WAS IST SPIRITUALITÄT?

Schlägt man das Stichwort "Seele" im "Historischen Wörterbuch der Philosophie" von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Band 7, auf den Seiten 1 - 89 nach, so ist man überrascht, wie lebendig und umfassend dieser Begriff sowohl im hellenistischen als auch im späteren antiken Europa gewesen ist. Zum Beispiel finden wir bei Homer, der als  Schöpfer der "Ilias" und der "Odyssee"  nach heutigem Wissen der früheste Dichter Europas war, die Wörter "Seele" und "Leib" nie für den lebenden Menschen gebraucht, denn das Wort "Leib" bedeutete ihm noch "Leichnam", und von der "Seele" wusste er nur, dass sie im Tod  den Leib des Menschen verlässt, dass man sie im Kampf einsetzt und sie dort verlieren kann, zu retten versucht u.s.w., dass sie aber im Leben mit dem Leib verbunden sein musste, denn anderenfalls war man eben tot ohne die Seele. Und noch für Heraklit, ebenso auch für Aristoteles, den Schüler des Plato, war sie das "Bewegende" und "Erkennende" im Menschen, für Thales darüber hinaus ein im ganzen Kosmos anwesendes göttliches Prinzip der Bewegung.  Auch für Alkmaion war sie in ewiger Bewegung und der Bewegungsursprung des gesamten Kosmos, mithin also unsterblich.

 

Besonders ideenreich hat Platon die "Seele" besprochen: Im 1. Buch des "Staates" sieht er das Leben als das "Werk" der Seele, dessen moralische Qualität sie bestimmt. Im "Phaidon" knüpft Plato an die Anschauung Homers an, dass die Seele das "Abbild" des Verstorbenen sei. Die moralischen Einsichten des Menschen gehen für Platon aus der  Begegnung der Seele mit der transzendenten Wirklichkeit der Ideen hervor, welche schon vorgeburtlich beginnt und die Läuterung der Seele und ihre Befreiung vom Leib erfordert, die sich erst im Tod erfüllt.

 

Verschiedene Überlegungen Platos sollten die Unsterblichkeit der Seele erweisen: Die Wiedererinnerung der Seele an eine vorgeburtliche "Schau" der Ideenwelt sollte das apriorische, also das vor aller Überlegung schon vorhandene Wissen der Seele erklären und die "Einfachheit" der Seele sollte den Seelentod durch ihre Unauflöslichkeit nach der physischen Aulösung des Todes widerlegen. Und das Prinzip der Selbstbestimmung sollte die Gott-Ähnlichkeit der Seele bekräftigen.

 

Solche Impulse der antiken griechischen Spiritualität beschäftigten das europäische  Altertum und Mittelalter, wurden fortlaufend und vielfältig diskutiert, bis sich der Beginn der Neuzeit um die Wende zum 15. Jahrhundert als eine radikale Schwächung dieser Impulse bis hin zum Erlöschen der Gewissheit von der Existenz der Seele des Menschen ankündigte. Dies bürgerte sich zunächst im europäischen Geistesleben ein, wurde aber unaufhaltsam und weltweit als "wissenschaftlicher"  Materialismus zum Ideal, so dass heute das Urteil ganz und gar gewohnheitsmäßig und "seriös"  geworden ist (obwohl es ja ein Irrtum ist, dass der Mensch im Wesentlichen nur aus Materie, d.h. aus den Elementen des Festen, des Flüssigen, des Gasförmigen und des Wärmehaften besteht, wobei man heute am liebsten diesbezüglich an Elektronen, Ionen, Atome und Moleküle denkt, obwohl noch nie jemand auch nur eines dieser "Elemente" gesehen hat. Komplementär dazu ist aber jegliche Sicherheit, dass der Mensch auch eine "Seele" und ein "Ich" habe, verloren gegangen, obwohl ja  diese ebensowenig sichtbar wie Elektronen, Ionen, Atome und Moleküle sind.

 

Was ist da geschehen?

 

Schon in den Perserkriegen der Griechen, die durch den großen Dichter Homer in der Ilias verewigt wurden, die die Schlacht um Troja zum Inhalt hat, ging es vor allem darum, dass sich die Griechen aus der asiatischen Kultur emanzipieren, und die Perser andererseits gerade dieses verhindern wollten. Da die Griechen ihren Freiheitsdrang gegen den persischen Widerstand schließlich verwirklichen konnten, schlug der Verlauf der Kulturentwicklung der Menschheit einen ganz neuen Weg ein, den man in der anthroposophischen Geschichtsbetrachtung als die Entwicklung der Gemüts- oder Verstandesseele durch die 4. Postlantische Periode, das griechisch-römische Zeitalter nennt. Dieses Zeitalter folgte auf die Entwicklung der Empfindungsseele, die das untersten Glied des menschlichen Ich insofern ist, als die Seele des Menschen bis dahin noch ganz den Sinnen und Trieben hingegeben war, die ja Ihrerseits noch sehr mit der Leiblichkeit verbunden sind. Nicht etwa so, wie heute der Mensch seine Sinne und den Verstand gebraucht, sondern noch ganz elementar lernte die Menschheit bei diesem Schritt, aus dem Sinnestraum aufzuwachen, in dem sich die alten Ägypter und Hebräer noch befanden und sich genau so dumpf nur an ihre früheren Erlebnisse erinnerten, wie wir heutige uns an unsere Träume erinnern.

