WAS IST SPIRITUALITÄT?

Schlägt man das Stichwort "Seele" im "Historischen Wörterbuch der Philosophie" von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Band 7, auf den Seiten 1 - 89 nach, so ist man überrascht, wie lebendig und umfassend dieser Begriff sowohl im hellenistischen als auch im späteren antiken Europa gewesen ist. Zum Beispiel finden wir bei Homer, der als  Schöpfer der "Ilias" und der "Odyssee"  nach heutigem Wissen der früheste Dichter Europas war, die Wörter "Seele" und "Leib" nie für den lebenden Menschen gebraucht, denn das Wort "Leib" bedeutete ihm noch "Leichnam", und von der "Seele" wusste er nur, dass sie im Tod  den Leib des Menschen verlässt, dass man sie im Kampf einsetzt und sie dort verlieren kann, zu retten versucht u.s.w., dass sie aber im Leben mit dem Leib verbunden sein musste, denn anderenfalls war man eben tot ohne die Seele. Und noch für Heraklit, ebenso auch für Aristoteles, den Schüler des Plato, war sie das "Bewegende" und "Erkennende" im Menschen, für Thales darüber hinaus ein im ganzen Kosmos anwesendes göttliches Prinzip der Bewegung.  Auch für Alkmaion war sie in ewiger Bewegung und der Bewegungsursprung des gesamten Kosmos, mithin also unsterblich.

 

Besonders ideenreich hat Platon die "Seele" besprochen: Im 1. Buch des "Staates" sieht er das Leben als das "Werk" der Seele, dessen moralische Qualität sie bestimmt. Im "Phaidon" knüpft Plato an die Anschauung Homers an, dass die Seele das "Abbild" des Verstorbenen sei. Die moralischen Einsichten des Menschen gehen für Platon aus der  Begegnung der Seele mit der transzendenten Wirklichkeit der Ideen hervor, welche schon vorgeburtlich beginnt und die Läuterung der Seele und ihre Befreiung vom Leib erfordert, die sich erst im Tod erfüllt.

 

Verschiedene Überlegungen Platos sollten die Unsterblichkeit der Seele erweisen: Die Wiedererinnerung der Seele an eine vorgeburtliche "Schau" der Ideenwelt sollte das apriorische, also das vor aller Überlegung schon vorhandene Wissen der Seele erklären und die "Einfachheit" der Seele sollte den Seelentod durch ihre Unauflöslichkeit nach der physischen Aulösung des Todes widerlegen. Und das Prinzip der Selbstbestimmung sollte die Gott-Ähnlichkeit der Seele bekräftigen.

 

Solche Impulse der antiken griechischen Spiritualität beschäftigten das europäische  Altertum und Mittelalter, wurden fortlaufend und vielfältig diskutiert, bis sich der Beginn der Neuzeit um die Wende zum 15. Jahrhundert als eine radikale Schwächung dieser Impulse bis hin zum Erlöschen der Gewissheit von der Existenz der Seele des Menschen ankündigte. Dies bürgerte sich zunächst im europäischen Geistesleben ein, wurde aber unaufhaltsam und weltweit als "wissenschaftlicher"  Materialismus zum Ideal, so dass heute das Urteil ganz und gar gewohnheitsmäßig und "seriös"  geworden ist (obwohl es ja ein Irrtum ist, dass der Mensch im Wesentlichen nur aus Materie, d.h. aus den Elementen des Festen, des Flüssigen, des Gasförmigen und des Wärmehaften besteht, wobei man heute am liebsten diesbezüglich an Elektronen, Ionen, Atome und Moleküle denkt, obwohl noch nie jemand auch nur eines dieser "Elemente" gesehen hat. Komplementär dazu ist aber jegliche Sicherheit, dass der Mensch auch eine "Seele" und ein "Ich" habe, verloren gegangen, obwohl ja  diese ebensowenig sichtbar wie Elektronen, Ionen, Atome und Moleküle sind.

 

 

Was ist da geschehen?

 

 

Nicht als Erklärung, sondern als anschauliches Beispiel dafür, wie geistige Strömungen verlaufen, sich voll entfalten oder in eine Sackgasse geraten können, sei auf die Entstehung und weitere Enrwicklung des Epikureismus geblickt:

 

 

Epikur (342-270 v. Chr.) vertrat eine spirituelle Lehre, die er allen damals vorherrschenden philosophischen und religiösen Weltdeutungen entgegensetzte. Dennoch ging es auch ihm, wie den anderen spirituellen Lehrern, um ein ethisches Anliegen: Er wollte seine Schüler zu einer Lebensführung anleiten, die ihnen zur Eudaimonie, zur Glückseligkeit eines gelungenen Lebens verhilft, womit er einen ausgeglichenen Gemütszustand meinte.

 

In dieser Hinsicht, nach der ein solches gutes Leben das Ziel allen Handelns sein soll, stimmten die Epikureer mit allen oder fast allen anderen Philosophenschulen der Antike überein. Auch sie teilten die Grundüberzeugung der anderen philosophischen Richtungen, dass die Autarkie, die Unabhängigkeit von äußeren Umständen, ein zentrales Element des gelungenen Lebens bildet und dass es auf die innere Einstellung ankomme, über die der Mensch selbst Herr sein müsse und die er so zu formen habe, dass das bestmögliche Leben erreicht werde. Aber darin unterschieden sich die Epikureer von den anderen bedeutenden Strömungen der Antike, dass sie die Lust zum höchsten Gut machten und sie für den idealen Weg zur Eudaimonie, zu einem ausgeglichenen Gemütszustand hielten. Eine Lehre, die die Lust zum höchsten Ideal aller Ethik macht, nennt man Hedonismus (von (ἡδονή hēdonḗ = Lust.) Die Epikureer betrachteten das Streben nach Lust sogar als die grundlegende Konstante aller menschlichen Existenz.

 

Man mag den Hedonismus der Epikureer als kindlich erachten, wenn man ihn zum Beispiel mit dem Aufwach-Erlebnis des Gaudhama Buddha vergleicht, der durch die existentielle Begegnung mit den gänzlich der Lust entgegengesetzten Urphänomenen des Menschseins, durch die Begegnung mit Krankheit und Armut, auf seinen meditativen Lebensweg gebracht wurde, mit anderen Worten: Sich durch das Schreckerlebnis des Mitleids auf einen Übungsweg bringen ließ, der ihn vom naiven Königssohn zum voll erwachten Menschen wandelte, nachdem er zum ersten Mal in seinem Leben einem schwerkranken Bettler begegnet war.

 

 

Aber nicht darauf will ich hinweisen, dass etwa Mitleid ein besserer oder schlechterer Lehrmeister sei als die Hingabe an oder die Ablehnung der Lust, sondern darauf, dass bis heute die meisten Psychotherapie-Strömungen mit dem Konflikt zwischen dem leidvollen und dem lustvollen Erleben der Seele nicht zurechtkommen. Was liegt diesem Konflikt eigentlich zugrunde? 

 

Beide, die Lust und das Leiden, sind die polaren Grundelemente des voll entfalteten Seelenlebens, alles Wollens und Fühlens, und nicht, wie die Epikureer annahmen, nur die Lust. Ebenso sind aber auch, selbst wenn es nicht sogleich offenbar wird, die beiden Grundkräfte  des Erkennens, das analytische und das synthetische Denken, in hohem Maße von der Herrschaft des Ich über die Gefühle und damit über die Seele abhängig.

 

Kehren wir also zunächst zu den Grundannahmen des Epikureismus  zurück.

 

Die im Vergleich zur Reife des Buddhismus geradezu kindliche Arglosigkeit des epikureischen Hedonismus will so gar nicht zu der Weltanschauung des Epikur passen, die man aus heutiger Sicht als  einen atomistischen Materialismus, also als keineswegs arglos bezeichnen muss: Epikur lehrte seine Schüler allen Ernstes, dass der Mensch, wie auch die ganze übrige Welt, nur aus unsichtbar kleinen, nicht weiter teilbaren materiellen Kügelchen, den so genannten Atomen, zusammengesetzt sei, weshalb, wenn er stirbt, er aufgrund des Zerfalles seines Leibes und seiner Persönlichkeit nicht mehr von den Göttern für das, was er in seinem Leben gelebt hat, belangt werden könne.

 

Aber obwohl Epikur seinen Schülern die Geheimhaltung dieses letztendlich atheistischen Charakters seiner Weltanschauung empfahl, sind wir heute als Menschheit im Ganzen so weit, dass  die Grundannahme, dass der Mensch nur aus Atomen bestehe, als völlig dem Leben  angemessen und als psychisch gesund eingeschätzt wird. Gibt es da einen Zusammenhang?

 

Mit außerordentlicher Geduld und Einfühlung in die Widersprüche des Menschseins hat Rudolf Steiner dargestellt, wie in weltweitem Ausmaß  eine gewohnheitsmäßige Abwendung der menschlichen Aufmerksamkeit von der Geisteswelt eingetreten ist, die einerseits entwicklungsnotwendig, also unvermeidlich war, da nur so der Mensch sich zum freien, moralisch selbstverantwortlichen Wesen wandeln konnte, aber andererseits zum drohenden Absturz der gesamten Menschheitskultur in den Krieg eines jeden gegen jeden zu führen droht, wenn nicht in naher Zukunft eine Verwandlung der menschlichen Egoität in die Selbstlosigkeit eines selbst gewollten Humanismus erfolgt .

 

Aber die Ächtung der Spiritualität durch den Vormundschafts-Anspruch der Kirchen und eine ebenso einseitige Geistfeindlichkeit der Wissenschaften sind gemeinsam zum mächtigsten Hemmschuh gegen die Entwicklung eines individuell zu erringenden, aber zugleich auch brüderlich gelebten Humanismus geworden.

 

 

Indem Rudolf Steiner die "Anthroposophie", die "Weisheit vom Menschen", jedem Menschen zugänglich machte, die keine "Theorie", sondern eine Methode ist, den Abgrund zwischen den abgründigen  Tiefen der Naturintelligenz und der überwältigenden Macht der selbstvergessenen Oberflächlichkeit heutigen  Menschhseins  zu überwinden. Nur durch Vorurteilslosigkeit können wir uns mit dem ungeahnten Seelenreichtum, Natur- und Menschenverständnis und mit dem sozialen Weitblick der Anthroposophie verbinden. So kann der moderne Mensch mit Hilfe der Anthroposophie seine Spiritualität neu beleben, die eigentlich in jedem Menschen als Zukunftshoffnung schlummerte. 

 

Der erste Schritt dieses Weges in die Zukunft besteht darin, dass man die Welt der Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Emotionen, Vorsätze und Entschlüsse, die man als Mensch nun einmal in sich trägt, in ihrer Eigenheit so akzeptiert, wie sie nun eben für den Menschen vorhanden ist: Als eine Welt ganz eigener Art, die man nur kennen lernen kann, wenn man sie wenigstens so existent und eigenständig akzeptiert, wie sie ihrer besonderen Eigenart nach ist.

 

Da gilt es zunächst anzuerkennen, was schon im Verlauf des achtzehnten Jahrhunderts als die so genannte Dreigliederung des Seelenlebens in die Tätigkeiten des Vorstellens, des Fühlens und des Wollens durch den dänischen Philosophen Johann Nikolaus Tetens und durch deren Anerkennung durch Immanuel Kant zum wissenschaftlichen Standard europäischen Denkens wurde.

