WAS IST SPIRITUALITÄT?

(In Bearbeitung. Dies ist das Zentral-Kapitel meiner Homepage und als solches stellt es eine Einladung zur Teilnahme an der Diskussion an alle derzeitigen Leser dar. Ich wäre sehr dankbar, wenn sich Leser per Email in die Diskussion der Frage: "Was ist Spiritualität?" einschalten könnten, so dass ich mir noch klarer darüber werden kann, warum die Anthroposophie Rudolf Steiners und seiner Nachfolger immer noch nicht so populär ist, wie dies mir nötig scheint, um deren Entwicklungspotenzial für den menschlichen Geist wirksam werden zu lassen).

 

In diesem Kapitel meiner Homepage würde ich gerne einen ganzen Schwarm von Begriffen besprechen, die alle mit der Geistigkeit des Menschenwesens in Verbindung stehen, also zum Beispiel solche Begriffe wie "Mystik", "Spiritualität", "Selbsterkenntnis", "Übersinnliche Erkenntnis", "Anthroposophie", "Seele" und "Ich" usw, von denen jeder dieser Begriffe zum sich mir stellenden Thema gehört, aber zugleich jeweils ganz unterschiedliche Reaktionen in der Seele des Lesers hervorruft, wie zum Beispiel der Begriff der  "Anthroposophie" sehr leicht solche Urteile wie "Parteilichkeit", "Fanatismus", "Abgehobenheit",  "Weltfremdheit", "Sektierertum" oder "Verschrobenheit" und "Verstiegenheit" hervorrufen, obwohl sie alle zusammengenommen doch innerlich sehr miteinander verwandt sind.

 

Wie "freilassend", "neutral" und "seriös" erscheinen hingegen vielen unserer Zeitgenossen solche Begriffe wie "Wissenschaft" , "Forschung" und "geistige Disziplin", obwohl diese ja gleichermaßen Ausflüsse der menschlichen Spiritualität sind, insofern sie ja  bei nicht selbstbewussten Wesen, aber auch schon bei nicht beseelten Wesen nicht anzutreffen sind.

 

Ich beginne meine Einführung zum Thema deshalb mit einem Buch Rudolf Steiners, das derselbe im Jahr 1910 zu schreiben begann, aber noch im selben Jahre wieder einstampfen ließ, weil er nach eigenen Angaben zu seiner Vollendung aufgrund seiner Vortragsverpflichtungen gegenüber der damals noch als "theosopisch" bezeichneten anthroposophischen Bewegung zur spirituellen Erneuerung des europäischen Geisteslebens nicht die notwendige Zeit hatte. 

 

Dabei handelt es sich um das Buch "Anthroposophie, ein Fragment" (GA 34), das auch heute noch vielen Anthroposophen unverständlich scheint, obwohl es die mit Steiners Dissertation "Wahrheit und Wissenschaft", sowie den Schriften "Philosophie der Freiheit", "Theosophie" und "Grundlinien einer goetheschen Weltanschauung" die einmal eingeschlagene Richtung kongenial fortsetzte.

 

Zur Konkretisierung dieser Aussage beginne ich mit einer Passage aus dem Fragment der GA34, die sich wissenschaftlich mit der Frage auseinandersetzt, ob denn der Tastsinn wirklich ein Sinn ist oder nicht. Als ich diese Frage zum ersten mal hörte, war ich ziemlich überrascht und hilflos, wohingegen ich heute erst begreife, dass diese Frage direkt auf die Erkenntnis des höchsten Gliedes des menschlichen ich, auf die Erkenntnis der Bewussteinsseele des Menschen hinführt:

 

Besinnen wir uns darauf, was denn der Wahrnehmungsinhalt des Tastsinns ist: Rudolf Steiner schlägt vor, der Tastsinn  macht uns bewusst, wie hart oder weich ein Gegenstand ist, ob seine Oberfläche rau oder glatt ist. Das fällt uns offenbar leicht, denn es handelt sich um eine vergleichsweise primitive Wahrnehmung, die sogar den einfachsten Tieren schon möglich ist. Doch genau darin liegt auch das Problem, auf das uns Rudolf Steiner aufmerksam machen will: Je nachdem, wie stark sich unser eigener Wille, (bei den Tieren würden wir diesen Willen als "Begierde", "Trieb"  oder "Instinkt" bezeichnen) sich hier an der Wahrnehmung beteiligt, desto subjektiver fällt das Urteil über die Beschaffenheit des wahrzunehmenden Gegenstandes aus: Üben wir nur wenig Druck mit der Fingerbeere oder dem Handballen aus, so erscheint uns der Gegenstand weich. Drücken wir aber stärker, so erscheint er für die Wahrnehmung härter, bei maximalem Druck sogar schließlich maximal hart. Drücken wir überhaupt nicht, kommt eventuell gar keine Wahrnehmung zustande. Was liegt hier vor?

 

Weil uns das Organ des Tastsinnes nicht vermittelt, wie hoch der Anteil unseres Eigenwillens am Zustandekommen des Wahnehmungsinhaltes ist, ist der Eigenwille hier das Problem, das wir beispielsweise bei der Betätigung des Seh- oder des Hörsinnes nicht haben: Egal, wie lieb oder unlieb uns ein Geräusch ist, seine Intensität oder Qualität bleibt die gleiche. Auch das Scheinen des Lichtes erweist sich als von unserem Eigenwillen unabhängig und insofern objektiv, man kann auch sagen: wirklich, denn im physikalischen Experiment vermag selbst das weicheste Licht ein Photopapier zu schwärzen oder im botanischen Experiment eine Pflanze zur Bildung von Blattgrün anzuregen.

 

Eine Sinneswahrnehmung für objektiv zu nehmen, dazu kann uns auch die generelle Definition verhelfen, die Rudolf Steiner im genannten Buch anbietet:  Eine Sinneswahrnehmung, so Rudolf Steiner 1910,  berechtigt uns dazu, die Existenz einer Substanz, eines Gegenstandes, eines Prozesses oder einer Wesenheit außerhalb unseres Ich anzunehmen. Das ist relativ einfach beim Sehen und Hören, obwohl für die beiden genannten Sinne die am höchsten entwickelten Organe unserer Sinnesorganisation zur Verfügung stehen. Oder ist ihr Gebrauch deshalb so zuverlässig, weil diese Organe so hoch entwickelt sind? - Wir wollen dieser Frage zur Evolution des menschlichen Organismus hier nicht weiter nachgehen, weil uns die Frage weitaus mehr interessiert, wie sich hier der menschliche Geist verhält. 

 

Pflanzen haben dieses Problem nicht, aber Tiere gelegentlich doch, zum Beispiel dann, wenn ein Hundebesitzer so tut, als wolle er ein Stöckchen werfen, dies dann aber nicht ausführt. Dann springt der Hund voller Tatendrang empor, aber vergebens, sofern nicht sein Herrchen sich dazu entschließt, das Stöckchen doch noch zu werfen! - Tiere haben also auch dieses Problem, aber eigentlich nur selten, da sie zumeist aus ihren Instinkten heraus handeln und nur flüchtige Empfindungen haben, aber kein "Ich", das seine Motive ausbaut, bis es enttäuscht wird und resigniert.

 

Dies ist der springende Punkt, denn wenn nicht eindeutig geklärt werden kann, wo mein Ich, und wo das wahrzunehmende Objekt liegt, genauer gesagt: wo die Grenze (vom Ich aus gesehen) zwischen Innen und Außen verläuft, und wie dieses Ich sich zur Seele verhält, kann ich den Wahrnehmungsinhalt nicht eindeutig benennen.

 

Warum ist das wichtig? - In diesem Zusammenhang vor allem deshalb, weil ich als Mensch durch die Untersuchung des Tastsinnes, die Rudolf Steiner 1910 unternahm, auf die Realität des Ich hingewiesen werde. Dieses Ich befähigt mich, sich von dem Inhalt meiner Sinneswahrnehmung zu distanzieren und erst durch diese Distanz erkenne ich, was ich will und was mir möglich ist. Die Seele des Tieres kann das nicht, da sie kein Zentrum hat: Sie wird unmittelbar mit dem Sinnesinhalt identisch, sobald dieser im Bewusstsein als Instinkt, Trieb oder Begierde auftaucht, gerade ebenso, wie die Seele des Tieres mit der Trauer, der Sehnsucht oder der Freude unmittelbar identisch ist, die sie fühlt. 

 

Ein gleiches kann man vom Ich nicht sagen: Es zieht sich in sich selbst zurück, sobald ein Gefühl oder eine Wahrnehmung auftaucht, weshalb man mit Recht sagt: Das Ich wird zum Zentrum der Seele, sobald der Mensch sagt: "Ich bin". Und dieser Rückzug der Seele ist für die Pubertät des Menschen so charakteristisch, weil sich das Ich in der Heiligkeit der Privatsphäre auf die Reife der Persönlichkeit vorbereitet. 

 

Nicht umsonst war das alte Wort der Ägypter für Gott der Name "Yachweh", der ins Deutsche übersetzt heißt: "Ich bin".

 

Damit ist keine Tautologie gemeint, mit der wir zum Tagesprogramm übergehen können, sondern ein Alleinstellungsmerkmal, man könnte auch sagen: ein typisch menschliches Einsamkeitserlebnis gemeint, denn den Namen "Ich" können wir jeweils nur uns selber geben, niemand anderer kann das. Und ich selbst sage: "Die Welt ist", aber andererseits: "Ich bin".

 

Das empfinden manche Menschen als eine Trivialität, aber sie täuschen sich: Es ist nicht trivial, wie etwa die Feststellung: Das Geklimpere in meiner Hosentasche ist mein Hausschlüssel. Und schon gar nicht ist es deshalb trivial, weil das nicht sichtbar, also übersinnlich ist, sondern durch den Umstand seiner Übersinnlichkeit die Besonderheit und Abgeschiedenheit der Privatsphäre noch interessanter macht, als die Trivialität des All-Bekannten. Andererseits zeigt uns diese Selbstbeobachtung, dass die Erlebnisse des "Übersinnlichen" viel weiter verbreitet sind, als man gewöhnlich denkt, ja, dass sie im Grunde etwas ganz Allgemein-Menschliches sind (Rudolf Steiner: Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen (GA 16, Nachwort zur Neuauflage 1912.