Nicht umsonst sind die künstlerischen, insbesondere aber auch die schriftlichen Darstellungen des Menschen von nun an den Erlebnissen der einzelnen Menschenseele gewidmet, die bis dahin nur den gruppenhaften Typus des menschlichen Seelenlebens erfassen konnten, und nicht umsonst brauchte noch der Held Theseus den Faden der Ariadne, um sich nicht im Labyrinth (der Seele) zu verlieren. Der erste Schritt zur Befreiung der Seele war eben die Entwicklung des Erinerungsvermögens, durch das jeder einzelne  auf seine individuelle Biographie bis etwa zur Mitte des 4. Lebensjahres zurückblicken kann.

 

Bald darauf begann die griechische Philosophie die höchsten Höhen der Verstandestätigkeit zu erklimmen, die bis heute unübertroffen sind. Die antike giechische Kultur war noch in der Lage, die Spiritualität des Menschen im ästhetischen Gefühl zu umgreifen, was sich in den plastischen Kunstwerken des hellenistischen Griechentums dadurch offenbarte, dass sie den Verstand noch als das Mittel zur Bewunderung der Größe und Schönheit der Natur einsetzte.

 

 

Zugleich mit dieser Erweckung des Verstandes erwachte aber auch das Interesse an der physischen Größe des Kosmos, aus dem sich letztendlich die Astronomie eines Kepler, Kopernikus und Galilei speiste.

 

Doch zugleich verlor die Menschheit  immer mehr das Interesse an der Erkenntnis der eigenen Seele, obwohl bereits das Neue Testament ja sehr deutlich enthüllte, dass Ethik nicht nur die Befolgung  von Verhaltensnormen, sondern auch die Erkenntnis der eigenen Seele und damit des eigenen Bewusstseins forderte, was ja in den spätantiken Mysterien mit dem Worte "O Mensch, erkenne dich selbst" zur moralischen Maxime wurde. 

 

Als dann die Menschheit an der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert endgültig an dem Punkt ankam, an dem die physische Forschung im heutigen Sinne geboren wurde, da war es eigentlich auch schon an der Zeit, dass die okkulte Forschung hilfreich an die Seite dieser neuzeitlichen physischen Forschung hätte treten sollen, denn es ist immer gut, wenn man auf die Forschung, die man gerade treibt, von einem höheren, in diesem Falle einem übersinnlichen Standpunkt blicken kann.

 

Schon Goethe sagte:"Was ist das schwerste von allem? -Zu sehen , was vor den Augen Dir liegt!" - Und so fällt es der physischen Forschung bis heute nicht leicht, das was sie tut, einem wissenschaftlich gediegenen Urteil zu unterziehen. 

 

So ist zum Beispiel der weltberühmte Ausspruch des Rene Descartes "Ich denke, also bin ich!" nur dann vernünftig, wenn man damit sagen will: "Nur wenn ich denke, kommt es mir so vor, als ob ich existiere!"- Denn durch bloßes Nachdenken ist ja noch kein Mensch entstanden, aber das Urteil "Ich existiere!" wird eben für den Denkenden ungleich wahrscheinlicher, sobald er sich selbst als denkendes Wesen erlebt und mitteilt, und sei dies auch nur im Willen zum Selbstbewusstsein.

 

So konnte auch Thomas Metzinger, ein heutiger Philosoph an der Universität Mainz, wenigstens für sich selbst die in der Forschung noch immer bestehende Unsicherheit bezüglich der Existenz des Bewusstseins beseitigen, indem er urteilte, dass es das wirklich gibt, was er als das "pänomenale Bewusstsein" bezeichnet: Wir Menschen haben tatsächlich die Fähigkeit, zu beurteilen, ob es das Rot einer Rose wirklich gibt. Leider können wir die Wahrnehmung dieses Rotes nicht als Wahrnehmungsinhalt mitteilen, aber wenigstens als das Urteil, dass es existiert. Damit ist auch klar, dass die Seele grösser ist als das Bewusstsein, denn wir werden plötzlich durch irgendeine Wahrnehmung an etwas erinnert, das wir längst vergessen hatten: Jetzt wissen wir aber, das wir es nicht wirklich vergessen haben, sondern es nur nicht mehr im Bewusstsein, sondern nur noch im Unter-Bewusstsein hatten. Die Seele ist also größer als das Bewusstsein.

Schon beim Beginn der Neuzeit gegen Ende des 15. Jahrhunderts schien das Interesse der Menschheit zur Selbsterkenntnis auf den Nullpunkt gesunken, so dass das Gleichgewicht zwischen der Erkenntnis der eigenen Seele und der äußeren Natur in drastischer Weise bedroht war . So drastisch war der Verlust an Selbsterkenntnis, dass zum Beispiel einer der damals führenden Philosophen, der Franzose Renee´Descartes beim Vergleich des Leibes und der Seele des Menschen nicht anders konnte, als der Seele nur negative Attribute  beizumessen, indem er ihren Unterschied zum Leib nur darauf zuspitzte, dass der Leib als "res extensa" doch immerhin noch räumliche Eigenschaften habe, die Seele aber nicht, sondern nur ein "unräumliches" Wesen, eine "res non-extensa" sein könne. Diese Negativität und Resignation des menschlichen Urteilsvermögens gegenüber allem Geistig-Seelischen und Spirituellen, die Descartes auf diese Weise nicht nur zur Grundlage seiner von ihm so benannten "Meditationen", sondern zur Grundlage des "Rationalismus" und damit zur Rechtfertigung der Ansicht machte, das Seelisch-Geistige des Menschen sei möglicherweise gar nicht vorhanden, außer im Skeptzismus, also im Zweifel. Diese Negativität gegenüber allem Spirituellen, und nicht etwa die angebliche "Kränkung" des Spiritualismus durch die grandiosen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, dass die Erde und das Sonnensystem nur ein winziger Ausschnitt des unendlichen Kosmos sei, führte unweigerlich zum völligen Niedergang aller Psychologie und damit zur völligen Inhaltslosigkeit aller Spiritualität.

