter zur Wissenschaft

getrieben? Liegt der Übergang von Kunst zur Wissenschaft

rein in seiner subjektiven Neigung, in persönlicher

Willkür? Oder war Goethes künstlerische Richtung eine

solche, daß sie ihn mit Notwendigkeit zur Wissenschaft

treiben mußte?

Wäre das erstere der Fall, dann hätte die gleichzeitige

Hingabe an Kunst und Wissenschaft bloß die Bedeutung

einer zufälligen persönlichen Begeisterung für beide Richtungen

des menschlichen Strebens; wir hätten es mit einem

Dichter zu tun, der zufällig auch ein Denker ist, und es

hätte wohl sein können, daß bei einem etwas andern Le-

bensgange Goethe dieselben Wege in der Dichtung eingeschlagen,

ohne daß er sich um die Wissenschaft auch nur

bekümmert hätte. Beide Seiten dieses Mannes interessierten

uns dann abgesondert als solche, beide hätten vielleicht für

sich ein gut Teil den Fortschritt der Menschheit gefördert.

Alles das wäre aber auch der Fall, wenn die beiden Geistesrichtungen

auf zwei Persönlichkeiten verteilt gewesen wären.

Der Dichter Goethe hätte mit dem Denker Goethe nichts zu tun.

 

Ist aber das zweite der Fall, dann war Goethes künstlerische

Richtung eine solche, daß sie von innen heraus notwendig

dazu drängte, durch wissenschaftliches Denken ergänzt

zu werden. Dann ist es schlechterdings undenkbar,

daß die beiden Richtungen auf zwei Persönlichkeiten verteilt

gewesen wären. Dann interessiert uns jede der beiden

Richtungen nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch

wegen ihrer Beziehung auf die andere. Dann gibt es einen

objektiven Übergang von Kunst zur Wissenschaft, einen

Punkt, wo sich die beiden so berühren, daß Vollendung in

dem einen Gebiete Vollendung in dem andern fordert.

Goethe folgte dann nicht einer persönlichen Neigung, sondern

die Kunstrichtung, der er sich ergab, weckte in ihm

Bedürfnisse, denen nur in wissenschaftlicher Betätigung

Befriedigung werden konnte.

 

Unsere Zeit glaubt das Richtige zu treffen, wenn sie

Kunst und Wissenschaft möglichst weit auseinanderhält.

Sie sollen zwei vollkommen entgegengesetzte Pole in der

Kulturentwicklung der Menschheit sein. Die Wissenschaft

soll uns - so denkt man - ein möglichst objektives Weltbild

entwerfen, sie soll uns die Wirklichkeit im Spiegel zeigen

oder mit andern Worten: sie soll mit Entäußerung aller sub-

jektiven Willkür sich rein an das Gegebene halten. Für ihre

Gesetze ist die objektive Welt maßgebend, ihr hat sie sich

zu unterwerfen. Sie soll den Maßstab des Wahren und Falschen

ganz und gar aus den Objekten der Erfahrung nehmen.

 

Ganz anders soll es bei den Schöpfungen der Kunst sein.

Ihnen wird von der selbstschöpferischen Kraft des menschlichen

Geistes das Gesetz gegeben. Für die Wissenschaft

wäre jedes Einmischen der menschlichen Subjektivität Verfälschung

der Wirklichkeit, Überschreitung der Erfahrung;

die Kunst dagegen wächst auf dem Felde genialischer Subjektivität.

Ihre Schöpfungen sind Gebilde menschlicher Einbildungskraft,

nicht Spiegelbilder der Außenwelt. Außer

uns, im objektiven Sein liegt der Ursprung wissenschaftlicher

Gesetze; in uns, in unserer Individualität der der

ästhetischen. Daher haben die letzteren nicht den geringsten

Erkenntniswert, sie erzeugen Illusionen ohne den geringsten

Wirklichkeitsfaktor.

 

Wer die Sache so faßt, wird nie Klarheit darüber gewinnen,

welches Verhältnis Goethesche Dichtung zu Goethescher

Wissenschaft hat. Dadurch wird aber beides mißverstanden.

Die welthistorische Bedeutung Goethes liegt ja gerade darinnen,

daß seine Kunst unmittelbar aus dem Urquell des Seins fließt, dass sie nichts Illusorisches, nichts Subjektives an sich trägt, sondern als die Künderin jener Gesetzlichkeit erscheint, die der Dichter in den Tiefen des Naturwirkens dem Weltgeiste abgelauscht hat. Auf dieser Stufe wird die Kunst die Interpretin der Weltgeheimnisse, wie es die Wissenschaft in anderem Sinne ist.

