Was ist Spiritualität?

Ich habe tausende Male darüber nachgedacht, was Spiritualität ist, und noch öfter darüber, wie man diesen Begriff in unserer Zeit erläutern kann, und jedesmal bin ich davor zurückgeschreckt, weil Spiritualität ja eigentlich nichts anderes bedeutet als das, was man in der deutschen Sprache als "die Wahrheit" bezeichnet.

 

Jeder Mensch erlebt sich selbst als ein geistiges und seelisches Wesen, aber nicht jeder Mensch hat klar vor sich, was das Seelische, und was das Geistige ist.Aber das soll uns weder überheblich noch kleinmütig machen, denn Spiritualität ist ein Hintergrundgefühl, dem wir folgen, ohne uns dessen immer bewusst zu sein.

 

In seinem Buch "Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung" (1904) unterscheidet Rudolf Steiner drei Ebenen menschlichen Seins: Die leibliche, die Seelische und die geistige Wesenheit des Menschen.

 

Bevor er dann auf das Geistige im Menschen näher zu sprechen kommt (das ja unser Thema insofern ist, als das Wort "Spiritualität" von dem Begriff  "Spiritus" = Geist abgeleitet ist), führt Rudolf Steiner Johann Wolfgang von Goethe an, den genialen deutschen Klassiker, in dem Kapitel:

 

 

DAS WESEN DES MENSCHEN

Die folgenden Worte Goethes bezeichnen in schöner Art den Ausgangspunkt eines der Wege, auf denen das Wesen des Menschen erkannt werden kann: «Sobald der Mensch die Gegenstände um sich her gewahr wird, betrachtet er sie in Bezug auf sich selbst; und mit Recht, denn es hängt sein ganzes Schicksal davon ab, ob sie ihm gefallen oder mißfallen, ob sie ihn anziehen oder abstoßen, ob sie ihm nützen oder schaden. Diese ganz natürliche Art, die Dinge anzusehen und zu beurteilen, scheint so leicht zu sein, als sie notwendig ist, und doch ist der Mensch dabei

tausend Irrtümern ausgesetzt, die ihn oft beschämen und ihm das Leben verbittern. – Ein weit schwereres Tagewerk übernehmen diejenigen, deren lebhafter Trieb nach Kenntnis die Gegenstände der Natur an sich selbst und in ihren Verhältnissen untereinander zu beobachten strebt: denn sie vermissen bald den Maßstab, der ihnen zu Hilfe kam, wenn sie als Menschen die Dinge in Bezug auf sich betrachten.

Es fehlt ihnen der Maßstab des Gefallens und Mißfallens, des Anziehens und Abstoßens, des Nutzens und Schadens. Diesem sollen sie ganz entsagen, sie sollen als gleichgültige und gleichsam göttliche Wesen suchen und untersuchen,

was ist, und nicht, was behagt.So soll den echten Botaniker weder die Schönheit noch die Nutzbarkeit der Pflanzen rühren, er soll ihre Bildung, ihr Verhältnis zu dem

übrigen Pflanzenreiche untersuchen; und wie sie alle von der Sonne hervorgelockt und beschienen werden, so soll er mit einem gleichen ruhigen Blicke sie alle ansehen und übersehen und den Maßstab zu dieser Erkenntnis, die Data der Beurteilung nicht aus sich, sondern aus dem Kreise der Dinge nehmen, die er beobachtet.»

 

Rudolf Steiner geht mit diesem Goethe-Text in der folgenden Weise um:

 

Auf dreierlei lenkt dieser von Goethe ausgesprochene Gedanke die Aufmerksamkeit des Menschen. Das erste sind die Gegenstände, von denen ihm durch die Tore seiner Sinne fortwährend Kunde zufließt, die er tastet, riecht, schmeckt, hört und sieht. Das zweite sind die Eindrücke, die sie auf ihn machen und die sich als sein Gefallen und Mißfallen, sein Begehren oder Verabscheuen dadurch kennzeichnen, dass er das eine sympathisch, das andere antipathisch, das eine nützlich, das andere schädlich findet. Und das dritte sind die Erkenntnisse, die er sich als «gleichsam göttliches Wesen» über die Gegenstände erwirbt; es sind die Geheimnisse des Wirkens und Daseins dieser Gegenstände, die sich ihm enthüllen.