 

Das "Ich" ist also weder trivial, noch nicht-existent, obwohl gerade die Wissenschaftler und Philosophen, also die "Alleswisser", sich heutzutage  mit vollem Genuss darauf stützen, dass das Ich des Menschen ja doch nur eine "übersinnliche", jedenfalls keine reale Wesenheit sei.

 

So kommt einer der intelligentesten Philosophen unserer Zeit, Markus Gabriel, einfach nicht damit zurecht, dass das Ich übersinnlich ist und verfasst ein blitzgescheites Buch mit dem Titel: "Warum es die Welt nicht gibt" (8. Auflage bei Ullstein 2013).

 

Wer hier nicht ebenso blitzgescheit aufpasst, fällt schon mal gleich in eine weitere Trittfalle, denn natürlich darf man den Titel dieses Buches nicht so lesen, als ob es überhaupt keine Welt gäbe. Markus Gabriel meint nämlich mit seinem Buchtitel: "Warum es die Welt (die, die wir uns gewöhnlich zurechtlegen) nicht gibt", weil wir zumeist unser "Ich" in dieses Weltbild nicht einbeziehen, oder, wie dies möglicherweise Gabriel meint: weil wir das "Ich" nicht in unser Weltbild mit einbeziehen können.

 

Dem widerspricht aber schon 400 Jahre zuvor der große Mystiker Angelus Silesius (1624 - 1677), indem er sagt: 

 

Ich weiß nicht, was ich bin,

Ich bin nicht, was ich weiß,

Ich bin ein Pünktchen und ein Kreis.

 

Dieses herrliche Epigramm beschreibt zwei Realitäten, nämlich die Realität der Welt, die das "Ich" als außerhalb seiner selbst erlebt, wenn es sich den Sinnen hingibt, und die Realität des "Ich", das sich als "Pünktchen" erlebt, wenn es zur Selbsterkenntnis kommt.

 

  • Es lohnt sich dennoch sehr, den heutigen Philosophen Markus Gabriel zu lesen. Aber für mich ist es tragisch, zu sehen, wie er den Weg zur Selbsterkenetnis nur ansatzweise einschlägt, aber sich dann blitzgescheit als "Ich" aus den Augen verliert mit seiner Intelligenz. Er steht nämlich kurz davor, Selbsterkenntnis zu erlangen, aber er würde das nicht zugeben, weil er damit die "Coolness" des Materialismus verlieren könnte.

 

Wenn wir uns aber besinnen, dass wir zwar anhand einer Sinneswahrnehmung genötigt sind, vom "Ich" zu sprechen, dessen Existenz aber nur im Denken erfassen, sind wir einen ganzen Schritt weitergekommen in Bezug auf die Beurteilung der Frage des Wesens der Spiritualität. Denn wir haben nun ein klares Beispiel dafür vor Augen, dass Spiritualität nur durch ehrliche Selbsterkenntnis entdeckt und entwickelt, aber nicht erfunden oder bewiesen werden kann. Denn das Ich ist nichts anderes als das Zentrum und die höchste Instanz der "Seele".

 

Auch der heutige Philosoph Thomas Metzinger scheitert an seiner Aufgabe, ein Philosoph, also ein "Liebhaber der Wahrheit" zu werden, weil er nach seinen eigenen Worten nicht erkennen kann, inwiefern die "Liebe zur Wahrheit" (das deutsche Wort für Philosophie) zur Selbsterkenntnis führen  könnte. Dabei stellt sich die Frage genau umgekehrt: Ohne Wahrheit kann es keine Selbsterkenntnis geben. Nur wenn ich mein Wahrheitsgefühl täglich übe, entwickele ich mich zum Philosophen. Der Philosoph ist gewissermaßen der Profi des Wahrheitsgefühles!

 

Schlägt man nun daraufhin das Stichwort "Seele" im "Historischen Wörterbuch der Philosophie" von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Band 7, auf den Seiten 1 - 89 nach, so ist man überrascht, wie lebendig und umfassend der Begriff der Seele sowohl im hellenistischen als auch im späteren antiken Europa gewesen ist. Zum Beispiel finden wir dort, dass Homer, der nach heutigem Wissen der  Schöpfer der "Ilias" und der "Odyssee" war, die Wörter "Seele" und "Leib" nie für den lebenden Menschen gebrauchte, denn das Wort "Leib" bedeutete ihm nur "Leichnam", sobald der Leib nicht mehr lebt. Von der "Seele" wusste er, dass sie im Tod den Leib des Menschen verlässt, das heißt, durch ihr Entfliehen den Leib zum "Leichnam" macht, dass man die Seele im Kampf einsetzt und sie dabei verlieren kann, sie zu retten versucht u.s.w., dass sie aber im Leben mit dem Leib verbunden sein muss, denn anderenfalls ist man eben tot. Und noch für Heraklit, ebenso auch für Aristoteles, den Schüler des Plato, war sie das "Bewegende" und "Erkennende" im Menschen, für Thales darüber hinaus ein im ganzen Kosmos anwesendes göttliches Prinzip der Bewegung.  Auch für Alkmaion war sie in ewiger Bewegung und der Bewegungsursprung des gesamten Kosmos, mithin also unsterblich.

 

Besonders ideenreich hat der antike Philosoph Platon die "Seele" besprochen: Im 1. Buch des "Staates" sieht er das Leben als das "Werk" der Seele, dessen moralische Qualität sie bestimmt. In seinem Werk "Phaidon" knüpft Plato an die Anschauung Homers an, dass die Seele das "Abbild" des Verstorbenen sei. Die moralischen Einsichten des Menschen gehen für Platon aus der  Begegnung der Seele mit der transzendenten Wirklichkeit der Ideen hervor, welche schon vorgeburtlich beginnt und die Läuterung der Seele und ihre Befreiung vom Leib fordert, die sich erst im Tod erfüllt.

 

Verschiedene Überlegungen Platos sollten die Unsterblichkeit der Seele erweisen: Die Wiedererinnerung der Seele an eine vorgeburtliche "Schau" der Ideenwelt sollte das apriorische, also das in unseren Vorstellungen vor aller Überlegung schon vorhandene Wissen erklären (denn die Unmittelbarkeit, mit der wir ein "Grün", ein "Rot" oder ein "Gelb" hat sogar noch den heutigen Philosophen Metzinger fasziniert) und die "Einfachheit" (das heißt die "Unteilbarkeit") der Seele sollte den Seelentod durch ihre Unauflöslichkeit nach der physischen Auflösung des Leibes widerlegen. Auch Platons Prinzip der Selbstbestimmung sollte die Gott-Ähnlichkeit der Seele bekräftigen.

 

Solche Impulse der antiken griechischen Spiritualität beschäftigten das europäische  Altertum und Mittelalter anfangs noch sehr, wurden auch fortlaufend und vielfältig diskutiert, bis sich der Beginn der Neuzeit als eine radikale Schwächung dieser Impulse bis hin zum fast völligen Erlöschen der Gewissheit von der Existenz der Seele, des Geistes und des Ich des Menschen in den Wissenschaften und der Philosophie ankündigte.

 

Was war passiert?

 

Durch den Vatikan wurde schon im Jahre 553 nach Christi Geburt auf dem 2. ökumenischen Konzil von Konstantinopel das Verbot der platonischen Lehre vom Geistigen in der Seele des Menschen beschlossen. Im 12. Jahrhundert folgte konsequent die Einrichtung der so genannten "Inquisition", ebenfalls durch den Vatikan (*Fußnote), die alle Abweichler und Platoniker vor Gericht stellte und zum Tode durch den Scheiterhaufen verurteilte. Dies hatte die Konsequenz, dass die Verleugnung des menschlichen Geistes auch in den damals noch jungen Naturwissenschaften und in der Philosophie Europas  so sehr zum "geheiligten" Leitstern einer "Weltkirche des Materialismus" gemacht wurde, dass bis heute derjenige, der sich vom Geist im Menschen überzeugt hat, für geisteskrank gehalten wird.

 

Die Akte des Vatikan im Namen Christi waren, wenn ihnen auch eine satanische Verirrung des Machtwillens zugrundelag, evolutiv gesehen für die Freiheit des Willens des Menschen objektiv notwendig, denn so erst wurde die Menschheit selbständig und frei gegenüber der noch als real erlebten göttlichen Macht, die damals zu groß war, um dem Menschen die Entfaltung und  Gestaltung seines eigenen Geistes  zu ermöglichen.

 

(Diese Interpretation verdanke ich der Anthroposophie, obwohl ich zunächst davon völlig überrascht und innerlich erschüttert war). Kann denn, so fragte ich mich, wenn Christus der Erlöser der Menschheit vom Bösen ist, ein solches Unrecht zum Guten führen?

 

Welche Mission haben Unheil, Egoismus, Verbrechen und Krankheit im Universum?

 

Im alten Testament wird uns hierzu die Antwort gegeben, dass nach der Verführung zur Erkenntnis zuerst der Verstoß aus dem Paradies, dann aber die Erkenntnis des Guten und des Bösen und schließlich der Mord an Abel erfolgten. Der Mensch ist also nach diesen älteren Quellen der Schöpfer seiner eigenen Geistigkeit.

 

Es ist nämlich die Trennung von der geliebten Autorität in der Kindheit und Jugend eines der tiefsten Schmerzerlebnisse in nahezu jedem Menschenleben, sowohl individuell, als auch kollektiv.

 

Individuell ist dieser Schmerz für nahezu jeden Menschen der Weg zum eigenen Denken und Handeln, der ihn von der frühen Kindheit bis zur vollen Mündigkeit als Erwachsener führt.

So ließ unser größter Dichter Goethe den Satan in seiner großen Menschheits - Tragödie "Faust" sich selbst bezeichnen als: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft"

(J.W.v.Goethe: Faust, 1. Akt)

 

Kollektiv-menschheitlich konnte dieser Weg nur über oder - besser ausgedrückt: durch den "Satanismus" hindurch gegangen werden, den man auch als Atheismus, als Gottlosigkeit, oder auch als "Atomismus" bezeichnen kann. Dieser muss aber jetzt überwunden werden, wenn es mit der Menschheit wieder aufwärts gehen soll.