 

So hat Goethe auch stets die Kunst aufgefaßt. Sie war ihm die eine Offenbarung des Urgesetzes der Welt, die Wissenschaft war ihm die andere. Für ihn entsprangen Kunst und Wissenschaft aus einer Quelle. Während der Forscher untertaucht in die Tiefen der Wirklichkeit, um die treibenden Kräfte derselben in Form von Gedanken auszusprechen,

sucht der Künstler dieselben treibenden Gewalten seinem Stoffe einzubilden. «Ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen nennen, das abgezogene Wissen; Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur Tat verwendet; Wissenschaft wäre Vernunft, und Kunst ihr Mechanismus, deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte. Und so wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem.»

 

Was die Wissenschaft als Idee (Theorem) ausspricht, das soll die Kunst dem Stoffe einprägen, das soll ihr Problem werden.

«In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind die Absichten vorzüglich der Aufmerksamkeit wert», sagt Goethe. Überall

sucht er nicht nur das, was den Sinnen in der Außenwelt gegeben, sondern die Tendenz, durch die es geworden ist.

Diese wissenschaftlich aufzufassen, künstlerisch zu gestalten, das ist seine Sendung. Bei ihren eigenen Bildungen gerät die Natur «auf Spezifikationen wie in eine Sackgasse»; man muß auf das zurückgehen, was hätte werden sollen, wenn die Tendenz sich hätte ungehindert entfalten können, so wie der Mathematiker nie dieses oder jenes Dreieck, sondern immer jene Gesetzmäßigkeit im Auge hat, die jedem

möglichen Dreiecke zugrunde liegt. Nicht was die Natur geschaffen, sondern nach welchem Prinzipe sie es geschaffen hat, darauf kommt es an. Dann ist dieses Prinzip so auszugestalten, wie es seiner eigenen Natur gemäß ist, nicht wie es in dem von tausend Zufälligkeiten abhän-

 gigen einzelnen Gebilde der Natur geschehen ist. Der Künstler hat «aus

dem Gemeinen das Edle, aus der Unform das Schöne zu entwickeln».

 

Goethe und Schiller nehmen die Kunst in ihrer vollen Tiefe. Das Schöne ist «eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben». Ein Blick in des Dichters «Italienische Reise» genügt, um zu erkennen, daß das nicht etwa eine

Phrase, sondern tief-innerliche Überzeugung ist. Wenn er sagt: «Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist Notwendigkeit, da ist Gott»* (Hervorhebung durch HB), so geht daraus hervor, daß ihm Natur und Kunst gleichen Ursprunges sind.

 

Bezüglich der Kunst der Griechen sagt er in dieser Richtung folgendes: «Ich habe die Vermutung, daß sie nach den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur selbst verfährt und denen ich auf der Spur bin.» Und von Shakespeare: «Shakespeare gesellt sich zum Weltgeist; er durchdringt die Welt wie jener, beiden ist nichts verborgen; aber wenn des Weltgeistes Geschäft ist, Geheimnisse vor, ja oft nach der Tat zu bewahren, so ist der Sinn des Dichters, das Geheimnis zu verschwätzen.»

 

Leider habe ich diese Worte erst vor ganz kurzem entdeckt, obwohl ich die letzten 40 Jahre meines Lebens neben der praktischen Medizin ganz der naturwissenschaftlichen Methode Goethes und der von Rudolf Steiner hinterlassenen Literatur gewidmet habe.

 

Wenn ich aber Rudolf Steiner richtig verstanden habe, handelt es sich bei Goethe darum, dass es für den Menschen grundsätzlich 2 Quellen der Wahrheit gibt: Die eine Wahrheit muss der Mensch in seiner Erfahrung erkennend finden, die andere muss er selbst in seinen Handlungen wollend hervorbringen.

 

Deshalb weiß ich jetzt genau, warum ich Anthroposoph geworden bin, denn genau diese Moral hatte ich immer gesucht.

 

* Diese Passage über Gott erinnert mich an die letzten Worte des "Faust", des Lebenswerkes unseres größten Dichters, an dem er bis zu seinem Lebensende geschrieben hat:

 

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
Faust 2, V, Bergschluchten. (Chorus Mysticus)

Schon viel ist gerätselt worden, was wohl dieses Ewig-Weibliche sei, das uns hinan zieht. Ich denke, das Rätsel besteht darin, dass ja in unserer Sprache Gott ein Männliches ist. Aber wie wäre es, wenn man jetzt an die Natur denkt, die ja auch ewig ist, aber weiblich! Wenn nun in der Anschauung Goethes Natur und Kunst aus einer Quelle schöpfen, und beide weiblich sind, dann wird diese Aussage doch wieder doppeldeutig, aber damit zugleich auch all-umfassend!