 

 

Nicht als Erklärung, sondern als anschauliches Beispiel dafür, wie geistige Strömungen verlaufen, sich voll entfalten oder in eine Sackgasse geraten können, sei auf die weitere Entwicklung der Selbsterkenntnis des Menschen nach Descartes geblickt: Zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurde ja sogar die naturwissenschaftlich-rationalistische Betrachtungsweise des Menschenwesens zum Ideal der Pädagogik erhoben, so dass bis heute der Unterricht schon für die Kinder und Jugendlichen damit beginnt, dass z.B. das so genannte "Gesetz von der spezifischen Sinnesenergie", das sich angeblich nach der Ansicht des damals führenden Physiologen Johannes Müller darin zeigt, dass wir "Lichtblitze" vernehmen, wenn wir uns auf die Augäpfel schlagen oder drücken. Dieses so genannte "Gesetz" wurde aber schon damals keineswegs an weiteren Sinnesorganen des Menschen überprüft, obwohl sich mit Leichtigkeit hätte zeigen lassen, dass wir keineswegs durch Verprügeln der Nase zu neuen Geruchserlebnissen gelangen. Jeder Sinn führt aber tatsächlich zu einem absolut genuinen Welterlebnis, so dass jedes besondere Sinneserlebnis des Menschen  durch sein Ich in ein Weltverständnis zu integrieren ist. 

 

 

Nicht umsonst begann also Rudolf Steiner seine wissenschaftliche Laufbahn damit, dass er im Rahmen einer philosophischen Dissertation die Tatsache offenbar machte, dass die Philosophen des so genannten Deutschen Idealismus, zu dem ja auch Kant und Hegel gehören, ganz ohne eine solide Sinneslehre und damit ohne eine wirklichkeitsgemäße Erkenntnistheorie existierten. 

 

 

Wer nun aber vor der Frage steht, ob er sich ernsthaft und gründlich mit der Anthroposophie Rudolf Steiners beschäftigen solle oder lieber nicht, da dieselbe so unglaublich umfangreich ist, der möge bedenken, dass es in der Tat kein einziges weiteres Geistesgebiet gibt, das so gründlich das Gleichgewicht zwischen Selbst- und Welterkenntnis einzuhalten sucht und damit die Einseitigkeit und Naivität der geistigen Entwicklung der Menschheit zu überwinden versucht. Für mich war überhaupt nur darin der Grund für eine Beschäftigung mit der Anthroposophie gegeben, da ich eigentlich schon als ganz kleiner Bub "Naturforscher" werden wollte.

  

Insbesondere ich selbst, aber leider auch meine Erzieher, hatten völlig übersehen, was Rudolf Steiner unermüdlich dargestellt hat, dass in weltweitem Ausmaß  eine gewohnheitsmäßige Abwendung der menschlichen Aufmerksamkeit von der Geisteswelt eingetreten ist, die einerseits ja entwicklungsnotwendig, also unvermeidlich war, da nur so der Mensch sich zum freien, moralisch selbstverantwortlichen Wesen wandeln konnte. (Selbst das hatten wir alle in meiner Kindheit und Jugend nicht bedacht). Aber andererseits hat diese Abwendung vom Geistigen zum Absturz der gesamten Menschheitskultur in den Krieg eines jeden gegen jeden  geführt, der die Freiheit eines jeden Einzelnen bedroht, wenn nicht in naher Zukunft eine Verwandlung der menschlichen Egoität in die Selbstlosigkeit eines  selbstgewollten Humanismus gelingt .

 

Aber die Ächtung der Spiritualität durch den Vormundschafts-Anspruch der Kirchen und eine ebenso einseitige Geistfeindlichkeit der Wissenschaften sind gemeinsam zum mächtigsten Hemmschuh der Entwicklung eines individuell zu erringenden, aber zugleich auch brüderlich gelebten Humanismus geworden.

 

 

Indem Rudolf Steiner die "Anthroposophie", die "Weisheit vom Menschen" mit der naturwissenschaftlichen Blickweise des Darwinismus verband, machte er jedem Menschen zugänglich, dass die Synthese von Natur- und Geisteswissenschaft keine bloße "Theorie", sondern ein Kulturimpuls ist, der die Weiten der Naturerkenntnis mit den Tiefen der menschlichen Seele verbindet.

 

Allerdings: Nur durch Vorurteilslosigkeit können wir uns mit dem ungeahnten Seelenreichtum, dem Natur- und Menschenverständnis und dem sozialen Weitblick der Anthroposophie verbinden. So kann der moderne Mensch mit Hilfe der Anthroposophie seine Spiritualität neu beleben, die eigentlich in jeder Seele als Zukunftshoffnung schlummert. 

 

Der erste Schritt dieses Weges in die Zukunft besteht darin, dass man die Welt der Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Emotionen, Vorsätze und Entschlüsse, die man als Mensch nun einmal in sich trägt, in ihrer Eigenheit so akzeptiert, wie sie nun eben für den Menschen vorhanden ist: Als eine Welt ganz eigener Art, die man nur kennen lernen kann, wenn man sie wenigstens zur Kenntnis nimmt.