 

Besonders die Anerkennung der Tatsache, dass diese drei grundlegenden seelischen Tätigkeiten des Vorstellens, Fühlens und Wollens nicht jeweils auseinander ableitbar, sondern drei echte Urphänomene des menschlichen Seelenlebens sind, ist dem deutschen Philosophen Immanuel Kant zu verdanken, obwohl derselbe leider wie alle Vertreter des deutschen Idealismus nur eine völlig unzureichende Sinneslehre und infolgedessen auch eine völlig unzureichende Erkenntnistheorie entwickelt hatte. 

 

Die Lebensferne der klassischen Philosophie ist umso erstaunlicher, als sich ja zeitgleich die wunderbare Malerei und Plastik der italienischen Renaissance durch Leonardo, Michelangelo und  Raphael entfaltete, die das Seelenleben des Menschen in den prächtigsten Farben und Formen zur Darstellung brachte.

 

Aufgrund des Mangels an Sinnes- und Lebensnähe in den Wissenschaften ging dann leider im 19. Jahrhundert auch die bereits erarbeitete Dreigliederung des Seelenlebens wieder verloren, weil sich in den Neurowissenschaften mehr und mehr der Zerebrozentrismus durchsetzte, d.h. das Dogma, dass das Gehirn (lat. Zerebrum) das Zentralorgan der Seele sei. Dies führte zu der Auffassung, dass überhaupt nur einer der drei Urprozesse des Seelenlebens, nämlich nur das Vorstellen, ein Seelenprozess sei, weil nur er sich aus den Vorgängen des Gehirnes lückenlos ableiten läßt. Das Fühlen wurde hingegen nur noch als besondere "Färbung" des Vorstellens eingeschätzt und dem Wollen wurde überhaupt nicht mehr als eine Seelentätigkeit mehr anerkannt. Es hatte sich nämlich, und dies bis heute, das Dogma eingebürgert, dass nur die Prozesse dem Seelenleben zugeordnet werden dürfen, die auf dem Zentralnervensystem beruhen. Das Bewegen der Hände und Füße, oder auch des ganzen Organismus wurde hingegen nur noch als "körperliche" Tätigkeit aufgefasst, da es ja die chemischen Prozesse innerhalb der Muskulatur mit einschließt. Das ganze Spektrum der Einsichten, das gerade erst im 18. Jahrhundert aufgrund der Dreigliederung des Seelenlebens ermöglichte, auch solche Prozesse als seelisch zu begreifen, denen der ganze Organismus einschließlich des Stoffwechsels zugrundeliegt, war also wieder in den alten Leib-Seele-Dualismus der Kirchenväter zurückgefallen.  Insbesondere war es dadurch erneut unmöglich, die so genannten psychosomatischen Krankheiten und die psychischen Verhaltensstörungen zu verstehen und angemessen zu behandeln. Daran konnte auch die Entdeckung des "Unbewussten" durch die Freudsche Psychoanalyse wenig ändern, so notwendig diese ja andererseits war, weil sie forderte, dass auch nicht-bewusste Prozesse als seelisch verursacht gesehen werden. Aber im Gegensatz zu Epikur drängte Freud nicht auf Geheimhaltung, sondern auf möglichst rasche Verbreitung des Freudianismus. Auf den Widerstandes der bürgerlichen Gesellschaft hin verschleierte Freud seine ursprüngliche Verführungstheorie durch eine  opportunistische Lüge, die behauptete, dass der durch ihn aufgedeckte massenhafte sexuelle Missbrauch von Kindern in den sich als wohlanständig tarnenden bürgerlichen Familien mittels einer eigens für diesen Zweck von Freud konstruierten Verdrängungstheorie den missbrauchten Kindern anzulasten sei. 

 

Nach jahrzehntelanger Zurückhaltung veröffentlichte Rudolf Steiner dann endlich im Jahre 1917 als Anhang zum Nachruf auf Franz Brentano in dem Buch "Von Seelenrätseln" eine  auf nur 12 Seiten skizzenhaft komprimierte Schrift, die den vielsagenden Titel trug: "Die physischen und geistigen Abhängigkeiten der Menschen-Wesenheit."

 

Was aber ist mit der "Menschen-Wesenheit" gemeint? - Nichts anderes, als das, was den Menschen als Seelenwesenheit kennzeichnet. Wir müssen also, wollen wir die "Menschen-Wesenheit" verstehen, erkennen, wie diese Wesenheit einerseits durch Wechselwirkung mit physischen Prozessen und Eigenschaften des Organismus, andererseits aber auch durch geistige vorgeburtliche Erlebnisse bestimmt wird, und wie sich dadurch ein leiblicher, seelischer und geistiger Dreiklang auf dreifach zu unterscheidende Weise im ganzen Menschen offenbart.

 

In einem ersten Schritt ist also die Notwendigkeit unvermeidlich, die ganze seelische Welt, die der Mensch in seinem Inneren erlebt, das heißt, auch die Bereiche des Seelenlebens kennen zu lernen, die scheinbar von niederer Natur sind und total unterbewusst verlaufen, die dadurch aber umso mächtiger wirksam sind, z.B. als die chemischen Prozesse des Organismus, die dem Wachstum, der Verdauung, der Blutzirkulation, der Immunität, der Willkürbewegung, der Gesundheit und letztlich auch der Lebenslänge insgesamt zugrunde liegen.

 

An dieser Stelle tut es gut, sich klar zu machen, dass in der menschlichen Seele zwar "seelische Landschaften" vorhanden sind, die ähnlich wie Berge, Täler, Wolken und Gewässer qualitative Unterschiede aufweisen, sich aber nicht wie die Elemente der physisch-sinnlichen Welt klar und hart konturiert voneinander absondern, sondern vielfach ineinander übergehen und ineinander wirken, so dass es dem Therapeuten keineswegs leicht fällt, zu sagen, was eine Sinneswahrnehmung, was eine Empfindung, was ein Urteil, ein Gefühl, eine Emotion, eine Begehrung ist und was Entschlüsse sind.

 

Gerne wird nämlich von den modernen Therapeuten den Patienten abgefordert, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen "bewusst" zu gestalten, dies aber, ohne dass den Therapeuten selbst wirklich klar ist, wo dies rasch gelingen kann, und wo dies im Unterschied dazu einen mehr oder weniger langen Lernprozess erfordert, weil es sich um Willensprozesse handelt.

 

Die "Materialien" und "Gegenstände" der inneren Seelenlandschaften des Menschen muss man dazu sehr genau bezüglich ihrer Eigenschaften kennenlernen: So haben zum Beispiel unsere Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen, die wir an diese Anknüpfen, zumeist noch sehr viel mit der physischen Welt gemein, da sie auf der Tätigkeit des Nerven-Sinnes-Systems aufgebaut sind, dessen Aufgabe es ja gerade ist, die Dinge und Eigenschaften der Außenwelt objektiv, das heisst hart konturiert und deutlich unterscheidbar darzustellen. Dementsprechend dominieren in allen Bereichen des Seelenlebens, die den Sinneswahrnehmungen zugewendet sind, die Gefühle der Antipathie. Hingegen werden die Tätigkeiten, die dem Instinkt- und Triebleben zugeordnet sind, vor allem durch Sympathiegefühle begleitet, ja, sind sogar stark von diesen Sympathiegefühlen abhängig, wie das Essen, Trinken und Schlafen

 

Menschen, die sich ausschließlich nach ihren Wahrnehmungen und Vorstellungen verhalten, empfinden wir dementsprechend als kalt, unpersönlich oder oberflächlich. Haben wir aber ein Recht dazu? Es fehlt uns hier das Gefühl, und noch mehr das Mitgefühl, dass wir uns persönlich und verlässlich bei diesem Menschen aufgehoben fühlen können. Urteile dieser Art können leicht verletzend wirken, sind für uns wichtig, dürfen aber nicht zu Vorurteilen werden, weil jeder Mensch ein werdender ist.

 

Was überhaupt sind Gefühle? Sie entstehen nicht wie unsere Sinneswahrnehmungen aufgrund von Nervenprozessen, sondern werden uns erst über das Nervensystem bewusst. Ihr eigentlicher Ursprung  bleibt uns deshalb nur traumhaft, weil er nicht im Nervensystem, sondern im Zentrum des Organismus, in den Rhythmen unseres Blutkreislaufes und unserer Atmung liegt.  Unterbewusst, durch traumhafte Imitation, übernehmen wir sie auch bei der Begegnung mit anderen Menschen. Selbst die Gefühle, deren Einfluss auf das Nervensystem durch das sogenannte EEG graphisch dargestellt wird, beziehen ihre Eigenschaften aus den elektrischen Rhythmen des Nervensystems, indem Angst und Erregung von schnellen, hingegen warme Liebe und Vertrauen von langsamen EEG-Rhythmen ausgehen.

 

Es ist also vielfach nur ein Wortgeklingel, wenn in der Psychotherapie von der Herstellung "bewusster" Beziehungen zwischen den Menschen die Rede ist, da eben noch viel mehr in der Seele vorhanden ist, als bloß Vorstellungen und Gefühle. So sind zum Beispiel Gewohnheiten, also Seelenprozesse, die sich über längere Zeiträume hinweg in der Seele ausbreiten, von noch ganz anderen Qualitäten geprägt, die wir in diesem Zusammenhang dem Willensleben, also den tiefschlafend unterbewussten Prozessen des Stoffwechselsystems des  Menschen zuordnen müssen. In diese mischen sich zumeist zahlreiche Elemente der embryonalen oder frühkindlichen Vorgeschichte, des Trieblebens und der inneren Suche nach Gleichgewicht im Sinne der Selbstheilung, so dass es von Seiten des Therapeuten ein hohes Maß an Einfühlung und von Seiten des Patienten letztlich ein hohes Maß an Verständnis und  Vergebung für Lebenskonflikte erfordert.

 

Allen diesen Vorgängen, die sich im Rahmen der Psychotherapie abspielen, liegt als ultimative Gesetzmäßigkeit die Dreigliederung des menschlichen  Seelenlebens zugrunde, deren Notwendigkeit wir deswegen als "unterbewusst" bezeichnen, weil nichts davon je verloren geht, sondern ein Bewusstwerdungsprozess des Karma ist, dem Epicur einstmals durch die Annahme eines atomistischen Materialismus noch entfliehen wollte.

 

Hier tut man ebenfalls gut daran, wenn man dem Begriff des "Karma" seine moralinsaure Einseitigkeit nimmt, indem man sich klar macht, dass Krankheiten im Verlauf des Karma nicht immer nur der "Buße", sondern vielfach auch dem Wachstum der Willenskraft gewidmet sind.