 

Deutlich scheiden sich diese drei Gebiete im menschlichen Leben. Und der Mensch wird daher gewahr, daß er in einer dreifachen Art mit der Welt verwoben ist. – Die erste Art ist etwas, was er vorfindet, was er als eine gegebene Tatsache hinnimmt.Durch die zweite Art macht er die Welt zu seiner eigenen Angelegenheit, zu etwas, das eine Bedeutung für ihn hat. Die dritte Art betrachtet er als ein Ziel, zu dem er unaufhörlich hinstreben soll (Rudolf Steiner: "Theosophie", 1904. Kapitel: Das Wesen des Menschen).

 

In einem Vortrag des berühmten Neurobiologen Wolf Singer, den er vor einem andächtig zuhörenden akademischen Publikum an der Maximilian Universität in München hielt, behauptete der preisgekrönte Wissenschaftler allen Ernstes, er könne keinen prinzipiellen Unterschied zwischen einer Qualle und einem Menschen sehen.

 

Die Frage, die mir als Zuhörer bei dem Vortrag Wolf Singers auf den Nägeln brannte, war die folgende: Gibt es denn wirklich wissenschaftliche Hinweise dafür, dass auch Quallen über Menschen nachdenken? Dass auch Quallen auf der Suche nach der Wahrheit sind? - Mit ziemlicher Sicherheit gibt es diese Hinweise nicht, obwohl auch Quallen Nervensysteme haben, an denen man die selben physikalischen Vorgänge beobachten kann, die auch an menschlichen Nervensystemen nachweisbar sind.- Aber diese physikalischen Befunde scheinen für Wissenschaftler vom Schlage Wolf Singers nicht wichtig genug zu sein, so dass die Menschen sich verpflichtet sähen, darüber nachzudenken, ob Tiere auch Wissenschaft haben, - also geistige Wesen sind -. Man ist sich in der Wissenschaft ja nicht einmal einig darüber, ob Tiere auch Schmerzen wie wir empfinden können, - also wie wir auch seelische Wesen sind. Wie kommt das? Die Begründung für diese Heuchelei des trotz ausreichender Intelligenz nicht die Wahrheit sehen Wollens ist erschütternd primitiv: Nervensysteme kann man sehen, aber Gedanken und Gefühle nicht. Also existieren Gedanken und Gefühle nicht wirklich!

 

Auch die Schulpsychologie, die weltweit an den Universitäten gelehrt wird, bezweifelt oder bestreitet die Existenz der Seele und des Geistes und reduziert das Wesen des Menschen auf dessen materielle und soziale Existenz. Die materielle Existenz des Menschen wird aber schon seit Jahrtausenden in den spirituellen Kreisen der großen Weltkulturen als "Maja", als Illusion, als äußerer Schein gesehen, weil sie hinter der Gestalt das seelische und geistige Wesen des Menschen verdeckt, ja, man kann sogar sagen: versteckt!

 

Die wissenschaftliche Haltung der Schulpsychologie und der Humanmedizin, die ausschließlich wie Singer nur das materielle Sein des Menschen für existent halten, und damit eine Lüge aussprechen, bezeichnet man als Materialismus. Wahr ist aber nicht, dass nur materialistische Menschen egoistisch sind, sondern, dass der wissenschaftliche Materialismus egoistisch macht, das ist die Wahrheit!

 

Ich selbst bin Anthroposoph, weil die Anthroposophie Rudolf Steiners den Materialismus einerseits für unwiderlegbar und historisch notwendig, andererseits aber für unsinnig hält, weil er dem Leben keinen Sinn gibt. Ich habe von Rudolf Steiner gelernt, dass es nicht unbedingt falsch, sondern - schlimmer als das - nämlich ganz bestimmt verlogen ist -, wenn man etwas die Existenz abstreitet, das jeder Mensch in sich selbst als seine Seele und seinen Geist entdecken kann. Als Anthroposoph halte ich deshalb einerseits die Existenz Gottes für wahrscheinlicher als seine Nicht-Existenz, andererseits aber trotzdem das Finden der Wahrheit für wahrscheinlicher, wenn man dem naturwissenschaftlich begründeten Materialismus dennoch ein gewisses Existenzrecht, - und sei dies auch nur ein eingeschränktes - zugesteht.