 

Relativ einfach lässt sich der Materialismus  als bloße Ideologie entlarven. Man braucht nur zu fragen: Was war zuerst da - die Materie oder der Geist? Wer darauf antwortet: "Die Materie war zuerst da", ist ein Materialist, mag er noch so großzügig gegenüber den Armen und gastfreundlich gegenüber den Freunden sein, denn er betrachtet die Materie als so schöpferisch, wie dies nur der Geist sein kann. Das ergibt auch die alltägliche Erfahrung: Nie haben wir einen lebenden Menschen aus Materie entstehen sehen, immer waren seiner Geburt schon die Lebensprozesse der Embryonalzeit und der Schwangerschaft vorangegangen, aber immer wieder erleben wir unausweichlich, wie aus einem lebendigen, geistvollen Menschen durch den Tod ein tauber und stummer Leichnam wird.

Ich habe das obige Ideologiestück immer wieder mit meinem eigenen Vater durchgemacht, der sich mit Vorliebe in  öffentlichen Veranstaltungen als Atheisten darstellte, aber sofort beleidigt war, wenn ich ihn einen Materialisten nannte. Er ahnte nicht einmal, was es bedeutet, ein Materialist zu sein, denn er empfand sich als einen großzügigen Menschen und hatte noch nie bemerkt, dass ja der Materialismus die Selbstverleugnung jedem seiner Anhänger abverlangt! 

 

Im europäischen Geistesleben trat also der Materialismus als allgemeine Überzeugung der Menschheit mit Unterstützung des Vatikans im Verlauf des 16. Jahrhunderts seinen Siegeszug an, der zunächst auf der ganz flüchtigen Beobachtung des so genannten "Rationalismus" beruhte, wie er sich vor allem in der französischen Philosophie, namentlich in der Philosophie René Descartes ausprägte, der buchstäblich die Ansicht aussprach: "Cogito ergo sum"; "Ich erkenne, also bin ich".

Dieser Ausspruch des Descartes ist selbst in Bezug auf das Denken nur subjektiv halbwahr, aber natürlich Unsinn bezüglich des Seins des Leibes und der Seele des Menschen, die beide Willensprozesse, aber keinesfalls bloße Gedankenprodukte sind: Der "Rationalismus" entwickelte keinen Willensbegriff von der Seele des Menschen und vererbte diese Schwäche der gesamten Neurologie, Psychologie, Philosophie und Neurobiologie durch die Jahrhunderte danach bis auf den heutigen Tag.

 

Nach der idealistischen  Auffassung Rudolf Steiners ist hingegen das Sein des Leibes und der Seele des Menschen ein Willensprozess des Weltenwortes, des Logos, wie alles Sein und alles Seelische, ein evolutiver Prozess also, in dessen Verlauf das Weltenwort und alles Sein zu menschlichen Prozessen werden (siehe auch das Kapitel auf der Startseite dieser Homepage mit dem Button: Glaubensbekenntnis des empirischen Idealismus).

 

Der Wille des Menschen ist also aus spiritueller Sicht die evolutive Vergöttlichung des ganzen Menschen, die bisher fast nur das Denken der Menschheit ergriffen hat. Aber diese Aussage ist nun eine gute Gelegenheit, nochmals die Frage nach der Seele des Menschen anzugehen.

 

Was ist der Unterschied zwischen dem Seelischen der Tiere und dem Ich des Menschen?

 

Gewiss ist ja allgemein bekannt, dass der Mensch ein autobiographisches Gedächtnis hat, das - individuell etwas unterschiedlich - bis in die frühe Kindheit zurückreicht, aber normalerweise nicht weiter zurück als bis zur Geburt.

 

Warum ist das so?

Die Antwort der Geisteswissenschaft hierzu ist gewiss bedenkenswert: Das Gedächtnis des einzelnen Menschen kann nicht weiter zurückreichen, weil jede Erinnerung ein Willensprozess ist. Wer sich schon einmal mit Embryologie beschäftigt hat, wird diese Aussage  anhand der folgenden Phänomene nachvollziehbar finden: Anfangs der Embryogenese werden zuerst nur die Kopforgane soweit entwickelt, dass man sie ihrer Festigkeit nach vom übrigen Leib des Menschen unterscheiden kann, weshalb man im Englischen hier schon vom "Embryo proper", dem "sich selbst gehörenden" Embryo spricht. Wenn man diesen Ausdruck wörtlich ins Deutsche übersetzen würde, müsste man ihn den "eigentlichen" Embryo nennen, ihn also schon da unter dem Gesichtspunkt der Zugehörigkeit besprechen, um dem Ausdruck "eigentlich" gerecht zu werden. Dann würde klar, wie wahr diese sprachliche Zuordnung insofern ist, als ja alle anderen Körperfunktionen zu dieser Zeit noch von sphärischen Organen leihweise durch die Verbindung zum mütterlichen Organismud ausgeführt werden, die man als "Embryonalhüllen" bezeichnet und allesamt blasenförmig sind. Diese Blasenförmigkeit der embryonalen Organe ist ja landläufig dadurch gut bekannt, dass die Geburt beim Menschen und den Säugetieren, die man auch als "Plazentatiere" bezeichnet, mit dem "Blasensprung" beginnt, denn die äußerste Geburtshülle, das Chorion, ist eine große Blase.

 

Ich weiß noch allzu gut, wie rätselhaft, ja, wie mich zugleich ärgerlich machend die Blasenform der frühembryonalen Organe des Menschen mir waren, als ich das Medizinstudium begann. Was soll man angesichts solcher eieriger oder zwiebelschalenartiger Organformen denken? Das ist ja geradezu lächerlich! - So empörte ich mich zunächst als noch junger Student.

 

Was aber dieser Blasenform des noch "nicht-eigenen" (also noch ganz dem Weltwort angehörenden) Embryo funktionell zugrunde liegt, wird leider nur selten bedacht: Die sphärische Blasenform zeigt nämlich an, dass hier die kosmischen Kräfte aus dem Umkreis der Erde von allen Seiten her gleichstark wirken. Aber für das Leben auf dem  lebensfeindlichen Planeten Erde und für den "kampf ums Dasein" ist diee Blasenform völlig ungeeignet. Sie liegt deshalb nur den Embryolahüllen und dessen innersten oder bestgeschützten Organen zugrunde, wie z.B. dem Gehirn, dem Rückenmark, der Harnblase, der Gallenblase, der Lunge, dem Herzen, der Leber, den Eierstöcken, den Nieren und den überaus empfindlichen Augen, den Hör- und Gleichgewichtsorganen als "kosmische" Form zugrunde. Alle Organe hingegen, die später mit der irdischen Bewegung zutun haben und mit den irdischen Verhältnissen in direktem Kontakt treten, zeigen ganz andere Formen, deren Zusammenhang mit den irdischen Funktionen des Organismus so klar erkennbar ist, dass man ihre "Zugehörigkeit" zur Erde wie z.B. bei den Gliedmaßen wohl kaum übersehen kann.

 

Bevor nun dem Leser die Lust am Lesen vergeht, der ja wissen will, wie die Organe des Organismus mit dem Willen der Seele zusammenhängen, weise ich noch auf die folgende Tatsache hin, die jedem Embryologen geläufig ist: Der ganze Embryo ist zunächst wie aus Glas, nämlich vollständig durchsichtig. Die ersten Organe des Embryos, die undurchsichtig werden, sind nun die Augen, deren Rückseite sich schwärzt!

 

Was sagt uns das? - In der Anthroposophie Rudolf Steiners wird die Entstehung des Selbstbewusstseins beim Menschen so erklärt: Zunächst ist der ganze Embryo für den schaffenden Weltengeist vollständig durchlässig, aber eben nur zunächst. Später, so um das 3. oder 4. Lebensjahr nach der Geburt, wird der schaffende Weltengeist im sich auf der Erde einlebende Menschenleib regelreicht eingekerkert, so dass er mit seinen Impulsen immer häufiger und intensiver an dem sich allmählich verhärtenden und dadurch erdentauglich machenden Kindskörper aneckt. Dadurch wird der individuelle Geist des Menschen auf seinen eigenen Willen immer aufmerksamer, weil er ja den ganzen Organismus  durchdringen und die Außenwelt erreichen will. Die Embryologie lehrt uns also, dass der Embryonalkörper zuerst nur im Gebiet des Kopfes immer dichter und fester wird, wohingegen er ja im Bereich der inneren Organe und des pulsierenden Blutes lebenslang weich oder sogar flüssig bleibt, bis schließlich das Gefüge des Organismus nicht mehr lebendig bleiben kann, weil es zu fest geworden ist, so dass der Tod eintreten muss.

 

Kehren wir nun zurück zum Auge und der Frage des Bewusstseins im Unterschied zum Selbstbewusstseins des Menschen: Was lesen wir ab an der embryologischen Tatsache, dass die Augen zu den am frühesten undurchsichtig werdenden Organen des Embryo gehören? - Insofern können wir den Sehprozess der Augen als eine Offenbarung des Weltengeistes auffassen, als ohne denselben ja in der menschlichen Seele kaum eine klare Vorstellung von der Räumlichkeit und Farbigkeit der Welt  zustandekommen kann. Aber das ist zunächst nur das weltzugewandte Bewusstsein, das wir auch bei den Tieren haben,  das aber nicht der Zentrierungstendenz des "ich" entspringt, sondern eine Leistung des Empfindungsleibes ist, den alle Lebewesen außer den Pflanzen haben. Der Empfindungsleib lässt diese Lebewesen auch Angst und Schmerz, also nicht bloß Eigenschaften der Außenwelt, sondern auch Störungen oder andere, evtl. gefährliche Situationen des eigenen Leibes erleben. Diese Erlebnisse des Empfindungsleibes, den man seit Parazelsus auch den "Astralleib" nennt, weil er innere Erlebnisse vermittelt, die nicht sinnlicher, sondern übersinnlicher Art, also "kosmischen" Ursprungs sind, faszinieren zum Beispiel den deutschen Philosophen Thomas Metzinger so sehr, dass er sie als besonderes Forschungsgebiet, als das Gebiet des "phänomenalen Bewussteins" auffasst. Aus anthroposophischer Sicht spricht sich darin die den Kosmos suchende Sehnsucht der Seele aus, nicht aber der sich selbst suchende Drang des "Ich" aus.