 

Doch das Seelenleben des Menschen enthält als drittes Element auch die geistigen Abhängigkeiten der Menschenwesenheit, wie dies Rudolf Steiner in der Kurzform seiner Veröffentlichung aus dem Jahre 1917 bezeichnet: Ähnlich wie schon das Seelenleben sich insgesamt als dreigliedrig darstellt, ist wiederum auch der geistige Teil, das "Ich" des Menschen, ein dreigliedriges Wesen:

 

Ganz unten, noch qualitativ nahe den Vorgängen des Nerven-Sinnessystems, entwickelt sich im Menschen die "Empfindungsseele", die von Rudolf Steiner so bezeichnet wird, weil sie die Herrschaft des "Ich" über den Zeitstrom seines Lebens im biographischen Gedächtnis hervorbringt, die die Seele dazu befähigt, jeden Sinneseindruck, insofern er zu einer bewussten Empfindung geführt hat, in der Erinnerung unabhängig von dem ursprünglichen physischen Eindruck zu reproduzieren (nachzulesen in dem Werk: "Theosophie. Einführung in die übersinnliche Welterfahrung und Menschenbestimmung" 1910. 

 

Schon in der "Metaphsik" des Aristoteles beschrieben, findet man ein zweites Seelenglied im Menschen, das von Rudolf Steiner als die "Verstandesseele" bezeichnet wurde, weil es den Menschen dazu befähigt, seine Sinnesempfindungen begrifflich so zusammenzufassen, dass er daraus die kausalen Beziehungen der Weltgegenstände zu erkennen vermag. Dieses mittlere Seelenglied des menschlichen Geistes wird durch eine Umarbeitung des Physischen Leibes des Menschen  gekrönt, die Rudolf Steiner als "Bewusstseinsseele" bezeichnet, weil sie den Menschen dazu befähigt, alle Eigenschaften seines physischen Leibes, insofern diese den Instinkten zugrunde liegen, in selbstgewollte und selbstbewusste Handlungen umzusetzen (Theosophie 1910).

 

Wir können anhand dieser systematischen Darstellung des menschlichen Seelenlebens ziemlich genau unterscheiden, was "Gefühle", und was 

"Emotionen" sind: In den "Gefühlen" spricht sich die menschliche Seele als solche aus, in den "Emotionen" ist hingegen das gegeben, was den Instinkten seelisch zugrunde liegt als willenshafte Bindung an den phyischen Leib. So können wir Tongebilde musikalisch fühlen, wohingegen Angst, Wut und Schrecken als Elemente des Instinktlebens nur zu den Emotionen gerechnet werden können.

 

Die menschliche Seele kann also die Welt des Geistes des Menschen mit seinem Physischen Leib verbinden, wenn sie das höchste Glied des "Ich", die "Bewussteinsseele", ganz von den physischen Eigenheiten der Instinkte befreit hat und damit zum vollen Selbtbewusstsein gelangt. 

 

Als Erläuterung hierzu sei ein Vortrag Rudolf Steiners herausgegriffen, den er am 18. Juni 1907  in Kassel hielt, und der mit den folgenden Worten beginnt:

 

"Ein Allerheiligstes im Menschen ist dasjenige, was mit seinem Selbstbewusstsein bezeichnet wird. Wer sich das in der richtigen Weise klarmacht, der sieht ohne weiteres ein, dass mit diesem Worte «Selbstbewusstsein» eigentlich der Sinn des menschlichen Daseins ausgedrückt wird."(Rudolf Steiner Gesamtausgabe 100, 3. Vortrag). 

 

Der ganze Sinn und die ganze Göttlichkeit des menschlichen Daseins im Kosmos wird also in spiritueller Hinsicht in der Fähigkeit des Menschen offenbar, wenn er sich als ein Ich weiß, denn aus dieser Willenstätigkeit folgen alle Unterschiede des Menschen zum Tier, was dann in dem oben zitierten Vortrag Rudolf Steiners konkret und an Phänomenen, die jeder nachvollziehen kann, erläutert wird:

Das "ICH" des Menschen ist im Verlauf der Menschheitsgeschichte weit mehr als das, was  heute allgemein in der Philosophie und Psychologie als das "Märchen vom Ich", also als eine bloße Vorstellung gesehen wird. Vielmehr ist das "ICH" des Menschen ein reales Willenswesen, das nicht nur der Erzieher der eigenen Seele, zum Beispiel in der Eroberung der aufrechten Körperhaltung und der Entstehung des biographischen Gedächtnisses, sondern auch der Träger der menschlichen Autonomie gegenüber der Natur ist. Die Beweise dafür liefern schon die paläoanthropologischen Funde, welche zeigen, dass mit den Schritten der Aufrichtung der Gestalt zum aufrechten Gang, der Befreiung der Arme von der bloßen Fortbewegung (im krassen Unterschied zu den Affen!) und als Konsequenz daraus auch die Sprachevolution und die Werkzeugentwicklung als Emanzipation des Wollens, Fühlens und Vorstellens von den ursprünglichen Bindungen des Seelenlebens an die Wahrnehmungen, Instinkte, Triebe und Begierden des Leibes einleitete.

 

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass die Begierden, Triebe und Instinkte im Menschen nicht vorhanden seien. Aber durch das Ich des Menschen werden sie zu Motiven, die den Inhalt der menschlichen Seele und Kultur bilden. Beim Tier finden wir hingegen keine individuelle Seele, sondern nur ein gruppenhaftes, leibgebundenes "Seelisches", das beim Menschen so durch das "Ich" verwandelt wird, dass es in einem ersten Schritt der Befreiung das biographische Gedächtnis gebiert, das in der Anthroposophie als "Empfindungssseele" bezeichnet wird und zum untersten Glied des "Ich" wird.

 

Die Menschheit hat sich zwar in der "Empfindungsseele" das biographische Gedächtnis und im "Gemüt" die "Verstandesseele" erobert. Das "Ich" des Menschen ist aber als Zentrum der Seele immer noch nicht so autonom, dass es die volle "Selbstlosigkeit" entwickeln kann, die das individuelle Ich zum "Geistselbst" läutert. Paradoxer Weise ist es aber das Selbstbewusstsein, das den Geist zum Egoismus führt und durch dessen Überwindung aus seiner Leibgebundenheit erst vollends befreit. Diese noch bestehende Dialektik des Menschen im Hinblick auf seine Egoität kulminiert in der jetzigen Phase der Evolution der Menschheit, die deshalb in der Anthroposophie als das "Bewusstseinsseelenzeitalter" bezeichnet wird.

 

Die Befreiung des Seelenlebens des Menschen aus den gruppenhaften, instinktiven Bindungen an die naturgesetzliche Egoität ist die Grundlage aller Moralität des Menschen und führt aus dem "blinden" oder auch "dunklen" Schicksal heraus in das Licht des gewollten "Karma", das Christus meint, wenn er sagt: "Eure Sünden sollen Euch vergeben werden".

 

Nicht ohne Grund lautete daher schon im alten Ägypten der Name Gottes, wenn man ihn übersetzt, der "Ich-Bin". Der Name Gottes war also schon immer der Name einer Wesenheit, die sich ihres eigenen Daseins bewusst ist! Diese Wesenheit kann nur zu sich selber "Ich" sagen, wie dies im Kleinen auch jeder einzelne Mensch nur zu sich selber sagen kann!

 

Wäre das "ICH" nicht selbstbewusst, könnte es weder Verbrechen, noch Moral, noch "Sinn" im menschlichen Leben geben, denn wo bliebe die Moral und wo der Sinn des Ganzen, wenn alle Handlungen des Menschen nur auf blinde, unbewusste, gruppenhafte Instinkte, Antriebe und Leidenschaften zurückgeführt werden könnten? Im Mittelalter des christlichen Abendlandes war es noch durchaus üblich, Gerichtsprozesse gegen Tiere, z.B. gegen Schweine und Hunde, zu veranstalten, wenn sich diese gegen die Regeln des menschlichen Zusammenlebens  "versündigt" hatten, weil man noch nicht den Mut zum eigenen Ich hatte und deshalb auch nicht den Christus und dessen Hinweis auf den Zusammenhang des Ich mit dem Karma verstand. Aber heute erscheint uns ein solches gerichtliches Vorgehen deshalb als absurd, weil wir bei rechter Selbstbesinnung nur dem die volle Schuld zusprechen können, der sich seines Handelns bewusst ist und insofern der Herrscher über die eigene Seele ist. (Diese Herrschaft ist etwas ganz besonderes dadurch, dass wir ja ständig im Bewusstsein des Todes und des Schmerzes handeln).

 

Typisch für diese Zeit des Überganges von der Antike zur "Moderne" ist allerdings, dass sich die materialistische Philosophie noch immer keinen Begriff vom menschlichen Willen gemacht hat. Ihre Zweifel sind daher für die Anthroposophie kein wirklicher Einwand gegen die Freiheit des Willens, weil die Unterschiede der in der Philosophie so genannten "Wahlfreiheit" (= ich darf wahlweise handeln, wie es mir gefällt) gegenüber der echten "Willensfreiheit" (ich kann wollen, was mir gefällt) nicht genügend bekannt zu sein scheinen: Deshalb ist das in der Diskussion der "Willensfreiheit" immer wieder zitierte wissenschaftliche Paradigma der so genannten Libet-Versuche von 1973 als Beweismittel für die Vorherbestimmung des menschlichen Willens wertlos.

 

Wer diese Experimente nicht kennt, dem sei gesagt: Die Untersuchungen des Neurobiologen Benjamin Libet (1973) hatten zwar ergeben, dass im Gehirn des Menschen so genannte elektrische "Bereitschaftspotentiale" schon einige Dutzend Millisekunden messbar sind, bevor im subjektiven Bewusstsein die Entscheidung als Tatsache bewusst wird, jetzt z.B. den Knopf einer Maschine zu drücken. Dieser Zeitunterschied zwischen EEG und Bewusstsein wird in der Neurobiologie noch immer als Beweis dafür gedeutet, dass  die elektrischen Phänomene im Gehirn die Ursache der menschlichen Willensentscheidungen seien, weil das Kausalprinzip der Physik besagt, dass eine Ursache niemals zeitlich nach, sondern zeitlich immer nur vor seiner Wirkung liegen kann. Aber was der Mensch mit seinen Willensimpulsen tatsächlich vollbringt, und wie er damit den vermeintlichen physiologischen Determinismus seiner Entscheidungen durchbricht, darauf sollten die o.g. Beispiele menschlicher Genialität hinweisen.

 

Die Interpretation Libets und der übrigen Neurobiologen wäre nur richtig, wenn der Mensch kein Genie, sondern eine Maschine wäre. Es geht aber an dieser Stelle um die Existenz der Willensfreiheit, das heißt darum, ob der Mensch frei wollen könne, was er will. Eine Diskussion darüber kann aber nur geführt werden, wenn Klarheit über Natur des Willens des Menschen besteht!

 

Gegenüber Diskussionspartnern, die eine klare Vorstellung vom Willen des Menschen gar nicht haben, ist es manchmal dennoch zielführend, wenn man die richtigen Beispiel zur Erläuterung des Willens des Menschen wählt. Das Beispiel, das ich wähle, ist ein historisches: Die Erfindung des Wohltemperierten Klaviers durch J.S. Bach. Es ist zwar nicht einfach, diese Erfindung einem der Musik Unkundigen zu erklären. In diesem Fall genügt aber der Hinweis, dass das wohntemperierte Klavier eine Zeitenwende im Musikleben der Welt bedeutete, weil man nun völlig anders komponieren und musizieren konnte. Ein anderes passendes Beispiel wäre die Schaffung des kopernikanischen Weltbildes, das das menschliche Bewusstsein von der Zentrierung auf die Erde hinweg und dem Kosmos zugeführt hat, ein drittes die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, der ganz bewusst nach Westen fuhr, obwohl er nach Osten, nach Indien wollte, weil er den Mut hatte, sich die Erde als eine Kugel vorzustellen.