 

Warum ist es nicht unbedingt falsch, den Geist und die Seele zu bestreiten? - Weil eben dieses Bestreiten als solches schon Erkenntnisbedingungen schafft, die es für denjenigen, der sich den materialistischen Glaubenssätzen unterwirft, unmöglich macht, die Wahrheit zu sehen! Wenn also Kinder in der Atmosphäre des wissenschaftlichen Materialismus aufgezogen werden, werden sie dadurch nicht etwa weltanschaulich neutral, sondern verlogen und heuchlerisch.

 

Spiritualität ist also gewiss ein Schichten-Urteil über die Wirklichkeit: Die Wirklichkeit besteht aus Schichten jeweils verschiedenartigen Seins. Mit den folgenden Fersen läßt deshalb Goethe den 2. Teil seiner Faust-Tragödie ausklingen:

 

 

CHORUS MYSTICUS:

Alles Vergängliche

Ist nur ein Gleichnis;

Das Unzulängliche, 

Hier wird´s Ereignis;

Das Unbeschreibliche,

Hier ist´s getan;

Das Ewig Weibliche

Zieht uns hinan.

 

 

Seit Goethes "Faust" nennt man die Frage nach der Wahrheit auch die "Gretchenfrage", denn Gretchen lässt nicht locker, Faust danach zu fragen, ob er an Gott glaubt, und Faust kann nicht anders, als ihr immer wieder in die Philosophie auszuweichen, und auf die drei Ebenen hinzuweisen, auf denen der Mensch lebt, anstatt einfach "Ja" zu sagen.

 

Wo liegt das Problem? Das Problem scheint mir zu sein, dass  Spiritualität untrennbar mit dem Begriff der "Wahrheit" verbunden ist, dieser Zusammenhang aber im Bewusstsein der Menschheit noch nicht voll erkannt ist. So wäre es am schönsten, ich könnte mit den Augen Goethes in die Natur und in den Menschen blicken und verständlich machen, was die Augen Goethes dabei sehen. Er hatte offenbar schon das geistige Auge, und damit auch die Einsicht, dass Erkenntnis nur spirituell sein kann, wenn sie der Wahrheit entspricht. Mit anderen Worten gesagt: Spirituell kann nur sein, was der Wahrheit entspricht.

 

Dass dies bei Goethe tatsächlich so war, lässt sich am Beispiel seiner Farbenlehre illustrieren: Von Seiten der Naturwissenschaft gilt ja  bis heute die Aussage Isaac Newtons als der "Goldstandard", dass die Farben, die wir in der Welt wahrnehmen, durch Beugung der Lichtstrahlen aus dem Licht hervorgehen.

 

Für Goethes Spiritualität war das aber ein unerträglicher Gedanke, denn für ihn als Künstler war das Weiss des Lichtes das Symbol der Reinheit. Wenn daraus die Farben durch Beugung hervorgehen sollten, dann könnte die Reinheit des weissen Lichtes nur eine Täuschung, mit anderen Worten: nur eine "Lüge" sein!

 

Goethe ließ sich deshalb ein Prisma aus der Universität von Jena kommen und stellte sich mit diesem Prisma vor eine sonnerhellte weiße Wand, um die Farben zu studieren, die dieses Prisma nach der Newtonschen Theorie durch Beugung des  Lichtes entstehen lassen würde.

  

Zu Goethes großem Erstaunen erschienen aber keine Farben auf der sonnerhellten weißen Wand! Nur, wenn er das Prisma so schräg hielt, dass sich das Spiegelbild der Welt, das im Prisma erscheint, über die Hell-Dunkel-Ränder dieser Wand verschob, erschienen an den Rändern des vom Prisma ausgehenden Licht-Bildes  vereinzelte Farben. Diese erschienen aber stets so, dass bei Ablenkung des Lichtes dort ein Türkisblau aufleuchtete, wo der Lichtstrahl über einen dunklen Hintergrund verschoben war. Hingegen erschien nur dort ein Orange, wo sich der dunkle Rand des Licht-Bildes über eine hell erleuchtete Fläche virtuell verschoben hatte.