 

Das Gebiet des Seelischen darf man deshalb nicht mit den Erlebnissen des Selbstbewussteins verwechseln: Das "phänomenale" oder auch "astralische" Bewusstein liegt außerhalb, das Selbstbewusstsein hingegen innerhalb des Ich. Deshalb kann das "Selbstbewusstsein" leibliche Störungen nicht wahrnehmen, andererseits aber ein Beherrscher und Gegenspieler der ihrer selbst nicht bewussten Seele sein: So ist z.B. eine Angst kaum noch wirksam, wenn wir uns dessen bewusst werden, dass wir es sind, die Angst haben. 

 

Die embryonale Entwicklung des Sehprozesses zeigt uns die primäre Verwandschaft des Sehens mit dem Willen der Seele, denn das frühe Undurchsichtigwerden des Augenhintergrundes ist ein Willensprozess, der das Sehen nicht universell, sondern sehr punktuell, sehr räumlich gerichtet macht insofern, als ja die Vorderseite der Augen durchsichtig bleibt. Das Sehen ist also durchaus mit einem Spiegelungsprozess vergleichbar, da auch eine Glasscheibe nur dann als Spiegel funktionieren kann, wenn sie auf der Rückseite undurchsichtig ist. Der Widerstand, den die Rückseite des Auges dem Licht als Offenbarer des Weltengeistes bietet, ist ein taugliches Bild für den Willenscharakter des Sehens. Aber den Willenscharakter des Selbstbewusstseins, der viel umfassender wirkt, lernen wir erst kennen, wenn wir seinen Entwicklungsweg über die ganze Kindheit hinweg verfolgen. 

 

Leider ist aber hier die Fachliteratur sehr oberflächlich. Wolf Singer, einer der bekanntesten Fachleute dieses Gebietes ist z.B. nicht psychologisch erfahren genug, um Willen und Vorstellen zu unterscheiden, und zusätzlich noch ein schlechter Beobachter: Sonst hätte er in seinem 2002 erschienenen Buch (Der Beobachter im Gehirn, Suhrkamp 2002) nicht behauptet, das Ich des Menschen sei nur ein soziokulturelles Konstrukt, das in der Vorstellung von der Mutter auf das Kind übertragen werde, wenn die Mutter das Kind mit den Worten zum Gehorsam erpresst: "Wenn Du brav bist, dann hab ich Dich lieb!".

Wolf Singer glaubt also, durch diese Vorstellung entstünde das "Ich" im Bewusstsein des Menschen und nur weil dieser Vorgang sich sehr früh abspiele, sei er später nicht mehr "diskutabel", also nicht mehr rückgängig zu machen (Singer 2002, S.74 a.a.O.).

Die Wirklichkeit sieht allerdings ganz anders aus: Welche Eltern leiden nicht kollossal unter dem genauen Gegenteil der Erpressbarkeit des Kindes, weshalb man deshalb mit Recht vom "Trotzalter" redet!

Das Selbstbewusstsein des Kindes entsteht nämlich keineswegs als Übernahme aus dem "Narrativ" (ein Lieblingswort der heutigen Psychologen) der Mutter und auch nicht durch Emanzipation des "Ich" aus dem "Wir"-Gefühl der Mutter-Kind-Beziehung, wie dies noch Michael Thomasello vermutete, sondern geradezu aus dem puren Gegenteil der beiden soeben genannten Wege, nämlich aus dem selbstgewählten Rückzug des Kindes, aus dem Trotzen, das nichts anderes durchsetzen will als: "Lass mich in Ruhe mit deiner Bevormundung", "ich will das selber ausprobieren" oder "ich will selber verantwortlich sein": Das aber ist klar die Offenbarung der "Bewusstseinsseele", des obersten Gliedes der Seele, deren Mitte die "Verstandes- und Gemütsseele" ist, die als Hauptfrage die "Wahrheit" mit sich herumträgt, und deshalb vom Kindermund mit dessen ständigem "warum-ist-die-Banane-krumm"-Frage-Programm oder mit dem getreuen Gegenstück der Wahrheit erübt wird, nämlich mit dem Trainieren des Lügens. Alle Kinder belügen ihre Eltern, um die Wahrheit ins Gefühl zu bekommen, bis endlich die Pubertät eintritt, die das Kind dazu ermächtigt, die volle Wahrheit sagen und erfahren zu dürfen, (nämlich die Sexualität) und als Mensch "für voll" genommen zu werden!

 

Als Nachtrag sei an dieser Stelle auch die Entstehung des untersten Gliedes des Ich-Bewusstseins des Kindes betrachtet: Dieses unterste Glied des Ich ist insofern ebenfalls ein "Willensprozess", als es zunächst nicht mehr erbringt, als die Fähigkeit, sich ohne aktuellen Anlass einer früheren Sinneserfahrung zu erinnern. Diese zuletzt genannte Fähigkeit ist nämlich trotz ihrer scheinbaren Nähe zum Sinnesprozess ohne erkennbare Parallele in der Welt der Lebewesen: Beobachtet man nämlich genau, so ist die Erinnerung von Sinneswahrnehmungen bei Tieren immer daran gebunden, dass sich die zu erinnernde Sinneswahrnehmung ganz oder wenigstens teilweise wiederholt. Eine solche Wiederholung des äußeren Sinnesanlasses benötigt das sich erinnernde Kind nicht mehr, es kann dasselbe frei und jederzeit ausführen, wenn das bleibende Gebiss als der dazu grundlegend notwendige leibliche Verhärtungsprozess vorliegt. Die Beherrschung des Erinnerns ist also der Antrieb des untersten Gliedes des "Ich", das man in der Antroposophie als die "Empfindungsseele bezeichnet, denn "Empfdung" ist im anthroposophischen Verständnis die Form des seelischen Erlebens, die das "Ich" aus dem Kontakt mit der Umwelt ins weitere Leben mitnimmt.

Das Selbstbewusstsein ist also das Zentrum eines dreigliedrigen Seelischen aus biographischer Erinnerung (Empfindungsseele), urteilender und verknüpfender Verstandestätigkeit (Gemüts- oder Verstandesseele) und dem Gewissen(Bewusstseinsseele), dessen Tätigkeit darin besteht, die eigene Biographie als Zeitgestalt im Innern festzuhalten und daraus das moralische Wertgefühl so zu entwickeln, wie die Empfindungsseele das Wahrheitsgefühl aufbaut.

 

Der Mensch hat also eine dreigliedrige Seele, die sich zum "Ich" so verhält, wie der Leib, die Seele und der Geist. Das Tier aber hat keine sich auf sich selbst zurückziehende Seele, sondern nur ein Seelisches, das Metzinger "das phänomenale Bewusstsein" nennt, das aber für sich genommen auch schon rätselhaft genug ist. 

 

Kehren wir von hier zur Diskussion über das "Ich" als Zentrum des Bewusstseins des Menschen zurück, das heutzutage aus naturwissenschaftlicher Sicht "nur eine Illusion" ist.

 

Das Wort "Illusion" knüpft ganz aus sich heraus an die Wahrheitsfrage an. Und siehe da: Diese Frage wurde im obigen Diskurs schon erwähnt. Die Fähigkeit des Lügens ist für die Evolution der Freiheit (Selbstgestaltung) des "Ich" so essentiell, dass diese Fähigkeit ebenfalls ontogenetisch geübt werden muss, wie alle Willensprozesse, obwohl dazu unser größter Dichter sagt:

 

"Ein guter Mensch in seinem  dunklen Drange,

ist sich des rechten Weges wohl bewusst!

(J.v.Goethe, Faust, 1. Teil, Prolog im Himmel) 

 

Aufgrund des Mangels an Sinnes-, Gefühls- und Lebensnähe in den Wissenschaften ging dann leider im 19. Jahrhundert auch die bereits erarbeitete Dreigliederung des Seelenlebens wieder verloren, weil sich in den Neurowissenschaften mehr und mehr der Zerebrozentrismus  durchsetzte, d.h. das Dogma, dass das Gehirn (lat. Zerebrum) das einzige Organ der Seele sei. Dies führte zu der Auffassung, dass überhaupt nur einer der drei Urprozesse des Seelenlebens, nämlich nur das Vorstellen, ein Seelenprozess sei, weil das Gehirn geradezu eine "Imagination" des Vortellungsprozesses ist: Von überall her aus dem Organismus führen die Nervenstränge Sinnesdaten im Gehirn zusammen, aus denen die Seele ihre Vorstellungen bildet.

(Dass es der Wille des Menschen, also die Seele des Menschen ist, die aus ihren zunächst ja sinnlosen Sinneseindrücken sinnvolle Vorstellungen bildet,  und nicht das Gehirn von sich aus irgendwelche Vorstellungen bildet und diese auch noch gedanklich verarbeitet,  findet man in grandioser Weise bei dem schon erwähnten Philosophen des "Neuen Realismus", bei Marcus Gabriel am Beispiel des Fahrrades dargestellt, das ja ebensowenig Fahhrad fahren kann, wie das Gehirn nicht denken kann, sondern nur dem Willen des Menschen zum Fahrrad-fahren dienen kann.

 

Das Fühlen wird aber dennoch bis heute in der materialistischen Neurobiologie nicht als genuine Fähigkeit der Seele, sondern nur als besondere "Färbung" des Vorstellens beurteilt, die angeblich das Gehirn hervorbringt. Und das Wollen, zum Beispiel das Bewegen eines Körperteiles, kann aufgrund des heutigen Zerebrozentrismus  schon gar nicht als eine Seelentätigkeit  anerkannt werden, denn es hat sich das Dogma eingebürgert, dass nur die Prozesse dem Seelenleben zugeordnet werden können, die auf den Funktionen des Zentralnervensystem beruhen. Das Bewegen der Gliedmaßen, oder auch des ganzen Organismus hingegen wird bis heute in der Neurobiologie nur noch als "körperliche" Tätigkeit aufgefasst, da ja die chemischen Prozesse innerhalb der Muskulatur beim Bewegen des Körpers gegen die Schwerkraft dabei unverzichtbar sind.