 

Dass es Rudolf Steiner in seinem frühen Werk, der "Philosophie der Freiheit", die 1894 als Gesamtausgabe-Nr 4 erschien, nicht um die Wahlfreiheit, sondern um die Willensfreiheit ging, ist aus folgender Passage dieses Buches ersichtlich:

"Dass die Freiheit nicht darin bestehen könne, von zwei möglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die andere zu wählen, scheint jeder zu wissen, der darauf Anspruch macht, den wissenschaftlichen Kinderschuhen entwachsen zu sein." . . . "Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage die Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit. Sagt doch Herbert Spencer, . . . "Dass aber jedermann auch nach Belieben begehren oder oder nicht begehren könne, was der eigentliche im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das wird freilich ebenso durch die Analyse des Bewusstseins ... verneint."(Die Prinzipien der Psychologie, 1882).

 

Was aber ergibt die Analyse des Bewusstseins, wenn auf solche Genies wie J.S. Bach, N. Kopernikus oder C. Columbus geblickt wird?

 

Nur philosophischer Dilettantantismus oder kollektive Trotz-Haltung  kann derartig unspezifische Experimente als Argumente gegen den freien Willen des Menschen sehen, da solche ja nur beschreiben, wie überhaupt Willensentscheidungen zustande kommen, nicht aber ermessen, welches  Handlungsspektrum ein genialer Mensch hat.  

 

Das Selbstbewusstsein als Alleinstellungs-Merkmal des Menschen gegenüber den Tieren ist schon lange vor dem Beginn der griechischen Antike bemerkbar, als es noch in die Widersprüche der Egoität verstrickt war. Erst durch das Mysterium der Überwindung des Todes durch die Auferstehung in Golgatha ist der Christus-Impuls so stark geworden, dass man die Neuzeit aus anthroposophischer Sicht als das "Bewusstseinsseelen-Zeitalter" im engeren Sinne bezeichnen kann.

 

Der letztere, von Rudolf Steiner in die spirituelle Psychologie neu eingeführte Terminus "Bewusstseinsseele" bezieht sich auf das dritte und damit höchste Glied des menschlichen Ich. Es kann erst durch die Verwandlung des physischen Leibes, das heißt, durch die Überwindung der niedrigsten und zugleich gruppenhaft machtvollsten, der instinktiven Handlungsantriebe des Menschen in einer noch fernen Zukunft durch ihn selbst erreicht werden.

 

Dieser zuletzt genannte Zusammenhang mit den Instinkten ist in dem  nur scheinbar absurden Ausspruch des Neuen Testamentes gemeint: "Wenn dir jemand auf die linke Wange schlägt, so halte ihm noch die rechte Wange hin". Dieser Ausspruch ist nur deswegen nicht absurd, weil er den Menschen dazu auffordert, seine instinktiven Reaktionen nicht fortzusetzen, sondern in den Griff zu bekommen (Näheres zur Bewusstseinsseele siehe die hoch spirituelle Monografie von Jörg Ewertowski: Die Entdeckung der Bewusstseinsseele. Stuttgart 2007).

 

1. Anhang:

Es Scheint mir sinnvoll, im Zusammenhang des hier Vorgebrachten einen Aufsatz von Prof. Dr. med. Peter Selg, Ita Wegman Institut für anthroposophische Grundlagenforschung, Pfeffingerweg 1a, CH-4144 Arlesheim/Schweiz, wiederzugeben, der im Internet frei zum Download bereitsteht:

Peter Selg, Arlesheim 

Die Ungeborenheit des Menschen und ihre Bedrohung.

 

 

Einleitung

Rudolf Steiner war der Auffassung, dass Anthroposophen sich mit der Not der Gegenwart beschäftigen, „von dem Nerv der Zeit ergriffen“ sein sollten (1, S. 158).

 

Zu den größten Herausforderungen unserer Zeit gehört  die Bedrohung der frühen Kindheit des Menschen, worüber sich unzählige Fachgremien und – publikationen einig sind.

 

Mit dieser Bedrohung sind die Angriffe auf das Menschenwesen und seine Entwicklungsvoraussetzungen gemeint, die mit Hilfe moderner Medien, auf den Wegen des Konsums, durch dissoziierte Sozialformen, zerstörte Lebensräume und verfremdete „pädagogische“ und medizinische Einflüsse – außerordentlich verstärkt worden sind, und dies wohl aus dem Grunde, weil hier am meisten auf dem Spiel steht.

 

Der Mensch wird bei gesunder Entwicklung in den ersten Jahren vom „Gottessohn“ zum „Menschensohn“ (2, S. 62), er benötigt dafür aber die entsprechenden Hilfen, insbesondere altersgemäße Beziehungsformen und -stabilitäten, eine Atmosphäre des Werdens in Sicherheit und Vertrauen und bildsame Anregungen, die in vielen Erdenregionen gegenwärtig kaum mehr gegeben sind.

 

In der frühen Kindheit bildet der Mensch seinen lebensgeschichtlich tragenden Leib aus – in der Umgebung und an der Umgebung – und ist dabei einer Unzahl von Irritationen ausgesetzt, deren Folgeschäden nur mit größter Mühe und unter günstigen Umständen wieder ausgeglichen werden können. 

 

„Die am Menschen im Kindheitsalter wirksamen Kräfte erkennen, heißt den Christus im Menschen erkennen“, betonte Rudolf Steiner (3, S. 22) – und schilderte das Wirken und die Wesensart der von ihm gemeinten Kräfte im Einzelnen (4, S. 35f.). Er entwickelte eine menschenkundliche Pädagogik, die  im 20. Jahrhundert ihresgleichen sucht, und legte eine ausdifferenzierte, medizinisch hochrelevante Entwicklungsphysiologie vor

 

Das anthroposophische Verständnis der Ungeborenheit.

Um auch in diesem Bereich eine humane Medizin und Sozialgestalt der Zukunft zu ermöglichen und aktiv mit vorzubereiten, gewichtete Rudolf Steiner die „Ungeborenheit“ des Menschen hoch. Das aber heißt: die Anerkennung der Tatsache, dass das Kind vor Eintritt in die Erdenwelt, ja sogar vor Eintritt in die Empfängnis aus einer kosmischen Sphäre kommt, in der es bereits ein individuelles Dasein hat. 

 

Die Individualität, das „Grund-Ewige“ des Menschen. will von sich aus, so Rudolf Steiner, dieses Erdenleben. Die Individualität strebt auf das Erdenleben bereits präkonzeptionell zu und bildet sich in der aktiven Begegnung und Auseinandersetzung mit den Eltern und den Umweltkräften (sowie mit Unterstützung hoher geistig-hierarchischer Wesen) einen Leib, um mit ihm in der Erdenwelt sein und wirken zu können: 

 

„Das ist der radikalste Gedanke, der in die Gegenwarts-menschheit einschlagen muss, daß der Mensch sein physisches Leben nicht bloß als Vorbereitung für das Leben nach dem Tode anzusehen hat, sondern dass er es anzusehen hat auch als Fortsetzung eines geistigen Lebens vor der Geburt.“ (5, S. 251).

 

Jeder Mensch, so Rudolf Steiner, hat eine „Mission“, eine Aufgabe und ein Ziel auf Erden. Er wird weder „zufällig“ noch „überraschend“ geboren, sondern begibt sich aktiv – und oftmals gegen eine Vielzahl von Widerständen – in den Erdenraum, um hier seinen Weg, seine diesmalige „Biografie“, antreten zu können. Die „Sehnsucht“ nach derselben wird wirksam und führt zur Entwicklungsgestalt der Inkarnation.

 

In den Worten Christian Morgensterns heißt dies: 

„Was jetzt Sehnsucht ist, wird Wille, / was jetzt Wille ist, wird einst Kraft / nach der großen, reichen Stille. / Kraft, die das Gewollte schafft, / Wille, der aus diesem Schaffen / abermals uns weiter rafft.“ (6, S. 511). 

 

Die „große, reiche Stille“ verstanden Christian Morgenstern und Rudolf Steiner gleichermaßen als das Sein zwischen Tod und neuer Geburt, als die lange Zeit zwischen zwei Inkarnationen in der geistigen Welt – sowohl im Nachklang als auch in der Nachbearbeitung des letzten und in der Vorbereitung eines künftigen Erdenlebens.

 

Rudolf Steiner trat mit Nachdruck für diese „Ungeborenheit“ ein, für das Rechnen mit dieser verkannten, geleugneten, ja der völligen Nichtigkeit überstellten Seite der menschlichen Existenz.

 

„Wir ahnen nicht einmal, was uns [heute] nach dieser Richtung fehlt.“ (7, S. 260) Aus der „Sehnsucht“, die sich in der nachtodlichen Weiterwirksamkeit des beendeten Erdenlebens als der unbedingte Wille zum Ausgleich geltend macht, die Fehler und Versäumnisse des jetzt gelebten Lebens künftig zu korrigieren, entsteht der Impuls der Veränderung, der Wille des Menschen zur Zukunft.

 

Der geistige Keim des physischen Leibes und die „Sonnensphäre“

Vorbereitet wird der künftige Leib, den Forschungen Rudolf Steiners zufolge, in erster Linie in der geistigen „Sonnensphäre“, im Zusammenhang der menschlichen Individualität mit hohen Wesen der himmlischen Hierarchien, insbesondere mit Wesen der zweiten Hierarchie der Exusiai, Dynames und Kyriotetes.

 

 

Zur anthroposophischen Anthropologie der Willenskräfte

 

Die Bildung der „Geistgestalt“ einer künftigen physischen Leib-lichkeit auf Erden, eines „Geistkeims“ der kommenden Physis, wird im geistigen Kosmos veranlagt als ein „gewaltiges Gewebe von kosmischer Größe und Grandiosität“ (9, S. 115f.). „Das ist das geistige Kulturziel, und es ist gewaltiger, unendlich viel gewaltiger und großartiger als das irdische Kulturziel.“ (10, S. 201) „Wir weben die Menschheit aus dem Kosmos heraus.“ (11, S. 35). Dieses „Wir“ meint nicht die Menschenseele allein; es kann nur zusammen mit den hohen Sonnenkräften geistiger Wesenheiten schöpferisch wirksam werden, das heißt, ist von diesen in entscheidender Weise abhängig und an sie gebunden. Der Mensch lebt in der Sonnensphäre „als Geist unter geistigen Wesenheiten“; „Innen“ und „Außen“ schwinden: 

 

„Im Erleben des kosmischen Gebildes, welches der geistige Keim seines künftigen physischen Organismus ist, ist der Mensch während des vorirdischen Daseins. 

 

Dieses geistige Gebilde wird als eine Einheit mit dem ganzen geistigen Kosmos anschauend erlebt und offenbart sich zugleich als der kosmische Leib des Menschenwesens. Der Mensch fühlt den geistigen Kosmos als die Kräfte seines eigenen Wesens. Sein ganzes ungeborenes Dasein besteht darinnen, dass er sich in diesem Kosmos erlebt. Aber er erlebt nicht nur sich. Denn es trennt ihn dieses kosmische Dasein nicht wie später sein physischer Organismus von dem übrigen Leben des Kosmos ab. Er ist diesem Leben gegenüber in einer Art Intuition. Das Leben anderer geistiger Wesen ist zugleich sein Leben. 