 

Goethe zog daraus die folgende Erkenntnis: Farben entstehen nicht aus dem Licht allein, sondern nur im Zusammenspiel von Licht und Finsternis.

 

Farben sind also nicht einfach Erzeugnisse des Lichtes, sondern des Zusammenspieles eines Immateriellen (in diesem Falle des Lichtes) mit einem Materiellen (das hier in der Gestalt des Prismas für die Finsternis sorgt).

  

Die Spiritualität Goethes ist also nicht ein Produkt seiner Sprachbegabung, wie viele bis heute noch meinen, also nicht bloß  "Schöne Worte", sondern "Wahre Erkenntnis"!

 

Die Welt spirituell zu sehen, worum ich mich schon seit Jahrzehnten bemühe, aber immer noch nicht mit mir zufrieden bin, setzt also voraus, dass wir die "Wahrheit" erkennen, die sich aus einem Weltengeist, einer Weltenseele und einem Weltenheil zusammensetzt!

 

Dass dies sogar bis in die Medizin hinein relevant ist, davon zeugen die Erfolge der anthroposophischen Heilkunst, die ich seit über 40 Jahren praktiziere. Und davon zeugt auch das Buch von Hans Bonneval: "Wahrheit heilt!", das 2014 im BoD-Verlag unter der ISBN-Nr 978-3-7357-2874-6 erschienen ist.

 

 

Aus einem weiteren Buch von

Hans Bonneval: 

Das Denken als Weg zu einer spirituellen Weltauffassung,

Rieste 2010,  Seite 110 Mitte:

 

Was ist Wirklichkeit?

Wenn etwas ist, dann wirkt es. Der Mensch bemerkt das Wirkende durch seine Wahrnehmungstätigkeit und erklärt es durch Gedanken. Wenn wir nach der Wirklichkeit fragen, dann müssen wir wahrnehmen, um ein Abbild der Wirklichkeit zu erhalten.

 

Viele Menschen meinen, dass wir die Wirklichkeit nicht kennen, da wir als wahrnehmende Wesen subjektiv seien. Das ist aber ein Irrtum, wie wir noch sehen werden. Die Wahrnehmung ist stets objektiv, denn sie ist nicht unser Werk, sondern geht von einem Objekt aus. Das lässt sich aber erst begründen, wenn auch die Frage nach der Wahrheit gestellt wird.

 

Was ist Wahrheit?

 

Wenn wir uns fragen, ob etwas wahr ist, dann wollen wir die Tatsächlichkeit, die Realität eines gedanklichen Zusammenhanges prüfen. Etwas, das wir momentan nur annehmen, glauben oder vermuten, soll bestätigt oder verworfen werden.

 

Das geschieht gewöhnlich durch Wahrnehmung. Es kann aber auch ein Gedanke durch andere Gedanken in seiner Wahrheit bestätigt oder widerlegt werden, wie z.B. in der Mathematik, wenn jemand sagt: 3 x 14 = 42 und ich entgegne: Stimmt das - ist es wahr? Und er entgegnet dann: Ja, 3 x 10 = 30 und 3 x 4 =12. 12 + 30 = 42. In diesem Falle haben andere, reine,  d.h. sinnlichkeitsfreie Gedanken den ersten Gedanken bestätigt - ohne jede Wahrnehmung. Dies gilt für das reine, bloße Denken.

Der gewöhnliche Fall aber ist, dass ich prüfen möchte, ob ein Gedankliches wahr ist, das ich auf ein Wahrgenommenes angewendet habe, indem ich erneut zur Wahrnehmung, zur Wirklichkeit übergehe. Es sagt jemand: Ich glaube, es regnet draußen. Um zu wissen, ob es wahr ist, gehe ich ans Fenster und schaue nach draußen. Und falls es nicht eindeutig zu sehen ist, gehe ich vor die Tür und Strecke die Hand aus, um auf der Haut wahrzunehmen, ob es wahr ist. Sehe oder spüre ich die Tropfen, so steht fest: Die Behauptung, es regnet, ist wahr.