 

Die durch Nikolaus Tetens gerade erst im 19. Jahrhundert aufgestellte Dreigliederung des Seelenlebens in Vorstellen, Fühlen und Wollen ermöglichte noch, auch solche Prozesse als seelisch zu begreifen, denen der ganze Organismus einschließlich des Stoffwechsels zugrundeliegt. Aber diese Möglichkeit war längst dem alten Leib-Seele-Dualismus der vatikanischen Kirchenväter gewichen, der ja ursprünglich dadurch etabliert wurde, dass man die Anerkennung des Geistigen im Menschen als dritte Kraft neben Körper und Seele verbot. 

 

Daran konnte auch die  Psychoanalyse Sigmund Freuds nichts ändern, obwohl sie zunächst in der Menschheit sehr große Zukunftshoffnungen erweckte, weil Freud forderte, dass auch nicht-bewusste Prozesse als seelisch verursacht gesehen und therapeutisch angegangen werden sollten.

 

Aber wie Descartes, der die Seele als "Unräumlich" definiert zu haben glaubte, legte auch Freud seiner ganzen Arbeit einen Negativbegriff zugrunde, indem er nur vom Un-Bewussten, nicht aber vom Unter-Bewussten der Menschheit sprach, das es gilt, evolutiv in die Menschheitskultur heraufzuholen und damit nicht nur für die Veredlung des gesunden Menschen, sondern auch für die Heilung verunglückter Lebensläufe zu nutzen.

 

Wie wenig Siegmund Freud obendrein nicht an seinem Wahrheitsgefühl gearbeitet hatte, wurde dann allerdings schon 1897, beim 2. Weltkongress für Psychologie in Wien deutlich. Seine Studien an jungen Frauen, bei denen er auch die Hypnose verwendete, förderten nämlich zutage, dass die elitäre Oberschicht Wiens in großem Umfang sexuellen Missbrauch ihrer Kinder praktiziert hatte, weshalb Freud seine Theorie zu diesem Missbrauch umschrieb und ihr den Namen "Verführungstheorie" wegnahm bzw. in "Verdrängungstheorie" abänderte. Diese Namensänderung blieb wissenschaftlich unbegründet, denn sie hatte nur den Zweck, die Schuld von den Eltern auf die Kinder zu verschieben, die angeblich nicht verführt wurden, sondern Ihre eigenen sexuellen Aggressionen an den armen Eltern auslebten, die angeblich durch den Versuch, dieses Unrecht aus dem Bewusstein  zu verdrängen, nun ihrerseits psychisch erkrankten. So unverständlich mir dieser Vorgang der Wissenschafts-Verdrehung zunächst war, so leicht fällt es mir heute, inmitten der Corona-Krise, daran zu glauben, dass der Vatikan und seine verdorbene Hierarchie auch heute noch daran beteiligt ist.

 

Nach jahrzehntelanger Zurückhaltung veröffentlichte Rudolf Steiner schließlich im Jahre 1917 als Anhang zum Nachruf auf den Psychologen Franz Brentano in dem Buch "Von Seelenrätseln" (GA 21) eine  auf nur 12 Seiten skizzenhaft komprimierte Schrift, die den vielsagenden Titel trug: "Die physischen und geistigen Abhängigkeiten der Menschen-Wesenheit."

Was aber meinte Rudolf Steiner, als er von der "Menschen-Wesenheit" schrieb? - Er meinte genau das, was den Menschen als Seele kennzeichnet. Wir müssen also, wollen wir die "Menschen-Wesenheit" verstehen, erkennen, wie diese Wesenheit einerseits durch ihre Wechselwirkungen mit den physischen Prozessen und Eigenschaften des Organismus bestimmt wird, andererseits aber auch durch geistige vorgeburtliche Entwicklungsprozesse (also noch außerhalb der irdisch-materiellen Sphäre) bestimmt wird. 

In einem ersten Schritt ist also die Notwendigkeit unvermeidlich, die ganze seelische und geistige Welt, die der Mensch in seinem Inneren entfaltet, kennen zu lernen, das heißt, auch auf die Bereiche des Seelenlebens aufmerksam zu werden, die nur scheinbar von niederer Natur (da sie z.B. in der Verdauung tätig) sind und bei Gesundheit total unterbewusst verlaufen. Denn solche Prozesse wirken dadurch umso mächtiger, z.B. als Herrschaft über die chemischen Prozesse des Organismus in den willkürlichen oder auch den unterbewussten Bewegungen, im Wachstum, in der Gestaltbildung, Verdauung, Blutzirkulation, Immunität, also z.B. in den Prozessen, die die Gesundheit und letztlich auch die Lebensdauer bestimmen.

An dieser Stelle tut es gut, sich klar zu machen, dass in der menschlichen Seele zwar "seelische Landschaften" vorhanden sind, die ähnlich wie Berge, Täler, Wolken und Gewässer qualitative Unterschiede aufweisen, sich aber nicht wie die Elemente der physisch-sinnlichen Welt klar und hart konturiert voneinander absondern, sondern vielfach ineinander übergehen und ineinander wirken, so dass es dem Therapeuten keineswegs leicht fällt, dem Patienten zu sagen, was eine Sinneswahrnehmung, was eine Empfindung, was ein Urteil, ein Gefühl, eine Emotion, eine Begehrung ist, was Entschlüsse sind, und was letztlich der Begriff des menschlichen Willens ist.

 

Gerne wird nämlich den Patienten von den modernen Psycho-therapeuten abgefordert, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen "bewusst" zu gestalten, dies aber, ohne dass den Therapeuten selbst wirklich klar ist, wo dies rasch gelingen kann, und wo dies im Unterschied dazu einen mehr oder weniger langen Lernprozess erfordert, weil es sich um unterbewusste Willensprozesse handelt.

Die "Materialien" und "Gegenstände" der inneren Seelenlandschaften des Menschen muss man dazu sehr genau bezüglich ihrer Eigenschaften kennenlernen: So haben zum Beispiel unsere Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen, die wir an diese Anknüpfen, zumeist noch sehr viel mit der physischen Welt gemein, da sie auf der Tätigkeit des Nerven-Sinnes-Systems aufgebaut sind, dessen Aufgabe es ja gerade ist, die Dinge und Eigenschaften der Außenwelt objektiv, das heisst hart konturiert, deutlich unterscheidbar und möglichst äusserlich darzustellen. Dem entspricht, dass in allen Bereichen des Seelenlebens, die den Sinneswahrnehmungen zugewendet sind, die Gefühle der Antipathie dominieren. Hingegen werden die Tätigkeiten, die dem Instinkt- und Triebleben zugeordnet sind, vor allem durch Sympathiegefühle begleitet, ja, sind sogar stark von diesen Sympathiegefühlen abhängig, die man auch als "Liebe zur Tat" bezeichnen kann. 

Menschen, die sich ausschließlich nach ihren Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffen verhalten, empfinden wir  als kühl, antipathisch, unpersönlich oder oberflächlich. Haben wir aber ein Recht dazu? Es fehlt uns das Gefühl, und noch mehr das Verständnis, um das fremde Wollen wertschätzen zu können. Urteile jeglicher Art können daher leicht verletzend wirken, oder die Natürlichkeit des zwischenmenschlichen Umganges zerstören.

Was überhaupt sind Gefühle? Sie entstehen nicht wie unsere Sinneswahrnehmungen aufgrund von Nervenprozessen, sondern werden uns erst über das Nervensystem bewusst, obwohl Ihr eigentlicher Ursprung  nicht im Nervensystem, sondern in der Mitte des Organismus, in den Rhythmen unseres Blutkreislaufes und der Atmung liegt, die das Vorstellungsleben mit dem Willensleben verbinden. Gefühlsinhalte werden uns deshalb nur traumhaft bewusst. Durch traumhafte Seelen- Imitation übernehmen wir sie auch bei der Begegnung mit anderen Menschen. Selbst die Gefühle, deren Einfluss auf das Nervensystem krankmachend wird, übernehmen wir traumhaft-imitierend und machen deshalb Viren und andere Mikro-Organismen für ansteckende Krankheiten verantwortlich, wie dies derzeit angesichts der Corona-Pandemie typisch für unsere "rationalen" Verhaltensregeln ist. Wir betrachten also Gefühle so, als seien sie Vorstellungen. Selbst Veränderungen der Gehirnfunktionen, die durch das sogenannte EEG graphisch dargestellt werden, beziehen ihre Gefühlseigenschaften nicht aus der Tätigkeit unserer Nerven, sondern nur aus den elektrischen Rhythmen des Nervensystems, für die gesagt werden muss, dass Angst und Antipathie von schnellen, hingegen Zuneigung und Vertrauen von langsamen EEG-Rhythmen getragen werden. Darüber hinaus sind EEG-Rhythmen aber nicht spezifisch für Vorstellungen, sondern nur für Gefühle, indem sie mal schneller verlaufen, wenn wir antipathische Gefühle, und mal langsamer verlaufen, wenn wir sympathisierende Gefühle hegen. Mit den Vorstellungsinhalten, das heißt, mit dem Denken, haben die EEG-Rhythmen nichts zutun.

Unsere Willensakte werden im Unterschied dazu nur durch Substanzverwandlungsprozesse ermöglicht, die wir auch gemeinhin als "Stoffwechsel" bezeichnen und die zumeist vollkommen unterbewusst verlaufen.

Es ist also vielfach nur ein Wortgeklingel, wenn in der Psychotherapie von der Herstellung "bewusster" Beziehungen zwischen den Menschen die Rede ist, da eben noch viel mehr in der Seele vorhanden ist, als vollbewusste Vorstellungen und träumerische Gefühle. So sind zum Beispiel Gewohnheiten, also Seelenprozesse, die sich über längere Zeiträume hinweg in der Seele ausbreiten, von noch ganz anderen Qualitäten geprägt, die wir in diesem Zusammenhang dem Willensleben, also den tiefschlafend unterbewussten Prozessen des Organismus, insbesondere der Stoffwechseltätigkeit zuordnen müssen.

In diese mischen sich zumeist zahlreiche Elemente der embryonalen oder frühkindlichen Vorgeschichte, des Trieblebens und der inneren Suche nach Gleichgewicht im Sinne der Selbstheilung, so dass es von Seiten des Therapeuten ein hohes Maß an Einfühlung und vom Patienten letztlich ein hohes Maß an Verständnis und  Vergebung für andere bei Lebenskonflikten erfordert.