 

2. Zum Thema "Glückseligkeit".

Das 1. Werk der "Rudolf-Steiner- Gesamtausgabe", das den Titel: "Goethes Naturwissenschaftliche Schriften" trägt, ist nicht nur den Fragen der Wahrheit und der Schönheit, sondern auch der Frage der "Glückseligkeit" gewidmet, die ja insbesondere auch den Buddhismus beschäftigt, wobei der letztere sich hierin aber - für viele Leser möglicherweise überraschend - von der Anthroposophie Rudolf Steiners mehr absetzt als vom Neu-Kantianismus Eduard v. Hartmanns.

 

Auf Seite 127 des o.g. Werkes Rudolf Steiners findet sich hierzu eine Passage, die hier so zitiert wird, dass im Übergang zum Thema "Glückseligkeit" noch gerade eben das Thema "Wahrheit" angeschnitten ist, und dann die Ansicht des damals in Deutschland führenden Neu-Kantianers v. Hartmann zum Vergleich herangezogen wird:

 

"Hartmanns Philosophie ist von meiner nur durch die

Pessimismus-Frage und durch die metaphysische Zuspitzung

des Systems nach dem «Unbewussten» verschieden.

Was den letzteren Punkt betrifft, wolle man weiter unten

nachsehen (hier nicht als Zitat wiedergegeben, HB). In bezug auf den Pessimismus aber sei folgendes bemerkt: Was Hartmann als Gründe für den Pessimismus anführt, d. h. für die Ansicht, dass uns nichts in der Welt voll befriedigen kann, dass stets die Unlust die Lust

überwiegt, das möchte ich geradezu als das Glück der

Menschheit bezeichnen. Was er vorbringt, sind für mich

nur Beweise dafür, dass es vergebens ist, eine Glückseligkeit

zu erstreben. Wir müssen eben ein solches Bestreben ganz

aufgeben und unsere Bestimmung rein darinnen suchen,

selbstlos jene idealen Aufgaben zu erfüllen, die uns unsere

Vernunft vorzeichnet. Was heißt das anders, als dass wir

nur im Schaffen, in rastloser Tätigkeit unser Glück suchen

sollen?

Nur der Tätige und zwar der selbstlos Tätige, der mit

seiner Tätigkeit keinen Lohn anstrebt, erfüllt seine Bestimmung.

Es ist töricht, für seine Tätigkeit belohnt sein zu wollen;

es gibt keinen wahren Lohn. Hier sollte Hartmann

weiterbauen. Er sollte zeigen, was denn unter solchen Voraussetzungen die einzige Triebfeder aller unserer Handlungen

sein kann. Es kann, wenn die Aussicht auf ein erstrebtes

Ziel wegfällt, nur die selbstlose Hingabe an das

Objekt sein, dem man seine Tätigkeit widmet, es kann nur

die Liebe sein. Nur eine Handlung aus Liebe kann eine sittliche

sein. Die Idee muß in der Wissenschaft, die Liebe im

Handeln unser Leitstern sein. Und damit sind wir wieder

bei Goethe angelangt. «Dem tätigen Menschen kommt es

darauf an, daß er das Rechte tue, ob das Rechte geschehe,

soll ihn nicht kümmern.» «Unser ganzes Kunststück besteht

darin, daß wir unsere Existenz aufgeben, um zu existieren.

» («Sprüche in Prosa»; Natw.c., 4. Bd., 2. Abt.,

S. 464 u. 441.)

 

Ich bin zu meiner Weltansicht nicht allein durch das

Studium Goethes oder etwa gar des Hegelianismus gekommen.

Ich ging von der mechanisch-naturalistischen Weltauffassung

aus, erkannte aber, daß bei intensivem Denken

dabei nicht stehengeblieben werden kann. Ich fand, streng

nach naturwissenschaftlicher Methode verfahrend, in dem

objektiven Idealismus die einzig befriedigende Weltansicht.

Die Art, wie ein sich selbst verstehendes, widerspruchsloses

Denken zu dieser Weltansicht gelangt, zeigt meine Erkenntnistheorie^ (Rudolf Steiner, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller. Berlin u. Stuttgart 1886, 6. Aufl. Rudolf Steiner Gesamtausgabe Band 2 Dornach 1960.)

 

"Ich fand dann, dass dieser objektive Idealismus

seinem Grundzuge nach die Goethesche Weltansicht durchtränkt.

So geht denn dann freilich der Ausbau meiner Ansichten

seit Jahren parallel mit dem Studium Goethes; und

ich habe nie einen prinzipiellen Gegensatz zwischen meinen

Grundansichten und der Goetheschen wissenschaftlichen

Tätigkeit gefunden. Wenn es mir wenigstens teilweise gelungen

ist: erstens meinen Standpunkt so zu entwickeln,

dass er auch in andern lebendig wird, und zweitens die

Überzeugung herbeizuführen, dass dieser Standpunkt wirklich

der Goethesche ist, dann betrachte ich meine Aufgabe

als erfüllt."