 

Da gilt es zunächst anzuerkennen, was schon im Verlauf des achtzehnten Jahrhunderts als die so genannte Dreigliederung des Seelenlebens in das Vorstellen, Fühlen und Wollen durch den dänischen Philosophen Johann Nikolaus Tetens und durch deren Anerkennung durch Immanuel Kant eigentlich zum wissenschaftlichen Standard europäischen Denkens erhoben wurde.

 

Besonders die Anerkennung der Tatsache, dass diese drei grundlegenden seelischen Tätigkeiten des Vorstellens, Fühlens und Wollens nicht jeweils auseinander ableitbar, sondern drei eigenständige, gleichberechtigte Urphänomene des menschlichen Seelenlebens sind, ist durch den Philosophen Immanuel Kant erfolgt und gebührend zu bewundern, zumal ja Kant leider wie alle Vertreter des deutschen Idealismus nur eine völlig unzureichende Sinneslehre und infolgedessen auch nur eine völlig unzureichende Erkenntnistheorie entwickeln konnte. 

 

(Siehe hierzu auch das Buch Rudolf Steiners: "Grundlinien einer Erkenntnistheorie der goetheschen Weltanschauung", (GA 2), das ganz neue Maßstäbe für einen Realismus setzte, der sich aus dem Materialismus der Naturwissenschaften, ja, aller Wissenschaften, also auch der Geisteswissenschaften wie Philosophie, Psychologie und Philologie emanzipiert.

 

Aufgrund des Mangels an Sinnes- und Lebensnähe in den Wissenschaften ging dann leider im 19. Jahrhundert auch die bereits erarbeitete Dreigliederung des Seelenlebens wieder verloren, weil sich in den Neurowissenschaften mehr und mehr der Zerebrozentrismus  durchsetzte, d.h. das Dogma, dass das Gehirn (lat. Zerebrum) das einzige Organ der Seele sei. Dies führte zu der Auffassung, dass überhaupt nur einer der drei Urprozesse des Seelenlebens, nämlich nur das Vorstellen, ein Seelenprozess sei, weil nur er sich aus den Vorgängen des Gehirnes ableiten läßt. Das Fühlen wurde hingegen nur noch als besondere "Färbung" des Vorstellens beurteilt und das Wollen wurde überhaupt nicht mehr als eine Seelentätigkeit  anerkannt. Es hatte sich nämlich, und dies bis heute, das Dogma eingebürgert, dass nur die Prozesse dem Seelenleben zugeordnet werden dürfen, die auf den Funktionen des Zentralnervensystem beruhen. Das Bewegen der Hände und Füße, oder auch des ganzen Organismus hingegen wurde nur noch als "körperliche" Tätigkeit aufgefasst, da es ja die chemischen Prozesse innerhalb der Muskulatur mit einschließt. Das ganze Spektrum der Einsichten, das gerade erst im 18. Jahrhundert aufgrund der Dreigliederung des Seelenlebens ermöglichte, auch solche Prozesse als seelisch zu begreifen, denen der ganze Organismus einschließlich des Stoffwechsels zugrundeliegt, war also wieder in den alten Leib-Seele-Dualismus der christlichen Kirchenväter zurückgefallen, der ja damit begann, dass man die Anerkennung des Geistigen im Menschen einfach verbot.  Insbesondere war es dadurch unmöglich, die so genannten psychosomatischen Krankheiten und die psychischen Verhaltensstörungen zu verstehen und angemessen zu behandeln.

 

Daran konnte auch die Entdeckung des "Unbewussten" durch die  Psychoanalyse Sigmund Freuds wenig ändern, so notwendig diese ja andererseits war, weil sie forderte, dass auch nicht-bewusste Prozesse als seelisch verursacht gesehen werden. Aber wie schon Descartes legte Freud seiner ganzen Arbeit einen Negativbegriff zugrunde, indem er immer vom Un-Bewussten, statt dass er vom (noch) Unter-Bewussten der Menschheit sprach, das es gilt, hineinzubekommen in die Aufmerksamkeit, anstatt es zu unterdrücken, wie dies insbesondere die "feineren" Kreise der Gesellschaft zu tun pflegten. 

 

Auch hatte er gar keinen Begriff des Ich des Menschen als einer selbständigen, souveränen geistigen Wesenheit, sondern sprach allenfalls vom "Über-Ich" des Menschen, worunter er aber nur die kollektive gesellschaftliche Norm, also nur die restriktiv-autoritäre Macht der Konventionen verstand.

 

Auf dem Boden dieses profanen Moralverständnisses drängte Freud im Eigeninteresse auf eine möglichst rasche Verbreitung des Freudianismus. Durch den Widerstand der bürgerlichen Gesellschaft gegen seine ursprüngliche Verführungstheorie entmutigt, rettete er die eigene Karriere kaltblütig und opportunistisch durch eine Lüge, dass der durch ihn aufgedeckte massenhafte sexuelle Missbrauch von Kindern in den sich als wohlanständig darstellenden bürgerlichen Familien mittels einer eigens für diesen Zweck von ihm konstruierten "Verdrängungstheorie" den missbrauchten Kindern selber anzulasten sei: Weil die Kinder Ihre Gelüste nach ihren Eltern aus dem Bewusstsein verdrängen, werden sie nach dieser opportunistischen Theorie des Freudianismus krank!

 

Auch der mit Freud konkurrierende C.G. Jung brachte es nur bis zu einem Verständnis des "Ich" des Menschen als einer Äußerung des "Kollektiven Bewusstseins", nicht aber als eines Wesensgliedes, dem Zentrum der Seele des Einzelnen.