 

Allen diesen Vorgängen, die sich im Rahmen der Psychotherapie abspielen, liegt als ultimative Gesetzmäßigkeit die Dreigliederung des menschlichen  Seelenlebens zugrunde, deren Notwendigkeit wir deswegen als "unterbewusst" bezeichnen, weil nichts davon je verloren geht, sondern dem Bewusstwerdungsprozess der gesamten Menschheit unterliegt.

 

Hier tut man ebenfalls gut daran, wenn man dem aus dem Sanskrit entnommenen Begriff des "Karma" seine moralinsaure Einseitigkeit nimmt, indem man sich klar macht, dass Krankheiten im Verlauf des Karma nicht immer nur der "Buße", sondern vor allem dem Wachstum zukünftiger Willenskräfte gewidmet sind.

 

Das Seelenleben des Menschen enthält also als drittes Element, als Element des Willens auch die geistigen Abhängigkeiten der Menschenwesenheit, wie dies Rudolf Steiner in der Kurzform seiner Veröffentlichung aus dem Jahre 1917 bezeichnet.

 

Ähnlich wie schon das Seelenleben sich insgesamt als dreigliedrig darstellt, ist also auch der geistige Teil, das "Ich" des Menschen, ein dreigliedriges Wesen:

Noch relativ naturhaft entwickelt sich im Menschen die "Empfindungsseele", die wir im obigen Text schon als Grundlage des biographischen Gedächtnisses erwähnt haben. Von Rudolf Steiner wird sie so bezeichnet, weil sie die Ergebnisse unserer Sinneswahrnehmungen als "Empfindungen" durch das ganze weitere Leben mit sich fortträgt und so zu einer höheren Ganzheit werden lasst, innerhakb derer die Herrschaft des "Ich" über den Zeitstrom seines Lebens im biographischen Gedächtnis hervorbringt und so die Seele dazu befähigt, jeden Sinneseindruck, insofern er zu einer bewussten Empfindung geführt hat, in der Erinnerung unabhängig von dem ursprünglichen sinnlichen Eindruck zu reproduzieren.

 

Schon in der "Metaphsik" des Aristoteles beschrieben, findet man ein zweites Seelenglied im Ich des Menschen, das von Rudolf Steiner als die "Verstandes- oder Gemütsseele" bezeichnet wurde, weil es den Menschen dazu befähigt, seine Sinnesempfindungen begrifflich so miteinander zu verbinden, dass er daraus die kausalen Beziehungen der Weltgegenstände zu erkennen vermag.

 

Die Bezeichnung "Gemüts- oder Verstandesseele" wirkt dadurch paradox, dass wir traditionell den "Verstand" und das "Gemüt" im Menschen als Gegenspieler verstehen.  Aber gerade dadurch wirkt der Verstand auf das Gemüt formend, dass wir mit seiner Hilfe unsere Erlebnisse nicht nur biographisch im Gedächtnis, sondern auch ihren kausalen Beziehungen nach in unserem Gemüt zu einem Weltbild vereinigen können.

 

Dieses mittlere Seelenglied des menschlichen Ich ist eine Umwandlung des Ätherleibes des Menschen, welch letzteren wir hier aus Platzgründen nicht darstellen können. Wir können nur darauf hinweisen, dass der "Ätherleib" ein Wesensglied ist, das der Mensch mit den Tieren und den Pflanzen gemein hat, das unsere Triebe hervorbringt und ihn dazu befähigt, den Organismus als Ganzheit auf die zeitlichen Veränderungen unserer Umwelt einzustellen, wie dies bei der Pflanze für das Verhältnis zu den Jahreszeiten charakteristisch ist.

 

Das aus dem Ätherleib hervorgehende mittlere Glied des menschlichen Ich wird durch eine Umarbeitung des Physischen Leibes des Menschen durch das Ich gekrönt, die Rudolf Steiner als "Bewusstseinsseele" bezeichnet, weil sie den Menschen dazu befähigt, alle Eigenschaften seines physischen Leibes, insofern diese den Instinkten zugrunde liegen, in selbstgewollte und selbstbewusste Handlungen umzusetzen (Theosophie 1910).

 

Wir können anhand dieser systematischen Darstellung des menschlichen Seelenlebens ziemlich genau unterscheiden, was "Gefühle", und was  "Emotionen" sind: In den "Gefühlen" spricht sich die menschliche Seele als solche aus, in den "Emotionen" ist hingegen das gegeben, was den Instinkten seelisch zugrunde liegt als willenshafte Bindung an den phyischen Leib. So können wir Tongebilde musikalisch fühlen, wohingegen Angst, Wut und Schrecken nur als emotionale Wirkungen des Instinktlebens bezeichnen können.

 

Die menschliche Seele kann also die Welt des Geistes des Menschen mit seinem physischen Leib verbinden, wenn sie das höchste Glied des "Ich", die "Bewusstseinsseele", ganz von den physischen Eigenheiten der Instinkte befreit und damit zum selbstlosen Selbtbewusstsein läutert. 

 

Als Erläuterung hierzu sei ein Vortrag Rudolf Steiners herausgegriffen, den er am 18. Juni 1907  in Kassel hielt, und der mit den folgenden Worten beginnt:

 

"Ein Allerheiligstes im Menschen ist dasjenige, was mit seinem Selbstbewusstsein bezeichnet wird. Wer sich das in der richtigen Weise klarmacht, der sieht ohne weiteres ein, dass mit diesem Worte «Selbstbewusstsein» eigentlich der Sinn des menschlichen Daseins ausgedrückt wird."(Rudolf Steiner Gesamtausgabe 100, 3. Vortrag). 

 

Der ganze Sinn und die ganze Göttlichkeit des menschlichen Daseins im Kosmos wird also in spiritueller Hinsicht in der Fähigkeit des Menschen offenbar, sich als ein Ich zu wissen, denn aus dieser selbstreflektiven Willenstätigkeit folgen alle Unterschiede des Menschen zum Tier, was dann in dem oben zitierten Vortrag Rudolf Steiners konkret und an Phänomenen, die jeder nachvollziehen kann, erläutert wird:

Das "ICH" des Menschen ist im Verlauf der Menschheitsgeschichte weit mehr als das, was  heute allgemein in der Philosophie und Psychologie als das "Märchen vom Ich", also als eine bloße Vorstellung gesehen wird. Vielmehr ist das "ICH" des Menschen ein reales Willenswesen, das nicht nur der Erzieher der eigenen Seele, zum Beispiel in der Eroberung der aufrechten Körperhaltung und der Entstehung des biographischen Gedächtnisses, sondern auch der Träger der menschlichen Autonomie gegenüber der Natur ist. Die Beweise dafür liefern schon die paläoanthropologischen Funde, welche zeigen, dass mit den Schritten der Aufrichtung der Gestalt zum aufrechten Gang, der Befreiung der Arme von der bloßen Fortbewegung (im krassen Unterschied zu den Affen!) und als Konsequenz daraus auch die Sprachevolution und die Werkzeugentwicklung als Emanzipation des Wollens, Fühlens und Vorstellens von den ursprünglichen Bindungen des Seelenlebens an die Wahrnehmungen, Instinkte, Triebe und Begierden des Leibes einleitete.

 

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass die Begierden, Triebe und Instinkte im Menschen nicht vorhanden seien. Aber durch das Ich des Menschen werden sie zu Motiven, die den Inhalt der individuellen Seele und ihres Lebenslaufes bilden. Beim Tier finden wir hingegen keine individuelle Seele, sondern nur ein gruppenhaftes, leibgebundenes "Seelisches", das beim Menschen so durch das "Ich" verwandelt wird, dass es in einem ersten Schritt der Befreiung das biographische Gedächtnis gebiert, das in der Anthroposophie als "Empfindungssseele" bezeichnet wird und zum untersten Glied des "Ich" wird.

 

Die Menschheit hat sich zwar in der "Empfindungsseele" das biographische Gedächtnis und im "Gemüt" die "Verstandesseele" erobert. Das "Ich" des Menschen ist aber als Zentrum der Seele immer noch nicht so autonom, dass es die volle "Selbstlosigkeit" entwickeln kann, die das individuelle Ich zum "Geistselbst" läutert. Paradoxer Weise ist es aber das Selbstbewusstsein, das einerseits den Geist zum Egoismus verführt und andererseits durch dessen Überwindung aus seiner Leibgebundenheit erst vollends befreit. Diese noch bestehende Dialektik des Menschen im Hinblick auf seine Egoität kulminiert in der jetzigen Phase der Evolution der Menschheit, die deshalb in der Anthroposophie als das "Bewusstseinsseelenzeitalter" bezeichnet wird.

 

Die Befreiung des Seelenlebens des Menschen aus den gruppenhaften, instinktiven Bindungen ist die Grundlage aller Moralität des Menschen und führt aus dem "blinden" Gehorsam oder auch dem "dunklen" Schicksal heraus in das Licht des individuell gewollten "Karma", das Christus meint, wenn er sagt: "Eure Sünden sollen Euch vergeben werden".

 

Nicht ohne Grund lautete daher schon im alten Ägypten der Name Gottes, wenn man ihn übersetzt, der "Ich-Bin". Der Name Gottes war also schon immer der Name einer Wesenheit, die sich ihres eigenen Daseins bewusst ist! Diese Wesenheit kann nur zu sich selber "Ich" sagen, wie dies im Kleinen auch jeder einzelne Mensch nur zu sich selber sagen kann!

 

Wäre das "ICH" nicht selbstbewusst, könnte es weder Verbrechen, noch Moral, noch "Sinn" im menschlichen Leben geben, denn wo bliebe die Moral und wo der Sinn des Ganzen, wenn alle Handlungen des Menschen nur auf blinde, unbewusste, gruppenhafte Instinkte, Antriebe und Leidenschaften zurückgeführt werden könnten? Im Mittelalter des christlichen Abendlandes war es noch durchaus üblich, Gerichtsprozesse gegen Tiere, z.B. gegen Schweine und Hunde, zu veranstalten, wenn sich diese gegen die Regeln des menschlichen Zusammenlebens  "versündigt" hatten, weil man noch nicht den Mut zum eigenen Ich hatte und deshalb auch nicht den Christus und dessen Hinweis auf den Zusammenhang des Ich mit dem Karma verstand. Aber heute erscheint uns ein solches gerichtliches Vorgehen deshalb als absurd, weil wir bei rechter Selbstbesinnung nur dem die volle Schuld zusprechen können, der sich seines Handelns bewusst ist und insofern der Herrscher über die eigene Seele ist. (Diese Herrschaft ist etwas ganz besonderes dadurch, dass wir ja ständig im Bewusstsein des Todes und des Schmerzes handeln).