 

In dem tätigen Erleben des Geist-Keimes seines künftigen physischen Organismus hat der Mensch sein vorirdisches Dasein. Er bereitet selbst seinen Organismus vor, indem er in der geistigen Welt mit anderen Geistwesen an dem Geist-Keim arbeitet. Wie er während des Erdendaseins durch seine Sinne in einer physische Umwelt lebt und in dieser tätig ist, so hat er im vorirdischen Dasein seinen im Geiste sich erbildenden physischen Organismus vor sich; und seine Tätigkeit besteht in der Teilnahme an dessen Gestaltung, wie seine Tätigkeit in der physischen Welt in der Teilnahme an der Gestaltung der physischen Dinge in der Außenwelt besteht.“(12, S. 49) 

 

Alleingelassen wäre der Mensch nachtodlich ohnmächtig, hilflos und verloren. Der Weg seiner Individualität durch die Sphären des Himmels ist ein Weg des Angewiesenseins und der Partizipation, der „Teilnahme“ und Anteilnahme, mithin eine Schulung zur Selbstlosigkeit. „Unsere Arbeit ist eine mit den Göttern gemeinsam geleistete Arbeit an dem Erdenmenschen.“ (11, S. 35).

Die geistige Veranlagung einer künftigen Leibesbildung findet nicht nur viele Jahrhunderte vor Antritt eines neuen Erdenseins (bzw. vor dem Eintritt in die beginnende Embryonalperiode im Mutterleib) statt, sondern bereits in der Ausweitungsphase des nachtodlichen Daseins; sie beginnt in jenem Stadium des nachtodlichen Seins, das, so Rudolf Steiner, von der Einverwandlung des Menschen in den Kosmos (dem „Kosmos-werden des Menschen“) bestimmt ist (11, S. 24). Bereits in dieser Zeit, noch lange vor dem Umschlagspunkt der „Weltenmitternacht“, an dem sich die Rückwendung des Menschen vom Kosmos zur Erde und zu seinem künftigen Erdensein ereignet, vollziehen sich die erwähnten „Geistkeim“-Vorgänge im Sonnenbereich (13, S. 38f.).  

 

Rudolf Steiner schildert des weiteren, dass bereits im Bereich des ersten kosmischen Sonnendurchganges die Individualität des Menschen Eindrücke von ihrem künftigen Erdensein gewinnt, Bilder ihres künftigen Erdenlebens – im Schicksalsausgleich des zuletzt geführten, der nunmehr kosmisch veranlagt wird. Erneut geschieht die Vorbereitung im Zusammenhang mit hierarchischen Wesen. Wesenheiten der ersten Hierarchie, Seraphime, Cherubime und Throne, führen der menschlichen Individualität ihre Ausgleichstaten gewissermaßen vor, zeigen sie ihm im Sinne eines „Götterbildes“: „Da durchleben Seraphim, Cherubim und Throne ... dasjenige, was dann unser Schicksal wird, wenn wir wiederum heruntersteigen, was wir schicksalsmäßig realisieren.“ (14, S. 137)

 

Diese Präsentation des „Götterbildes“ ist für die menschliche Individualität nicht nur tief eindrucksvoll, sondern ermöglicht die reale Annahme des künftigen Schicksals zumindest anfänglich: „Unser Karma, wie es sich erfüllen wird, wir nehmen es auf uns, weil wir es zuerst in den Göttertaten der Seraphime, Cherubime und Throne erblicken.“ (15, S. 111)

 

Bereits in der allerersten nachtodlichen Zeit, im Nacherleben und in der beginnenden Verarbeitung der jüngsten Lebensgeschichte, lange vor Eintritt in die Sonnensphäre, machen sich schicksals-bildende Kräfte und Ausgleichstendenzen initial geltend, verbunden mit Willenselementen, diesen Ausgleich in Zukunft verbindlich zu leisten: „Was jetzt Sehnsucht ist, wird Wille ...“(16) 

 

Nun jedoch, in der „Sonnen“-Phase der Leibveranlagung, geschieht erst die konkrete Schicksalsvorbereitung – denn der dort konzipierte Leib und der durch den Leib möglich werdende Lebensgang sind zu Instrumenten oder Verwirklichungsorganen der Schicksalserfüllung bestimmt. Es ist unser Leib, der uns zu wichtigen Begegnungen führt. Durch ihn, an ihm und mit ihm machen wir irdische Erfahrungen und tragen sie aus; an ihm und in ihm ereignen sich auch all unsere Krankheiten, Traumatisierungen und Schmerzen, denen eine schicksalhafte Dimension zumindest partiell zukommt. Mit Hilfe des Leibes aber werden auch viele unserer Lebensfreuden und -taten möglich,die ebenfalls zu unserem sinnvollen, schicksals-bezogenen (-getragenen und -stiftenden) Erdenweg gehören. Mit der künftigen Leiblichkeit wird das konkrete Schicksal des Menschen also schon in der Sonnensphäre konzipiert. An beiden, in sich jeweils fundamentalen Vorgängen, der geistigen Leibbildung und der eigenen Schicksalsveranlagung, ist die Individualität des Menschen beteiligt – mehr aber auch nicht. 

Sie formt aus ihren eigenen Kräften heraus weder den Leib noch das ausgleichende Schicksal. Sie nimmt jedoch an der Gestaltung von Leib und Schicksal teil, ist einbezogen und präsent, wobei sie sich noch bis zum „Mitternachtspunkt“ ihrer Wanderung weiter von der Erde entfernt. Sie wird dabei, im Heraustritt aus der Sonnensphäre, in planetarische Bereiche und Kräfte geführt, die fähigkeitsbildend oder – veranlagend wirken und solchermaßen gestatten, das konzipierte Schicksal in Zukunft tatsächlich leben und ausgestalten zu können.

 

Unsere Talente ermöglichen die Erfüllung unserer Erdenaufgaben, die uns schicksalhaft eingeschrieben sind. Zu diesen Aufgaben gehören nicht nur spezifische Arbeiten in der Erdenwelt, die dort auf uns warten, sondern auch Begegnungen und menschliche Beziehungen, in denen vieles zu leisten und wieder gutzumachen ist.

 

Zeit-, Raum- und Sozialgefüge der Inkarnation
Dann jedoch ereignet sich der Wende- oder Umschlagspunkt – der Übergang vom Kosmoswerden des Menschen zum Menschwerden des Kosmos(11, S. 24). Das„Selbstgefühl“ erwacht in kosmischen Höhen in neuer und intensiver Weise und mit diesem Erwachen des Selbstgefühls tritt, so Rudolf Steiner, das Bedürfnis nach einem neuen Erdendasein auf, der „Hunger nach der Schwere“(17, S. 94f.).

Geleitet von hohen hierarchischen Wesen vollzieht (und erfährt) die Individualität des Menschen nun die Wahl von Zeit und Raum ihres künftigen Erdenseins, trifft die folgenreiche Entscheidung für eine bestimmte geschichtliche Epoche und einen bestimmten Ort – als Lebens-, Sprach-, Kultur- und Geschichtsraum der frühen Kindheit (und möglicherweise auch des späterenLebens). Erst danach, so Rudolf Steiner weiter, findet die „Wahl“ des familiären „Stromes“, erneut mit hierarchischer Hilfe statt, eines Familien- und Erbzusammenhangs, in den die Individualität viele Jahrhunderte später hineingeboren wird und an dessen Ausgestaltung sie bereits von der geistigen Welt aus beteiligt ist (13, S. 42f.).

 

Das bisherige „Himmelsinteresse“ wird in dieser Zeit der kosmischen Wanderschaft, der „großen, reichen Stille“, zu einem Interesse an den Generationenfolgen. „Nachdem man zuerst in den Kosmos hineingewachsen ist, wächst man später in die reale, in die konkrete Menschengeschichte hinein.“ (11, S. 39)

All dies sind Vorgänge, die nicht mehr zur kosmischen Ausweitungsphase, sondern bereits zum Vorgang der Menschwerdung, zum Konzentrations- und Inkarnationsprozess in der Richtung der Erde gehören. 

Der Lebens-Vorblick und die Schicksalsbereitschaft
Die letztgültige oder letztverbindliche Annahme des individuellen Schicksals im künftigen Erdensein geschieht, so Rudolf Steiner, erst in der wirklichen Annäherung an die Erdensphäre, in der Integration des im „Monden“- Bereich zurückgelassenen, beladenen „Restes“ des letzten Erdenseins (13, S. 36 und 52f.) und in der finalen Gewahrwerdung der wirklichen Dramatik des künftigen Erdenseins. Diese Dramatik betrifft nicht lediglich persönliches Unglück und persönliches Leid, die Teil des eigenen Karmas sind und in einem Ausgleichszusammenhang stehen, sondern auch das „Zeitenkarma“, dem sich der Einzelne stellen muss und dem er sich – spätestens seit Anbruch des 20. Jahrhunderts und der realen „Globalisierung“ aller Erdenereignisse – immer weniger entziehen kann. Am 2. Mai 1913 sprach Rudolf Steiner in London über dasjenige, was im geistigen Umraum der Erde durch die Folgen des Materialismus im 19. Jahrhundert geschah und vermutlich auch weiterhin geschieht – und berichtete von einem zweiten Mysterium von Golgatha im Ätherischen und von den schweren Leidensvorgängen des Christus und der sogenannten nathanischen Seele (18, S. 44f.), (19, S. 93f.), (20, S. 25f.), (21,S. 74f.). 

Durch diesen Gürtel des Leides hindurch muss sich die Menschenseele inkarnieren – und sie begegnet in der Annäherung an die Erdensphäre vielen Seelen, die sich gerade von ihrem Leib gelöst haben und teilweise Opfer von Kriegen und Gewalttaten, aber auch zivilisatorisch bedingten Vorgängen der Sinnentstellung und der geistigen Leere geworden sind (1), (23), (24, S. 1471f.).

Die Menschenwesenheit muss in dieser Situation in einem Vorblick auf ihr künftiges Erdensein ihren bereits getroffenen Willensentschluss zum Antritt der Erdenbiografie aufrecht erhalten und noch einmal bekräftigen.

„Unmittelbar vor der Verkörperung tritt ein sehr wichtiges Ereignis ein, das demjenigen im Moment des Todes parallel ist. Wie unmittelbar nach dem Tode die Rückerinnerung an das vergangene Leben gleich einem Tableau vor die Seele tritt, so ist unmittelbar vor der Einkörperung eine Art Vorgesicht auf das kommende Leben vorhanden. Man sieht nicht alle Einzelheiten, aber in großen Umrissen alle Verhältnisse des kommenden Lebens vor sich. Dieser Moment ist von ungeheurer Bedeutung.“(25, S. 52) 

Ein „Vorgesicht“ – „ein Vorausschauen der Zukunft, ein Vorauswissen“ – ereignet sich, so Rudolf Steiner, „wenn nun der Mensch mit seinem zukünftigen Ätherleib sich verbindet“ (26, S. 159).