 

Nach jahrzehntelanger Zurückhaltung veröffentlichte Rudolf Steiner dann endlich im Jahre 1917 als Anhang zum Nachruf auf den Psychologen Franz Brentano in dem Buch "Von Seelenrätseln" eine  auf nur 12 Seiten skizzenhaft komprimierte Schrift, die den vielsagenden Titel trug: "Die physischen und geistigen Abhängigkeiten der Menschen-Wesenheit."

 

Was aber ist mit der "Menschen-Wesenheit" gemeint? - Eigentlich nur das, was den Menschen als Seelenwesenheit kennzeichnet. Wir müssen also, wollen wir die "Menschen-Wesenheit" verstehen, erkennen, wie diese Wesenheit einerseits durch ihre Wechselwirkungen mit physischen Prozessen und Eigenschaften des Organismus, andererseits aber auch durch geistige vorgeburtliche Entwicklungsprozesse bestimmt wird, und wie sich dadurch ein leiblicher, seelischer und geistiger Dreiklang auf dreifach zu unterscheidende Weise im ganzen Menschen offenbart.

 

In einem ersten Schritt ist also die Notwendigkeit unvermeidlich, die ganze seelische und geistige Welt, die der Mensch in seinem Inneren erlebt, kennen zu lernen, das heißt, auch auf die Bereiche des Seelenlebens aufmerksam zu weden, die nur scheinbar von niederer Natur sind und total unterbewusst verlaufen, die dadurch aber umso mächtiger wirken, z.B. als Herrschaft über die chemischen Prozesse des Organismus, als Wachstum, Verdauung, Blutzirkulation, Immunität,  Willkürbewegung, Gesundheit und letztlich auch über die Lebensdauer.

 

An dieser Stelle tut es gut, sich klar zu machen, dass in der menschlichen Seele zwar "seelische Landschaften" vorhanden sind, die ähnlich wie Berge, Täler, Wolken und Gewässer qualitative Unterschiede aufweisen, sich aber nicht wie die Elemente der physisch-sinnlichen Welt klar und hart konturiert voneinander absondern, sondern vielfach ineinander übergehen und ineinander wirken, so dass es dem Therapeuten keineswegs leicht fällt, zu sagen, was eine Sinneswahrnehmung, was eine Empfindung, was ein Urteil, ein Gefühl, eine Emotion, eine Begehrung ist, was Entschlüsse sind, und was letztlich der Begriff des menschlichen Willens ist .

 

Gerne wird nämlich von den modernen Therapeuten den Patienten abgefordert, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen "bewusst" zu gestalten, dies aber, ohne dass den Therapeuten selbst wirklich klar ist, wo dies rasch gelingen kann, und wo dies im Unterschied dazu einen mehr oder weniger langen Lernprozess erfordert, weil es sich um Willensprozesse handelt.

 

Die "Materialien" und "Gegenstände" der inneren Seelenlandschaften des Menschen muss man dazu sehr genau bezüglich ihrer Eigenschaften kennenlernen: So haben zum Beispiel unsere Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen, die wir an diese Anknüpfen, zumeist noch sehr viel mit der physischen Welt gemein, da sie auf der Tätigkeit des Nerven-Sinnes-Systems aufgebaut sind, dessen Aufgabe es ja gerade ist, die Dinge und Eigenschaften der Außenwelt objektiv, das heisst hart konturiert, deutlich unterscheidbar und möglichst ungerührt darzustellen. Dem entspricht, dass in allen Bereichen des Seelenlebens, die den Sinneswahrnehmungen zugewendet sind, die Gefühle der Antipathie dominieren. Hingegen werden die Tätigkeiten, die dem Instinkt- und Triebleben zugeordnet sind, vor allem durch Sympathiegefühle begleitet, ja, sind sogar stark von diesen Sympathiegefühlen abhängig, die man auch als "Liebe zur Tat" bezeichnen kann.

 

Menschen, die sich ausschließlich nach ihren Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffen verhalten, empfinden wir dementsprechend als kühl, unpersönlich oder oberflächlich. Haben wir aber ein Recht dazu? Es fehlt uns das Gefühl, und noch mehr das Verständnis, um das fremde Wollen wertschätzen zu können. Urteile jeglicher Art können leicht verletzend wirken, oder die  Natürlichkeit des Umganges zerstören.

 

Was überhaupt sind Gefühle? Sie entstehen nicht wie unsere Sinneswahrnehmungen aufgrund von Nervenprozessen, sondern werden uns erst über das Nervensystem bewusst. Ihr eigentlicher Ursprung  wird uns deshalb nur traumhaft bewusst, weil er nicht im Nervensystem, sondern in der Mitte des Organismus, in den Rhythmen unseres Blutkreislaufes und der Atmung liegt, die das Vorstellungsleben mit dem Willensleben verbinden.  Unterbewusst, durch traumhafte Imitation, übernehmen wir sie auch bei der Begegnung mit anderen Menschen. Selbst die Gefühle, deren Einfluss auf das Nervensystem durch das sogenannte EEG graphisch dargestellt wird, beziehen ihre Eigenschaften aus den elektrischen Rhythmen des Nervensystems, indem Angst und Erregung von schnellen, hingegen Liebe und Vertrauen von langsamen EEG-Rhythmen abstammen.