 

Typisch für diese Zeit des Überganges von der "Antike" zur "Moderne" ist allerdings, dass sich die materialistische Philosophie noch immer keinen Begriff vom menschlichen Willen gemacht hat. Ihre Zweifel sind daher für die Anthroposophie kein wirklicher Einwand gegen die Freiheit des Willens, weil die Unterschiede der in der Philosophie so genannten "Wahlfreiheit" (= ich darf wahlweise handeln, wie es mir gefällt) gegenüber der echten "Willensfreiheit" (ich kann wollen, was mir gefällt) nicht genügend bekannt zu sein scheinen: Deshalb ist das in der Diskussion der "Willensfreiheit" immer wieder zitierte wissenschaftliche Paradigma der so genannten Libet-Versuche von 1973 als Beweismittel für die Vorherbestimmung des menschlichen Willens wertlos.

 

Wer diese Experimente nicht kennt, dem sei gesagt: Die Untersuchungen des Neurobiologen Benjamin Libet (1973) hatten zwar ergeben, dass im Gehirn des Menschen so genannte elektrische "Bereitschaftspotentiale" schon einige Dutzend Millisekunden messbar sind, bevor im subjektiven Bewusstsein die Entscheidung als Tatsache bewusst wird, jetzt z.B. den Knopf einer Maschine zu drücken. Dieser Zeitunterschied zwischen EEG und Bewusstsein wird in der Neurobiologie noch immer als Beweis dafür gedeutet, dass  die elektrischen Phänomene im Gehirn die Ursache der menschlichen Willensentscheidungen seien, weil das Kausalprinzip der Physik besagt, dass eine Ursache niemals zeitlich nach, sondern zeitlich immer nur vor seiner Wirkung liegen kann. Aber was der Mensch mit seinen Willensimpulsen tatsächlich vollbringt, und wie er damit den vermeintlichen physiologischen Determinismus seiner Entscheidungen durchbricht, darauf sollten die o.g. Beispiele menschlicher Genialität hinweisen.

 

Die Interpretation Libets und der übrigen Neurobiologen wäre nur richtig, wenn der Mensch kein Genie, sondern eine Maschine wäre. Es geht aber an dieser Stelle um die Existenz der Willensfreiheit, das heißt darum, ob der Mensch frei wollen könne, was er will. Eine Diskussion darüber kann aber nur geführt werden, wenn Klarheit über die Natur des Willens des Menschen besteht!

 

Gegenüber Diskussionspartnern, die keine klare Vorstellung vom Willen des Menschen haben, ist es manchmal zielführend, wenn man die richtigen Beispiel zur Erläuterung des Willens des Menschen wählt. Das Beispiel, das ich wähle, ist ein historisches: Die Erfindung des Wohltemperierten Klaviers durch J.S. Bach. Es ist zwar nicht einfach, diese Erfindung einem der Musik Unkundigen zu erklären. In diesem Fall genügt aber der Hinweis, dass das wohntemperierte Klavier eine Zeitenwende im Musikleben der Welt bedeutete, weil man nun völlig anders komponieren und musizieren konnte. Ein anderes passendes Beispiel wäre die Schaffung des kopernikanischen Weltbildes, das das menschliche Bewusstsein von der Zentrierung auf die Erde hinweg und dem Kosmos zugeführt hat, ein drittes die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, der ganz bewusst nach Westen fuhr, obwohl er nach Osten, nach Indien wollte, weil er den Mut hatte, sich die Erde als eine Kugel vorzustellen.

 

Dass es Rudolf Steiner in seinem frühen Werk, der "Philosophie der Freiheit", die 1894 als Gesamtausgabe-Nr 4 erschien, nicht um die Wahlfreiheit, sondern um die Willensfreiheit ging, ist aus folgender Passage dieses Buches ersichtlich:

"Dass die Freiheit nicht darin bestehen könne, von zwei möglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die andere zu wählen, scheint jeder zu wissen, der darauf Anspruch macht, den wissenschaftlichen Kinderschuhen entwachsen zu sein." . . . "Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage die Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit. Sagt doch Herbert Spencer, . . . "Dass aber jedermann auch nach Belieben begehren oder oder nicht begehren könne, was der eigentliche im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das wird freilich ebenso durch die Analyse des Bewusstseins ... verneint."(Die Prinzipien der Psychologie, 1882).

 

Was aber ergibt die Analyse des Bewusstseins, wenn auf solche Genies wie J.S. Bach, N. Kopernikus oder C. Columbus geblickt wird?

 

Nur einfallsloser Dilettantismus  kann derartig unspezifische Experimente als Argumente gegen den freien Willen des Menschen anerkennen, da diese Experimente ja nur beschreiben, wie Willensentscheidungen physisch wirksam werden, nicht aber  ermessen, welches  Handlungsspektrum ein genialer Mensch hat.  

 

Das Selbstbewusstsein als Alleinstellungs-Merkmal des Menschen gegenüber den Tieren zeigte sich schon lange vor dem Beginn der griechischen Antike, als es noch in die Widersprüche der Egoität verstrickt war. Erst durch das Mysterium der Überwindung des Todes durch die Auferstehung in Golgatha ist der Christus-Impuls so stark geworden, dass man die Neuzeit aus anthroposophischer Sicht als das "Bewusstseinsseelen-Zeitalter" im engeren Sinne bezeichnen kann.

 

Der letztere, von Rudolf Steiner in die spirituelle Psychologie neu eingeführte Terminus "Bewusstseinsseele" bezieht sich auf das dritte und damit höchste Glied des menschlichen Ich. Es kann erst durch die Verwandlung des physischen Leibes, das heißt, durch die Überwindung der niedrigsten und zugleich gruppenhaft machtvollsten, der instinktiven Handlungsantriebe des Menschen in einer noch fernen Zukunft durch ihn selbst erreicht werden.

 

Dieser zuletzt genannte Zusammenhang mit den Instinkten ist in dem  nur scheinbar absurden Ausspruch des Neuen Testamentes gemeint: "Wenn dir jemand auf die linke Wange schlägt, so halte ihm noch die rechte Wange hin". Dieser Ausspruch ist nur deswegen nicht absurd, weil er den Menschen dazu auffordert, seine instinktiven Reaktionen sich nicht fortzusetzen zu lassen, sondern in den Griff zu bekommen (Näheres zur Bewusstseinsseele siehe die hoch spirituelle Monografie von Jörg Ewertowski: Die Entdeckung der Bewusstseinsseele. Stuttgart 2007).

 

Fussnote*) Der Vatikan ist seit über 1000 Jahren das größte weltliche Machtzentrum auf unserem Planeten und hat mittlerweile so viel Gold angehäuft, dass er alle Geldreserven, Regierungen und Länder einschließlich aller Fabriken, Gebäude, Fahrzeuge, Waffen, Eisenbahnen, Schiffe, Flugzeuge und Armeen dieses Planeten aufkaufen könnte, sobald irgendein Volksbegehren dies erforderlich erscheinen ließe.

ANHANG:4.Kapitel aus GOETHES   NATURWISSEN-SCHAFTLICHE SCHRIFTEN. VON DER KUNST ZUR WISSENSCHAFT.        ZUGLEICH EINE GRUND-LEGUNG DER GEISTESWISSENSCHAFT (ANTHROPOSOPHIE)           RUDOLF STEINERS

 Einer der spirituellsten Texte, die ich je gelesen habe, erschien 1926 als Kapitel 4 auf Seite 134 des ersten Bandes der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe unter der Überschrift VON DER KUNST ZUR WISSENSCHAFT und stellt Goethe als den ultimativen Geisteshelden dar, dem es gelang, die Frage nach der Wahrheit mit der Frage nach der Schönheit zu vereinen.

 

IV. VON DER KUNST ZUR ZUR WISSENSCHAFT

 

Wer sich die Aufgabe stellt, die Geistesentwicklung eines Denkers darzustellen, hat uns die besondere Richtung desselben auf psychologischem Wege aus den in seiner Biographie gegebenen Tatsachen zu erklären. Bei einer Darstellung von Goethe, dem Denker, ist die Aufgabe damit noch nicht erschöpft. Hier wird nicht nur nach einer Rechtfertigung und Erklärung seiner speziellen wissenschaftlichen Richtung, sondern und vorzüglich auch darnach gefragt, wie dieser Genius überhaupt dazu kam, auf wissenschaftlichem Gebiete tätig zu sein. Goethe hatte durch die falsche Ansicht seiner Zeitgenossen viel zu leiden, die sich nicht denken konnten, dass dichterisches Schaffen und wissenschaftliche Forschung sich in einem Geiste vereinigen lasse. Es handelt sich hier vor allem um Beantwortung der Frage: Welches sind die Motive, die den großen Dichter zur Wissenschaft trieben? Liegt der Übergang von der Kunst zur Wissenschaft rein in seiner subjektiven Neigung, in persönlicher Willkür? Oder war Goethes künstlerische Richtung eine solche, dass sie ihn mit Notwendigkeit zur Wissenschaft treiben musste?

Wäre das erstere der Fall, dann hätte die gleichzeitige Hingabe Goethes an Kunst und Wissenschaft bloß die Bedeutung einer zufälligen persönlichen Begeisterung für beide Richtungen des menschlichen Strebens; wir hätten es mit einem Dichter zu tun, der zufällig auch ein Denker ist, und es hätte wohl sein können, dass bei einem etwas andern Lebensgange Goethe dieselben Wege in der Dichtung eingeschlagen, ohne dass er sich um die Wissenschaft auch nur bekümmert hätte. Beide Seiten dieses Mannes interessier-ten uns dann abgesondert als solche, beide hätten vielleicht für sich ein gut Teil den Fortschritt der Menschheit gefördert.

Alles das wäre aber auch der Fall, wenn die beiden Geistesrichtungen auf zwei Persönlichkeiten verteilt gewesen wären. Der Dichter Goethe hätte mit dem Denker Goethe nichts zu tun.