Der Zeitpunkt des biografischen Vorblicks liegt damit ungefähr bei der irdischen Empfängnis (und den auf sie folgenden Wochen) – während sich die Ei- und die Samenzelle verbinden, „kleidet“ sich die menschliche Geistseele in einen ätherischen, aus kosmischen Kräften zusammengezogenen Organismus ein (27, S. 104). In der Verbindung der Geistseele – respektive der in ihr wirkenden Individualität – mit diesem ätherischen Organismus entsteht das „Vorgesicht“, der Vorblick auf das künftige Erdensein mit all seinen Hindernissen, Schicksals- und Zeitbürden. 

„Dieser Moment ist von ungeheurer Bedeutung. Es kommt vor, dass Menschen, die in früheren Leben viel gelitten haben und sehr Schweres durchgemacht haben, beim Anblick der neuen Verhältnisse und Schicksale einen Schock bekommen und die Seele zurückhalten vor der ganzen Einkörperung, so daß nur ein Teil der Seele in den Körper eingeht.“(25, S. 53).

 Rudolf Steiner deutet auf Entstehungsumstände einer – im weitesten Sinne – „behinderten“ Inkarnation hin (und nannte die Neigung zu Krampfanfällen als ein Beispiel für diesen Zusammenhang). Aber auch eine gänzliche Verweigerung und ein Rückzug können erfolgen – und bekanntlich führt ja keinesfalls jede gelungene Ei- und Samenzellvereinigung zu einer wirksamen Schwangerschaft und späteren Geburt. Hier, zu diesem Zeitpunkt, ist demnach ein letztgültiger Willensentschluss zum Antritt der Erdenbiografie von Seiten der Individualität aktiv zu fassen. 

Anmerkung  
Zur Bedeutung dieser generationalen Begegnung der Ungeborenen (nahe vor der Konzeption Stehenden) und der Gestorbenen im Hinblick auf die Entstehung der ersten Waldorfschule vgl. unter anderem (22).

Der die Inkarnation wollende Mensch ist dabei keineswegs völlig allein – nicht nur erwartende Eltern können sich gegebenenfalls unterstützend in seine Richtung wenden, sondern auch das Christus-Wesen lebt, so Rudolf Steiner, im ätherischen Umraum der Erde. Ihm begegnet die Menschenseele unmittelbar nach dem Tod, in der Lösung vom ätherischen Leib („In Christo morimur“), aber auch vor Anbeginn des Erdenweges, als einer helfenden und geleitenden Macht. 

 

Ahrimanische Akzeleration und Kognition 

Nicht nur die Embryonal- und Fötal- und die frühkindliche Entwicklung des sensiblen und labilen Menschenwesens ist umkämpft, sondern auch die kosmisch vorausgehende Wegstrecke des Inkarnationsganges, seit dem Umschlag der „Weltenmitternacht“ vom „Kosmisch Werden des Menschen“ zum „Menschwerden des Kosmos“, wie Rudolf Steiner in London am 24. April 1922 ausführte: 

 

„Ahriman erreicht seine großen Erfolge dadurch, dass er die zweite Hälfte des menschlichen Lebens vom Tode bis zu einer neuen Geburt verkürzt. Dadurch ergreift er mit einer großen Hast, mit einer starken Energie das menschliche Gehirn mit seiner Denkkraft. Er hakt sich gewissermaßen in das Gehirn hinein. Ahriman sucht die Menschen dadurch immer mehr an die Erde zu bannen. Das ist die Art, wie ahrimanische Kräfte immer mehr auf den Menschen wirken, wie sie die Denkkraft immer mehr hereinbringen wollen in das Erdenleben in Bezug auf die geistige Welt: die Menschen kommen ein bis zwei Jahrhunderte zu früh auf die Erde.“ (28, S. 192) 

 

Steiners paradigmatische Aussagen öffnen den Verständni-horizont für die vielen Kinder, die heutzutage bereits kurz nach der Geburt unruhig und überwach erscheinen und später, inmitten einer kognitiv zentrierten Zivilisation, eine einseitige Zentrierung (und Förderung!) im Sinnes- und Intelligenzbereich erfahren – durch digitale Medien und entsprechende „Erziehungstechniken“ gestützt und ganz im Sinne Ahrimans bzw. der von ihm betriebenen Mechanisierung und Kapitalisierung der Erde. Als Ursachen für die Eigenart dieser Neugeborenen werden oft Irritationen in der Schwangerschaft gesucht, im Lebensfeld und in der Lebensstimmung der Mutter, auch in der Atmosphäre der Geburt. Rudolf Steiner wies dies nicht vollständig zurück, weitete aber die Perspektive der Betrachtung ganz erheblich aus – „die Menschen kommen [durch die ahrimanischen Kräftewirksamkeiten] ein bis zwei Jahrhunderte zu früh auf die Erde...“ 

 

Der kosmische Mensch und seine Hüllenorgane 

Man sollte, so betonte er, diese Zusammenhänge kennen, sich jedoch nicht durch sie entmutigen lassen – und vielmehr versuchen, dazu beizutragen, dass die damit umrissene Entwicklungstendenz nicht zur völligen Dominanz gelangt. Die von Ahriman bewirkte Beschleunigung und „Verkürzung“ der präkonzeptionellen Entwicklungszeit kann von uns, „nach menschlichem Ermessen“, nicht beeinflusst werden. Bei der Gestaltung der Schwangerschaft, der Geburt und der frühkindlichen Entwicklung aber sind menschliche Haltungen und Entscheidungen gefragt – Haltungen und Entscheidungen aus Menschenerkenntnis, auf der Grundlage einer realen Anthropologie, einer humanspezifischen Inkarnationslehre, die mit Hilfe der Anthroposophie neu ausgebildet werden kann. Zu dieser Inkarnationslehre gehören die Erkenntnis des Urbildes der „kosmischen Menschwerdung“ aus dem kosmischen Umkreis in die irdische Zentrierung des Leibes – und auch die Einsicht darin, dass die höheren Wesensglieder des Menschen, trotz der anhaltenden Eingriffe Ahrimans, in der Schwangerschaft noch immer peripherisch wirken. 

 

 „Zwar ist dieser Mensch, der aus Ich, Astralleib und Ätherleib (aber noch nicht aus einem physischen Leib) besteht, durchaus vom Moment der Empfängnis an in der Nähe der Mutter, die den befruchteten Menschenkeim in sich hat, aber er wirkt von außen ein.“(29, S. 55) 

Ich, Astralleib und Ätherleib leben und gestalten in und aus den Hüllorganen des Embryos und Fötus. 

 

Zu Medizinstudenten und jungen Ärzten sagte Rudolf Steiner im April 1924: 
„Dieses Physische im Embryo, das ist allerdings wunderbar ausgebildet, aber daran hat der vorirdische Mensch selbst zunächst den wenigsten Anteil. – Dagegen hat der Mensch, der vorirdische Mensch, den größten Anteil an alldem, was rund herum ist. Darinnen lebt der vorirdische Mensch, in dem, was im Physischen eigentlich abgebaut wird und als Abgebautes, als Chorion, Amnion und so weiter, mit der Nachgeburt abgehtt. Da drinnen lebt der vorirdische Mensch.“ (30, S. 147) 

 

Auch gegenüber Theologen führte Steiner aus: 
„Die Keimesentwickelung wird, ich möchte sagen, nur unvollständig studiert. Es wird gewöhnlich nur so studiert, daß man bei der Keimzelle anfängt, bei der Bildung der Keimzelle, bei der Bildung der Keims
cheibe, kurz, man verfolgt die Evolution herauf von der ersten Keimzelle, die befruchtet ist, durch ihre Bildungsprodukte und so weiter bis zur Reife des Embryos, wo er dann ausgestoßen, das heißt, grboren wird. Aber man verfolgt nicht gleichzeitig dasjenige, was im Chorion, Amnion usw an Organen sich entwickelt im mütterlichen Leib, die um den Embryo herum sind, und die in ihrer Art am vollkommensten sind im Beginne der embryonalen Entwickelung, die immer komplizierter werden und dann abgestoßen werden bei der Geburt des Embryos. Wir haben es in demjenigen, was aus dem Keim herausgeht, durchaus zu tun mit einer aufsteigenden Evolution, und die Involution besteht dabei darin, daß das Geistig-Seelische von den Organen, in denen es sich zuerst festgesetzt hatte im mütterlichen Organismus, vom Chorion, vom Amnion, nach und nach dann übergeht zum eigentlichen Eikeim, zum eigentlichen Embryo, so daß wir haben eine Involution des Geistig-Seelischen im Materiellen.Das Materielle der Geburtshüllen wird letztendlich abgestoßen, und dann haben wir eine darauffolgende Evolution des Embryo.“(31, S. 256).

 

Die höheren Wesensglieder des Menschen gehen im Verlauf der Schwangerschaft „nach und nach“ auf den „eigentlichen Eikeim“ über – und die Individualität beginnt ab dem Ende der dritten postkonzeptionellen Woche in die physische Leibesentwicklung einzugreifen. Zu dieser Zeit setzt auch der embryonale Herzschlag ein, das heißt, die Tätigkeit jenes peripherisch-zentralen Organs, das wie kein anderes mit der menschlichen Individualität und ihrem Leibesschicksal verbunden ist (33). Anmerkung 3).

 

Zu Rudolf Steiners verschiedenen Schilderungen dieses Zeitpunkts vgl. (32, S. 691f.).

 

Trotz ihrer sukzessiven Verbindung mit der embryonalen Physis beherrschen aber die höheren Wesensglieder auch nach der dritten Schwangerschaftswoche in erster Linie noch immer die Hüllenorgane (und nicht den Keim) des Embryos. Hier, im Umraum des physischen Leibes, wird über die gesamte Schwangerschaft eine periphere Organisation aufrecht erhalten, deren kosmische Ausrichtung sich in der sphärischen Gestalt der Hüllen unübersehbar offenbart und die den Weg in die Gesetzmäßigkeiten der physischen Welt nur eingeschränkt mitgeht. Die plazentare Hülle macht deshalb nach der siebten postkonzeptionellen Woche, am Übergang der embryonalen zur fötalen Werdezeit, die zunehmenden Mineralisierungsprozesse und damit den ersten Ansatz zur späteren Knochenbildung nicht mit – so wenig, wie auch die sich zur selben Zeit ausbildende, polar orientierte Geschlechtsorganisation (34, S. 12f.). Das mit seinen höheren Wesensgliedern verbundene plazentare Umfeld des Kindes steht in Beziehung zur kosmischen Ausrichtung seines Wesens und seiner Herkunft; es hält sich daher von den Erdenkräften (bzw. der „Inanspruchnahme des Menschen durch das Irdische“) fern und übt seinen kosmischen Einfluss bis zur Geburt hin aus – bis zu jenem Moment, in dem das Kind auch physiologisch endgültig in den Erdenraum eintritt, selbständig zu atmen beginnt und damit in der physischen Welt ankommt. Vor seiner Geburt steht der Mensch noch „in der Hut“ der über dem Physischen stehenden Wesenheiten, er lebt und entwickelt sich in der geschützten Sphäre der Gebärmutter und unterliegt einer höheren Führung:


„Der mütterliche Uterus gibt die Stätte ab, wo dasjenige geschieht, was gegen die irdischen Kräfte geschützt ist. Sie müssen sich den mütterlichen Uterus als ein Organ vorstellen, welches den Raum abschließt, der die Wirkung der irdischen Einflüsse nicht hereinlässt, so dass der Raum ausgespart wird für kosmische Wirkungen. Wir haben einen Raum, der unmittelbar mit dem Kosmos in Verbindung steht, in dem sich kosmische Wirkungen abspielen.“(35, S. 121f.)