 

Es ist also vielfach nur ein Wortgeklingel, wenn in der Psychotherapie von der Herstellung "bewusster" Beziehungen zwischen den Menschen die Rede ist, da eben noch viel mehr in der Seele vorhanden ist, als bloß Vorstellungen und Gefühle. So sind zum Beispiel Gewohnheiten, also Seelenprozesse, die sich über längere Zeiträume hinweg in der Seele ausbreiten, von noch ganz anderen Qualitäten geprägt, die wir in diesem Zusammenhang dem Willensleben, also den tiefschlafend unterbewussten Prozessen des Stoffwechselsystems des  Menschen zuordnen müssen. In diese mischen sich zumeist zahlreiche Elemente der embryonalen oder frühkindlichen Vorgeschichte, des Trieblebens und der inneren Suche nach Gleichgewicht im Sinne der Selbstheilung, so dass es von Seiten des Therapeuten ein hohes Maß an Einfühlung und vom Patienten letztlich ein hohes Maß an Verständnis und  Vergebung bei Lebenskonflikten erfordert.

 

Allen diesen Vorgängen, die sich im Rahmen der Psychotherapie abspielen, liegt als ultimative Gesetzmäßigkeit die Dreigliederung des menschlichen  Seelenlebens zugrunde, deren Notwendigkeit wir deswegen als "unterbewusst" bezeichnen, weil nichts davon je verloren geht, sondern ein Bewusstwerdungsprozess der Menschheitsentwicklung ist.

 

Hier tut man ebenfalls gut daran, wenn man dem Begriff des "Karma" seine moralinsaure Einseitigkeit nimmt, indem man sich klar macht, dass Krankheiten im Verlauf des Karma nicht immer nur der "Buße", sondern vor allem dem Wachstum zukünftoger Willenskräfte gewidmet sind.

 

Das Seelenleben des Menschen enthält als drittes Element auch die geistigen Abhängigkeiten der Menschenwesenheit, wie dies Rudolf Steiner in der Kurzform seiner Veröffentlichung aus dem Jahre 1917 bezeichnet: Ähnlich wie schon das Seelenleben sich insgesamt als dreigliedrig darstellt, ist wiederum auch der geistige Teil, das "Ich" des Menschen, ein dreigliedriges Wesen:

 

Noch relativ naturhaft entwickelt sich im Menschen die "Empfindungsseele", die wir im obigen Text schon genannt haben. Von Rudolf Steiner wird sie so bezeichnet , weil sie die Herrschaft des "Ich" über den Zeitstrom seines Lebens im biographischen Gedächtnis hervorbringt, und die Seele dazu befähigt, jeden Sinneseindruck, insofern er zu einer bewussten Empfindung geführt hat, in der Erinnerung unabhängig von dem ursprünglichen physischen Eindruck zu reproduzieren (nachzulesen in dem Werk: "Theosophie. Einführung in die übersinnliche Welterfahrung und Menschenbestimmung" 1910. 

 

Schon in der "Metaphsik" des Aristoteles beschrieben, findet man ein zweites Seelenglied im Menschen, das von Rudolf Steiner als die "Verstandesseele" bezeichnet wurde, weil es den Menschen dazu befähigt, seine Sinnesempfindungen begrifflich so zusammenzufassen, dass er daraus die kausalen Beziehungen der Weltgegenstände zu erkennen vermag. Dieses mittlere Seelenglied des menschlichen Geistes wird durch eine Umarbeitung des Physischen Leibes des Menschen  durch das Ich gekrönt, die Rudolf Steiner als "Bewusstseinsseele" bezeichnet, weil sie den Menschen dazu befähigt, alle Eigenschaften seines physischen Leibes, insofern diese den Instinkten zugrunde liegen, in selbstgewollte und selbstbewusste Handlungen umzusetzen (Theosophie 1910).

 

Wir können anhand dieser systematischen Darstellung des menschlichen Seelenlebens ziemlich genau unterscheiden, was "Gefühle", und was 

"Emotionen" sind: In den "Gefühlen" spricht sich die menschliche Seele als solche aus, in den "Emotionen" ist hingegen das gegeben, was den Instinkten seelisch zugrunde liegt als willenshafte Bindung an den phyischen Leib. So können wir Tongebilde musikalisch fühlen, wohingegen Angst, Wut und Schrecken als Wirkungen des Instinktlebens nur zu den Emotionen gerechnet werden können.

 

Die menschliche Seele kann also die Welt des Geistes des Menschen mit seinem physischen Leib verbinden, wenn sie das höchste Glied des "Ich", die "Bewussteinsseele", ganz von den physischen Eigenheiten der Instinkte befreit hat und damit zum vollen Selbtbewusstsein läutert. 

 

Als Erläuterung hierzu sei ein Vortrag Rudolf Steiners herausgegriffen, den er am 18. Juni 1907  in Kassel hielt, und der mit den folgenden Worten beginnt:

 

"Ein Allerheiligstes im Menschen ist dasjenige, was mit seinem Selbstbewusstsein bezeichnet wird. Wer sich das in der richtigen Weise klarmacht, der sieht ohne weiteres ein, dass mit diesem Worte «Selbstbewusstsein» eigentlich der Sinn des menschlichen Daseins ausgedrückt wird."(Rudolf Steiner Gesamtausgabe 100, 3. Vortrag). 