Besonders bezüglich der Wahrheit herrscht der schon bei der Wirklichkeit erwähnte Irrglaube, der Mensch könne Wahrheit nicht erreichen, weil seine Gedanken subjektiv seien. Das ist schlichtweg unsinnig und falsch. Wozu braucht einen Begriff mit dem Namen Wahrheit, wenn es für den Menschen Wahrheit nicht gibt? Allerdings verwendet man häufig den Namen "Wahrheit", ohne den Begriff "Wahrheit" zu denken. Für den subjektiven Fall haben wir aber andere Namen wie Meinung, Ansicht, Glaube oder Auffassung. Wahrheit muss daher eine andere Bedeutung haben. Wahrheit ist einfach der Name für einen anderen Begriff als der Name Meinung. Unzählige Male wurde in der Denkschule auf die Frage nach Wahrheit geantwortet, dass jeder seine eigene Wahrheit habe. Aber was soll dann der Ausdruck sagen, wenn er doch nur Meinung bedeutet? Jeder hat seine eigene Meinung. Das stimmt wohl, aber Wahrheit ist etwas, das für alle gleich ist. Wahrheit ist objektiv und für alle gleichermaßen gültig.

Um diesen Irrtum von der Subjektivität aufzuheben, fragen wir zunächst nach dem Subjekt.

 

Was ist ein Subject?

 

Es zeigt sich, dass das Subjekt stets das wahrnehmende, das handelnde oder in irgendeiner Weise aktive Wesen ist, dessen Bewusstsein sich darstellt. Wenn wir von uns als Menschen sprechen, sind wir, ist unser Ich das Subjekt, insofern wir wahrnehmen, vorstellen, fühlen oder wollen, bzw. handeln. Der Begriff des Objektes hat aber nur Sinn, wenn wir als Subjekt gewissen Objekten gegenüberstehen.

 

Was ist ein Objekt?

 

Das dem Subjekt Gegenüberstehende ist das vom Subjekt Wahrgenommene, Behandelte, ein auf das Subjekt Wirkendes. Wenn etwas objektiv sein soll, muss es dem betreffenden Objekt entsprechen, muss von ihm bestimmt sein. Objektiv bedeutet "objekt-haft", "Objekt-artig". Das gilt für alles Wahrgenommene. Wenn ich das Bild eines Menschen wahrnehme, ist daran nichts Subjektives, sondern das Bild ist Abbild des Objektes. Was daran subjektiv sein kann und oftmals subjektiv ist, liegt im Gedanken, der mir die Wahrnehmung erklärt.

 

Solange ich nur feststelle: Ich sehe einen Menschen, bleibe ich objektiv - es sei denn, es handelt sich um eine undeutliche Wahrnehmung, bei der eine Täuschung möglich wäre. 

 

Wenn im Tageslicht fünf Meter vor mir ein Mensch geht, ist dies objektiv von mir festzustellen. Wenn ich aber sage: Das ist ein ehemaliger Mitschüler von mir, den ich vor dreißig Jahren zuletzt gesehen habe, dann handelt es sich um einen Gedanken, der von mir, vom Subjekt stammt und nicht vom Objekt. Wenn der vermeintliche Mitschüler sich dann umdreht und völlig anders aussieht, als ich ihn mir vorgestellt habe, erkenne ich meinen Irrtum. Der Gedanke war subjektiv und von daher fehleranfällig. Anders wäre es gewesen, wenn etwa der vermeintliche Mitschüler sich umgedreht, mich erkannt und begrüßt - vielleicht noch meinen Namen gesagt hätte, dann hätte er meinen ersten Gedanken bestätigt und ihm damit die Objektivität bescheinigt: Der Gedanke deckt sich mit dem Objekt. Er ist wahr. Objektiv ist immer die Wahrnehmung. Subjektiv kann man den Gedanken solange nennen, als er sich noch nicht als wahr erwiesen hat, denn solange muss man damit rechnen, dass es sich um einen Irrtum handelt. Und die eigentliche Frage ist, ob der einzelne Gedanke sich tatsächlich als wahr erweisen hat, oder ob man nur glaubt, dass er wahr sei. Wir stellen daher fest: Wahrheit bezeichnet den objektiven Gedanken, der nicht nur vom Subjekt des Menschen gebildet wurde, sondern aus dem Objekt hervorging. 