 

Diese uterine „Hut“ kann nach der Geburt nicht mehr in der vorherigen Weise fortgesetzt werden; sie geht aber zumindest teilweise auf den Sozialraum der Eltern über, in deren verantwortliches Sein (Näheres siehe Friedrich Kipp: Höherentwicklung und Menschwerdung. Stuttgart 1948, erweiterte Neuauflage unter dem Titel: Die Evolution des Menschen im Hinblick auf seine lange Jugendzeit, Stuttgart 1980).

 

Die extraembryonale Organisation kommt als Plazenta, als Nachgeburt zur Welt und stirbt ab, wird zum „Leichnam“ des bisherigen, über neun Monate gelebten Lebens. Die Plazenta wurde deshalb in vielen spirituellen Hochkulturen mit Achtung und Würde behandelt und in ihrer geistigen Bedeutung gesehen, als Schutz und Helfer bzw. als Weggefährte des Kindes zur Erde, als – so die alttestamentliche Formulierung – „Bündlein der Lebendigen“(36), (34, S. 63).

 

Ihre gesonderte Bestattung wurde über lange Kulturzeiträume hinweg in ritueller Weise und mit personaler Würde ausgeführt; sie wurde als Wesensteil des Menschen und als Zeichen seiner Herkunft, seiner kosmischen Vorgeburtlichkeit gesehen. Wolfgang Schad, der auf diese Zusammenhänge immer wieder eindringlich aufmerksam gemacht hat, berichtet von einer ägyptischen Schieferdarstellung vom Ende vom vierten Jahrtausend vor Christi Geburt, auf der dem Pharao bei einer Prozession seine mumifizierte Nachgeburt als Teil seiner Insignien vorangetragen wurde.

Repräsentierte der Pharao für das altägyptische Mysterien-verständnis den Sonnengott, so seine mumifizierte Plazenta die Geistigkeit des Mondes bzw. der Mondensphäre – seine Grabstätte bestand daher nicht selten aus zwei Pyramiden Dabei war das kleinere Südgrab für die mumifizierte Plazenta bestimmt, in der der göttliche Geist verehrt wurde (34, S. 63 und 74).

 

So lebte in alten Zeiten ein Wissen von der kosmischen Herkunft des Menschen, von seiner „Ungeborenheit“, die dem realen Übertritt in die Erdengemeinschaft vorangeht. 

 

Die weiterwirksame Ungeborenheit des Menschen

Die „Hauptaufmerksamkeit“, so Rudolf Steiner 1920, "ist in Zukunft auf die Gewahrwerdung dieser „verborgenen“, „übermenschlichen“ oder „göttlichen“ Dimension in der frühen Kindheitszeit zu richten.„Wir müssen gewissermaßen lernen, abzulauschen dem heranwachsenden Menschen die Offenbarung des Geistig-Seelischen, wie es war vor der Geburt oder vor der Empfängnis.“ (37, S. 75)

 

Es gehe darum, in dem heranwachsenden Kind in der ersten Zeit seiner Entwicklung auf Erden das Fortwirken einer kosmischen Seinsqualität wahrnehmen zu lernen, einen weiterhin wirksamen Aspekt seiner „Ungeborenheit“. Erzieher, Lehrer, Ärzte und andere Begleiter der Kinder sollten, so Steiner, innerlich bereit und in der Lage sein, „mit einer ungeheuren Ehrfurcht vor dem Kinde zu stehen und zu wissen: Da ist ein Göttlich-Geistiges auf die Erde heruntergestiegen“ (38, S. 19).

 

Dieses konkrete Wissen kann das Herz des Kindesbegleiters durchdringen und ihn zur Wahrnehmung seiner Aufgabe befähigen („darauf kommt es an ...“).

Aus Rudolf Steiners Forschungen folgt auch, dass im Kind in den ersten Jahren seines Erdenseins nicht nur die Kräfte der dritten Hierarchie weiterleben und seinen fundamentalen Entwicklungsschritten – aus der Geist- in die Erdenwelt „herüberwirkend“ – hilfreich beistehen; vielmehr führt das Kind in diesem Zeitraum in seiner ganzen Wesensverfassung, Lebensart und Geistigkeit bis zu einem gewissen Ausmaß fort, was ihm schon vor dem Eintritt in das Erdensein eigen war.

 

Am 12. August 1924 sagte Steiner dazu in England: 
„Vor dem Zahnwechsel ist an dem Kinde wirklich deutlich noch wahrzunehmen, wie dasjenige nachwirkt, richtig nachwirkt, was das Kind als Lebensgewohnheiten vor der Geburt, beziehungsweise vor der Konzeption in dem vorirdischen Leben in der geistigen Welt hatte. Der Körper des Kindes tut da fast so, als ob er Geist wäre; denn der Geist, der heruntergestiegen ist aus der geistigen Welt, ist noch voll tätig in dem Kinde in den ersten sieben Lebensjahren.“ (38, S. 15)

 

 

Die kosmischen „Lebensgewohnheiten“ des Kindes wirken in den ersten Lebensjahren weiter, in einer Entwicklungszeit, in der sein eigentliches Wesen noch gar nicht vollständig in den Leib eingezogen ist:

 

Diese Wesenheit mit den Erlebnissen, die geistig durchgemacht worden sind, steigt herunter, verbindet sich zunächst in einer losen Weise mit dem Physischen des Menschen während der Embryonalzeit und ist im Grunde genommen noch in loser Weise, gewissermaßen äußerlich als Aura den Menschen umschwebend, in dem ersten kindlichen Zeitalter zwischen der Geburt und dem Zahnwechsel noch gegenwärtig.“(39, S. 27) 

 

„Äußerlich als Aura den Menschen umschwebend“ ist die Individualität des Kindes dabei noch überaus aktiv. Die gewaltigen Entwicklungsschritte des aufrechten Ganges, des Sprechens und Denkens – sowie viele weitere Lebensprozesse und aktive Verwirklichungsformen des Kindes – urständen in diesem kosmisch-peripheren Kräftebereich und entspringen keinesfalls der zellulären Genetik oder anderen zentralen Strukturen. In „loser Weise“ mit dem Körper verbunden zu sein, heißt für die Wesenheit des Kindes noch empfänglich für die mithelfenden Wirkungen der Archai, der Archangeloi und der Angeloi zu sein – mit ihnen zusammen gelingt der Erwerb des aufrechten Ganges, der Sprache und des Denkens (4, S. 26f.). 

 

Seine noch ausgesprochen peripherische Orientierung, die als zeitlich befristete Endstrecke eines kosmisch-peripherischen Bewusstseins (und einer entsprechenden „Lebensgewohnheit“) verstanden werden kann, bedingt auch die besondere seelische „Offenheit“ des Kindes – und dies keineswegs nur im Hinblick auf die geistige Welt bzw. die in ihr wirksamen Hierarchien, sondern auch in der intensiven frühen Wahrnehmungs- und Nachahmungstätigkeit des Kindesalters. 

 

Über den spirituellen Hintergrund dieser intensiven, frühen Wahrnehmungs- und Nachahmungsfähigkeit des Kindes für die es umgebende Sinneswelt sagte Rudolf Steiner: 
Durch den ganzen Organismus rieselt dasjenige, was an Eindrücken aus der Umgebung kommt, klingt nach, tönt nach, weil das Kind noch nicht so innig wie der Mensch 
später mit seinem Körper verbunden ist, sondern noch in dessen Umgebung lebt mit seinem loseren Geistig-Seelischen. Daher wird alles aufgenommen, was an Eindrücken aus dieser Umgebung kommt.“ (39, S. 28)

 

Die „leiblich-religiöse“ Hingabe an die Umgebung in den ersten Kindheitsjahren, das hingabevolle Leben desKindes im Umraum, ist Ausdruck seiner besonderen Wesensgliederkonfiguration, die noch ganz der menschlichen Sinnesorganisation entspricht (40, S. 41f.) und hat mit seinen vorgeburtlichen vorkonzeptionellen „Lebensgewohnheiten“, dem Modus des Lebens in der geistig-kosmischen Welt zu tun. Diese kosmische „Lebensgewohnheit“ oder „Lebensart“ beschrieb Rudolf Steiner an anderer Stelle als eine Form des „Einsseins mit der Umgebung“ oder einer „intuitiven“ Daseinsverfassung, die kennzeichnend für das letzte Drittel der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt ist: 

 

„Intuitionen bestehen ja gerade darin, dass der Mensch sich mit seinem Selbst, seinem Seelischen, in andere Wesenheiten versetzt.“ (41, S. 283) 

Das „Sich-Ver-setzen ins andere Leben“ kennzeichnet auch die Bewusstseinsverfassung und den Lebensvollzug der vorgeburtlichen menschlichen Individualität im Kosmos vor dem Beginn der Inkarnation – ebenso wie andererseits die Daseinsgestalt und -haltung des kleinen Kindes: „Es muß das tun, was andere tun, nicht was aus ihm selbst hervorgeht, sondern imitierend, nachahmend wird getan, was der andere tut.“ (41).


Die Nachahmungsfähigkeit des Kindes ist demnach ein Nachklang seines geistigen Seins und Erlebens in der geistigen Welt, ein Nachklang seiner „Ungeborenheit“. Mit dieser Verfassung und Gestimmtheit – oder zumindest einer machtvollen Kraft aus diesem Bereich – tritt es seinen Lebenslauf im Erdenbereich an, voller Vertrauen und Hingabe. Diese vertrauensvolle Hingabe kann jedoch getäuscht und auch missbraucht werden, vom Ausgeliefertsein an eine Konsum- und Medienwelt bis hin zu den Tragödien der frühkindlichen Traumatisierung, des Missbrauches der Kinder auf allen Ebenen:

 

„Das Kind spricht, so wie es als nachahmendes Geschöpf in die Welt hereintritt, gewissermaßen überall das Urteil aus: Ich glaube an die Güte der Welt, die mich aufgenommen hat. Das ist ein unbewusstes Urteil des Kindes.“ (42, S. 228).

 

Die Ungeborenheit des Menschen und ihre Bedrohung

Die gegenwärtigen Bedrohungen am Tor der Konzeption und Geburt – und nicht nur diejenigen der frühen Kindheit – werden nun evident und erkennbar: Nach Schätzungen der WHO entschloss sich bereits 2011 etwa ein Fünftel aller schwangeren Frauen zu einem Abbruch der Schwangerschaft – und die Zahlen steigen angesichts der sich ausweitenden pränatalen Screening-Möglichkeiten immer noch an.