 

Der ganze Sinn und die ganze Göttlichkeit des menschlichen Daseins im Kosmos wird also in spiritueller Hinsicht in der Fähigkeit des Menschen offenbar, sich als ein Ich zu wissen, denn aus dieser selbstreflektiven Willenstätigkeit folgen alle Unterschiede des Menschen zum Tier, was dann in dem oben zitierten Vortrag Rudolf Steiners konkret und an Phänomenen, die jeder nachvollziehen kann, erläutert wird:

Das "ICH" des Menschen ist im Verlauf der Menschheitsgeschichte weit mehr als das, was  heute allgemein in der Philosophie und Psychologie als das "Märchen vom Ich", also als eine bloße Vorstellung gesehen wird. Vielmehr ist das "ICH" des Menschen ein reales Willenswesen, das nicht nur der Erzieher der eigenen Seele, zum Beispiel in der Eroberung der aufrechten Körperhaltung und der Entstehung des biographischen Gedächtnisses, sondern auch der Träger der menschlichen Autonomie gegenüber der Natur ist. Die Beweise dafür liefern schon die paläoanthropologischen Funde, welche zeigen, dass mit den Schritten der Aufrichtung der Gestalt zum aufrechten Gang, der Befreiung der Arme von der bloßen Fortbewegung (im krassen Unterschied zu den Affen!) und als Konsequenz daraus auch die Sprachevolution und die Werkzeugentwicklung als Emanzipation des Wollens, Fühlens und Vorstellens von den ursprünglichen Bindungen des Seelenlebens an die Wahrnehmungen, Instinkte, Triebe und Begierden des Leibes einleitete.

 

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass die Begierden, Triebe und Instinkte im Menschen nicht vorhanden seien. Aber durch das Ich des Menschen werden sie zu Motiven, die den Inhalt der individuellen Seele und ihres Lebenslaufes bilden. Beim Tier finden wir hingegen keine individuelle Seele, sondern nur ein gruppenhaftes, leibgebundenes "Seelisches", das beim Menschen so durch das "Ich" verwandelt wird, dass es in einem ersten Schritt der Befreiung das biographische Gedächtnis gebiert, das in der Anthroposophie als "Empfindungssseele" bezeichnet wird und zum untersten Glied des "Ich" wird.

 

Die Menschheit hat sich zwar in der "Empfindungsseele" das biographische Gedächtnis und im "Gemüt" die "Verstandesseele" erobert. Das "Ich" des Menschen ist aber als Zentrum der Seele immer noch nicht so autonom, dass es die volle "Selbstlosigkeit" entwickeln kann, die das individuelle Ich zum "Geistselbst" läutert. Paradoxer Weise ist es aber das Selbstbewusstsein, das einerseits den Geist zum Egoismus verführt und andererseits durch dessen Überwindung aus seiner Leibgebundenheit erst vollends befreit. Diese noch bestehende Dialektik des Menschen im Hinblick auf seine Egoität kulminiert in der jetzigen Phase der Evolution der Menschheit, die deshalb in der Anthroposophie als das "Bewusstseinsseelenzeitalter" bezeichnet wird.

 

Die Befreiung des Seelenlebens des Menschen aus den gruppenhaften, instinktiven Bindungen an die naturgesetzliche Egoität ist die Grundlage aller Moralität des Menschen und führt aus dem "blinden" oder auch "dunklen" Schicksal heraus in das Licht des gewollten "Karma", das Christus meint, wenn er sagt: "Eure Sünden sollen Euch vergeben werden".

 

Nicht ohne Grund lautete daher schon im alten Ägypten der Name Gottes, wenn man ihn übersetzt, der "Ich-Bin". Der Name Gottes war also schon immer der Name einer Wesenheit, die sich ihres eigenen Daseins bewusst ist! Diese Wesenheit kann nur zu sich selber "Ich" sagen, wie dies im Kleinen auch jeder einzelne Mensch nur zu sich selber sagen kann!

 

Wäre das "ICH" nicht selbstbewusst, könnte es weder Verbrechen, noch Moral, noch "Sinn" im menschlichen Leben geben, denn wo bliebe die Moral und wo der Sinn des Ganzen, wenn alle Handlungen des Menschen nur auf blinde, unbewusste, gruppenhafte Instinkte, Antriebe und Leidenschaften zurückgeführt werden könnten? Im Mittelalter des christlichen Abendlandes war es noch durchaus üblich, Gerichtsprozesse gegen Tiere, z.B. gegen Schweine und Hunde, zu veranstalten, wenn sich diese gegen die Regeln des menschlichen Zusammenlebens  "versündigt" hatten, weil man noch nicht den Mut zum eigenen Ich hatte und deshalb auch nicht den Christus und dessen Hinweis auf den Zusammenhang des Ich mit dem Karma verstand. Aber heute erscheint uns ein solches gerichtliches Vorgehen deshalb als absurd, weil wir bei rechter Selbstbesinnung nur dem die volle Schuld zusprechen können, der sich seines Handelns bewusst ist und insofern der Herrscher über die eigene Seele ist. (Diese Herrschaft ist etwas ganz besonderes dadurch, dass wir ja ständig im Bewusstsein des Todes und des Schmerzes handeln).

 

Typisch für diese Zeit des Überganges von der Antike zur "Moderne" ist allerdings, dass sich die materialistische Philosophie noch immer keinen Begriff vom menschlichen Willen gemacht hat. Ihre Zweifel sind daher für die Anthroposophie kein wirklicher Einwand gegen die Freiheit des Willens, weil die Unterschiede der in der Philosophie so genannten "Wahlfreiheit" (= ich darf wahlweise handeln, wie es mir gefällt) gegenüber der echten "Willensfreiheit" (ich kann wollen, was mir gefällt) nicht genügend bekannt zu sein scheinen: Deshalb ist das in der Diskussion der "Willensfreiheit" immer wieder zitierte wissenschaftliche Paradigma der so genannten Libet-Versuche von 1973 als Beweismittel für die Vorherbestimmung des menschlichen Willens wertlos.