Wer zu dieser Frage meint, der Mensch habe doch deshalb subjektive Wahrnehmungen, weil er nicht so gut sehen könne, wie z.B. ein Adler, oder nicht so gut hören könne, wie ein Reh, der täuscht sich über das Reh oder den Adler, denn diese nehmen zwar wahr, aber sie haben keine Erkenntnis, weil sie das Wahrgenommene nicht denken. Der Mensch aber fügt den Gedanken zum Wahrgenommenen hinzu und hat dadurch viel mehr vom Wahrgenommenen als nur den Klang oder das Bild. Das macht den Menschen zum objektiv Wahrnehmenden - vorausgesetzt, er denkt schöpferisch neu. anstatt auf bereits Gedachtes zurückzugreifen.

Während der Verstand die Wahrnehmung mit den bisherigen Erkenntnissen zu erklären versucht und somit nur im Wiederholungsfalle den passenden Gedanken finden kann, schafft die Bewusstseinsseele auch grundsätzlich neue Gedanken. Der Intellekt, wie der Verstand auch genannt wird, würde - wenn er keinen passenden Gedanken im "Archiv" des Gedächtnisses findet - noch versuchen, durch Vergleiche mit Ähnlichem und durch logische Schlüsse eine Erklärung zu finden. 

 Die zukünftige Form der Bewusstseinsseele des Menschen trägt dagegen ihre Fragen an die geistige Welt heran, aus welcher dem Menschen intuitiv die zu dem Objekt gehörigen Gedanken zukommen können.  Diese Gedanken können dem betreffenden Menschen vollkommen oder teilweise neu sein. Dabei kann es vorkommen, dass der Betreffende den neuen Gedanken nicht oder nur schlecht versteht. Denn der neue Gedanke ist objektiver Natur und die Einarbeitung in das Verstandes-Archiv, welches große subjektive Anteile enthält, die dem neuen Gedanken zu widersprechen scheint, gelingt nicht. Um solchermaßen durch die Bewusstseinsseele auf intuitive Weise objektive Gedanken zu empfangen, bedarf es einer anderen Haltung oder Gesinnung als zur bloßen Verstandeswissenschaft. Die Bewusstseinsseele wird nicht aktiv, wenn wir uns einfach nur erinnern wollen, was wir zu dem fraglichen Objekt einmal gelernt haben. Sie wird erst aktiv, wenn wir das Gedächtnis und das logische Schließen ruhen lassen - wenn wir also das übliche wissenschaftliche Vorgehen, welches auf die Verstandestätikeit eingeschränkt ist, unterlassen.  Angeregt wird die Bewusstseinsseele,  wenn wir uns ganz ursprünglich in unsere Fragen vertiefen - wie gesagt, ohne den Versuch, zu erinnern, zu spekulieren oder Schlüsse zu ziehen, sondern uns nur darauf zu konzentrieren, wie wir unsere Begriffe bilden.

 

Mein Kommentar:

An dieser Stelle beginnt erst die meditative Arbeit, denn erst die Selbsterkenntnis ist die Spiritualität, nach der der Mensch sucht. Denn so, wie das Seelische das Physische beherrschen muss, zum Beispiel dann, wenn ein Willens-Impuls dazu führt, dass ich meinen Leib bewege, so muss der Geist die Seele beherrschen, wenn er willentlich erreicht, dass die Seele nichts denkt und nichts wahrnimmt, und der Geist dabei dennoch nicht einschläft, d.h. dennoch nicht machtlos  gegenüber der Seele wird. Denn das ist die dreigliedrige Wirklichkeit, in der der Mensch lebt: Die Seele beherrscht den Körper, und der Geist beherrscht die Seele!

(wird fortgesetzt)