 

Auf der anderen, dazu polaren Seite „boomt“ die Häufigkeit der In-vitro-Fertilisationen im Diktat ihrer Machbarkeit. Die mit ihr verbundenen ethischen Herausforderungen, Schwierigkeiten und Abgründe müssen weithin noch bekannter werden, denn sie reichen bis hin zur Selektion der Embryonen nach morphologischen Güteklassen. Soziokulturelle und psychische Probleme, wie die der Kinderlosigkeit oder „Unfruchtbarkeit“, werden technologisch „gelöst“ –  mit Entgrenzungen, die vor Jahrzehnten noch undenkbar waren. Die Frage nach der „Ungeborenheit“, nach der Würde und dem Recht des Kindes respektive der die Inkarnation wollenden Individualität, wird gemeinhin gar nicht gestellt, weder bei den selektiven Schwangerschaftsabbrüchen noch bei der technisch "gemachten" Gravidität. Die Medizin und die um sich greifende Biotechnik stehen vielmehr in der Gefahr, zu funktionellen Erfüllungsgehilfen gesamtgesellschaftlicher Normen zu werden. Und dies auch dort, wo sich zivilisatorische Erwartungs- und Anspruchshaltungen im einzelnen Menschen artikulieren und damit (ein sehr fraglicher) Ausdruck individuellen Wollens sind – bis hin zum „Social Egg Freezing“, einem Verfahren, das Frauen verspricht, die Reproduktion (zur optimalen Biografie- und Karriereplanung) zeitlich in den Griff zu bekommen, was aber zugleich sehr trivialen Wirtschaftsinteressen entspricht. Die „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross) weitet sich aus und diktiert das Geschehen. Und auch die pränatale Diagnostik nicht krankheitsrelevanter, aber ge-samtgesellschaftlich erwünschter oder unerwünschter Merkmale – mit nachfolgender Intervention – ist längst keine Orwell-Fantasie mehr, sondern medizinische Wirklichkeit. Der Soziologe Luc Boltanski spricht vom „projektgebundenen Kind“ in einer „projektbasierten Gesellschaft“, die alles zu bestimmen sucht, nicht nur den Zeitpunkt und die Schmerzfreiheit der „kontrollierten“, nichtnatürlichen Geburt (die am Ende das einzig akzeptierte Verfahren sein soll und in manchen Ländern schon nahezu ist), sondern auch das Sein des Kindes – sein Sein überhaupt, aber auch sein So-Sein. 

 

„Wenn wir noch einmal zusammenkommen, werde ich Ihnen erzählen, wie die ahrimanischen Mächte darauf aus sind, das Karma des Menschen totzuschlagen, damit sie ihr Ziel erreichen“, sagte Rudolf Steiner zu den Medizinstudenten und Ärzten im April 1924 (30, S. 204). Er kam nicht noch einmal mit ihnen zusammen, aber dasjenige, was er ihnen schildern wollte, erlebten und erleben wir alle. „Wehe der Menschenwelt, wenn ihr Werden gestört wird!“, steht warnend bei Matthäus 18,7 (43, S. 44f.), (4, S. 50f.)

 

Von der Erdenzukunft des „Göttergeschöpfes Mensch“ 

Rudolf Steiners Darstellungen zur Ungeborenheit, zum kosmischen Dasein der Individualität vor Eintritt in das Erdensein, aber auch zur Embryonal-, Fötal- und frühkindlichen Entwicklung wirken vor dem Hintergrund zeitgenössischer Denkmuster und Verhaltensformen, Technologien und Interventionen archaisch – sind aber ultramodern und hochaktuell. Sie sind ein radikaler Gegenwurf zur Gegenwartskultur und wurden von Steiner auch als solcher formuliert, im vollen Bewusstsein der bereits angebrochenen Entwicklungen. Kennt man die modernen medizinisch-ethischen Debatten im Spannungsfeld von Konzeption und Geburt, die zum Teil auf hohem Reflexionsniveau geführt werden und die Abgründe der modernen Biotechnologie (und der von ihr abhängigen Medizin) detailliert, so erfährt man Steiners anthroposophische Menschenkunde als notwendige Ergänzung (44, S. 20). Die wissenschaftliche und gesamtgesellschaftliche Erschließung, Vertretung und Umsetzung dieser realen Menschenkunde gehört zu den spirituellen Kernaufgaben der anthroposophischen Ärzteschaft der Gegenwart und Zukunft; ein Versäumen oder Negieren solcher Bemühungen dagegen gehört in den Bereich der „unterlassenen Hilfeleistung“ – im gesamtzivilisatorischen Maßstab. 

 

Es gibt einen wenig bekannten mantrischen Spruch Rudolf Steiners (45, S. 315), (4, S. 54f.), der von der Leibbildung des Menschen aus den Kräften der göttlichen Trinität handelt, in deren Wirksamkeit der Mensch verantwortlich einbezogen ist. Er ist gefragt oder zur Mithilfe „angerufen“ (Martin Buber), als Mediziner, Therapeut und Erzieher, heute mehr denn je zuvor:

 

 

Von den Höhen wirkendes Geistgestirn
In dem Umkreis schaffende Sonnenmacht Aus den Tiefen strebende Gottgewalt Schenken dem Menschenkeime
Segnend, heilend, belebend
Des Leibes Tempelbau. 

 

Aus frei waltendem Geisteslicht
In Liebe spendender Seelenkraft
Durch Treue geheiligten Opferwillen Schafft der Mensch dem Menschenkinde

 

Des Leibes Nahrung
Der Seele Werden
Die Erdenzukunft dem Göttergeschöpf. 

 

Welten opfern
Geister segnen
Ich-Wille wirket
Heil dem Geist-gesegneten Wort-belebten Gott-geborenen Menschensohn. 

 

Rudolf Steiner: Wahrspruchworte, GA 40 

 

 

 

Literatur

1. Steiner R. Der innere Aspekt des sozialen Rätsels. GA 193. 5. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2007. 

2. Steiner R. Die Mission der neuen Geistesoffenbarung. GA 127. 2. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1989. 

3. Steiner R. Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit. GA 15. 10. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag;1987. 

4. Selg P. Kindheit und Christuswesen. Von der therapeutischen Haltung im Angesicht der Bedrohung. Arlesheim: Verlag des Ita Wegman Instituts; 2015.

5. Steiner R. Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen. GA 192. 2. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1991. 

6. Morgenstern C. Werke und Briefe. Kommentierte Stuttgarter Ausgabe (StA). Band I. Lyrik1887–1905. Hg. Martin Kießig. Stuttgart: Verlag Urachhaus;1988. 

7. Steiner R. Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken. GA 335. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2005. 

8. Selg P. Der Wille zur Zukunft. Arlesheim: Verlag des Ita Wegman Instituts; 2011.

9. Steiner R. Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus. GA 218. 3. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1992. 

10. Steiner R. Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich-geistigen Individualitäten. GA 224. 3. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1992. 

11. Steiner R. Menschenwesen, Menschenschicksal und Welt-Entwicklung. GA 226. 5. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag;1988. 

12. Steiner R. Drei Schritte der Anthroposophie. Philosophie –Kosmologie – Religion. GA 25. 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1999. 

13. Selg P. Ungeborenheit. Die Präexistenz des Menschen und der Weg zur Geburt. 3. Aufl. Arlesheim: Verlag des Ita Wegman Instituts; 2013.

14. Steiner R. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusam-menhänge. Erster Band. GA 235.8. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1994.

15. Steiner R. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusam-menhänge. Fünfter Band. GA 239. 3. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1985.

16. Steiner R. Theosophie. GA 9.32. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2003.

17. Steiner R. Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen. Die Suche nach der neuen Isis, der göttlichen Sophia. GA 202. 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1993.

18. Steiner R. Vorstufen zum Mysterium von Golgatha. GA 152.3. Aufl. Dornach: Rudolf SteinerVerlag; 1990. 

19. Prokofieff SO. Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben; 1982.

20 Prokofieff SO. Der esoterische Weg durch die neunzehn Klassenstunden im Lichte des übersinnlichen Mysteriums von Golgatha und des Fünften Evangeliums. Dornach: Verlag am Goetheanum; 2014.

21. Selg P. Die Leiden der nathanischen Seele. Anthroposophische Christologie am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Arlesheim: Verlag des Ita Wegman Instituts; 2014. 

22- Steiner R. Vergangenheits-und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen. Die geistigen Hintergründe der sozialen Frage, Band II. GA 190. Vortrag vom 23.03.1919. 3. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1980.

23. Steiner R. Die Erziehungsfrage als soziale Frage. Die spiri-tuellen, kulturgeschichtlichenund sozialen Hintergründe der Waldorfschul-Pädagogik. GA 296. 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1991.

24. Selg P. Rudolf Steiner. 1861–1925. Lebens- und Werkgeschichte. Zweiter Band. Arlesheim: Verlag des Ita Wegman Instituts; 2012.

25. Steiner R. Vor dem Tore der Theosophie. GA 95. 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1990.

26. Steiner R. Grundelemente der Esoterik. GA 93a. 3. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1987.

27. Steiner, R. Die Philosophie, Kosmologie und Religion in der Anthroposophie. GA 215. 2. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1980.

28. Steiner R. Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung. GA 211. 3. Aufl.Dornach: Rudolf Steiner Verlag;2006.

29. Steiner R. Die Theosophie des Rosenkreuzers. GA 99. 7. Aufl.Dornach: Rudolf Steiner Verlag;1985.

30. Steiner R. Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst. GA 316.5. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2008.

31. Steiner R. Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken II. GA 343. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1993.

32. Selg P. Vom Logos menschlicher Physis. Die Entfaltung einer anthroposophischen Humanphysiologie im Werk Rudolf Steiners. Studienausgabe. 2. Band.Dornach: Verlag am Goetheanum; 2006.

33 Selg P. Mysterium cordis. Von der Mysterienstätte des Men-schenherzens. Aristoteles. Thomas von Aquin. Rudolf Steiner. 2. Aufl. Dornach: Verlag am Goetheanum; 2006.

34. Schad W (Hg). Die verlorene Hälfte des Menschen. Die Plazenta vor und nach der Geburt in Medizin, Anthroposophie und Ethnologie. 3. Aufl. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben; 2016.

35. Steiner R. Heilpädagogischer Kurs. 8. Aufl. GA 317. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1995.

36. 5. Mose 28,57 und 1. Samuel 25,29.

37. Steiner R. Die Erziehungsfrage als soziale Frage. Die spiri-tuellen, kulturgeschichtlichen und sozialen Hintergründe der Waldorfschul-Pädagogik. GA 296. 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1991.

38. Steiner R. Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit. GA 311. 5. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag;1989.

39. Steiner R. Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedin-gungen des Erziehens. GA 308. 5. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1986.

40. Selg P. Das Kind als Sinnes-Organ. Zum anthroposophischen Verständnis der Nachahmungsprozesse. Arlesheim: Verlag des Ita Wegman Instituts; 2015.

41. Steiner R. Mitteleuropa zwischen Ost und West. GA 174a. 2. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1982.

42. Steiner R. Die Erneuerung der pädagogisch-didaktischen Kunst durch Geisteswissenschaft. GA 301. 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1991.

43. Ogilvie H (Übersetzer). Das Neue Testament. Stuttgart: Verlag Urachhaus; 1996.

44. Maio G. Forschung mit Embryonen und Stammzellforschung. Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin. Ein Lehrbuch. Stuttgart: Schattauer Verlag; 2012.

45. Steiner R. Wahrspruchworte. GA 40. 9. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2005.