 

Wer diese Experimente nicht kennt, dem sei gesagt: Die Untersuchungen des Neurobiologen Benjamin Libet (1973) hatten zwar ergeben, dass im Gehirn des Menschen so genannte elektrische "Bereitschaftspotentiale" schon einige Dutzend Millisekunden messbar sind, bevor im subjektiven Bewusstsein die Entscheidung als Tatsache bewusst wird, jetzt z.B. den Knopf einer Maschine zu drücken. Dieser Zeitunterschied zwischen EEG und Bewusstsein wird in der Neurobiologie noch immer als Beweis dafür gedeutet, dass  die elektrischen Phänomene im Gehirn die Ursache der menschlichen Willensentscheidungen seien, weil das Kausalprinzip der Physik besagt, dass eine Ursache niemals zeitlich nach, sondern zeitlich immer nur vor seiner Wirkung liegen kann. Aber was der Mensch mit seinen Willensimpulsen tatsächlich vollbringt, und wie er damit den vermeintlichen physiologischen Determinismus seiner Entscheidungen durchbricht, darauf sollten die o.g. Beispiele menschlicher Genialität hinweisen.

 

Die Interpretation Libets und der übrigen Neurobiologen wäre nur richtig, wenn der Mensch kein Genie, sondern eine Maschine wäre. Es geht aber an dieser Stelle um die Existenz der Willensfreiheit, das heißt darum, ob der Mensch frei wollen könne, was er will. Eine Diskussion darüber kann aber nur geführt werden, wenn Klarheit über die Natur des Willens des Menschen besteht!

 

Gegenüber Diskussionspartnern, die keine klare Vorstellung vom Willen des Menschen haben, ist es manchmal zielführend, wenn man die richtigen Beispiel zur Erläuterung des Willens des Menschen wählt. Das Beispiel, das ich wähle, ist ein historisches: Die Erfindung des Wohltemperierten Klaviers durch J.S. Bach. Es ist zwar nicht einfach, diese Erfindung einem der Musik Unkundigen zu erklären. In diesem Fall genügt aber der Hinweis, dass das wohntemperierte Klavier eine Zeitenwende im Musikleben der Welt bedeutete, weil man nun völlig anders komponieren und musizieren konnte. Ein anderes passendes Beispiel wäre die Schaffung des kopernikanischen Weltbildes, das das menschliche Bewusstsein von der Zentrierung auf die Erde hinweg und dem Kosmos zugeführt hat, ein drittes die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, der ganz bewusst nach Westen fuhr, obwohl er nach Osten, nach Indien wollte, weil er den Mut hatte, sich die Erde als eine Kugel vorzustellen.

 

Dass es Rudolf Steiner in seinem frühen Werk, der "Philosophie der Freiheit", die 1894 als Gesamtausgabe-Nr 4 erschien, nicht um die Wahlfreiheit, sondern um die Willensfreiheit ging, ist aus folgender Passage dieses Buches ersichtlich:

"Dass die Freiheit nicht darin bestehen könne, von zwei möglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die andere zu wählen, scheint jeder zu wissen, der darauf Anspruch macht, den wissenschaftlichen Kinderschuhen entwachsen zu sein." . . . "Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage die Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit. Sagt doch Herbert Spencer, . . . "Dass aber jedermann auch nach Belieben begehren oder oder nicht begehren könne, was der eigentliche im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das wird freilich ebenso durch die Analyse des Bewusstseins ... verneint."(Die Prinzipien der Psychologie, 1882).

 

Was aber ergibt die Analyse des Bewusstseins, wenn auf solche Genies wie J.S. Bach, N. Kopernikus oder C. Columbus geblickt wird?

 

Nur philosophischer Dilettantantismus oder kollektive Trotz-Haltung  kann derartig unspezifische Experimente als Argumente gegen den freien Willen des Menschen sehen, da solche ja nur beschreiben, wie Willensentscheidungen physisch manifest werden, nicht aber  ermessen können, welches  Handlungsspektrum ein genialer Mensch hat.  

 

Das Selbstbewusstsein als Alleinstellungs-Merkmal des Menschen gegenüber den Tieren ist schon lange vor dem Beginn der griechischen Antike bemerkbar, als es noch in die Widersprüche der Egoität verstrickt ist. Erst durch das Mysterium der Überwindung des Todes durch die Auferstehung in Golgatha ist der Christus-Impuls so stark geworden, dass man die Neuzeit aus anthroposophischer Sicht als das "Bewusstseinsseelen-Zeitalter" im engeren Sinne bezeichnen kann.

 

Der letztere, von Rudolf Steiner in die spirituelle Psychologie neu eingeführte Terminus "Bewusstseinsseele" bezieht sich auf das dritte und damit höchste Glied des menschlichen Ich. Es kann erst durch die Verwandlung des physischen Leibes, das heißt, durch die Überwindung der niedrigsten und zugleich gruppenhaft machtvollsten, der instinktiven Handlungsantriebe des Menschen in einer noch fernen Zukunft durch ihn selbst erreicht werden.

 

Dieser zuletzt genannte Zusammenhang mit den Instinkten ist in dem  nur scheinbar absurden Ausspruch des Neuen Testamentes gemeint: "Wenn dir jemand auf die linke Wange schlägt, so halte ihm noch die rechte Wange hin". Dieser Ausspruch ist nur deswegen nicht absurd, weil er den Menschen dazu auffordert, seine instinktiven Reaktionen sich nicht fortzusetzen zu lassen, sondern in den Griff zu bekommen (Näheres zur Bewusstseinsseele siehe die hoch spirituelle Monografie von Jörg Ewertowski: Die Entdeckung der Bewusstseinsseele. Stuttgart 2007).