Ist aber das zweite der Fall, dann war Goethes künstlerische Richtung eine solche, dass sie von innen heraus notwendig dazu drängte, durch wissenschaftliches Denken ergänzt zu werden. Dann ist es schlechterdings undenkbar, dass die beiden Richtungen auf zwei Persönlichkeiten verteilt gewesen wären. Dann interessiert uns jede der beiden Richtungen nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch wegen ihrer Beziehung auf die andere. Dann gibt es einen objektiven Übergang von Kunst zur Wissenschaft, einen Punkt, wo sich die beiden so berühren, daß Vollendung in dem einen Gebiete Vollendung in dem andern fordert.

Goethe folgte dann nicht einer persönlichen Neigung, sondern die Kunstrichtung, der er sich ergab, weckte in ihm Bedürfnisse, denen nur in wissenschaftlicher Betätigung Befriedigung werden konnte.

Unsere Zeit glaubt das Richtige zu treffen, wenn sie Kunst und Wissenschaft möglichst weit auseinanderhält. Sie sollen zwei vollkommen entgegengesetzte Pole in der

Kulturentwicklung der Menschheit sein. Die Wissenschaft soll uns - so denkt man - ein möglichst objektives Weltbild entwerfen, sie soll uns die Wirklichkeit im Spiegel zeigen oder mit andern Worten: sie soll mit Entäußerung aller subjektiven Willkür sich rein an das Gegebene halten. Für ihre Gesetze ist die objektive Welt maßgebend, ihr hat sie sich zu unterwerfen. Sie soll den Maßstab des Wahren und Falschen ganz und gar aus den Objekten der Erfahrung nehmen.

Ganz anders soll es bei den Schöpfungen der Kunst sein. Ihnen wird von der selbstschöpferischen Kraft des menschlichen Geistes das Gesetz gegeben. Für die Wissenschaft wäre jedes Einmischen der menschlichen Subjektivität Verfälschung der Wirklichkeit, Überschreitung der Erfahrung; die Kunst dagegen wächst auf dem Felde genialischer Subjektivität.

Ihre Schöpfungen sind Gebilde menschlicher Einbildungskraft, nicht Spiegelbilder der Außenwelt. Außer uns, im objektiven Sein liegt der Ursprung wissenschaftlicher Gesetze; in uns, in unserer Individualität der der ästhetischen. Daher haben die letzteren nicht den geringsten Erkenntniswert, sie erzeugen Illusionen ohne den geringsten 

Wirklichkeitsfaktor.

Wer die Sache so fasst, wird nie Klarheit darüber gewinnen, welches Verhältnis Goethesche Dichtung zu Goethescher Wissenschaft hat. Dadurch wird aber beides missverstanden.

Die welthistorische Bedeutung Goethes liegt ja gerade darinnen, dass seine Kunst unmittelbar aus dem Urquell des Seins fließt, dass sie nichts Illusorisches, nichts

Subjektives an sich trägt, sondern als die Künderin jener Gesetzlichkeit erscheint, die der Dichter in den Tiefen des Naturwirkens dem Weltgeiste abgelauscht hat. Auf dieser

Stufe wird die Kunst die Interpretin der Weltgeheimnisse, wie es die Wissenschaft in anderem Sinne ist.

So hat Goethe auch stets die Kunst aufgefaßt. Sie war ihm die eine Offenbarung des Urgesetzes der Welt, die Wissenschaft war ihm die andere. Für ihn entsprangen Kunst und Wissenschaft aus einer Quelle. Während der Forscher untertaucht in die Tiefen der Wirklichkeit, um die treibenden Kräfte derselben in Form von Gedanken auszusprechen, sucht der Künstler dieselben treibenden Gewalten seinem Stoffe einzubilden. «Ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen nennen, das abgezogene Wissen; Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur Tat verwendet; Wissenschaft wäre Vernunft, und Kunst ihr Mechanismus, deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte. Und so wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem.»87 [«Sprüche in Prosa»; Natw. Sehr., 4. Bd., 2. Abt., S. 535.]

 

Was die Wissenschaft als Idee (Theorem) ausspricht, das soll die Kunst dem Stoffe einprägen, das soll ihr Problem werden. «In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind die Absichten vorzüglich der Aufmerksamkeit wert», sagtGoethe. [«Sprüche in Prosa»; Natw. Sehr., 4. Bd., 2. Abt., S. 378.]

 

Überall sucht er nicht nur das, was den Sinnen in der Außenwelt gegeben, sondern die Tendenz, durch die es geworden ist. Diese wissenschaftlich aufzufassen, künstlerisch zu gestalten, das ist seine Sendung. Bei ihren eigenen Bildungen gerät die Natur «auf Spezifikationen wie in eine Sackgasse»; man muss auf das zurückgehen, was hätte werden sollen, wenn die Tendenz sich hätte ungehindert entfalten können, so wie der Mathematiker nie dieses oder jenes Dreieck, sondern immer jene Gesetzmäßigkeit im Auge hat, die jedem möglichen Dreiecke zugrunde liegt. Nicht was die Natur

geschaffen, sondern nach welchem Prinzipe sie es geschaffen hat, darauf kommt es an. Dann ist dieses Prinzip so auszugestalten, wie es seiner eigenen Natur gemäß ist, nicht wie es in dem von tausend Zufälligkeiten abhängigen einzelnen Gebilde der Natur geschehen ist. Der Künstler hat «aus dem Gemeinen das Edle, aus der Unform das Schöne zu entwickeln».

Goethe und Schiller nehmen die Kunst in ihrer vollen Tiefe. Das Schöne ist «eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben».

Ein Blick in des Dichters «Italienische Reise» genügt, um zu erkennen, dass das nicht etwa eine Phrase, sondern tief-innerliche Überzeugung ist. Wenn er sagt: «Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist Notwendigkeit, da ist Gott», so geht daraus hervor, dass ihm Natur und Kunst gleichen Ursprunges sind. Bezüglich der Kunst der Griechen sagt er in dieser Richtung folgendes: «Ich habe die Vermutung, dass sie nach den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur selbst verfährt und denen ich auf der Spur bin.» Und von Shakespeare: «Shakespeare gesellt sich zum Weltgeist; er durchdringt die Welt wie jener, beiden ist nichts verborgen; aber wenn des Weltgeistes Geschäft ist, Geheimnisse vor, ja oft nach der Tat zu bewahren, so ist der Sinn des Dichters, das Geheimnis zu verschwätzen.»

 

Hier ist auch an den Ausspruch von der «frohen Lebensepoche» zu erinnern, die der Dichter Kants «Kritik der Urteilskraft» schuldig geworden ist, und die er ja doch eigentlich nur dem Umstande dankte, dass er hier «Kunst und Naturerzeugnisse eins behandelt sah wie das andere, dass sich ästhetische und teleologische Urteilskraft wechselweise erleuchteten.»

 «Mich freute», sagt der Dichter, «dass Dichtkunst und vergleichende Naturkunde so nah miteinander verwandt seien, indem beide sich derselben Urteilskraft unterwerfen.» In dem Aufsatz: «Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort» [Natw. Schr., 2.Bd., S. 31 ff.] stellt Goethe ganz in derselben Absicht seinem gegenständlichen Denken sein gegenständliches Dichten gegenüber.

So erscheint Goethe die Kunst ebenso objektiv wie die Wissenschaft. Nur die Form beider ist verschieden. Beide erscheinen als der Ausfluss eines Wesens, als notwendige

Stufen einer Entwicklung. Jede Ansicht, die der Kunst oder dem Schönen eine isolierte Stellung außerhalb des Gesamtbildes menschlicher Entwicklung anweist, widerstrebt ihm.

So sagt er: «Im Ästhetischen tut man nicht wohl, zu sagen: die Idee des Schönen; dadurch vereinzelt man das Schöne, das doch einzeln nicht gedacht werden kann»

8[«Sprüche in Prosa», Natw. Sehr., 4. Bd., 2. Abt., S. 379.] oder:

 

«Der Stil ruht auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und greiflichen Gestalten zu erkennen.» 90 [Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil, in: Schriften zur Kunst 1788-180

 

Die Kunst beruht also auf dem Erkennen. Das Erkennen hat die Aufgabe, die Ordnung, nach der die Welt gefügt ist, im Gedanken nachzuschaffen; die Kunst hingegen hat den Auftrag, im einzelnen die Idee dieser Ordnung des Weltganzen auszubilden. Alles, was dem Künstler an Weltgesetzlichkeit erreichbar ist, das legt er in sein Werk. Dies erscheint somit als eine Welt im kleinen.

Hierin liegt der Grund dafür, warum sich die Goethesche Kunstrichtung durch Wissenschaft ergänzen muss. Sie ist schon als Kunst ein Erkennen. Goethe wollte eben weder Wissenschaft noch Kunst; er wollte die Idee. Und diese spricht er aus oder stellt er dar, nach der Seite, nach der sie sich ihm gerade darbietet. Goethe suchte sich mit dem Weltgeiste zu verbünden und uns dessen Walten zu offenbaren; er tat es durch das Medium der Kunst oder der Wissenschaft, je nach Erfordernis. Nicht einseitiges Kunst- oder wissenschaftliches Streben lag in Goethe, sondern der rastlose Drang, «alle Wirkenskraft und Samen» zu schauen.

Dabei ist Goethe dennoch kein philosophischer Dichter, denn seine Dichtungen nehmen nicht den Umweg durch den Gedanken zur sinnenfälligen Gestaltung; sondern sie strömen unmittelbar aus der Quelle alles Werdens, wie seine Forschungen nicht mit dichterischer Phantasie durchtränkt sind, sondern unmittelbar auf dem Gewahrwerden der Ideen beruhen. Ohne dass Goethe ein philosophischer Dichter ist, erscheint daher seine Grundrichtung für den philosophischen Betrachter als eine philosophische.

Damit nimmt die Frage, ob Goethes wissenschaftliche Arbeiten philosophischen Wert haben oder nicht, eine durchaus neue Gestalt an. Es handelt sich darum, von dem, was vorliegt, zurück auf die Prinzipien zu schließen. Was müssen wir voraussetzen, dass uns Goethes wissenschaftliche Aufstellungen als Folge dieser Voraussetzungen erscheinen?

Wir müssen aussprechen, was Goethe unausgesprochen gelassen hat, was aber allein seine Anschauungen verständlich macht.